18.10.2021

„Die Höhle der Löwen“ mit EduTech, Fleischersatzpulver und Xylit

In dieser Folge der "Höhle der Löwen" sah man ein EduTech-Startup, das unter anderem Schüler mit Nachhilfelehrern verbindet, Seifenstreuer und eine Snus-Konkurrenz. Zudem setzte ein Gründerpaar auf ihre haltbare Fleisch-Alternative.
/artikel/die-hoehle-der-loewen-mit-edutech-fleischersatzpulver-und-xylit
Seitan, Höhle der Löwen
RTL / Bernd-Michael Maurer - Nicole und Bernd Sell überzeutten nicht bloß mit ihrem Fleischersatzpulver.
sponsored

Die ersten in der „Höhle der Löwen“ – die immer montags um 20.15 Uhr bei VOX sowie jederzeit auf Abruf über TVNOW.at zu sehen ist – waren Patrick Fuchs und Michael Gueth. Ihr Scooper ist ein Energy-Beutelchen für die Mundhöhle.

Für mehr Konzentration

Ob Autofahrer:innen, Student:innen oder Geschäftsleute – das eine Gefühl kennen viele Menschen: Die Konzentration schwindet. Oft greifen jene in solchen Momenten zu koffeinhaltigen Getränken wie Kaffee, Cola oder Energydrinks. „Aber immer dann, wenn ich einen schnellen Wachmacher brauche, ist er nicht griffbereit“, erläuterte Fuchs den Löwen. „Bei Scooper ist das komplett anders: Dose öffnen, einen Scoop entnehmen und dann entweder unter die Oberlippe oder in die Seitentasche der Backe legen. Das Geniale ist, dass man innerhalb kürzester Zeit den Energy-Boost bekommt. Zusätzlich sorgt er für einen frischen Atem und einen guten Geschmack im Mund.“

Höhle der Löwen, Scooper
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Patrick Fuchs (l.) und Michael Gueth präsentierten mit Scooper ein Energy-Pad für die Mundhöhle.

Ein Scoop enthält 40 Milligramm reines, natürliches Koffein aus echten Kaffeebohnen in Pulverform. Das entspricht etwa einem Espresso, sowie Vitamin B5, Aromen, und den Zuckerersatzstoff Xylit. Durch die Aufnahme über die Mundschleimhäute gelange das Koffein direkt ins Blut und erziele damit eine sofortige Wirkung. Die Gründer bieten Scooper in den vier verschiedenen Geschmacksrichtungen „Cool Grapefruit“, „Iced Cola“, „Iced Caramel Coffee“ und „Fresh Mint“ an. Die Forderung: 150.000 Euro für 50 Prozent der Firmenanteile.

„Seltsames Erlebnis“

Vor der Kostprobe zeigten sich alle Löwen von den Produkten geruchlich angetan. Danach meinte Konzernchef Nils Glagau allerdings, der bittere Nachgeschmack des Koffeins wäre spürbar. Beauty-Queen Judith Williams sagte, dass es ein „seltsames Erlebnis“ sei, den Scoop im Mund zu haben. Es wäre nicht sehr sexy. Sie stieg ohne Angebot aus.

Multi-Investor Carsten Maschmeyer brachte ins Spiel, dass es sehr viele Konkurrenten gebe, während Glagau einwarf, dass Scooper nicht die Energy-Revolution sei. Er kenne überlegenere Produkte. Nach dieser Absage ging auch Maschmeyer, der bereits selbst in drei „Koffein-Startups“ investiert ist.

Die Gründer kämpften und argumentierten. Der LEH-Experte Ralf Dümmel lobte danach das Startup, war aber ebenso wie Maschmeyer bei ähnlichen Produkten dabei. Familien-Investorin Dagmar Wöhrl hingegen hatte Ideen, wie man mit Scooper agieren könnte. Sie bot die gewünschte Summe für 50 Prozent. Deal für Scooper.

