24.01.2023

David Chaum: „Aus dem Mitmach-Web wird ein Internet der Teilhabe“

Interview. Der Erfinder des digitalen Geldes, David Chaum, über Demokratie im Netz und wie sich das Web³ gegen die großen Tech-Unternehmen stellt, die aktuell die Regeln des politischen Diskurses diktieren.
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Chaum, Web3, Demokratie im Internet
(c) ZVg - David Chaum im Interview.

David Chaum ist der ursprüngliche Gründer des dezentralen xx-Netzwerks und CEO von Elixxir.io, die mit „Speakeasy“ eine anonyme dezentralisierte Social-Media-Plattform entwickelt haben. Er gilt als Erfinder des digitalen Geldes und der blinden digitalen Unterschrift, die auf die Sicherheit und den Schutz der Privatsphäre beim Informationsaustausch, bei Abstimmungen und in der Welt der Kryptowährungen, einschließlich Bitcoin, einen großen Impact hatte.

Chaum: MPC, Mainet und Tor

Seine Entwürfe für gemischte Netzwerke führten zur Implementierung von „Onion-Routing“-basierten Plattformen wie Tor, und im Bereich des verteilten Rechnens veröffentlichte er die erste formal beschriebene Blockchain und prägte den Begriff „Multi-Party-Computing“ oder „MPC“. MainNet, eine quantenresistente, globale Hochleistungs-Blockchain, startete im November 2021.

Chaum promovierte in Informatik an der UC Berkeley und lehrte an der „NYU Graduate School of Business“ und der „University of California“; er gründete auch die „International Association for Cryptologic Research“ und die Kryptographie-Gruppe am „Center for Mathematics and Computer Science“ in Amsterdam.

Im Gespräch mit dem brutkasten spricht er darüber, wie das Web³ mehr Demokratie im Netz bringen kann und erklärt, welche Gefahren von Facebook, Google und Co. bei dieser Thematik ausgehen.

EuroDIG & demokratischen Grundsätze

Zur Erklärung: Letzten Sommer fand in Triest die 14. Auflage des EuroDIG statt. Diskutiert wurde dabei unter anderem die Ende April von den USA initiierte „Erklärung zur Zukunft des Internets“.

Die 32 Unterzeichner, zu denen auch die EU gehört, bekannten sich darin zu dem Bestreben, ein Internet zu fördern, das auf demokratischen Grundsätzen basiert und die Grundfreiheiten sowie Menschenrechte achtet. Des Weiteren gaben sich die Unterzeichner des Papiers überzeugt, dass das Internet als ein „dezentrales Netz der Netze“ funktionieren solle, in dem ein fairer Wettbewerb zwischen Online-Plattformen und Unternehmen möglich sei.

Digitale Technologien haben nach Auffassung der Unterzeichner ferner das Potenzial, Demokratie, Frieden, Rechtsstattlichkeit und eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Insgesamt wolle man ein Multi-Stakeholder-Modell verfolgen.

Einen besonders vielversprechenden Ansatz für mehr Demokratie im Internet hierbei: das Web³, mit der Blockchain-Technologie als technologisches Rückgrat.


brutkasten: Stichwort Kritik am EuroDIG: Woran hakt es? Was sind die Probleme und was muss besser werden?

David Chaum: Lassen Sie mich mit dem Wichtigsten anfangen: Foren, auf denen der Dialog gesucht wird, sind grundsätzlich natürlich zu begrüßen. Das gilt auch für das Multi-Stakeholder-Modell, das sowohl der EuroDIG als auch das ihm übergeordnete Internet Governance Forum (IGF) verfolgen. Es wird versucht, Vertreter aus Zivilgesellschaft, Industrie und Forschung in den Dialog einzubeziehen. Leider sehen wir bei solchen Initiativen häufig, dass ‚Otto-Normal-Verbraucher:innen‘ nicht hinreichend repräsentiert werden. Zudem werde ich hellhörig, wenn Initiativen wie der „IGF“ Spenden von Google, Amazon und Facebook beziehen – Unternehmen also, die erheblich zur Zentralisierung der Machtstrukturen im Internet beigetragen haben.

