19.03.2022

Dark Side of Entrepreneurship: Was man von Al Capone & Co. lernen kann

Teil 3 von 3: „Criminal Entrepreneurship“ ist unternehmerisches Handeln, das sowohl illegal als auch illegitim ist.
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Serie „The Dark Side of Entrepreneurship“: In drei Teilen beleuchtet Nikolaus Franke illegales, aber legitimes Unternehmertum. Franke ist wissenschaftlicher Leiter des Professional MBA Entrepreneurship & Innovation der WU Executive Academy. Beim Stichwort „Entrepreneur“ denkt man unweigerlich an unternehmerische Helden wie Elon Musk, Steve Jobs und Jeff Bezos, die durch ihre Innovationskraft für Fortschritt, Wohlstand und Beschäftigung sorgen. Doch auch jenseits des gesetzlichen Rahmens oder bestehender Konventionen finden Innovatoren neue Geschäftsmöglichkeiten, die sie mit Kreativität und Energie erfolgreich nutzen. Weltweit untersuchen daher immer mehr Forschungsprojekte, welche Formen von „Dark Entrepreneurship“ es gibt, was man von ihnen lernen kann und unter welchen Bedingungen die dunkle Seite des Unternehmertums sogar gesellschaftlichen Nutzen stiften und damit die helle Seite stärker strahlen lässt.


Verbrechen fasziniert. Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IMAS lesen 70% der Österreicher Krimis. Für das ZDF analysierte der Journalist Glenn Riedmeier das Programm des Jahres 2015 und kam auf über viereinhalbtausend gesendete Morde – mehr als zehnmal so viele wie in Deutschland tatsächlich stattfanden. Millionen Menschen bestaunen die Cleverness der Raubzüge in der Ocean’s Trilogie oder der „Haus des Geldes“ Serie, vom Computerspiel Grand Theft Auto wurden 240 Millionen Einheiten verkauft. 

Entrepreneurship und Verbrechen 

Entrepreneure stellen Regeln in Frage. Gehören dazu auch rechtliche Regeln? In einer vielzitierten Studie untersuchten Zhang und Arvey anhand von Längsschnittdaten, ob Einträge ins Strafregister als Jugendliche eine Prognose erlauben würde, ob sie später als Erwachsene eine Laufbahn als Manager oder als Entrepreneur einschlagen würden. Es zeigte sich, dass milde Formen der Gesetzesübertretung (z.B. betrunkenes Autofahren, Beteiligung an Schlägereien in der Schule, Schulverweise etc.) bei Entrepreneuren tatsächlich signifikant häufiger vorkamen als bei Managern. Für wirklich kriminelle Taten (z.B. Diebstahl) ergab sich dagegen kein Unterschied. Man kann daraus folgern, dass Entrepreneure in ihrer Entwicklung tatsächlich eine Tendenz haben, auch rechtliche Grenzen auszuloten. Allerdings beschränken sie sich dabei vergleichsweise harmlosen Delikten. 

Umgekehrt gibt es jedoch auch Verbrecher, die unternehmerisch handeln. Manchen Verbrechen liegt eine innovative Idee zugrunde, und man kann ihre Taten als Identifikation und Nutzung einer – zwar dunklen und bösen, aber eben doch – unternehmerischen Gelegenheit interpretieren. 

Bei aller gebotenen Distanzierung von der rechtlichen und moralischen Verwerflichkeit ihrer Taten, sie illustrieren wichtige unternehmerische Prinzipien sehr gut:

Prinzip 1: Mit Innovation überraschen

Louis Moore, Henry Jackson und Melvin Cale waren gewöhnliche Verbrecher, als sie am 10. November 1972 dem Piloten des Southern-Airways Fluges 49 aus Birmingham, Alabama, eine Pistole an die Schläfe hielten. Flugzeugentführungen waren damals beinahe an der Tagesordnung. Seit Ende der 60er Jahre kam es allein in den USA fast jede zweite Woche zu einem Vorfall. Sie forderten 10 Mio. Dollar, man hielt sie hin. Da kam Jackson eine Idee, die die Luftfahrt verändern sollte. Er drohte: Wenn nicht gezahlt wird, dann würden sie das Flugzeug in das Atomkraftwerk Oak Ridge rasen lassen. Bundespolizei, Air Force und die Betreiber waren wie gelähmt. Niemand war je auf diesen Gedanken gekommen. Es gab keine Vorkehrung, keine Abwehrpläne, nicht einmal eine Vorstellung von der Dimension der möglichen Katastrophe. Die Radikalität dieser innovativen Drohung und die Lähmung der beteiligten Stellen waren so groß, dass man die Entführer bei einer Zwischenlandung in Lexington, Kentucky, sogar noch frisch auftanken und starten ließ. Mit zwei Millionen Dollar Beute endete die Entführung schließlich auf Kuba. 

