10.10.2018

Der Migrant als Gründer, Teil 1: „Auf’s Klo zum Googlen“

Diskriminierung und Rassismus. Zwei Begriffe, die das Leben von so manchen Gründern in der Startup-Szene geprägt haben. Der Brutkasten hat mit erfolgreichen Foundern, die ihre Wurzeln nicht im Lande haben, über das Thema Migration gesprochen und sie nach ihren Erfahrungen befragt. Darunter Ali Mahlodji von Whatchado, Ex-DiTech-Co-Founderin Aleksandra Izdebska, Alexander Karakas von Iconz, Levent Akgün von Hadi und Andra Slaats, Younited Cultures-Gründerin und Mitglied des Vienna Impact Hub.
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Migrant, Hadi, Whatchado, Tian, IconZ, Louai, Ali Mahlodji, Andra Slaats, Aleksandra Izdebska, Levi Akgün, Alexander Karakas
(c) Hadi, Whatchado, Tian, IconZ, Louai - Fünf Gründer mit ausländischen Wurzeln berichten über ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus in ihrem Leben.

Die eigentliche Frage lautet: Wie nähert man sich dem sensiblen Thema Migration, ohne gleich Skandal und Sensation zu schreien? Man kann es statistisch versuchen und nackte Zahlen der Komplexität von Ablehnung und Hass entgegensetzen. Rund 33 Prozent der Wiener Unternehmer hatten 2016 einen Migrationshintergrund und stammten aus mehr als 120 Staaten. Noch 2006 waren es laut Wirtschaftskammer Wien nur 13 Prozent. Laut einem Bericht des österreichischen Integrationsfonds 2016 wurden 42 Prozent der Migranten im Erwerbsalter in EU-/ EWR-Staaten oder der Schweiz geboren. Knapp 58 Prozent wiesen Drittstaaten als Geburtsländer auf.

Die meisten Personen im erwerbsfähigen Alter mit ausländischem Geburtsort stammen aus Deutschland. Weitere wichtige Geburtsländer der Personen im Erwerbsalter waren die Türkei, Bosnien und Herzegowina sowie Serbien. Mehr als ein Fünftel der Beschäftigten mit Migrationshintergrund (22 Prozent) fühlte sich 2014 nach eigenen Angaben überqualifiziert. Neun Prozent der Personen mit Migrationshintergrund gaben an, nicht entsprechend der Berufsausbildung beschäftigt zu sein.

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„Es gibt keine Statistik“

Nähere Zahlen und Daten zur Startup-Szene und welcher Gründer welchen Pass hat, oder wo er geboren wurde, existieren nicht. „Es gibt keine Statistik. Zuerst muss man bedenken: Was definiert ein Startup überhaupt? Und dann gilt es zu unterscheiden, was ein Migrant ist. Ist der Mensch selbst im Ausland geboren und zugezogen, hat er ein Elternteil, das nicht von hier stammt, oder hat er nur Migrationshintergrund?“, sagt Ahmad Majid, „Integrations Ambassador of Zusammen Österreich“, auf Zahlen angesprochen.

Da reine Daten zum „wieviel“ nicht klar zu bestimmen sind, ist der zweite Weg, das Thema zu beschreiten, Menschen mit „un-österreichischen“ Namen reden zu lassen. Man könnte dabei Negativbeispiele suchen und versuchen die Szene damit aufzurütteln. Oder man stellt persönliche Erfolgs-Geschichten in den Vordergrund und lässt den Leser hinter die Person blicken, die allein aufgrund ihrer Hautfarbe oder des Namens wegen einen anderen Zugang zum Alltagsleben hat, als der gebürtige Österreicher mit langer Ahnenreihe in diesem Land.

Die Schublade „Migrant“

Eine bekannte Person aus der Startup-Szene, die nicht Teil dieses Beitrags sein wollte, hat bei ihrer Ablehnung zum Gespräch hierzu etwas äußerst Bemerkenswertes gesagt. Sie denke nicht mehr in Kategorien von Migrant und Nicht-Migrant und wünsche kein Interview. Sie habe es satt und denke global. Mit dieser Weigerung trifft diese Person einen Punkt, der das Thema Herkunft auf einen sachlichen Nenner reduziert: Fremdzuschreibung.