Eine kurze Erklärung für Laien: Wie kann das Web³ Demokratisierung bringen? Ist das Metaverse wirklich der Schlüssel dazu?

Mit dem Web 2.0 haben die ersten sozialen Netzwerke Anfang der 2000er das Zeitalter des ‚Mitmach-Webs‘ eingeläutet. Aus dem rein konsumierenden User wurde damit der “Produser”: Ein Benutzer, der auch selbst Content produzieren und monetarisieren kann.

Heute sind die Nutzer:innen der großen Web2.0-Plattformen selbst zum Produkt geworden, mit dem Dienste von Facebook, Google und Co. finanziert werden. Mit jedem Posting, Share oder Like werden intransparente Algorithmen mit persönlichen Daten der User:innen gefüttert. Dabei geht es nicht nur um inhaltliches, sondern auch um Metadaten. Aus diesen lassen sich bereits extrem genaue Persönlichkeitsprofile erstellen. Das Missbrauchspotenzial dieser Informationen ist enorm – vor allem, wenn sie in die falschen Hände geraten.

Für eine lebendige Demokratie braucht es jedoch einen freien Marktplatz der Meinungen. Was wir aktuell erleben ist, wie einige wenige Unternehmen die Regeln des politischen Diskurses diktieren. Diese Macht spiegelt sich auch in der technologischen Infrastruktur des Internets: Die meisten Online-Angebote setzen auf Cloud-Lösungen von Google, Amazon und Co.

Das Web³ will das ändern. Als nächste Evolutionsstufe des Internets macht es seine Nutzer:innen zu Miteigentümer:innen der Dienste, die sie verwenden. Aus dem ‚Mitmach-Web‘ wird ein ‚Internet der Teilhabe‘, das Menschen wieder den freien Austausch von Gedanken und Werten ermöglicht – unabhängig von Landesgrenzen.

Die Blockchain-Technologie bildet hierbei die Grundlage für diesen Gegenentwurf zum zentralisierten Status quo. Denn, echte Blockchain-Netzwerke werden nicht von einer einzelnen Entität verwaltet, sondern von der Community. Im Blockchain-Space braucht es kein Vertrauen in die Rechtschaffenheit von Intermediären, sondern Vertrauen in den Code. Und dieser lässt sich bei Open-Source-Projekten objektiv und von jedermann prüfen.

Digitale Technologien haben nach Auffassung der Unterzeichner ferner das Potenzial, Demokratie, Frieden, Rechtsstaatlichkeit und eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Das klingt in der Theorie sehr schön. Wie sieht es mit der Praxis aus?

Wie so oft klafft eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. So wird auch in der Erklärung der Missstand konstatiert, den ich eben angesprochen habe, nämlich, dass das Internet zentralisiert und der Datenschutz bedroht ist. Es wird ein globales und dezentrales Netzwerk der Netzwerke gefordert und gleichzeitig vor der Einflussnahme durch politisch motivierte Desinformationskampagnen aus dem Ausland gewarnt. Wie sich Datenschutz und die Möglichkeit, unliebsame Inhalte zu zensieren, vereinbaren lassen, darüber steht in der Erklärung nichts.

Die Suche nach Lösungen sollen Multistakeholder-Gremien wie der IGF übernehmen – mit freundlicher Unterstützung von Facebook, Google und Co. Ich habe erhebliche Zweifel daran, dass dieser Weg uns wirklich das dezentrale Internet bescheren kann, wie es in der Erklärung gefordert wird.

Aber auch abseits der Internet-Governance gibt noch erheblichen Nachholbedarf in Sachen digitaler Demokratie. Das beginnt bereits bei der Stimmabgabe: So sind beispielsweise Online-Wahlen selbst auf regionaler und kommunaler Ebene noch eine absolute Ausnahme – das gilt auch für die Unterzeichner der Erklärung. Freilich braucht es dafür auch ein technologisches Rückgrat, das garantiert, dass die Stimmabgabe nicht manipuliert werden kann.

