18.06.2024
GESUNDHEIT

Das Gift ist nicht das Sitzen: Was sitzende Jobs tatsächlich toxisch macht

Es wird ungemütlich: Was Körper, Herz und Seele beim Sitzen wirklich aushalten müssen und wie man Schäden minimieren kann.
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Sitzen
Ist stundenlanges Sitzen tatsächlich schädlich? Zwei Expert:innen klären auf. (c) Roland Hechanova / Unsplash

Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe unseres Printmagazins. Eine Downloadmöglichkeit findet sich am Ende des Artikels.


Die Körpermitte wird dicker, die Bandscheiben dünner. Der Rücken schmerzt, die Schultern sinken ab, der Kopf wandert nach vorne. Und das i-Tüpfelchen: Sehschwächen, Sorgenfalten und die Zahl auf der Waage nehmen zu. Diese und ähnliche Schicksale warten auf Menschen in Bürojobs, die krumm und bei schlechtem Licht an ihren Schreibtischen lümmeln und nicht präventiv gegensteuern.

Entwarnung, aber nur leise

Mediziner:innen geben leise Entwarnung: Sitzen ist per se nichts Schlechtes oder gar Tödliches, kann bei Überdosis und falscher Ausführung aber zu schweren gesundheitlichen Konsequenzen führen. Ignoriert oder unterschätzt werden sollte das Sitzrisiko nicht, meint Dr. Lukas Kalcsics-Gallei, Ärztlicher Leiter des Gesundheitszentrums für Physikalische Medizin und Rehabilitation der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK).

Die Folgen, die zu langes und falsches Sitzen mit sich bringt, sind nicht ohne: Verspannungen, Muskelverkürzungen, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Stoffwechselprobleme einschließlich Diabetes Typ 2. Und im schlimmsten Fall: Schlaganfall, Herzinfarkt und ein erhöhtes Sterberisiko.

Sterberisiko um 34 Prozent erhöht

Diese und ähnliche Konsequenzen sind schon jahrzehntelang Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. So weiß man etwa: Menschen, die eine vorwiegend sitzende berufliche Tätigkeit ausführen, sind einem 34-prozentig höherem Risiko ausgesetzt, frühzeitig aufgrund von kardiovaskulären Erkrankungen zu sterben, als Menschen, die in ihrem Beruf nicht sitzen.

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch US-Studien: Menschen, die täglich zwölf bis 13 Stunden sitzen, sind einem doppelt so hohen Risiko ausgesetzt, frühzeitig zu sterben, wie Menschen, die weniger sitzen.

Auch spanische Forschende stellten fest, dass bereits ab 4,5 Stunden Sitzen pro Tag das Risiko für chronische Erkrankungen steigt – darunter Bluthochdruck, Fettleibigkeit, Diabetes. Und: Mittlerweile sind schon acht Prozent der Todesfälle in Österreich auf einen Mangel an körperlicher Aktivität zurückzuführen; weltweit sind es neun.

Junge Erwachsene sitzen neun Stunden täglich

Laut einer Auswertung heimischer Forscher:innen für das Global Observatory for Physical Activity (GOPA) aus dem Jahr 2021 sitzen Österreicher:innen im Schnitt 5,2 Stunden pro Tag. Einer deutschen Erhebung aus 2023 zufolge sind es schon 9,2 Stunden, bei jungen Erwachsenen sogar über zehn tägliche Stunden.

Die Tendenz ist klar und steigend: Wir sitzen im Schnitt zu viel. Man könnte meinen: Wer nine to five am Laptop hockt, ist in gewisser Weise machtlos, wenn nicht Job oder Ausbildungsweg gewechselt werden. Ein Irrglaube, meint Dr. Kalcsics-Gallei: Auch Menschen mit Bürojobs können einiges bewegen. Denn das eigentliche „Gift“, wie es der Volksmund nennt, ist nicht das Sitzen selbst.

Der Ursprung des Übels ist nicht das Sitzen

„Sitzen per se ist nicht ungesund. Es sind die Sitzdauer und die Aktivität, die mit dem Sitzen verbunden ist“, meint Dr. Kalcsics-Gallei. Das „Gift“ sei die lange und meist angespannte Fixation auf den Bildschirm, die speziell in Bürojobs zu ungesundem Sitzverhalten führt.

