09.02.2023

Die Hustle Maschine: Narzissmus in der Startup-Szene

Gastbeitrag. Startup gründen oder Mensch bleiben?
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Narzissmus bei Startups, Narzissmus bei Gründern
(c) zVg/Wikipedia/gemeinfrei - Bastian Burger über die Frage nach der Rolle des Egos in der Startup-Unternehmerwelt.

Die Oktobersonne heizte die Räume des Erdgeschossbüros in der Münchner Innenstadt bereits auf, als Max und Elias (Namen geändert) gegen 8:30 das Büro ihres FinTech Startups betraten. Wie üblich waren die zwei Gründer nur die zweiten, die zur Arbeit kommen, denn einer ihrer Entwickler war wie Magie schon da, egal zu welcher Zeit sie kamen. Als sie den langen Gang hinunterschritten, mit verkaterten Mienen, viel zu große Büro für die nicht ganz zehn Mitarbeiter links und rechts wussten beide schon, dass es ein komplizierter Tag werden würde. Es war ein außergewöhnlich warmer Tag, beinahe spätsommerlich. In Kontrast dazu war Max und Elias klar, was anstand. Sie würden ihr Unternehmen heute, nach knapp zwei Jahren Aufopferung schließen müssen, ein für alle Mal.

Also besprachen die beiden Gründer in ihrem kleinen Büro am Ende des Ganges, an ihren IKEA-Schreibtischen, was sie heute tun würden, wie jeden Tag. Anschließend holten sie sich einen Kaffee an der Siebträger-Kaffeemaschine, wie jeden Tag. Danach setzte Max seine AirPods auf, um Kunden anzurufen, wie jeden Tag. Doch während Max Feedback von seinen Kunden einholte und versuchte neue Kunden zu gewinnen, füllte Elias ihm gegenüber Formular über Formular aus. Es waren die Insolvenzpapiere.

Ungeachtet der Umstände, die zu dieser prekären, aber nicht untypischen Situation geführt haben, wird sich heute etwas drastisch ändern. Denn die beiden Menschen, die sich zwei Jahre lang überall nur als Gründer und Geschäftsführer vorgestellt haben, deren gesamte Zeit und Energie um das Unternehmen gekreist war, ja die das Unternehmen waren, werden aufhören zu existieren. Es wird nicht mehr Max und Elias, Co-Founder und Geschäftsführer geben, sondern einfach nur noch Max und Elias.

Wenn Gründer und Ego verschmelzen

Auf Startup-Events kann der geneigte Besucher eine interessante Beobachtung tätigen. An die Stelle der üblichen Small-Talk-Frage „Wie geht es dir?“ tritt gegenüber Gründern „Wie geht es deinem Unternehmen?“. Das mag unter der Perspektive, dass Gründer selbst Tag und Nacht nur über ihre Erfolge und Betätigungen sprechen, kaum eine Überraschung darstellen. Dennoch ist diese kleine Anpassung einer solchen trivialen Frage ein Symptom dafür, dass ein Ego des Gründenden durch die Gründung in seinem Unternehmen aufgeht und damit verschmilzt. Entsprechend wichtig ist daher die Frage nach der Rolle des Egos in der Startup-Unternehmerwelt.

Arijit Chatterjee von der „ESSEC Business School“ in Frankreich hat in einer Studie über 110 Technologie-CEOs herausgefunden, dass Ego, Egoismus und narzisstische Tendenzen einen Einfluss auf die Ergebnisse der jeweiligen Firmen haben können. Nun ist ein Konzern-CEO wie in der Studie aber nur ein Angestellter von 10.000. Ein Angestellter, der deutlich mehr Macht hat als die anderen 9.999, aber dennoch nur ein Angestellter. Wie groß muss der Einfluss nun auf Unternehmungen sein, wenn die CEO seinen Posten nicht um fünf Uhr ausstempeln kann, sondern wenn er oder sie das Unternehmen ist. Und wie groß muss der Einfluss sein, wenn die CEO eine von zwei Mitarbeitenden ist, also 50 Prozent der Arbeitslast trägt?