Auch Ali Mahlodji hatte eine derartige Phase, in der er nicht auf seinen fremdländisch klingenden Namen oder seine Hautfarbe reduziert werden wollte. Er nennt es „in die Migrantenschublade gesteckt werden“. „Ich wünsche mir auch eine Welt, in der wir nicht über Gleichberechtigung, Kinderarbeit und das Migrationsthema sprechen müssen, aber solange wir diese Welt nicht haben, kann sich jeder bei mir melden und sagen, er möchte mit dem ‚Vorzeige-Tschusch‘ reden. Dann bin ich das halt“, sagt er.

Der Grund für seinen Wandel sei das positive Feedback der Menschen, das er erhalte, wenn er in die Öffentlichkeit geht und Unbequemes anspricht, sagt der Whatchado-Gründer. „Man kann nachweislich sagen, dass über Migration zu reden eine Vorbildfunktion hat. Für Menschen, die momentan selbst daran verzweifeln“.

Es ist klar: Fremdzuschreibung und das „Schubladisierungsphänomen“ machen eine Diskussion des Themas Migration weiterhin essentiell – auch in der Startup-Szene. Doch was sind die Geschichten der Startup-Gründer, die mit diesen Zuschreibungen und Schubladen leben müssen? Im Gespräch mit den Beteiligten werden so manche Dinge klar und Punkte angeschnitten, die die heimische Startup-Szene charakterisieren. Dabei fallen Begriffe wie Paralleluniversum, Filterblase, Macho-Treffen und Diversity.

Spinner gern gesehen

Der rote Faden, der sich durch die Antworten der Gründer zieht, ist schnell auf den Punkt gebracht: Die österreichische Startup-Szene kennt keinen Rassismus. „Diversity“ ist das oberste Gebot. „In der Startup-Szene herrschen andere Werte. Toleranz wird gelebt. Es ist egal, ob du schwarz, blond, weiß oder grün bist. Je größer dein Spinner, desto interessanter“, sagt Aleksandra Izdebska, ehemalige DiTech-Gründerin und nun PR-Chefin bei Tian. Alexander Karakas, Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Iconz und Vorsitzender des Vereins „Not in Gods Name“, meint das gleiche, wenn er sagt, dass die Szene hierzulande sehr liberal sei, weil man auf ein gemeinsames Ziel hinarbeite.

Mit Erfolg kommen Freunde

Auch Levent Akgün, Gründer der Hadi-App (verbindet Handwerker und Dienstleister mit Kunden), weiß nichts von Diskriminierung innerhalb der Startup-Szene zu berichten. Was aber ihn, so wie viele Gründer verbindet, ist der schwere Weg, der sie zu dem gemacht hat, was sie heute sind. „Ich habe in einem Dorf (Anm.: Silz) gelebt, in dem wir die einzige türkische Familie waren. Ich war für alle der ‚Kümmeltürk‘. In der Schulzeit haben mich alle gehänselt. Mitschüler haben extra auf mich gewartet und mich abgefangen“, erinnert sich Akgün an die damalige Zeit. „Es war die Hölle“, sagt er. Erst der Erfolg in einem lokalen Fußballverein hat die Wahrnehmung Akgüns seitens seiner Kollegen verändert. Dies war der Zeitpunkt, an dem für ihn klar wurde, dass mit Erfolg Freunde kommen.

Das Unternehmertum kam für den Hadi-App-Founder bereits sehr früh infrage. Mit neun Jahren hat er sich Geld dazuverdient, indem er für türkische Frauen, die nicht aus der Wohnung konnten, VHS-Kassetten aus der Videothek abgeholt und frei Haus geliefert hat. Später hat er von Firmen billig PCs erstanden und sie weiterverkauft. „Ich bin zu einem großen Elektromarkt gefahren und habe dort selbstgemachte Flyer in die Autos gesteckt“, sagt er. Die Idee zu seinem Startup kam ihm, als er einen Maler gesucht und per Online-Suchergebnisse nur auf Van Gogh gestoßen sei. Die nächsten Versuche, jemanden telefonisch zu erreichen, scheiterten grandios und Akgün dachte sich nur, „eigentlich müssten sie mir als Kunden, die Tür einrennen“. So entstand die Hadi-App.

Migrant, Levent Akgün, Hadi, Hadi-App
(C) Hadi – Levent Akgün war zur Schulzeit bloß der „Kümmeltürk“ – bis der Erfolg kam.

