07.03.2025
MILITÄR-TECHNOLOGIE

DefenseTech: Diese heimischen Startups könnten von der Aufrüstung profitieren

Europa will 800 Milliarden Euro für die militärische Aufrüstung aufstellen. Ein Stück vom Kuchen könnten sich auch einige heimische Startups im DefenseTech-Bereich holen.
/artikel/defensetech-oesterreich-startups
DefenseTech - Die Lösungen von sanSirro und Viewpointsystem kommen auch im militärischen BEreich zum Einsatz | (c) sanSirro / Viewpointsystem
Die Lösungen von sanSirro und Viewpointsystem kommen auch im militärischen BEreich zum Einsatz | (c) sanSirro / Viewpointsystem

Die geopolitische Lage ist aktuell bekanntlich – um es neutral auszudrücken – im Wandel. Für Europa steht dabei fest: Der Kontinent muss seine Verteidigung offenbar selbst in die Hand nehmen. Nach dem öffentlichen Eklat zwischen US-Präsident Donald Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und der darauf folgenden Streichung der Militärhilfen für die Ukraine durch die USA, wurden in Europa eilig Treffen einberufen.

800 Milliarden Euro für „ReArm Europe“

Der Plan: Alleine die EU will im Rahmen von „ReArm Europe“ 800 Milliarden Euro mobilisieren, um sie in militärische Aufrüstung zu stecken. Auf einen Rüstungsfonds in Höhe von 150 Milliarden Euro konnte man sich bereits einigen. Im Zuge der Aufrüstung soll es den EU-Staaten auch erlaubt werden, für Verteidigungsausgaben neue Schulden zu machen, ohne deswegen ein EU-Defizitverfahren zu riskieren. Auch wenn es bislang nur eine Absichtserklärung gibt und die genauen Modalitäten noch diskutiert werden: Massive Investitionen in die Rüstung in Europa können in nächster Zeit als sicher angenommen werden.

Kaum reine DefenseTech-Startups in Österreich – Zauberwort: „Dual Use“

Davon könnten auch heimische Startups profitieren. Dabei geht es nicht unbedingt um reine DefenseTech-Startups – solche sind in Österreich zumindest öffentlich kaum bekannt. Das Zauberwort heißt „Dual Use“, also Produkte, die sich sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich einsetzen lassen.

Einige heimische Startups bauen ihre Produkte direkt für Rüstungsbetriebe oder militärische Einrichtungen, andere tragen mit ihren Produkten indirekt bei. Die meisten behandeln das Thema jedenfalls eher diskret – der Rüstungs- und Militärbereich genoss hierzulande in den vergangenen Jahren nicht das beste öffentliche Ansehen. Auch das könnte sich nun ändern. Anspruch auf Vollständigkeit kann die folgende Liste aber nicht erheben:


sanSirro

Das im DefenseTech-Bereich wohl öffentlich exponierteste Startup Österreichs produziert Kleidung. SanSirro (QUS) aus der Steiermark startete nach der Gründung 2013 im Sportbereich. In den Textilien des Startups verbaute Sensoren messen Körperfunktionen. Diese Biomonitoring-Technologie wird mittlerweile auch im Kampfanzug „Gladius“ des größten deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall genutzt – brutkasten berichtete. Nachdem 2024 die Kooperation öffentlich gemacht wurde, sollen die neuen Kampfanzüge ab 2026 zum Einsatz kommen.

Der Kampfanzug bei einer Militär-Messe in Paris | (c) sanSirro

Viewpointsystem

Ein klassischer Fall von „Dual Use“ ist das Produkt des Wiener Datenbrillen-Startups Viewpointsystem. Die Brille ermöglicht über Eye-Tracking Dritten genau zu sehen, wo der/die Träger:in hinsieht. Umgekehrt können Träger:innen in Echtzeit Informationen über die Brille erhalten. Wirft man einen Blick auf die Page des Startups, steht Remote Support in der Industrie im Vordergrund und „Sicherheit“ ist nur ein kleiner Unterpunkt. Wie relevant die Datenbrille tatsächlich im Militär-Bereich ist, zeigt aber unter anderem eine hohe Förderung durch den European Defence Fund im Jahr 2022.

Die Datenbrille im militärischen Einsatz | (c) Viewpointsystem

MXR Tactics

Zur Gänze auf den Sicherheitsbereich – neben Militär etwa auch Polizei – spezialisiert ist MXR Tactics aus Tirol. Das Startup verknüpft Augmented Reality und Künstliche Intelligenz für Trainingssimulationen für Soldat:innen, Polizist:innen und Sicherheitskräfte. Das System ermöglicht dabei die Einbettung virtueller Kampfgegner in die reale Umgebung. Die Trainierenden nutzen marktübliche AR-Brillen und eine eigens entwickelte Hardware von MXR Tactics, die an echten Waffen bzw. Replika angebracht werden kann.

(c) MXR Tactics

CycloTech

Aktuell noch Zukunftsmusik ist eine militärische Nutzung des Produkts des Linzer Startups CycloTech. Denn die Antriebstechnologie für Flugautos, die das Unternehmen entwickelt hat, ist auch im zivilen Bereich noch nicht am Markt. Mit der kürzlich erfolgten Expansion nach Deutschland wurde eine mögliche zukünftige Nutzung im militärischen Bereich aber dezidiert genannt.

So soll das CycloTech-Flugauto aussehen | (c) CycloTech

Drone Rescue Systems

Auch das Grazer Startup Drone Rescue Systems ist ein Fall von „Dual Use“. Es hat ein Fallschirm-System für Drohnen entwickelt, um diese im Falle eines Absturzes zu retten. Im Fokus stehen dabei natürlich besonders hochpreisige Fluggeräte. Das Startup kooperiert unter anderem mit ESA und NASA. Auf der Page des Startups gibt es zwar keine direkte Referenz auf einen militärischen Einsatz. Unter den angeführten Partnern sind jedoch Hersteller militärischer Drohnen und unter den Drohnen-Modellen, für die das System angeboten wird, sind auch solche, die in der militärischen Überwachung genutzt werden.

(c) Drone Rescue Systems

Peak Technology

Von der Drohnen-Überwachung zur Satelliten-Überwachung. In diesem Bereich strebt Europa – gerade im militärischen Kontext – nun auch mehr Unabhängigkeit von den USA an. Am EU-Navi-System Galileo ist auch ein heimisches Scaleup beteiligt. Peak Technology aus Holzhausen in Oberösterreich liefert die Hochdruck-Treibstofftanks aus Kohlefaser für die Satelliten.

