03.10.2025
COVERSTORY

Dieter Grebner: „Wir produzieren in Europa mit mehr Qualität, schneller und günstiger als in den USA.“

Vom Motorsport in die Raumfahrt: Peak Technology aus Oberösterreich liefert Hightech-Bauteile für Formel-1-Teams und europäische Satellitenprogramme – und will Europa im globalen Space-Wettlauf stärken. Gründer Dieter Grebner fordert mehr Entschlossenheit in Europas Raumfahrtpolitik – und zeigt, wie ein „Hidden Champion“ aus Holzhausen internationale Spitzenplätze erobert.
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Peak-Technology-Gründer Dieter Grebner ist auch Austrospace-Präsident. | (c) Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.

Was in einer ehemaligen Tischlerei begann, ist heute Hightech für Formel-1-Teams und europäische Raumfahrtmissionen: Peak Technology mit Sitz in Holzhausen in Oberösterreich entwickelt und produziert hochpräzise Leichtbau- und Verbundlösungen – diese müssen unter härtesten Bedingungen bestehen. Zu den Kunden zählen unter anderem Red Bull Racing oder die European Space Agency (ESA). Das Geschäft erfordert Tempo, Präzision und mutige Entscheidungen. Gründer und CEO Dieter Grebner erwartet das auch in der Standortpolitik: Er drängt darauf, dass Österreich und Europa ihre Raumfahrt-Standorte entschlossener ausbauen. Damit ließen sich hierzulande langfristig hochwertige Arbeitsplätze sichern.


Ein Hidden Champion in Holzhausen

Bauernhöfe, Felder und am Rand der Ortschaft ein Gewerbepark: Holzhausen in Oberösterreich ist landwirtschaftlich geprägt. In einer modernen Halle – von außen unscheinbar – sitzt aber ein Hidden Champion der Raumfahrtindustrie in Österreich. Wer den Namen Peak Technology nicht kennt, würde es von außen kaum vermuten; am Eingang befindet sich ein verglastes Stiegenhaus, die Glasfront ist mit Werten des Unternehmens beschriftet: „Technik“, „Schubkraft“, „Forschungstrieb“, „Menschen“ – und mit der Zahl „9,58“.

Drinnen tragen die Besprechungsräume die Namen „Le Mans“ und „Monza“ – ein Hinweis auf die Herkunft und das erste Standbein von Peak Technology: den Motorsport. „9,58 steht für Tempo und Entscheidungsfreude“, sagt Gründer und CEO Dieter Grebner. Die Zahl ist eine Anlehnung an die 100-Meter-Bestzeit des jamaikanischen Sprinters und achtfachen Olympiasiegers Usain Bolt. Sie soll laut Grebner daran erinnern, dass es für wirtschaftlichen Erfolg schnelle Entscheidungen braucht.

Die Anfänge im Motorsport

Schon als Jugendlicher träumte der 1977 geborene Salzburger davon, Autos, Flugzeuge und Hubschrauber zu bauen. Der Gedanke, Unternehmer zu werden, spielte damals noch keine Rolle – es war die Begeisterung für Technik, die ihn antrieb und ihn schließlich an die Fachhochschule München führte. Während des Studiums der Fahrzeugtechnik machte er bereits Praktika als Mechaniker; unter anderem in einem österreichischen Formula-Ford-Team. Von 2001 bis 2002 arbeitete er in Hinwil in der Schweiz für die Sauber Motorsport AG: Als „Design Engineer“ beschäftigte er sich mit der Konstruktion und Entwicklung von Getriebe- und Fahrwerkskomponenten.

(c) Antje Wolm

2002 wechselte Grebner nach Bayern zur Modell- und Formenbau Blasius Gerg GmbH. Das familiengeführte Unternehmen ist ein High-End-Zulieferer für die Automobil- und Luftfahrtindustrie. Im Alter von 25 Jahren baute Grebner dort eine eigene Abteilung für Faser- und Verbundwerkstoffe auf – „von null auf 35 Leute“, wie er anmerkt. In dieser Zeit sammelte er wertvolles technisches und organisatorisches Know-how, das die Basis für die Gründung von Peak Technology bildete.

2006 wechselte Grebner in die Konzernwelt zu Fischer Ski. Schnell merkte er: „Das Konzernleben war überhaupt nicht Meines. Die Entscheidungswege dauerten mir zu lange.“ Der Entschluss, eigene Wege zu gehen, reifte rasch. 2007 gründete er Peak Technology.