Pichlbauer statt Akgün

Die rassistischen Vorfälle zu Schulzeiten blieben für den Hadi-Gründer nicht die einzigen, wie er erzählt. Akgün besitzt eine Werbeagentur, die anfangs von Kunden skeptisch beäugt wurde. Und zu einem ungewöhnlichen Schritt geführt hat. „Man hat schon gemerkt, mit dem ausländischen Namen war kein Interesse seitens der Kunden da.’Ak- wer?‘, hieß es oft am Telefon. Aber ich hatte damals eine Freundin namens Pichlbauer. Und so habe ich die Agentur umbenannt“, sagt Akgün leicht beschämt, aber mit einem Lächeln im Gesicht. „Mit der ‚Agentur Pichlbauer‘ ist es dann sehr gut gelaufen. Aufträge und Termine trudelten plötzlich ein. Und ich habe mich bewiesen“, sagt er. Der, laut eigenen Angaben, erste Türke im Lande, der 1999 den Snowboardlehrer-Schein gemacht hat, wurde durch seine negativen Erfahrungen zum Kämpfer und nicht zum ‚Aufgeber‘, wie er betont.

Verständnisprobleme

Auf seinem Weg haben Akgün schwerwiegende Probleme, über deren Inhalt er nichts im Bericht lesen möchte, mit einem Unternehmenspartner begleitet, die am Ende in 40.000 Euro Schulden gegipfelt sind. Erst die Idee zur Hadi-App und Menschen, die an ihn geglaubt und ihn als Förderer unterstützt haben, hätten letztendlich die Änderung gebracht. Seit mehr als zwei Jahren in der Startup-Szene, erinnert sich Akgün an die Anfänge, die teilweise skurril gewesen seien. „Die Szene ist eine eigene Welt und ich habe in Gesprächen die Hälfte nicht verstanden. Da bin ich aufs Klo und habe dort nach Begriffen gegoogelt, um zu verstehen, was mein Gegenüber überhaupt gesagt hat“, erklärt er. Heute verhalte es sich anders und er habe genug Selbstbewusstsein, um seine Gesprächspartner im Notfall zu bitten, „deutsch zu reden“, sagt Akgün.

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Keine Wäsche mehr im Waschbecken

Da Levent Akgün genau weiß, wie schwierig es Menschen mit fremden Wurzeln haben können, hat er die Initiative „Hadi-Hilft“ gegründet, um etwas zurückzugeben. „Ich habe erfahren, dass die Mutter eines Freundes die Wäsche im Waschbecken wäscht. Und das in der heutigen Zeit. Das kann nicht sein. Ich habe über 4.000 Handwerker bei mir, eine Plattform und große Partner. Daher die Idee zu ‚Hadi-Hilft‚“, erklärt er.

Bei dieser Initiative können sich Handwerker melden und ihre Dienste Menschen kostenlos anbieten. „Der Unternehmer, der hilft, erhält Gutscheine bei Kooperationspartnern, die das unterstützen. So gewinnt jeder“, sagt er. Die Hadi-App hat bisher einige Auszeichnungen erhalten und erlangte 2017 bei der Puls4-TV Show „2 Minuten 2 Millionen“ ein Investment von 200.000 Euro von Michael Altrichter und Startup300. Aktuell sind beim Unternehmen zwölf Leute beschäftigt, 4.980 Handwerker und über 33.000 User gelistet. Auch wenn Akgün über große Zukunftspläne von Hadi (noch) nichts sagen möchte, ein paar Tipps für Migranten, die gründen wollen, hat er parat. „Das Wichtigste: Nicht aufgeben. Egal woher man kommt, wenn das Produkt gut ist, lasst die Zweifel weg. Habt keine Angst wegen des Namens oder der Hautfarbe. Hier und da gibt es natürlich Probleme, aber innerhalb der Startup-Szene ist das anders. Es gibt gute Stellen, die Infos bereitstellen“.