Haltbare Fleisch-Alternative in der „Höhle der Löwen“

Die nächsten, die sich in die „Höhle der Löwen“ wagten, waren Nicole und Bernd Sell. Sie präsentierten mit Early Green eine vegane Fleischalternative. Als Nicole ihre Ernährung auf fleischlos umstellte, testete sie diverse Fleischersatzprodukte. Doch die meisten davon haben die Gründerin nicht überzeugt: „Viele von denen haben keine besonders lange Haltbarkeit. Schon nach einer Woche sind sie verdorben.“

Ihr Mann nahm sich diesem Problem an und der begeisterte Hobbykoch fand in Seitan, bekannt aus der klassischen japanischen Küche, eine Alternative: „Seitan ist in der vegetarischen und veganen Küche sehr beliebt, weil es eine fleischähnliche Konsistenz hat. Aber, zubereitetes Seitan ist kühlungspflichtig, damit es nicht verdirbt.“

RTL / Bernd-Michael Maurer – Nicole und Bernd Sell haben das Fleischersatzpulver Early Green entwickelt.

Um das zu umgehen, hat das Ehepaar eine eigene Fertigmischung entwickelt, die ohne Kühlung auskommt. Die Sorten Burger, Gyros und Steak bestehen aus natürlichen Zutaten und beinhalten keine Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker oder Zusatzstoffe. So geht’s: Die Fertigmischung mit 150 Milliliter kaltem Wasser und zwei Esslöffel Speiseöl vermengen, umrühren und kurz durchkneten, in Form bringen und braten oder grillen. Um den Vertrieb für Early Green auszubauen, benötigten Nicole und Bernd Sell 100.000 Euro und boten dafür 20 Prozent der Firmenanteile an.

Feine Konsistenz

Judith Williams meinte beim Kosten des veganen Burgers, im Vergleich zu anderen Produkten wäre Early Green von der Konsistenz her sehr fein. Auch die Gyros-Variante kam sehr gut weg. Das Alternativ-Steak hingegen wurde größtenteils als gut empfunden, auch wenn es nicht bissfest sei, wie Maschmeyer meinte.

Medien-Investor Georg Kofler kam mit Seitan nicht klar und ging zwar mit Begeisterung für die Gründer, aber dennoch ohne Angebot. Auch Maschmeyer zeigte sich fasziniert von der Präsentation der Sells. Williams reihte sich lobend ein, strich die Saucen hervor, die das Startup ebenfalls im Sortiment führt, hatte aber ebenfalls ein Problem mit Seitan. Die Fertigmischung schmecke zu schwer, sagte sie. Sie riet zu Kichererbsen oder Lupinen und blieb ohne Offerte.

Maschmeyer fehlte das „Fleisch-Mund-Erlebnis“, daher wollte er nicht investieren. Dümmel indes bezeichnete sich als totalen Fleischesser, aber Early Green hätte ihm geschmeckt. Der Vorteil des Pulvers mit der 14-Monate-langen Haltbarkeit wäre „der Wahnsinn“. Er bot 100.000 Euro für 30 Prozent.

Glagau ging in Konkurrenz zu seinem Kollegen, versprach große Unterstützung und bot 100.000 Euro für „nur“ 20 Prozent. Die Gründer, die bis dato aufgrund ihrer liebevollen Art zueinander sämtliche Sympathien gewonnen hatten, kehrten nach einem Kuss von der Beratung zurück und boten Dümmel für die 100.000 Euro 25 Prozent an. Deal für Early Green.

Sportwagen oder Baby?

Der nächste in der „Höhle der Löwen“ war Nils Freyberg. Der 29-Jährige ist ein begeisterter Autofan und erfüllte sich 2018 den Traum von einem eigenen Sportwagen. Doch seine Freundin stellte ihn kurz darauf vor eine Herausforderung: „Schönes Auto, aber was machen wir, wenn wir ein Kind bekommen? Das muss dann ja wieder weg, weil da gar kein Kinderwagen reinpasst“, meinte sie.

Mit dieser Gefahr im Hinterkopf begab sich der Gründer auf die Suche nach einer Lösung und präsentierte den Löwen gemeinsam mit Partner Tiado Janis Pieperhoff die selbst entwickelte Dachbox unter der Marke Asphaltkind: „Der Fokus liegt auf Aerodynamik, Stabilität, Gewicht und Design“, erklärte er.

RTL / Bernd-Michael Maurer – Nils Freyberg (l.) und Tiado Janis Pieperhoff sind Naturfaser-Experten.