Wie die Studie von Chatterjee herausgefunden hat und viele nach ihm bestätigt haben, lässt es sich im Falle der Konzern-CEOs nicht schwarz oder weiß beantworten. So wurde herausgefunden, dass Geschäftsführer mit stärker ausgeprägten narzisstischen Tendenzen mehr Mut bei strategischen Richtungsänderungen zeigen, während eine weniger starke Ausprägung eher zum Status Quo tendiert. Beide Ansätze können unter den passenden Bedingungen zum Erfolg führen.

Mein Unternehmen und ich

Es stellt sich also noch die Frage, wieso die beiden Gründer ihre Mitarbeiter noch haben weiterarbeiten lassen, wieso Max noch am Tag der Insolvenzanmeldung am hustlen war und versucht hat neue Kunden zu gewinnen. Es war doch zu diesem Zeitpunkt schon allen Seiten bewusst, dass kein Fortschritt mehr stattfinden wird. Es gibt einen Unterschied zwischen Verstehen und Verstehen. Intellektuell war es den beiden und der kleinen Gruppe, der sie sich anvertrauen durften, natürlich klar, es würde nichts mehr Produktives passieren. Emotional aber kam die Realisation erst drei Monate nach der Insolvenz. Dazwischen gab es für die Beiden eine Phase der Paralyse. Keine Ekstase, keine Trauer, keine Gefühle. Nur der Versuch zu begreifen, was hier gerade passiert ist.

Es ist die Identität, die einen solchen Schlag überstehen muss. Kluge Köpfe haben zahlreiche Theorien dazu entwickelt, was Identität im Detail ist, wir können uns für diese Diskussion auf die folgende Definition einigen. Identität ist das subjektive Selbstbild, um seinen Platz in einer Gruppe, wie der Gesellschaft, zu rechtfertigen. Laut dieser Definition umfasst eine Identität eine Menge an Eigenschaften, Einstellungen und Werten, die man sich selbst gibt, um erklären zu können, welche Rolle man in der Gesellschaft spielt.

Wir können uns einen durchschnittlichen Fall einer angestellten Ingenieurin vorstellen, die bei einem großen Autobauer arbeitet, ein Haus in der Vorstadt für ihre Familie mietet und am Wochenende ihre Zeit gerne mit Rennradfahren verbringt. Diese Person wird in ihrer Identität vermutlich stolz auf ihren Job und die Produkte ihrer Firma sein, sich als kümmernde Mutter sehen und einen großen Wert auf Sportlichkeit und vielleicht Unabhängigkeit legen.

Für unsere Gründer gibt es das nicht. Wenn sie morgens aufstehen, ist das Erste, woran sie denken, ihr Startup, danach wird zwölf Stunden gearbeitet. Abendbeschäftigungen sind vermutlich auch darauf bezogen. Es gibt Gründer, die machen keinen Urlaub. Es gibt aber auch Gründer, die machen Urlaub, nicht weil sie entspannen, sondern weil sie in Ruhe über ihr Startup nachdenken wollen. In Summe besteht die Identität der Gründer also zum überwiegenden Teil aus ihrer Tätigkeit als Gründer. Wer kann da nicht das emotionale Chaos verstehen, wenn diese Identität vom einen auf den nächsten Tag wegbricht.

Der Selbstzweck des Narzissten

In der griechischen Mythologie ist Narziss ein wunderschöner Jüngling. Die jungen Frauen und Männer um ihn herum lagen ihm zu Füßen, er wurde umgarnt, doch alles umsonst. Narziss wollte sich selbst nie verlieben. Besessen, keine Liebe erwidern zu wollen, verschämte er sämtliche Verehrer. Einer dieser Verehrer schwor Rache und bat die Götter, Narziss möchte sich auch verlieben und diese Liebe nie erreichen können. Der Bitte folgend belegten die Götter den Jungen mit einem Fluch. Narziss verliebte sich unsterblich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser. Doch jedes Mal, wenn er es berühren wollte, zerstörten die Wellen das Ebenbild wieder, es war unerreichbar.

Heute nutzen wir Narzissmus abwertend für Leute, die sich selbst an erste Stelle zu setzten scheinen, ohne Rücksicht auf Ihre Umwelt. Dabei haben Raskin und Hall der „University of California“ in Berkeley schon vor vielen Jahrzehnten festgestellt, dass narzisstische Tendenzen in jedem von uns vorkommen.