⇒ Hier geht’s zum zweiten Teil: Der Whatchado-Gründer als „brauner Ali“


⇒ Hadi

⇒ Whatchado

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⇒ Younited Cultures

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Ex-Telekom-Austria-CEO Boris Nemšić beim Business Angel Summit in Kitzbühel | Foto: Martin Pacher | brutkasten

Boris Nemšić zählt zu den prägenden Figuren der österreichischen Telekom-Geschichte. 1957 in Sarajevo geboren, kam er 1984 nach Wien, promovierte an der TU Wien und stieg 1997 bei der mobilkom austria ein, die er später als CEO zu einer der führenden Mobilfunkgruppen Zentral- und Osteuropas ausbaute. Bis Anfang 2009 stand er an der Spitze der Telekom Austria Group, danach wagte er den Sprung nach Russland und führte bis 2010 den Telekom-Konzern VimpelCom.

Heute lebt Nemšić in Dubai und ist längst fixer Bestandteil des Startup- und Investoren-Ökosystems: Er ist Industry Advisor bei KKR im Technologie-Bereich, Gründungsmitglied der Austrian Angel Investors Association (aaia) und Aufsichtsrat in mehreren Hightech-Unternehmen, darunter die börsennotierte Frequentis AG. Als Beiratsvorsitzender begleitete er den kroatischen Kommunikationsanbieter Infobip auf dem Weg zum ersten Unicorn des Landes. In Österreich ist er unter anderem am Drohnen-Software-Startup Dimetor, am Fintech Seasonax und am Grazer Video-Tech-Unternehmen eyeson beteiligt.

Beim Business Angel Summit in Kitzbühel saß Nemšić am Panel „Quo vadis Europa und Austria“, das mit der provokanten Frage „Are we fucked?“ eröffnet wurde. Seine Antwort dort machte die Runde, im Gespräch mit brutkasten führt er aus, was er damit meint, warum er das Rennen um generative KI noch nicht verloren gibt und woran seine eigene Initiative gegen SMS-Spam gescheitert ist.


brutkasten: Du bist heuer beim Business Angel Summit und bist in mehrere österreichische Startups investiert. Wie würdest du deine Rolle als Investor selbst beschreiben?

Boris Nemšić: Business-Angel-Investor wäre zu breit als Beschreibung. Was ich für mich selbst gemacht habe, waren frühe Investments, schon in den Zehner-Jahren, in Startups, die in meinem Gebiet tätig sind: Technologie, Telekommunikation, ICT. Dort bilde ich mir ein, dass ich mich ein bisschen auskenne, was nicht immer stimmt. Aber das mache ich mit vollem Herzen. Es geht nicht um ein Finanzinvestment als solches, sondern darum, ob ein Produkt einen Nutzen für die Kunden bringen kann und die Technologie weiterbringt. Und vielleicht ergibt sich auch eine Wertsteigerung.

Gab es in deiner Investorenlaufbahn schon erfolgreiche Exits?

Ich habe bis jetzt größte Misserfolge dokumentiert. (lacht) Die Erfolge kommen noch. Obwohl, ich hatte auch einige, allerdings hauptsächlich in Verbindung mit meiner Tätigkeit für KKR, wo ich Industry Advisor bin und mitinvestieren darf. Das waren durch die Bank hervorragende Investments.

Hast du einen spezifischen Branchenfokus? In welcher Phase steigst du ein?

Natürlich schaue ich, dass ich in einer frühen Phase einsteige, weil da die Tickets so sind, dass ich sie persönlich stemmen und die Chancen ergreifen kann. Es ist hauptsächlich ICT, alles, was sich um die Telekom- oder IT-Industrie dreht. Ich hatte auch positive Exits im Education-Bereich, aber wieder IT-getrieben. Das Gebiet, das mich derzeit sehr interessiert, sind Drohnen. Allerdings Drohnen im Sinne der Kommunikation mit Drohnen, nicht die Drohne selbst. Ein fliegendes Objekt kann fast jeder bauen. Die Frage ist, wie man Drohnen beyond line of sight, also auf lange Distanzen, reguliert und verkehrstechnisch richtig steuert. Man braucht Command and Control. Dass Drohnen inzwischen eher eine Dual-Use- und Defense-Geschichte geworden sind, hat die Geschichte ergeben.

Bei welchem Unternehmen bist du da engagiert?

Bei Dimetor in Österreich, dort bin ich Mitinvestor. Zwei meiner guten Freunde kommen von der gleichen Schule, der TU Wien, junge Doktoranden damals, als ich noch auf der Uni tätig war. Das ist eigentlich ein Brainpool, der fantastisch ist. Wir haben Produkte, die sowohl zivil als auch für Defense möglich sind. Zum Beispiel können wir fliegende SIM-Karten entdecken. Und wenn diese fliegende SIM-Karte in einer Drohne ist, dann kann es unangenehm werden. Wir können das detektieren, und dann kann man entscheiden: Ist das eine freundliche oder eine feindliche? Und dann tut man was damit.

