16.09.2021

Feindbild E-Commerce: Warum Onlineshopping vielleicht doch nicht böse ist

E-Commerce hat massiv an Bedeutung gewonnen – trotzdem haftet ihm ein schlechter Ruf an. Zu Unrecht, meint Storebox-Co-Founder Johannes Braith.
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Johannes Braith, Storebox, E-Commerce
© Unsplash/Braith/Montage

So schnell systemerhaltende Dienstleistungen wie die der Logistik und des E-Commerce während des ersten Lockdowns in Österreich medial sowie politisch hochgelobt und deren Wichtigkeit explizit erwähnt wurden, so rasch verschwand diese positive Konnotation auch wieder. Auch wenn sich der Beitrag des E-Commerce zur Versorgung der Bevölkerung in Zeiten von Covid-19 deutlich verstärkt hat, entledigt sich die Branche nur schwer ihres schlechten Images. 

Oft ist es hilfreich einen zweiten beziehungsweise tieferen Blick hinter die auf den ersten Blick offensichtlichen Beobachtungen und Meinungen zu werfen. Das Buch Factfulness von Hans Rosling behandelt den tatsächlichen Zustand und Fortschritt der Welt und unserer Gesellschaft im Hinblick auf die menschlichen Lebensumstände anhand von Zahlen und Fakten und die Frage, warum insbesondere in den wirtschaftlich weit entwickelten und wohlhabenden Gesellschaften die weltweite Lage meist negativer eingeschätzt wird, als sie tatsächlich ist. Dieser Umstand lässt sich auch auf die Themen Logistik und E-Commerce übertragen.

Rosling beschreibt in seinem Buch zehn Instinkte, die unsere Wahrnehmung der Welt beeinflussen. Auf einige davon möchte ich in diesem Beitrag etwas eingehen: 

  • Instinkt der Kluft
  • Instinkt der Negativität & Instinkt der Angst
  • Instinkt der geraden Linie
  • Instinkt der Größe
  • Instinkt der Generalisierung
  • Instinkt der Schuldzuweisung

Instinkt der Kluft: China als Vorreiter im E-Commerce

Es existiert nach dem Instinkt der Kluft eine weit verbreitete Fehleinschätzung tatsächlicher Tatbestände. Wir neigen dazu, hochentwickelte Länder im Westen pauschal vom Rest der Welt abzugrenzen. Im Bereich der Logistik und des E-Commerce wird die Fehleinschätzung sehr offensichtlich: In vielen asiatischen Ländern, allen voran China, ist die Innovationskraft im E-Commerce immens und westlichen Industrienationen oft überlegen. Mit über 672 Milliarden US-Dollar generiert der chinesische Onlinehandel global gesehen den höchsten Umsatz. Und auch bei folgenden E-Commerce Trends befindet sich China in einer Vorreiterrolle;

  • Trend 1: New Retail: New Retail integriert Online, Offline, Logistik und Technologie zu einem gesamthaften Einkaufserlebnis. 
  • Trend 2: Multi-Service-Plattformen: Asiatische E-Commerce Plattformen bieten nicht nur reines Online-Shopping, sondern offerieren ein Gesamtpaket aus Services wie Online-Payment, Social Media, Gaming, Messaging Diensten, Videos sowie Live-Streaming. 
  • Trend 3: Live Commerce: Das große Ziel führender asiatischer Tech-Unternehmen wie Alibaba, JD und Pinduoduo ist es, Shopping Apps zu Erlebnisorten zu machen. Zusätzlich zu Produktfotos werden Livestreams geboten, die es Händlern ermöglichen in einen modernen Kundendialog zu treten.

Instinkt der Negativität & Instinkt der Angst: Ruf des Onlinehandels

Der Instinkt der Negativität sowie der Instinkt der Angst beschreiben die Neigung schlechte Nachrichten und Ereignisse eher wahrzunehmen als gute. In der Logistik ist dies oftmals in der gesellschaftlichen Diskussion über E-Commerce im Allgemeinen und Amazon im Speziellen zu beobachten. Der Onlinehandel wird medial oftmals mit den Vorwürfen konfrontiert, seinen Mitarbeiterinnen schlechte Arbeitsbedingungen zu bieten und unverhältnismäßig stark zu überwachen. Auch negative Folgen auf die Umwelt durch Online-Shopping werden dem Internethändler zugeschrieben. Dass Amazon 2040, bereits zehn Jahre vor dem Pariser Klimaschutzabkommen, CO2 neutral werden möchte oder dass Amazon weltweit tausende Arbeitsplätze und somit Wohlstand schafft, findet bei einseitiger Betrachtung keine Berücksichtigung.