Das von ihnen entwickelte „Narcissistic Personality Inventory“ ist ein Test, der jedem Teilnehmer einen Wert zwischen 0 und 40 zuteilt. Die meisten Menschen zeigen einen Wert zwischen 15 und 20, aber auch niedrigere und höhere Werte sind nicht unüblich. Eine wichtige Erkenntnis aus dem Test ist, dass ein absoluter Mangel an narzisstischen Tendenzen ebenso ungesund ist wie ein Maximum an diesen Tendenzen. Ebenso ist dieser Wert auch veränderlich, beispielsweise von Ereignissen der jüngeren Vergangenheit oder verschiedenen Biomarkern. Narzisstische Tendenzen sind also ein wichtiger Teil unseres Egos.

Im klinischen Narzissmus, also der Ausprägung von narzisstischen Tendenzen, die als ungesund gelten und therapeutisch behandelt werden sollten, unterscheidet man übrigens zwischen drei Grundarten von Narzissten.

Der exhibitionistische Narzisst stellt seine vermeintliche Großartigkeit öffentlich zur Schau. Der grandios-maligne Narzisst handelt oft bösartig und antisozial. Der vulnerabel-fragile Narzisst ist meist schüchtern und zurückhaltend; auch nur leicht kritische Äußerungen können aber bereits Sinnkrisen auslösen.

Narzisstische Tendenzen sind dabei eng mit unserer Identität verbunden. Einerseits baut die Identität tendenziell narzisstische Eigenaussagen auf. Andererseits beschützen narzisstische Tendenzen die Identität vor Schaden. Ein Unternehmer, der eine Finanzierungsrunde notariell abschließt, kann für sich selbst erst einmal feststellen, dass er ein erfolgreicher Fundraiser ist. Glaubt er den Startup-Medien, darf er sich im gleichen Zug meist noch als genialer Geschäftsmann feiern lassen.

Durch diese positive Bestätigung kann diese Eigenschaft Teil der Identität werden. Und dass diese positive Bestätigung funktioniert, weiß man spätestens im Psychological Review von 1959. Sollte die nächste Runde nun nicht funktionieren, wird der reflektierte Unternehmer die Schuld natürlich nicht woanders suchen als bei sich selbst. Er wird wahrscheinlich auch einsehen, dass er Fehler im Prozess gemacht hat. Dennoch werden ihn seine narzisstischen Tendenzen davor schützen, die Eigenschaft „erfolgreicher Fundraiser“ direkt aus seiner Identität zu entfernen. Denn diese Anpassung ist schmerzhaft und belastend.

Diese Verstrickung sorgt folglich, dass die Trennung von Unternehmen und Unternehmer gar nicht mehr möglich ist. Das Unternehmen bekommt plötzlich ein Ego und die eigenen narzisstischen Tendenzen weichen Grenzen auf. Dazu müssen wir nicht nur auf Beispiele wie Adam Neumann schauen, die ihren Tendenzen ungebremst das Feld überlassen. Jeder Gründer und jede Gründerin stehen vor dieser Herausforderung.

Die Folgen von Narzissmus auf ein Startup

Zunächst werfen wir einen Blick auf die Folgen von narzisstischen Tendenzen auf Gründungsvorhaben. Cynthia Mathieu und Kollegen von der Universität Quebec haben in einer Studie mit Studenten herausgefunden, dass stärkere narzisstische Tendenzen eine höhere Risikobereitschaft und einen höheren Drang zu eigener unternehmerischer Selbstständigkeit zeigen. Zusammen mit anderen Veröffentlichungen entsteht also die Erkenntnis, dass besonders in risikoreichen Gründungen ein höheres Level an Narzissmus (und Eltern mit tiefen Taschen – aber das sind wieder andere Studien) hilfreich sind.

In den Tätigkeiten lässt sich der Einfluss grob in frühe und späte Tätigkeiten des Gründers einteilen. Zu den Tätigkeiten früh in der Unternehmenslaufbahn zählen produktive Arbeit, Vertrieb, Pre-Product-Fundraising, Anwerben der ersten Mitarbeiter. In diesen Tätigkeiten können narzisstische Tendenzen unterstützen und zu Erfolgen beitragen.