Du lebst aktuell in Dubai. Schaust du dir von dort aus weltweit Startups an oder hast du dennoch einen Österreich-Fokus?

Ich habe vor allem einen Europa-Fokus. Ich habe in Kroatien sehr viel gearbeitet und das erste Unicorn Kroatiens mitbetreut, als wir diese Bewertung bekommen haben. Dubai ist natürlich ein unglaublicher Umschlagplatz. Dort gibt es sehr interessante Firmen, die aus irgendeinem Grund dort ansässig geworden sind. Ich glaube kaum, dass Leute hinkommen und sagen: Ich mache jetzt in Dubai ein Startup, weil Dubai. Das ist nicht der Fall. Dubai hat den Vorteil, sehr nahe an Indien, Bangladesch und Pakistan zu sein, mit einem großen Ingenieurs- und Wissenspool.

Beim Panel „Quo vadis Europa und Austria“ wurdest du gefragt: „Are we fucked?“ Deine Antwort?

Ich habe es ein bisschen frech ausgedrückt: We are not fucked yet. Wir sind im Vorspiel. Das heißt, es kann alles rauskommen. Was ich gemeint habe: Wir nehmen diese Dinge noch nicht ernst. Das ist ein Kritikpunkt, den ich mich traue, sehr laut zu sagen. Was ist Europa? Es ist ein Friedensprojekt. Wir sind reich, wir sind frei, wir sind eigentlich die beste Gegend der Welt. Jeder will zu uns kommen. Und was jetzt passiert, ist: Wir schlafen fast ein und reagieren nicht auf die Entwicklungen, die rund um uns sind. Sind das Kriege? Leider. Sind das Entwicklungen wie AI? Sind das Businessentwicklungen? Am Ende brauchen wir Wachstum, wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft. Was wir als Europa machen, ist hauptsächlich Fokussierung auf Regulierung und Verlangsamung von allem Möglichen. Mich wundert nur, dass sie noch nicht sagen: Ein Fußball darf nicht schneller als sechzig Kilometer pro Stunde fliegen, weil sonst ist es nicht fair. Ich sage das bewusst überspitzt. Es ist traurig, dass wir unsere hervorragenden Ressourcen, unser Wissen, unsere Leute, unser Entrepreneurship verwalten, statt sie freizulassen. Das ist keine Kritik an Österreich. Österreich hat manchmal vernünftige, manchmal supergute Ansätze. Wir können nur als ganzes Europa erfolgreich sein in diesem Rennen.

Kannst du das konkretisieren?

Ich sage es in einer Metapher: In Wien habe ich in der Wohnung meines Sohnes leider fünfzehn Megabit pro Sekunde Internetverbindung. Und er ist weltweit in Competition mit Südkoreanern, die ein Gigabit haben. Wer wird gewinnen? Oder: Wir haben sechzehn Jahre gebraucht, um den Hochspannungsring in Österreich zu schließen. Gott sei Dank ist es, dank dem Verbund und den anderen, zu keinem Blackout gekommen. Wir waren ein paar Mal sehr nahe dran. Warum haben wir das nicht schneller gemacht? Weil wir alles schützen außer den Menschen. Wir schützen jede Pflanze, Hochachtung. Jede Schnecke, Hochachtung. Nur der Mensch, habe ich den Eindruck, ist nicht so wichtig. Ich überspitze ganz bewusst. Da soll man sehr viel pragmatischer sein. Wenn wir schauen, wer heute erfolgreich ist: Es sind die pragmatischen Zugänge, ob in Dubai, in den Emiraten, in China oder in den USA. Ein Problem wird erkannt und die Lösung wird gesucht. Und nicht der Prozess zur Lösung.

Fairerweise muss man sagen: Das sind unterschiedliche politische Systeme. Europa ist eine Demokratie mit 27 Mitgliedstaaten.