Instinkt der geraden Linie: Wachstum der Logistik

Der Instinkt der geraden Linie beschreibt unsere Tendenz, davon auszugehen, dass jeder Trend linear verläuft. Die Wachstumstrends in der Logistik müssen jedoch differenziert betrachtet werden. Auch wenn sich das Paketvolumen in Deutschland von 2,1 Milliarden Sendungen im Jahr 2012 auf 4,2 Milliarden Sendungen im Jahr 2020 verdoppelt hat, darf dieser Trend zukünftig nicht unreflektiert linear weiter prognostiziert werden. Denn Deutschland ist bereits einer der am weitesten entwickelten E-Commerce Märkte in Europa. Im Jahr 2020 haben bereits 85% der Bevölkerung online eingekauft, somit ist die Marktdurchdringung hinsichtlich neuer Kunden bereits sehr weit fortgeschritten.

Instinkt der Größe: Emissionen pro Kopf

Rosling beschreibt mit dem Instinkt der Größe, das Problem, einzelnen Zahlen, insbesondere wenn sie groß oder besonders klein sind, fälschlicherweise eine große Bedeutung zuzuschreiben. Im Bereich der Logistik und von E-Commerce ist ein pro Kopf Vergleich und eine Gegenüberstellung von Paketaufkommen und CO2 Ausstoß auf Länderebene interessant. Wird in Europa medial oftmals von den hohen CO2 Emissionen in China gesprochen, wird das neben der Schwerindustrie oftmals auf die Logistik und den Onlinehandel zurückgeführt. Tatsächlich werden in Deutschland pro Jahr und pro Kopf 8,76 Tonnen CO2 ausgestoßen während in China pro Kopf und Jahr nur 7,08 Tonnen CO2 emittiert werden. Was das jährliche Paketaufkommen betrifft so liegen Deutschland und China mit 44 Paketen pro Jahr pro Kopf allerdings gleich auf. 

Instinkt der Generalisierung: Onlineshopping als Umweltsünde?

Menschen nutzen Kategorien sowie Verallgemeinerungen, um ihre Gedanken und Meinungen zu strukturieren. Dieser Instinkt der Generalisierung kann allerdings manchmal zu einer verzerrten Weltsicht und Stereotypisierung führen. Im Bereich der Logistik kann man diesen Instinkt bei der Verurteilung des Onlinehandels bezüglich des Ausstoßes von CO2 beobachten. Eine Studie des Deutschen CleanTech Instituts zeigt, dass durch den verdichteten Transport der Sendungen durch Paketdienstleister im Onlineshopping pro Sendung weniger CO2 Emissionen entstehen als dies beim individuellen Einkaufen im stationären Handel der Fall ist. Dies liegt vor allem daran, dass in vielen Regionen der überwiegende Teil von Einkaufsfahrten mit dem Auto getätigt wird.

Instinkt der Schuldzuweisung: Wie böse ist Amazon wirklich?

Können negative Entwicklungen beobachtet werden, wird die Ursache oft bei einem Schuldigen bzw. einem einzelnen Faktor gesucht. Sobald dieser Sündenbock gefunden wurde, wird auch meist die Suche nach einer umfassenden Erklärung einer Problemlage beendet. In der Logistik und im E-Commerce kann dieser Instinkt häufig beobachtet werden wenn es um den globalen Konzern Amazon geht. Doch dass der Tech Gigant dem heimischen Handel alles wegnimmt, ist nur die halbe Wahrheit. Tatsache ist, dass viele heimische Händler massiv von Amazon profitieren. Aktuell wird rund ein Viertel des österreichischen Onlineshopping-Umsatzes über Amazon abgebildet. Dabei wird mittlerweile jeder zweite Artikel, der bei Amazon verkauft wird, von unabhängigen Drittanbietern abgewickelt. Die große Mehrheit dieser Händler besteht aus kleinen und mittleren Unternehmen aus Österreich. Dieser positive Effekt einer nationalen Wertschöpfung wird bei der Diskussion über Amazon oftmals nicht berücksichtigt. 

