06.05.2026
REFURBED

Der harte Weg zur Profitabilität

Im Oktober 2025 sicherte sich refurbed mit 50 Millionen Euro das größte Investment eines österreichischen Scaleups des vergangenen Jahres. Der Online-Marktplatz für generalüberholte Produkte ist mittlerweile in elf europäischen Märkten aktiv und wirtschaftet profitabel. Diesem Meilenstein ging jedoch ein harter Weg voraus: Um die heutige Profitabilität zu erreichen, musste das Unternehmen zu Beginn des Vorjahrs 20 Prozent seiner Belegschaft abbauen. Wir haben mit den Gründern Peter Windischhofer und Kilian Kaminski über diesen tiefgreifenden Einschnitt, radikale Effizienzgewinne und ihren politischen Einsatz für die europäische Kreislaufwirtschaft gesprochen.
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Die refurbed-Gründer Kilian Kaminski (l.) und Peter Windischhofer | (c) Sudio Koekart | Natascha Unkart

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2026 “Kraftakt” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Das Headquarter von refurbed befindet sich am Austria Campus im zweiten Wiener Bezirk, in unmittelbarer Nachbarschaft zu anderen österreichischen Scaleups wie Prewave oder Eversports. Die Büroräume im dritten Stock eines der Campus-Gebäude sind von außen schlicht gehalten; auf ein massives Logo oder Marketingbotschaften verzichtet refurbed. An der gläsernen Eingangstür weist lediglich ein Zettel auf Englisch und Deutsch darauf hin, dass am Standort ausschließlich administrative Aufgaben erledigt werden – für den Kundenservice oder Produktanfragen wird auf die digitalen Kanäle verwiesen.

In den Fluren herrscht eine ruhige Atmosphäre; der Großteil der rund 250 Mitarbeiter:innen arbeitet im Homeoffice. Das Unternehmen verfolgt eine „Remote first“-Strategie, die intern unter dem Leitsatz „Remote Requires Responsibility“ geführt wird. Die Ruhe im Büro steht jedoch im Gegensatz zur geschäftlichen Entwicklung: Seit der Gründung 2017 hat das Unternehmen als Online-Marktplatz für erneuerte Elektronik- und Haushaltsgeräte in elf europäische Märkte expandiert.

Die Wachstumszahlen belegen diesen Kurs: Im April 2025 wurde die Marke von zwei Milliarden Euro Gesamtaußenumsatz seit Firmengründung überschritten. Diese Summe bildet den Gesamtwert aller über die Plattform verkauften Artikel ab. Seit März 2025 wirtschaftet das Unternehmen profitabel.

Neun Jahre und ein klarer Fokus

Mitte Februar 2026 feierte refurbed seinen neunten Geburtstag. Die Geschichte der Co-Founder Peter Windischhofer und Kilian Kaminski begann 2013 während ihres Masterstudiums in Shanghai. Später betreute Kaminski bei Amazon in München das dortige Refurbished-Programm; Windischhofer war als Berater bei McKinsey in Wien tätig. Ende 2016 fiel bei einem gemeinsamen Abendessen der Entschluss zur Gründung: „Wir haben über unsere Jobs geredet und über unser Leid bei großen Firmen geklagt. Und dann haben wir entschieden, dass wir es gemeinsam machen“, erinnert sich Windischhofer an den Moment. Ausschlaggebend war der Wunsch, ein spezialisiertes Modell für den Bereich Refurbishment aufzubauen, das über die damaligen Ansätze großer E-Commerce-Konzerne hinausging. Um die Pläne technisch umzusetzen, ergänzte der Programmier-Experte Jürgen Riedl kurz darauf das Gründertrio.

Das Geschäftsmodell basiert auf einem skalierbaren „Asset-Light-Ansatz“: Refurbed betreibt kein eigenes Lager, sondern fungiert als Marktplatz für über 350 professionelle Partnerbetriebe. Um die Qualität zu sichern, arbeitet das Unternehmen gezielt mit größeren Betrieben zusammen. „Wir arbeiten nicht mit dem Ein-Personen-Reparaturshop am Hauptbahnhof – wir wollen wirklich mit den großen Playern, die Tausende Geräte pro Woche refurbishen, zusammenarbeiten“, erklärt Kaminski. Dass diese Strategie zur Marktreife geführt hat, zeigt die Kooperation mit namhaften Marken wie Kärcher oder AEG, die ihre Retouren und Vorführgeräte offiziell über die Plattform im Kreislauf halten.