Ein anderer besonders innovativer Verbrecher war der als „Dagobert“ bekannt gewordene Kaufhauserpresser Arno Funke. Er die überraschte Polizei bei den 30 versuchten Geldübergaben mit immer neuen technischen Konstruktionen. Einmal ließ er das Geld beispielsweise in einer Streusandkiste deponieren. Während die Polizei dem Erpresser auflauerte, griff er sich die Beute unbemerkt von unten und flüchtete in der Kanalisation – er hatte die Kiste auf einen präparierten Kanaldeckel gestellt. Kreativität und neuartige Ideen stellen auch für Entrepreneure im legalen und legitimen Bereich DEN zentralen Wettbewerbsfaktor dar. Der Erfolg von Steve Jobs, Dietrich Mateschitz und Walt Disney basiert zu einem guten Teil auf der Fähigkeit, die Welt mit Innovation zu überraschen.

Prinzip 2: Fake it till you make it

Ein seriös wirkender Herr namens Charles Ponzi versprach 1920 in Boston eine Verzinsung von 50% innerhalb von 45 Tagen. Und tatsächlich: Die ersten Geldgeber erhielten das Geld. Ponzi bezahlte es aus den Einlagen derjenigen, die schnell von der märchenhaften Rendite angelockt worden waren. Innerhalb von wenigen Wochen raffte auf diese Weise ein stattliches Vermögen zusammen, nach heutiger Währung fast 200 Millionen Euro. Als alles zusammenbrach, war es der bis dahin der größte Finanzbetrug aller Zeiten. Bis heute steht das „Ponzi Scheme“ im Englischen für Schneeballsysteme im Allgemeinen. In den Schatten gestellt wurde Ponzi 2008 von Bernie Madoff. Der schaffte sogar 65 Milliarden Dollar Schaden und zeigte damit, dass man auch als Imitator erfolgreich sein kann – zumindest eine Zeit lang. Der zeitweilige Erfolg von Hochstaplern wie dem „Verkäufer“ des Eifelturms Victor Lustig 1925 oder dem Postboten Gert Postel, der sich in den 90er Jahren als Psychiater Dr.med. Dr. phil. Clemens Bartholdy ausgab, ist erstaunlich. Dem „Hauptmann von Köpenick“ wurde sogar ein literarisches Denkmal gesetzt. 

Vollmundige Versprechen und großartige Prognosen kann man auf jedem Pitch-Wettbewerb und jeder Crowdfunding-Plattform beobachten. Ein Entrepreneur, der seine Start-up-Idee still, bescheiden und voll Understatement kommuniziert, wird kaum einen Investor überzeugen. Das beste Beispiel für „Fake it till you make it“ im Entrepreneurship ist vermutlich der Vertrag über die Lieferung eines Betriebssystems, den ein gewisser Bill Gates 1980 mit der riesigen IBM schloss. Gates wusste, dass es für Microsoft unmöglich sein würde, die Software in so kurzer Zeit selbst zu entwickeln. Also kaufte er der Firma Seattle Computer für 50.000 Dollar ihr System ab und modifizierte es leicht zu MS-DOS. Der Deal beschert ihm nach wie vor Milliarden und gilt als einer der lukrativsten Verträge der Wirtschaftsgeschichte.

Prinzip 3: Business Planning ist die halbe Miete

Der Dresdner Juwelendiebstahl 2019 war vorbereitet wie in einem Heist-Movie. Schon Tage vor dem Einbruch hatten die Täter ein Fenstergitter am Historischen Grünen Gewölbe durchtrennt und wieder eingesetzt. In der Tatnacht legten sie den Theaterplatz in Dunkelheit, indem sie einen brennenden Kochtopf unter einen Stromkasten in den Katakomben des Dresdner Pegelhauses unter der Augustusbrücke stellten. Dann drückten sie ein Fenster des Schatzgewölbes aus der Verankerung und stiegen über eine Leiter in den dunklen Pretiosensaal ein. Von dort gingen sie zum Juwelenzimmer, zertrümmerten die Vitrine mit einer Axt und entnahmen ihr zielgerichtet drei besonders wertvolle Garnituren aus dem 18. Jahrhundert. Der Verlust betrug über 100 Millionen Euro. 

