21.05.2025
GASTBEITRAG

„Die grünste Software ist die, die du gar nicht baust“

Gastbeitrag. Nagarro-CTO Thomas Steirer teilt seine Erfahrungen aus der Praxis nachhaltiger Softwareentwicklung – und erklärt, warum ökologische Verantwortung im digitalen Produktdesign beginnt, lange bevor die erste Zeile Code geschrieben wird.
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Thomas Steirer, CTO bei Nagarro, beschäftigt sich mit nachhaltiger Softwareentwicklung
Thomas Steirer, CTO bei Nagarro | Foto: brutkasten

In Zeiten von Klimakrise und wachsendem Energieverbrauch durch Digitalisierung wird Nachhaltigkeit zur zentralen Herausforderung – auch in der IT. Digitale Nachhaltigkeit beginnt dabei früher, als viele denken: beim Verständnis der Aufgabe. Developer:innen sind nicht nur Coder, sie werden zu Mitgestalter:innen für eine zukunftsfähige digitale Welt. Was bedeutet „grüne Software“? Und wer trägt Verantwortung?

„Eco-Digital Engineering“ ist der Begriff für die Bestrebung, mehr Nachhaltigkeit auf technischer Ebene zu verankern. Das klingt abstrakt, meint aber etwas sehr Konkretes: die bewusste Gestaltung digitaler Lösungen mit Blick auf Energieeffizienz, Ressourcenverbrauch und gesellschaftliche Wirkung. Und diese Gestaltung beginnt nicht erst im Rechenzentrum – sondern bei einer simplen Frage: Brauchen wir diese Software überhaupt?

Sustainability in IT vs. Sustainability by IT

Wir unterscheiden zwei Perspektiven: Sustainability in IT meint die Optimierung der IT-Infrastruktur selbst – etwa durch schlanke Datenstrukturen, effiziente Algorithmen oder geringen Speicherbedarf. Sustainability by IT fragt, wie Technologie anderen Branchen helfen kann, nachhaltiger zu werden – etwa durch Routenoptimierung im Transport oder durch Energiemonitoring. In beiden Fällen liegt ein zentraler Hebel bei den Entwickler:innen – dort, wo direkt an der Quelle Entscheidungen getroffen werden können: pragmatisch, schnell, wirkungsvoll.

Eco-Digital Engineering beruht auf der Überzeugung, dass die nachhaltigsten Lösungen dort entstehen, wo Entwickler:innen nicht nur umsetzen, sondern gemeinsam mit ihren Teams ein Verständnis für die Problemstellung entwickeln – und darauf aufbauend den effizientesten, nicht unbedingt den komplexesten Weg wählen. Das erfordert ein neues Rollenverständnis – und das entsprechende Mindset. Wichtig sind die konsequente Schaffung von Bewusstsein und das Wissen über entsprechende Praktiken.

Green by Design: Ein neuer Engineering-Ansatz

Softwarelösungen sind häufig überdimensioniert. Features werden entwickelt, weil sie technisch möglich sind – nicht, weil sie nötig sind. Doch jede Abfrage, jeder Button, jede Animation erzeugt Datenverkehr – und Energieverbrauch. Wenn Cloud-Kosten sinken, verbessert sich oft auch die CO₂-Bilanz. Wenn ein Suchalgorithmus sauber gebaut ist, spart das Strom.

Mein Leitsatz lautet: „Die grünste Software ist die, die du gar nicht baust.“ Das ist kein Appell zum Stillstand – sondern zur bewussten Entscheidung, bereits bei der Entwicklung Alternativen zu bewerten: Muss es wirklich eine KI für repetitive Standardanfragen sein? Oder gibt es ressourcenschonendere Lösungen?

Verantwortung braucht Spielraum

Gerade rund um KI tauchen viele ethische Fragen auf – und stellen auch die Rolle von IT-Beratungen neu zur Diskussion. Regeln zu kennen und über mögliche Risiken aufzuklären, ist das eine. Die Entscheidungsfindung aktiv zu beeinflussen, ist das andere. Aber Verantwortung entsteht durch Eigenverantwortung, nicht durch starre Vorgaben.

Nachhaltigkeit beginnt bei der Ausbildung

Ein wichtiger Punkt ist die Sensibilisierung in der technischen Ausbildung. Themenbereiche sind energieeffizientes Coden, nachhaltige Softwarearchitektur, Datenbankdesign und Infrastrukturentscheidungen. Nachhaltige Software entsteht nicht zufällig – sie ist das Ergebnis bewusster Entscheidungen.

Ein Blick in die Zukunft: AI ist kein Wundermittel!

Digitalisierung kann eine treibende Kraft für ökologische Transformation sein – wenn wir sie klug einsetzen. Das bedeutet nicht nur, neue Tools zu entwickeln, sondern auch: bestehende Systeme zu hinterfragen. Nicht alles, was möglich ist, muss gemacht werden. Den Einsatz von AI etwa sollte man kritisch prüfen, denn die Verwendung kommt teuer, wenn sie nicht notwendig ist.

Häufig ist das gleiche Problem effizienter und „direkter“ über klassische Algorithmen zu lösen – das haben wir bei einem internen Forschungsprojekt selbst überprüft: Von insgesamt neun Themenstellungen waren nur drei tatsächlich ein Fall für AI. Ein richtiger „Energiefresser“ ist auch Machine Learning, wenn man es selbst betreibt, Modelle erstellt und sie trainiert.