Ein Kohlefaser-Treibstofftank von Peak Technology | (c) Peak Technology

Voidsy

Das in Wels, Oberösterreich, ansässige Startup voidsy hat ein System entwickelt, das Bauteile auf strukturelle Unregelmäßigkeiten und Defekte untersuchen kann, ohne sie dabei zu berühren oder zu beschädigen. Zielgruppe dafür ist die Industrie – und damit auch die Rüstungsindustrie. Weil es sich auch laut gesetzlicher Definition um ein „Dual Use“-Produkt handelt, hatte das Startup bereits mit Herausforderungen im Export zu kämpfen, wie brutkasten berichtete.

Das Gerät von Voidsy | (c) Voidsy

Parity QC

Und noch einmal „Dual Use“. Das Tiroler Quantencomputing-Spin-off ParityQC stellte bereits mehrere Projekte vor. Unter anderem arbeitet es zusammen mit dem deutschen Quantenunternehmen Quantum Brilliance an einem mobilen Quantencomputer. Auftraggeber des bis zu 35 Millionen Euro schweren Projekts ist die deutsche Cyberagentur. „Der zu entwickelnde mobile Quantencomputer wird in erster Linie in Sicherheit und Verteidigung, aber auch in zivilen Szenarien zum Einsatz kommen“, hieß es bei der Präsentation des Projekts im Herbst 2024.

Wolfgang Lechner und Magdalena Hauser | (c) ParityQC

Blackshark.ai

Blackshark.ai ist ein 2020 gegründetes KI-Startup aus Graz, das eine sogenannte „geospatiale Plattform“ zur automatischen Erstellung eines 3D-Digitalzwillings der gesamten Erde entwickelt. Die Plattform nutzt KI, um aus Satelliten- und Luftbildern Gebäude, Infrastruktur und Gelände weltweit zu erkennen und semantisch zu kartieren. Bekannt wurde Blackshark.ai durch die fotorealistische Nachbildung der Erde in Microsofts Flight Simulator​. Zu den Investoren zählen unter anderem der französische Rüstungszulieferer Safran (investiert über Safran Corporate Ventures) und der CIA-nahestehende Fonds In-Q-Tel​. Zudem besteht eine Partnerschaft mit Bohemia Interactive Simulations (BISim): Gemeinsam integrieren sie Blacksharks globale 3D-Daten (SYNTH3D) in BISims Militär-Simulationssoftware, um realistische virtuelle Gefechtsfelder für Trainingszwecke zu schaffen. Diese Kooperation soll laut der Online-Plattform Defense Advancement NATO-Streitkräften ermöglichen, aus Satellitendaten schnell einsatzrealistische 3D-Gelände für Planung und Übung zu generieren.

blackshark.ai, Microsoft, digital twin earth
Michael Putz, Gründer von blackshark.ai | (c) blackshark.ai

Accurision

Das 2015 gegründete Vorarlberger Startup Accurision hat sich auf satellitengestützte Navigation und elektronische Schutzsysteme spezialisiert. Das Unternehmen entwickelt mit „GUIDANCE“ einen hochpräzisen Sensor für autonomes Fahren. Dieses System nutzt moderne Satellitensignale, um eine besonders zuverlässige Navigation zu ermöglichen. Neben der zivilen Anwendung bietet Accurision auch elektronische Abwehrlösungen im Bereich globaler Navigationssatellitensysteme (GNSS) an. Dazu gehört unter anderem der GPS-Störsender AIGIS, der eingesetzt wird, um Drohnen abzuwehren und Truppen vor unerwünschten GPS-Manipulationen zu schützen. Accurision ist somit auch im Dual-Use-Bereich tätig: Während die GNSS-Sensoren in autonomen Fahrzeugen und Drohnen zum Einsatz kommen, dienen die Defense-Systeme dem Schutz kritischer Infrastrukturen und militärischer Einheiten. Zudem war das Startup auch auf der Rüstungsmesse Eurosatory 2024 vertreten.

(c) Accurision

Taurob

Taurob ist ein Wiener Robotik-Startup, das seit 2010 unbemannte Bodenfahrzeuge (UGVs) für gefährliche Umgebungen entwickelt. Bekannt wurde das Unternehmen 2012 mit dem Taurob Tracker, dem ersten ATEX-zertifizierten Feuerwehr-Roboter, der in explosionsgefährdeten Bereichen eingesetzt werden kann. (Anmerkung der Redaktion: ATEX steht für „ATmosphères EXplosibles“ und ist eine europäische Richtlinie zur Sicherheit in explosionsgefährdeten Bereichen). Mittlerweile hat Taurob sein Einsatzgebiet erweitert: Die Roboter werden nicht nur bei der Feuerwehr, sondern auch von Polizei, Zivilschutz, Militär sowie in der Öl- und Gasindustrie genutzt. Die robusten Kettenfahrzeuge können mit Kameras, Sensoren und Greifarmen ausgestattet werden, um etwa gefährliche Substanzen zu erkennen, Sprengsätze zu entschärfen oder Inspektionsaufgaben autonom durchzuführen. Taurob ist somit auch ein Beispiel für ein Dual-Use-Unternehmen aus Österreich.

(c) Taurob

NXRT

Das Wiener Scaleup NXRT konnte sich mit seinem Produkt in den vergangenen Jahren in der Automotive-Branche etablieren. Es kann aus jedem beliebigen Auto mit Hilfe einer Mixed-Reality-Brille einen interaktiven Fahrsimulator machen. Zuletzt kündigte das Unternehmen an, sich auch verstärkt im Defense-Bereich zu engagieren. Dazu holte es Markus Neuberger als Head of Public & Defence.

NXRT-Co-Founder und CEO Lukas Stranger | (c) NXRT
NXRT-Co-Founder und CEO Lukas Stranger | (c) NXRT

Eyeson

Als Video-Conferencing-Tool gestartet machte Eyeson aus Graz unter anderem während der Corona-Pandemie auf sich aufmerksam. Die Software-Lösung des Scaleups kann aber noch deutlich mehr als Videokonferenzen. Die Besonderheit: Video, Audio und Datenströme werden mit der Lösung synchronisiert gestreamt. Damit fokussierte sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren auf die drei Sparten Healthcare, Public Safety und Defense. Der „Omnimedia“-Stream, bei dem auch KI zum Einsatz kommt, soll die Kommunikation an der Front deutlich verbessern und dezentrale Entscheidungen im Kampf erleichtern.

