29.11.2022

Duale Führung als Folge der „Einsamkeit der Epidemie“: Große Zustimmung für Co-Leadership

Geteilte Führung sorge für mehr Entlastung, verbesserte Life-Work-Integration, höhere Arbeitszufriedenheit und Diversität. Ein Modell mit Bühnenteilung und eingesparten Ressourcen.
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Duale Führung, 2 Chefs, geteilte Führung
(c) PwC Österreich/ABZ*AUSTRIA/Industriellenvereinigung - Claudia Mischensky, IV-Vize-Generalsekretärin, Marion Koidl von ABZ*AUSTRIA und Nadia Arouri, PwC Österreich.

Jahrzehnte lang hat sie sich stabil gehalten. Ein Chef, fixe Arbeitszeiten und tagein tagaus immer der gleiche Weg, mit beinahe den gleichen Anforderungen im Büro. Dann kam: die Digitalisierung, die sich erst wirklich vorstellte, als die Pandemie zuschlug. Es folgten, „Remote Work“, die Viertagewoche, „Quiet Quitting“ und das Infragestellen der jahrelang propagierten Mantras „Leistung lohnt sich“ und „Geht’s der Wirtschaft gut, …“. Nun zeigt sich ein weiterer Trend der Arbeitswelt, der von der heimischen Gesellschaft angenommen zu werden scheint: „Duale Führung“.

Duale Führung führt zu Potentialen für Unternehmen

Vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie, neuen gesellschaftlichen Herausforderungen sowie eben jenen geänderten Anforderungen an die Arbeitswelt 4.0 zeigt sich laut einer PwC-Umfrage eine klare Tendenz zu dualen Führungsmodellen – bei denen sich zwei Führungskräfte die Verantwortung aufteilen und gemeinsam als Vorgesetzte einer Organisationseinheit gleichberechtigt vorstehen.

Der Großteil (68 Porzent) der befragten dualen Führungskräfte erachtet das geteilte Führungssetting als sehr empfehlenswert bzw. empfehlenswert. Dieses ermögliche nicht nur selbst eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und wirke sich positiv auf ihre Gesundheit aus, sondern erschließe auch für Unternehmen immense Potentiale.

„Traditionelle Modelle neu denken“

Ausgehend davon würde auch die Mehrheit (65 Prozent) der befragten Einzel-Führungskräfte eine duale Führung in Erwägung ziehen. Das sind die Kernergebnisse der erstmals in Österreich qualitativ und quantitativ durchgeführten Studie „Duale Führung“ von PwC Österreich und ABZ*AUSTRIA, mit Unterstützung der Industriellenvereinigung.

„Duale Führung wird für die heimische Chefetage immer attraktiver und beliebter“, erklärt Nadia Arouri, Leiterin des People & Culture Consulting Teams bei PwC Österreich. „Neben dem ‚War for Talent‘, ESG-Vorschriften mit strengeren Frauenquoten sowie den veränderten Anforderungen jüngerer Generationen stellt auch die Epidemie der Einsamkeit einen wesentlichen Treiber des Modells dar. Traditionelle Führungsmodelle müssen neu gedacht werden, um Sinn bzw. Purpose als zentralen Kompass in diesen disruptiven Zeiten nutzen zu können. Das Konzept an sich ist nicht neu, jedoch war der Wunsch nach flexibleren Arbeitsmodellen nicht nur auf Mitarbeiter:innen-, sondern auch auf Führungsebene noch nie so groß wie jetzt.“

Aktuell übt die Mehrheit (zwei Drittel) der befragten Führungskräfte ihre Funktion derzeit noch allein aus, aber bei 19 Prozent wurde bereits über die Einführung des dualen Modells nachgedacht.

Faktoren für „Duale Führung“: Kompetenzbündelung und Vertrauen

„Geteilte Führung geht mit geteilter Verantwortung und doppelter Kompetenzbündelung einher. Deshalb können zwei Führungskräfte mit den Herausforderungen agiler Arbeitswelten effizienter umgehen“, sagt Marion Koidl, Leiterin der Organisationsberatung bei ABZ*AUSTRIA und Initiatorin der Studie. „Zudem erweist sich das Modell als geeignete Maßnahme für das Generationen-Management – eine erfahrenere und eine Nachwuchsführungskraft können gegenseitig vom Wissensaustausch profitieren.“

Die Studie bekräftigt auch, dass die Attraktivität eines Unternehmens als Arbeitgeber durch das Angebot von dualen Führungsmodellen steige; um rund durchschnittlich 33 Prozent, wie es heißt. Dies könne unter anderem auf die verbesserte Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben zurückgeführt werden.

Aufseiten der Führungskräfte werden vor allem Entlastung, eine verbesserte Life-Work-Integration und Kompetenzbündelung als Vorteile genannt. Als deutlicher Mehrwert für das Unternehmen kristallisieren sich zudem die Perspektivenvielfalt, hochwertigere Entscheidungen sowie die Arbeitgeberattraktivität heraus. Die Befragten gaben an, dass diese positiven Faktoren langfristig Einsparungen im Ausmaß von rund 26 Prozent der Ressourcen bzw. Kosten einbringen.