Komplexität, Zeitdruck und Dynamik eines Start-ups machen es ebenfalls nötig, professionell, integriert und gründlich zu planen. Wer die parallele Entwicklung der Technologie, die Partner- und Investorensuche, den Aufbau einer Organisation sowie die Erschließung der Kundensegmente spontan und aus dem Bauch heraus betreibt, hat schlechte Karten. In allen Entrepreneurship-Ausbildungen stellt das Business Planning daher ein zentrales Element dar. 

Prinzip 4: Agilität und Wissensmanagement 

Die Illegalität schafft für das organisierte Verbrechen besonders herausfordernde Bedingungen. Alle schriftlichen Dokumente sind potenzielle Beweismittel. Führung, Zuständigkeiten, Aufbauorganisation, Prozesskoordination und -regeln, Anweisungen und Befehle, Personalentwicklung, CRM, Wissensspeicherung und –weitergabe sowie das gesamte Rechnungswesen sind damit deutlich erschwert. Es verwundert nicht, dass einem Gangster wie Meyer Lansky, einem der wichtigsten Köpfe der sogenannten Kosher Nostra in den USA, ein ungewöhnliches Zahlengedächtnis nachgesagt wurde. Verhaftungen und Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Banden schaffen zusätzlich die Notwendigkeit, besonders schnell und koordiniert zu handeln. Das organisierte Verbrechen ist daher ein Musterbeispiel für schlanke, dezentrale und agile Strukturen.

Diese Eigenschaft teilen sie mit Start-ups, die der überlegenen Finanzkraft bestehender Unternehmen in gleicher Weise mit Schnelligkeit und Flexibilität begegnen. 

Entrepreneurship und Innovation für eine friedlichere und bessere Welt

Die Analyse der dunklen Seite von Entrepreneurship schafft nicht nur eine Lernchance für die wichtige und gesellschaftlich wertvolle helle Seite. Das Entrepreneurship-Toolset hilft auch bei der Bekämpfung der illegalen und illegitimen Formen. 

Als im 13. Jahrhundert im Süden von China ein erschlagener Bauer gefunden wurde, ließ sich der ermittelnde Beamte von allen 70 Bauern des Dorfes ihre Sicheln zeigen. An keiner waren Blutspuren zu sehen. Doch der Beamte hatte eine innovative Idee. Er ließ die Klingen auf das Feld legen und beobachtete, was geschah. Innerhalb kurzer Zeit war eine von Schmeißfliegen bedeckt – ein klares Indiz. Der überraschte Eigentümer der Sichel gestand den Mord. 

Die Geschichte der Kriminalistik ist voll von kreativen und wirkungsvollen Innovationen, vom Fingerabdruck bis zur DNS-Analyse, und von unternehmerischen Ermittlern. 

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Manuel Prohaska ist Gründer von MPC² | (c) LA-Cinematics / MPC²

Es ist eines dieser Themen, mit denen sich Normalverbraucher:innen im Alltag zwar nicht beschäftigen, die aber letztlich indirekt alle betreffen: Korrosionsprüfung. Oder sehr vereinfacht gesagt: Rohre müssen leckagefrei sein und bleiben, vor allem dort, wo nicht nur sinnbildlich mit Hochdruck gearbeitet wird.

Doch die Überprüfung der Korrosionsbeständigkeit kritischer Komponenten bei bestehenden Anlagen ist mit dem derzeitigen Standard-Prozedere schwierig bis schlicht unmöglich. „Die regelmäßige Korrosionsprüfung ist in manchen Märkten und Anwendungen verpflichtend, kann jedoch verlässlich nur im Labor durchgeführt werden. Dazu müssen Bauteile ausgebaut werden, was teilweise einfach nicht möglich ist. Daher behilft man sich oft mit separaten ‚Qualifizierungsstücken‘, vor allem während der Fertigung der Komponenten. Und dann dauert die Überprüfung im Labor mindestens eine, oftmals bis zu sechs Wochen“, sagt Manuel Prohaska, Gründer des steirischen Startups MPC².