In späteren Tätigkeiten dagegen, wie Organisationsaufbau, Führung oder Fundraising auf KPI-Basis neigen narzisstische Tendenzen eher hinderlich zu sein. Allerdings lassen sich die Aufgaben der frühen Phase besser delegieren als die Aufgaben der späten Phase, was den Schluss nahelegt, dass moderate narzisstische Tendenzen über die lange Frist im Mittel Vorteile haben.

In der akademischen Diskussion wurde bereits angemerkt, dass die Ergebnisse von Chatterjee zur Unternehmensperformance von Narzissten nicht auf Startups umgedeutet werden können. Hier scheint der kurzfristige Erfolg von Jungunternehmen stärker von externen Faktoren, Umweltfaktoren und Glück abzuhängen als von einer einzelnen Persönlichkeitsausprägung der Gründer.

Eine Studie von über 600 Startup Unternehmern in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat aber ebenfalls festgestellt, dass Unternehmer im Allgemeinen kein höheres Level an narzisstischen Tendenzen als Nicht-Unternehmer zeigen. Das Bild des narzisstischen Genies, welches ein Startup gründet und gegen jede Regel der menschlichen Interaktion verstößt, ist also überzeichnet und falsch. Dieses auch durch Biografien idolisierter Gründer beworbene Bild hat sogar einen stark negativen Effekt. Wie ein Gründer aus San Francisco es einmal formulierte: Die [autorisierte Steve] Jobs-Biografie hat vor allem Gründern die Erlaubnis gegeben, sich wie Arschlöcher zu verhalten.

Der bescheidene Narzisst

Es gibt viele Gründe, wieso man sein Unternehmen nicht mehr führen kann. Liquidation und Insolvenz sind da nur zwei prominente Beispiele. Andere Unternehmer, mit denen ich gesprochen habe, hatten Probleme im Team angeführt oder hatten den Glauben in die eigene Idee verloren.

Was auch immer es ist, allen Gründern ist gemeinsam, dass sie erstmal nicht so weiter machen können. Dann folgt ihnen eine wichtige Erkenntnis: Du bist nicht deine Arbeit. Das Ego möchte uns beschäftigt halten, um die Identität zu schützen. Doch wir können uns ewig lang beschäftigt halten, ohne je etwas zu schaffen. Du bist nicht deine Arbeit. So oder so anders hat bisher jeder Gründer sein größtes Learning in diesem Bereich zusammengefasst.

Dass wir alle ein Ego haben, dass uns mal mehr und mal weniger in eine Richtung drängt, das müssen wir akzeptieren. Man kann tun, was man will, aber man kann nicht wollen, was man will, soll Arthur Schopenhauer einst gesagt haben.

Genauso ist es eben mit dem Ego. Man kann es nicht unterdrücken, doch man kann es aktiv managen. Um die guten wie die schlechten Seiten zu nutzen, wird man zum bescheidenen Narzissten, zum „Humble Narcissist“.

Der „Humble Narcissist“ ist sich bewusst über sein Ego, er kann aktiv entscheiden, wann er es zulässt und wann nicht. Er kann sich mitteilen, welche Aktivitäten aus seinem Ego heraus motiviert sind und welche nicht. Er kann sein Ego zulassen, wenn es der Sache hilft, aber er kann es auch verweigern, wenn es schadet. Um diesen Punkt zu erreichen, muss der „Humble Narcissist“ in der Lage sein, Kritik auf einem ganz tiefen Level seiner Selbst zu ertragen. Dafür braucht es eine bewusste Auseinandersetzung mit der Identität.

Diese neue Identität ist gespeist aus inneren Werten und nicht aus externen Labels. Die Resilienzforschung hat schon vor Jahren festgestellt, dass externe Labels unglücklich machen können und uns eher schaden als helfen. Es gibt drei grundsätzliche Fragen, um seine Identität zu hinterfragen und mit eigenen Werten zu hinterlegen:

  • Wenn es kein Instagram und kein LinkedIn gäbe, wer würdest du gerne sein?
  • Wenn es niemanden gäbe, den du beeindrucken müsstest, niemanden, der dich beurteilen könnte, was würdest du dann tun?
  • Wenn du keine deiner Errungenschaften vorzeigen könntest, wie würdest du dich dann beschreiben?