Durch den geringen Luftwiderstand soll der Kraftstoffverbrauch verringert werden. Das Gewicht von unter 20 Kilogramm ermögliche zudem ein unkomplizierteres Montieren sowie mehr Zuladung. Ein elektrisches Schließsystem sorgt per Knopfdruck für das Auf- und Zuschließen.

Problemfall Carbon

Mit dem Credo „leicht spart Energie, aber leicht und CO2-neutral spart Energie und entschleunigt den Klimawandel“, hat Freyberg bei diesem Thema auch den Umweltaspekt im Blick. Denn es werden für die Leichtbau-Dachbox Natur- statt Carbonfasern verwendet. „Flächig verarbeitet wie bei der Asphaltkind-Dachbox, können Flachsfaser-Bauteile ähnliche Eigenschaften wie jene aus Carbon erzielen”, meinten die Gründer. „Der Unterschied liegt bei geringeren Kosten für die Bauteile und keinerlei Kompromisse für unseren Planeten. Denn Carbon ist Sondermüll und unsere Bauteile können überspitzt gesagt auch im Hausmüll entsorgt werden.“ Die Forderung: 230.000 Euro für 15 Prozent der Firmenanteile.

Die Löwen lobten die Verarbeitung der Dachbox und erfuhren, dass – ab Sendeaufnahme – der Markteintritt des Produkts in drei bis vier Monaten geplant sei. Kofler und die Löwen bemerkten schnell, dass zwar der Vertrieb der Dachboxen ein Geschäftsfeld des Startups sei, aber der größere Teil des Umsatzes mittelfristig aus der Expertise mit dem Werkstoff kommen würde. Dem stimmten die Founder zu.

„Wette auf Erfahrung“

Maschmeyer und Formel 1 Weltmeister Nico Rosberg trafen sich zum privaten Chat, während Judith Williams ausstieg. Dümmel erklärte darauf, dass b2b nicht sein Feld sei und ging ebenso wie Georg Kofler ohne Deal-Vorschlag.

Rosberg erkannte, dass ein Einstieg eine Wette auf den Erfahrungsvorsprung der beiden Männer wäre. Er sprach alsbald von seinen Netzwerken und bot gemeinsam mit Maschmeyer 230.000 Euro für 25,1 Prozent Anteile. Deal für Asphaltkind.

Die Seifenmühle in der „Höhle der Löwen“

Designer Stefan Hinüber folgte als nächster in der „Höhle der Löwen“. Mit Soapflaker hat er einen nachhaltigen Trockenseifenspender entwickelt. „Noch nie haben wir uns so oft die Hände gewaschen, wie in letzter Zeit. Dabei gibt es vor allem zwei Lager: auf der einen Seite die Flüssigseifen-Verwender und auf der anderen Seite der Festseifen-Nutzer“, erklärte der Gründer.

Aufgrund des unnötigen Verpackungsmülls und des hohen Transportvolumens war und ist die Flüssigseife für den jungen Mann nicht die richtige Alternative. „Durch den Transport der Flüssigseife entstehen 97 Prozent mehr CO2, Abgase und Lieferverkehr, als dies bei fester Seife passieren würde“, fuhr er fort. „Doch das feste Seifenstück kann nach mehrmaligem Benutzen unansehnlich werden und es können sich Rückstände ansammeln. Über diese Problematik habe ich mir als Designer Gedanken gemacht und den Soapflaker entwickelt, der wie eine Pfeffermühle funktioniert. Mit den herausrieselnden Seifenflocken können sie sich dann einfach und hygienisch die Hände waschen.“

RTL / Bernd-Michael Maurer – Stefan Hinüber entwickelte mit Soapflaker eine Alternative für Flüssigseife.

Der feste Seifenkern reicht für rund 500 Handwäschen und besteht aus zertifiziertem Bio-Pflanzenöl. Zudem ist der Soapflaker nachfüllbar. Für den Ausbau seines Unternehmens benötigte Stefan Hinüber 120.000 Euro und bot zehn Prozent seiner Firmenanteile an.