Ziel ist dabei nicht der gläserne Wählende, sondern vielmehr das gläserne Wahlsystem, das die Autonomie und die Privatsphäre des Einzelnen wahrt. Doch selbst das robusteste System ist wertlos, wenn ihm die Wählerschaft misstraut. Daher ist es wichtig, dass ein elektronisches Wahlsystem absolut transparent gestaltet wird – ohne dabei Abstriche beim Datenschutz machen zu müssen.

Die Blockchain-Technologie kann hier wertvolle Dienste leisten – allerdings nur in Verbindung mit einer starken Verschlüsselung, die von nichts und niemandem geknackt werden kann – auch nicht von künftigen Quantencomputern, die übrigens in der Erklärung zur Zukunft des Internets nicht einmal Erwähnung finden.

In diesem Sinne: Wie wird und kann Quantentechnologie künftig unser Leben beeinflussen?

Quantencomputer bergen ein enormes Potenzial – im Guten wie im Schlechten. So wird davon ausgegangen, dass die Quantentechnik die Erforschung neuer medizinischer Wirkstoffe dramatisch beschleunigen wird. Andere Anwendungsfälle liegen beispielsweise in der Entwicklung neuer Batterien, der Finanzmathematik oder der Optimierung von Lieferketten, kurzum: Quantencomputer eignen sich vor allem für Aufgaben, in denen Simulationen mit unzähligen Variablen durchgeführt werden.

Das bedeutet aber auch, dass viele aktuell weit verbreitete Verschlüsselungssysteme anfällig gegenüber Quantencomputern sind. Und hier kommen wir zum Bedrohungspotenzial der Technologie. Viele Kryptosysteme können von einem hinreichend starken Quantencomputer geknackt werden. So auch die elliptische Kurvenkryptographie, die zum Beispiel bei Bitcoin und, in anderer Ausformung, bei der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von WhatsApp- und Signal-Nachrichten zum Einsatz kommt. Daten, Nachrichten und Vermögen, die heute noch als sicher gelten, werden in absehbarer Zeit angreifbar. Daher sollte man bereits heute auf eine Kryptographie setzen, die inhärent quantenresistent ist.

Und hier kommt „Yaos Multi-party computation“ ins Spiel. Worum handelt es sich dabei?

Vereinfacht gesagt hat Yao einen Weg gefunden, wie zwei Parteien Daten miteinander abgleichen können, ohne dass eine der beiden dazu ihre Daten offenlegen muss – weder gegenüber der anderen Partei noch gegenüber einem Intermediär. Zur Illustration stellte Yao das Millionärsproblem: Wie können zwei Millionäre feststellen, wer reicher ist, ohne dazu das eigene Vermögen zu verraten? Der Datenschutz spielt folglich bereits bei Yao eine Rolle.

Er löst das Millionärsproblem mithilfe eines Algorithmus, bei dem ‚RSA‘ zum Einsatz kommt, eines von vielen Verschlüsselungsverfahren, die auf der Primfaktorzerlegung basieren. Nun gehört die Primfaktorzerlegung zu jenen Aufgaben, die ein hinreichend starker Quantencomputer mithilfe des ‚Shor-Algorithmus‘ ganz einfach lösen kann. Damit hochsensible Daten langfristig vor dem Zugriff durch Unbefugte geschützt bleiben, braucht es quantensichere Technologien.

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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Der große kleine Startup-Standort

Wiens Strahlkraft zeigt sich auch bei den Unternehmensbewertungen: 82 Prozent der Wiener Startups knacken die 2,5-Millionen-Euro-Schwelle – gegenüber 70 Prozent im übrigen Land.

Solide klingt das aber nur an österreichischen Maßstäben gemessen; im Vergleich zum europäischen Kapitalmarkt bleibt viel Luft nach oben. Vom europaweiten VC-Boom (62 Mrd. Euro) blieb Wien 2025 weitgehend abgeschnitten. Das Paradoxon: Während die Stadt mit 86 Deals noch Platz 15 bei der Anzahl der Runden hält, offenbart das Volumen die reale Skalierungslücke – mit nur 179 Millionen Euro sammelten Wiener Startups weniger als die Hälfte des Vorjahreswerts (378 Mio. Euro) ein.

