31.05.2021

Von der digitalen Sucht der Jungen

In seiner aktuellen Kolumne beschäftigt sich Mic Hirschbrich mit dem Problem der Computer- und Smartphone-Sucht bei Kindern und Jugendlichen.
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Mic Hirschbrich über Computer-Sucht bei Kindern und Jugendlichen
brutkasten-Kolumnist Mic Hirschbrich | Hintergrund: (c) Adobe Stock / oz

Jene unter uns, die eher streng mit ihren Schützlingen bezüglich Smartphones, Computern und Spielekonsolen sind, hatten es zu Corona-Zeiten nicht leicht. Die beliebte Regel, wonach bei den Jüngeren eine „halbe Stunde Digitales pro Tag reicht“, wurde schon alleine beim Homeschooling um ein Vielfaches überboten. Dazu der Stress, in den eigenen vier Wänden nicht ausreichend Beschäftigung für die Kinder zu finden, während man selbst zwischen Homeoffice-Verpflichtungen und jenen des Haushaltes improvisierte. Da war man mit den Nutzungs-Regeln dann und wann lockerer, auch wegen des Hausfriedens. Statistisch sogar sehr viel lockerer.

Der Kinderpsychiater Dr. Gerd Patjens zeigte sich jüngst alarmiert, dass Online-Spielzeiten der Jugendlichen im Corona-Lockdown gleich um 75 Prozent gestiegen seien. „Lernschwierigkeiten, verzögerte Sprachentwicklung, Konzentrationsprobleme, ungerechtfertigte Aggressionen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Sucht“ – all diese Symptome können bei Kindern und Jugendlichen als Folgewirkungen einer „langen Handynutzung“ auftreten.

In Summe kommen viele Kinder in Europas Familien auch nach den Lockdowns noch auf 4-7 Stunden pro Tag vor digitalen Geräten. Das reicht einigen Abgeordneten des italienischen Parlaments. Sie fordern einen kompletten Bann aus öffentlichen Schulen und ein gänzliches Smartphone-Verbot für Unter-Zwölfjährige. Bis zu 1.500 Euro sollen Eltern zahlen, die dieses Gesetz zuhause nicht umsetzen. Und die Italiener sind nicht alleine damit – sie nehmen sich Frankreichs Jugendschutz-Politik zum Vorbild. Und selbst die scheinen noch wenig streng zu sein, verglichen mit jenen, die diese Technologien bauen.

Tech-Pioniere am strengsten in der Tech-Erziehung

Die restriktive Erziehung von Bill Gates machte schon lange vor Corona Schlagzeilen. Für die Kinder von Familie Gates gab es bis zum 14-ten Lebensjahr kein eigenes Handy. Danach wurde die Nutzung auf „sinnvolle Beschäftigungen“ und maximal 45 Minuten pro Tag fürs Spielen limitiert.

Vieles, was in unseren Augen eher nach einem russischen Erziehungslager denn an die Realität zuhause klingt, ist für Familien im Silicon Valley, wo die meisten dieser Geräte herkommen, Normalität. Kein Wunder, arbeiten doch die meisten dort an den Sucht-Features der Apps, die später zu Millionen die Märkte fluten. So beschützt man die eigenen Kinder oft mir besonders strengen Nutzungs-Regeln.

In einer Studie unter rund 900 Eltern in der Bay-Area äußerten die meisten der befragten Familien „ernsthafte Sorgen“, dass digitale Technologie ihren Kleinen „psychisch sowie in deren sozialen Entwicklung großen Schaden zufügen können“.

Diskussionen in heutigen Ethik-Boards der Tech-Titanen erinnern an jene in der Tabakindustrie vor einigen Jahrzehnten. Dort wird etwa hitzig diskutiert, ob es überhaupt erlaubt sein soll, für ein so hohes Suchtpotential zu werben. Und vor allem: Wie soll man mit der Zielgruppe der Kinder umgehen, legen es viele digitale Produkte ja geradezu darauf an, besonders oft und lange von Kindern und Teenagern genutzt zu werden?