„Am Schreibtisch fixieren wir mit den Augen typischerweise sehr lange das Display. Durch diesen Fokus verspannt sich die Halswirbelsäule“, so Kalcsics-Gallei. „Das ist ganz, ganz oft der Ursprung des Übels – nicht also das Sitzen, sondern die lange, angespannte Tätigkeit dabei, die zu Problemen führt.“

Prim. Lukas Kalcsics-Gallei (c) ÖGK

Kalcsics-Gallei zufolge handelt es sich beim klassischen Schreibtisch sitzen nämlich um „keine natürliche Haltung“, und das sei für die Wirbelsäule, Arme, Schultergürtel und Beine ein Problem:

Ihr Gewicht drückt bei langen Sitzphasen nach unten, übt Druck auf die Wirbelsäule aus, macht die Bandscheiben dünner und löst Verspannungen und Fehlhaltungen aus. Das Resultat: Nicht nur zwei bis drei Zentimeter weniger Körpergröße, sondern häufig „ein Rundrücken, ein Kopf, der nach vorne geschoben wird, Verspannungen sowie Muskelverkürzungen und -rückbildungen“, so Kalcsics-Gallei. Das zusätzliche Risiko dabei: ein möglicher Bandscheibenvorfall.

„Wir sind nicht für das Sitzen gemacht“

Zu langes ununterbrochenes Sitzen ist also schlecht – allerdings nicht nur für Körperhaltung und Muskulatur, sondern auch für Herz, Kreislauf und Psyche. „Wir sind eigentlich nicht für das Sitzen gemacht: Die Physiologie unseres Bewegungsapparats ist darauf ausgerichtet, sich vorwärts zu bewegen. Damit das Herz unseren Blutdruck regelt, braucht es idealerweise Bewegung und aktive Muskeln. Das lange Sitzen begünstigt genau das Gegenteil, und das ist gefährlich“, so Kalcsics-Gallei. Der Körper fährt quasi herunter, wird mit weniger Sauerstoff versorgt und das Herz arbeitet schwerer.

„Menschen, die stundenlang vor dem Computer hocken, gleichen einem Raubtier mit angezogener Handbremse“, meint Kalcsics-Gallei weiter. Dies setze Blutgefäße unter Druck: Die linke Herz kammer, die das Blut durch den Körper pumpt, stößt auf mehr Widerstand und der Herzmuskel muss sich beim Pumpen mehr anstrengen, als wenn Körper, Muskeln und Blutgefäße entspannt und in Bewegung sind.

„Deshalb sprechen wir auch vom Auspowern nach dem Sitzen. Durch Bewegung lockern sich Muskeln, Verspannungen und dann auch unsere Blutgefäße“, so der Mediziner. Wird körperliche Bewegung lange vernachlässigt, steigt die Belastung für das Herz und der Druck in den Blutgefäßen wird größer.

Die Folge: Bluthochdruck. Und weiter: Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen, Gefäßerkrankungen, Herzinfarkte.

„Zehn Kilogramm Fett trägst du herum, zehn Kilogramm Muskeln tragen dich“

Dr. Lukas Kalcsics-Gallei, Ärztlicher Leiter des Gesundheitszentrums für Physikalische Medizin und Rehabilitation der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK)

„Mit Stress und Bewegungsmangel verändert sich aber nicht nur unser Blutdruck, sondern auch unser Zuckerstoffwechsel“, so Kalcsics-Gallei weiter. Ein Stichwort dabei ist Diabetes Typ 2 – „eine typische Zivilisationskrankheit“, die häufig mit Fettleibigkeit verbunden ist. „Ob ich einem Risiko für eine Stoffwechselerkrankung wie Diabetes ausgesetzt bin, hängt aber natürlich nicht nur vom Sitzen, sondern auch von meiner Körperzusammensetzung ab“, so Kalcsics-Gallei.

„Zum Vergleich: Zehn Kilogramm Fettgewebe haben eine schlechtere Stoffwechselbilanz als zehn Kilogramm Muskulatur. Ich sage immer: Zehn Kilogramm Muskeln tragen dich herum, zehn Kilogramm Fett musst du herumtragen. Häufig kommt es dann zu einem klassischen Teufelskreis des Bewegungsmangels – wer viel sitzt und sich wenig bewegt, der hat wenig Bewegungsmuskulatur und weniger Energie für Sport“, erläutert der Mediziner.

Herr Doktor, was soll ich tun?

Sollten jetzt bei einigen die Alarmglocken klingeln, so ist dies ein gutes Zeichen, denn der Super-GAU wäre ein Kreislauf, bei dem man unbemerkt zu viel sitzt, aber auch nicht anders kann, weil ja Muskelmasse, Wille und Zeit für Bewegung fehlen.