Nicht nur erlaubt diese Einstellung zu uns selbst einen bewussteren Umgang mit unseren narzisstischen Tendenzen, eine Gruppe an Forschern der Universität Exeter behauptet außerdem, es hilft in stressigen Situationen. Dazu wurden zwei Gruppen von Strafgefangenen in einem britischen Hochsicherheitsgefängnis gebildet. Die einen wurden mit Übungen wie dieser trainiert, die anderen nicht. Das Ergebnis zeigt, dass die Inhaftierten mit der intrinsischen Identität mit dem Stress des Gefängnisalltags deutlich besser zurechtkommen.

Nach dem österreichischen Psychotherapeuten Victor Frankl können wir alle aus unserem einschränkenden Denken ausbrechen, indem wir verstehen, dass wir unsere Gedanken und die Einstellung dazu kontrollieren können. Genauso können wir auch unsere Identität kontrollieren und unsere Einstellung zu unseren narzisstischen Tendenzen. Diese helfen insbesondere Gründern einen gesünderen Zugang zu ihrer Arbeit zu erlangen. Dadurch wird diese Arbeit nicht einfacher, aber über eine längere Zeit gangbar.

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Neoom Ex-CEO Walter Kreisel (l.) und sein Nachfolger Nikolas Iwan © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wer das neoom-Headquarter in Freistadt betritt, blickt zuerst nach oben: Im Eingangsbereich hängt ein Astronaut von der Decke, daneben führt eine Wendeltreppe empor, die an eine startende Rakete erinnert. Das Gebäude trägt den Namen „Free City“. Walter Kreisel, neoom-Gründer und seit Anfang des Jahres nicht mehr CEO, nennt es „Freistadt neu interpretiert als Raumschiff“ – mit Stadtmauer, grünem Turm, Stadtgraben und Zugbrücke.

Außen setzt sich diese Konsequenz fort: Schwarze Photovoltaikmodule nord-, ost-, west- und südseitig, dazu am Dach; rund 400 Kilowatt verteilt auf eine Bauwerkshülle, die zuerst Strom produziert und den Überschuss im 1,2 Megawattstunden großen Speicher zwischenlagert. Davor: ein Parkplatz, auf dem fast jedes Fahrzeug ein Elektroauto ist, fünfzig Ladestationen. Rund hundert neoom-Mitarbeiter:innen arbeiten hier auf 780 Quadratmetern, weitere hundert verteilt auf andere Standorte. 80 bis 85 Prozent der verbrauchten Energie produziert das Gebäude selbst.

Es ist eine Inszenierung, die Kreisels Stil als CEO über acht Jahre präzise zusammenfasst: Vision, Symbolik, Größe. Umso bemerkenswerter, dass dieser Mann seit Februar nicht mehr operativ verantwortlich ist – er hat das Steuer übergeben; an Nikolas Iwan, der zuvor bei Shell, H2 MOBILITY und McKinsey in Führungspositionen die Energiewende mitgestaltet hat. Mitte April 2026, am Tag des neoom-Live-Events, zu dem die wichtigsten Geschäftspartner – die „Power Partner“ – nach Freistadt anreisen, übernimmt erstmals Iwan die Hauptbühne. Kreisel hat sich am informellen Abend zuvor bewusst zurückgehalten.

„Wenn Walter gestern aufgetaucht wäre, hätte sich vieles auf ihn konzentriert“, sagt Iwan. „Er hat die Beziehungen zu den Power Partnern aufgebaut. Wir haben uns vorher abgestimmt.“ Diese Abstimmung – wer wann sichtbar ist, wer wo nicht auftaucht – ist seit Monaten Teil des täglichen Geschäfts der beiden. Sie ist der Grund, warum das Unternehmen den Wechsel an der Spitze bisher reibungslos gemeistert hat.