Faktenbasiertes Denken als Lösung 

Sei es das Ausmachen von Sündenböcken, um negative Trends im stationären Handel zu erklären oder der Instinkt der Generalisierung, welcher oft im Zusammenhang von Logistik und steigenden CO2 Emissionen genannt wird: In den meisten Fällen ist es lohnenswert, einen nüchternen und faktenbasierten Blick auf die Dinge zu haben und sich die Sicht nicht von einer emotional aufgeladenen Diskussion trüben zu lassen. Gerade die Logistik, als eine vernetzte Querschnittsmaterie, muss systemisch und ganzheitlich betrachtet werden.

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Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, in den SwissCAT+-Laboren am Campus Hönggerberg | (c) Martin Pacher

Wer auf den Hönggerberg im Norden Zürichs fährt, lässt die Stadt hinter sich. Der zweite Campus der ETH, entstanden ab 1961, liegt in ländlicher Umgebung, hier sind unter anderem die Departemente für Chemie, Physik und Materialwissenschaft zu Hause. Und hier, in den SwissCAT+-Laboren der Hochschule, lässt sich derzeit besichtigen, wie Forschung aussehen könnte, wenn nicht mehr der Mensch jeden einzelnen Handgriff macht.

In diesen Laboren übernehmen Roboter die Arbeit, die sonst Forschende beschäftigt: Sie hantieren mit Flüssigkeiten und Pulvern, bereiten Proben vor, testen sie und messen laufend die Ergebnisse. Das Bemerkenswerte daran ist aber nicht die Automatisierung selbst, sondern wer die Versuche plant: eine Künstliche Intelligenz. Die Software stammt vom Startup Atinary, das an der ETH keinen eigenen Standort hat, sondern mit der Technologieplattform SwissCAT+ zusammenarbeitet. Sie schlägt vor, welches Experiment als nächstes sinnvoll ist, lernt aus jedem Ergebnis und berechnet daraus den nächsten Schritt. Dieser Kreislauf läuft rund um die Uhr, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.

„Ein Labor ist eine große Küche“

Wie soll man sich das vorstellen? Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, greift im Gespräch mit brutkasten zu einem Alltagsbild: „Am Ende ist ein Labor eine große Küche. Wir liefern die Rezepte. Wir nutzen KI, um Rezepte zu erzeugen, die dann im Labor getestet werden.“ Das Ziel: möglichst schnell zum besten Rezept kommen. Denn jeder einzelne Versuch kostet Zeit, Material und Geld. Wer statt tausender Versuche nur ein paar Dutzend braucht, spart enorm.

Genau darauf ist die Software ausgelegt. Statt sich blind durch unzählige mögliche Kombinationen zu probieren, lernt das System mit jedem Experiment dazu und empfiehlt gezielt die vielversprechendsten nächsten Schritte. „Self-Driving Labs“ nennt Atinary das Prinzip, selbstfahrende Labore. Den Begriff hat sich das 2019 gegründete Unternehmen sogar markenrechtlich schützen lassen.

Loïc Roch, Co-founder und CTO von Atinary | (c) Martin Pacher / brutkasten

Den Bedarf für solche Werkzeuge begründet Roch mit einem unbequemen Befund: Forschung wird immer teurer und langsamer, es braucht immer mehr Zeit und Geld, bis Neues gefunden ist. Dazu kommt eine handfeste Vertrauenskrise: Roch verweist auf eine vielzitierte Befragung von rund 1.500 Forschenden, wonach ein Großteil daran scheitert, Experimente zu wiederholen, in der Chemie sind die Quoten besonders hoch. Das ist nicht nur für die Wissenschaft ein Problem: Ohne verlässliche Daten lässt sich auch keine verlässliche KI trainieren.

100 Jahre Forschung in sechs Wochen

Was das System kann, zeigt das Vorzeigeprojekt direkt vor Ort. Gemeinsam mit dem SwissCAT+-Team suchte Atinary nach dem besten Katalysator, also jenem Hilfsstoff, mit dem sich das Treibhausgas CO₂ in Methanol umwandeln lässt, einen Ausgangsstoff für nachhaltige Treibstoffe. Laut Atinary kamen dafür mehr als 20 Millionen mögliche Kombinationen infrage. Das Ergebnis wurde in einem Fachjournal publiziert: In sechs Wochen wurden 144 Katalysator-Kandidaten hergestellt und getestet, mit minimalem menschlichem Zutun. Die Zahl, mit der Atinary seither wirbt, ist eindrucksvoll: eine 1000-fache Beschleunigung, umgerechnet 100 Jahre Katalyse-Forschung in nur sechs Wochen. SwissCAT+-Chef Paco Laveille, der die Umsetzung an der ETH verantwortet, bestätigt beim Besuch die Größenordnung: von Jahren an Forschung hinunter zu Wochen.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Beim konkreten Nutzen für Firmenkunden hält sich Roch hingegen zurück, aus einem strukturellen Grund: „Wir sind ein Dienstleister. Wir sehen den generierten Mehrwert nicht, und die Kunden wollen ihn nicht teilen.“ Das habe auch mit Sicherheitsanforderungen zu tun, ergänzt das Unternehmen: Angaben zum erzielten Return on Investment erhalte Atinary dann, wenn Kunden sie von sich aus teilen — teils münde das in gemeinsame Publikationen.

