22.10.2021

EFIB: Diese Lösungen präsentierten heimische Startups auf Europas führendem Kongress für BioTech

Das "European Forum for Industrial Biotechnologie & the Bioeconomy" (EFIB) ist Europas führender Kongress für industrielle Biotechnologie und Bioökonomie. Im Rahmen des EFIB Anfang Oktober nutzten heimische Startups das Forum, um mit Verteter:innen der Industrie und Investor:innen in Kontakt zu treten. Der Brutkasten war vor Ort und hat sich die innovativen Lösungen der Startups angesehen.
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EFIB
(c) Martin Pacher / der brutkasten
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Wie können neue Methoden der industriellen Biotechnologie und Formen der Bioökonomie zur Rettung des Klimas beitragen? Diese Frage stand im Zentrum des diesjährigen European Forum for Industrial Biotechnologie & the Bioeconomy (EFIB), das am 6. und 7. Oktober erstmalig in Wien Station gemacht hat.

Der Kongress bot nationalen und internationalen Playern eine Bühne, um sich auszutauschen und zu vernetzen. In einem eigenen Startup-Village präsentierten österreichische Startups ihre innovativen Lösungen – angefangen von neuen Methoden zur Herstellung von Lebensmitteln bis hin zur Kreislaufwirtschaft.

Die Veranstaltung wurde vom aws Programm LISA-Life Science Austria und dem Wiener Life Science Cluster LISAvienna mitorganisiert und kofinanziert. “Die industrielle Biotechnologie wird immer mehr zum Lösungslieferant für die Klimakrise und hat Potential die industrielle Produktion zu revolutionieren”, meint Johannes Sarx, Abteilungsleiter des aws und Co-Geschäftsführer von LISA Vienna. “Die industrielle Biotechnologie hat sich in den letzten Jahren in Österreich sehr positiv entwickelt und die aws begleitet diese spannenden Startups mit ihren Förderungen und Beratungsleistungen ein Stück auf ihrem Weg zum Erfolg”. 

Die Life Science Branche in Österreich

Generell hat sich die österreichische Life Science Branche trotz der Corona Pandemie in den letzten Jahren prächtig entwickelt, wie der diese Woche von Bundesministerin Schramböck präsentierte Austrian Life Science Report 2021 demonstriert. Mehr als 60.440 Personen – ein Plus von rund neun Prozent – sind aktuell in 982 Unternehmen beschäftigt. Damit wurden erneut Rekordwerte erzielt. Der Umsatz ist ebenfalls um rund zwölf Prozent auf 25,1 Milliarden Euro innerhalb der vergangenen drei Jahre gewachsen. 

In Österreich tut sich im Segment der industriellen Biotechnologie sehr viel, wie zahlreiche Startups und Unternehmen im Rahmen des EFIB in Wien gezeigt haben. Unter dem Motto „Delivering the EU Green Deal“ haben sich heimische Biotech-Startups mit der Industrie vernetzt und ihre Innovationen vorgestellt. Der Brutkasten hat das EFIB zum Anlass genommen und sich im Austria Center unter den Startups umgehört, welche Lösungen sie auf den Markt gebracht haben und wie sie das EFIB dazu nutzten, um sich mit Vertreter:innen der Industrie und Investor:innen zu vernetzen.

usePAT

Am EFIB vertreten war dieses Jahr unter anderem das Wiener Startup usePAT, das ein Spin-off der TU Wien ist. Mit sogenannten soniccatch-Verfahren ermöglicht usePAT die Echtzeit-Analyse industrieller Flüssigkeiten. Dazu hat das Unternehmen eine Ultraschalltechnologie entwickelt und patentiert, die beispielsweise eine Detektion und Analyse kleinster Mikro-Plastikteilchen ermöglicht. Mit Hilfe der Technologie können sich zudem Industriepartner aufwendige Probeentnahmen ersparen. Erst im November 2020 konnte sich usePAT für das weitere Wachstum ein Investment im hohen sechsstelligen Bereich sichern.

