19.11.2019

Europa und die digitale US-Hegemonie: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben!

IT-Konzerne wie Apple, Google und Amazon sind so mächtig, weil sie radikal den Kunden in den Mittelpunkt rücken, schreibt Digitalexperte Michael Hirschbrich in einem Gastkommentar: In Europa herrscht hingegen Angst vor der Datenökonomie, wir bremsen uns selbst durch Regulierung und Gesetze.
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(c) Mic Hirschbrich

So kompliziert die Datenökonomie auch erscheinen mag, in gewisser Weise ist sie erstaunlich simpel: „Schaffe auf Basis der dir verfügbaren Daten die größtmögliche Produkt-Zufriedenheit und die Kunden werden dir treu ergeben sein.“

Die Profis der Datenökonomie im Silicon Valley sind an Radikalität kaum zu überbieten. Sie stellen den Kunden radikal ins Zentrum all ihrer Anstrengungen. Wir verwenden Youtube, ein technisch aufwendiges und somit sehr teures Videoservice, kostenlos, nutzen Netflix und Apple jahrelang ohne Störungen und bestellen bei Amazon, ohne je enttäuscht worden zu sein, mit nur einem Klick. Als europäischer Homo Politicus bereitet mir das Kopfzerbrechen, als Konsument halte ich die Treue, so wie viele andere Europäer auch.

Usability als oberstes Gebot

Freunde in Seattle erzählten mir schon vor Jahren über die enormen Anstrengungen von Amazon, die Usability zu verbessern und insbesondere die Klick-Rate bei Bestellungen zu reduzieren. Die Einfachheit in der Produkt-Nutzung zu steigern und die Klick-Rate im User-Flow zu reduzieren – das ist es, was alle Silicon Valley-Player eint. Es ist das oberste Gebot.

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Die Gesetzmäßigkeiten der Datenökonomie sind kein Geheimnis. Dennoch fällt es Europa schwer, die richtigen Antworten darauf zu finden, sie für sich zu nutzen. Derzeit hat man sogar den Eindruck, dass ein Gemisch aus ungeschickten Regulierungen und fehlendem Know-how in Union und Unternehmen für eine Rückentwicklung sorgen. Anbei ein paar (subjektive) Eindrücke.

Gestohlene Kreditkarte wird zur Odyssee

Als vor wenigen Wochen meine Kreditkarte gestohlen wurde, hat mein Betreiber sofort alle Bezahl-Services stillgelegt. Im Jahr 2019 hat es kein europäischer Betreiber geschafft, eine nahtlose Bezahlfunktion bereitzustellen, wenn man als Kunde physisch bestohlen wird. (In Kalifornien erhält man seit 10 Jahren sofort eine digitale Ersatznummer, die physische Karte wird nachgeliefert.) Stattdessen wird gleich alles, was online automatisch monatlich bezahlt wird stillgelegt. Aufgrund neuer Security-Bestimmungen kommt die neue Kreditkarte getrennt von weiteren Briefen an je unterschiedlichen Tagen, die 3d-Secure Code und Pin beinhalten, natürlich mit der Post. Physisch. Mit einem Briefträger.

+++Die aktuellen Trends im Payment-Sektor+++

Als die Kuverts auf sich warten ließen, ich aber dringend die Karte brauchte, ersuchte ich meine Assistentin, beim Betreiber zu urgieren. Doch sie durfte nicht, der Datenschutz verbietet es. Auch wenn es nur um ein Kuvert ging, das nicht ankam. Also ging ich aus einer Sitzung, telefonierte mit der Kreditkartenfirma und identifizierte mich, wie gefordert, mit Namen, Geburtsdatum, Straße und … den letzten Umsätzen, die ich vor 4 Wochen mit der gestohlenen Kreditkarte verbucht hatte. Natürlich wusste ich selbige nicht sofort, und der Prozess verlängerte sich weiter.