(c) Sudio Koekart | Natascha Unkart

Wie akzeptiert das Modell ist, zeigt die Reichweite der Plattform: Europaweit nutzen mittlerweile über fünf Millionen Kund:innen refurbed. Im Heimatmarkt Österreich hat das Unternehmen seit der Gründung bereits mehr als 1,5 Millionen Produkte über den Marktplatz verkauft. Parallel dazu verbreiterte refurbed sein Angebot massiv: Das Sortiment umfasst heute rund 55.000 Produkte aus Bereichen wie Elektronik, Haushalt, Freizeit und Mobilität.

Der harte Weg zur Profitabilität

All diese Erfolge haben jedoch eine Vorgeschichte; der Weg zur heutigen Profitabilität war mit operativen Einschnitten verbunden. Eine Zäsur bildete der Februar 2025, als refurbed ankündigte, rund 20 Prozent seiner Belegschaft abzubauen. „Für mich war das auf jeden Fall der schwierigste Tag in meinem Leben“, blickt Gründer Peter Windischhofer heute zurück. „Es ist sehr schwer, in einer Firma zu sagen: ‚Wir müssen Sachen verändern!‘ – und das dann auch konsequent zu tun.“ Auch Kilian Kaminski macht aus der emotionalen Belastung keinen Hehl: „Es war eine der schlimmsten Entscheidungen, die ich je treffen musste.“ In dieser Phase bewährte sich jedoch die über Jahre aufgebaute Unternehmenskultur: „Ich war überrascht, wie Mitarbeiter in Kündigungsgesprächen gefragt haben, wie es mir dabei geht. Das zeigt das Besondere an unserer Kultur“, so Kaminski.

Der Personalabbau war aber keine Notbremse aufgrund einer finanziellen Schieflage – er war vielmehr eine bewusste Weichenstellung, um aus einer typischen Skalierungsfalle auszubrechen. „Man neigt als schnell wachsendes Startup oft dazu, manuelle Aufgaben durch die Einstellung von mehr Menschen zu lösen, anstatt das Problem an der Wurzel zu packen“, erklärt Kaminski. Die Reduktion des Teams erzwang ein radikales Umdenken und eine tiefgreifende technologische Transformation.

Künstliche Intelligenz wurde dabei zum zentralen Werkzeug, um die Produktivität zu steigern. „Wir sehen den größten Impact von KI darin, dass unsere Mitarbeiter viel schneller lernen und Aufgaben automatisieren können“, erklärt Windischhofer. Ein konkretes Anwendungsbeispiel findet sich im Finance-Team: Komplexe manuelle Buchungsvorgänge, die früher Tage in Anspruch nahmen und fehleranfällig waren, werden heute durch KI-Tools per Knopfdruck erledigt.

Finanzierung gegen den Markttrend

Ende Oktober 2025 sicherte sich refurbed ein Investment über 50 Millionen Euro. Dabei handelte es sich um die größte öffentlich kommunizierte Finanzierungsrunde des Jahres in Österreich. In einem Marktumfeld, in dem das gesamte Finanzierungsvolumen der heimischen Startup-Szene laut EY Start-up-Barometer im Vorjahresvergleich um 56 Prozent einbrach, war dieser Deal eine Ausnahmeerscheinung. Peter Windischhofer ordnet die Runde in Bezug auf die Profitabilität des Unternehmens nüchtern ein: „Wäre es möglich gewesen, in diesem Marktumfeld Kapital aufzunehmen, ohne profitabel zu sein? Nein“, stellt er fest.

Das frische Kapital wurde dabei nicht zur Deckung operativer Kosten aufgenommen, sondern als strategische Reserve. Dass der Fokus auf Profitabilität das Wachstum nicht bremst, belegen die Zahlen: „Wir sind im letzten Jahr um 40 Prozent gewachsen, obwohl wir Personal abgebaut haben“, betont Kilian Kaminski. Für die Gründer ist dies der Beleg für ein „kontrolliertes Wachstum“, das primär durch die technologische Transformation realisiert wurde.

Angeführt wurde die Runde von internationalen Investoren wie Alex Zubillaga, bekannt für seine Beteiligungen an Spotify und Fever, sowie Orilla, der Investmentplattform der spanischen Familie Riberas, die unter anderem auch an der bekannten europäischen Secondhand-Plattform Vinted beteiligt ist. „Wir hätten noch wesentlich mehr Kapital raisen können. Aber es hat für uns keinen Sinn gemacht, mehr zu raisen, weil wir in den nächsten Jahren auch gar nicht mehr ausgeben wollen“, so Kaminski.