Glücklicherweise kann dies schon mit einfachen Tricks behoben werden: Schon jede halbe Stunde aufzustehen und sich fünf Minuten lang moderat zu bewegen soll helfen, Blutdruck und Blutzuckerspiegel zu senken, soll sich positiv auf die Stimmung auswirken und Müdigkeit verringern.

Kurzfristig ausgleichen könne man die typische Sitzhaltung in Form von 30 bis 40 Sekunden langen Dehn- und Streckübungen, und zwar durch Stretching, Aufstehen, Sich-lang-Machen – und zwar in alle Drehrichtungen, meint Kalcsics-Gallei.

Auch altbekannte Tricks erweisen sich nach wie vor als effektiv; etwa den Drucker weiter weg zu positionieren oder einen stündlichen Wecker zu stellen, um eine Runde durchs Büro zu gehen. Oder: „Nehmt das Treppenhaus, parkt das Auto weiter weg oder steigt eine Station früher aus den Öffis aus – und geht dann schnellen Schritts in die Arbeit“, rät der Mediziner.

Auch Büroausstattung kann helfen, negative Sitzeffekte auszugleichen, so unter anderem ein Stehpult oder ein höhenverstellbarer Schreibtisch. Gerade Letzterer würde der Wirbelsäule eine gute Entlastung bieten und das Herz-Kreislauf-System sowie den Stoffwechsel ankurbeln.

„Optimal wäre es, wenn ich im Stehen auch noch ein paar Muskeln anspanne, etwa kurz auf den Zehenspitzen stehe“, so der Arzt. Dem neuesten Trend von Laufbändern unter dem Schreibtisch steht der Mediziner jedoch skeptisch gegenüber: „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass das natürliche Bewegungen sind und man sich dabei wirklich konzentrieren kann.“

Ausschlaggebend sei überdies die allgemeine Körperfitness: Kalcsics-Gallei zufolge sollte im Bewegungsalltag auf die vier Eckpfeiler Muskulatur, Kraft, Ausdauer und Elastizität – also auf Dehnung und Koordination – geachtet werden: „Das sind die vier basalen Grundbegriffe des Bewegungsapparats und der Muskulatur“, die langfristig und ausgleichend gestärkt gehören.

Ewig in der korrekten 90-Grad-Position zu sitzen sei also Schnee von gestern: „Die Zeiten, in denen man mit dem Buch am Kopf gerade gesessen ist, sind vorbei; und ergonomische Möbel aus natürlichen Werkstoffen sind immer geschickter als irgend welche halb verbauten Plastikstühle.“

Was also soll man im Bürojob tun, wenn man sitzen muss?

Hier setzt die Startup-Gründerin Lisa Stolz von Mowo an: Mit ihren ergonomischen Holzhockern unterbricht sie den Teufelskreis des ewigen passiven Sitzens. Stolz zufolge kann das Sitzen nämlich auch etwas Aktives sein: „Mit meinen Sitzmöbeln verfolge ich das Motto ‚Die nächste Position ist immer die bessere‘. Egal, wie du sitzt – auch wenn du mal lümmelst, im Schneidersitz sitzt oder die Beine verschränkst. Das Wichtigste ist das Wechseln.“

Lisa Stolz, Gründerin von Mowo (c) Mowo

Mit ihren ergonomischen Holzprodukten hat sie etwas geschaffen, das lang anhaltende Sitzphasen gesundheitsfördernd unterbrechen kann. Ihre Möbel begünstigen Mikrobewegungen wie Schwingen, Wippen oder Federn im Sitzen – und fördern somit ein bewegtes Sitzen.

Die Idee zu Mowo entwickelte Stolz im Zuge der Masterarbeit ihres Möbeldesignstudiums in London. Dafür kreierte sie eine Kollektion aus ergo nomischen Holzhockern, die aus Formsperrholz – also gepresstem und geformtem Sperrholz – in diversen Formen ohne Schrauben, Muttern und unnötigen Hilfsmitteln bestehen.

„Ursprünglich war die Theorie ja, Menschen in Bürojobs sollten so lange wie möglich in einer 90-Grad-Position sitzen. Also: Beine, Arme, Rücken und Oberkörper rechtwinklig anordnen und nicht bewegen“, erklärt die Möbeldesignerin. „Eigentlich sind wir aber nicht dafür geschaffen, lange still zu sitzen. Es braucht Veränderungen unserer Position – auch, wenn diese nur minimal klein sind.“

Die ergonomischen Sitzhocker von Mowo (c) Niko Havranek

Gründerin Stolz zufolge soll es mit dieser Technik, in Kombination mit ihren ergonomischen Sitzmöbeln, „keine wirklich falsche Position geben, wenn man sich regelmäßig bewegt“. Schon moderate Abwechslung könne einen sitzenden Büroalltag aktiver und gesünder gestalten.