Als die Codes kamen, wurde man aufgefordert, einen 8-stelligen Code auswendig zu lernen, der zweite PIN kam als Rubbellos anmutend, war dann aber doch eine Kritzikratzi-Folie, die man abziehen und auf eine andere Fläche geben musste, um die gefinkelt geschützte Nummer lesbar machen zu können, um sie dann, genau, auch wieder auswendig zu lernen. Wer um Himmels Willen denkt sich diese Dinge aus? Hat man als Security-Berater Thomas Brezina engagiert? Die EU liebt uns Bürger und will uns schützen, sage ich mir. Das Ablaufdatum der neuen Karte endet in 2 Monaten (wie bei der gestohlenen, alten Karte). Alles ist neu und bei den Online-Services deshalb erneut zu hinterlegen, das Ablaufdatum der Kreditkarte nicht.

Apple Pay und andere Bedrohungen für Europa

Weil ich meine Services wie Netflix, Prime und Co nicht unbezahlt lassen konnte und auch beim Einkaufen ständig an meine Grenzen stieß, koppelte ich meine Debit-Karte mit meinem iPhone X und nutze seither Apple-Pay. Und jetzt haben wir – aus europäischer Sicht – den Salat, denn ich werde das nie wieder hergeben. Ich bezahle alles mit einem einzigen Doppelklick. Das iPhone öffnet ein Menü, scannt mein Gesicht zur Authentifizierung und binnen einer Sekunde Gesamtzeit zeigt mir ein kontaktloses Biep, dass erfolgreich bezahlt wurde. Eine Push bestätigt kurz später den Betrag.

+++Was N26 am Standort Wien plant+++

Viele Produkte, die ich benötige, finde ich auf Amazon billiger als sonst wo und bestelle sie dort mit, genau. einem Klick. Habe ich Amazon deshalb lieb? Als politischer Mensch mache ich mir Sorgen um diese Kompetenz und damit Dominanz, als Konsument bin ich einfach zufrieden. Und den vielen, Sie verzeihen, Daten-Phobikern, die mir erklären wollen, wie gefährlich der Gesichtsscan am iPhone oder eine 1-Klick Bestellung sei, möchte ich sanft aber bestimmt entgegnen: Diese Marken haben mich seit Jahrzehnten nicht einmal enttäuscht oder betrogen oder meine Daten missbraucht. Zumindest ist das meine Wahrnehmung.

Apple,  Google und Amazon als Gewinner der EU-Regeln

Die übertriebene Angstmache rund um das Thema Datennutzung hat unsere europäische Digital-Industrie in arge Bedrängnis gebracht (Öko-System-Schock) und ihr so viel Ballast, Missgunst und infolgedessen falsche Formen von Regulierung aufgebürdet, dass ich mich frage, ob wir als Europa die B2C-Märkte je werden zurück erobern können. Unsere Talkshows und Artikel sind voll mit „Experten“, die uns erklären, wie gefährlich die Datenökonomie sei, aber unser Geld als Konsumenten fließt in unfassbaren Mengen an digitale Unternehmen im Ausland, die die neuen Gesetzmäßigkeiten begriffen haben und ausschöpfen.

Die EU erlässt eine neue Datenschutzgrundverordnung und Bezahlregulierung und die einzigen, die noch weniger Klicks als vorher brauchen, sind Apple, Google und Amazon. Die EU verabschiedet eine Urheberrechts-Richtlinie und die einzige weltweit, die diese technisch überhaupt erfüllen könnte, ist Googles Content-Id.

„Installieren Sie die praktische Identity-App“

Zwischenzeitlich hat sich meine Bank gemeldet, das Online-Banking sei nun sicherer geworden. Genial, denke ich. In 25 Jahren Online-Banking hatte ich zwar noch nie ein Sicherheits-Problem, dafür täglich gefühlt drei Pishing-Warnungen der hiesigen Rechts-Abteilung. „Installieren Sie die praktische „Identity“-App als Zweit-App neben Ihrer alten Banking-App, dann geht das Genehmigen der Bezahlvorgänge in Windeseile“, stand da.

