03.10.2025
COVERSTORY

Dieter Grebner: „Wir produzieren in Europa mit mehr Qualität, schneller und günstiger als in den USA.“

Vom Motorsport in die Raumfahrt: Peak Technology aus Oberösterreich liefert Hightech-Bauteile für Formel-1-Teams und europäische Satellitenprogramme – und will Europa im globalen Space-Wettlauf stärken. Gründer Dieter Grebner fordert mehr Entschlossenheit in Europas Raumfahrtpolitik – und zeigt, wie ein „Hidden Champion“ aus Holzhausen internationale Spitzenplätze erobert.
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Peak-Technology-Gründer Dieter Grebner ist auch Austrospace-Präsident. | (c) Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.

Was in einer ehemaligen Tischlerei begann, ist heute Hightech für Formel-1-Teams und europäische Raumfahrtmissionen: Peak Technology mit Sitz in Holzhausen in Oberösterreich entwickelt und produziert hochpräzise Leichtbau- und Verbundlösungen – diese müssen unter härtesten Bedingungen bestehen. Zu den Kunden zählen unter anderem Red Bull Racing oder die European Space Agency (ESA). Das Geschäft erfordert Tempo, Präzision und mutige Entscheidungen. Gründer und CEO Dieter Grebner erwartet das auch in der Standortpolitik: Er drängt darauf, dass Österreich und Europa ihre Raumfahrt-Standorte entschlossener ausbauen. Damit ließen sich hierzulande langfristig hochwertige Arbeitsplätze sichern.


Ein Hidden Champion in Holzhausen

Bauernhöfe, Felder und am Rand der Ortschaft ein Gewerbepark: Holzhausen in Oberösterreich ist landwirtschaftlich geprägt. In einer modernen Halle – von außen unscheinbar – sitzt aber ein Hidden Champion der Raumfahrtindustrie in Österreich. Wer den Namen Peak Technology nicht kennt, würde es von außen kaum vermuten; am Eingang befindet sich ein verglastes Stiegenhaus, die Glasfront ist mit Werten des Unternehmens beschriftet: „Technik“, „Schubkraft“, „Forschungstrieb“, „Menschen“ – und mit der Zahl „9,58“.

Drinnen tragen die Besprechungsräume die Namen „Le Mans“ und „Monza“ – ein Hinweis auf die Herkunft und das erste Standbein von Peak Technology: den Motorsport. „9,58 steht für Tempo und Entscheidungsfreude“, sagt Gründer und CEO Dieter Grebner. Die Zahl ist eine Anlehnung an die 100-Meter-Bestzeit des jamaikanischen Sprinters und achtfachen Olympiasiegers Usain Bolt. Sie soll laut Grebner daran erinnern, dass es für wirtschaftlichen Erfolg schnelle Entscheidungen braucht.

Die Anfänge im Motorsport

Schon als Jugendlicher träumte der 1977 geborene Salzburger davon, Autos, Flugzeuge und Hubschrauber zu bauen. Der Gedanke, Unternehmer zu werden, spielte damals noch keine Rolle – es war die Begeisterung für Technik, die ihn antrieb und ihn schließlich an die Fachhochschule München führte. Während des Studiums der Fahrzeugtechnik machte er bereits Praktika als Mechaniker; unter anderem in einem österreichischen Formula-Ford-Team. Von 2001 bis 2002 arbeitete er in Hinwil in der Schweiz für die Sauber Motorsport AG: Als „Design Engineer“ beschäftigte er sich mit der Konstruktion und Entwicklung von Getriebe- und Fahrwerkskomponenten.

(c) Antje Wolm

2002 wechselte Grebner nach Bayern zur Modell- und Formenbau Blasius Gerg GmbH. Das familiengeführte Unternehmen ist ein High-End-Zulieferer für die Automobil- und Luftfahrtindustrie. Im Alter von 25 Jahren baute Grebner dort eine eigene Abteilung für Faser- und Verbundwerkstoffe auf – „von null auf 35 Leute“, wie er anmerkt. In dieser Zeit sammelte er wertvolles technisches und organisatorisches Know-how, das die Basis für die Gründung von Peak Technology bildete.