Es ist technisch, ökologisch und ökonomisch kontraproduktiv, AI als Wundermittel für alles zu betrachten – man muss diese Technologie gezielt, effizient dort einsetzen, wo ein Mehrwert dahintersteht. Wir stehen am Beginn einer neuen Phase: Nicht (nur) die Geschwindigkeit der Innovation entscheidet – sondern ihre Wirkung. Und diese Wirkung beginnt bei jeder einzelnen Entscheidung im Engineering-Alltag – und beim Mut, auch einmal „Nein“ zu sagen.


Aus dem Archiv: Thomas Steirer in der brutkasten-Serie „No Hype KI“ zum Thema „Wo stehen wir nach zwei Jahren ChatGPT?“

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Teamfoto Klartext AI | (c) Leandra Schurz Photography

Elektronikprodukte enthalten wertvolle Rohstoffe, werden aber häufig so entwickelt, dass sie sich nicht einfach reparieren, wiederverwenden oder recyceln lassen. Das Wiener Startup Klartext AI will mit Künstlicher Intelligenz dazu beitragen, das zu ändern. Das 2025 gegründete Unternehmen entwickelt KI-Lösungen für unterschiedliche Anwendungsbereiche, darunter doclarity, ein Tool zur Erstellung barrierefreier PDF-Dokumente. Im Rahmen des Eureka-Forschungsprojekts „ManageR“ entwickelt es einen KI-Assistenten, der Elektronikhersteller bei Entscheidungen zur Kreislaufwirtschaft unterstützen soll. Dafür erhält Klartext AI eine Förderung von rund 250.000 Euro von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG).

Das Projekt startete am 1. Oktober 2026 und läuft über drei Jahre. Klartext AI ist dabei für die KI-Technologie zuständig und entwickelt den sogenannten ‚ManageR Copilot‘. Dieser soll Informationen über Produkte, Materialien und gesetzliche Vorgaben zusammenführen und daraus Handlungsempfehlungen ableiten.

KI soll Reparatur und Wiederverwendung bewerten

Im Mittelpunkt von ManageR steht ein digitales Bewertungs- und Optimierungstool. Dieses soll Unternehmen dabei helfen, für einzelne Produkte und Komponenten geeignete Kreislaufstrategien zu finden. Dabei geht es beispielsweise um die Frage, ob Bauteile repariert, wiederverwendet, aufbereitet oder recycelt werden sollten. Die Software soll in unterschiedlichen Phasen des Produktlebenszyklus zum Einsatz kommen – etwa bei der Entwicklung oder im Einkauf. Je nach Lebenszyklusphase soll das System unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Neben ökologischen Faktoren soll dabei auch die Wirtschaftlichkeit berücksichtigt werden.

Eine Herausforderung ist dabei die Vielzahl an benötigten Informationen. Dazu zählen etwa Produktstücklisten, Materialdaten, regulatorische Anforderungen und branchenspezifisches Fachwissen. Diese Informationen sind häufig auf unterschiedliche Systeme und Abteilungen verteilt oder liegen bei einzelnen Experten. Das Wiener Startup entwickelt deshalb ein KI-Agentensystem samt Benutzeroberfläche, das die Daten verknüpfen soll. Ein besonderer Schwerpunkt liegt laut Anna Poledna, Business Development bei Klartext AI, auf der Nachvollziehbarkeit: Nutzer sollen erkennen können, auf welchen Informationen und Quellen die Vorschläge beruhen. Technologisch setzt das Startup dafür unter anderem auf Wissensgraphen und Multi-Agenten-Systeme.

Eine Rolle bei der Entstehung des Projekts spielten laut Poledna auch neue EU-Vorgaben. Die Ökodesign-Verordnung (ESPR) soll unter anderem die Langlebigkeit und Reparierbarkeit von Produkten verbessern. Der Digitale Produktpass soll künftig Informationen zu Materialien, Reparaturmöglichkeiten und Umweltauswirkungen verfügbar machen.

Zusammenarbeit mit Fraunhofer und Industrieunternehmen

An ManageR sind neben Klartext AI das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA), die Universität Stuttgart sowie die deutschen Unternehmen ifm und Ansmann beteiligt. Fraunhofer koordiniert das Projekt und entwickelt unter anderem ein Bewertungsmodell, während die Universität Stuttgart ihre Expertise in der Ökobilanzierung einbringt. Die beiden Industrieunternehmen stellen ein 3D-Kamerasystem und ein Ladegerät zur Verfügung, an denen die Technologie getestet werden soll.

„Für uns ist es großartig, dass wir unsere KI-Forschung direkt in die Anwendung bringen können. In ManageR entwickeln wir gemeinsam mit führenden Forschungseinrichtungen neue Methoden und testen sie gleichzeitig an echten Industrieprodukten“, sagt Poledna.

Nach Abschluss des Forschungsprojekts im September 2029 soll die Technologie laut Poledna kommerziell angeboten werden. Geplant ist, sie künftig auch für weitere Elektronikprodukte einzusetzen. Wie breit das System anwendbar sein wird, hängt insbesondere von der Verfügbarkeit entsprechender Daten ab.

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