Das System im Einsatz | (c) Eyeson
Deine ungelesenen Artikel:
31.03.2025

„Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der es negativ gesehen wird, Risiko zu nehmen“

Sarah Buchner gab ihre Konzernkarriere in Österreich auf, um in den USA zu gründen. Für ihr KI-Startup holte sie 30 Mio. Dollar Kapital – und will jetzt die Baubranche aufmischen.
/artikel/sarah-buchner-trunk-tools
31.03.2025

„Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der es negativ gesehen wird, Risiko zu nehmen“

Sarah Buchner gab ihre Konzernkarriere in Österreich auf, um in den USA zu gründen. Für ihr KI-Startup holte sie 30 Mio. Dollar Kapital – und will jetzt die Baubranche aufmischen.
/artikel/sarah-buchner-trunk-tools
Sarah Buchner, Gründerin und CEO von Trunk Tools
Trunk-Tools-Gründerin Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

Dieser Text über Sarah Buchner und Trunk Tools ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2025 “Hoch hinaus” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Mit 19 war sie als Bauleiterin bereits für 50 Personen verantwortlich, mit Mitte 20 war sie Führungskraft bei der Strabag und auf dem besten Weg, eine steile Konzernkarriere zu machen – doch Sarah Buchner entschied sich dagegen und ging in die USA. Nach einem MBA in Stanford gründete sie 2021 das Startup Trunk Tools, das mit künstlicher Intelligenz die Baubranche verändern will. Investoren steckten in zwei Finanzierungsrunden insgesamt 30 Millionen Dollar in das Unternehmen mit Sitz in New York. Mit dem Kapital will die heute 33-jährige Buchner nun in den „Hypergrowth-Modus“ schalten und ihr Team bis Jahresende auf 100 Personen verdoppeln.


Das Team des Startups Trunk Tools rund um Gründerin Sarah Buchner am Times Square
das Trunk-Tools-Team rund um Gründerin Sarah Buchner (zweite von rechts)

„Nasdaq congratulates Trunk Tools on its 20 $ M Series A“. Das prangte am 24. August 2024 in großen Lettern auf dem Billboard, das die US-Aktienbörse am New Yorker Times Square angebracht hat. Davor stand das Team von Trunk Tools. Mittendrin: Sarah Buchner, die das US-Startup gegründet hat und es als CEO führt. Trunk Tools hat sich zum Ziel gesetzt, mit künstlicher Intelligenz die Baubranche zu verändern.

Die Geschichte des Startups beginnt aber 6.600 Kilometer weiter östlich: in der 900-Einwohner-Gemeinde Eitzing im oberösterreichischen Innviertel. Hier ist Buchner aufgewachsen. Schon in der Schule zeigte sich ihr spezielles Talent für Mathematik; sie nahm an mehreren Mathematik-Olympiaden teil und gab Fußballern des geografisch nahe gelegenen Bundesligavereins SV Ried Nachhilfe – als sie selbst noch Schülerin war.

Doch ebenso früh kam Buchner mit Handwerk in Berührung: Ihr Vater war als Tischler selbstständig. Schon im Alter von zwölf Jahren arbeitete sie selbst mit und wurde von ihrem Vater auf Baustellen mitgenommen.

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

„Harte Arbeit und Bildung“

„Für mich waren es vor allem zwei Dinge, die mir meine Eltern mitgegeben haben: harte Arbeit und Bildung“, sagt Buchner im Gespräch mit brutkasten. „Wenn ich ein besseres Leben haben will, braucht es das. Das habe ich wirklich verinnerlicht.“ Um Geld zu verdienen, arbeitete Buchner auch als Kellnerin, unter anderem am Oktoberfest in München. „Geld war Freiheit, Geld war Sicherheit“, sagt sie heute. Buchner maturierte mit einem Notenschnitt von 1,0 und ging dann nach Wien, um zu studieren.

Parallel zum Studium arbeitete sie schon Vollzeit und war als Bau- und Projektleiterin tätig. Dass sie einmal selbst gründen würde, stand damals noch nicht auf ihrer Agenda. Beruflich kam sie schnell voran: Ab 2016 arbeitete sie beim Strabag-Tochterunternehmen Züblin, später bei der Strabag selbst. „Ganz viel von meiner Geschichte ist sicherheitsgetrieben“, blickt Buchner zurück. „Dann gab es plötzlich diese Konzernjobs, die relativ viel Geld zahlen und komplett abgesichert sind. Das hat mir viel Spaß gemacht.“

Allerdings hätten ihr diese Konzernjobs auch „ein falsches Gefühl von Sicherheit“ gegeben, sagt Buchner. „Ich kannte halt auch keine wirklich andere Variante.“ Das begann sich aber allmählich zu ändern: „Ich lernte immer mehr Menschen mit anderen Lebenswegen kennen, die etwas auf die Beine gestellt hatten“, erinnert sich die Gründerin.

„Wenn ich weiß, dass ich es eh schaffe, ist es keine Herausforderung mehr“

Während sie beruflich aufstieg, studierte Buchner parallel. Sie schloss sogar zwei Studiengänge jeweils als Diplom-Ingenieurin ab. In der Strabag übernahm sie dann die Leitung einer Gruppe, die auf die Digitalisierung der Baubranche spezialisiert war. Sie war gerade Ende 20 und hatte eine realistische Perspektive, langfristig in den Vorstand aufzusteigen.

Auf Anraten eines Mentors in der Strabag entschied sie sich, eine Dissertation im Bereich Civil Engineering & Data Science zu schreiben. Die an der Technischen Universität Wien verfasste Doktorarbeit trägt den Titel „Disruptive Innovations in the Field of Construction“; sie legte später auch den Grundstein für die Arbeit mit Trunk Tools. Doch bis dahin sollten noch ein paar Jahre vergehen.

Indes reifte in Buchner immer stärker der Gedanke, eine neue Herausforderung zu suchen. „Mir war klar, wenn ich Vorstand werden will, dann kann ich das. Das wird vielleicht zehn Jahre dauern, vielleicht 20 Jahre, und vielleicht nicht bei der Strabag sein, sondern bei einem anderen Unternehmen; aber ich wusste, dass ich es schaffen kann“, erinnert sie sich heute. „Und dann war es für mich schon wieder uninteressant. Wenn ich weiß, dass ich es eh schaffe, ist es keine Herausforderung mehr.“

„Um mit den ganz Großen mitzuspielen, muss ich ins Silicon Valley“

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

Für Buchner kristallisierte sich immer mehr heraus: Sie wollte selbst gründen. Auf eine Konzernkarriere zu verzichten, um ein Startup zu gründen, ist schon per se ein großer Schritt. Buchner dachte aber noch größer: Sie wollte in die USA – und dort gründen: „Wenn ich mir selbst beweisen will, dass ich mit den ganz Großen mitspielen kann, muss ich ins Silicon Valley.“

Auch bezüglich des unternehmerischen Spirits fühlte sich Buchner in den USA besser aufgehoben: „Jedes Mal, wenn ich in Europa gründen wollte, hat man mir eingeredet, dass damit meine Karriere vorbei sei“, sagt Buchner. Und auch unabhängig vom Startup-Thema sah die spätere Gründerin einige Dinge kritisch: „In Europa herrscht häufig die Einstellung, dass Normalität das Ziel ist. Das habe ich nicht ausgehalten.“ So sei ihr etwa ständig gesagt worden, sie solle doch nicht am Samstag oder Sonntag arbeiten: „Mein Drive ist als negativer Einfluss auf andere dargestellt worden – das ist absurd.“