2006 wechselte Grebner in die Konzernwelt zu Fischer Ski. Schnell merkte er: „Das Konzernleben war überhaupt nicht Meines. Die Entscheidungswege dauerten mir zu lange.“ Der Entschluss, eigene Wege zu gehen, reifte rasch. 2007 gründete er Peak Technology.

Die ersten Jahre arbeitete das Team in einer ehemaligen Tischlerei in Buchkirchen nahe Wels. 2013 wechselte Peak Technology an den heutigen Produktionsstandort im nah gelegenen Ort Holzhausen. „Die Standortwahl war eine sehr strategische Entscheidung“, so Grebner: Der Großraum Wels ist über drei Autobahnen für Mitarbeiter:innen aus ganz Oberösterreich gut erreichbar. In einer lichtdurchfluteten Halle entstehen hochkomplexe Strukturbau­teile für Raumfahrt und Motorsport. In einem Bereich reihen sich modernste CNC-Fräsmaschinen aneinander, bereit für Präzisionsarbeit im Mikrometerbereich. Neben den Produktionsräumen befinden sich verglaste Lichthöfe, in denen sattgrüne Pflanzen wachsen – ein unerwarteter Kontrast zwischen Hightech-Maschinen und Natur. Mit einem Strahlen im Gesicht führt der Gründer durch das Gebäude und bleibt vor einer großen Box stehen: „Hier bauen wir beispielsweise die Abdeckung für die Batteriebox eines Formel-1-Autos für die Saison 2026.“

(c) Antje Wolm

Rund zehn Jahre dominierten bei Peak Technology Projekte im Motorsport – zuerst die deutsche Rennsportserie DTM, später folgten auch Aufträge für die Formel 1. Zu den Kunden zählen einige der erfolgreichsten Formel-1-Teams, etwa jene von Red Bull oder Mercedes. Der Sport erfordert Geschwindigkeit in der Produktion und bringt eine straffe Auftragslage mit Lastspitzen mit sich. „Motorsport ist unendlicher Druck – der Kunde ruft dreimal am Tag an, abends noch mal: ‚Es muss schneller gehen!‘“ Und: „Ein Engpass ist immer da.“ Den Takt gibt nicht nur die Logistik vor, sondern vor allem der Rennkalender: „Wenn im März gefahren wird, muss alles fertig sein – verschieben geht nicht.“

Raumfahrt als strategisches Wachstumsfeld

Ab 2015 prüfte Grebner gemeinsam mit seinen beiden Co-Geschäftsführern Philipp Staudinger und Matthias Lechner strategisch neue Geschäftsfelder. Sie beschäftigten sich intensiv mit elektrifizierter Luftfahrt (eVTOL) und Raumfahrt. Erste eVTOL-Initiativen in Europa starteten mit viel Rückenwind, verloren jedoch rasch an Fahrt und blieben hinter den Erwartungen zurück. „In die Raumfahrt haben wir uns dann verbissen und gesagt: ‚Das ziehen wir jetzt durch, trotz aller Anfangsschmerzen‘“, so Grebner.

Los ging es für Peak Technology im Raumfahrtbereich zunächst mit kleineren Aufträgen zur Materialuntersuchung. Dann folgte der erste große Meilenstein: ein Fertigungsauftrag über die European Space Agency (ESA) für einen Hitzeschutzschild der Vega-Rakete. Die vierstufige Trägerrakete ist dazu konzipiert, kleinere bis mittelgroße Satelliten in niedrige Erdumlaufbahnen zu bringen. Hauptauftragnehmer ist das italienische Unternehmen Avio, das die Rakete produziert. In diesem Umfeld liefert Peak seit Jahren regelmäßig mehrere Hitzeschilde pro Jahr. Der Erstflug eines Peak-Bauteils im Jahr 2019 fiel allerdings ausgerechnet mit einem Fehlstart der Vega-Rakete zusammen. „Unser erstes Raumfahrt-Bauteil flog beim Absturz der Vega mit – großartiger Start, oder?“, erinnert sich Grebner.