„War Chest“ für das weitere Wachstum

Die Branche für generalüberholte Geräte wächst laut der Marktforschung Consegic Business Intelligence aktuell rund viermal schneller als der klassische Elektronikmarkt. Ausgehend von einem weltweiten Marktvolumen von gut 54 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 soll dieser Wert laut Prognosen bis 2032 auf mindestens 119 Milliarden anwachsen. Um in diesem Umfeld gegen die Marketingbudgets der Neuwaren-Hersteller zu bestehen, dient das Kapital als „War Chest“. „Wir haben das Geld auf der Seite liegen, um im harten Wettbewerb jederzeit angriffsfähig zu bleiben“, so Windischhofer.

Das Kapital soll zudem die weitere Expansion in neue europäische Märkte und die Vertiefung des Sortiments finanzieren. Besonders hervorzuheben ist, dass der Deal als sogenannte „Up Round“ abgeschlossen wurde – die Bewertung des Unternehmens stieg also im Vergleich zur Serie-C-Runde in Höhe von 54 Millionen vom November 2023 an. Wo sie genau liegt, kommuniziert das Unternehmen zwar nicht; in einer Phase, in der viele Scaleups Abwertungen (Down Rounds) hinnehmen müssen, sieht Windischhofer aber darin eine Bestätigung der eigenen Strategie: „Das zeigt einfach die Stärke unserer Unit Economics.“

Obwohl refurbed in der Szene seit Jahren als „Soonicorn“ – also als heißer Anwärter auf die Milliardenbewertung – gehandelt wird, hat das Unternehmen diese magische Grenze mit der jüngsten Finanzierungsrunde offiziell noch nicht erreicht. Dem Thema „Unicorn-Status“ begegnen die Gründer jedoch ohnehin mit ausgeprägter Zurückhaltung: „Ich glaube, das ist mehr ein Medienthema“, winkt Peter Windischhofer im Gespräch ab. Anstatt sich von PR-Titeln blenden zu lassen, ordnet er die Zahlen pragmatisch ein: „Bewertungen von Scaleups sind ja auch nicht das wert, was sie auf dem Papier wert sind.“ Die wirkliche Bewährungsprobe für das Unternehmen stehe ohnehin erst an, „wenn du in einen Exit kommst, oder ein IPO“.

Regulatorik als Wachstumsmotor und Barriere

Wie bei vielen technologiegetriebenen Unternehmen ist das Geschäftsmodell von refurbed heute untrennbar mit der regulatorischen Rahmensetzung auf europäischer Ebene verknüpft. Kilian Kaminski, der sich als Vorstandsmitglied des Branchenverbands EUREFAS in Brüssel engagiert, verdeutlicht im Interview jedoch die paradoxe Ausgangslage: Während die politische Absicht zur Kreislaufwirtschaft steht, fehlt das konkrete Regelwerk. „Es gibt keine klassischen europäischen Richtlinien, wie Refurbishment stattfinden muss“, erklärt Kaminski. Da diese gesetzliche Basis fehlt, war refurbed von Anfang an gezwungen, eigene Qualitätsstandards zu definieren, die heute als Blaupause für das europäische „Right to Repair“ dienen.

Ein zentraler Hebel für das zukünftige Wachstum ist der freie Marktzugang zu Komponenten. Wie Kaminski betont, setzt refurbed bei seinen Händlern klare Qualitätsstandards voraus, was die Hochwertigkeit der verbauten Ersatzteile angeht. Gleichzeitig macht er deutlich, dass technische Hürden der Hersteller derzeit oft eine effiziente Instandsetzung erschweren. Ziel der politischen Arbeit ist es daher, den Reparaturmarkt weiter zu öffnen und Barrieren seitens der Hersteller gesetzlich zu unterbinden. Um Herstellern zu begegnen, die die Produktion bestimmter Ersatzteile ablehnen, nutzt refurbed eine datenbasierte Strategie. Kaminski beschreibt die Abwehrhaltung der Konzerne so: „Deren Argumentation war: ‚Warum sollen wir Ersatzteile produzieren, die keiner braucht? Dann würden wir ja Schrott produzieren!‘“ Mit eigenen Datengrundlagen konnte refurbed jedoch aufzeigen, wie oft Bauteile tatsächlich kaputtgehen. „Damit wir auch da anlegen konnten: Es ist durchaus wichtig, dass der Hersteller Ersatzteile produzieren muss, damit die Reparaturwirtschaft auch wirklich arbeiten kann“, so Kaminski.

Für die Gründer ist diese regulatorische Weichenstellung auch eine Frage der technologischen Souveränität Europas. Ihr Kernargument in Brüssel: „Wir zeigen in der Praxis, dass Kreislaufwirtschaft im großen Stil funktioniert.“ Indem Ressourcen und technisches Know-how in Europa gehalten werden, verringert sich die Abhängigkeit von globalen Lieferketten und Rohstoffimporten.