Die Sitzpyramide

Als Richtlinie für Vielsitzer:innen skizziert Stolz eine optimale „Sitzpyramide“: „Das Wichtigste ist, so wenig wie möglich zu sitzen, also die Zeit, die man täglich vor dem Schreibtisch sitzen muss, zu verringern, so gut es geht. Das wäre das Ideal.“

Sollte dies nicht möglich sein, empfiehlt Stolz, sitzende Phasen so oft wie möglich zu unterbrechen, um den Kreislauf anzukurbeln; am besten alle 30 bis 40 Minuten, so auch die von Mediziner Kalcsics-Gallei empfohlene Faustregel.

Wer nicht halbstündlich aufstehen und einen Lauf durch das Office einlegen kann, soll „aktiv sitzen“. Dies sollen die Sitzhocker von Mowo begünstigen: Diese würden kleine Bewegungen und Schwingungen ermöglichen, die auch während des Sitzens den Kreislauf ankurbeln sowie Durchblutung und Muskeln aktivieren.

Die Sitzhocker von Mowo (c) Niko Havranek

Wir erkennen: Das Erfolgsrezept für Vielsitzer:innen ist das aktive Sitzen, wie es auch Mediziner Kalcsics-Gallei empfiehlt: „Das regelmäßige Wechseln der Körperhaltung sorgt für mehr Bewegung bei langen Sitzperioden, entlastet die Muskulatur, treibt den Stoffwechsel und die Durchblutung an.“

Stolz ermuntert: „Wenn man versucht, all dies zu implementieren, also aufsteht, Mikrobewegungen macht und sich immer wieder ‚Sitzpausen‘ gönnt, dann hat man schon viel getan, um den Körper auch während eines langen Arbeitstags aktiv zu halten.

Was zählt, ist das Big Picture

Gänzlich Entwarnung gibt Mediziner Kalcsics-Gallei allerdings nicht: „Wenn ich vor oder nach meinem Bürojob nicht ausreichend Ausgleichsbewegungen mache, dann sind die Karten dennoch schlecht gemischt.“

Vielsitzer:innen brauchen also vor allem eines: „Eine Bewegungsform, die ihnen Spaß macht. Das Wichtigste ist die Freude daran. Sobald Sport nach dem Job zu einem Leistungszwang wird, steigt die Drop-out- Quote enorm. Kein Mensch treibt Sport auf Zwang“, so der Mediziner.

„Oft kann man es sich gar nicht vorstellen, wie gut es einem mit einem gewissen Maß an Bewegung geht. Das ist natürlich individuell, aber: Ein bewegter und aktiver Körper verträgt das lange Sitzen viel, viel leichter als einer, der sich ohnehin schwer in Bewegung bringen lässt.“

Wie viel Bewegung hilft gegen die negativen Folgen des Sitzens?

Zur Orientierung hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Empfehlungen für tägliches und wöchentliches Sportpensum abgegeben: So soll eine körperliche Aktivität von rund 30 Minuten täglich – und zwar mit „mittlerer Intensität“ – erhöhte Gesundheitsrisiken minimieren.

Ähnlich wie die WHO raten die Österreichischen Bewegungsempfehlungen des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, Öffentlichen Dienst und Sport (BMKÖS) zu einem Zeitrahmen von 150 bis 300 Minuten Sport pro Woche – mit einem Mix aus muskelkräftigenden und ausdauerorientierten Bewegungen. Pro Woche eignen sich wahlweise auch 75 bis 150 Minuten intensive Bewegung mit höherer Belastung, um chronischen Erkrankungen und Verschleiß vorzubeugen.