+++Mit Kryptowährungen an UNICEF spenden+++

Da in meinem CV steht, dass ich Digitalexperte sei, habe ich mutig sofort umgestellt und es sogleich bereut. Ich authentifiziere jetzt einzelne Umsätze, in dem die App auf die zweite App wechselt, 4 Mal den Screen wechselt, zwischendurch klicke ich mehrmals „OK“ und irgendwie habe ich dann, mit deutlich mehr Klicks als je zuvor und etwas irritierten Augen ob des Gehüpfes, eine einzige Transaktion beendet. Allerdings nicht die dringende an die Behörde, das erlaubt die App nicht, dafür solle ich doch bitte die Bank am Browser besuchen. Aha. Ich weiß ja nicht, ob Brüsseler Experten jetzt zufrieden sind, ich als einfacher Konsument bin es nicht.

Als ich in der Westbahn-App mein preisreduziertes Ticket mit der neuen Kreditkarte erwerben will, komme ich gehörig ins Schwitzen. Ich brauche seit den schärferen Sicherheits-Anforderungen an die 20 Klicks und der Schaffner steht schon vor mir. Hätte ich (teurer) bar bezahlt, es wäre deutlich komfortabler gegangen. Wir haben 2019, und analoges Handeln ist einfacher als digitales. Detto beim Online-Kauf des Bus-Tickets. Für 3 Euro 20 brauchte ich 16 Klicks, 2 Pins mit Secure Codes, SMS und Nerven ohne Ende.

Datenschutz-Wildwuchs in der Schule

Die Tochter meines Freundes zeigt mir ein Schul-Abschlussfoto, auf dem der Kopf des Kindes geschwärzt ist. Er hatte vergessen, eines der vielen DSGVO-Formulare an die Lehrer zurück zu senden. Sie ist stinksauer. Die Lehrer wiederum hatten Bedenken, dem Staat die Namen der Schüler zu nennen, die bei der Schulbuchaktion mitmachen wollten, denn das verstoße gegen Gesetze. Aber immerhin, die Tochter wusste auch nicht mehr, wie viele andere in der Klasse ebenfalls eine Fünf in Mathematik bekamen, denn selbst den allgemeinen Notenspiegel im Klassenzimmer vorzulesen, ist österreichweit verboten. OK, denk ich mir, ich muss das nicht verstehen. Wenn es andere Menschen glücklich macht, es sie sicherer fühlen lässt, das packen wir schon.

„Sag bloß niemandem, dass ich eine Prostata-Untersuchung hatte.“

Mein Arzt, den ich seit 35 Jahren aufsuche und um Diagnosen bitte, legt mir ein Formular mit „Opt-out“-Klauseln vor, das ich, obwohl in meinem CV steht, ich sei Digitalexperte, nicht verstehe. Ich unterschreibe, so sagt er, dass ich ihm auch nach 35 Jahren vertraue, dass er die Diagnosen, die er macht, auch wissen darf. Oder so ähnlich. „Fein“, sag ich: „Sag bloß niemandem, dass ich eine Prostata-Untersuchung hatte.“ Der gesamte mithörende Wartesaal lacht herzhaft. Ich auch. Immerhin. Datenschutz live sozusagen.

Cookie-Alarm in der Medienwelt

Was das Lesen von Online-Artikeln angeht, wurde ich auch etwas unrund. Ich habe es mir angewöhnt, immer den Original-Links zu folgen, damit die Medienbetreiber ihre Werbung zeigen und damit Geld verdienen können. Doch seitdem ich jedes Mal ein Cookie-Bestätigungsfenster klicken muss, tue ich das mobil immer weniger. Weil es nervt neben den zig Paywall-Fenstern die mich draußen halten.

+++DSGVO: Was Startups beachten müssen+++

Ich habe prompt eine nicht repräsentative Online-Umfrage gestartet, wie viele meiner Freunde und Bekannten denn zumindest einmal gelesen hätten, was diese Cookie-Warn-Fenster anzeigten und wurde in meiner Annahme bestätigt: Ich war der einzige. I´m not kidding. DER EINZIGE. Fragen Sie selbst herum. In meinem CV steht, dass ich angeblich Digitalisierungs-Experte sei, deshalb habe ich es einmal gelesen, nicht verstanden was man daran bedenklich finden sollte und danach immer auf „Ok“ geklickt. So wie die anderen 256 Befragten, die klicken auch täglich zig Mal „OK“ – nur, sie haben es nie gelesen. Aber wenn wir uns jetzt sicherer fühlen, ok, dann soll es so sein.

