31.05.2021

Von der digitalen Sucht der Jungen

In seiner aktuellen Kolumne beschäftigt sich Mic Hirschbrich mit dem Problem der Computer- und Smartphone-Sucht bei Kindern und Jugendlichen.
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Mic Hirschbrich über Computer-Sucht bei Kindern und Jugendlichen
brutkasten-Kolumnist Mic Hirschbrich | Hintergrund: (c) Adobe Stock / oz

Jene unter uns, die eher streng mit ihren Schützlingen bezüglich Smartphones, Computern und Spielekonsolen sind, hatten es zu Corona-Zeiten nicht leicht. Die beliebte Regel, wonach bei den Jüngeren eine „halbe Stunde Digitales pro Tag reicht“, wurde schon alleine beim Homeschooling um ein Vielfaches überboten. Dazu der Stress, in den eigenen vier Wänden nicht ausreichend Beschäftigung für die Kinder zu finden, während man selbst zwischen Homeoffice-Verpflichtungen und jenen des Haushaltes improvisierte. Da war man mit den Nutzungs-Regeln dann und wann lockerer, auch wegen des Hausfriedens. Statistisch sogar sehr viel lockerer.

Der Kinderpsychiater Dr. Gerd Patjens zeigte sich jüngst alarmiert, dass Online-Spielzeiten der Jugendlichen im Corona-Lockdown gleich um 75 Prozent gestiegen seien. „Lernschwierigkeiten, verzögerte Sprachentwicklung, Konzentrationsprobleme, ungerechtfertigte Aggressionen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Sucht“ – all diese Symptome können bei Kindern und Jugendlichen als Folgewirkungen einer „langen Handynutzung“ auftreten.

In Summe kommen viele Kinder in Europas Familien auch nach den Lockdowns noch auf 4-7 Stunden pro Tag vor digitalen Geräten. Das reicht einigen Abgeordneten des italienischen Parlaments. Sie fordern einen kompletten Bann aus öffentlichen Schulen und ein gänzliches Smartphone-Verbot für Unter-Zwölfjährige. Bis zu 1.500 Euro sollen Eltern zahlen, die dieses Gesetz zuhause nicht umsetzen. Und die Italiener sind nicht alleine damit – sie nehmen sich Frankreichs Jugendschutz-Politik zum Vorbild. Und selbst die scheinen noch wenig streng zu sein, verglichen mit jenen, die diese Technologien bauen.

Tech-Pioniere am strengsten in der Tech-Erziehung

Die restriktive Erziehung von Bill Gates machte schon lange vor Corona Schlagzeilen. Für die Kinder von Familie Gates gab es bis zum 14-ten Lebensjahr kein eigenes Handy. Danach wurde die Nutzung auf „sinnvolle Beschäftigungen“ und maximal 45 Minuten pro Tag fürs Spielen limitiert.

Vieles, was in unseren Augen eher nach einem russischen Erziehungslager denn an die Realität zuhause klingt, ist für Familien im Silicon Valley, wo die meisten dieser Geräte herkommen, Normalität. Kein Wunder, arbeiten doch die meisten dort an den Sucht-Features der Apps, die später zu Millionen die Märkte fluten. So beschützt man die eigenen Kinder oft mir besonders strengen Nutzungs-Regeln.

In einer Studie unter rund 900 Eltern in der Bay-Area äußerten die meisten der befragten Familien „ernsthafte Sorgen“, dass digitale Technologie ihren Kleinen „psychisch sowie in deren sozialen Entwicklung großen Schaden zufügen können“.

Diskussionen in heutigen Ethik-Boards der Tech-Titanen erinnern an jene in der Tabakindustrie vor einigen Jahrzehnten. Dort wird etwa hitzig diskutiert, ob es überhaupt erlaubt sein soll, für ein so hohes Suchtpotential zu werben. Und vor allem: Wie soll man mit der Zielgruppe der Kinder umgehen, legen es viele digitale Produkte ja geradezu darauf an, besonders oft und lange von Kindern und Teenagern genutzt zu werden?

Einerseits sind wir froh und dankbar, dass dank digitalem Schulunterricht und Homeoffice wegen Corona nicht alles völlig zusammenbrach. Doch gerade eine so extrem häufige Nutzung von Computern und Smartphones wie zu Corona-Zeiten hat bei Kindern- und Jugendlichen und ihren Familien auch zu Problemen geführt, mit denen wir uns beschäftigen müssen.