Pauschalisieren lasse sich das notwendige Sportpensum allerdings nicht, meint Mediziner Kalcsics-Gallei: „Das kommt ganz auf die Person, auf deren Körper sowie deren Kalorienverbrauch an. Letztendlich muss es einem gut tun – Sport ist dann ein Teil des Lebens, wenn er zwanglos in den Way of Life integriert ist.“

Auch in dieser Angelegenheit sind sich Dr. Kalcsics-Gallei und Mowo-Gründerin Lisa Stolz einig. „Mir ist wichtig, dass das herkömmliche Sitzen hinterfragt wird. Warum muss man immer starr und auf einer geraden Fläche sitzen, wenn es doch so viele unterschiedliche Möglichkeiten gibt?“, spricht Stolz von ihrer Vision, das Sitzen langfristig zu ändern. „Mir geht es darum, dass wir uns auch am Ende eines langen ‚Sitztags‘ fitter fühlen und das Gefühl haben, auch im Sitzen etwas für unseren Körper getan zu haben.“

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Neuron Automation
© zVg - (v.l.) Heinrich Steininger, Michael Plankensteiner und Michael Kübeck.

Wir schreiben das Jahr 2006. Irgendwo über den Wolken sitzt Michael Kübeck in einem Flugzeug. Der Private-Equity-Investor, der nach Jahrzehnten bei Philips in Wien eine eigene Firma gegründet hat, sucht nach spannenden Zielen für seine Privatinvestoren. Eine Startup-Szene, wie wir sie heute kennen, existiert in Österreich noch nicht. Im Flieger schlägt das Schicksal zu und er kommt mit einem Bekannten ins Gespräch. Der erzählt ihm von einer kleinen, hochspezialisierten Wiener Softwarefirma im Bereich der Industrieautomatisierung.

Zwei der Gründer wollen aussteigen, ein anderer – Heinrich Steininger – will weitermachen. Kübeck wird hellhörig. Er ahnt damals noch nicht, dass dieser Flug der Startschuss für eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte der österreichischen Tech-Industrie werden wird: die Evolution eines stillen Hidden Champions zum international vernetzten Unternehmen.

Die Anfänge von Neuron Automation

Die Wurzeln des 2025 auf Neuron Automation (bis vor kurzem noch als logi.cals firmierend) umbenannten Unternehmens reichen tief in die 80er Jahre hinein. Heinrich Steininger, damals Student der technischen Mathematik, programmiert nebenbei Steuerungen für Kläranlagen und Mischfutterwerke. Als 1986 die Anfrage kommt, ein Programm zu schreiben, das aus, in einem CAD-Programm gezeichneten, Funktionsplänen den Code für eine Steuerung generiert, weigert er sich im „jugendlichen Übermut“, wie er erzählt. „Das kann man schon so tun, aber ich halte das für keine gute Idee“ war seine damalige Antwort. „Wenn, dann sollte man das ordentlich machen.“ So entwickelte über den Sommer einen kompletten Editor.

Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. Ein großer Kunde wird aufmerksam, gibt Geld, und die Firma wird gegründet. Das Unternehmen (Anm.: damals noch Kirchner Soft, ab 2007 logi.cals) wächst organisch, stets nah am Kunden. Ohne Venture Capital, aus dem eigenen Cash Flow heraus, etabliert sich die Firma als Hidden Champion.

© zVg – Die drei Kirchnersoft-Gründer (v.l.): Gründer: Thomas Mayer, Heinrich Steininger und Friedrich Kirchner.

Ein Drittel aller globalen Wasserkraftwerke wird bald mit ihrer Software laufen – ebenso wie ein Großteil der Tachos und Zentralsteuergeräte in Autobussen weltweit. Ein interessantes Detail am Rande ist die Marktstellung eines führenden internationalen Anbieters von Fahrzeugelektronik. Das Unternehmen hält bei Tachos und Zentralsteuergeräten in Bussen einen Marktanteil von 80 Prozent. In der Praxis bedeutet dies: Wer in Wien mit einem Bus fährt und den Haltewunsch Knopf drückt, löst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Funktion aus, die mit dem Editor von logi.cals programmiert wurde.

„Ganz wichtig war, dass wir relativ rasch erkannt haben, dass wir das System öffnen mussten“, erinnert sich Steininger. „Uns war klar, dass wir anderen Steuerungsherstellern die technische Anbindung ihrer Steuerungen erleichtern müssen. Das war damals nicht unbedingt üblich. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir das umsetzen können, welches Framework dafür geeignet ist, und dabei einige spannende Dinge entwickelt. Das hat uns ermöglicht, über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zwar moderat, aber kontinuierlich gut zu wachsen. Und auch mehr als 20 Jahre später ist das Unternehmen nach wie vor profitabel.“

2007: Das Jahr der Weichenstellung

Mit dem Einstieg von Michael Kübecks Investorennetzwerk 2007 werden somit die Weichen auf Wachstum gestellt – doch dann schlägt 2008 die globale Finanzkrise ein. Von einem Tag auf den anderen brechen zwei Drittel des Umsatzes weg.