Europa: Angst vor der Datenökonomie

Aber mal ganz im Ernst: Das Valley investiert Milliarden, um die User-Experience zu erhöhen, Klicks zu reduzieren und uns als Konsumenten zufriedener zu machen. Ich habe den Eindruck, wir tun in Europa genau das Gegenteil. Wir verbreiten Angst vor der Datenökonomie – dem erfolgreichsten Wirtschaftsmodell der Weltgeschichte -, bauen immer mehr Hürden auf und verkomplizieren Prozesse. Wir stimmen als Wähler der Kritik an Datenmodellen politisch vielleicht sogar zu, aber als Konsumenten wenden wir uns immer mehr den Services zu, die uns zufrieden machen. Wir agieren zunehmend schizophren.

„Ja, ist der Datenschutz denn nicht wichtig?“, werde ich dann und wann gefragt. Doch, ist er, sehr sogar! Datenschutz ist wirklich wichtig. Aber er soll im globalen Wettbewerb in keinem Widerspruch zu Userfreundlichkeit und Kundennutzen stehen. Und – „good news!“ – das muss er auch nicht, wenn er sach- und fachkundig gestaltet und umgesetzt wird. Und das ist der entscheidende Punkt! Und leider sind es die Amerikaner, die uns lehren, wie auf EU-Regulierung zu antworten ist, nämlich mit noch kundenfreundlicherer Technologie.

Facebook ist nicht das Internet

„Ja, aber“, höre ich dann so gut wie immer, „haben Sie denn nicht den Cambridge Analytica Skandal mitbekommen?“. „Doch, habe ich“, erwidere ich dann. Doch „Sie alle, die Sie diesen einen Skandal ständig zitieren, die Sie ganze Bücher darüber verfassen, vorm Daten-Überwachungskapitalismus warnen, Cambridge auf Podien bis zum Bersten herunterbeten und als Politiker dagegen wettern, – Sie alle sind noch auf Facebook. Und ich nicht mehr.“ Cambridge – aber vor allem ganz andere Missstände wie die permanente Werbung, irrelevanter Content und andere Dinge – haben mich von Facebook weggebracht. Aber es spielt keine Rolle. Facebook ist nicht „das Internet“, das Internet sind wir alle und das ist auch gut so.

„Technologie hat dem Menschen zu dienen und nie umgekehrt.“

Auch unsere Post hatte ihren Daten-Skandal (den ich auch bedenklich fand), und so wie jedes neue Wirtschaftsmodell wird auch die Datenökonomie ihre Probleme und Skandale bewältigen müssen. Vergehen werden rigoros zu bestrafen sein, damit die Konsumenten und Bürger geschützt bleiben, denn Technologie hat dem Menschen zu dienen und nie umgekehrt. Doch wenn wir dabei den überragenden Fortschritt, sowie die Chancen übersehen, die die Datenökonomie Unternehmern sowie Konsumenten bietet, weil sie Kundenbedürfnisse immer besser erkennt und friktionsfreier stillt, werden wir uns weiter ins digitale Abseits manövrieren. Das geht wegen diverser Trägheitsfaktoren eine Zeit lang gut, doch irgendwann kratzt das alles gehörig an der Wettbewerbsfähigkeit, unserer Produktivität und damit am Wohlstand Europas.

Europa hat noch nicht verloren

Noch ist es nicht zu spät für Europa, denn die meisten Services heute sind technologisch betrachtet Web1.0 oder Web2.0. Die Macht von Web3.0, dem semantischen Web und neue Modelle Künstlicher Intelligenz, sie werden noch kaum eingesetzt und hier stünde uns ein gewaltiger Markt offen, auch um mit dem Silicon Valley gleich zu ziehen und Europa auf der Weltbühne stark zu positionieren.