Denn ein CEO-Wechsel ist für ein Scaleup eine der riskantesten Operationen überhaupt. „Du hast dauerhaft den Zünder einer ungesicherten Handgranate in der Hand“, sagt Kreisel. „Wenn du da nicht stabil bist, sprengt es dir das Unternehmen; weil der Prozess völlig undefiniert abläuft – und ein massives Risiko ist.“

Das Tabuthema

Kreisels offene Worte sind selten – obwohl es zuletzt einige ähnliche Fälle gab. Im November 2025 gab Bitpanda-Mitgründer Eric Demuth seine Co-CEO-Rolle ab und wechselte als Executive Chairman in den Verwaltungsrat; Lukas Enzersdorfer-Konrad führt das Krypto-Unicorn nun allein. Im Januar 2026 zog sich Prewave-Mitgründerin Lisa Smith aus der Geschäftsführung zurück, ihr Co-Founder Harald Nitschinger übernahm die alleinige operative Verantwortung. Drei prominente Fälle innerhalb weniger Monate – das deutet auf einen Trend hin.

Während in den USA der Wechsel vom Gründer-CEO zum professionellen Manager als normaler Skalierungsschritt gilt – Investor Hermann Hauser hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Europa nicht nur ein Kapital-, sondern auch ein Management-Problem habe –, herrscht hierzulande Schweigen über das Wie. „Bei Herr und Frau Österreicher ist so etwas ein Tabuthema“, sagt Kreisel. „Der Eigentümer ist Geschäftsführer bis zu seinem Tod, dann macht der Sohn oder die Tochter weiter.“

Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt.

Die Reaktionen auf seine Ankündigung im Februar bestätigen das. In der Region Freistadt wurde gefragt: „Haben sie ihn rausgehaut?“ In der Startup-Bubble wurde gefragt: „Wie viel Geld hast du rausgezogen?“ Dass der Gründer freiwillig in den Aufsichtsrat wechselt und keine Anteile verkauft hat, passte nicht ins gängige Schema. „Vom Aufsichtsrat über die Berater bis zu den Headhuntern: Niemand kennt sich aus“, kritisiert Kreisel. „Das war ein leerer Wald, ohne Baum und ohne Holz.“ Best-Practice-Modelle? Fehlanzeige. „Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt“, ergänzt Iwan.

Acht Jahre – ein Kilimandscharo

Schon während seines MBA-Studiums habe er sich mit Nachfolge beschäftigt, sagt Kreisel. Konkreter wurde es, als neoom vom freiwilligen Advisory Board zum echten Aufsichtsrat überging und schließlich zur AG wurde. Mitte 2023 entschied sich Kreisel, an der Donau-Universität Krems eine Ausbildung zum zertifizierten Aufsichtsrat zu absolvieren; nicht als formaler Akt, sondern um die Rolle in der Tiefe zu verstehen. Im Frühjahr 2025 schloss er ab.

Parallel begann ein bewusster persönlicher Reset – nach acht intensiven Jahren symbolisch verankert in einer Bergbesteigung. Es war der Kilimandscharo, ein 18 Jahre alter Traum, den Kreisel öffentlich als sein Ziel nach dem CEO-Ausstieg kommunizierte.

Die CEO-Suche selbst lief über eine internationale Executive-Search-Firma. Aus einer Longlist wurde eine Shortlist von sieben Kandidat:innen, am Ende blieb Iwan – obwohl er die entscheidende LinkedIn-Nachricht der Recruiterin beinahe übersehen hätte: „Die Nachricht kam am 30. Juni. Erst am 18. Juli habe ich sie zufällig gesehen – und bin gerade noch auf den Zug aufgesprungen“, erinnert sich Iwan. In der zweiten Interview-Runde lernten sich Kreisel und Iwan persönlich kennen. Die offizielle Zeit war nach 45 Minuten vorbei – sie redeten noch eine halbe Stunde weiter.

„Ich war noch nicht bereit“

Rückblickend würde Kreisel den Prozess sogar früher anstoßen, sagt er. Iwan widerspricht lachend: „Also ich wäre noch nicht bereit gewesen!“ Der Satz verweist darauf, dass Iwans Werdegang genau jetzt in die Rolle passte: Acht Jahre bei Shell in unterschiedlichen Managementpositionen, zuletzt als Country Manager für das Tankstellengeschäft in Österreich. 2016 der Wechsel als CEO zum deutschen Wasserstoff-Startup H2 MOBILITY, das er bis 2023 führte. Anschließend Geschäftsführer bei ennoo Rental in Berlin und als Senior Advisor bei McKinsey.