Zusperren ist in dieser Situation dennoch keine Option. Stattdessen nutzt das Team die Krise für einen radikalen Schnitt. Das Kernprodukt wird technologisch komplett neu aufgesetzt (Re-Engineering), erneut gestemmt durch die finanzielle Rückendeckung von Privatinvestoren, die an die Substanz der Firma glauben.

Diese Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte – getragen von Vertrauen und Beziehungspflege. Als das Unternehmen später Kredite benötigt, verzichtet man auf vage Versprechungen und legt den Banken stattdessen 15-seitige, schonungslos transparente Sanierungs- und Entwicklungspläne vor. Das Resultat: Die Banken vertrauen dem Team, die Kreditlinien fließen und Transparenz schlägt Pitch-Deck-Geschwaffel.

2016 folgt der nächste essentielle Schritt des Unternehmen: Es kommt Michael Plankensteiner als neuer CEO an Bord. Und bringt frischen Wind mit sich: Nach Stationen bei Boston Consulting Group (BCG) und als Sanierer der Industriegruppe Industrie Holding Operations suchte Plankensteiner Anfang 2016 eine neue unternehmerische Herausforderung. „Ich habe gemerkt: Nach all den Jahren Beratung und Sanierung habe ich keine Lust, dauernd als Söldner in Projekte rein- und dann wieder rauszugehen“, sagt er. Der Unternehmergeist war für ihn nicht neu: Sein Großvater führte einen Greißler-Betrieb in der Südsteiermark, zudem gründete er bereits vor seiner Zeit bei BCG gemeinsam mit Partnern das Karriereservice der Universität Wien.

Das Abhängigkeitsproblem

So tat er sich mit Steiniger und Kübeck zusammen und hatte eine strategische Antwort auf das Abhängigkeitsproblem der beiden: Fokussierung durch M&A (Mergers & Acquisitions). Der erfahrene Berater und Sanierungsexperte analysiert die Lage schonungslos: Das Unternehmen hat zwar eine technologisch brillante Basis, macht aber einen Großteil des Umsatzes mit wenigen großen Kunden. Eine gefährliche Abhängigkeit. Zudem drückt ein deutscher Mitbewerber auf den Markt, der zehnmal so groß ist.

„Das Spannende war, die logi.cals hatte zu dem Zeitpunkt fünf Kunden, mit denen sie 80 Prozent ihres Umsatzes gemacht hat – und alle fünf waren Weltmarktführer“, sagt Plankensteiner. Darunter sehr prominente Unternehmen, deren Namen jedoch ungenannt bleiben sollen. „Alle haben auf unseren Engineering-Editor geschworen. Und trotzdem hatten wir knapp über zwei Millionen Euro Umsatz und waren so am Rande der Profitabilität. Die Frage war: Wo ist eigentlich der Hebel?“

Der Grund für diese Situation lag u.a. in der damaligen Entwicklungsstruktur. Der Editor war zwar ab 2011 durch die gemeinsame Initiative von Steininger und Kübeck neu entwickelt worden, aber 2016 fehlte es an Ressourcen, um das Produkt weiter zu skalieren.

© zVg – Alter Bildschirm mit logiCAD Programmiereditor.

Eine Nische in der Nische

„Wir hatten zehn Entwickler, aber eigentlich keine Investitionen, um die Entwicklung zu pushen. Vieles ist mit den fünf Kunden passiert, dadurch ist relativ viel in die Kundenarbeit geflossen und wenig ins Produkt“, so Plankensteiner. Gleichzeitig war klar, dass ein direkter Wettbewerb mit dem größeren Konkurrenten Codesys nicht sinnvoll war. „Die waren damals ungefähr zehnmal so groß wie logi.cals und hatten rund 100 Entwickler. Hinter denen herzufahren, machte keinen Sinn. Deswegen habe ich gesagt: Wir brauchen eine Fokussierung. Wir brauchen eine Nische in der Nische, damit wir mit weniger Firepower schneller zeigen können, dass wir mehr draufhaben als der Mitbewerber.“ Diese Nische wurde folglich 2017 in Deutschland gefunden.

Die Firma ISH, 1989 gegründet von Axel Helmert, hatte sich auf auf Funktionale Sicherheit (Functional Safety) spezialisiert. Helmert war auf der Suche nach einem Nachfolger – und fand ihn in dem österreichischen Team. 2019 wurde die ISH gekauft und gilt bis heute firmenintern als ein strategisches Masterpiece: Das Engineering-Know-how der Österreicher verschmilzt mit der Safety- und TÜV-Kompetenz der Deutschen. Und so wurde das Unternehmen plötzlich Experte für „Functional Safety“.