Digitale Sucht: Ein Blick in unsere Familien

Authentischer als irgendwelche Studien, erscheint ein Rundruf im Freundes- und Bekanntenkreis zu sein. Der 10-jährige Max hat täglich seine „spinnenden Phasen“, erzählt Papa Michael. Mit glasigen Augen und starrem Blick „grantelt“ er nach stundenlangem Zocken durch die Wohnung und geht jeden aggressiv an, der ihn anspricht. Die Eltern fragen sich, was weniger schwierig ist: Es ihm zu verbieten oder ihn danach auszuhalten? Etwas fortgeschrittener sind die Herausforderungen von Alleinerzieherin Laura mit dem 15-jährigen Sohn Elias. Er will Fortnite-Profi werden, hat seine sozialen Kontakte auf beinahe Null gestutzt und wirkt schon mal bedrohlich, wenn ihm die Mutter nach vier Stunden Zocken im Gaming-Studio (seinem Kinderzimmer) das Beenden nahelegt. Meist setzt er sich durch, weiß man doch um die sichere Eskalation, wenn man ihn aus einem laufenden Spiel herausholen möchte.

Noch drastischer scheint die Situation bei Gerald zu sein, dessen 15-jähriger Sohn vor kurzem sogar körperlich wurde und dem Vater heftig schubste, als dieser ihm nach x-maligen Aufforderungen das Handy aus den Händen riss. „Brawl Stars“ heißt der letzte Schrei, den mehrere Jugendliche derzeit remote zusammenspielen und sie kaum vom Handy aufsehen lässt. Der Vater verzweifelt seither an der entglittenen Situation, die er in seiner „gebildeten und im Umgang wertschätzenden“ Familie für undenkbar hielt. Motivation schöpft er aus einem 17-Jährigen, der den Spielcomputer nach Jahren des heftigen Zockens nun wegen seiner ersten Liebe aufgab. „Mutter Natur und ihren Trieben sei dank“, zeigt sich die Familie wenigstens in dieser Frage erleichtert.

Die 14-jährige Mia aus Linz verbringt unendlich viel Zeit auf TikTok, kennt doch der Feed kein Ende und die ältere Schwester jagt den Likes auf Instagram hinterher. Vor kurzem hatte sie einen kleinen Unfall auf der Bleckwand. Dorthin pilgern Instagram-Teenager, um spektakuläre Felsen-Fotos zu posten. Doch Mia wirkt dabei nicht glücklich, sagt die Mutter besorgt. Vielmehr wirke sie gehetzt von der Suche nach Online-Anerkennung und würde oft stundenlang in Messenger-Diensten verbringen, immer aus Angst etwas zu verpassen. Und das wiederum erzählen fast alle Eltern. Die Kinder verspürten einen unablässigen Druck, ständig online erreichbar sein zu müssen. Das ist schon ein Problem bei erwachsenen Arbeitnehmer*innen. Aber bei Kindern ist das umso bedenklicher.

Was hilft gegen die digitale Sucht?

Die Fach-Referentin Rahel Heeg erinnert in einem Vortrag an die Grundprinzipien guter Erziehung: „Vor einer halben Generation gab es noch keine Smartphones. Die Kinder müssen ihr Leben spätestens im Jugendalter selber bewältigen, das sich (heute) viel online abspielt. Die pädagogische Aufgabe der Eltern hat sich aber nicht geändert. Sie müssen die Kinder dazu befähigen, gute Entscheidungen zu treffen.“ Die Qualität der Online-Zeit sei zudem entscheidend und weniger die reine Dauer. Heeg rät Eltern, sich intensiver mit der Welt der Kinder und Jugendlichen einzulassen, ihre Motive zu verstehen. Mit größerem Vertrauen und eigener Kompetenz, öffnen sich die Jungen leichter und suchen auch mal Rat. Das hört sich in der Theorie einfacher an als in der Praxis.

