22.11.2021

Das ist nicht der letzte Lockdown

Sogar wenn Covid-19 in Österreich durch die Impfpflicht endgültig besiegt wird, deutet laut Wissenschaft alles auf eine Pandemie-reiche Zukunft hin. Zeit, sich über die langfristigen Implikationen für Wirtschaft und Politik Gedanken zu machen.
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Kommentar: Der vierte ist nicht der letzte Lockdown
brutkasten-Redaktuer Dominik Perlaki | (c) Magdalena Schauer-Burkart || Hintergrund: Der Parkring in Wien während des ersten Lockdown am 24. März 2020 | (c) Adobe Stock - Riccoduro
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Das griechische Alphabet hat noch viele Buchstaben. Wer weiß schon, was noch alles nach der Delta-Variante kommt und wie viel die aktuell genutzten Covid19-Impfstoffe dagegen ausrichten können? Im Lichte dieser Frage ist das Versprechen von Bundeskanzler Alexander Schallenberg, dass der heute gestartete vierte Lockdown der letzte sei, kaum ernst zu nehmen. Seit dem Beginn der Pandemie vor mehr als zwei Jahren hat das Coronavirus schon mehrmals bewiesen, dass es extrem hartnäckig ist.

Die Hoffnung, dass es nicht so ist und sich die Pandemie mit der Impfpflicht ab Februar endgültig in den Griff bekommen lässt, bleibt natürlich. Doch selbst dann gilt, was Epidemiologen schon vor der Coronakrise vorausgesagt haben und immer wieder betonen: Es werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahren weitere Pandemien folgen – getrieben durch Überbevölkerung, Biodiversitätsverlust, den Klimawandel und andere Faktoren, welche die Ausbreitung von Krankheitserregern begünstigen.

Anpassungsfähigkeit

Ähnlich, wie Menschen in Überschwemmungsgebieten sich an Überschwemmungen, Menschen in Erdbebengebieten sich an Erdbeben und Menschen in Hurrikangebieten sich an Hurrikane anpassen, werden wir uns alle an die immer wieder über uns hereinbrechende Naturkatastrophe Pandemie anpassen müssen. Mittel- und langfristig werden es jedes mal Medikamente und Impfungen sein, die uns weiterbringen. Kurzfristig werden es immer wieder Masken, Desinfektion und Kontaktreduktion bis hin zum Lockdown sein.

Anpassung bedeutet natürlich nicht nur, im Fall der Fälle epidemiologische und medizinische Lösungen hervorzubringen. Es bedeutet auch, wirtschaftlich den neuen Realitäten ins Auge zu sehen. Lockdowns sind bekanntlich eine kostspielige Angelegenheit – für jene, die zusperren müssen bzw. jene, die nur stark eingeschränkt weiterarbeiten können ebenso, wie für den Staat. Was, wenn die Lockdowns in einer gewissen (saisonalen) Regelmäßigkeit zum Dauerzustand werden? Dann wird recht bald hinterfragt werden, ob Unternehmen, die zweimal jährlich gerettet werden müssen, nicht selbst etwas falsch machen. Das Haus im Überschwemmungsgebiet muss auch so gut es geht an die Gefahr angepasst werden, sonst steigt die Versicherung irgendwann aus.

Hausaufgaben für den fünften Lockdown

Unzählige Unternehmen haben in der Krise bereits bewiesen, was Anpassungsfähigkeit bedeutet. Nicht wenige haben nicht nur ein resilientes sondern sogar ein dauerhaft stärkeres Geschäftsmodell gefunden. Startups sind in dieser Gruppe übrigens sicher deutlich überrepräsentiert. Andere Unternehmen warten immer noch darauf, das alles endlich wieder so wird wie früher. Sie sollten spätestens jetzt im vierten Lockdown, den es laut früheren Versprechen der Politik eigentlich nicht geben dürfte, ins Grübeln kommen, was sie anders machen können.