Der direkte Vergleich: München und Stockholm

Der Kontrast zu Städten, die oft als direkte Wettbewerber oder Vorbilder genannt werden, ist drastisch. München verzeichnete 2025 bei 124 Deals ein Investitionsvolumen von 2,45 Milliarden Euro – fast das Vierzehn-fache der Wiener Summe. Und das, obwohl die bayerische Hauptstadt deutlich weniger Neugründungen als Wien ausweist: 192 im Jahr 2023, immerhin 290 im Jahr 2025.

Auch der Blick nach Norden unterstreicht die Diskrepanz: Stockholm, oft als Paradebeispiel für ein international ausgerichtetes Ökosystem genannt, zog im selben Zeitraum 1,42 Milliarden Euro an Risikokapital an, verteilt auf 137 Finanzierungsrunden.

Während Stockholm und München ihre Position als Milliarden-Hubs festigen, droht Wien bei der Wachstumsfinanzierung den Anschluss zu verlieren.

Städtische Unterstützung

Um das Ökosystem zu stärken, engagiert sich auch die Stadt Wien selbst auf mehreren Schienen. Treibende Kraft ist die Wirtschaftsagentur Wien: Sie förderte allein im vergangenen Jahr 1.177 Projekte mit insgesamt rund 48 Millionen Euro – 30 Prozent der Einreichungen stammten dabei laut Agentur von Gründer:innen und Startups. Die Wirtschaftsagentur ist es auch, die als Organisatorin hinter dem dezentralen Startup-Festival ViennaUP steht – von 18. bis 22. Mai finden im Rahmen des Festivals heuer rund 40 Startup-relevante Einzelevents zahlreicher Veranstalter statt, dazu kommen mehrere Side-Events anderer Player außerhalb des offiziellen Programms.

Konkretes Engagement zeigt die Stadt auch beim Schaffen von Infrastruktur: Neben den im Aufbau befindlichen Technologiezentren Life Science Center Vienna und AI Factory Austria ist aktuell ein Quantum Technology Center Vienna in Planung.

Risikokapital-Hauptstadt

Was für den gesamten österreichischen Startup-Sektor gilt, trifft auf den Bereich Risikokapital im Besonderen zu: Er ist auf Wien konzentriert. Die Hauptstadt beheimatet mehrere VC-Fonds von internationaler Bedeutung (allen voran Platzhirsch Speedinvest), aber auch mehrere Corporate-VCs und eine active Business-Angel-Szene. Das Kapital fließt aber keineswegs nur in heimische Startups und Scaleups – ein Überblick.

Wie viel Risikokapital von Wien aus verwaltet wird, lässt sich auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen nicht exakt beziffern. Fest steht: Die Hauptstadt ist auch unbestrittene Risikokapital-Hauptstadt. Mit Speedinvest, 3VC und Apex Ventures haben die drei größten privaten VC-Fonds des Landes ihren Sitz in Wien, dazu kommen mehrere kleinere Fonds wie calm/storm und Fund F. Auch die größten Corporate-VCs, konkret Verbund X Ventures und Elevator Ventures (Raiffeisen Bank International) arbeiten von Wien aus. Die mittlerweile inaktive Uniqa Ventures hatte ihren Sitz ebenfalls hier. Mit dem aws Gründungsfonds hat zudem der größte öffentliche VC seinen Sitz in der Donaumetropole. Komplettiert wird das Risikokapital-Angebot durch die aktive Business-Angel-Szene mit Aushängeschild Hansi Hansmann.