Das zweite neu entwickelte Add-on von usePAT heißt sonicwipe: Das Verfahren sorgt ebenfalls auf Grundlage von Ultraschalltechnologie dafür, dass die Messsonden gereinigt werden und genaue Messergebnisse liefern. „Die EFIB bietet uns eine optimale Plattform, um potentiellen Partnern im BioTech- und Pharma-Bereich die Vorzüge unsere Technologie zu präsentieren“, so usePAT Co-Founder Christoph Gasser.

(c) Martin Pacher / der brutkasten

Agrobiogel 

Zudem wurden am EFIB auch Lösungen präsentiert, um die negativen Folgen der Klimakrise in den Griff zu bekommen. Unter ihnen war die Agrobiogel GmbH, ein Spin-Off der Boku Wien. Das Startup entwickelte ein Biohydrogel, das Pflanzen vor Trockenheit schützt und 40 Prozent des Bewässerungswassers einspart. Das Gel vermag dürre Böden fruchtbarer zu machen. Zudem wird die zirkuläre Bioökonomie gefördert und der Einsatz von schädlichen Agrochemikalien verringert, so Daniela Inführ, zuständig für R&D bei Agrobiogel. Das Forum nutzte sie um die bahnbrechende Technologie einem internationalen Publikum zu präsentieren.

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Holloid

Ebenfalls einen Beitrag zum Klimaschutz und zugleich einen Mehrwert für die Industrie möchte Holloid liefern. Das Team, das sich noch in der Vorgründungsphase befindet, hat ein Verfahren zur Echzeit-3D-Bildgebung entwickelt, um beispielsweise in Bioreaktoren die Zusammensetzung von Bakterien, Algen, Hefe, Mikroplastik und anderen Partikeln zu analysieren.

Der Prozess kann neben der BioTech-Branche auch in der Pharma- oder Lebensmittelindustrie zur Anwendung kommen. Wie Co-Founder Marcus Lebesmühlbacher erläutert, handelt es sich dabei um einen Markt, der rund 14 Milliarden Euro schwer ist. Mit Hilfe des Verfahrens können Produktionsprozesse ausfallsicherer gemacht werden. Zudem kann die Technologie dazu beitragen, dass Abfallstoffe nicht in den Umweltkreislauf gelangen. Lebesmühlbacher erläutert: „Wir waren bereits in engen Austausch mit den Teilnehmer:innen und haben sehr positives Feedback für unsere Technologie bekommen. Es besteht eine große Nachfrage.“

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Vienna Textile Lab

Die Textilindustrie und speziell der Färbeprozess gelten als zweitgrößter Verschmutzer von Wasser weltweit. Fast alle Mittel, mit denen Textilien gefärbt werden, sind aus Erdölprodukten hergestellt. Einen gänzlich anderen Weg möchte das Vienna Textile Lab gehen, das ebenfalls am EFIB vertreten war. Das Wiener Startup entwickelte ein spezielles Verfahren, mit dem Bakterien natürliche Stoffe zur Textilfärbung erzeugen.

Die Methode ist deutlich umweltfreundlicher als herkömmliche petrochemische Färbeverfahren, wie Iva Hafner – zuständig für Business Development beim Vienna Textile Lab – erläutert. Sie fügt hinzu: „Uns mangelt es nicht nach an Nachfrage. Auch international bekommen wir Anfragen beispielsweise aus Japan, Pakistan oder Großbritannien.“

Aufgrund einer steigenden Awareness von Konsument:innen ist zudem die Fashionbranche dazu angehalten, ständig nach nachhaltigeren Materialien Ausschau zu halten. Im Zentrum stehen dabei auch die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft. Da biogene Farbstoffe natürlichen Ursprungs sind, können sie auch leichter biologisch abgebaut werden. Zudem färben sie auch bei niedrigen Temperaturen und senken somit den Energieauffwand in der Industrie.