Doch hier legt man digitalen Innovatoren Steine in den Weg. Aus dem Medien- und Plattform-Markt mussten sich junge, disruptive Kräfte aus dem europäischen Markt  zurückziehen, der wurde rigoros reguliert. Ein großer Verlag erteilt seit einem Jahr einen spannenden Auftrag nicht, bei dem es darum ging, Kundenanfragen mit einem neuronalen Netz zu klassifizieren. Das Programm würde nichts anderes tun, als eine Kunden-Mail zu analysieren, ob es eine Beschwerde, Lob, Abo-Verlängerung, -Kündigung oder ein Umzug des Lesers sei. Das würde 6-stellige Beträge im Call-Center sparen und die Agenten auf Qualitätssicherung fokussieren lassen. Der IT-Leiter wagt es nicht, die Daten anonymisiert (!) zur Verfügung zu stellen. Zu groß seien die befürchteten Strafen. Der NDA, den es zu unterschreiben galt, würde die KI-Firma zudem mit seinen Pönalen existentiell bedrohen.

„Arzt verkauft Bilder von Busen“

Ein anderes Projekt an einem Krankenhaus scheiterte bei einem Anbieter, da man nicht Mammographie-Bilder anonymisiert überlassen wollte. Ein KI-Algorithmus könne Brust-Krebs deutlich besser diagnostizieren und dem Arzt helfen, weniger Fehler zu machen und damit Leid und Folgekosten sparen. Aber die Krankenhaus-Kette müsste laut Rechtsabteilung 60.000 Patientinnen individuell befragen, ob die ihre anonymisierten Bild-Daten zur Verfügung stellen würden. Natürlich würden sie das nicht in unserem Daten-Klima, erklärt man dem Anbieter. „Arzt verkauft Bilder von Busen seiner Patientinnen an Datenkraken“ würde womöglich jemand schreiben. Das könne man nicht riskieren, hieß es.

++zum InsureTech-Channel des brutkasten+++

Übrigens: Das Klassifizierungsprogramm für Emails bietet ab kommendem Jahr Salesforce, ein Unternehmen aus San Francisco, auch in Deutsch an. Es hat Milliarden in die KI-Entwicklung gesteckt, und der Konzern will mit ihnen zusammenarbeiten. Die Krankenhaus-Kette will mit Google kooperieren. Die hätten schon genug Daten von US-Krankenhäusern bekommen, hieß es jüngst, und die Diagnose-Erfolge seien groß. Google erkennt auch die Schwächen der heimischen Banken und will Gerüchten zufolge zusammen mit der Citigroup ein Girokonto anbieten. Apple wird seinerseits auch nicht nur Apple-Pay für fremde Debit-Karten anbieten, sondern – ebenfalls unbestätigten Gerüchten zufolge – gemeinsame Sache mit Goldman Sachs machen. Die alten US-Player am Rücken der Valley-Technologen quasi. Und im Medien-Bereich sprudelt seit der raffinierten Urheberrechts-Richtlinie auch nicht gerade das Geld an unsere Print-Häuser.

Warten auf die Innovation

Da bleibt nur eine Frage: Wird Europa endlich proaktiver, selbstbewusster und kompetenter Gestalter der Datenökonomie, der für seine Bürger deren enorme Chancen nutzt, echte Bedrohungen eliminiert und eigene Technologien basierend auf Europäischen Werten baut – oder wird es weiter nur Konsument fremder Technologie bleiben? In meiner heutigen Inbox steht jedenfalls nur ein neues „Wiener Manifest, gegen die digitale Versklavung“. Auf das Mail, das eine global erfolgreiche, europäische und ethisch akzeptierte Technologie ankündigt, warte ich bislang vergebens.


Über den Autor

Der leidenschaftliche Unternehmer Michael (Mic) Hirschbrich ist ein technischer Autodidakt und hat Handelswissenschaften, sowie Politik, Kommunikation und Geschichte studiert. Er ist stolzer Vater von drei Kindern und hat den Großteil seines Berufslebens im Ausland verbracht, in Südost-Asien, Indien und das letzte Jahrzehnt in den USA und Europa. Er spielt gerne Klavier und im kleineren Kreis stimmt er auch mal ein Lied an. Privat schätzt er den Gegenpol zum Beruf, nämlich Erdung in der Natur und da besonders das Wandern und Bergsteigen.