Dass Iwan ausgerechnet aus der Wasserstoffwelt zu einem Strom-Scaleup wechselt, ist kein Zufall – „ich komme aus der Molekülwelt“, sagt er. „Über 80 Prozent der Energie werden in Molekülform bewegt. Aber wir stehen am Beginn des Elektronen-Zeitalters.“

Bei H2 MOBILITY habe er sieben Jahre lang erlebt, dass Wasserstoff „nicht so schnell kommt, wie wir damals dachten“. Im Stromspeicher-Markt ist das Tempo ein anderes: 2025 wuchs der europäische Batteriespeichermarkt nach Daten von SolarPower Europe um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr; seit 2021 hat sich die installierte Kapazität auf 77,3 Gigawattstunden verzehnfacht
. BloombergNEF prognostiziert für 2026 weltweit 33 Prozent Zuwachs. Bis 2030 erwarten Analysten eine weitere Verzehnfachung. Entsprechend hoch sei allerdings auch der Wettbewerb bereits, merkt Iwan an

Sichtbarkeit als Strategie

Die heikelste Phase eines Wechsels ist nicht die Auswahl des Nachfolgers, sondern die Choreografie danach. „Es muss einen Cut geben“, sagt Kreisel, „sonst wird die Rollenveränderung durch die natürlichen Emotionen ein Stück weit überschrieben.“ Iwan formuliert nüchterner: „Wenn Walter jeden Tag hier rumlaufen würde, würden diese informellen Verbindungen meine Autorität ganz leicht unterminieren; obwohl alle wissen, dass es formal nicht mehr so ist.“ Deshalb stimmen sich die beiden vor jedem öffentlichen Auftritt ab. Es ist eine Disziplin, die Kreisel sich abverlangen muss: „Ich stehe auch gerne im Mittelpunkt. Aber es ist gerade wichtig, dass ich es nicht mehr bin – sonst funktioniert das Loslösen gar nicht.“ Gleichzeitig hat sich Iwan bemüht, die DNA des Unternehmens nicht anzutasten. Er nennt sich „neoomian“, trägt die Firmenkleidung.

„Normalerweise ist das Erste, was ein neuer Vorstand macht: Logo ändern, Vision umformulieren. Da gehen zwei Jahre drauf, in denen man sich gar nicht auf das Wesentliche konzentriert“, sagt Kreisel. „Dass Nikolas das nicht macht, ist ein riesiger Unterschied. Es zeigt, wie stark er sich mit der Vision und vor allem der Mission des Unternehmens und mit der Leidenschaft des Teams identifiziert.“

„It’s not about strategy, it’s about execution“

Inhaltlich hat Iwan in seiner ersten Aufsichtsratssitzung im März 2026 einen klaren Rahmen gesetzt: „Es geht nicht um Strategie – es geht um Umsetzung.“ Vision, Produktportfolio, Zielmärkte – all das stehe. Was fehle, sei methodische Umsetzungsstärke. In den ersten sechs Wochen habe er vor allem zugehört: „Ich saß stundenlang in den Wohnzimmern von Endkund:innen, habe den Vertrieb begleitet, mit Partnern und Industriekunden gesprochen.“ Erst danach wurden gemeinsam mit dem Management sechs Prioritäten für drei Monate festgelegt – inspiriert von OKR-Methoden. Intern werden sie „ROKKS“ genannt, visualisiert als sechs Berggipfel.

Es ist genau jener konsequente Stil, den Kreisel im eigenen Führungsverhalten als Schwachstelle identifiziert: „Diese Konsequenz habe ich als Gründer nicht immer eingehalten. Ein Markt, der jetzt anstrengender ist, braucht jemanden, der mehr Erfahrung mitbringt.“ Iwan formuliert den Unterschied: „Walter hat Ideen, die so stark sind, dass sie manchmal einfach rausmüssen, auch wenn kurz vorher noch eine andere wichtig war. For the good kannst du damit ein Unternehmen gründen; for the bad ist das in der täglichen Führung schwierig.“