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Rebel Meat

Auch im Bereich der Lebensmittelherstellung waren am EFIB Startups vertreten. Im Startup-Village präsentierte beispielsweise das Wiener Food-Startup Rebel Meat seine „Blended Meat“ Produkte. International ist sogenanntes „Blended Meat“ stark auf dem Vormarsch. Dabei handelt es sich um Lebensmittelprodukte, die sich teils aus Fleisch und teils aus pflanzlichen Zutaten zusammensetzen und so klimaverträglicher sind.

In Österreich hat sich in diesem Segment das 2019 gegründete Wiener Food-Startup Rebel Meat einen Namen gemacht und letztes Jahr erfolgreich am Markt etabliert. Im Sommer 2020 erfolgte die Listung der Rebel Meat Burger-Patties im Einzelhandel. Sie bestehen zu 50 Prozent aus Bio-Fleisch und 50 Prozent aus Pilzen sowie Hirse. Bei den Burger Patties sollte es allerdings nicht bleiben. Mittlerweile hat das Startup auch Bratwürstel, Käsekrainer und Faschiertes im Programm und möchte durch den geringeren Fleischanteil so einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Das EFIB nutzte das Startup, um mit Lebensmittelproduzenten in Austausch zu treten und neue Zutaten für neue Produkte zu finden, so Co-Founderin Cornelia Habacher.

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KernTec

Einen Stand im Startup-Village hatte auch das Startup KernTec, das 2018 die aws First Pitch Night gewonnen hat und erst unlängst in den renommierten US-Food-Accelerator von Plug and Play aufgenommen wurde. Das österreichische Startup hat eine vollautomatisierte Upcycling-Technologie zur Aufspaltung, Sortierung und Veredelung von Steinobstkernen entwickelt. Jährlich fallen in der EU etwa 550.000 Tonnen Steinobstkerne an und stellen noch immer ein Abfallprodukt dar. Doch der Rohstoff „Kern“ hat noch viel mehr zu bieten. Sofern eine Aufspaltung in Weichkern und Hartschale erfolgt, lässt sich das „Abfallprodukt“ zu hochwertigen Rohstoffen verarbeiten, die in weiterer Folge zu Genuss- und Kosmetiköle oder Proteinmehle weiter veredelt werden.

Mittlerweile betreibt Kern Tec im niederösterreichischen Herzogenburg in der Nähe der Wachau eine eigene Produktionsanlage. Das Startup bedient primär Kunden im B2B-Sektor. Neben Ölen werden auch Mehle mit einem hohen Proteinwert hergestellt. „Wir nutzen das EFIB, um auch mit potentiellen Investor:innen in Kontakt zu treten, die hier auch zahlreich vor Ort sind“, so Sebastian Jeschko. Das Startup befindet sich aktuell auf Investorensuche.

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Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, in den SwissCAT+-Laboren am Campus Hönggerberg | (c) Martin Pacher

Wer auf den Hönggerberg im Norden Zürichs fährt, lässt die Stadt hinter sich. Der zweite Campus der ETH, entstanden ab 1961, liegt in ländlicher Umgebung, hier sind unter anderem die Departemente für Chemie, Physik und Materialwissenschaft zu Hause. Und hier, in den SwissCAT+-Laboren der Hochschule, lässt sich derzeit besichtigen, wie Forschung aussehen könnte, wenn nicht mehr der Mensch jeden einzelnen Handgriff macht.

In diesen Laboren übernehmen Roboter die Arbeit, die sonst Forschende beschäftigt: Sie hantieren mit Flüssigkeiten und Pulvern, bereiten Proben vor, testen sie und messen laufend die Ergebnisse. Das Bemerkenswerte daran ist aber nicht die Automatisierung selbst, sondern wer die Versuche plant: eine Künstliche Intelligenz. Die Software stammt vom Startup Atinary, das an der ETH keinen eigenen Standort hat, sondern mit der Technologieplattform SwissCAT+ zusammenarbeitet. Sie schlägt vor, welches Experiment als nächstes sinnvoll ist, lernt aus jedem Ergebnis und berechnet daraus den nächsten Schritt. Dieser Kreislauf läuft rund um die Uhr, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.