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Thomas Reiter führt die Kommunikationsagentur Reiter, die auf Technologieunternehmen und Startups spezialisiert ist. Er bereist China seit 15 Jahren | (c) Sabine Klimpt

Im Hochsommer, vor genau 15 Jahren, reiste ich zum ersten Mal nach China. In dieser schicksalshaften Woche lernte ich nicht nur meine Frau kennen, sondern auch einen nahezu perfekt anmutenden europäischen Exportmarkt mit einer Milliarde Menschen, stark steigenden Einkommen und niedriger Marktsättigung.

Das Straßenbild der 25-Millionen-Metropole Schanghai war unübersehbar von europäischen Autos geprägt. Volkswagen stand damals mit rund einem Fünftel Marktanteil am Zenit seiner Dominanz im wichtigsten Automarkt der Welt. Wer sich einen Audi, BMW oder Mercedes leisten konnte, hatte es im Reich der Mitte geschafft und stellte das zur Schau.

Heute ist die Welt eine andere. Meine damalige Freundin ist längst meine Ehefrau mit österreichischer Staatsbürgerschaft. China hat uns technologisch vielfach überholt und seine Importabhängigkeit radikal reduziert. Die Handelsströme sprechen eine deutliche Sprache, denn das EU-Defizit im Warenhandel mit China erreichte 2025 rund 360 Milliarden Euro, plus 18 Prozent binnen eines Jahres.

Die Zahl neuer chinesischer Marken und Modelle ist überwältigend – heimische Hersteller halten inzwischen rund 70 Prozent des chinesischen Pkw-Marktes. Volkswagen, jahrelang Marktführer in China, liegt heute mit knapp elf Prozent hinter BYD und Geely. Credit: Thomas Reiter 

Im Vergleich zu Europa punktet China heute mit moderner Infrastruktur, seiner Vorreiterrolle bei erneuerbaren Energien und sichtbarem Wohlstandszuwachs. Auch das leistungsorientierte Bildungssystem rückt an die Weltspitze. Jährlich schließen 3,5 Millionen Menschen ein MINT-Studium ab, fast die Hälfte aller Patentanmeldungen weltweit kommt aus China.

Nicht zufällig heißt die erste chinesische Hochgeschwindigkeitsbaureihe auf eigenen Schutzrechten „Fuxing“ – Verjüngung, Wiedererstarken. Ihre Vorgängerin „Hexie“, Harmonie, fuhr noch mit Lizenztechnologie von Siemens, Alstom und Kawasaki.

Rushhour in Schanghais U-Bahn: rund zehn Millionen Fahrgäste täglich – und kaum eine Hand ohne Smartphone. Credit: Thomas Reiter

Auf den Trikots chinesischer Spitzensportler steht „Glory of China“, und BYD, mittlerweile weltgrößter Hersteller reiner Elektroautos, trägt „Build Your Dreams“ im Namen. Dieses Mindset verrät viel über ein Land.

China ist nicht perfekt. Aber es steht heute eher für den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Milliardär als Donald Trumps „Make America Great Again“.

Tencent East China Headquarters in Schanghai: Der Konzern hinter der Super-App WeChat zählt 1,42 Milliarden aktive Nutzer im Monat – mehr, als die EU und die USA zusammen Einwohner:innen haben. Credit: Thomas Reiter 

Ich schreibe diese Zeilen am Rückflug von China nach Österreich. Das Europäische Forum Alpbach steht heuer unter dem Motto „How Europe Wins“ und benennt die neue Realität. In einer Welt, in der alle anderen schneller und entschlossener handeln, ist offen, ob Europa in den entscheidenden Fragen noch gewinnen kann. Die Antwort steckt bereits in der Diagnose. Europa muss schneller und entschlossener werden.