Du hast recht. Nur das politische System soll den Menschen dienen und nicht die Menschen behindern. Das ist der große Unterschied. Wir können uns nicht damit rühmen, dass wir ein besseres System haben. Ja, wir haben es. Nur wenn das System uns behindert, dann soll man das System so anpassen, dass es für uns gut ist. Das ist so banal. Aber wir verlieren uns in Parteien, in Strukturen, in Diskussionen. Und im Endeffekt: Ich will Strom haben. Ich will Internet haben. Ich muss Gesundheit haben, Education haben. Es ist keine Ausrede, dass es so lange dauert, weil wir eine Demokratie sind. Das ist eine faule Ausrede, die ich persönlich nicht akzeptieren kann. Noch einmal: Ich lobe keine Diktaturen und Königreiche, bei Gott nicht. Aber wenn man sich anschaut, was in den Emiraten passiert: Es wird ein Ziel gesetzt, das der Wirtschaft, den Menschen, der Entwicklung dient. Und dann wird das durchgezogen.

Wo siehst du das Problem, wenn nicht in einer Fehlkommunikation zwischen Industrie und Politik?

Du bist ja sehr nett. Wenn man Dinge falsch macht, dann sagt man, es ist falsche Kommunikation. Das lasse ich nicht gelten. Die Politik hat alle Möglichkeiten, sich beraten zu lassen, und muss das gesamtheitlicher sehen. Die Politik ist nicht blöd. Sie hat leider oft Partikularinteressen. Und es ist eine nachvollziehbare, aber schwierige Situation, dass immer irgendwo Wahlen sind. Wenn das Interesse an einer Partikularwahl das große ganze Ziel überwiegt, dann haben wir ein Problem. Wenn wir nicht in der Lage sind, das zu lösen, dann werden Systeme, die dieses Problem nicht haben, die Oberhand gewinnen. Schau, was China ist: eine Planwirtschaft, ein Einparteiensystem, alles, was wir eigentlich nicht wollen. Aber die wesentlichen Dinge machen sie richtig. Die haben uns innerhalb von dreißig Jahren in unheimliche Abhängigkeiten gebracht. Unglaublich. Und ich bin sicher, dass das viele Menschen in Europa erkannt haben, nicht heute, sondern vor zwanzig Jahren. Warum reagieren wir nicht? Weil wir kurzfristige Ziele setzen. Das Ziel ist das nächste Quartal, das Ziel ist die nächste Wahl. Statt das große Ganze zu sehen. Wir haben die Wissenschaft, wir haben Hirn, wir haben Geld, wir haben Ressourcen, um breiter und größer zu denken. Nur irgendwo am Weg verlieren wir uns.

Hast du ein Beispiel, wo du selbst an dieser Regulierung gescheitert bist?

Ich habe mich die letzten zwei, drei Jahre mit SMS-Spam beschäftigt. Jeder von uns bekommt irgendwelche blöden SMS, wo oben eine Bank steht, Unicredit oder Bitpanda oder was auch immer, und drinnen steht irgendein Scam. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht: Wie kann man das verhindern? Weißt du, woran ich gescheitert bin? Am deutschen Briefgeheimnis. Das deutsche Briefgeheimnis wird auf SMS angewendet. Wie rückständig und ignorant muss man sein, um das anzuwenden? Es geht darum: Darf ich in den Header der SMS hineinschauen? Wenn dort Unicredit steht und ich erkenne, das ist die falsche Nummer, dann ist es Scam, und dann filtere ich es aus. Es ist so einfach. Die Erklärung ist: Das ist ein Verfassungsgesetz in Deutschland, es geht nicht. Und die Bevölkerung hat Millionen an Schaden. Wen schützen wir jetzt? Die armen Menschen, die auf das reinfallen und Millionen verlieren? Oder wen schützen wir da? Wenn ich krank bin, soll historisch gesehen auch ein Arzt kommen und mir Blut rauslassen statt eine CT zu machen. Ich meine, das ist absurd. Man muss mit der Zeit gehen.

Die Bundesregierung hat einige Maßnahmen für das Innovationsökosystem gesetzt, Stichwort Dachfonds. Wie bewertest du das?

Ich bewerte es positiv, eindeutig positiv. Ich habe mich 2011 als Chef der ÖIAG beworben. Bin es nicht geworden, Gott sei Dank. Eine meiner Thesen damals in meinen Bewerbungsunterlagen war, dass die ÖIAG-Companies, heute ÖBAG, einen Teil ihrer Dividende in einen Forschungsförderungsfonds oder Startup-Fonds einzahlen sollen, damit wir einen Geldpool haben, mit dem wir dieses Ökosystem stärken.