Deutschland, Konsolidierung, schwarze Null

Operativ steht 2026 unter klaren Vorzeichen: organisches, profitables Wachstum, keine Hyperscale-Vorhaben. Österreich, wo neoom Marktführer ist, soll konsolidiert werden. Den eigentlichen Hebel sieht Iwan in Deutschland. Das mag überraschen, denn Deutschland gilt als der weiter entwickelte Markt. Beim regulatorischen Rahmen ist es aber umgekehrt: Während Österreich bei der Smart-Meter-Durchdringung bei rund 90 Prozent liegt, sei sie in Deutschland im einstelligen Prozentbereich, sagt Iwan. Energiegemeinschaften sind in Österreich seit Jahren etabliert, in Deutschland gibt es sie noch gar nicht. „Da können wir mit dem Absender Österreich punkten.“ Der Markt selbst sei riesig und weitgehend unbearbeitet. Erst zwei von zehn Dächern in Österreich tragen Photovoltaik, nur eines von zehn Gebäuden hat einen Stromspeicher. „Die Branche hat eigentlich noch alles vor sich“, sagt Kreisel. „Das war kurz gehypt mit Greta und Putin; jetzt mit dem Iran. Aber es ist nicht mehr so sexy, weil KI alle Aufmerksamkeit zieht.“

Wie konsequent neoom aufgestellt ist, zeigt ein Gang durchs Headquarter: ein Schaltschrankraum mit 1,2 Megawatt Netzanschluss, ein eigenes Hochvolt-Testlabor in Holzbau, eine Holzkiste, in der nach Kreisels Worten „neoom eigentlich begonnen hat“. Das Unternehmen entwickelt selbst Software, testet und integriert Hardware. Verkauft wird über Partner: Rund 20% der Installationsbetriebe machen 80 Prozent des Umsatzes, über 200 sind registriert. Das Geschäftsmodell ist B2B2C.

Oberstes Ziel für 2026: Profitabilität aus eigener Kraft. Eine konkrete Zahl wollen die beiden nicht nennen. „Profitabilität, ein wertvolles Unternehmen – das ist das oberste Ziel“, sagt Kreisel. „Darum ist das auch kein Rückschritt, sondern ein Anlauf; ein Anlauf, um in einer Branche, die noch gar nicht richtig gestartet hat, mit voller Kraft loszulegen.“

KI als Hebel

Eine zentrale Rolle spielt KI – nicht als Buzzword, sondern als Werkzeug für Effizienzgewinne. neoom hat knapp 100.000 Geräte an über 16.000 Standorten in seiner Cloud zu einem virtuellen Kraftwerk vernetzt. Diese Software-Schicht ist nach Iwans Überzeugung ein zentraler Enabler. „Hardware-Innovation kommt von externen Zulieferern. Aber die Innovationskraft im Software-Bereich entsteht bei uns Inhouse – und zeichnet uns gegenüber Wettbewerbern aus.“ Der KI-Hebel sei dramatisch: zwischen 50 und 1.000 Prozent Effizienzsteigerung in der Code-Entwicklung, je nach Review-Tiefe. Kreisel ergänzt: „Wir haben in den letzten Jahren genügend Ressourcen in Software investiert. Und wir haben keine Legacy. Das ist heute, mit KI, plötzlich unfassbar relevant.“

Was das österreichische Startup-Ökosystem lernen kann

Sowohl Kreisel als auch Iwan verstehen das, was sie gerade durchlaufen, als Beitrag zu einer offeneren Diskussion. „Ich glaube, viele würden Geld dafür bezahlen, diese Learnings zu hören“, sagt Kreisel. Was es brauche, seien sichtbare Best-Practice-Fälle. Iwan nennt einen strukturellen Grund, warum europäische Scaleups beim CEO-Thema zögern: „Es hängt mit dem knappen Kapital und dem Horizont der Investoren zusammen. Die erste Euphorie ist riesig. Dann läuft es nicht so wie gedacht – und die Euphorie ist plötzlich ganz klein.“ Statt pragmatisch nach Stellschrauben zu suchen, werde dann das Unternehmen als Ganzes infrage gestellt – nur die CEO-Frage bleibe das letzte Tabu.

Für neoom kommt jetzt die eigentliche Bewährungsprobe: das Hochfahren in einen Markt, der aufwärts geht – mit einem Team, das eine Konsolidierungsphase hinter sich hat, und einem Gründer im Aufsichtsrat, der sich bewusst zurücknimmt, ohne wegzugehen. Sein Nachfolger sieht die Aufgabe als langfristig an: „Ich bin hier, um zu bleiben“, sagt Iwan.

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