Maschmeyer störte sich am Preis der Nachfüllung von zwölf Euro für zwei Stück Seifenkerne. Und war der erste Löwe, der sich zurückzog. Dümmel erklärte, der „proof of concept“ würde fehlen, kein Umsatz wäre da, dafür wäre die Bewertung sehr hoch. Der Gründer argumentierte mit einer gängigen Berechnungsmethode aus den USA.

Kundenanbindung?

Williams erzählte danach vom „Sausebrause“ (Schaumseife in Tablettenform), bei dem sie investiert sei und ging ebenso ohne Angebot. Glagau und Wöhrl fanden Soapflaker nicht praktikabel. Wöhrl irritierte danach mit der Aussage: „man müsse ja beim Gründer Nachfüllungen nachkaufen und wäre abhängig“. Dies sah Maschmeyer nicht als Nachteil und sagte sinngemäß, man wolle doch, dass der Käufer zurückkehre.

Dümmel haderte zwar wegen der Bewertung, machte aber schlussendlich ein Angebot. Er wollte mit 120.000 Euro für 30 Prozent einsteigen. Deal für Soapflaker.

EduTech in der „Höhle der Löwen“

Der letzte Auftritt in der „Höhle der Löwen“ gebührte Matthias Schadhauser und Philipp Kramer. Ihr Motto: „Aus Old School machen wir New School“. Seit über zehn Jahren gibt Schafhauser Nachhilfe und bereitet mit seinem Institut Schüler:innen auf die Mathe-Matura (Abi) vor. Dabei fiel ihm auf, dass sich ein klarer Trend zu digitalen Mitschrift-Hilfen in Form von Tablets abzeichnet. Auf kurz oder lang kam allerdings immer das gleiche Problem auf: Dokumenten-Chaos.

„Wahnsinnig viele Ordner, etliche unbenannte Dokumente und die auch noch verteilt auf ganz viele verschiedene Apps“, wusste Matthias Schadhauser aus Erfahrung mit seinen Schüler:innen. Mit wryte möchten die Gründer daher das digitale Durcheinander beenden. Die Tablet-App bündelt und automatisiert die Schulmaterialien und soll den klassischen Rucksack langfristig ersetzen.

RTL / Bernd-Michael Maurer – Matthias Schadhauser (r.) und Philipp Kramer erkannten mit Wryte, einer All-In-One Schul-App, den Trend der Zeit.

Im Detail: Zu Beginn eines Schuljahres wird der Stundeplan in der App gespeichert. Automatisch generiert wryte dann für jedes eingetragene Fach einen Ordner auf dem Schreibtisch, in dem fortan in digitalen Heften handschriftlich Mitschriften erstellt oder Arbeitsblätter und Fotos hochgeladen und bearbeitet werden können.

Nachhilfe-Feature

Zudem öffne die smarte App aufgrund des hinterlegten Stundenplans zur richtigen Zeit das richtige Schulheft. Weitere Features sind bereits in Planung. So sollen sich z.B. zukünftig die Schüler:innen bei kurzen Fragen mit einem Nachhilfelehrer verbinden, auch für wenige Minuten, und gleichzeitig mit diesen im eigenen Heft arbeiten können. Für die Weiterentwicklung der App und Marketingaktivtäten benötigten Matthias Schadhauser und Philipp Kramer 300.000 Euro und boten den Löwen zehn Prozent ihrer Firmenanteile an.

Zwei Wochen nach dem Start im App-Store nutzen bereits 200.000 Test-User die App. Williams fiel nach dieser Information mit Regierungskritik auf und meinte, dass man Eltern im „Home Schooling“ allein gelassen habe. Dümmel indes fand besonders an dem Nachhilfe-Feature gefallen, könne aber bei diesem Thema nicht unterstützen, wie er meinte.

Lehrer alter Schule?

Rosberg zeigte sich nicht überzeugt, dass das Startup führend in Sachen Schul-Digitalisierung sein könne. Er und auch Wöhrl blieben ohne Angebot. Williams, die vorher sehr vehement das große Problem mangelnder politischer Unterstützung in diesem Bereich angesprochen hatte, meinte zu wissen, dass viele Lehrer für Digitales nicht bereit wären. Zudem würde sie selbst nicht wissen, wie man sich mit der App an Schulen anbinden könne. Und stieg aus.