Entschieden wird das nicht auf Konferenzen. Europa braucht nicht die nächste Arbeitsgruppe, sondern konkrete Vorhaben mit Datum, Budget und Verantwortlichen, die dafür geradestehen. Ein Plan ist immer nur so gut wie seine Ausführung. Umsetzungsgeschwindigkeit muss das Maß aller Dinge sein.

Zwei Beispiele. Die beschlossene Senkung der Lohnnebenkosten – der Dienstgeberbeitrag sinkt von 3,7 auf 2,7 Prozent, rund zwei Milliarden Euro Entlastung – wirkt erst ab 2028. Die von der Kommissionspräsidentin persönlich unterstützte „EU Inc.“ liegt seit März als Vorschlag am Tisch, anwendbar frühestens 2028. Der Kontinent scheint viel Zeit zu haben. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Wucht der Veränderung

BYD hat seinen Absatz in fünf Jahren verzehnfacht, auf 4,6 Millionen Fahrzeuge. Und China ist längst der größte Autoproduzent der Welt. 34,5 Millionen gebaute, acht Millionen exportierte Fahrzeuge allein 2025. Bei Photovoltaikmodulen hält es 85 Prozent Weltmarktanteil, bei Batteriezellen rund 70 Prozent. Veränderung war nie schneller, mit einem hohen Preis für Sieger:innen und Verlierer:innen – die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz noch gar nicht eingerechnet.

Botengänge im Hotel erledigt längst der Roboter: 2024 wurden 54 Prozent aller Industrieroboter weltweit in China installiert. Credit: Thomas Reiter 

Wir leben in Österreich weit über unseren Verhältnissen, ohne dafür eine Sensorik zu haben. Zwei Rezessionsjahre, zwölf Prozent Minus bei der abgesetzten Industrieproduktion seit 2021, 25.000 verlorene Industriejobs in zwei Jahren, 6.810 Firmenpleiten im Vorjahr, eine Schuldenquote, die 2027 auf 85 Prozent zusteuert, ein offenes EU-Defizitverfahren. Wer sagt, unser Pensionssystem sei gesichert, rechnet mit Annahmen von gestern. Gut ein Viertel des Bundesbudgets fließt in Pensionen, und 2040 kommen auf einen Menschen im Pensionsalter nur noch zwei im Erwerbsalter – 1950 waren es sechs.

Es mangelt nicht an Lösungen und Wissen, sondern an Bereitschaft – genauer gesagt an den Möglichkeiten einer Dreierkoalition und an den Abläufen zwischen Wien und Brüssel. Was die Politik nicht richten wird, müssen Unternehmerinnen und Unternehmer leisten. Und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich ihres Beitrags bewusst sind.

Der Weg zu neuem Wachstum ist machbar

Vorziehen statt ankündigen. Der Dienstgeberbeitrag, den Arbeitgeber zusätzlich zum Bruttolohn an den Familienlastenausgleichsfonds zahlen, sinkt von 3,7 auf 2,7 Prozent. Das entlastet die Betriebe brutto um rund zwei Milliarden Euro. Ein Prozentpunkt weniger Lohnnebenkosten bringt laut EcoAustria 10.000 bis 12.000 Jobs. Wirksam wird die Senkung aber erst 2028. Wer heuer um Aufträge und Fachkräfte kämpft, hat davon nichts. Also vorziehen auf Mitte 2027, gegenfinanziert aus der Föderalismusreform.

Schnellere Genehmigungen. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung dauerte im Zehnjahresschnitt 22,6 Monate. Fast zwei Jahre bereitliegendes Kapital ohne Baustart, während andere Standorte in Monaten entscheiden.

Deshalb sollte nach zwölf Monaten ohne Bescheid die Bewilligung automatisch gelten. Nötig ist der Druck, denn Bürokratie kostet die Unternehmen laut KMU Forschung Austria 21,1 Milliarden Euro und 320 Millionen Arbeitsstunden jährlich, die Leistung von fast 200.000 Vollzeitkräften – ohne Mehrwert für Kund:innen.