Das war vor fünfzehn Jahren. Jetzt wird genau das diskutiert.

Eben. Wenn eine Idee kommt und man sie fünfzehn Jahre später diskutiert, darf ich ein paar Fragezeichen stellen. Es gibt einen Punkt: Die Zeit kannst du nicht kaufen. Die Zeit kann man fast nie mit Geld erschlagen. Und ich glaube, wir gehen sehr sorglos mit der Zeit um. In der Wirtschaft ist das noch schlimmer.

Gibt es Tipping Points, die schon erreicht sind? In generativer KI etwa haben wir das Rennen doch verloren.

Nein, glaube ich nicht. Da bin ich anderer Meinung als einige Teilnehmer im Panel. Ich bin sicher, dass man das in drei Jahren aufholen kann. Weil das ist pure Force: Du nimmst so viel Geld, baust so viele Data Center. Wir haben die Wissenschaft, wir haben die Leute, die das können. In drei Jahren, so wie DeepSeek das gemacht hat, können wir es schaffen. Das Rennen ist nicht verloren. Es ist nur die Entscheidung, ob man es macht oder nicht. Mir wäre am liebsten, dass wir überhaupt nicht auf die Idee kommen müssen. Nur die Situation ist so, dass irgendjemand in den USA, China oder wo immer sagen kann: Mir gefällt überhaupt nicht, dass Österreich LLMs oder KI hat, ich drehe es ab. Das darf nicht passieren. Das heißt, wir brauchen einen gewissen Grad an Autonomie. Das heißt nicht, dass wir alles nachbilden und doppelt haben müssen. Aber man muss einen gewissen Grad an Selbstständigkeit haben oder mindestens Hebel, um diese Selbstständigkeit erhalten zu können.

In Europa ist nur ASML ein wichtiger globaler Player. Und nachdem er der Einzige ist, ist man erpressbar. Gott sei Dank haben wir das. Aber da sind wir nicht unbedingt die großen Meister. Ich habe noch die Hoffnung, dass sich die KI in eine Richtung entwickelt, dass die Industrievertikalen, die KI anwenden, so stark werden, dass sie sich selbstständig entwickeln. Eine wird in Europa sein, eine in Amerika, eine in Österreich, egal wo. Das wird sich ausgleichen. Aber die Infrastruktur muss man haben. Und auch damit gehen wir nicht besonders proaktiv um. Es ist blöd, dass ein Glasfaseranschluss in Österreich und Deutschland Pi mal Daumen dreitausend Euro kostet und gleichzeitig in Spanien zweihundertsechzig Euro. Es gibt ein paar Gründe dafür, ein paar sind legitim. Aber die Mehrzahl der Gründe ist einfach erfunden. Da sieht man, wie inkonsistent wir agieren.

Du hast sehr viel erreicht in deiner Karriere. Welche Ziele hast du dir noch gesteckt?

Ich habe mir in meiner Karriere, Karriere unter Anführungszeichen, nie persönliche Ziele gesetzt. Ich habe Business-Ziele gesetzt: Wenn ich Vorstand einer Firma bin, will ich diese und jene Ziele erreichen. Aber keine persönlichen Ziele, weil man so offen und so breit sein muss, dass man entscheiden kann, ob man eine Chance wahrnimmt oder nicht. Ich bin nach Russland gegangen, obwohl ich überzeugt bin, dass ich den besten Job in Österreich hatte, zehn Jahre lang.

Beim Summit haben zwölf Startups gepitcht, die noch am Anfang stehen. Was gibst du jungen Unternehmer:innen mit auf den Weg?

Es war interessant, dass die zwölf aus sehr verschiedenen Ecken kommen, was gut ist. Ich persönlich glaube an Startups, die entweder etwas sehr tangibles machen oder ein Businessmodell haben, das global anwendbar ist. Das kann eine kleine Sache sein, aber global anwendbar. Ich hoffe, sie denken in die Richtung, dass sie nicht nur ein kleines Problem lokal lösen, sondern dass ihre Plattform oder ihr Produkt eine globale Anwendung haben kann. Da gibt es viele Chancen, und auch viele Dinge, die man gut überlegen muss.

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