Als die wichtigsten Erfolgsfaktoren für ein duales Führungsmodell werden gegenseitiges Vertrauen (26 Prozent), offene und transparente Kommunikation (22 Prozent) sowie die Fähigkeit, sich „die Bühne teilen zu können“ (20 Prozent) genannt. Die erfolgreiche Implementierung erfordere ein gutes „Matching“ zwischen den Führungspersonen sowie regen Austausch.

Diversität in der Führungsebene

„Mit dieser Studie stehen uns erstmals evidenzbasierte Daten zur Verfügung, die zeigen, dass der Abstimmungsaufwand durch die duale Führung nur minimal um 16 Prozent steigt. Wir zeigen, dass duale Führung funktioniert, branchenunabhängig, und dass es durch die Kombination der unterschiedlichen Führungspersönlichkeiten auch zur Perspektivenvielfalt und dadurch zu Diversität innerhalb des Unternehmens kommt“, so Koidl weiter.

Und auch Claudia Mischensky, IV-Vize-Generalsekretärin ergänzt mit einem Fokuswechsel auf die Leadership-Ebene: „Wir wissen, dass Diversität einen positiven Effekt auf den Unternehmenserfolg hat. Unterschiedliche Lösungsansätze machen ein Unternehmen innovativer, resilienter und flexibler. Auch in der Führungsetage muss Diversität gelebt werden. Neue Führungsmodelle können aus Sicht der Industrie für das Führungsteam selbst, aber vor allem für die Unternehmen große Vorteile bringen.“

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Hansi Hansmann auf der Main Stage des Female Future Festivals 2026. © brutkasten

Unter dem Motto „The Power of Connection“ versammelten sich am 22. Oktober rund 2.000 Teilnehmende in der Wiener Ottakringer Eventlocation. Das von den Schwestern Verena Eugster und Patricia Zupan-Eugster gegründete Female Future Festival widmete sich Themen wie Leadership, künstlicher Intelligenz und Finanzkompetenz. Neben Fachpanels zu Verhandlungsstrategien oder finanzieller Gesundheit war auch Business Angel Hansi Hansmann als Keynotespeaker auf der Bühne zu sehen.

„…, weil ich glaube, dass es unsere Welt besser macht“

Im Gespräch mit brutkasten nannte Hansmann seine Motivation für den Besuch: „Ich habe zwei kleine Töchter und ich möchte gerne, dass meine Töchter später im Leben irgendwann alles das machen können, was sie machen wollen, ohne dass ihr Geschlecht sie daran hindert.“ „Ich bin ein ganz, ganz großer Fan davon, dass es mehr Unternehmerinnen und mehr Investorinnen gibt. Überhaupt mehr Frauen an der Macht, weil ich glaube, dass es unsere Welt besser macht“, ergänzt er zu seinen Beweggründen.

Was seine Beteiligungen angeht, sieht der Investor und ehemalige Manager in Sachen Geschlechterverteilung ein klares Muster: „Ich habe in alles investiert: in rein männliche Teams natürlich viel mehr, aber auch rein weibliche und gemischte Teams. Am besten performen gemischte Teams aus meiner Erfahrung.“

Der Hebel gemischter Teams

Den Vorteil gemischter Teams sieht Hansmann im Zusammenspiel unterschiedlicher Stärken: Es gebe „unterschiedliche Eigenschaften und Skills zwischen Frauen und Männern, und die Mischung macht’s aus“.

Als Beispiel nennt er den Markteintritt: „Ein reines Männerteam geht mit dem Produkt raus, wenn es fertig ist. Nach dem Motto ’das können wir mal rausschieben in den Markt, probieren wir mal, schauen wir mal, ob es ankommt.’ Beim reinen Frauenteam, da muss das Produkt perfekt sein. Und das dauert natürlich fünf Monate länger, bis die auf den Markt gehen, und damit vergeht Zeit.“ Für ihn gilt: „Das gemischte Team, wo sozusagen alle Stimmen zu Wort kommen, ist das Ideale.“

Deutlicher Finanzierungs-Gap in H1/2026

Doch obwohl die Teamkonstellation am besten zu performen scheint, bestehen nach wie vor große Ungleichheiten in Sachen Startup-Finanzierung. Erst kürzlich zeigte der Female Start-up Funding Index H1/2026 von EY Österreich, Female Founders und Fund F das Ausmaß. Im ersten Halbjahr flossen 472 Mio. Euro Risikokapital in österreichische Startups, ein Plus von 329 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Rein männliche Teams erhielten davon 94,9 Prozent, gemischte Teams 4,8 Prozent und rein weibliche Teams 0,3 Prozent. Der Frauenanteil unter den analysierten Gründer:innen lag bei rund 13 Prozent. „Frauen dürfen gründen. Finanziert werden Männer“, brachte es Lisa-Marie Fassl, Managing Partner von Fund F, in der damaligen Aussendung auf den Punkt.

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