Korrosionsprüfung direkt vor Ort in Stunden statt Wochen

Mit dem patentierten System „Corrosion Ray“ arbeiten er und sein Team an einer Lösung. „Wir versuchen, die Korrosionsprüfung zu revolutionieren, indem wir sie zum Kunden bringen, anstatt der Kunde die Proben zu uns ins Labor“, sagt Prohaska. Mit dem mobilen Gerät lassen sich Rohre und insbesondere deren Schweißnähte ohne Beschädigung direkt vor Ort prüfen. „Wir nutzen dazu elektrochemische Methoden und liefern Ergebnisse, die qualitativ und vor allem quantitativ Laborergebnissen entsprechen“, so der Gründer.

Nicht nur die Überprüfungszeit lasse sich damit von Wochen auf Stunden reduzieren. „Auch der Umweltaspekt ist nicht zu vernachlässigen. Wir sparen mit der Methode im Vergleich zur konventionellen Auslagerungsprüfung 99 Prozent der Energie, brauchen kaum Chemikalien und deutlich weniger Wasser“, sagt Prohaska. Für Kunden sei aber der finanzielle Aspekt am entscheidendsten. „Bei großen Anlagen bedeutet ein Tag Ausfall sechs- bis siebenstellige Einbußen“.

„Wir sind mit unserer Prüfmethodik einfach näher an der Wahrheit“

Prohaska weiß sehr genau, wovon er spricht. In seinen früheren beruflichen Stationen baute der studierte Werkstoff- und Korrosionswissenschaftler nicht nur genau die fachliche Expertise auf, die er jetzt mit MPC² umsetzt. Als Geschäftsführer von Betrieben mit mehreren Hundert Mitarbeiter:innen lernte er auch die betriebswirtschaftliche Seite genau kennen.

(c) LA-Cinematics / MPC²

Aktuell befindet sich „Corrosion Ray“ aber noch im fortgeschrittenen Prototypen-Stadium. Die Technologie dahinter nicht: Schon jetzt setzen mehrere Stahlkonzerne, Komponenten-Hersteller und Chemie-Riesen, die auch die Zielgruppe für das neue System sind, auf die bestehenden Korrosionsprüfungs-Angebote von MPC² – teilweise mit sechsstelligen Auftragseingängen. „Wir haben einen speziellen Prüfstand, mit dem wir unsere Methode auch mit konventionellen Korrosionsprüfungen vergleichen. Wir sind mit unserer Prüfmethodik einfach näher an der Wahrheit, als mit den alten Methoden, die lange dauern und gleichzeitig relativ ungenau sind“, so Prohaska.

Mit Predictive Maintenance auf den Weltmarkt

Momentan ist das Angebot mit diesem Prüfstand noch der lukrativste Geschäftsbereich des Unternehmens. In den kommenden Jahren soll sich das ändern. Bis 2035 will MPC² auf 60 Millionen Euro Jahresumsatz anwachsen. Davon soll „Corrosion Ray“ laut Plan 65 bis 70 Prozent bringen. Technologisch soll dann der Bereich Predictive Maintenance im Zentrum stehen. „Wir können Kunden schon jetzt sehr genau sagen, wo es in ein paar Jahren Probleme beim Material geben wird. Mit den Daten, die wir jetzt dazu sammeln, wollen wir diese Lebensdauer-Vorhersage mit Hilfe von KI künftig noch deutlich präziser machen“, erklärt Prohaska.

Um diese Ziele umzusetzen, will das vierköpfige Team in einem ersten Schritt 600.000 Euro Investment-Kapital aufnehmen, mit dem die Kleinserienfertigung von „Corrosion Ray“ aufgebaut werden soll. „Wir halten schon jetzt Ausschau nach strategischen Investoren. Noch wichtiger werden die, wenn es in einigen Jahren an die große Produktion geht“, sagt der Gründer. Dann sei auch eine größere Kapitalrunde geplant.

aws als größter Fördergeber – „sonst wären wir nicht so weit gekommen“

Bislang finanziert sich das Unternehmen aus den eigenen Umsätzen und aus Förderungen. Dank der hohen Auftragseingänge werden kommendes Jahr die Unternehmenseinnahmen erstmals den Förderbetrag übersteigen. Dennoch sei man noch auf die Fördergelder angewiesen. „Den mit Abstand größten Anteil beim Fördervolumen hatten die Programme aws Preseed und aws Seedfinancing – Deep Tech“, erzählt Prohaska. „Das war extrem wichtig, sonst wären wir nicht so weit gekommen.“ Dabei betont der Gründer auch das Service: „Wenn man etwas gebraucht hat, waren sie immer da.“


Disclaimer: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Medienbeauftragung mit der Austria Wirtschaftsservice (aws) entstanden.

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