Nils Glagau glaubte zwar an die Gründer und mochte den rebellischen Ansatz des Startups, den Druck im EduTech-Bereich von unten aufzubauen. Jedoch kenne auch er das Beamtentum, das sich weigern würde, digital zu agieren. Auch der fünfte Löwe blieb ohne Offerte. Kein Deal für wryte.

Deine ungelesenen Artikel:
09.10.2026

Serbien: Grüner Wasserstoff aus dem Kohleland?

Die EU fördert neue Wasserstoffprojekte in Serbien. Deutschland sieht in dem Land gar einen möglichen Lieferanten für Europa. Vor Ort zeigt sich: Es fehlen Strom aus Wind und Sonne, klare Regeln und eine Verwaltung, die sie umsetzt. Chancen für die internationale Wirtschaft gibt es trotzdem, nur nicht dort, wo man sie zuerst vermutet.
/artikel/serbien-gruener-wasserstoff-aus-dem-kohleland
09.10.2026

Serbien: Grüner Wasserstoff aus dem Kohleland?

Die EU fördert neue Wasserstoffprojekte in Serbien. Deutschland sieht in dem Land gar einen möglichen Lieferanten für Europa. Vor Ort zeigt sich: Es fehlen Strom aus Wind und Sonne, klare Regeln und eine Verwaltung, die sie umsetzt. Chancen für die internationale Wirtschaft gibt es trotzdem, nur nicht dort, wo man sie zuerst vermutet.
/artikel/serbien-gruener-wasserstoff-aus-dem-kohleland
Ein Elektrobus der Belgrader Verkehrsbetriebe lädt an einer Schnellladestation von Siemens. | (c) Alexandra Polic

Belgrad steht. Auto an Auto schiebt sich durch die Stadt, dazwischen fahren Busse, die ihr erstes Leben woanders verbracht haben: in Deutschland oder in Österreich zum Beispiel. Manche tragen noch die alten Aufkleber. „Notausstieg” steht da auf Deutsch auf einem Fenster, mitten in Serbiens Hauptstadt.

Es verwundert also wenig, dass einem in neun Tagen in Serbien nur eine einzige Haltestelle mit E-Bussen auffällt. Immerhin gab es die zu Lebzeiten der nun serbischen Busse in deutschsprachigen Ländern kaum. Aufhalten lassen sich ausländische Firmen dadurch nicht. In Belgrad verkauft etwa der chinesische Konzern BYD Elektroautos. Nur: Auf der Straße sieht man kaum welche. Trotzdem sollen ausgerechnet hier, in einem Land mit fossilem Antrieb, neue Wasserstoffprojekte entstehen, gefördert aus europäischen Ländern, zum Teil sogar aus Mitteln der EU. Woran liegt das?

Europas große Wette auf grünen Wasserstoff

Zum einen drängen die Ziele: Bis 2030 will die EU zehn Millionen Tonnen grünen Wasserstoff selbst produzieren und ebenso viel importieren. So steht es im REPowerEU-Plan. Es ist eines der ambitioniertesten industriepolitischen Vorhaben der Union und ein zentrales Werkzeug, um im Wettbewerb mit den USA und China zu bestehen. Der Draghi-Report 2024 nennt hohe Energiekosten und Importabhängigkeit als Hauptgrund, warum Europas Industrie zurückfällt. Seine Forderung: dekarbonisieren.

Grüner Wasserstoff kann dabei helfen. Er funktioniert dort, wo direkte Elektrifizierung an Grenzen stößt, etwa in Stahl, Chemie, Schifffahrt und Schwerlastverkehr, und ersetzt fossile Importe. Er ist Klima-, Industrie- und Souveränitätspolitik in einem. Hergestellt wird er in Elektrolyseuren: Anlagen, die Wasser mithilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff spalten. Grün ist er nur, wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne oder Wasserkraft stammt.

Aber der Hochlauf stockt. Die Produktion ist teuer, die Infrastruktur fehlt. 2024 waren in der EU laut European Hydrogen Markets Monitoring Report 308 Megawatt Elektrolysekapazität installiert. Vorgesehen waren 6.000. Bis 2030, so sieht es die EU-Wasserstoffstrategie vor, sollen es 40.000 werden.