Die einzige konkrete Zahl, die er im Gespräch nennt, stammt aus einer gemeinsamen Publikation mit dem Aromen- und Duftstoffkonzern dsm-firmenich: Dort konnte der Einsatz eines teuren Edelmetalls so stark reduziert werden, dass dessen Kostenanteil um rund 95 Prozent sank. Es sei nicht die einzige gemeinsame Veröffentlichung mit Kunden, betont das Unternehmen — weitere gebe es etwa mit dem Pharmakonzern Takeda.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Auch ein aktueller gemeinsamer Blogbeitrag von AWS und Atinary liefert Anhaltspunkte. Ein Manager von Takeda wird dort mit der Aussage zitiert, eine Optimierung habe mit dem selbstfahrenden Ansatz rund eine Woche gedauert, verglichen mit ein bis zwei Monaten auf dem herkömmlichen Weg. Am MIT wiederum löste ein Forschungsteam mit der Software eine knifflige Aufgabe aus der Solarzellenforschung in nur 25 Versuchen, innerhalb einer strikten Frist von vier Wochen. Und über das eigene Labor, das Atinary heuer in Boston eröffnet hat, heißt es: Es erzeuge in einer Woche mehr Versuchsdaten, als ein Doktorand in fünf Jahren produziert.

Bezahlter Pilot, Lizenz pro Arbeitsplatz

Wirtschaftlich steht Atinary noch am Anfang. Das Unternehmen befindet sich in der Seed-Phase, öffentlich auffindbar sind laut Roch rund zehn Millionen an bisheriger Finanzierung, eingesammelt über Venture Capital, Family Offices und Förderungen. Als Nächstes peilt er eine Series A an. Das Wachstumskapital dafür werde voraussichtlich aus den USA kommen: „Der Ansatz ist in Europa und den USA sehr unterschiedlich.“

Paco Laveille, Managing Director, SwissCAT+ East, ETH Zurich | (c) Martin Pacher / brutkasten

Verdient wird über Software-Lizenzen, abgerechnet pro Arbeitsplatz. Am Anfang steht ein dreimonatiger, bewusst kostenpflichtiger Testlauf. „Wenn der Pilot nicht bezahlt ist, stecken die Kunden nicht die Ressourcen hinein, um ihn richtig zu testen“, sagt Roch. Dass er mit diesem Modell Geld liegen lässt, räumt er offen ein: Eine Beteiligung am geschaffenen Wert wäre lukrativer, scheitert aber daran, dass die Kunden diesen Wert eben nicht offenlegen.

Die Kundschaft kommt bisher vor allem aus der Pharmabranche, die laut Roch am ehesten bereit ist, Neues zu riskieren; der Rest der Industrie folge dann. Einsatzfelder gibt es aber quer durch: Lebensmittel, Duftstoffe, Materialforschung, grüne Energie, und gemeinsam mit Stanford sogar Zelltherapien gegen Krebs. Umsatz machen vor allem Konzerne. Mit Universitäten arbeitet Atinary eng zusammen, weil sich dort Ergebnisse veröffentlichen lassen, sie werden so zu Botschaftern der Technologie. Auch KMU zählen zu den Kunden, das jüngste sei erst vor wenigen Tagen dazugekommen. Die Arbeitsteilung im Unternehmen: Das Entwicklerteam sitzt bei Roch in Lausanne, das eigene Labor steht in Boston, dort, wo die großen Pharma-Forschungszentren angesiedelt sind.