Aktive VCs und CVCs mit Sitz in Wien (Auswahl)

VC / CVCAuM (Schätzung)Volumen aktueller HauptfondsDetails
Speedinvest~ 1,2 Mrd. EUR350 Mio. EUR (Speedinvest 4)Europas größter Seed-Fonds. Breiter Branchenfokus, paneuropäisches Mandat.
3VC~ 200 Mio. EUR150 Mio. EUR (Fonds II)Größter Later-Stage-Fonds Österreichs. Investiert ab Series A in B2B-/B2C-Software (DACH und CEE).
APEX Ventures~ 150 Mio. EUR80 Mio. EUR (Zielvolumen Amadeus APEX Tech)Fokus auf Deeptech, AI, Quantum und Spacetech. Aktueller Hauptfonds gemeinsam mit der britischen Amadeus Capital aufgelegt.
aws Gründungsfonds~ 140 Mio. EUR72 Mio. EUR (Gründungsfonds II)Staatlich initiierter Co-Investor. AuM aus Alt-Fonds und aktuellem Fonds II in der Investmentphase. Nahezu 100 % Österreich-Fokus.
Elevator Ventures> 100 Mio. EUR70 Mio. EUR (EV II)Corporate VC der Raiffeisen Bank International. Aktiver Lead-Investor in Fintech und Cybersecurity in DACH und CEE.
calm / storm ventures~ 50 Mio. EUR27 Mio. EUR (Fund II)Kürzlich zweiten Fonds geschlossen. Sehr aktiver Early-Stage-Player in Healthtech und Femtech; Europa-Fokus.
Fund F~ 28 Mio. EUR28 Mio. EUR (Fund I)Pre-Seed- und Seed-Fonds der Female-Founders-Gründerinnen. Investiert in Startups mit mindestens einer Gründerin im Team.
Verbund X Ventureskein fixes Volumen (Evergreen)kein fixes Volumen (Evergreen)Keine klassische VC-Fondsstruktur. Investiert aus dem Budget des Energieversorgers in ganz Europa.

Internationale Ausrichtung

Die Bündelung des verwalteten VC-Kapitals in Wien bedeutet keineswegs, dass dieses Kapital auch zur Gänze heimischen Startups zur Verfügung steht: Mit Ausnahme des aws Gründungsfonds, der laut Mandat nahezu ausschließlich in Unternehmen mit Hauptsitz in Österreich investiert, sind die genannten Fonds international ausgerichtet. Bei den meisten privaten VCs liegt der Anteil österreichischer Startups im Portfolio bei oder unter zehn Prozent, bei den Corporate-VCs knapp darüber. Genaue Zahlen liefert Speedinvest: Das Gesamtportfolio umfasst laut eigenen Angaben zuletzt 298 aktive Investments in 40 Ländern mit klarem Schwerpunkt in Europa. Genau 30 Portfolio-Unternehmen – also rund zehn Prozent – haben ihren Sitz in Österreich.

Spinoff-Boom in Progress

Neun öffentliche Universitäten und fünf Fachhochschulen sind nur der Kern: Mit rund 200.000 Studierenden ist Wien der größte Hochschulstandort im deutschsprachigen Raum. In der Forschung gehören die Wiener Unis in mehreren Fachbereichen zur Weltspitze – bei der Überführung von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft gibt es allerdings noch viel Potenzial. Dabei betreiben mehrere Universitäten seit Jahren Programme zur Förderung von Spinoffs, etwa die TU Wien mit i²c, die WU Wien mit dem Gründungszentrum, die Uni Wien mit u:seed oder die Universität für Bodenkultur mit „[sic!]“.

Zuletzt wurden die Strategien an mehreren Häusern noch deutlich ausgebaut. Die TU etwa definierte Spin-offs als zentralen Baustein der Strategie, etablierte eine Spinoff Factory und initiierte gemeinsam mit Speedinvest den Fonds Noctua Science Ventures. Das erklärte Ziel von Rektor Jens Schneider: 30 bis 50 Spinoffs pro Jahr. Die WU wiederum wurde mit Ignite Ventures selbst zum Frühphasen-Investor und vergibt kleine Tickets an Ausgründungen des Hauses.

