21.01.2026
WETTBEWERBSFÄHIGKEIT

Digitale Souveränität ohne Abschottung – ein Balanceakt für den Standort

Wie kann Österreich digitale Souveränität aufbauen, ohne sich technologisch abzuschotten und gleichzeitig Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz sichern?
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(v.l.n.r.): Martin Schiefer, CEO von Schiefer Rechtsanwälte; Rudolf Schrefl, CEO von Drei Österreich; Birgit Kraft-Kinz, CEO der CEOs for Future; Christiane Brunner, Initiatorin Climate Business Circle; Marco Porak, Generaldirektor von IBM Österreich. | Foto: Martin Hron

Geopolitische Spannungen, Klimakrise, hohe Energiepreise und der rasante technologische Fortschritt erhöhen den Druck auf Industrie und Politik. Beim Hintergrundgespräch am Mittwochmorgen von “CEOs for Future” wurde noch einmal deutlich: Die künftige Wettbewerbsfähigkeit des Standorts entscheidet sich an der Frage der digitalen Souveränität. 

„Starke und sichere Infrastruktur ist ein Grundpfeiler für einen starken österreichischen und europäischen Wirtschaftsstandort“, sagte Christiane Brunner, Initiatorin des Climate Business Circle und Vorständin von CEOs for Future. Dabei gehe es längst nicht mehr nur um Straßen oder Stromnetze. „Für die Energieversorgung von Industrie und Wirtschaft muss Infrastruktur aus- und umgebaut werden – das digitale Netz ist dabei genauso wichtig wie das physische.“

Klare Rahmenbedingungen gefragt

Die von der Bundesregierung präsentierte Industriestrategie setzt genau an diesem Punkt an und definiert Digitalisierung als zentralen Hebel für künftige Wettbewerbsfähigkeit. Aus Unternehmenssicht ist das ein notwendiger Schritt. Allerdings sei dieser nur dann wirksam, wenn er in klare, verlässliche Rahmenbedingungen übersetzt wird. Brunner machte deutlich, dass Investitionsbereitschaft vorhanden sei – gerade in Bereichen wie Energiewende, neue Technologien und Kreislaufwirtschaft. Entscheidend sei jedoch die Planbarkeit: Unternehmen bräuchten Klarheit, um langfristige Investitionen am Standort Österreich zu rechtfertigen.

Gerade bei der digitalen Infrastruktur sieht die Industrie einen entscheidenden Standortfaktor. Rudolf Schrefl, CEO von Drei Österreich, verweist auf den Zusammenhang zwischen Netzausbau und Wertschöpfung: „Der KI-Boom markiert den Beginn einer neuen, intensiven Phase der Digitalisierung. Mit unserer Netzinfrastruktur stellen wir nicht nur die kritische Kommunikationsversorgung sicher, sondern sind der Motor für die digitale Transformation des Landes.“

Drei investiert dafür in flächendeckende 5G- und Glasfasernetze sowie in datenbasierte Anwendungen wie das digitale Wetterstationsnetz. „Wir schaffen damit die Basis für Wertschöpfung, Resilienz und internationale Wettbewerbsfähigkeit – und liefern gleichzeitig konkrete Beiträge zur Klimaanpassung und Sicherheit der Bevölkerung“, so Schrefl.

Kontrolle über Daten, Modelle und Infrastruktur

Auch beim Thema Künstliche Intelligenz herrschte Einigkeit darüber, dass Europa und Österreich den technologischen Anschluss nur halten können, wenn Unternehmen Kontrolle über Daten, Modelle und Infrastruktur behalten. „Künstliche Intelligenz ist eine Schlüsseltechnologie für Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz”, so Marco Porak, Generaldirektor von IBM Österreich. Damit Unternehmen KI nachhaltig nutzen könnten, müssten sie jedoch die Hoheit über ihre Daten und Systeme behalten.

IBM setzt deshalb verstärkt auf kleinere, spezialisierte KI-Modelle (sogenannte Small Language Models), die mit eigenen Unternehmensdaten trainiert werden. Dieser Ansatz soll Effizienzgewinne ermöglichen, gleichzeitig aber Energiebedarf und Abhängigkeiten reduzieren. Am eigenen Beispiel zeigt IBM, dass sich Automatisierung, Hybrid-Cloud-Architekturen und KI auch produktivitätssteigernd einsetzen lassen. „Digitale Souveränität bedeutet nicht Abschottung, sondern bewusste Architekturentscheidungen“, so Porak.

Warnung vor staatlicher Abschottung

Ein weiterer Hebel liegt aus Sicht der Diskussionsteilnehmer:innen im öffentlichen Beschaffungswesen. Martin Schiefer, CEO von Schiefer Rechtsanwälte, plädiert für einen strategischeren Umgang mit Vergaben. Vergaberecht sei kein Instrument des Protektionismus, sondern ein Wirtschaftsmotor. Es gehe darum, europäischen und österreichischen Champions Referenzen zu geben, damit sie im globalen Wettbewerb bestehen können.