Dabei bräuchte es ihrer Meinung nach genau das Gegenteil: „Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der es negativ gesehen wird, Risiko zu nehmen. So werden wir niemals nach vorne kommen.“

„Ohne Stanford hätte ich das nie so geschafft“

Ein Risiko ist es sicherlich, in den USA zu gründen. Zu Beginn stellt sich schon einmal die Frage: Wenn man in ein anderes Land geht, noch einmal von vorne anfängt – wie bekommt man die Glaubwürdigkeit bei den Investor:innen, wie die notwendigen Kontakte? Buchner entschied sich, ein MBA-Programm in Stanford zu absolvieren. Es ging ihr dabei zum einen um das Business-Know-how – denn auch, wenn sie mehrere Studienabschlüsse und einen starken akademischen Track Record hatte, war dieser eher im technischen Bereich angesiedelt.

Noch wichtiger war ihr aber ein anderer Aspekt: „Die meisten fachlichen Inhalte hätte ich auch online lernen können, über YouTube oder Google. Der Grund, warum ich einen richtigen MBA gemacht habe, war, dass ich in Amerika nicht von null beginnen wollte“, erläutert Buchner. Mit dem MBA gibt es einerseits ein Visum; und andererseits kann man sich ein Netzwerk aufbauen: „Ich habe das in Europa in der Baubranche schon gesehen, dass das Netzwerken einer der wichtigsten Aspekte für meinen Karriereerfolg war. Und das wollte ich in Amerika wiederholen.“

Dieses Netzwerk aufzubauen ermöglichte das Studium in Stanford, wie Buchner sagt: „Ohne Stanford hätte ich das nie so geschafft. Auch meine Firma gäbe es so nicht. Man muss das schon klar sagen: Man kauft sich ein Network.“

Das sei eine Investition wie alles andere. Ein MBA in Stanford kostet inklusive aller Neben- und Lebenskosten wahrscheinlich 200.000 bis 250.000 Dollar. „Das habe ich in meine berufliche Zukunft investiert.“ Der Return on Investment (ROI) eines Stanford-Studiums liege bei rund sechs Millionen Dollar, so Buchner. Beim Abschluss schwöre man, dass man auf jede Kontaktaufnahme eines anderen Stanford-Alumnus reagiere. „Das zeigt, wie das Mindset dort funktioniert. Ich muss auf jede Mail antworten, die mir jemand schickt, der in Stanford war“, so die Gründerin.

„Create genuine relationships“

Ein Selbstläufer ist es aber dennoch nicht. Das Geheimnis, ein gutes Netzwerk aufzubauen, ist laut Buchner auf eine einfache Formel zu bringen: Create genuine relationships. „Wenn mich einer meiner Kunden oder Mitarbeiter oder auch Ex-Mitarbeiter nach Hilfe fragt, würde ich das immer machen, weil ich mich für diese Menschen und deren Leben wirklich interessiere.“

Das sei der Unterschied zu manchen Sales-Personen, die auf den schnellen Deal aus seien und dann nie wieder von sich hören ließen: „Ich bin immer noch in Kontakt mit meinen Mentoren bei der Strabag oder mit meinem Bauleiter, der mir mit 15 Jahren beigebracht hat, wie man einen Bauplan liest“, so Buchner. Wenn echtes Interesse dahinter stehe, können Beziehungen fürs Leben entstehen.

Im Silicon Valley angekommen versuchte Buchner direkt, eine erste Idee umzusetzen. „Ich habe das nach einem halben Jahr wieder aufgegeben“, erzählt sie heute; sie habe nicht ausreichend Daten von Bauunternehmen erhalten, um ihre Idee umzusetzen. Doch Buchner gab nicht auf. „Ich habe mir gesagt: ‚Jetzt schaue ich mir mal ein, zwei Jahre an, wie das System hier funktioniert, und verstehe, wie man das Spiel spielt. Dann komme ich zurück und spiele!‘“, blickt sie auf ihre Anfangszeit in Kalifornien zurück. So kam es dann auch.

„Wer sollte mir nicht glauben, dass ich weiß, was ich tue?“

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

2021 schloss Buchner den MBA ab. Sie war nun bereit für den nächsten Schritt: ihr Startup Trunk Tools. Dabei traf sie eine weitere nicht alltägliche Entscheidung: Sie gründete Trunk Tools alleine, ohne Co-Founder:in.

„Ich bin ein Zahlenmensch und habe mir Daten angeschaut, warum Startups scheitern. Einer der Top-3-Gründe, egal welche Studie du dir anschaust, sind immer Probleme zwischen Co-Foundern“, erläutert die Gründerin. „Wenn ich einen der Top-3-Gründe, warum Startups scheitern, vermeiden kann, erhöht das meine Erfolgswahrscheinlichkeit schon einmal.“

Die Solo-Gründung brachte auch Herausforderungen mit sich: „Als weiblicher Solo-Founder aus dem Ausland gab es schon einige Themen, die einfacher gewesen wären, wenn ich ein größeres oder ein männliches Gründerteam gehabt hätte.“ Aber dennoch: „Ich war 20 Jahre in der Baubranche, ich habe ein Doktorat in dem Bereich, ich habe einen MBA von Stanford. Wer sollte mir nicht glauben, dass ich weiß, was ich tue?“

Sobald man bewiesen habe, dass es funktioniere, werde es auch nicht mehr hinterfragt, sagt Buchner. „Schwierigkeiten aus dem ersten Jahr verschwinden – und neue kommen“, blickt sie zurück. Die Gründerin startete mit drei Angestellten und setzte die ersten Monate noch auf Bootstrapping, finanzierte also Trunk Tools mit ihrem eigenen Geld. „Wir hatten ein Produkt und Umsatz, bevor ich wichtige Positionen besetzt und Geld aufgenommen habe“, erzählt die Gründerin.

Zehn Millionen Dollar Investment für erstes Produkt

Was aber war dieses Produkt? Trunk Tools begann ursprünglich mit einem digitalen Incentive-Programm, das vor allem auf die Baustellenpraxis zugeschnitten war: Es erfasste die geleisteten Stunden der Arbeiter:innen und setzte gezielte Anreize, um ihre Leistungen zu steigern und ihre Motivation zu erhöhen. „Das hat wahnsinnig gut funktioniert“, erzählt Buchner – so gut, dass es zunächst zu einem Deal über 500.000 Dollar und schließlich zu einer Finanzierungsrunde über zehn Millionen Dollar geführt hat, die im Sommer 2023 abgeschlossen wurde.