Seitens der Politik stehen zugleich mehrere Grundsatzentscheidungen an. Etwa: Welche Kriterien müssen Unternehmen erfüllen, um noch ein fünftes, sechstes und siebtes Mal gerettet zu werden? Und wo zieht man einen Schlussstrich und mahnt die unternehmerische Selbstverantwortung in der neuen Realität ein? Das sind keineswegs einfache Fragen. Überlässt man etwa alle Friseursalons im nächsten Lockdown sich selbst, ist das große Jammern vorprogrammiert. Denn die einen überleben es nicht und die anderen passen ihre Preise an die neue Saisonalität an und werden plötzlich viel teurer, um Reserven anhäufen zu können.

Alle immer zu retten ist aber, wie gesagt, auf Dauer nicht leistbar. Was also tun? Auf diese Frage kann an dieser Stelle keine konkrete Antwort geliefert werden. Aber eine Empfehlung: So wie es für die Unternehmen gilt zu überlegen, wie sie sich dauerhaft an die Situation anpassen können, gilt es auch für die Politik, gemeinsam mit Expert:innen dauerhafte Lösungen auszuarbeiten. Statt der nächsten Runde Katastrophen-Aktionismus braucht es im fünften Lockdown eine Regierung, die sich nicht selbst überrumpelt, sondern einem fertig ausgearbeiteten Plan folgt. So wie die Feuerwehr im Überschwemmungsgebiet auch genau weiß, was im Fall der Fälle zu tun ist.

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Impression vom VERBUND Venture Day 2026 | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
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„Von der Innovation zur Skalierung und von der Skalierung zu einem stärkeren Europa“ mit diesem einen Satz könne man das große Ziel für den europäischen Energiesektor zusammenfassen, sagt VERBUND-X-Geschäftsführer Franz Zöchbauer in seinen einführenden Worten zum VERBUND Venture Day 2026, der erstmals beim neuen Energy-Launchpad-Partner WU Wien stattfand. „Wir haben die Lösungen, aber es dauert zu lange, bis sie am Markt sind. Wir müssen skalieren, aber kein Player kann das alleine. Es braucht ein Ökosystem und hier zählen die Menschen“, so Zöchbauer.

Franz Zöchbauer | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Franz Zöchbauer | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Die Zusammenarbeit im Ökosystem als Motto beim VERBUND Venture Day ist nicht neu, der Diskurs, in den das Motto dieses Jahr eingebettet ist, durchaus: Auch hier dominiert das große Thema europäische Souveränität. Der Titel des diesjährigen Events lautet „Scaling Beyond Borders“.

10,25 Billionen Euro für die Energiewende

Zöchbauer drückt die Ambition hinter der eingeforderten Skalierung in Zahlen aus: Es brauche Schätzungen zufolge 10,25 Billionen Euro, um das Energiesystem Europas bis 2040 zu transformieren. „Das ist 70 mal das Volumen des Marshallplans oder das Volumen von 25 Jahren globale VC-Investments“, so der VERBUND-X-Geschäftsführer. Es handle sich also um eine epochale Investment-Chance. Doch er erinnert: „Zahlen ändern die Welt nicht. Menschen tun es.“

Achim Kaspar | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Achim Kaspar | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Dabei sei die Energiewende keineswegs nur ein Wunsch, sondern eine Notwendigkeit, betont VERBUND-COO Achim Kaspar in einer Panel-Diskussion unter dem Titel „Owning the Future“: „Wir sind an einem Wendepunkt. Man liest jeden Tag von Problemen beim Transport fossiler Energieträger. Wir müssen auf erneuerbare umsteigen.“ Für VERBUND sei dabei schon lange klar: „Wir wollen nicht das nächste Kodak werden.“

„Es laufen mehrere Energiewenden parallel“

Diese europäische Sicht auf die Energiewende setzt Angela Wilkinson, CEO des World Energy Council, im Panel und bei ihrer Keynote in die globale Perspektive: „Es laufen mehrere Energiewenden parallel. In Europa geht es um den hundertprozentigen Umstieg auf erneuerbare Energieträger. Im nahen Osten etwa geht es um Technologien, um den CO2-Ausstoß auch mit fossilen Energieträgern auf Null zu bringen.“