Europa dürfe nicht den Fehler machen, technologische Souveränität mit staatlicher Abschottung zu verwechseln. Wenn man glaube, den Rückstand zu China oder den USA aufholen zu können, indem man sich abschottet, verliere man endgültig den Anschluss, warnt Schiefer. Statt isolierter Rechenzentrumsstrategien brauche es offene, partnerschaftliche Modelle – allerdings unter klar definierten europäischen Regeln.

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(v.l.) Antonia Riva-Frizberg, Theresa Kohl, Johanna Marie Reinedahl und Sara Kapeller sind für den Bierlein-Preis 2026 nominiert.

Der Brigitte-Bierlein-Frauenpreis geht 2026 in die zweite Runde. Er zeichnet Frauen unter 35 für unternehmerische oder innovative Leistungen mit Österreichbezug aus. Aus rund 100 Bewerbungen haben das Wirtschaftsministerium (BMWET) und die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) 35 junge Frauen in die Shortlist aufgenommen, darunter Gründerinnen, Forscherinnen und Führungskräfte.

Die Preisträgerinnen werden mit je 5.000 Euro in drei Kategorien prämiert: „Entrepreneurship, Führungskräfte & Nachfolge“, „Forschung, Innovation & Transfer“ sowie mit dem „Maria-Rauch-Kallat-Ehrenpreis für gesellschaftlichen Impact & Role Model“. Beim Ehrenpreis kommt zusätzlich ein Mentoring-Platz im „WoMentoring“-Programm des club alpha hinzu.

Unter den Nominierten sind auch mehrere Startup-Gründerinnen:

Antonia Riva-Frizberg (Lumetry): Lungenmonitoring für zu Hause

Riva-Frizberg gründete im März 2022 gemeinsam mit Christian Neubauer das Grazer Medtech Lumetry Diagnostics. Das Startup entwickelt Geräte, mit denen Patient:innen mit chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen oder Asthma ihre Lungenvitalität zu Hause messen können. Langfristig will man auch Menschen mit Lungenentzündungen oder Long Covid helfen. 2023 sammelte das Team ein sechsstelliges Investment „weit über eine halbe Million“ ein. Prototypen gibt es bereits, gelauncht soll das Produkt laut Website noch 2026 werden.

Vor der Gründung war Riva-Frizberg unter anderem bei der Innovations-Beratung Pioneers als auch beim Zyklustracker-Startup breathe ilo beschäftigt, das 2023 Konkurs anmeldete.

Das Produkt soll noch 2026 gelauncht werden. © Lumetry

Theresa Kohl (DiLT Analytics): Energie sparen mit Gebäude-Software

Kohl ist Mitgründerin und CEO von DiLT Analytics, einem 2021 gegründeten Spin-off der TU Graz. Die Software soll Ineffizienzen in Gebäuden sowie in Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen erkennen und den Energieverbrauch senken. Aktuell entwickelt das Team sein neues Produkt „FaciliMind“, eine KI-basierte Softwareplattform zur datenbasierten Optimierung von Energieeffizienz und Betriebskosten in Gebäuden. Das System benötigt laut eigenen Angaben keine neuen Sensoren, sondern dockt an bestehende Leitsysteme an und deckt dort Fehlsteuerungen auf.

Unterstützt wurde das Startup unter anderem durch FFG-Förderungen und konnte bereits Pilotprojekte mit Partnern wie der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) umsetzen. Vor der Gründung war Kohl unter anderem bei AEE – Institut für Nachhaltige Technologien und als Projekt- und Innovationsmanagerin bei der Energie Agentur Steiermark tätig.

Johanna Marie Reinedahl (WeGait): Exoskelett für die Reha

Reinedahl ist Gründerin und Geschäftsführerin der WeGait FlexCo. Das Robotik-Startup entwickelt ein Exoskelett für die Gangrehabilitation nach Schlaganfall oder Rückenmarksverletzung, das Abläufe in Rehazentren effizienter machen soll. Unter dem ehemaligen Namen Nexo Skeleton wurde das Startup als eine der ersten beiden Beteiligungen von WU Ignite Ventures aufgenommen.

Im Juli 2026 benannte man sich in WeGait um. Reinedahl war vor der Gründung außerdem ein Jahr als Venture Capital Investment Analyst bei Arax Capital Partners tätig.

Sara Kapeller (twistor): Schneeräumung per System

Kapeller gründete 2025 die twistor GmbH im Vorarlberger Bludenz. Den Anstoß dazu gab eine persönliche Erfahrung: Eine tonnenschwere Dachlawine ging direkt von dem Haus ihres Großvaters ab. Daraufhin entwickelte sie ein automatisiertes Schneeräumungssystem für Gebäude und Photovoltaikanlagen, das laut Unternehmensangaben seit 2024 patentiert ist.

Die Lösung richtet sich vor allem an Eigentümer:innen von PV-Anlagen in schneereichen Regionen. Der doppelte Vorteil: Die kontrollierte Räumung beugt nicht nur gefährlichen Personen- und Sachschäden vor, sondern sichert auch in den Wintermonaten den Stromertrag der Solarmodule. Das System ist nach Firmenangaben bereits serienreif und unter anderem auf dem Dach der Aletsch Arena auf der Schweizer Riederalp im Einsatz.

Der twistor befreit Dächer und PV-Anlagen von Schneemassen. © twistor

Die Preisverleihung findet am 7. Dezember 2026 statt.

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