Die ersten Jahre arbeitete das Team in einer ehemaligen Tischlerei in Buchkirchen nahe Wels. 2013 wechselte Peak Technology an den heutigen Produktionsstandort im nah gelegenen Ort Holzhausen. „Die Standortwahl war eine sehr strategische Entscheidung“, so Grebner: Der Großraum Wels ist über drei Autobahnen für Mitarbeiter:innen aus ganz Oberösterreich gut erreichbar. In einer lichtdurchfluteten Halle entstehen hochkomplexe Strukturbau­teile für Raumfahrt und Motorsport. In einem Bereich reihen sich modernste CNC-Fräsmaschinen aneinander, bereit für Präzisionsarbeit im Mikrometerbereich. Neben den Produktionsräumen befinden sich verglaste Lichthöfe, in denen sattgrüne Pflanzen wachsen – ein unerwarteter Kontrast zwischen Hightech-Maschinen und Natur. Mit einem Strahlen im Gesicht führt der Gründer durch das Gebäude und bleibt vor einer großen Box stehen: „Hier bauen wir beispielsweise die Abdeckung für die Batteriebox eines Formel-1-Autos für die Saison 2026.“

(c) Antje Wolm

Rund zehn Jahre dominierten bei Peak Technology Projekte im Motorsport – zuerst die deutsche Rennsportserie DTM, später folgten auch Aufträge für die Formel 1. Zu den Kunden zählen einige der erfolgreichsten Formel-1-Teams, etwa jene von Red Bull oder Mercedes. Der Sport erfordert Geschwindigkeit in der Produktion und bringt eine straffe Auftragslage mit Lastspitzen mit sich. „Motorsport ist unendlicher Druck – der Kunde ruft dreimal am Tag an, abends noch mal: ‚Es muss schneller gehen!‘“ Und: „Ein Engpass ist immer da.“ Den Takt gibt nicht nur die Logistik vor, sondern vor allem der Rennkalender: „Wenn im März gefahren wird, muss alles fertig sein – verschieben geht nicht.“

Raumfahrt als strategisches Wachstumsfeld

Ab 2015 prüfte Grebner gemeinsam mit seinen beiden Co-Geschäftsführern Philipp Staudinger und Matthias Lechner strategisch neue Geschäftsfelder. Sie beschäftigten sich intensiv mit elektrifizierter Luftfahrt (eVTOL) und Raumfahrt. Erste eVTOL-Initiativen in Europa starteten mit viel Rückenwind, verloren jedoch rasch an Fahrt und blieben hinter den Erwartungen zurück. „In die Raumfahrt haben wir uns dann verbissen und gesagt: ‚Das ziehen wir jetzt durch, trotz aller Anfangsschmerzen‘“, so Grebner.

Los ging es für Peak Technology im Raumfahrtbereich zunächst mit kleineren Aufträgen zur Materialuntersuchung. Dann folgte der erste große Meilenstein: ein Fertigungsauftrag über die European Space Agency (ESA) für einen Hitzeschutzschild der Vega-Rakete. Die vierstufige Trägerrakete ist dazu konzipiert, kleinere bis mittelgroße Satelliten in niedrige Erdumlaufbahnen zu bringen. Hauptauftragnehmer ist das italienische Unternehmen Avio, das die Rakete produziert. In diesem Umfeld liefert Peak seit Jahren regelmäßig mehrere Hitzeschilde pro Jahr. Der Erstflug eines Peak-Bauteils im Jahr 2019 fiel allerdings ausgerechnet mit einem Fehlstart der Vega-Rakete zusammen. „Unser erstes Raumfahrt-Bauteil flog beim Absturz der Vega mit – großartiger Start, oder?“, erinnert sich Grebner.

(c) Antje Wolm

Doch der entscheidende Durchbruch im Raumfahrtgeschäft für Peak Technology sollte bald folgen: mit Xenon-Treibstofftanks für die nächste Generation von Galileo-Satelliten. Galileo ist Europas eigenes Satellitennavigationssystem, das die Abhängigkeit vom US-basierten GPS-System verringern soll. Die Tanks sind Teil eines Ionenantriebs. Dieser hält die Satelliten in 36.000 Kilometer Höhe über viele Jahre präzise in ihrer Position. „Der Auftrag hat uns technologisch auf das Niveau gebracht, auf dem wir heute sind“, so Grebner.