Angela Wilkinson | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Angela Wilkinson | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Bei der Souveränität gehe es letztlich um die Möglichkeit, sich seine Abhängigkeiten auszusuchen, „nicht um teuren Isolationismus“, meint Wilkinson. Was ihr insgesamt fehle, sei eine kollektive Vision für eine bessere Zukunft. „Wir haben klare Ziele bei der CO2-Reduktion, aber keine gemeinsame positive Perspektive. Wir haben die Energiewende zwar an die Wall Street gebracht, aber nicht auf die Hauptstraße, wo die Menschen sind.“

Konsequenter Fokus auf die Kund:innen

Darum, wie die Transformation direkt zu den Menschen gebracht werden kann, ging es in einem Talk von VERBUND-CEO Michael Strugl und Greg Jackson, Gründer von Octopus Energy. Strugl sieht das britischen Unternehmen dabei als Vorbild: „Octopus ist ein echter Champion, wenn es um Kundenservice geht.“ Als er Jackson zum ersten Mal nach dessen Geschäftsmodell gefragt habe, sei die Antwort denkbar simpel gewesen: „Ich will den Kunden weniger verrechnen.“ Dieser konsequente Fokus auf die Kund:innen sei der Schlüssel, sagt Strugl.

Michael Strugl | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Michael Strugl | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Viele Energieunternehmen würden Kund:innen bisher nur als reine Abnehmer verstehen, meint Jackson. Octopus setze stattdessen auf radikale Vereinfachung und digitale Flexibilität: „Statt schwer lesbarer, regulierter PDFs nutzen wir einfache E-Mails, auf die man direkt antworten kann.“ Diese Kundennähe gepaart mit intelligenter Steuerung – etwa beim Laden von Elektrofahrzeugen – sei der Treiber für das rasante Wachstum des Unternehmens. Für Strugl ist das eine klare Orientierung für die gesamte Branche: „Innovatoren und Disruptoren helfen uns dabei, das gesamte System in ein erneuerbares, dezentrales und digitalisiertes Energiesystem zu verwandeln.“

Tragende Rolle für Gründer:innen – Unis entscheidend

Es sind also nicht nur Politiker:innen und Verantwortliche in Energiekonzernen, sondern auch Gründer:innen, die bei der Energiewende eine tragende Rollen spielen. Hier wiederum sind die Universitäten entscheidende Akteure, wie Franz Zöchbauer am Panel gemeinsam mit WU-Wien-Rektor Rupert Sausgruber und TU-Wien-Rektor Jens Schneider erläutert. „Es gibt im Energiesektor so viel Potenzial, aber man braucht nicht nur viel Geld sondern auch die Ideen“, bringt es Schneider auf den Punkt.

Jens Schneider (l.) und Rubert Sausgruber (r.) | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

„Starke Gründer:innen, aber viele Hindernisse am Weg“

Dass natürlich auch die Politik ihren Beitrag leisten muss, um die Skalierung über die Grenzen hinaus zu ermöglichen, erörtert Startup-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner in ihrer Keynote. Man müsse die Herausforderung angehen, Startups in Europa zu halten. „Wir haben starke Gründer:innen, aber viele Hindernisse am Weg“, sagt Zehetner und spricht nicht nur das bekannte Thema Wachstumskapital, sondern unter anderem auch die Ausgründungsbedingungen für universitäre Spinoffs an.

Elisabeth Zehetner | (c) VERBUND / elephant and porcelaine
Elisabeth Zehetner | (c) VERBUND / elephant and porcelaine

Als konkrete Maßnahmen – teils auf europäischer, teils auf nationaler Ebene – nennt die Staatssekretärin etwa den European Scaleup Fund und den heimischen Dachfonds und die Notwendigkeiten, die europäische Kapitalmarktunion zu stärken und die Mitarbeiter:innenbeteiligung auch durch steuerliche Anreize weiter zu verbessern. Denn letztlich sei das Ziel – ganz getreu dem Motto des Venture Days – klar: „Erfinde dein Produkt hier, bau dein Unternehmen hier und skaliere hier, aber verkaufe dein Produkt in die ganze Welt.“

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