Serbien: Ein Kandidat ohne Plan

Während Spanien als Vorreiter gilt und in Österreich mit 140 Megawatt die bisher größte Elektrolyseanlage des Landes entsteht, versuchen europäische Akteure auch den serbischen Markt zu erschließen. Dabei fehlt Serbien bis heute eine nationale Wasserstoffstrategie.

Politisch ist das Land seit 2012 EU-Beitrittskandidat und aktuell so weit von einer Mitgliedschaft entfernt wie lange nicht. Im jüngsten Fortschrittsbericht attestierte die EU-Kommission Serbien das schlechteste Zeugnis aller Kandidaten, die Reformen seien zum Stillstand gekommen. Proteste, Korruptionsvorwürfe und Neuwahlen Ende Oktober halten das Land in Aufruhr. Kann aus einem Beitrittskandidaten ohne Strategie ein Energiepartner werden? Und was heißt das für alle, die dort investieren wollen?

Im Navigator Business Center in Novi Beograd sind zahlreiche Unternehmen und Startups angesiedelt. | (c) Alexandra Polic

Keine Nachfrage für Wasserstoff

„Alle vier Jahre wird Wasserstoff zum wichtigsten Thema, und dann verschwindet er wieder von der Agenda. Gerade sind wir eher unten auf der Kurve. Die Investitionen rund um Wasserstoff sind so niedrig wie seit Jahren nicht”, sagt Rahul Mishra, Co-Founder von The Energy Bridge. Die Wiener Plattform bringt Forscher:innen, Unternehmer:innen und Investor:innen zusammen. „Serbien ist auf jeden Fall ein interessanter Ort für erneuerbare Energien. Was grünen Wasserstoff betrifft, bin ich mir allerdings nicht so sicher”, sagt Mishra. Grüner Wasserstoff mache nur dort Sinn, wo es bereits einen hohen Anteil an erneuerbarer Energie gebe.

Aber von Serbiens heimischer Energieproduktion entfielen laut Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) 2024 rund 70 Prozent auf fossile Brennstoffe, während Sonne, Wind und andere Erneuerbare zusammen nur etwa 1,4 Prozent beitrugen. Damit fehlt genau die Voraussetzung, die Mishra nennt. Dazu kommt ein Richtungswechsel in Brüssel: Mit ihrem im Juli präsentierten Elektrifizierungsplan setzt die EU-Kommission stärker auf Strom als auf Wasserstoff.

Tiefschwarz

Viele Menschen in Serbien sagen unabhängig voneinander das Gleiche: dass das Land tiefschwarz ist. Schwarz steht in diesem Fall für Kohle. Wasserstoff ist in Serbien ein Thema für einen kleinen Kreis von Fachleuten. Selbst manche Institutionen zeigten sich auf Anfrage überrascht, dass es solche Projekte im Land gibt. Das serbische Energieministerium hat auf Anfragen nicht reagiert.

Warum Projekte feststecken

Dabei haben in den vergangenen Jahren vor allem deutsche Firmen versucht, den serbischen Wasserstoff-Sektor aufzubauen. Laut Informationen der Deutsch-Serbischen Wirtschaftskammer (AHK) steckt ein Pilotprojekt gerade wegen regulatorischer Probleme in der Planung fest. Selbst für Pilotprojekte fehlen also Verordnungen, etwa zur Sicherheit.

Erst im Jänner hat Serbien ein nationales Gesetz zu CO₂-Emissionen eingeführt, das dem EU-Emissionshandel entsprechen soll. Wasserstoff fehlt darin, obwohl er unter den EU-Grenzausgleich CBAM fällt. Die Kammer hatte dessen Aufnahme in der öffentlichen Konsultation gefordert, blieb damit aber erfolglos.

Viele Ankündigungen, wenig Umsetzung

Ilija Batas-Bjelić forscht am Institut für Technische Wissenschaften der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste (SANU). Er modelliert Energiesysteme, mit dem seines Landes hat er sich umfassend auseinandergesetzt. Sein Fazit: „Im Grunde gibt es hier kein System.” Ein echtes Energiesystem verbindet viele verschiedene Komponenten zu einem funktionierenden Ganzen: Kraftwerke, Netze, Verbraucher:innen sowie unterschiedliche Sektoren wie Strom, Wärme und Transport. In Serbien fehlt diese Verzahnung bisher.