Parallel zur Arbeit an Galileo kooperiert Peak Technology mit dem Münchner Spacetech-Scale-up Isar Aerospace rund um den österreichischen Gründer und CEO Daniel Metzler. Sein Team bezieht von Peak Technology Heliumspeicher für das Drucksystem. Zudem unterstützte Peak Technology die Strukturentwicklung der Rakete.

Beim Erstflug der sogenannten Spectrum-Rakete am 30. März 2025 waren auch Peak-Tanks an Bord. Zwar endete der Flug nach rund 30 Sekunden in einem Absturz, doch zentrale Missionsziele wie die Validierung des Startsystems wurden erreicht. Unter Raumfahrt-Expert:innen gilt dieser Erstflug als Meilenstein für die private Raumfahrt in Europa. Es handelte sich um den ersten Start einer kommerziellen Orbitalrakete von Kontinentaleuropa aus. Isar Aerospace zählt zu den Aushängeschildern der europäischen Spacetech-Szene. Für seinen Wachstumskurs sammelte das Unternehmen insgesamt über 400 Millionen Euro an Risikokapital ein.

Finanzierung von Peak Technology

Wie finanziert sich Peak Technology seit seiner Gründung? Bis 2024 aus dem laufenden Geschäft – ohne Risikokapital. „Der Einstieg in die Raumfahrt hat jedoch massiv Eigenkapital aufgefressen“, so Grebner. Um Wachstum, Forschung und Entwicklung (F&E) sowie Working Capital zu sichern, holte er im März 2024 die deutsche Beteiligungsgesellschaft Hannover Finanz als Investor an Bord. Insgesamt flossen für 38 Prozent der Anteile zehn Millionen Euro an Kapital in das Unternehmen. Grebner hält die restlichen 62 Prozent.

Warum kein österreichischer Investor? In Österreich gebe es im Finanzsektor „zu wenig Verständnis für Raumfahrt“, sagt Grebner. Dementsprechend habe er sich in Deutschland nach einem Investor umsehen müssen. Der Prozess startete Anfang 2023 und zog sich knapp ein Jahr; länger als gedacht. „Wenn du einem potenziellen Investor erklären musst, wie der typische Entwicklungszyklus der Raumfahrt funktioniert, und wenn jemand eine Rakete nicht von einem Satelliten unterscheiden kann, dauert das Fundraising einfach viel zu lange.“

2024 erwirtschaftete Peak Technology mit seinen über 150 Mitarbeiter:innen eine Betriebsleistung von 24 Millionen Euro. Zwei Drittel entfallen auf die Raumfahrt und ein Drittel auf den Motorsport. „Das nächste Etappenziel sind 50 Millionen Umsatz – realistisch bis 2030“, so Grebner. Als klassisches Startup sieht er seine Firma allerdings nicht: „Ich würde uns eher als ein agiles Industrieunternehmen bezeichnen.“

(c) Antje Wolm

Standortstrategie und Politik

Neben seiner Rolle als CEO von Peak Technology engagiert sich Grebner auch als Präsident von Austrospace, dem Verband der österreichischen Raumfahrtindustrie. Hier bündeln teilnehmende Unternehmen und Forschungseinrichtungen ihre Interessen und vertreten die Branche auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. In seiner Funktion setzt sich Grebner für die strategische Positionierung des gesamten Raumfahrtsektors ein: „Wir sprechen hier von einem Sektor mit zweistelligen Wachstumsraten, in dem wir realistische Chancen haben, im globalen Wettbewerb mitzuhalten.“

Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Economica zeigt: Der Weltraumsektor generierte in Österreich 2024 eine Bruttowertschöpfung von rund 198 Millionen Euro – bei etwa 150 Unternehmen und 1.300 Beschäftigten. Grebner merkt an: „Wir haben in Österreich in den vergangenen Jahren den Anteil der Industrieunternehmen im Austrospace-Netzwerk verdoppelt.“ Teil des Netzwerks sind auch Spacetech-Startups wie beispielsweise Enpulsion oder Gatespace.

Wie groß der Abstand zu etablierten Leitbranchen noch ist, zeigt ein Blick auf die Automobilwirtschaft: Sie hatte 2023 laut dem Fachverband der Fahrzeugindustrie eine Bruttowertschöpfung von rund 18,6 Milliarden Euro. „Wir werden nie so viele Jobs schaffen wie die Automobilindustrie – der Markt für Raumfahrt ist kleiner. Aber wir können einen Teil der Verluste in anderen Branchen abfedern und neue Kompetenzfelder aufbauen“, so Grebner.