ChatGPT war damals gerade einmal ein paar Monate auf dem Markt. Der Hype rund um generative künstliche Intelligenz und Large Language Models (LLMs) war neu. Auch in den Gesprächen mit Investor:innen kam das Thema immer wieder auf. Nach dem Abschluss der Finanzierungsrunde ließ Buchner ihr Team daher untersuchen, wie man LLMs zur Skalierung des Produkts einsetzen könnte.

Das Ergebnis: Es gäbe potenziell noch viel mehr Möglichkeiten, LLMs in der Baubranche einzusetzen. Das Team ging direkt in den Austausch mit Bauarbeiter:innen – und kam mit mehreren möglichen MVPs zurück. Das beste Feedback von den Arbeiter:innen gab es für eine Lösung, die die Dokumente schnell und strukturiert durchsuchbar macht.

„Man braucht weniger Menschen, die Dokument A mit Dokument B vergleichen“

So entstand „Trunktext“, eine KI-basierte Anwendung, die große Mengen von Baudokumenten – mittlerweile fast ausschließlich in digitaler Form vorhanden – per Schnittstelle anbindet, vorab aufbereitet und mithilfe von Retrieval Augmented Generation (RAG) gezielt abfragt. „Wir nehmen all diese Daten aus den Datensilos und verwenden verschiedene deterministische und probabilistische Modelle, um diese unstrukturierten Daten in strukturierte Daten zu übersetzen“, erläutert Buchner. Darauf basierend könnten KI-Agenten dann Workflows übernehmen. Das Ergebnis: „Man braucht weniger Menschen, die Dokument A mit Dokument B vergleichen oder andere bürokratische Workflows bewältigen.“

Buchner präsentierte die Lösung ihrem Board und schlug vor, von den zehn aufgenommenen Millionen neun für das eigentliche Produkt zu verwenden und eine für den neuen Ansatz. Es sollte anders kommen: Denn tatsächlich stellte sich bald heraus, dass das neue Produkt mehr Potenzial hatte. Mittlerweile fokussiert sich Trunk Tools hauptsächlich darauf, führt aber auch das ursprüngliche Produkt weiter. Buchner hat das Startup mittlerweile vom Silicon Valley nach New York übersiedelt. Außerdem hat das Unternehmen noch einen weiteren Standort in Austin in Texas.

„Wir nehmen die Modelle, die es auf dem Markt gibt, und finetunen sie für die Baubranche“

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

Trunk Tools ist auf der Anwendungsebene von künstlicher Intelligenz positioniert. In diesem Bereich sieht Buchner auch das größte Potenzial für Startups. Demgegenüber steht erstens die Ebene der Foundational Models, das sind beispielsweise die großen Sprachmodelle, wie sie von OpenAI, Google oder Deep Seek herausgegeben werden. „Das ist unglaublich teuer und ein Race to the Bottom. Das ist etwas, das ich nicht machen wollen würde“, sagt die Gründerin. Zweitens gibt es auch noch die Infrastruktur-Ebene; dort sei der Wettbewerb „sehr hoch“.

Im Gegensatz dazu steht eben die Anwendungsebene: Startups setzen Lösungen auf bestehenden KI-Modellen auf und optimieren sie für Use Cases in bestimmten Branchen. „Wir nehmen die Modelle, die es am Markt gibt, und finetunen sie für die Baubranche“, erläutert Buchner. Doch auch in anderen Branchen gebe es für Startups hier viele Möglichkeiten, da nach wie vor viele Ineffizienzen zu beseitigen wären.

20 Millionen Dollar in zwei Wochen

Für Trunk Tools folgte im Sommer 2024 die nächste Finanzierungsrunde. Buchner und ihr Team nahmen weitere 20 Millionen Dollar auf – und zwar schneller als gedacht: Eigentlich hatte sie den Abschluss der Runde erst ein oder zwei Quartale später geplant, der Lead-Investor Redpoint Ventures sagte die von der Gründerin angepeilte Bewertung allerdings bereits direkt zu. Buchner schlug ein, zwei Wochen später war das Geld am Bankkonto.

Wichtig dabei: Die Trunk-Tools-Gründerin ist konstant im Gespräch mit Wunsch-Investoren – auch, wenn gerade keine Finanzierungsrunde unmittelbar ansteht. Sie hat dabei eine Liste mit den zehn bis 20 Investoren, die sie gern an Bord hätte, und versucht, mit diesen einmal pro Quartal im Austausch zu sein.

Rund ein halbes Jahr später sieht Buchner Trunk Tools „in einer Hypergrowth-Phase“. Das Startup ist seit dem Vorjahr von zwölf auf 50 Leute angewachsen; noch in diesem Jahr soll sich die Belegschaft auf 100 Personen verdoppeln. Aufgestockt werden soll vor allem in zwei Bereichen: im Go-to-Market- sowie im Produkt- und Engineering-Bereich.

IPO, Übernahme – und „eine Million andere Möglichkeiten“

Und langfristig? Könnte Trunk Tools an die Börse gehen oder verkauft werden? Buchner will sich hier noch nicht festlegen. Für einen Börsengang hätte Trunk Tools „definitiv das Potenzial“; allerdings sei Construction Tech „traditionell ein M&A-Bereich“. Trunk Tools habe auch bereits Übernahmeangebote erhalten, aber diese abgelehnt. Mögliche künftige Angebote werden dem Board vorgelegt, gemeinsam wird eine Entscheidung getroffen. Aber Buchner hält auch fest: „Daneben gibt es noch eine Million andere Möglichkeiten.“ Es gebe auch Startups, die die Profitabilität erreicht haben und dann ihre Investoren ausgezahlt hätten. Selbst ein Scheitern der Firma sei nicht ausgeschlossen.

Und auch, wenn aktuell nichts darauf hindeutet, hat Buchner keine Angst, zu scheitern. Das ist auch ihr wichtigster Tipp, den sie an angehende Gründer:innen hat: „Ich bin oft gescheitert in meinem Leben. Ich habe mich zwei- oder dreimal bei McKinsey beworben und nicht einmal ein Interview bekommen – und letztes Jahr haben sie mich dann eingeladen, bei deren Konferenz in Dubai zu sprechen. Ich bin in Harvard nicht reingekommen und habe später dann den Stanford-MBA gemacht, in den es noch schwieriger war, reinzukommen. Wenn man sich mein Leben anschaut, glaubt man, es hat alles perfekt geklappt – aber das ist überhaupt nicht wahr.“


Aus dem Archiv: Sarah Buchner im brutkasten-Videotalk (September 2024)

31.03.2025

„Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der es negativ gesehen wird, Risiko zu nehmen“