„Ein Labor ist eine große Küche“

Wie soll man sich das vorstellen? Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, greift im Gespräch mit brutkasten zu einem Alltagsbild: „Am Ende ist ein Labor eine große Küche. Wir liefern die Rezepte. Wir nutzen KI, um Rezepte zu erzeugen, die dann im Labor getestet werden.“ Das Ziel: möglichst schnell zum besten Rezept kommen. Denn jeder einzelne Versuch kostet Zeit, Material und Geld. Wer statt tausender Versuche nur ein paar Dutzend braucht, spart enorm.

Genau darauf ist die Software ausgelegt. Statt sich blind durch unzählige mögliche Kombinationen zu probieren, lernt das System mit jedem Experiment dazu und empfiehlt gezielt die vielversprechendsten nächsten Schritte. „Self-Driving Labs“ nennt Atinary das Prinzip, selbstfahrende Labore. Den Begriff hat sich das 2019 gegründete Unternehmen sogar markenrechtlich schützen lassen.

Loïc Roch, Co-founder und CTO von Atinary | (c) Martin Pacher / brutkasten

Den Bedarf für solche Werkzeuge begründet Roch mit einem unbequemen Befund: Forschung wird immer teurer und langsamer, es braucht immer mehr Zeit und Geld, bis Neues gefunden ist. Dazu kommt eine handfeste Vertrauenskrise: Roch verweist auf eine vielzitierte Befragung von rund 1.500 Forschenden, wonach ein Großteil daran scheitert, Experimente zu wiederholen, in der Chemie sind die Quoten besonders hoch. Das ist nicht nur für die Wissenschaft ein Problem: Ohne verlässliche Daten lässt sich auch keine verlässliche KI trainieren.

100 Jahre Forschung in sechs Wochen

Was das System kann, zeigt das Vorzeigeprojekt direkt vor Ort. Gemeinsam mit dem SwissCAT+-Team suchte Atinary nach dem besten Katalysator, also jenem Hilfsstoff, mit dem sich das Treibhausgas CO₂ in Methanol umwandeln lässt, einen Ausgangsstoff für nachhaltige Treibstoffe. Laut Atinary kamen dafür mehr als 20 Millionen mögliche Kombinationen infrage. Das Ergebnis wurde in einem Fachjournal publiziert: In sechs Wochen wurden 144 Katalysator-Kandidaten hergestellt und getestet, mit minimalem menschlichem Zutun. Die Zahl, mit der Atinary seither wirbt, ist eindrucksvoll: eine 1000-fache Beschleunigung, umgerechnet 100 Jahre Katalyse-Forschung in nur sechs Wochen. SwissCAT+-Chef Paco Laveille, der die Umsetzung an der ETH verantwortet, bestätigt beim Besuch die Größenordnung: von Jahren an Forschung hinunter zu Wochen.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Beim konkreten Nutzen für Firmenkunden hält sich Roch hingegen zurück, aus einem strukturellen Grund: „Wir sind ein Dienstleister. Wir sehen den generierten Mehrwert nicht, und die Kunden wollen ihn nicht teilen.“ Das habe auch mit Sicherheitsanforderungen zu tun, ergänzt das Unternehmen: Angaben zum erzielten Return on Investment erhalte Atinary dann, wenn Kunden sie von sich aus teilen — teils münde das in gemeinsame Publikationen.