(c) Antje Wolm

Doch der entscheidende Durchbruch im Raumfahrtgeschäft für Peak Technology sollte bald folgen: mit Xenon-Treibstofftanks für die nächste Generation von Galileo-Satelliten. Galileo ist Europas eigenes Satellitennavigationssystem, das die Abhängigkeit vom US-basierten GPS-System verringern soll. Die Tanks sind Teil eines Ionenantriebs. Dieser hält die Satelliten in 36.000 Kilometer Höhe über viele Jahre präzise in ihrer Position. „Der Auftrag hat uns technologisch auf das Niveau gebracht, auf dem wir heute sind“, so Grebner.

Parallel zur Arbeit an Galileo kooperiert Peak Technology mit dem Münchner Spacetech-Scale-up Isar Aerospace rund um den österreichischen Gründer und CEO Daniel Metzler. Sein Team bezieht von Peak Technology Heliumspeicher für das Drucksystem. Zudem unterstützte Peak Technology die Strukturentwicklung der Rakete.

Beim Erstflug der sogenannten Spectrum-Rakete am 30. März 2025 waren auch Peak-Tanks an Bord. Zwar endete der Flug nach rund 30 Sekunden in einem Absturz, doch zentrale Missionsziele wie die Validierung des Startsystems wurden erreicht. Unter Raumfahrt-Expert:innen gilt dieser Erstflug als Meilenstein für die private Raumfahrt in Europa. Es handelte sich um den ersten Start einer kommerziellen Orbitalrakete von Kontinentaleuropa aus. Isar Aerospace zählt zu den Aushängeschildern der europäischen Spacetech-Szene. Für seinen Wachstumskurs sammelte das Unternehmen insgesamt über 400 Millionen Euro an Risikokapital ein.

Finanzierung von Peak Technology

Wie finanziert sich Peak Technology seit seiner Gründung? Bis 2024 aus dem laufenden Geschäft – ohne Risikokapital. „Der Einstieg in die Raumfahrt hat jedoch massiv Eigenkapital aufgefressen“, so Grebner. Um Wachstum, Forschung und Entwicklung (F&E) sowie Working Capital zu sichern, holte er im März 2024 die deutsche Beteiligungsgesellschaft Hannover Finanz als Investor an Bord. Insgesamt flossen für 38 Prozent der Anteile zehn Millionen Euro an Kapital in das Unternehmen. Grebner hält die restlichen 62 Prozent.

Warum kein österreichischer Investor? In Österreich gebe es im Finanzsektor „zu wenig Verständnis für Raumfahrt“, sagt Grebner. Dementsprechend habe er sich in Deutschland nach einem Investor umsehen müssen. Der Prozess startete Anfang 2023 und zog sich knapp ein Jahr; länger als gedacht. „Wenn du einem potenziellen Investor erklären musst, wie der typische Entwicklungszyklus der Raumfahrt funktioniert, und wenn jemand eine Rakete nicht von einem Satelliten unterscheiden kann, dauert das Fundraising einfach viel zu lange.“

2024 erwirtschaftete Peak Technology mit seinen über 150 Mitarbeiter:innen eine Betriebsleistung von 24 Millionen Euro. Zwei Drittel entfallen auf die Raumfahrt und ein Drittel auf den Motorsport. „Das nächste Etappenziel sind 50 Millionen Umsatz – realistisch bis 2030“, so Grebner. Als klassisches Startup sieht er seine Firma allerdings nicht: „Ich würde uns eher als ein agiles Industrieunternehmen bezeichnen.“