Einerseits sind wir froh und dankbar, dass dank digitalem Schulunterricht und Homeoffice wegen Corona nicht alles völlig zusammenbrach. Doch gerade eine so extrem häufige Nutzung von Computern und Smartphones wie zu Corona-Zeiten hat bei Kindern- und Jugendlichen und ihren Familien auch zu Problemen geführt, mit denen wir uns beschäftigen müssen.

Digitale Sucht: Ein Blick in unsere Familien

Authentischer als irgendwelche Studien, erscheint ein Rundruf im Freundes- und Bekanntenkreis zu sein. Der 10-jährige Max hat täglich seine „spinnenden Phasen“, erzählt Papa Michael. Mit glasigen Augen und starrem Blick „grantelt“ er nach stundenlangem Zocken durch die Wohnung und geht jeden aggressiv an, der ihn anspricht. Die Eltern fragen sich, was weniger schwierig ist: Es ihm zu verbieten oder ihn danach auszuhalten? Etwas fortgeschrittener sind die Herausforderungen von Alleinerzieherin Laura mit dem 15-jährigen Sohn Elias. Er will Fortnite-Profi werden, hat seine sozialen Kontakte auf beinahe Null gestutzt und wirkt schon mal bedrohlich, wenn ihm die Mutter nach vier Stunden Zocken im Gaming-Studio (seinem Kinderzimmer) das Beenden nahelegt. Meist setzt er sich durch, weiß man doch um die sichere Eskalation, wenn man ihn aus einem laufenden Spiel herausholen möchte.

Noch drastischer scheint die Situation bei Gerald zu sein, dessen 15-jähriger Sohn vor kurzem sogar körperlich wurde und dem Vater heftig schubste, als dieser ihm nach x-maligen Aufforderungen das Handy aus den Händen riss. „Brawl Stars“ heißt der letzte Schrei, den mehrere Jugendliche derzeit remote zusammenspielen und sie kaum vom Handy aufsehen lässt. Der Vater verzweifelt seither an der entglittenen Situation, die er in seiner „gebildeten und im Umgang wertschätzenden“ Familie für undenkbar hielt. Motivation schöpft er aus einem 17-Jährigen, der den Spielcomputer nach Jahren des heftigen Zockens nun wegen seiner ersten Liebe aufgab. „Mutter Natur und ihren Trieben sei dank“, zeigt sich die Familie wenigstens in dieser Frage erleichtert.

Die 14-jährige Mia aus Linz verbringt unendlich viel Zeit auf TikTok, kennt doch der Feed kein Ende und die ältere Schwester jagt den Likes auf Instagram hinterher. Vor kurzem hatte sie einen kleinen Unfall auf der Bleckwand. Dorthin pilgern Instagram-Teenager, um spektakuläre Felsen-Fotos zu posten. Doch Mia wirkt dabei nicht glücklich, sagt die Mutter besorgt. Vielmehr wirke sie gehetzt von der Suche nach Online-Anerkennung und würde oft stundenlang in Messenger-Diensten verbringen, immer aus Angst etwas zu verpassen. Und das wiederum erzählen fast alle Eltern. Die Kinder verspürten einen unablässigen Druck, ständig online erreichbar sein zu müssen. Das ist schon ein Problem bei erwachsenen Arbeitnehmer*innen. Aber bei Kindern ist das umso bedenklicher.

Was hilft gegen die digitale Sucht?