Ein Kind, das phasenweise auch länger zockt oder am Messenger hängt, muss deshalb noch nicht abhängig sein. Doch das Suchtpotential ist allgegenwertig. Und wie bei allen Suchtkrankheiten ist eine Diagnose und – wenn nötig – eine Therapie sinnvoll. Medizinisch steckt das Thema Online-Sucht noch in den Kinderschuhen, dennoch gibt es schon gut entwickelte Therapien sowie in extremeren Fällen stationäre und ambulante Behandlungsmöglichkeiten.

Therapien im Einsatz

Die „kognitive Verhaltenstherapie“ kommt am häufigsten zum Einsatz und stellt gewissermaßen eine Basisarbeit dar. Dabei werden den Betroffenen die Folgen dieser Suchterkrankung erklärt, sodass schädliche Denkmuster auch selbst erkannt werden können. Ein häufiges Phänomen dabei wird als „verfälschte Online-Bedeutung“ bezeichnet. Erkrankte fühlen sich dabei in der virtuellen Welt bedeutender als in der realen. Das kann in sozialen Netzen ebenso auftreten wie in Spielen.  Manchmal entgleiten zusätzlich die Bezugsysteme und die Jugendlichen scheinen die virtuelle Welt der realen richtiggehend vorzuziehen. Manchmal passiert das auch, weil ihnen die Regeln dort einfacher oder sogar  sinnvoller erscheinen. Hinzu kommen Suchtmechanismen bei Likes für selbst verfasste Postings oder virtuelle Belohnungen bei Spielen. Diese wirken bei Jungen wie Erwachsenen Sucht-verstärkend, nur, dass Jüngere noch weniger Erfahrung mit Sucht-Mechanismen haben. In manchen Fällen braucht es einen richtigen Entzug.

Wie bei vielen Suchterkrankungen kann begleitend eine Gruppentherapie helfen, bei der sich Betroffene (sowohl Eltern als auch Jugendliche) zu ihren Erfahrungen austauschen können. Was jedenfalls für alle betroffenen Eltern zu empfehlen ist, bevor es zuhause kracht, sind die Beratungsdienste, die professionelle Hilfe anbieten. Denn viele, so erfahrene Therapeuten, kommen zu spät oder nie, obwohl es gute Hilfe gäbe.

Zu den meist genannten Beratungsstellen zählen:

Eine öffentliche Suchmaschine für Expert*innen zum Thema gibt es darüber hinaus ebenfalls.

Denn: Wer Technologie schätzt und an sie als Problemlöser glaubt, sorgt auch dafür, dass sie Menschen nutzt, richtig angewandt wird und keine Schäden anrichtet. Das ist für Erwachsene wichtig und umso mehr für Kinder und Jugendliche.

Zum Autor

Mic Hirschbrich ist CEO des KI-Unternehmens Apollo.AI, beriet führende Politiker in digitalen Fragen und leitete den digitalen Think-Tank von Sebastian Kurz. Seine beruflichen Aufenthalte in Südostasien, Indien und den USA haben ihn nachhaltig geprägt und dazu gebracht, die eigene Sichtweise stets erweitern zu wollen. Im Jahr 2018 veröffentlichte Hirschbrich das Buch „Schöne Neue Welt 4.0 – Chancen und Risiken der Vierten Industriellen Revolution“, in dem er sich unter anderem mit den gesellschaftspolitischen Implikationen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

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Öklo-Geschäftsführer und Gründer Niko Bogianzidis mit
Öklo-Geschäftsführer und Gründer Niko Bogianzidis mit "Golden Shower" | (c) Öklo

Die britische Times, die deutsche Bild-Zeitung und die französische Nachrichtenagentur AFP griffen die Story im Frühling 2025 auf: Das Wolkersdorfer (NÖ) Startup Öklo, nach eigenen Angaben Europa-Marktführer bei Komposttoiletten, kündigte ein Bier aus recyceltem Urin an. Eineinhalb Jahre später setzte das Unternehmen rund um Gründer Niko Bogianzidis das Vorhaben nun in die Tat um.

„Aufs Patriarchat pinkeln“

Gerade einmal 2.500 Flaschen zu je 0,33 Liter umfasst die erste und möglicherweise einzige Charge des Biers mit dem Namen „Golden Shower“. Diese sollen nur im Rahmen spezieller Aktionen verkauft werden und sonst von Öklo selbst in seinem Netzwerk genutzt werden. Mit der stilisierten Abbildung einer Transgender-Person und dem Slogan „aufs Patriarchat pinkeln“ auf dem Etikett sorgt das Bier gewiss für zusätzliche Aufmerksamkeit.