Laut Batas-Bjelić liegt das Land in der Energiewende rund zwanzig Jahre zurück, weil Kohle für das Finanzministerium die zentrale Einnahmequelle bleibt und notfalls sogar importiert wird. Das Energieministerium habe zwar viel Arbeit in Regulierung und Gesetzgebung gesteckt, aber für die Umsetzung fehle alles: das Geld, das Fachpersonal und die Infrastruktur. „Es gibt viele Ankündigungen, aber es passiert nichts”, sagt er.

Wer trotzdem baut

„Generell halte ich Wasserstoff für diese Region für etwas zu teuer”, sagt der Forscher. „Von Fall zu Fall kann sich Wasserstoff wirtschaftlich lohnen und für Banken finanzierbar sein”, erklärt er. Den Anstoß erwartet er vor allem von kleineren Unternehmen. Solarstrom und PV-Anlagen seien billig, die Gasversorgung bleibe unsicher. Wer eine eigene PV-Anlage betreibt, könne damit auch vor Ort Wasserstoff erzeugen.

Die Theorie bestätigt sich in der Praxis. Nach Informationen aus dem Umfeld der deutschen Entwicklungsbank KfW kommt derzeit nur ein Wasserstoffprojekt im Land wirklich voran: das eines privaten Transportunternehmens nahe Belgrad. Es will Strom aus einer eigenen Solaranlage in Wasserstoff für die eigenen Lkw umwandeln, die Tankstelle soll bis Mitte 2027 in Betrieb gehen. Das Projekt ist aus Eigenmitteln finanziert. Der Aufwand für Förderungen stand in keinem Verhältnis zur Summe. Wer in Serbien auf Wasserstoff setzt, ist bisher auf sich allein gestellt. Aber was heißt das für jemanden, der investieren will?

Wo der Markt wirklich liegt

Die Gesprächspartner:innen zeigen alle in dieselbe Richtung, und sie zeigt nicht auf Wasserstoff. Batas-Bjelić beobachtet, dass derzeit ausschließlich kleine Solarprojekte tatsächlich gebaut werden, während größere Vorhaben liegen bleiben, und erwartet den Anstoß von Unternehmen selbst. Wer in Serbien in Erneuerbare investieren will, muss also kleiner denken: bei Anlagen für den Eigenverbrauch von Betrieben.

Die Deutsch-Serbische Wirtschaftskammer verweist auf eine konkrete Lücke, die auch für österreichische Investor:innen interessant sein könnte: Deutsche Firmen haben in Serbien längst selbst Photovoltaik installiert und ihre Prozesse optimiert, um auf das CO₂-Grenzausgleichssystem CBAM der EU vorbereitet zu sein. Ihre kleineren serbischen Zulieferer haben das nicht. Deren Emissionen schlagen nämlich auf die Klimabilanz ihrer internationalen Abnehmer durch. Und genau dort sei Raum für Investitionen.

Für alle Bereiche rät Daniel Schaub von The Energy Bridge, lokale Akteure einzubeziehen. „Wenn die Community rund um ein Projekt dagegen ist, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Die Community einzubinden, senkt dieses Risiko, und das ist bei Investitionen wichtig.” Wissenstransfer und lokale Arbeitsplätze gehören für ihn dazu.

Bei grünem Wasserstoff ist Serbien noch nicht so weit. Wer dort trotzdem investieren will, sollte beim Fundament anfangen, gemeinsam mit den Menschen vor Ort.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026″ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

„Die Höhle der Löwen“ mit EduTech, Fleischersatzpulver und Xylit

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ mit EduTech, Fleischersatzpulver und Xylit

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ mit EduTech, Fleischersatzpulver und Xylit

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ mit EduTech, Fleischersatzpulver und Xylit

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ mit EduTech, Fleischersatzpulver und Xylit

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ mit EduTech, Fleischersatzpulver und Xylit

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ mit EduTech, Fleischersatzpulver und Xylit

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ mit EduTech, Fleischersatzpulver und Xylit

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ mit EduTech, Fleischersatzpulver und Xylit