Internationale Krypto-Anziehungskraft

Dass die Hauptstadt ein gutes Pflaster für den KryptoBereich ist, hat Österreichs am höchsten bewertetes Scaleup ein drücklich bewiesen: Als Kryptobroker gestartet bietet Bitpanda mittlerweile ein deutlich breiteres Portfolio – der Handel mit Bitcoin und Co samt B2BAngeboten für internationale Banken und Fintechs bleibt aber das Kern geschäft. Den formellen Hauptsitz hat das Wiener Unicorn zwar vor einigen Internationale Krypto-Anziehungskraft Jahren in die Schweiz verlegt, operatives Zentrum bleibt aber die Zentrale im zweiten Wiener Bezirk.

Bitpanda ist längst nicht mehr allein: Mehrere große internationale Kryptoanbieter haben in den vergangenen Jahren ihre EU-Headquarters in Wien eröffnet – konkret die in Asien gegründeten Plattformen KuCoin, Bybit und Bitget, die alle drei zu den größten der Welt zählen. Sie profitieren am Standort von zwei Faktoren: erstens vom attraktiven Angebot an qualifiziertem Personal, zweitens von guten regulatorischen Voraussetzungen. Um in der EU aktiv sein zu dürfen, brauchen die Plattformen seit Ende 2024 eine Lizenz gemäß der Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCAR). Die in Österreich zuständige Finanzmarktaufsicht (FMA) gilt dabei als streng und EU-weit angesehen, gleichzeitig aber auch als kooperativ bei der Erarbeitung der für die Lizenz notwendigen Voraussetzungen.

Stärkefeld Life Sciences

Wien beherbergt laut der Clusterplattform LISA-vienna 754 Life-Sciences-Organisationen, darunter 646 Unternehmen sowie 19 renommierte Forschungs- und Bildungseinrichtungen mit insgesamt über 49.000 Beschäftigten. Obwohl die Stadt nur rund 21 Prozent der österreichischen Bevölkerung ausmacht, vereint sie mehr als die Hälfte des heimischen Life-Sciences-Sektors. Die jährlichen Umsätze lagen 2023 laut Vienna Life Science Report 2024/25 bei rund 22,7 Milliarden Euro, der Großteil davon in Biotech und Pharma.

Wiens Innovationskraft basiert maßgeblich auf der starken akademischen Landschaft: 2023 veröffentlichten die Forschungs- und Bildungseinrichtungen der Stadt rund 8.800 wissenschaftliche Arbeiten, über 34.000 Studierende waren in Life-Sciences-Studiengängen eingeschrieben. Gleichzeitig treibt eine aktive Startup- und Scaleup-Szene Innovationen voran – von der Wirkstoffentwicklung bis zu KI-basierten digitalen Lösungen im Gesundheitswesen. Investitionen, Finanzierungsrunden und Deals wie Lizenzvereinbarungen oder Übernahmen erreichen jährlich regelmäßig ein Volumen im dreistelligen Millionenbereich.

Zentraler Hub für die Branche ist das von der Stadt initiierte Life Science Center mit Schwerpunkt auf der Verbindung von Life Sciences und KI, für das auch ein Komplex im dritten Bezirk errichtet wird. Dort ist auch AITHYRA angesiedelt, ein Institut für biomedizinische künstliche Intelligenz in Kooperation mit der Boehringer-Ingelheim-Stiftung.

KI-Hub ohne große Namen

Die Bundeshauptstadt hat schon im vorigen Jahrzehnt einige KI-Pioniere hervorgebracht. Die Ironie der Geschichte: Viele davon haben das Aufkommen der Large Language Models nicht überlebt, weil ihre über Jahre entwickelten Technologien davon überholt wurden. Gleichzeitig hat die KI-Revolution der vergangenen Jahre eine Reihe neuer, teils schnell wachsender Unternehmen hervorgebracht. Player von internationalem Rang oder gar Herausforderer der US-Riesen sucht man in Wien aber nach wie vor vergeblich.

Dabei ist die Stadt durchaus um die Förderung des KI-Sektors bemüht. Geschaffen wurde etwa die AI Factory Austria, die mit dem AI:AT Coworking Hub auch als zentrale Anlaufstelle für die heimische KI-Szene fungieren soll. Startups bekommen dort unter anderem Zugang zu Supercomputern und Unterstützung bei der internationalen Vernetzung.

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