Die einzige konkrete Zahl, die er im Gespräch nennt, stammt aus einer gemeinsamen Publikation mit dem Aromen- und Duftstoffkonzern dsm-firmenich: Dort konnte der Einsatz eines teuren Edelmetalls so stark reduziert werden, dass dessen Kostenanteil um rund 95 Prozent sank. Es sei nicht die einzige gemeinsame Veröffentlichung mit Kunden, betont das Unternehmen — weitere gebe es etwa mit dem Pharmakonzern Takeda.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Auch ein aktueller gemeinsamer Blogbeitrag von AWS und Atinary liefert Anhaltspunkte. Ein Manager von Takeda wird dort mit der Aussage zitiert, eine Optimierung habe mit dem selbstfahrenden Ansatz rund eine Woche gedauert, verglichen mit ein bis zwei Monaten auf dem herkömmlichen Weg. Am MIT wiederum löste ein Forschungsteam mit der Software eine knifflige Aufgabe aus der Solarzellenforschung in nur 25 Versuchen, innerhalb einer strikten Frist von vier Wochen. Und über das eigene Labor, das Atinary heuer in Boston eröffnet hat, heißt es: Es erzeuge in einer Woche mehr Versuchsdaten, als ein Doktorand in fünf Jahren produziert.

Bezahlter Pilot, Lizenz pro Arbeitsplatz

Wirtschaftlich steht Atinary noch am Anfang. Das Unternehmen befindet sich in der Seed-Phase, öffentlich auffindbar sind laut Roch rund zehn Millionen an bisheriger Finanzierung, eingesammelt über Venture Capital, Family Offices und Förderungen. Als Nächstes peilt er eine Series A an. Das Wachstumskapital dafür werde voraussichtlich aus den USA kommen: „Der Ansatz ist in Europa und den USA sehr unterschiedlich.“

Paco Laveille, Managing Director, SwissCAT+ East, ETH Zurich | (c) Martin Pacher / brutkasten

Verdient wird über Software-Lizenzen, abgerechnet pro Arbeitsplatz. Am Anfang steht ein dreimonatiger, bewusst kostenpflichtiger Testlauf. „Wenn der Pilot nicht bezahlt ist, stecken die Kunden nicht die Ressourcen hinein, um ihn richtig zu testen“, sagt Roch. Dass er mit diesem Modell Geld liegen lässt, räumt er offen ein: Eine Beteiligung am geschaffenen Wert wäre lukrativer, scheitert aber daran, dass die Kunden diesen Wert eben nicht offenlegen.

Die Kundschaft kommt bisher vor allem aus der Pharmabranche, die laut Roch am ehesten bereit ist, Neues zu riskieren; der Rest der Industrie folge dann. Einsatzfelder gibt es aber quer durch: Lebensmittel, Duftstoffe, Materialforschung, grüne Energie, und gemeinsam mit Stanford sogar Zelltherapien gegen Krebs. Umsatz machen vor allem Konzerne. Mit Universitäten arbeitet Atinary eng zusammen, weil sich dort Ergebnisse veröffentlichen lassen, sie werden so zu Botschaftern der Technologie. Auch KMU zählen zu den Kunden, das jüngste sei erst vor wenigen Tagen dazugekommen. Die Arbeitsteilung im Unternehmen: Das Entwicklerteam sitzt bei Roch in Lausanne, das eigene Labor steht in Boston, dort, wo die großen Pharma-Forschungszentren angesiedelt sind.

„Fast jeden zweiten Tag ein neues Startup“

Beim Thema Konkurrenz wird Roch deutlich: Der Bereich „AI for Science“ ziehe derzeit massiv Gründungen an, fast jeden zweiten Tag komme ein neues Startup dazu. Gefährlich sei daran vor allem eines: Mit den heutigen KI-Werkzeugen lasse sich sehr schnell ein beeindruckender Prototyp bauen, der Kunden begeistert. „Unter der Haube ist das aber kein produktionsreifer Code, der bei einem Großunternehmen laufen kann.“ Atinary sieht er im Vorteil, weil man seit 2019 das gesamte Paket aufgebaut habe: die Anbindung an die Laborgeräte, das eigene KI-Training, die Anwendungen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit durch den eigenen Beirat. Dazu kommt laut Unternehmen ein Netzwerk an Technologiepartnern, darunter AWS, ABB Robotics, Agilent, Bruker, Chemspeed und Mettler-Toledo. Im wissenschaftlichen Beirat sitzt unter anderem der MIT-Chemiker Stephen Buchwald — im Bostoner Labor optimiert Atinary nach eigenen Angaben ausgerechnet die nach ihm benannte Buchwald-Hartwig-Reaktion.

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Zugleich beobachtet er seit heuer einen Umschwung im Markt: Kunden dächten zunehmend in einer Wettlauf-Logik. Wer die Technologie nicht als Erster einsetze, riskiere, dass es die Konkurrenz tut. Und wenn diese in Wochen schafft, wofür man selbst Jahre braucht, sei der Rückstand kaum aufzuholen.

Die größte Hürde ist der Mensch

Und was bremst die Verbreitung? Nicht die Technik, sagt Roch, sondern der Mensch. „Der Wissenschaftler im Labor ist oft seit 15, 20 Jahren dort. Wenn man ihm sagt: Wir können deine Forschung um den Faktor zehn oder hundert beschleunigen, sagt er: Nein. Ich kenne mein Fach besser als irgendein Algorithmus.“ Es sei dabei weniger mangelndes Vertrauen, die Technologie werde schlicht als Bedrohung für den eigenen Job empfunden. Christoph Schnidrig von AWS ergänzt: Dieses Muster kenne man von jeder Technologiewelle, von der Einführung der Cloud bis zur KI in der Softwareentwicklung. Rochs Haltung dazu: Jobs würden sich verändern, aber nicht verschwinden. „Am Ende ist es ein Werkzeug. Der Mensch bleibt am Steuer.“

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zum Vertrauen gehört auch die Datenfrage, schließlich legen die Kunden ihr wertvollstes Gut, ihre Forschungsdaten, in die Plattform. Die läuft vollständig auf der Cloud von AWS. Roch verweist auf Prüfungen, Audits und Sicherheitstests; personenbezogene Daten würden praktisch keine gespeichert, schon gar keine Patientendaten, dafür sei man in der Forschung viel zu früh angesetzt. Auch deshalb sieht er im EU AI Act derzeit kein Hindernis: In Kundengesprächen sei die Regulierung bislang schlicht kein Thema gewesen.

Auszeichnung vom Weltwirtschaftsforum

Während brutkasten mit Roch in Zürich spricht, befindet sich sein Mitgründer, CEO Hermann Tribukait, gerade im chinesischen Dalian, um dort den Technology-Pioneer-Award des Weltwirtschaftsforums entgegenzunehmen. Zu den früheren Preisträgern der Auszeichnung zählen Roch zufolge Namen wie Google, Dropbox und Airbnb. Preisgeld gibt es keines, der Wert liege im Zugang zum Netzwerk des Forums und zu Entscheidungsträgern großer Unternehmen. Kunden in China hat Atinary übrigens keine, und das dürfte vorerst so bleiben: Als in den USA registriertes Unternehmen sei das Geschäft mit chinesischen Firmen „wegen der Geopolitik sehr heikel“.

Gefragt nach dem Blick fünf Jahre voraus, skizziert Roch eine Vision, die er ausgerechnet am Vorbild seines Cloud-Partners entwirft: Labore, die wie Rechenleistung aus der Cloud abrufbar sind, weltweit vernetzt, mit einer übergeordneten KI, die Erkenntnisse zwischen Forschungszentren auf verschiedenen Kontinenten austauscht.

Den Antrieb dahinter beschreibt er ganz persönlich: Er und seine Mitgründer seien Naturliebhaber, und die Energiewende brauche schnellere Forschung. „Der Planet kann nicht noch ein Jahrzehnt warten, bis wir Lösungen finden.“ Sein Befund nach sieben Jahren: „R&D ist heute noch zu langsam.“


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