Functional Safety

Zur Erklärung: funktionale Sicherheit ist der Teil der Automatisierung, der dafür sorgt, dass eine Maschine abschaltet, bevor Menschen oder die Umwelt zu Schaden kommen. Ein japanischer Automatisierungs-Chef formulierte es bei einem Abendessen in Siegen, Deutschland, gegenüber Investor Kübeck einst so, wie er erzählt: „Safety is a pain in the ass“, hatte jener salopp formuliert.

„Sie betrifft vielleicht nur 15 Prozent einer Anlage, frisst aber dreimal so viel Aufwand. Alles muss redundant ausgelegt sein, jeder Fehler muss vorab überlegt, dokumentiert und beherrschbar gemacht werden. Für Techniker, die Maschinen eigentlich zum Laufen bringen wollen, ist die Programmierung von Not-Aus-Szenarien und Fehlerbeherrschung extrem frustrierend und teuer. Funktionale Sicherheit sagt man immer so leicht daher. Es ist ein Feature der Automatisierung, das eigentlich jeden nervt, aber total wichtig ist, weil es überall dort gebraucht wird, wo es um Menschenleben geht“, betont Kübeck.

Ein zentrales Prinzip dabei sei Redundanz: Steuerungen werden mehrfach ausgelegt, damit Ausfälle verhindert werden. Eine Besonderheit des Marktes: Die Zertifizierung funktionaler Sicherheit erfolgt weltweit über den deutschen TÜV. „Der Japaner muss sich mit dem deutschen TÜV auseinandersetzen, der Franzose und auch der Amerikaner. Das ist für viele die Hölle.“

Vorteil durch Netzwerk

Genau hier sieht Kübeck einen Wettbewerbsvorteil von logi.cals: Mit Helmert habe das Unternehmen nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die TÜV-Prozesse und ein gewachsenes Netzwerk aufgebaut. „Er kennt dort alle , ruft an und sagt, ‚wir haben die und die Idee‘. Das ist unglaublich viel wert.“

Funktionale Sicherheit stellt technisch besondere Anforderungen an die Entwicklung. „Für einen Programmierer ist es psychologisch gar nicht so einfach, sich da hineinzudenken“, erklärt Plankensteiner. „Während klassische Automatisierung darauf abzielt, Anlagen zuverlässig am Laufen zu halten, muss funktionale Sicherheit sicherstellen, dass Systeme im Gefahrenfall kontrolliert abschalten.“

Zwei zentrale Säulen

Die beiden zentralen Säulen seien dabei Fehlervermeidung und Fehlerbeherrschung. „Bei der Fehlervermeidung geht es darum, im Entwicklungsprozess sicherzustellen, dass möglichst wenige Softwarefehler entstehen. Die Anforderungen an Entwicklung und Tests sind dadurch deutlich höher.“ Gleichzeitig müsse ein System auch dann sicher bleiben, wenn Fehler auftreten – etwa durch technische Defekte oder unerwartete Ereignisse“, so der CEO weiter.

Mit der Übernahme der ISH 2019 baute logi.cals genau diese Kompetenz weiter aus und entwickelte daraus ein breiteres Angebot. Heute verbindet das Unternehmen Dienstleistungen mit eigenen Technologien und arbeitet an einer Transformation hin zu einem stärker lizenzbasierten Geschäftsmodell. „Unser Ziel ist, funktionale Sicherheit schneller, günstiger und investitionssicherer zu machen“, so Plankensteiner. Auch KI spielt dabei eine Rolle: Mit einem neuen Ansatz will das Trio die Entwicklung sicherer Automatisierungslösungen weiter vereinfachen und hat dafür bereits ein Patent beantragt.

Man muss wissen, dass Künstliche Intelligenz in der funktionalen Sicherheit lange als unmöglich galt, da KI von Natur aus indeterministisch (also in ihren exakten Ergebnissen schwer vorhersehbar) sei. Doch dem Team ist es gelungen, einen Ansatz zu entwickeln, der KI-gestütztes Programmieren in diesen starren Zertifizierungsrahmen presst.