Preis und Nachhaltigkeit als Kaufargumente

Doch welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit für die Kunden selbst? Die internen Daten der Gründer zeichnen hier ein klares Bild: Zwar suchen Konsument:innen in einem von Inflation geprägten Umfeld primär nach Wegen, das eigene Budget zu schonen: „Der Preis ist nach wie vor das Argument Nummer eins“, bestätigt Peter Windischhofer. Doch direkt dahinter, auf dem zweiten Platz, folgt bereits der ökologische Aspekt. Diese Entwicklung werten die Gründer als massiven Erfolg für die Kreislaufwirtschaft: „Die Kombination macht’s halt“, betont Kilian Kaminski das eigentliche Erfolgsgeheimnis. Während nachhaltiger Konsum in vielen Branchen oft mit einem Aufpreis verbunden ist, löst refurbed diesen Widerspruch auf.

In diesem rasant wachsendem Marktumfeld begegnen die Gründer auch dem Wettbewerb mit internationalen Playern wie Back Market aus Frankreich mit Gelassenheit. Windischhofer sieht in der Konkurrenz sogar einen willkommenen Katalysator: Jeder Euro, den die Konkurrenz in Marketing investiert, befeuere den Markt und erhöhe die Bekanntheit der gesamten Kategorie. „Das ist eigentlich instinktiv sehr positiv“, so Windischhofer; da es letztlich dem übergeordneten Ziel dient, die Kreislaufwirtschaft in der Gesellschaft zu verankern. In den strategisch entscheidenden Regionen sieht er sein Unternehmen ohnehin in der Pole-Position: „Wir sind in der Situation, dass wir in unseren Märkten führend sind und dadurch mit Abstand die bekanntere Brand haben – zum Beispiel in Deutschland, Österreich oder den Nordics.“ Gleichzeitig treibt das Unternehmen die Expansion weiter voran. Das Credo und erklärte Ziel der Gründer ist dabei klar: „Dass in jedem europäischen Haushalt ein Refurbished-Produkt ist!“

Die Pläne für 2026

Für das Jahr 2026 steht bei refurbed der nächste Wachstumsschritt auf der Agenda: Der Markteintritt in weitere europäische Länder soll noch heuer offiziell kommuniziert werden. Welche dies sind, ist noch nicht sicher. Ein operativer Rückzug – eine Entwicklung, die zuletzt bei anderen prominenten österreichischen Scaleups wie Bitpanda zu beobachten war, wo sich Gründer aus dem operativen Tagesgeschäft zurückzogen – steht für das Gründerduo jedoch nicht zur Debatte. Die neu gewonnene Profitabilität wird vielmehr genutzt, um das Unternehmen aus der operativen ersten Reihe heraus weiterzuentwickeln. Auch auf die in der Branche häufig gestellte Frage nach einem Börsengang (IPO) reagiert die Führungsspitze nüchtern: „Für uns ist das eine spannende Option“, stellt Windischhofer klar – auch, wenn man aktuell keinen Zeitdruck habe.

Mit dem Wachstum der vergangenen Jahre haben sich auch die Gründerrollen grundlegend verändert. In der Anfangsphase war das operative Geschäft noch von maximalem persönlichem Einsatz geprägt. „Die Zeiten, in denen wir im wahrsten Sinne des Wortes für alles zuständig waren – ob Kundenservice, Legal, Finance, Sales oder Marketing –, sind vorbei“, blickt Kilian Kaminski zurück. Peter Windischhofer erinnert sich an Phasen, in denen es teilweise keine freien Wochenenden gab: Man habe „am Samstagabend den Kundenservice übernommen“ und wirklich „alles zu hundert Prozent selbst gemacht“. Diese harte Phase der „Allzuständigkeit“ sehen sie heute jedoch als essenzielles Learning, da sie geholfen habe, ein tiefes Verständnis für die eigene Kundschaft aufzubauen.

Mit zunehmender Unternehmensgröße musste dieser Ansatz einer strukturierten Delegation weichen. Peter Windischhofer und Kilian Kaminski entschieden sich dabei zwar bewusst für den Verbleib an der Unternehmensspitze; gleichzeitig holten sie aber gezielt Fachexpert:innen an ihre Seite, die spezialisierte Fähigkeiten und Erfahrungen einbringen, welche die Gründer selbst „auf diesem Niveau gar nicht abdecken konnten“. Kaminski formuliert den pragmatischen Anspruch dahinter klar: „Wir wollen Leute ins Team holen, die besser sind als wir.“ Ein prominentes Beispiel für diese Strategie ist die Personalie Shan Vosseller: Der ehemalige Vice President of Product von eBay verstärkt das Führungsteam seit Sommer 2024 als Chief Product Officer (CPO). Durch die Abgabe des operativen Tagesgeschäfts an diese Expert:innen können sich Windischhofer und Kaminski voll und ganz auf ihre neuen Kernaufgaben fokussieren: die übergeordnete Unternehmensstrategie sowie die politische Arbeit, um die Rahmenbedingungen für die europäische Kreislaufwirtschaft aktiv mitzugestalten.

Auf die Frage nach den wichtigsten Learnings für andere Gründer:innen verweisen Windischhofer und Kaminski auf die physische und psychische Belastung der Scaleup-Reise: Eine Firmengründung sei extrem harte Arbeit, die mit zahlreichen „Ups and Downs“ verbunden ist, welche man schlichtweg durchstehen müsse. Das zentrale Fundament dafür bilde laut Windischhofer die eigene Motivation für die Sache: „Wenn dir die eigentliche Arbeit Spaß macht, dann kannst du diese Phasen auch durchstehen.“

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Ex-Telekom-Austria-CEO Boris Nemšić beim Business Angel Summit in Kitzbühel | Foto: Martin Pacher | brutkasten

Boris Nemšić zählt zu den prägenden Figuren der österreichischen Telekom-Geschichte. 1957 in Sarajevo geboren, kam er 1984 nach Wien, promovierte an der TU Wien und stieg 1997 bei der mobilkom austria ein, die er später als CEO zu einer der führenden Mobilfunkgruppen Zentral- und Osteuropas ausbaute. Bis Anfang 2009 stand er an der Spitze der Telekom Austria Group, danach wagte er den Sprung nach Russland und führte bis 2010 den Telekom-Konzern VimpelCom.

Heute lebt Nemšić in Dubai und ist längst fixer Bestandteil des Startup- und Investoren-Ökosystems: Er ist Industry Advisor bei KKR im Technologie-Bereich, Gründungsmitglied der Austrian Angel Investors Association (aaia) und Aufsichtsrat in mehreren Hightech-Unternehmen, darunter die börsennotierte Frequentis AG. Als Beiratsvorsitzender begleitete er den kroatischen Kommunikationsanbieter Infobip auf dem Weg zum ersten Unicorn des Landes. In Österreich ist er unter anderem am Drohnen-Software-Startup Dimetor, am Fintech Seasonax und am Grazer Video-Tech-Unternehmen eyeson beteiligt.

Beim Business Angel Summit in Kitzbühel saß Nemšić am Panel „Quo vadis Europa und Austria“, das mit der provokanten Frage „Are we fucked?“ eröffnet wurde. Seine Antwort dort machte die Runde, im Gespräch mit brutkasten führt er aus, was er damit meint, warum er das Rennen um generative KI noch nicht verloren gibt und woran seine eigene Initiative gegen SMS-Spam gescheitert ist.


brutkasten: Du bist heuer beim Business Angel Summit und bist in mehrere österreichische Startups investiert. Wie würdest du deine Rolle als Investor selbst beschreiben?

Boris Nemšić: Business-Angel-Investor wäre zu breit als Beschreibung. Was ich für mich selbst gemacht habe, waren frühe Investments, schon in den Zehner-Jahren, in Startups, die in meinem Gebiet tätig sind: Technologie, Telekommunikation, ICT. Dort bilde ich mir ein, dass ich mich ein bisschen auskenne, was nicht immer stimmt. Aber das mache ich mit vollem Herzen. Es geht nicht um ein Finanzinvestment als solches, sondern darum, ob ein Produkt einen Nutzen für die Kunden bringen kann und die Technologie weiterbringt. Und vielleicht ergibt sich auch eine Wertsteigerung.

Gab es in deiner Investorenlaufbahn schon erfolgreiche Exits?

Ich habe bis jetzt größte Misserfolge dokumentiert. (lacht) Die Erfolge kommen noch. Obwohl, ich hatte auch einige, allerdings hauptsächlich in Verbindung mit meiner Tätigkeit für KKR, wo ich Industry Advisor bin und mitinvestieren darf. Das waren durch die Bank hervorragende Investments.

Hast du einen spezifischen Branchenfokus? In welcher Phase steigst du ein?

Natürlich schaue ich, dass ich in einer frühen Phase einsteige, weil da die Tickets so sind, dass ich sie persönlich stemmen und die Chancen ergreifen kann. Es ist hauptsächlich ICT, alles, was sich um die Telekom- oder IT-Industrie dreht. Ich hatte auch positive Exits im Education-Bereich, aber wieder IT-getrieben. Das Gebiet, das mich derzeit sehr interessiert, sind Drohnen. Allerdings Drohnen im Sinne der Kommunikation mit Drohnen, nicht die Drohne selbst. Ein fliegendes Objekt kann fast jeder bauen. Die Frage ist, wie man Drohnen beyond line of sight, also auf lange Distanzen, reguliert und verkehrstechnisch richtig steuert. Man braucht Command and Control. Dass Drohnen inzwischen eher eine Dual-Use- und Defense-Geschichte geworden sind, hat die Geschichte ergeben.

Bei welchem Unternehmen bist du da engagiert?

Bei Dimetor in Österreich, dort bin ich Mitinvestor. Zwei meiner guten Freunde kommen von der gleichen Schule, der TU Wien, junge Doktoranden damals, als ich noch auf der Uni tätig war. Das ist eigentlich ein Brainpool, der fantastisch ist. Wir haben Produkte, die sowohl zivil als auch für Defense möglich sind. Zum Beispiel können wir fliegende SIM-Karten entdecken. Und wenn diese fliegende SIM-Karte in einer Drohne ist, dann kann es unangenehm werden. Wir können das detektieren, und dann kann man entscheiden: Ist das eine freundliche oder eine feindliche? Und dann tut man was damit.

Du lebst aktuell in Dubai. Schaust du dir von dort aus weltweit Startups an oder hast du dennoch einen Österreich-Fokus?

Ich habe vor allem einen Europa-Fokus. Ich habe in Kroatien sehr viel gearbeitet und das erste Unicorn Kroatiens mitbetreut, als wir diese Bewertung bekommen haben. Dubai ist natürlich ein unglaublicher Umschlagplatz. Dort gibt es sehr interessante Firmen, die aus irgendeinem Grund dort ansässig geworden sind. Ich glaube kaum, dass Leute hinkommen und sagen: Ich mache jetzt in Dubai ein Startup, weil Dubai. Das ist nicht der Fall. Dubai hat den Vorteil, sehr nahe an Indien, Bangladesch und Pakistan zu sein, mit einem großen Ingenieurs- und Wissenspool.

Beim Panel „Quo vadis Europa und Austria“ wurdest du gefragt: „Are we fucked?“ Deine Antwort?

Ich habe es ein bisschen frech ausgedrückt: We are not fucked yet. Wir sind im Vorspiel. Das heißt, es kann alles rauskommen. Was ich gemeint habe: Wir nehmen diese Dinge noch nicht ernst. Das ist ein Kritikpunkt, den ich mich traue, sehr laut zu sagen. Was ist Europa? Es ist ein Friedensprojekt. Wir sind reich, wir sind frei, wir sind eigentlich die beste Gegend der Welt. Jeder will zu uns kommen. Und was jetzt passiert, ist: Wir schlafen fast ein und reagieren nicht auf die Entwicklungen, die rund um uns sind. Sind das Kriege? Leider. Sind das Entwicklungen wie AI? Sind das Businessentwicklungen? Am Ende brauchen wir Wachstum, wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft. Was wir als Europa machen, ist hauptsächlich Fokussierung auf Regulierung und Verlangsamung von allem Möglichen. Mich wundert nur, dass sie noch nicht sagen: Ein Fußball darf nicht schneller als sechzig Kilometer pro Stunde fliegen, weil sonst ist es nicht fair. Ich sage das bewusst überspitzt. Es ist traurig, dass wir unsere hervorragenden Ressourcen, unser Wissen, unsere Leute, unser Entrepreneurship verwalten, statt sie freizulassen. Das ist keine Kritik an Österreich. Österreich hat manchmal vernünftige, manchmal supergute Ansätze. Wir können nur als ganzes Europa erfolgreich sein in diesem Rennen.

Kannst du das konkretisieren?

Ich sage es in einer Metapher: In Wien habe ich in der Wohnung meines Sohnes leider fünfzehn Megabit pro Sekunde Internetverbindung. Und er ist weltweit in Competition mit Südkoreanern, die ein Gigabit haben. Wer wird gewinnen? Oder: Wir haben sechzehn Jahre gebraucht, um den Hochspannungsring in Österreich zu schließen. Gott sei Dank ist es, dank dem Verbund und den anderen, zu keinem Blackout gekommen. Wir waren ein paar Mal sehr nahe dran. Warum haben wir das nicht schneller gemacht? Weil wir alles schützen außer den Menschen. Wir schützen jede Pflanze, Hochachtung. Jede Schnecke, Hochachtung. Nur der Mensch, habe ich den Eindruck, ist nicht so wichtig. Ich überspitze ganz bewusst. Da soll man sehr viel pragmatischer sein. Wenn wir schauen, wer heute erfolgreich ist: Es sind die pragmatischen Zugänge, ob in Dubai, in den Emiraten, in China oder in den USA. Ein Problem wird erkannt und die Lösung wird gesucht. Und nicht der Prozess zur Lösung.

Fairerweise muss man sagen: Das sind unterschiedliche politische Systeme. Europa ist eine Demokratie mit 27 Mitgliedstaaten.

Du hast recht. Nur das politische System soll den Menschen dienen und nicht die Menschen behindern. Das ist der große Unterschied. Wir können uns nicht damit rühmen, dass wir ein besseres System haben. Ja, wir haben es. Nur wenn das System uns behindert, dann soll man das System so anpassen, dass es für uns gut ist. Das ist so banal. Aber wir verlieren uns in Parteien, in Strukturen, in Diskussionen. Und im Endeffekt: Ich will Strom haben. Ich will Internet haben. Ich muss Gesundheit haben, Education haben. Es ist keine Ausrede, dass es so lange dauert, weil wir eine Demokratie sind. Das ist eine faule Ausrede, die ich persönlich nicht akzeptieren kann. Noch einmal: Ich lobe keine Diktaturen und Königreiche, bei Gott nicht. Aber wenn man sich anschaut, was in den Emiraten passiert: Es wird ein Ziel gesetzt, das der Wirtschaft, den Menschen, der Entwicklung dient. Und dann wird das durchgezogen.

Wo siehst du das Problem, wenn nicht in einer Fehlkommunikation zwischen Industrie und Politik?

Du bist ja sehr nett. Wenn man Dinge falsch macht, dann sagt man, es ist falsche Kommunikation. Das lasse ich nicht gelten. Die Politik hat alle Möglichkeiten, sich beraten zu lassen, und muss das gesamtheitlicher sehen. Die Politik ist nicht blöd. Sie hat leider oft Partikularinteressen. Und es ist eine nachvollziehbare, aber schwierige Situation, dass immer irgendwo Wahlen sind. Wenn das Interesse an einer Partikularwahl das große ganze Ziel überwiegt, dann haben wir ein Problem. Wenn wir nicht in der Lage sind, das zu lösen, dann werden Systeme, die dieses Problem nicht haben, die Oberhand gewinnen. Schau, was China ist: eine Planwirtschaft, ein Einparteiensystem, alles, was wir eigentlich nicht wollen. Aber die wesentlichen Dinge machen sie richtig. Die haben uns innerhalb von dreißig Jahren in unheimliche Abhängigkeiten gebracht. Unglaublich. Und ich bin sicher, dass das viele Menschen in Europa erkannt haben, nicht heute, sondern vor zwanzig Jahren. Warum reagieren wir nicht? Weil wir kurzfristige Ziele setzen. Das Ziel ist das nächste Quartal, das Ziel ist die nächste Wahl. Statt das große Ganze zu sehen. Wir haben die Wissenschaft, wir haben Hirn, wir haben Geld, wir haben Ressourcen, um breiter und größer zu denken. Nur irgendwo am Weg verlieren wir uns.

Hast du ein Beispiel, wo du selbst an dieser Regulierung gescheitert bist?

Ich habe mich die letzten zwei, drei Jahre mit SMS-Spam beschäftigt. Jeder von uns bekommt irgendwelche blöden SMS, wo oben eine Bank steht, Unicredit oder Bitpanda oder was auch immer, und drinnen steht irgendein Scam. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht: Wie kann man das verhindern? Weißt du, woran ich gescheitert bin? Am deutschen Briefgeheimnis. Das deutsche Briefgeheimnis wird auf SMS angewendet. Wie rückständig und ignorant muss man sein, um das anzuwenden? Es geht darum: Darf ich in den Header der SMS hineinschauen? Wenn dort Unicredit steht und ich erkenne, das ist die falsche Nummer, dann ist es Scam, und dann filtere ich es aus. Es ist so einfach. Die Erklärung ist: Das ist ein Verfassungsgesetz in Deutschland, es geht nicht. Und die Bevölkerung hat Millionen an Schaden. Wen schützen wir jetzt? Die armen Menschen, die auf das reinfallen und Millionen verlieren? Oder wen schützen wir da? Wenn ich krank bin, soll historisch gesehen auch ein Arzt kommen und mir Blut rauslassen statt eine CT zu machen. Ich meine, das ist absurd. Man muss mit der Zeit gehen.

Die Bundesregierung hat einige Maßnahmen für das Innovationsökosystem gesetzt, Stichwort Dachfonds. Wie bewertest du das?

Ich bewerte es positiv, eindeutig positiv. Ich habe mich 2011 als Chef der ÖIAG beworben. Bin es nicht geworden, Gott sei Dank. Eine meiner Thesen damals in meinen Bewerbungsunterlagen war, dass die ÖIAG-Companies, heute ÖBAG, einen Teil ihrer Dividende in einen Forschungsförderungsfonds oder Startup-Fonds einzahlen sollen, damit wir einen Geldpool haben, mit dem wir dieses Ökosystem stärken.

Das war vor fünfzehn Jahren. Jetzt wird genau das diskutiert.

Eben. Wenn eine Idee kommt und man sie fünfzehn Jahre später diskutiert, darf ich ein paar Fragezeichen stellen. Es gibt einen Punkt: Die Zeit kannst du nicht kaufen. Die Zeit kann man fast nie mit Geld erschlagen. Und ich glaube, wir gehen sehr sorglos mit der Zeit um. In der Wirtschaft ist das noch schlimmer.

Gibt es Tipping Points, die schon erreicht sind? In generativer KI etwa haben wir das Rennen doch verloren.

Nein, glaube ich nicht. Da bin ich anderer Meinung als einige Teilnehmer im Panel. Ich bin sicher, dass man das in drei Jahren aufholen kann. Weil das ist pure Force: Du nimmst so viel Geld, baust so viele Data Center. Wir haben die Wissenschaft, wir haben die Leute, die das können. In drei Jahren, so wie DeepSeek das gemacht hat, können wir es schaffen. Das Rennen ist nicht verloren. Es ist nur die Entscheidung, ob man es macht oder nicht. Mir wäre am liebsten, dass wir überhaupt nicht auf die Idee kommen müssen. Nur die Situation ist so, dass irgendjemand in den USA, China oder wo immer sagen kann: Mir gefällt überhaupt nicht, dass Österreich LLMs oder KI hat, ich drehe es ab. Das darf nicht passieren. Das heißt, wir brauchen einen gewissen Grad an Autonomie. Das heißt nicht, dass wir alles nachbilden und doppelt haben müssen. Aber man muss einen gewissen Grad an Selbstständigkeit haben oder mindestens Hebel, um diese Selbstständigkeit erhalten zu können.

In Europa ist nur ASML ein wichtiger globaler Player. Und nachdem er der Einzige ist, ist man erpressbar. Gott sei Dank haben wir das. Aber da sind wir nicht unbedingt die großen Meister. Ich habe noch die Hoffnung, dass sich die KI in eine Richtung entwickelt, dass die Industrievertikalen, die KI anwenden, so stark werden, dass sie sich selbstständig entwickeln. Eine wird in Europa sein, eine in Amerika, eine in Österreich, egal wo. Das wird sich ausgleichen. Aber die Infrastruktur muss man haben. Und auch damit gehen wir nicht besonders proaktiv um. Es ist blöd, dass ein Glasfaseranschluss in Österreich und Deutschland Pi mal Daumen dreitausend Euro kostet und gleichzeitig in Spanien zweihundertsechzig Euro. Es gibt ein paar Gründe dafür, ein paar sind legitim. Aber die Mehrzahl der Gründe ist einfach erfunden. Da sieht man, wie inkonsistent wir agieren.

Du hast sehr viel erreicht in deiner Karriere. Welche Ziele hast du dir noch gesteckt?

Ich habe mir in meiner Karriere, Karriere unter Anführungszeichen, nie persönliche Ziele gesetzt. Ich habe Business-Ziele gesetzt: Wenn ich Vorstand einer Firma bin, will ich diese und jene Ziele erreichen. Aber keine persönlichen Ziele, weil man so offen und so breit sein muss, dass man entscheiden kann, ob man eine Chance wahrnimmt oder nicht. Ich bin nach Russland gegangen, obwohl ich überzeugt bin, dass ich den besten Job in Österreich hatte, zehn Jahre lang.

Beim Summit haben zwölf Startups gepitcht, die noch am Anfang stehen. Was gibst du jungen Unternehmer:innen mit auf den Weg?

Es war interessant, dass die zwölf aus sehr verschiedenen Ecken kommen, was gut ist. Ich persönlich glaube an Startups, die entweder etwas sehr tangibles machen oder ein Businessmodell haben, das global anwendbar ist. Das kann eine kleine Sache sein, aber global anwendbar. Ich hoffe, sie denken in die Richtung, dass sie nicht nur ein kleines Problem lokal lösen, sondern dass ihre Plattform oder ihr Produkt eine globale Anwendung haben kann. Da gibt es viele Chancen, und auch viele Dinge, die man gut überlegen muss.

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