Ein politischer Impuls aus Wien

Genau in diese Richtung zielt auch eine Entscheidung aus dem Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur (BMIMI): Österreich erhöht seinen Beitrag zum Drei-Jahres-Budget der ESA von 260 Millionen Euro auf bis zu 320 Millionen Euro – im Rahmen der Industriestrategie 2035. Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) betonte Mitte Mai, die Weltraumforschung sei „ein Stück weit eine Trägerrakete für den Standort Österreich“. Mit gezielter Schwerpunktsetzung und strategischen Investitionen will sein Ressort in den nächsten Jahren die Rolle heimischer Unternehmen als wichtige Zulieferer im europäischen Raumfahrt-Ökosystem weiter stärken.

Für Grebner ist das ein Schritt in die richtige Richtung – aber bei Weitem nicht ausreichend: Um im internationalen Wettbewerb mitzuhalten, müsse Europa den strategischen Wert der Raumfahrt stärker anerkennen und seine Investitionen entsprechend ausbauen. Das Potenzial sei da, werde in Österreich bislang aber nicht konsequent genug genutzt. „In einem Wachstumsfeld mit Top-Arbeitsplätzen Potenzial liegen zu lassen ist ein Fehler“, meint Grebner. Gerade bei ESA-Aufträgen gelte: Wenn Staaten mehr investieren, bekommen sie über ESA-Aufträge auch mehr zurück. „Das, was über die ESA ins Land fließt, ist nur ein Teil des Effekts – es ist ein Enabler, der Technologien ermöglicht, mit denen wir hier Wertschöpfung generieren.“

Europa braucht Entscheidungswillen

Internationale Vergleiche bestärken Grebner in dieser Haltung: Pro Kopf investieren die USA rund zweimal so viel in die Raumfahrt wie Europa. In Amerika ist Raumfahrt präsent, man versteht, wie wichtig eigene Systeme für Souveränität, Sicherheit und wirtschaftliche Entwicklung sind. „Europa müsse diese Schieflage überwinden und entschlossener handeln, um in einem globalen Wachstumsmarkt mit zweistelligen Zuwachsraten dauerhaft konkurrenzfähig zu bleiben“, so Grebner.

(c) Antje Wolm

Seit Kurzem liefert Peak Technology auch in die USA. Die Erfahrung dort hat Grebners Blick auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit noch einmal geschärft. Sein selbstbewusstes Fazit: „Wir produzieren in Europa mit mehr Qualität, schneller und günstiger als in den USA. Ein normaler Produktionsbetrieb funktioniert bei uns wesentlich besser als drüben.“ Das liege nicht nur an den niedrigeren Lohnkosten, sondern auch an eingespeisten Strukturen, langjähriger Erfahrung und einer hohen Mitarbeiterbindung.

In Europa bleiben Fachkräfte oft viele Jahre in einem Unternehmen, kennen die Prozesse in- und auswendig und bringen dadurch eine Stabilität in die Produktion, die in den USA schwer zu erreichen sei. Gleichzeitig warnt er davor, den Blick über den Atlantik nur von einzelnen Ausnahmeerscheinungen prägen zu lassen: „Wir sollten uns in Europa nicht von ein paar Leuchttürmen wie SpaceX oder Tesla verunsichern lassen.“ Zwar gebe es in Europa das Problem, dass viele Einzelinteressen unter einen Hut gebracht werden müssten, was die Steuerung von EU und ESA erschwere. In den USA sei das teils einfacher, aber: „Dafür verstecken brauchen wir uns nicht.“

In Holzhausen hängt die Zahl „9,58“ nicht zufällig prominent am Eingang von Peak Technology. Für Grebner ist es ein Prinzip, das Peak Technology groß gemacht hat: Entscheidungen zügig zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und Chancen zu nutzen, solange sie da sind. „Nichts zu tun und nicht zu entscheiden ist der Tod eines Unternehmens“ – genau diese Haltung wünscht er sich auch von der Politik. „Man kann lange diskutieren, ob es genug ist oder mehr braucht – oder man entscheidet und setzt um. In der Raumfahrt gibt es jetzt den Momentum, das wir nutzen können. Wenn wir warten, ist es weg.“