Das Ende der Bewegung

„Denken wir an humanoide Roboter, wie sie derzeit von großen Tech-Visionären entwickelt werden. Damit so ein Roboter einem Menschen im Alltag nicht den Arm bricht, müssen seine Gelenke über Sensorik erkennen, wenn ein Mensch zu nah kommt. Das Gelenk muss die Bewegung verlangsamen und notfalls blockieren“, sagt Plankensteiner. „Ein Kunde in der Schweiz liefert für einen namhaften Humanoiden die Automatisierung im Gelenk. Die Entwicklung der Hardware dazu, die Firmware und die funktionale Sicherheit kommen von uns“, präzisiert er.

Diese komplexe, sicherheitskritische Programmierung für das Gelenk übernimmt künftig (Anm.: ab nächsten Jahr am Markt) der „Neuro Transformer“ von Neuron Automation. Er nimmt, eigenen Angaben nach, dem Programmierer 90 Prozent der repetitiven, fehlervermeidenden Code-Arbeit ab. Der menschliche Ingenieur steige so in die Rolle des Architekten und Reviewers auf, während die KI zunehmend die Umsetzung übernimmt.

Der geplante Wandel von Neuron Auromation

Dass Technologie allein jedoch nicht reicht, das weiß das Team. Jahrzehntelang war das Unternehmen stark im Projektgeschäft tätig. Das bedeutet: 70 Prozent einmalige Dienstleistungsumsätze (Non-Recurring), 30 Prozent Lizenzen (Recurring). Der Plan bis 2030 sieht eine komplette Umkehrung vor.

Durch hardwareunabhängige Sicherheitslösungen und KI-Tools wie den „Neuro Transformer“ möchte sich das Unternehmen in ein hybrides Modell transformieren: Die Zielvorgabe lautet 70 Prozent Recurring Revenue (wiederkehrende Lizenzen) und 30 Prozent Dienstleistung. Die Projektarbeit bleibt dabei die Antenne zum Markt, um Innovationen überhaupt erst zu erkennen, während das Softwaregeschäft die Profitabilität jenseits der 20-Prozent-Marke treiben soll. So der Plan.

Die DNA des Erfolgs

Allgemein ist festzustellen, dass sich besonders ein Faktor durch die Historie von Neuron Automation zieht. Es ist eine DNA der Zusammenarbeit: Ob es der Einstieg von Kübeck war, die Übernahme von Axel Helmerts Lebenswerk oder das Halten von Schlüsselfiguren über Jahrzehnte hinweg: Alles basiert auf einem tiefen Verständnis von Beziehungen und Partnerschaften.

„Bei uns gibt es keine Schauspieler“, sagt Plankensteiner. „Wenn die Eigentümer, die Entwickler, die in St. Pölten sitzen und die Zukäufe in Deutschland nicht auf einer extrem vertrauensvollen, menschlichen Basis kommunizieren würden, wäre ein solcher Wandel unmöglich gewesen. Innovation entsteht hier oft im Joint-Development – Hand in Hand mit den Kunden, die wir nicht als reine Käufer, sondern als Entwicklungspartner sehen.“

Blick ins nächste Jahrzehnt

Heute steht Neuron Automation, bei 16 Millionen Euro Umsatz und 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Vorsprung der einst übermächtigen Konkurrenz sei drastisch geschmolzen. Durch M&A, sensibles Cash-Flow-Management, Branchenvertrauen und eine besondere KI-Lösung für funktionale Sicherheit .

„Der Wettbewerber ist – statt zehnmal – heute nur noch dreimal so groß. Und sein Vorsprung ist deutlich kleiner geworden. Wir sind technologisch aus unserer Sicht, und das bestätigen unsere Kunden (und auch die des Konkurrenten), deutlich voraus“, sagt Plankensteiner. „Wir haben nicht mehr ‚zehn Jahre Nachteil‘. Als ich 2016 zu Steiniger und Kübeck dazugestoßen bin, war er (Anm.: Der Konkurrent) seit 2006 mit seinem Engineering-Tool breit im Markt unterwegs. Jetzt hat er nur mehr ein Jahr Vorsprung. Schauen wir, was beim nächsten Sprung passiert.“

Die Pipeline von Neuron Automation sei zudem bereits gut gefüllt: Erste Kunden starten noch vor der geplanten Zertifizierung´, wie Planeksteiner mitteilt: „Der erste Schritt unserer Transformation passiert dann zwischen 2028 und 2030. In dieser Zeit wollen wir die 20-Millionen-Euro-Umsatz-Grenze deutlich überschreiten und uns auch klar über 20 Prozent Profitabilität bewegen. Mit dem zunehmenden Anteil des Lizenzgeschäfts soll dann die Marge auch weiter steigen.“

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