Auch das Etikett von „Golden Shower“ sorgt für Aufmerksamkeit | (c) Öklo

Bewusstsein für Wasserverschwendung als Hauptziel

Wer hinter all dem eine Marketing-Aktion vermutet, hat freilich Recht. Noch mehr als die erwähnte politische Message auf dem Etikett betont Gründer Bogianzidis ein anderes Ziel: „Mein Ziel mit Öklo und eben auch unserem nun produzierten Urin-Bier ‚Golden Shower‘ war und ist es, Bewusstsein für Wasserverschwendung zu schaffen und dieser im Sinne der Kreislaufwirtschaft entgegenzuwirken. Wasserknappheit ist auch bereits vor unserer Haustür und in ganz Europa ein Riesenthema, wie dieser Sommer zeigt, und wird noch an Bedeutung gewinnen“, sagt er.

Zudem sei es ein Anliegen des Projekts, Urin als Wertstoff anzuerkennen, etwa wiederverwertet als Brauchwasser oder als hochwertige Phosphorquelle. „Anstatt ihn in Phosphorminen in Afrika & Co. teuer als Langzeitdünger auszugraben, wäre es auch möglich, einen Gutteil des Bedarfs über diesen Weg direkt vor Ort zu decken. Es war und ist viel möglich, wenn Entscheidungsträger nur wollen“, so Bogianzidis.

Nur destilliertes Wasser aus Urin im „Urin-Bier“

Auch für „Golden Shower“ wird nur ein einzelner Bestandteil des aufbereiteten Urins genutzt, nämlich destilliertes Wasser. „Wir haben zuerst den Nährstoff Struvit, der als hochwertiger Langzeitdünger verwendet wird und dann Stickstoff aus dem Urin gefiltert. Anschließend wurde das Wasser mittels des Prozesses der Umkehrosmose und anschließender Destillation final bearbeitet und nutzbar gemacht“, erklärt der Gründer. Das gereinigte Wasser sei dann von einem offiziellen Ziviltechnikerbüro in Prüftests als gesundheitlich unbedenklich und für den Brauvorgang geeignet abgesegnet worden.

Diesen übernahm dann die Mostviertler Bio-Brauerei Erzbräu mit Braumeister Benjamin Bruckner. Den Kontakt habe Öklo-Kooperationspartner Muschikraft, eine feministische Craftbier-Marke, hergestellt. „Wir haben uns für die Produktion eines hochwertigen, nicht gefilterten Märzen, zu Englisch Lager, entschieden. Da destilliertes Wasser nicht wirklich lebt, haben wir die 1.000 Liter Wasser von Öklo sicherheitshalber mit zehn Prozent frischem Quellwasser im Tank angereichert, damit die Hefe als lebender Zellorganismus jedenfalls gut reagieren und arbeiten kann“, erklärt Bruckner.

Erzbräu-Braumeister Benjamin Bruckner | (c) oliacreations

Auch er betont die Zielsetzung der Aktion: „Wir leben in einer sehr ressourcenraubenden, verschwenderischen Gesellschaft. Gerade auch beim knappen Gut Wasser, wie wir selbst in Europa diesen Rekordsommer gesehen haben. Es gibt aber effiziente Wege, dem zu begegnen und gegenzuwirken und darauf wollen wir mit diesem Projekt hinweisen.“

Weitere Chargen laut Öklo „nicht ausgeschlossen“

Ob es bei den 2.500 Flaschen bleibt, ist aktuell noch unklar. Weitere Chargen seien „nicht ausgeschlossen“, heißt es von Öklo dazu lediglich. Indessen treibe man weiterhin das Leuchtturm-Projekt „Öklo-Land“ voran – Gründer Bogianzidis sprach dazu bereits vor einem Jahr im brutkasten-Talk. Auf 13.000 Quadratmetern nahe Wolkersdorf soll dabei ein modulares Biomasse-Recycling-Center und Kompetenzzentrum entstehen, das menschliche Fäkalien und biologische Abfälle in Rohstoffe wie Wasser, Dünger und Pellets sowie in Energie, konkret Biogas, umwandelt.

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