Die Fach-Referentin Rahel Heeg erinnert in einem Vortrag an die Grundprinzipien guter Erziehung: „Vor einer halben Generation gab es noch keine Smartphones. Die Kinder müssen ihr Leben spätestens im Jugendalter selber bewältigen, das sich (heute) viel online abspielt. Die pädagogische Aufgabe der Eltern hat sich aber nicht geändert. Sie müssen die Kinder dazu befähigen, gute Entscheidungen zu treffen.“ Die Qualität der Online-Zeit sei zudem entscheidend und weniger die reine Dauer. Heeg rät Eltern, sich intensiver mit der Welt der Kinder und Jugendlichen einzulassen, ihre Motive zu verstehen. Mit größerem Vertrauen und eigener Kompetenz, öffnen sich die Jungen leichter und suchen auch mal Rat. Das hört sich in der Theorie einfacher an als in der Praxis.

Ein Kind, das phasenweise auch länger zockt oder am Messenger hängt, muss deshalb noch nicht abhängig sein. Doch das Suchtpotential ist allgegenwertig. Und wie bei allen Suchtkrankheiten ist eine Diagnose und – wenn nötig – eine Therapie sinnvoll. Medizinisch steckt das Thema Online-Sucht noch in den Kinderschuhen, dennoch gibt es schon gut entwickelte Therapien sowie in extremeren Fällen stationäre und ambulante Behandlungsmöglichkeiten.

Therapien im Einsatz

Die „kognitive Verhaltenstherapie“ kommt am häufigsten zum Einsatz und stellt gewissermaßen eine Basisarbeit dar. Dabei werden den Betroffenen die Folgen dieser Suchterkrankung erklärt, sodass schädliche Denkmuster auch selbst erkannt werden können. Ein häufiges Phänomen dabei wird als „verfälschte Online-Bedeutung“ bezeichnet. Erkrankte fühlen sich dabei in der virtuellen Welt bedeutender als in der realen. Das kann in sozialen Netzen ebenso auftreten wie in Spielen.  Manchmal entgleiten zusätzlich die Bezugsysteme und die Jugendlichen scheinen die virtuelle Welt der realen richtiggehend vorzuziehen. Manchmal passiert das auch, weil ihnen die Regeln dort einfacher oder sogar  sinnvoller erscheinen. Hinzu kommen Suchtmechanismen bei Likes für selbst verfasste Postings oder virtuelle Belohnungen bei Spielen. Diese wirken bei Jungen wie Erwachsenen Sucht-verstärkend, nur, dass Jüngere noch weniger Erfahrung mit Sucht-Mechanismen haben. In manchen Fällen braucht es einen richtigen Entzug.

Wie bei vielen Suchterkrankungen kann begleitend eine Gruppentherapie helfen, bei der sich Betroffene (sowohl Eltern als auch Jugendliche) zu ihren Erfahrungen austauschen können. Was jedenfalls für alle betroffenen Eltern zu empfehlen ist, bevor es zuhause kracht, sind die Beratungsdienste, die professionelle Hilfe anbieten. Denn viele, so erfahrene Therapeuten, kommen zu spät oder nie, obwohl es gute Hilfe gäbe.

Zu den meist genannten Beratungsstellen zählen:

Eine öffentliche Suchmaschine für Expert*innen zum Thema gibt es darüber hinaus ebenfalls.

Denn: Wer Technologie schätzt und an sie als Problemlöser glaubt, sorgt auch dafür, dass sie Menschen nutzt, richtig angewandt wird und keine Schäden anrichtet. Das ist für Erwachsene wichtig und umso mehr für Kinder und Jugendliche.

Zum Autor

Mic Hirschbrich ist CEO des KI-Unternehmens Apollo.AI, beriet führende Politiker in digitalen Fragen und leitete den digitalen Think-Tank von Sebastian Kurz. Seine beruflichen Aufenthalte in Südostasien, Indien und den USA haben ihn nachhaltig geprägt und dazu gebracht, die eigene Sichtweise stets erweitern zu wollen. Im Jahr 2018 veröffentlichte Hirschbrich das Buch „Schöne Neue Welt 4.0 – Chancen und Risiken der Vierten Industriellen Revolution“, in dem er sich unter anderem mit den gesellschaftspolitischen Implikationen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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