Sarah Buchner gab ihre Konzernkarriere in Österreich auf, um in den USA zu gründen. Für ihr KI-Startup holte sie 30 Mio. Dollar Kapital – und will jetzt die Baubranche aufmischen.
31.03.2025

„Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der es negativ gesehen wird, Risiko zu nehmen“

Sarah Buchner gab ihre Konzernkarriere in Österreich auf, um in den USA zu gründen. Für ihr KI-Startup holte sie 30 Mio. Dollar Kapital – und will jetzt die Baubranche aufmischen.
Sarah Buchner, Gründerin und CEO von Trunk Tools
Trunk-Tools-Gründerin Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

Dieser Text über Sarah Buchner und Trunk Tools ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2025 “Hoch hinaus” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Mit 19 war sie als Bauleiterin bereits für 50 Personen verantwortlich, mit Mitte 20 war sie Führungskraft bei der Strabag und auf dem besten Weg, eine steile Konzernkarriere zu machen – doch Sarah Buchner entschied sich dagegen und ging in die USA. Nach einem MBA in Stanford gründete sie 2021 das Startup Trunk Tools, das mit künstlicher Intelligenz die Baubranche verändern will. Investoren steckten in zwei Finanzierungsrunden insgesamt 30 Millionen Dollar in das Unternehmen mit Sitz in New York. Mit dem Kapital will die heute 33-jährige Buchner nun in den „Hypergrowth-Modus“ schalten und ihr Team bis Jahresende auf 100 Personen verdoppeln.


Das Team des Startups Trunk Tools rund um Gründerin Sarah Buchner am Times Square
das Trunk-Tools-Team rund um Gründerin Sarah Buchner (zweite von rechts)

„Nasdaq congratulates Trunk Tools on its 20 $ M Series A“. Das prangte am 24. August 2024 in großen Lettern auf dem Billboard, das die US-Aktienbörse am New Yorker Times Square angebracht hat. Davor stand das Team von Trunk Tools. Mittendrin: Sarah Buchner, die das US-Startup gegründet hat und es als CEO führt. Trunk Tools hat sich zum Ziel gesetzt, mit künstlicher Intelligenz die Baubranche zu verändern.

Die Geschichte des Startups beginnt aber 6.600 Kilometer weiter östlich: in der 900-Einwohner-Gemeinde Eitzing im oberösterreichischen Innviertel. Hier ist Buchner aufgewachsen. Schon in der Schule zeigte sich ihr spezielles Talent für Mathematik; sie nahm an mehreren Mathematik-Olympiaden teil und gab Fußballern des geografisch nahe gelegenen Bundesligavereins SV Ried Nachhilfe – als sie selbst noch Schülerin war.

Doch ebenso früh kam Buchner mit Handwerk in Berührung: Ihr Vater war als Tischler selbstständig. Schon im Alter von zwölf Jahren arbeitete sie selbst mit und wurde von ihrem Vater auf Baustellen mitgenommen.

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

„Harte Arbeit und Bildung“

„Für mich waren es vor allem zwei Dinge, die mir meine Eltern mitgegeben haben: harte Arbeit und Bildung“, sagt Buchner im Gespräch mit brutkasten. „Wenn ich ein besseres Leben haben will, braucht es das. Das habe ich wirklich verinnerlicht.“ Um Geld zu verdienen, arbeitete Buchner auch als Kellnerin, unter anderem am Oktoberfest in München. „Geld war Freiheit, Geld war Sicherheit“, sagt sie heute. Buchner maturierte mit einem Notenschnitt von 1,0 und ging dann nach Wien, um zu studieren.

Parallel zum Studium arbeitete sie schon Vollzeit und war als Bau- und Projektleiterin tätig. Dass sie einmal selbst gründen würde, stand damals noch nicht auf ihrer Agenda. Beruflich kam sie schnell voran: Ab 2016 arbeitete sie beim Strabag-Tochterunternehmen Züblin, später bei der Strabag selbst. „Ganz viel von meiner Geschichte ist sicherheitsgetrieben“, blickt Buchner zurück. „Dann gab es plötzlich diese Konzernjobs, die relativ viel Geld zahlen und komplett abgesichert sind. Das hat mir viel Spaß gemacht.“

Allerdings hätten ihr diese Konzernjobs auch „ein falsches Gefühl von Sicherheit“ gegeben, sagt Buchner. „Ich kannte halt auch keine wirklich andere Variante.“ Das begann sich aber allmählich zu ändern: „Ich lernte immer mehr Menschen mit anderen Lebenswegen kennen, die etwas auf die Beine gestellt hatten“, erinnert sich die Gründerin.

„Wenn ich weiß, dass ich es eh schaffe, ist es keine Herausforderung mehr“

Während sie beruflich aufstieg, studierte Buchner parallel. Sie schloss sogar zwei Studiengänge jeweils als Diplom-Ingenieurin ab. In der Strabag übernahm sie dann die Leitung einer Gruppe, die auf die Digitalisierung der Baubranche spezialisiert war. Sie war gerade Ende 20 und hatte eine realistische Perspektive, langfristig in den Vorstand aufzusteigen.

Auf Anraten eines Mentors in der Strabag entschied sie sich, eine Dissertation im Bereich Civil Engineering & Data Science zu schreiben. Die an der Technischen Universität Wien verfasste Doktorarbeit trägt den Titel „Disruptive Innovations in the Field of Construction“; sie legte später auch den Grundstein für die Arbeit mit Trunk Tools. Doch bis dahin sollten noch ein paar Jahre vergehen.

Indes reifte in Buchner immer stärker der Gedanke, eine neue Herausforderung zu suchen. „Mir war klar, wenn ich Vorstand werden will, dann kann ich das. Das wird vielleicht zehn Jahre dauern, vielleicht 20 Jahre, und vielleicht nicht bei der Strabag sein, sondern bei einem anderen Unternehmen; aber ich wusste, dass ich es schaffen kann“, erinnert sie sich heute. „Und dann war es für mich schon wieder uninteressant. Wenn ich weiß, dass ich es eh schaffe, ist es keine Herausforderung mehr.“

„Um mit den ganz Großen mitzuspielen, muss ich ins Silicon Valley“

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

Für Buchner kristallisierte sich immer mehr heraus: Sie wollte selbst gründen. Auf eine Konzernkarriere zu verzichten, um ein Startup zu gründen, ist schon per se ein großer Schritt. Buchner dachte aber noch größer: Sie wollte in die USA – und dort gründen: „Wenn ich mir selbst beweisen will, dass ich mit den ganz Großen mitspielen kann, muss ich ins Silicon Valley.“