(c) Antje Wolm

Standortstrategie und Politik

Neben seiner Rolle als CEO von Peak Technology engagiert sich Grebner auch als Präsident von Austrospace, dem Verband der österreichischen Raumfahrtindustrie. Hier bündeln teilnehmende Unternehmen und Forschungseinrichtungen ihre Interessen und vertreten die Branche auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. In seiner Funktion setzt sich Grebner für die strategische Positionierung des gesamten Raumfahrtsektors ein: „Wir sprechen hier von einem Sektor mit zweistelligen Wachstumsraten, in dem wir realistische Chancen haben, im globalen Wettbewerb mitzuhalten.“

Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Economica zeigt: Der Weltraumsektor generierte in Österreich 2024 eine Bruttowertschöpfung von rund 198 Millionen Euro – bei etwa 150 Unternehmen und 1.300 Beschäftigten. Grebner merkt an: „Wir haben in Österreich in den vergangenen Jahren den Anteil der Industrieunternehmen im Austrospace-Netzwerk verdoppelt.“ Teil des Netzwerks sind auch Spacetech-Startups wie beispielsweise Enpulsion oder Gatespace.

Wie groß der Abstand zu etablierten Leitbranchen noch ist, zeigt ein Blick auf die Automobilwirtschaft: Sie hatte 2023 laut dem Fachverband der Fahrzeugindustrie eine Bruttowertschöpfung von rund 18,6 Milliarden Euro. „Wir werden nie so viele Jobs schaffen wie die Automobilindustrie – der Markt für Raumfahrt ist kleiner. Aber wir können einen Teil der Verluste in anderen Branchen abfedern und neue Kompetenzfelder aufbauen“, so Grebner.

Ein politischer Impuls aus Wien

Genau in diese Richtung zielt auch eine Entscheidung aus dem Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur (BMIMI): Österreich erhöht seinen Beitrag zum Drei-Jahres-Budget der ESA von 260 Millionen Euro auf bis zu 320 Millionen Euro – im Rahmen der Industriestrategie 2035. Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) betonte Mitte Mai, die Weltraumforschung sei „ein Stück weit eine Trägerrakete für den Standort Österreich“. Mit gezielter Schwerpunktsetzung und strategischen Investitionen will sein Ressort in den nächsten Jahren die Rolle heimischer Unternehmen als wichtige Zulieferer im europäischen Raumfahrt-Ökosystem weiter stärken.

Für Grebner ist das ein Schritt in die richtige Richtung – aber bei Weitem nicht ausreichend: Um im internationalen Wettbewerb mitzuhalten, müsse Europa den strategischen Wert der Raumfahrt stärker anerkennen und seine Investitionen entsprechend ausbauen. Das Potenzial sei da, werde in Österreich bislang aber nicht konsequent genug genutzt. „In einem Wachstumsfeld mit Top-Arbeitsplätzen Potenzial liegen zu lassen ist ein Fehler“, meint Grebner. Gerade bei ESA-Aufträgen gelte: Wenn Staaten mehr investieren, bekommen sie über ESA-Aufträge auch mehr zurück. „Das, was über die ESA ins Land fließt, ist nur ein Teil des Effekts – es ist ein Enabler, der Technologien ermöglicht, mit denen wir hier Wertschöpfung generieren.“

Europa braucht Entscheidungswillen

Internationale Vergleiche bestärken Grebner in dieser Haltung: Pro Kopf investieren die USA rund zweimal so viel in die Raumfahrt wie Europa. In Amerika ist Raumfahrt präsent, man versteht, wie wichtig eigene Systeme für Souveränität, Sicherheit und wirtschaftliche Entwicklung sind. „Europa müsse diese Schieflage überwinden und entschlossener handeln, um in einem globalen Wachstumsmarkt mit zweistelligen Zuwachsraten dauerhaft konkurrenzfähig zu bleiben“, so Grebner.

(c) Antje Wolm

Seit Kurzem liefert Peak Technology auch in die USA. Die Erfahrung dort hat Grebners Blick auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit noch einmal geschärft. Sein selbstbewusstes Fazit: „Wir produzieren in Europa mit mehr Qualität, schneller und günstiger als in den USA. Ein normaler Produktionsbetrieb funktioniert bei uns wesentlich besser als drüben.“ Das liege nicht nur an den niedrigeren Lohnkosten, sondern auch an eingespeisten Strukturen, langjähriger Erfahrung und einer hohen Mitarbeiterbindung.

In Europa bleiben Fachkräfte oft viele Jahre in einem Unternehmen, kennen die Prozesse in- und auswendig und bringen dadurch eine Stabilität in die Produktion, die in den USA schwer zu erreichen sei. Gleichzeitig warnt er davor, den Blick über den Atlantik nur von einzelnen Ausnahmeerscheinungen prägen zu lassen: „Wir sollten uns in Europa nicht von ein paar Leuchttürmen wie SpaceX oder Tesla verunsichern lassen.“ Zwar gebe es in Europa das Problem, dass viele Einzelinteressen unter einen Hut gebracht werden müssten, was die Steuerung von EU und ESA erschwere. In den USA sei das teils einfacher, aber: „Dafür verstecken brauchen wir uns nicht.“

In Holzhausen hängt die Zahl „9,58“ nicht zufällig prominent am Eingang von Peak Technology. Für Grebner ist es ein Prinzip, das Peak Technology groß gemacht hat: Entscheidungen zügig zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und Chancen zu nutzen, solange sie da sind. „Nichts zu tun und nicht zu entscheiden ist der Tod eines Unternehmens“ – genau diese Haltung wünscht er sich auch von der Politik. „Man kann lange diskutieren, ob es genug ist oder mehr braucht – oder man entscheidet und setzt um. In der Raumfahrt gibt es jetzt den Momentum, das wir nutzen können. Wenn wir warten, ist es weg.“


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Florian Haas (EY) und Daniela Haunstein (invest.austria) | Foto: EY & invest.austria

„Internationale Investor:innen sind zurück – und zwar nicht nur symbolisch, sondern mit substanziellen Tickets“, sagt Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich. Nach dem „Start-up-Barometer“ vor zwei Wochen (brutkasten berichtete) veröffentlichte EY nun gemeinsam mit invest.austria auch das „Start-up Investment Barometer“ für das erste Halbjahr, das noch detailliertere Zahlen zu den Investor:innen der Finanzierungsrunden liefert.

„Der Vergleich zum Vorjahr zeigt eine massive Verschiebung: 2025 wurde der Markt noch stark von heimischen und gemischten Investor:innengruppen getragen, 2026 kommt der Großteil des Kapitals wieder aus rein internationalen Runden. Das ist ein starkes Vertrauenssignal für die Qualität österreichischer Startups und für die internationale Wahrnehmung des Standorts“, erklärt Haas.

64 Prozent des Investment-Volumens aus dem Ausland

Wie bereits im „Start-up Barometer“ zu lesen, verzeichnete der österreichische Venture-Capital-Markt in den ersten sechs Monaten des Jahres eine deutliche Erholung: Das Gesamtfinanzierungsvolumen stieg im Vergleich zur Vorjahresperiode um 329 Prozent auf 472 Millionen Euro an, während die Zahl der Finanzierungsrunden mit 97 Abschlüssen einen neuen historischen Höchstwert erreichte.

Die detaillierte Analyse der Investorendaten zeigt nun, dass dieser Aufschwung in erster Linie durch ausländisches Kapital getragen wird. So flossen im ersten Halbjahr 2026 mindestens 300 Millionen Euro beziehungsweise 64 Prozent der Gesamtsumme von rein internationalen Investor:innengruppen nach Österreich – im ersten Halbjahr 2025 waren es lediglich rund 21 Millionen Euro beziehungsweise 27 Prozent gewesen. Der Anteil rein österreichischer Investorengruppen am Investitionsvolumen sank im selben Zeitraum von 17 auf nur noch fünf Prozent.

„Je größer die Finanzierungsrunde, desto internationaler wird die Kapitalbasis“

Trotz des gestiegenen Anteils an internationalem Kapital bilden inländische Investor:innen weiterhin das quantitative Fundament des österreichischen Ökosystems. Heimische Geldgeber waren an mindestens 61 der 97 registrierten Finanzierungsrunden (63 Prozent) beteiligt. Zudem wurden 39 Abschlüsse (40 Prozent) ausschließlich von österreichischen Kapitalgeber:innen finanziert. Auch personell stellen heimische Akteure die stärkste Gruppe: Von den mindestens 230 namentlich bekannten Investor:innen haben 116 (50 Prozent) ihren Hauptsitz in Österreich, gefolgt von Deutschland mit 49 (21 Prozent) und der Schweiz mit elf Geldgeber:innen.

Doch die Studie kommt einmal mehr zum Ergebnis: Mit steigenden Finanzierungssummen nimmt die Präsenz österreichischer Investor:innen kontinuierlich ab. Bei kleineren Deals bis zu einer Million Euro stellen sie noch 74 Prozent aller beteiligten Geldgeber:innen, bei mittelgroßen Runden (1,1 bis zehn Millionen Euro) sinkt der Wert auf 36 Prozent und bei Großfinanzierungen über zehn Millionen Euro liegt der heimische Anteil bei lediglich rund 13 Prozent. Im ersten Halbjahr 2025 lag dieser Anteil bei Deals über zehn Millionen Euro noch bei rund 80 Prozent. In der aktuellen Berichtsperiode kamen sieben der zehn größten Finanzierungsrunden ohne jegliche Beteiligung österreichischer Investor:innen zustande.

Daniela Haunstein, Managing Director von invest.austria, ordnet diese Abhängigkeit ein: „Die Zahlen zeigen sehr deutlich, dass internationales Kapital wieder bereit ist, größere Wachstumsfinanzierungen in Österreich zu begleiten. Das ist eine erfreuliche Entwicklung und ein wichtiges Signal für den Standort. Gleichzeitig macht die Analyse aber auch sichtbar, dass Österreich bei großen Finanzierungsrunden weiterhin stark von ausländischem Kapital abhängig ist. Um langfristig mehr Wertschöpfung, Wachstum und Skalierung im Inland zu ermöglichen, müssen wir zusätzliche heimische Kapitalquellen erschließen.“ Gerade institutionelle Investor:innen wie Pensionskassen, Versicherungen und Stiftungen würden dabei eine zentrale Rolle spielen. Deshalb sei die rasche und ambitionierte Umsetzung des angekündigten Dachfonds ein wichtiger Schritt, um privates Kapital stärker für Innovation und Unternehmertum zu mobilisieren.

„Flywheel-Effekt“

Diese ausgeprägte Abhängigkeit von ausländischen Kapitalgebern bei großen Runden birgt laut invest.austria langfristige Nachteile für das Ökosystem, die sich insbesondere bei Unternehmensverkäufen bemerkbar machen. Im ersten Halbjahr 2026 stachen neben den Finanzierungsrunden auch erfolgreiche Exits wie jener des oberösterreichischen Haustier-Tracking-Spezialisten Tractive oder die Übernahme des Linzer AI-Startups Emmi AI hervor.

Daniela Haunstein warnt jedoch davor, die Wertschöpfung solcher Exits ins Ausland zu verlieren, falls heimische Geldgeber bei der Skalierung außen vor bleiben: „Internationale Investor:innen bringen nicht nur Kapital, sondern auch Netzwerke, Erfahrung und Marktzugang. Österreichische Startups profitieren davon enorm. Gleichzeitig sollte es unser Ziel sein, künftig mehr dieser Wachstumsfinanzierungen gemeinsam mit heimischen Investor:innen darzustellen. Warum das so wichtig ist, zeigt sich ganz besonders im Exit-Fall: Wenn Aushängeschilder wie Tractive oder zuletzt Emmi AI erfolgreich verkauft werden, fließt das Geld nur dann in unseren Kreislauf zurück, wenn heimische Geldgeber:innen an Bord waren.“ Diese würden das freigewordene Kapital durch neue Investments wieder in das System zurückspielen – ein „Flywheel-Effekt“, der in anderen Startup-Nationen längst als Erfolgsmotor diene. „Je stärker unsere heimische Investor:innenlandschaft also wird, desto mehr Wertschöpfung und Know-how können wir durch diesen Kreislauf langfristig im Land halten“, so Haunstein.

Künstliche Intelligenz etabliert sich als zweitstärkster Sektor

Neben der Herkunft des Kapitals zeigt die Studie klare thematische Schwerpunkte im Verhalten der Investor:innen, wobei Künstliche Intelligenz (AI) eine herausragende Rolle einnimmt. Im ersten Halbjahr 2026 flossen insgesamt 93 Millionen Euro an österreichische Startups mit einem KI-Schwerpunkt. Dies entspricht dem zweithöchsten je in einem Halbjahr registrierten Wert seit Beginn der Auswertungen im Jahr 2023 – nur im ersten Halbjahr 2024 lag die Summe mit 117 Millionen Euro noch höher. Insgesamt entfielen 30 der 97 Finanzierungsrunden (31 Prozent) auf Unternehmen mit KI-Bezug.

Laut Florian Haas investieren Kapitalgeber in diesem Segment zunehmend zielgerichteter: „Künstliche Intelligenz ist der zentrale Innovationstreiber in nahezu allen Branchen. Investor:innen investieren heute nicht mehr nur in die Technologie selbst, sondern vor allem in konkrete Anwendungsfälle mit skalierbaren Geschäftsmodellen. Österreichische Startups können hier mit starken Lösungen in Bereichen wie Health, Cybersecurity, Enterprise Software oder Industrial Tech punkten“.

Die internationale Sichtbarkeit heimischer Entwicklungen werde zudem durch den Emmi-AI-Exit bestärkt: „Die erfolgreiche Übernahme von Emmi AI durch Mistral hat international für viel Aufmerksamkeit gesorgt und zeigt, dass Österreich im Bereich Künstliche Intelligenz nicht nur innovative Technologien hervorbringt, sondern Unternehmen mit internationaler Relevanz aufbauen kann. Solche Erfolgsgeschichten schaffen Sichtbarkeit, stärken das Vertrauen von Investor:innen und setzen wichtige Signale für die nächste Generation von AI-Gründer:innen“, so Haas.

Nachhaltigkeit: „Kapitalintensive und größere Wachstumstickets“

Ein noch größeres Finanzierungsvolumen als der KI-Bereich konnte das Querschnittsthema Nachhaltigkeit (Sustainability) für sich verbuchen. Mit insgesamt 170 Millionen Euro floss im ersten Halbjahr 2026 mehr als jeder dritte investierte Euro (36 Prozent) in Startups mit Nachhaltigkeitsbezug. Dies stellt laut der Studie den mit Abstand höchsten Betrag seit Beginn der Untersuchungen im Jahr 2022 dar.

Gleichzeitig steht diesem Rekordvolumen eine vergleichsweise geringe Anzahl an Transaktionen gegenüber: Lediglich 14 der 97 Finanzierungsrunden (14 Prozent) entfielen auf diesen Bereich. Florian Haas erklärt dieses Phänomen mit den spezifischen technologischen Anforderungen des Sektors: „Im Nachhaltigkeitsbereich beobachten wir, dass Investor:innen sehr gezielt in Unternehmen investieren, die bereits eine gewisse Größenordnung erreicht haben und Lösungen für zentrale Transformationsherausforderungen entwickeln. Themen wie nachhaltiges Bauen, Energie, Batterietechnologie oder Dekarbonisierung sind häufig kapitalintensiv und erfordern größere Wachstumstickets.“ Entsprechend konzentriere sich ein erheblicher Teil des verfügbaren Kapitals auf vergleichsweise wenige Unternehmen mit hohem Skalierungspotenzial und internationaler Relevanz.

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