„Fast jeden zweiten Tag ein neues Startup“

Beim Thema Konkurrenz wird Roch deutlich: Der Bereich „AI for Science“ ziehe derzeit massiv Gründungen an, fast jeden zweiten Tag komme ein neues Startup dazu. Gefährlich sei daran vor allem eines: Mit den heutigen KI-Werkzeugen lasse sich sehr schnell ein beeindruckender Prototyp bauen, der Kunden begeistert. „Unter der Haube ist das aber kein produktionsreifer Code, der bei einem Großunternehmen laufen kann.“ Atinary sieht er im Vorteil, weil man seit 2019 das gesamte Paket aufgebaut habe: die Anbindung an die Laborgeräte, das eigene KI-Training, die Anwendungen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit durch den eigenen Beirat. Dazu kommt laut Unternehmen ein Netzwerk an Technologiepartnern, darunter AWS, ABB Robotics, Agilent, Bruker, Chemspeed und Mettler-Toledo. Im wissenschaftlichen Beirat sitzt unter anderem der MIT-Chemiker Stephen Buchwald — im Bostoner Labor optimiert Atinary nach eigenen Angaben ausgerechnet die nach ihm benannte Buchwald-Hartwig-Reaktion.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zugleich beobachtet er seit heuer einen Umschwung im Markt: Kunden dächten zunehmend in einer Wettlauf-Logik. Wer die Technologie nicht als Erster einsetze, riskiere, dass es die Konkurrenz tut. Und wenn diese in Wochen schafft, wofür man selbst Jahre braucht, sei der Rückstand kaum aufzuholen.

Die größte Hürde ist der Mensch

Und was bremst die Verbreitung? Nicht die Technik, sagt Roch, sondern der Mensch. „Der Wissenschaftler im Labor ist oft seit 15, 20 Jahren dort. Wenn man ihm sagt: Wir können deine Forschung um den Faktor zehn oder hundert beschleunigen, sagt er: Nein. Ich kenne mein Fach besser als irgendein Algorithmus.“ Es sei dabei weniger mangelndes Vertrauen, die Technologie werde schlicht als Bedrohung für den eigenen Job empfunden. Christoph Schnidrig von AWS ergänzt: Dieses Muster kenne man von jeder Technologiewelle, von der Einführung der Cloud bis zur KI in der Softwareentwicklung. Rochs Haltung dazu: Jobs würden sich verändern, aber nicht verschwinden. „Am Ende ist es ein Werkzeug. Der Mensch bleibt am Steuer.“

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zum Vertrauen gehört auch die Datenfrage, schließlich legen die Kunden ihr wertvollstes Gut, ihre Forschungsdaten, in die Plattform. Die läuft vollständig auf der Cloud von AWS. Roch verweist auf Prüfungen, Audits und Sicherheitstests; personenbezogene Daten würden praktisch keine gespeichert, schon gar keine Patientendaten, dafür sei man in der Forschung viel zu früh angesetzt. Auch deshalb sieht er im EU AI Act derzeit kein Hindernis: In Kundengesprächen sei die Regulierung bislang schlicht kein Thema gewesen.

Auszeichnung vom Weltwirtschaftsforum

Während brutkasten mit Roch in Zürich spricht, befindet sich sein Mitgründer, CEO Hermann Tribukait, gerade im chinesischen Dalian, um dort den Technology-Pioneer-Award des Weltwirtschaftsforums entgegenzunehmen. Zu den früheren Preisträgern der Auszeichnung zählen Roch zufolge Namen wie Google, Dropbox und Airbnb. Preisgeld gibt es keines, der Wert liege im Zugang zum Netzwerk des Forums und zu Entscheidungsträgern großer Unternehmen. Kunden in China hat Atinary übrigens keine, und das dürfte vorerst so bleiben: Als in den USA registriertes Unternehmen sei das Geschäft mit chinesischen Firmen „wegen der Geopolitik sehr heikel“.

Gefragt nach dem Blick fünf Jahre voraus, skizziert Roch eine Vision, die er ausgerechnet am Vorbild seines Cloud-Partners entwirft: Labore, die wie Rechenleistung aus der Cloud abrufbar sind, weltweit vernetzt, mit einer übergeordneten KI, die Erkenntnisse zwischen Forschungszentren auf verschiedenen Kontinenten austauscht.

Den Antrieb dahinter beschreibt er ganz persönlich: Er und seine Mitgründer seien Naturliebhaber, und die Energiewende brauche schnellere Forschung. „Der Planet kann nicht noch ein Jahrzehnt warten, bis wir Lösungen finden.“ Sein Befund nach sieben Jahren: „R&D ist heute noch zu langsam.“


Disclaimer: Die Reise- und Übernachtungskosten wurden von Amazon Web Services übernommen.

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