Kapital statt Sparbuch. Österreichs Risikokapital brach 2025 um 56 Prozent auf 253 Millionen Euro ein, während europaweit zehn Billionen Euro niedrig verzinst auf Konten liegen. Es braucht eine KESt-Befreiung nach Behaltefrist und Pensionskassen, die heimische Innovation finanzieren dürfen.

Arbeit muss sich lohnen. Mit 47,1 Prozent Abgabenbelastung liegt Österreich laut OECD auf Rang vier. Dazu ein faktisches Antrittsalter unter 62 Jahren bei steigender Lebenserwartung. Dänemark und die Niederlande koppeln ihr Pensionsalter an sie, das schafft Planbarkeit und hält das Thema aus dem Wahlkampf.

Verwertung statt Förderung. Österreich investiert 3,34 Prozent der Wirtschaftsleistung in Forschung, EU-weit Platz drei, im Innovation Scoreboard nur Rang acht. Wir finanzieren Forschung erstklassig und übersetzen sie zweitklassig in Produkte. Förderungen sollten daher an Marktergebnisse gekoppelt werden, nicht an gut geschriebene Anträge.

Mehr denn je zählen Leistung und Einsatz statt Hoffnung auf einen Staat, der selbst eine Verschlankung braucht.

Europäischer Exportschlager: Das größte Legoland der Welt steht seit 2025 nicht in Dänemark, sondern in Schanghai. Credit: Thomas Reiter

Das ist kein Grund für Pessimismus. Europa hat schon große Träume verwirklicht, und keiner davon war einfach oder unumstritten. CERN entstand 1954, neun Jahre nach dem Krieg, als zwölf Staaten ein gemeinsames Labor bauten, in dem Jahrzehnte später das World Wide Web erfunden wurde. Airbus startete 1970 als Konsortium gegen eine amerikanische Dominanz, die als unangreifbar galt, und lieferte 2025 mit 793 Maschinen mehr Verkehrsflugzeuge aus als Boeing mit 600.

Erasmus wurde 1987 erst nach langem Streit über Rechtsgrundlage und Finanzierung beschlossen, begann mit rund 3.000 Studierenden und hat seither mehr als zehn Millionen Menschen in einem anderen EU-Mitgliedstaat ausgebildet. Binnenmarkt und Währungsunion galten als zu groß zum Funktionieren, heute zahlen rund 360 Millionen Menschen in 21 Ländern mit derselben Währung, seit Jänner auch die Bulgaren.

Nicht die Aufgaben sind größer geworden, sondern unsere Bereitschaft kleiner, den Status quo zu verändern, uns festzulegen und unsere Zukunft aktiv zu gestalten. Jacques Delors legte 1985 ein Weißbuch mit 282 Einzelmaßnahmen vor und schrieb einen Stichtag hinein, den 31. Dezember 1992. Jede Maßnahme hatte einen Termin, und die Einheitliche Europäische Akte ersetzte für den Binnenmarkt die Einstimmigkeit durch Mehrheitsentscheidungen. Der Stichtag wurde bis auf wenige Ausnahmen gehalten.

Träume verwirklichen sich nicht durch Absichtserklärungen und Diskussionen, sondern durch Menschen, die täglich daran arbeiten und dafür geradestehen. Wir müssen es unseren Eltern und Großeltern nur gleichtun.


Über den Autor:

Thomas Reiter führt die Kommunikationsagentur Reiter, die auf Technologieunternehmen und Startups spezialisiert ist. Er bereist China seit 15 Jahren. www.reiterpr.com

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Europa und die digitale US-Hegemonie: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben!

So kompliziert die Datenökonomie auch erscheinen mag, in gewisser Weise ist sie erstaunlich simpel: „Schaffe auf Basis der dir verfügbaren Daten die größtmögliche Produkt-Zufriedenheit und die Kunden werden dir treu ergeben sein.“ Die Profis der Datenökonomie im Silicon Valley sind an Radikalität kaum zu überbieten. Sie stellen den Kunden radikal ins Zentrum all ihrer Anstrengungen. In meiner heutigen Inbox steht hingegen nur ein neues „Wiener Manifest, gegen die digitale Versklavung“.

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Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

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