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Margit Kendler, CFO von Greiner Packaging | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Kaum ein Thema beschäftigt die heimische Industrie derzeit so stark wie die Adaption von Künstlicher Intelligenz. Während vielfach die These vertreten wird, dass Europa das Rennen um generative KI verloren hat, werden der Industrie bei der KI-Adaption gute Chancen eingeräumt. Die Industriellenvereinigung hat dazu eine eigene KI-Taskforce eingerichtet, die mittlerweile bei ihrer Halbzeit angelangt ist. Mit deren Vorsitzendem, Keba-CEO Christoph Knogler, haben wir im aktuellen brutkasten-Printmagazin ein ausführliches Cover-Interview über industrielle KI als Europas Chance geführt.

Wie das Thema in der Verpackungsindustrie ankommt, zeigt der Blick zu Greiner Packaging: Die Sparte der Greiner Gruppe mit Hauptsitz im oberösterreichischen Sattledt erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von 902 Millionen Euro, steht damit für mehr als 45 Prozent des Gruppenumsatzes und beschäftigt fast 4.900 Mitarbeiter:innen an 30 Standorten in 15 Ländern. Im Interview am European Forum Alpbach spricht CFO Margit Kendler über drei KI-Fokusfelder von der Kundeninteraktion bis zur Verwaltung, die Folgen der EU-Verpackungsverordnung (PPWR) und darüber, warum sie die Einführung von KI an die SAP-Projekte ihrer frühen Berufsjahre erinnert.


brutkasten: Greiner Packaging wächst trotz eines schwierigen Marktumfelds. Was sind die Gründe?

Margit Kendler: Unsere Stärke ist, dass wir sehr gute Produkte haben und diese kontinuierlich weiterentwickeln, auch in Richtung Nachhaltigkeit und der rechtlichen Anforderungen, etwa der PPWR. Dazu kommen langjährige Partnerschaften mit unseren Kunden, die wir gemeinsam weiterentwickeln können. Dadurch schaffen wir es auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten, über den Markt hinaus zu wachsen.

Herausfordernde Zeiten in Bezug auf den Markt?

Im Sinne von Zeiten, in denen die gesamte geopolitische Lage instabiler wird. Beim Rohmaterial-Sourcing ist etwa die Straße von Hormus immer wieder ein Thema. Trotz widriger Umstände schaffen wir es aufgrund der langjährigen Erfahrung unserer Teams und der verlässlichen externen Kontakte, gute Lösungen für unsere Kunden zu finden. Das zeichnet Greiner Packaging aus.

Künstliche Intelligenz war bei der Jahrespressekonferenz der Greiner Gruppe ein Thema. Welche Hebel sehen Sie in der Verpackungsindustrie, um die Produktivität zu steigern?

Wir sehen im Moment bei Greiner Packaging drei Fokusbereiche. Der erste ist Richtung Kunden: Wie interagieren wir in Zukunft mit Kunden, wo wünschen sie sich automatisiertere Prozesse, weil sie auf ihrer Seite ebenfalls Prozesse anstoßen? Und wo bleibt der persönliche Kontakt weiter wichtig? Gerade bei Produktentwicklungen wird der persönliche Kontakt wichtig bleiben.

Die zweite Stoßrichtung ist die Produktion. Da geht es um Datenauswertung, die man mit KI effizienter machen kann. Viele Daten sind vorhanden, aber wie nutzen wir sie am besten? Dazu kommt alles, was weiterentwickelte Robotics in Richtung Humanoid ist. Der dritte Teil ist die Verwaltung: alles, was an Berichtsanforderungen im Sinne von Nachhaltigkeit und Ähnlichem anfällt. Wo kann man Datensammlung und Dokumentation sinnvoll in eine KI überführen?

Es gibt die These, dass Europa bei generativer KI das Rennen verloren hat, bei der KI-Adaption in der Industrie aber gute Chancen hat. Auf welche Modelle setzen Sie?

In der Produktion haben wir erste Erfahrungen gesammelt. Im Moment nutzen wir die vorhandenen Modelle und screenen, was am Markt aufkommt. Es ist so schnelllebig, dass immer die Frage ist: Kommt man überhaupt zur Anwendung oder gibt es schon wieder die nächste Entwicklungsstufe? Wichtig ist uns aber, dass die europäische Datensouveränität gestärkt wird und dass Unternehmen unterstützt werden, die diesen europäischen Fokus haben, um den Standort und Europa zu stärken.

Greift man da spezifisch auf europäische Modelle wie Mistral zurück?

Natürlich sehen wir uns europäische Lösungen an und wollen diese einsetzen, wenn sie uns den entsprechenden Nutzen bringen. Wir freuen uns über technologische Initiativen, die Europa gesamthaft als Standort stärken.

Margit Kendler im Gespräch mit brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher beim European Forum Alpbach | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Welche Aufgaben übernimmt KI aktuell bei Greiner Packaging?

Eher am Ende der Produktion, im Verpackungsbereich und Richtung Lager. Im Durchfluss der Produktion ist schon sehr viel automatisiert. Man muss differenzieren: Wo brauche ich tatsächlich KI und was geht bereits über klassische Automatisierung, also Roboterarme oder Verpackungsstraßen. Es geht wirklich nur noch um die Lücken, die etwa im Bereich Qualitätskontrolle bestehen. Und man muss genau schauen, bei welchen Stückzahlen sich Robotik auszahlt. Gerade beim händischen Assembly ist die Frage, ob die Roboter mit ihren Achsen schon gut genug sind.

Die Entwicklung ist enorm rasant. Wie bleibt man da als CFO up to date und wie fließt das in die Strategie ein?

Es beginnt mit einem tiefen Grundinteresse. Und dann nutze ich eine Mischung aus Workshops, Schulungen und Foren wie dem European Forum Alpbach, wo ich KI-Termine wahrnehme, dazu Newsletter und vieles mehr. Intern gibt es auf Gruppenebene eine Taskforce zu KI, die selektiert, welche Anwendungsfälle es für uns als Sparte oder übergreifend für die gesamte Gruppe gibt.

Wo ist die Schnittstelle zwischen Innovation und Ihrer Arbeit?

Als erfolgreiches Unternehmen muss man darauf achten, sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen. Nur weil es jetzt gut ist, braucht man trotzdem den Blick in die Zukunft. Bei uns ist Innovation sehr produktgetrieben: Welche Barriereeigenschaften gibt es, wie ist die Haltbarkeit eines Joghurts in dem Becher? Das wird stark durch die Verpackungsverordnung getrieben, wo es um Rezyklierfähigkeit und den Einsatz recycelter Materialien geht. Andererseits geht es um die Frage, wie wir in 15 Jahren erfolgreich sind. Dafür haben wir Stage-Gate-Prozesse. Ein großes Thema ist auch Reuse, also Mehrfachnutzung versus Einmalnutzung.

Und Innovation umfasst nicht nur die Produkte selbst, sondern auch das, was um das Produkt herum ist: Serviceleistungen, Lieferung, wie wir unsere Kunden servicieren. Bei Reuse stellt sich die Frage, ob man nur das Produkt macht oder auch Services rund um den Reuse anbietet. Im Endeffekt geht es immer darum, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Schaut man sich dafür auch neue Geschäftsfelder an?

Wir haben uns das gerade angeschaut. Wir haben etwa die Becher für den Song Contest gemacht. Einer meiner früheren Arbeitgeber war Ifco, die die Obst- und Gemüsekisten an die Supermarktketten vermieten. Das war ein klassischer Reuse-Anbieter, bei dem das Waschen, Ausbringen und Einsammeln Teil des Geschäftsmodells war. Und auch bei Greiner Packaging evaluieren wir, welche Alternativen und neuen Geschäftsmodelle spannend sein könnten.

Die Verpackungsverordnung gilt seit 12. August. Der Handelsverband fordert ein Moratorium, weil es noch viele Unsicherheiten gibt. Wie nimmt man das bei Greiner Packaging wahr?

Es führt kein Weg an Verordnungen vorbei. Wir haben eine Welt, und wenn sie verbraucht ist, ist sie verbraucht. Diese strengeren Regelungen machen Sinn. Die Schwierigkeit ist, dass wir uns als großes Unternehmen deutlich leichter tun, weil wir die Ressourcen haben. Und selbst für uns ist es ein sehr hoher Aufwand, alle Dokumentationen zu liefern und die Lieferkette ordentlich zu dokumentieren. Ich verstehe daher die kleineren Unternehmen, für die das ein umso höherer Aufwand ist. Ob ein Moratorium die Lösung ist, weiß ich nicht. Man sieht es bei der Diskussion Verbrenner versus Elektroauto: Diese langfristige Unsicherheit – wird es A oder B – ist schwierig, weil man bis zur Entscheidung alle Wege parallel verfolgen muss.

Der K3-Becher ist eines Ihrer Premium-Produkte und seit vielen Jahren auf dem Markt. Jetzt gibt es mit r100 eine neue Generation. Was treibt solche Innovationen: Regulatorik oder Eigenantrieb?

Eine Mischung. Der K3 entstand aus dem Wunsch, ein nachhaltigeres Produkt zu schaffen. Es ist eine Kombination aus Kundenanforderungen, rechtlichen Vorgaben und dem Eigenantrieb, es noch besser zu machen, mit Leichtgewicht, Banderolen und Rezyklierfähigkeit. Die nächste Generation ist gerade in Entwicklung. Ein weiterer Trend ist Monomaterial: Oft hat man beim Joghurt den klassischen Aluminium-Topper. Wenn die Leute den nicht abreißen, kann nicht sortiert werden und der Becher geht in der Wiederverwertung verloren. Ist alles das gleiche Material, ist es deutlich leichter.

Arbeitet man dafür auch mit externen Partnern zusammen, etwa Startups?

Im Moment nicht, aber es ist immer am Radar, um zu schauen, was sich am Markt entwickelt und ob sich Kooperationen anbieten.

Die IV-KI-Taskforce ist bei Halbzeit. Wie schätzen Sie die Verpackungsbranche bei der KI-Adaption ein?

Generell ist mein Eindruck, dass Österreich mehr die Risiken als die Chancen sieht. Die Amerikaner denken mehr in Möglichkeiten, deshalb sitzen dort viele der KI-Unternehmen. Wir Österreicher sehen oft zuerst die Risiken, und solange diese nicht gemeistert sind, fängt man nicht an, über die Möglichkeiten nachzudenken. Um den Anschluss zu halten, brauchen wir mehr Offenheit und eine gute Balance zwischen Risiko und Chance.

Ein reiner Tool-Rollout geht oft nach hinten los, wenn die Organisationsentwicklung nicht mitgedacht wird. Wie gehen Sie vor?

Am Berufsanfang war ich SAP-Beraterin und habe SAP eingeführt. Ich finde es nicht so anders. Egal welche Technologie man einführt, man muss die Menschen mitnehmen. Viel zu oft wird der Mensch nicht mitgedacht. Ob ich von R/2 auf R/3 oder von R/3 auf Hana umsteige oder eine KI dazubaue: Es ist immer die gleiche Frage. (Anm. d. Red.: R/2, R/3 und Hana bezeichnen aufeinanderfolgende Generationen der SAP-Unternehmenssoftware, deren Umstellung jeweils große Migrationsprojekte in Unternehmen auslöste) Wie arbeiten wir dann anders, welche Kompetenzen werden gebraucht und wie muss ich diese rechtzeitig schulen? Ich sehe das in unserer Verantwortung als Arbeitgeber, dass unsere Mitarbeiter:innen mitwachsen.

Gibt es Ängste, dass Jobs wegrationalisiert werden?

Jobs ändern sich einfach. Was ich bei uns erlebe: Wir haben viele Early Adopter. Es gibt seit Langem das Angebot, KI zu nutzen, plus wöchentliche Online-Kaffeerunden für Best-Practice-Sharing. Wir haben Kolleg:innen, die schon viel mit Agenten arbeiten. Viele sehen die Arbeitserleichterung im Täglichen, weil die KI Routinetätigkeiten übernimmt. Sorgen, wegrationalisiert zu werden, erlebe ich im Moment nicht.

Was ich auch stark merke: Kolleg:innen, die spezifische Skills nicht haben, können plötzlich Themen lösen. Ein Kollege, der nicht im Controlling ist und kein Excel- oder PowerPoint-Meister, konnte über die KI alles so darstellen, wie es gebraucht wurde. Das hat ihn einen halben Tag gekostet. KI erlaubt, gewisse Ausbildungsschritte zu überspringen. Dafür sind andere Ausbildungen nötig.

Greiner Packaging ist auch außerhalb Europas vertreten. Wie nehmen Sie die KI-Regulierung in Europa wahr?

Der EU AI Act erhöht die Anforderungen an Unternehmen, schafft aber gleichzeitig Vertrauen in die Technologie. Für uns ist entscheidend, KI innovativ, aber auch verantwortungsvoll einzusetzen. Wer beides beherrscht, wird langfristig erfolgreicher sein.

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