Auch bezüglich des unternehmerischen Spirits fühlte sich Buchner in den USA besser aufgehoben: „Jedes Mal, wenn ich in Europa gründen wollte, hat man mir eingeredet, dass damit meine Karriere vorbei sei“, sagt Buchner. Und auch unabhängig vom Startup-Thema sah die spätere Gründerin einige Dinge kritisch: „In Europa herrscht häufig die Einstellung, dass Normalität das Ziel ist. Das habe ich nicht ausgehalten.“ So sei ihr etwa ständig gesagt worden, sie solle doch nicht am Samstag oder Sonntag arbeiten: „Mein Drive ist als negativer Einfluss auf andere dargestellt worden – das ist absurd.“

Dabei bräuchte es ihrer Meinung nach genau das Gegenteil: „Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der es negativ gesehen wird, Risiko zu nehmen. So werden wir niemals nach vorne kommen.“

„Ohne Stanford hätte ich das nie so geschafft“

Ein Risiko ist es sicherlich, in den USA zu gründen. Zu Beginn stellt sich schon einmal die Frage: Wenn man in ein anderes Land geht, noch einmal von vorne anfängt – wie bekommt man die Glaubwürdigkeit bei den Investor:innen, wie die notwendigen Kontakte? Buchner entschied sich, ein MBA-Programm in Stanford zu absolvieren. Es ging ihr dabei zum einen um das Business-Know-how – denn auch, wenn sie mehrere Studienabschlüsse und einen starken akademischen Track Record hatte, war dieser eher im technischen Bereich angesiedelt.

Noch wichtiger war ihr aber ein anderer Aspekt: „Die meisten fachlichen Inhalte hätte ich auch online lernen können, über YouTube oder Google. Der Grund, warum ich einen richtigen MBA gemacht habe, war, dass ich in Amerika nicht von null beginnen wollte“, erläutert Buchner. Mit dem MBA gibt es einerseits ein Visum; und andererseits kann man sich ein Netzwerk aufbauen: „Ich habe das in Europa in der Baubranche schon gesehen, dass das Netzwerken einer der wichtigsten Aspekte für meinen Karriereerfolg war. Und das wollte ich in Amerika wiederholen.“

Dieses Netzwerk aufzubauen ermöglichte das Studium in Stanford, wie Buchner sagt: „Ohne Stanford hätte ich das nie so geschafft. Auch meine Firma gäbe es so nicht. Man muss das schon klar sagen: Man kauft sich ein Network.“

Das sei eine Investition wie alles andere. Ein MBA in Stanford kostet inklusive aller Neben- und Lebenskosten wahrscheinlich 200.000 bis 250.000 Dollar. „Das habe ich in meine berufliche Zukunft investiert.“ Der Return on Investment (ROI) eines Stanford-Studiums liege bei rund sechs Millionen Dollar, so Buchner. Beim Abschluss schwöre man, dass man auf jede Kontaktaufnahme eines anderen Stanford-Alumnus reagiere. „Das zeigt, wie das Mindset dort funktioniert. Ich muss auf jede Mail antworten, die mir jemand schickt, der in Stanford war“, so die Gründerin.

„Create genuine relationships“

Ein Selbstläufer ist es aber dennoch nicht. Das Geheimnis, ein gutes Netzwerk aufzubauen, ist laut Buchner auf eine einfache Formel zu bringen: Create genuine relationships. „Wenn mich einer meiner Kunden oder Mitarbeiter oder auch Ex-Mitarbeiter nach Hilfe fragt, würde ich das immer machen, weil ich mich für diese Menschen und deren Leben wirklich interessiere.“

Das sei der Unterschied zu manchen Sales-Personen, die auf den schnellen Deal aus seien und dann nie wieder von sich hören ließen: „Ich bin immer noch in Kontakt mit meinen Mentoren bei der Strabag oder mit meinem Bauleiter, der mir mit 15 Jahren beigebracht hat, wie man einen Bauplan liest“, so Buchner. Wenn echtes Interesse dahinter stehe, können Beziehungen fürs Leben entstehen.

Im Silicon Valley angekommen versuchte Buchner direkt, eine erste Idee umzusetzen. „Ich habe das nach einem halben Jahr wieder aufgegeben“, erzählt sie heute; sie habe nicht ausreichend Daten von Bauunternehmen erhalten, um ihre Idee umzusetzen. Doch Buchner gab nicht auf. „Ich habe mir gesagt: ‚Jetzt schaue ich mir mal ein, zwei Jahre an, wie das System hier funktioniert, und verstehe, wie man das Spiel spielt. Dann komme ich zurück und spiele!‘“, blickt sie auf ihre Anfangszeit in Kalifornien zurück. So kam es dann auch.

„Wer sollte mir nicht glauben, dass ich weiß, was ich tue?“

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

2021 schloss Buchner den MBA ab. Sie war nun bereit für den nächsten Schritt: ihr Startup Trunk Tools. Dabei traf sie eine weitere nicht alltägliche Entscheidung: Sie gründete Trunk Tools alleine, ohne Co-Founder:in.

„Ich bin ein Zahlenmensch und habe mir Daten angeschaut, warum Startups scheitern. Einer der Top-3-Gründe, egal welche Studie du dir anschaust, sind immer Probleme zwischen Co-Foundern“, erläutert die Gründerin. „Wenn ich einen der Top-3-Gründe, warum Startups scheitern, vermeiden kann, erhöht das meine Erfolgswahrscheinlichkeit schon einmal.“

Die Solo-Gründung brachte auch Herausforderungen mit sich: „Als weiblicher Solo-Founder aus dem Ausland gab es schon einige Themen, die einfacher gewesen wären, wenn ich ein größeres oder ein männliches Gründerteam gehabt hätte.“ Aber dennoch: „Ich war 20 Jahre in der Baubranche, ich habe ein Doktorat in dem Bereich, ich habe einen MBA von Stanford. Wer sollte mir nicht glauben, dass ich weiß, was ich tue?“

Sobald man bewiesen habe, dass es funktioniere, werde es auch nicht mehr hinterfragt, sagt Buchner. „Schwierigkeiten aus dem ersten Jahr verschwinden – und neue kommen“, blickt sie zurück. Die Gründerin startete mit drei Angestellten und setzte die ersten Monate noch auf Bootstrapping, finanzierte also Trunk Tools mit ihrem eigenen Geld. „Wir hatten ein Produkt und Umsatz, bevor ich wichtige Positionen besetzt und Geld aufgenommen habe“, erzählt die Gründerin.

Zehn Millionen Dollar Investment für erstes Produkt

Was aber war dieses Produkt? Trunk Tools begann ursprünglich mit einem digitalen Incentive-Programm, das vor allem auf die Baustellenpraxis zugeschnitten war: Es erfasste die geleisteten Stunden der Arbeiter:innen und setzte gezielte Anreize, um ihre Leistungen zu steigern und ihre Motivation zu erhöhen. „Das hat wahnsinnig gut funktioniert“, erzählt Buchner – so gut, dass es zunächst zu einem Deal über 500.000 Dollar und schließlich zu einer Finanzierungsrunde über zehn Millionen Dollar geführt hat, die im Sommer 2023 abgeschlossen wurde.

ChatGPT war damals gerade einmal ein paar Monate auf dem Markt. Der Hype rund um generative künstliche Intelligenz und Large Language Models (LLMs) war neu. Auch in den Gesprächen mit Investor:innen kam das Thema immer wieder auf. Nach dem Abschluss der Finanzierungsrunde ließ Buchner ihr Team daher untersuchen, wie man LLMs zur Skalierung des Produkts einsetzen könnte.

Das Ergebnis: Es gäbe potenziell noch viel mehr Möglichkeiten, LLMs in der Baubranche einzusetzen. Das Team ging direkt in den Austausch mit Bauarbeiter:innen – und kam mit mehreren möglichen MVPs zurück. Das beste Feedback von den Arbeiter:innen gab es für eine Lösung, die die Dokumente schnell und strukturiert durchsuchbar macht.

„Man braucht weniger Menschen, die Dokument A mit Dokument B vergleichen“

So entstand „Trunktext“, eine KI-basierte Anwendung, die große Mengen von Baudokumenten – mittlerweile fast ausschließlich in digitaler Form vorhanden – per Schnittstelle anbindet, vorab aufbereitet und mithilfe von Retrieval Augmented Generation (RAG) gezielt abfragt. „Wir nehmen all diese Daten aus den Datensilos und verwenden verschiedene deterministische und probabilistische Modelle, um diese unstrukturierten Daten in strukturierte Daten zu übersetzen“, erläutert Buchner. Darauf basierend könnten KI-Agenten dann Workflows übernehmen. Das Ergebnis: „Man braucht weniger Menschen, die Dokument A mit Dokument B vergleichen oder andere bürokratische Workflows bewältigen.“

Buchner präsentierte die Lösung ihrem Board und schlug vor, von den zehn aufgenommenen Millionen neun für das eigentliche Produkt zu verwenden und eine für den neuen Ansatz. Es sollte anders kommen: Denn tatsächlich stellte sich bald heraus, dass das neue Produkt mehr Potenzial hatte. Mittlerweile fokussiert sich Trunk Tools hauptsächlich darauf, führt aber auch das ursprüngliche Produkt weiter. Buchner hat das Startup mittlerweile vom Silicon Valley nach New York übersiedelt. Außerdem hat das Unternehmen noch einen weiteren Standort in Austin in Texas.

„Wir nehmen die Modelle, die es auf dem Markt gibt, und finetunen sie für die Baubranche“

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

Trunk Tools ist auf der Anwendungsebene von künstlicher Intelligenz positioniert. In diesem Bereich sieht Buchner auch das größte Potenzial für Startups. Demgegenüber steht erstens die Ebene der Foundational Models, das sind beispielsweise die großen Sprachmodelle, wie sie von OpenAI, Google oder Deep Seek herausgegeben werden. „Das ist unglaublich teuer und ein Race to the Bottom. Das ist etwas, das ich nicht machen wollen würde“, sagt die Gründerin. Zweitens gibt es auch noch die Infrastruktur-Ebene; dort sei der Wettbewerb „sehr hoch“.

Im Gegensatz dazu steht eben die Anwendungsebene: Startups setzen Lösungen auf bestehenden KI-Modellen auf und optimieren sie für Use Cases in bestimmten Branchen. „Wir nehmen die Modelle, die es am Markt gibt, und finetunen sie für die Baubranche“, erläutert Buchner. Doch auch in anderen Branchen gebe es für Startups hier viele Möglichkeiten, da nach wie vor viele Ineffizienzen zu beseitigen wären.

20 Millionen Dollar in zwei Wochen

Für Trunk Tools folgte im Sommer 2024 die nächste Finanzierungsrunde. Buchner und ihr Team nahmen weitere 20 Millionen Dollar auf – und zwar schneller als gedacht: Eigentlich hatte sie den Abschluss der Runde erst ein oder zwei Quartale später geplant, der Lead-Investor Redpoint Ventures sagte die von der Gründerin angepeilte Bewertung allerdings bereits direkt zu. Buchner schlug ein, zwei Wochen später war das Geld am Bankkonto.

Wichtig dabei: Die Trunk-Tools-Gründerin ist konstant im Gespräch mit Wunsch-Investoren – auch, wenn gerade keine Finanzierungsrunde unmittelbar ansteht. Sie hat dabei eine Liste mit den zehn bis 20 Investoren, die sie gern an Bord hätte, und versucht, mit diesen einmal pro Quartal im Austausch zu sein.

Rund ein halbes Jahr später sieht Buchner Trunk Tools „in einer Hypergrowth-Phase“. Das Startup ist seit dem Vorjahr von zwölf auf 50 Leute angewachsen; noch in diesem Jahr soll sich die Belegschaft auf 100 Personen verdoppeln. Aufgestockt werden soll vor allem in zwei Bereichen: im Go-to-Market- sowie im Produkt- und Engineering-Bereich.

IPO, Übernahme – und „eine Million andere Möglichkeiten“

Und langfristig? Könnte Trunk Tools an die Börse gehen oder verkauft werden? Buchner will sich hier noch nicht festlegen. Für einen Börsengang hätte Trunk Tools „definitiv das Potenzial“; allerdings sei Construction Tech „traditionell ein M&A-Bereich“. Trunk Tools habe auch bereits Übernahmeangebote erhalten, aber diese abgelehnt. Mögliche künftige Angebote werden dem Board vorgelegt, gemeinsam wird eine Entscheidung getroffen. Aber Buchner hält auch fest: „Daneben gibt es noch eine Million andere Möglichkeiten.“ Es gebe auch Startups, die die Profitabilität erreicht haben und dann ihre Investoren ausgezahlt hätten. Selbst ein Scheitern der Firma sei nicht ausgeschlossen.

Und auch, wenn aktuell nichts darauf hindeutet, hat Buchner keine Angst, zu scheitern. Das ist auch ihr wichtigster Tipp, den sie an angehende Gründer:innen hat: „Ich bin oft gescheitert in meinem Leben. Ich habe mich zwei- oder dreimal bei McKinsey beworben und nicht einmal ein Interview bekommen – und letztes Jahr haben sie mich dann eingeladen, bei deren Konferenz in Dubai zu sprechen. Ich bin in Harvard nicht reingekommen und habe später dann den Stanford-MBA gemacht, in den es noch schwieriger war, reinzukommen. Wenn man sich mein Leben anschaut, glaubt man, es hat alles perfekt geklappt – aber das ist überhaupt nicht wahr.“


Aus dem Archiv: Sarah Buchner im brutkasten-Videotalk (September 2024)

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag