23.12.2021

Culture Tech – Der Mensch als ewiger Cyborg

Es ist schon wieder etwas geschehen. Technologie hat – getrieben von der Pandemie – um sich gegriffen und viele Bereiche des Alltags durchdrun- gen. Man kennt Begriffe wie „Click and Collect“, „Homeschooling“ und „Re- mote Work“ – „Culture Tech“ hinge- gen hat noch nicht den Status großer gesellschaftlicher Bekanntheit. Dies mag womöglich der bekannten Zöger- lichkeit des Österreichers gegenüber Neuem geschuldet sein, andererseits spielt vielleicht auch das große Aus- maß der Entwicklungen eine Rolle. „Culture Tech“ zersplittert nicht nur die Kultur in viele Teile, sie erschafft auch Märkte, Einnahmequellen, Re- präsentationsmöglichkeiten und schlicht neue Formen der Kunst. Ein vager Blick in eine noch vage Materie.
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(c) ArchäoNow, Martin Jordan, Johannes Güntner, NEA, Walter Mussil - Kultur und Technologie auf gegenseitiger Erkundung.

Gemälde, umgeben von hohen Marmorsäulen, die von kris­tallenen Kronleuchtern in Szene gesetzt werden. Ein einzelner Cellist auf einer Bühne vor einem Publikum in Frack und Abend­kleid; der Bogen fliegt in seinen Fingern umher, wie es sonst Superhelden auf Zelluloid tun. Springende Jugendliche zu lauten Gitarrenriffs, die dunkle Hallen füllen und Schallwellen erzeu­gen, die man mehrere Häuser weiter spürt. Auch eine lokale Küche mit Fokus auf Fleisch und Mehlspeisen als gesellschaft­liche Kollektivierung von Geschmack gehört dazu; wie auch die Würdigung von Unhöflichkeit als bestimmendes Identitätsmerk­ mal – Wien lässt grüßen. Oder eben, und das ist der springen­ de Punkt, zum Werk gewordene Programmiersprache, deren „5.000 Tage“ zu Rekordauktionen führen, wie es Beeple mit dem „69­-Millionen­-US­-Dollar­-Verkauf“ seines NFTs bewiesen hat. Kunst darf alles, und Kultur steht darüber.

Kultur ist ein Begriff mit vielen Aspekten, die greifbar sind. „Culture Tech“ hingegen bleibt, obwohl in der Kunstszene sehr häufig gebraucht unklar. Im engsten Sinne meint er die menschliche Form des digitalen Schaffens, die sich als Kunst versteht und so konsumiert wird, aber – abseits vom Tippen auf Tasten und dem Einsatz von Technologie – auch zwingend näher definiert werden muss. Es gibt mehrere Wege.

Überrannt von Technologie?

Mark Coeckelbergh sieht in „Culture Tech“ keinen akademischen Begriff, sondern ein Konzept, das im Feld von „Business“ und „Media“ verwendet wird. Der Technologiephilosoph der Uni Wien verortet eine Veränderung der Kunstwahrnehmung durch soziale Medien, die kulturelle Güter dem Betrachter vielleicht zuerst als Video näherbringen, dann womöglich später in Form von „Angesicht zu Kunstwerk“, also in Museen oder Galerien.

(c) Martin Jordan – Mark Coeckelbergh: „Ein Museum ist nicht mehr Gebäude des 19. Jahrhunderts“.

Es herrscht ein anderer Zugang, der durch die „Digitalisie­rungshorde“ entstanden ist, die spätestens mit der Pandemie auch den Kultursektor erfasst hat. „Gedanklich hat man noch viel zu tun, wenn man über ‚Culture Tech‘ spricht“, sagt der Wissenschaftler in diesem Sinne.

Eine Einschätzung, die Patricia Karrer, Gründerin des NFT-­Startups Nea, teilt: „‚Culture Tech‘ ist nicht nur ein relativ neuer, sondern auch ein vager und undefinierter Begriff. Im Allgemeinen umfasst er die Verwendung von ‚New emerging Technologies‘ im Kunst­ und Kulturbereich. Die Anwendungs­gebiete sind breitflächig gestreut – von Blockchain-gesicherten Zertifikaten für Kunstwerke bis zu VR-Galleries und vollkommen neuen innovativen Initiativen wie etwa NFT-Projekten.“

(c) NEA – Patricia Karrer: „Valeur darf nicht in Vergessenheit geraten“.

Mit dieser Aussage öffnet die junge Gründerin, wenn man so will, jene groben Zweige von „Culture Tech“, die zum Ver­ ständnis dienen und die mittels Technologie das Erleben und Schaffen von Kultur konstituieren.

Semantik

Der Begriff wird in großen Maße dafür verwendet, jene digitale Kunst zu beschreiben, die wohl unter der Bezeichnung „Art Technology“ in korrekterer Obhut wäre. Da aber „Culture Tech“ sich kollektiv und vorrangig auf den digitalen Künstler und des­sen Konsumenten konzentriert, ist dieses Kulturfeld zwar nur ein Teil, aber wohl der gewichtigste bei dem Versuch, digitale Entwicklungen der letzten Jahre in diesem Feld zu verstehen. Es ist zwar keine Neugeburt, aber ein Voranschreiten, das sich kulturell und vor allem künstlerisch gezeigt hat. Kunst wurde digital.

(c) Walter Mussil – Clara Blume: „Im deutschsprachigen Raum ist ‚Culture Tech‘ weit stärker mit künstlerischem Schaffen assoziiert“.

Clara Blume ist eine österreichische Künstlerin und Kultur­diplomatin. Im Auftrag des österreichischen Außenministeriums leitet sie die Open Austria Art + Tech Labs im Silicon Valley. Sie kuratiert und fördert Kunstprojekte, die das Zusammenspiel von menschlicher und künstlicher Kreativität erforschen – und kennt ebenso die unterschiedliche Handhabung der Bezeichnung

„Culture Tech“

„In den USA beispielsweise beschreibt der Begriff de facto Apps, die den Arbeitsablauf innerhalb eines Unternehmens effizienter gestalten, sprich, die Arbeitskultur fördern und homo­genisieren. Im deutschsprachigen Raum hingegen ist der Begriff Kultur weit stärker mit künstlerischem Schaffen assoziiert, wo­ durch ‚Culture Tech‘ auch ganz konkret Software-­Applikationen beschreibt, die für das Kunstgeschäft designt sind. In meinem Arbeitsumfeld sehen wir darin einen Zugang zu Kunst und Kultur, der auf das enorme Potenzial von digitalen Technologien setzt“, sagt Blume.

Vera Grablechner, Gründerin der „myCulture“-­App, drückt die Begriffsdefinition für sich in ähnlichen, europäischen Worten aus, wenn sie sagt: „Für mich bedeutet ‚Culture Tech‘ jegliche Form von Technologie, die für den Kultursektor entwickelt wird, um diesen in einer gewissen Form zu verbessern – zum Beispiel, um Kunstobjekte ‚ultrarealistisch‘ als 3D-Modell zu digitalisieren und so für die Nachwelt zu erhalten, oder wie im Fall von ‚myCulture‘, personalisierte Empfehlungen für Aus­stellungen mittels Machine Learning zu präsentieren.

(c) Johannes Güntner – Vera Grablechner: „Österreich ist, was die Startup-Szene angeht, nicht da wo es sein könnte.“

Grablechner spricht hier an, was Coeckelbergh anfangs angedeutet hat und Karrer im weitesten Sinne als „Galerien im Netz“ andenkt: nicht nur die Möglichkeiten, maßgeschneiderte Kunst empfohlen zu bekommen, sondern sie auch vorab zu sehen.

Das Internet hat dabei nicht das „Rad erfunden“, dafür aber neue Möglichkeiten entdeckt, Technologie dazu zu nutzen, Kunst zu machen und sie zu erleben. All dies gipfelt in diesem einen Begriff, der von Beteiligten oft prominent verwendet wird, aber noch wenig fassbar scheint.

(c) ArchäoNow – Miriam Weberstorfer: „Es ist wichtig, unterstützende Maßnahmen für Unternehmen zu schaffen.“

Ein klareres Bild erhält man allerdings auch, wenn man dem Gedanken von Miriam Weberstorfer, Founderin von Archäo­NOW, folgt, der „Werkzeuge“ in den Fokus stellt: „Die digitale Entwicklung transformiert die unterschiedlichsten Bereiche. Die Methoden der Vermittlung verändern sich, also die Art und Weise, wie Inhalte – Wissen, Emotionen, Fantasien – transpor­tiert werden können. Ich bin überzeugt, dass der intelligente Einsatz moderner Technologien in Kombination mit neuen inhaltlichen Konzepten das Erlebnis von Kulturgütern erheblich bereichert und neue Zielgruppen erschließt. Es werden also neue Türen geöffnet, sowohl für Kulturkonsumenten als auch für Kulturschaffende“, sagt sie.

„Kunst kann helfen“

Und genau darin entfaltet sich die Argumentationslinie, um Kritikern digitaler Kunst etwas entgegenzusetzen, die sich gegen die Neuausrichtung der Kunst hin zur Technologie aussprechen.

„Auch in prähistorischen Zeiten war der Mensch immer ein Cyborg“, sagt Coeckelbergh, „ein technologisches Wesen, das Werkzeuge benutzt hat. Das war immer Teil der Kultur. Kunst­ formen bilden ab, was schon lange da ist, bloß die Techniken haben sich geändert. Die Durchdringung von digitaler Techno­logie müssen wir kulturell und konzeptuell fassen. Und Kunst kann uns dabei helfen.“

Dass sie nicht nur das tut, ist besonders in der Startup­-Szene keine bahnbrechende Neuigkeit mehr. Denn wie Grablechner weiß: „Das Spannende ist, dass ‚Culture Tech‘ nicht nur viele Vorteile für Kulturkonsument:innen bringt, sondern auch für andere Stakeholder:innen im Kulturbereich, etwa Museen, Galerien und auch Künstler:innen. Zum Beispiel arbeitet das Unternehmen Roots Studio aus den USA weltweit mit indi­genen Kunstschaffenden zusammen, um ihr einzigartiges und gefährdetes Kunsterbe auf neuen Medien zu digitalisieren – und zwar mit einem Modell, das ihren Lebensunterhalt, ihre Gemeinschaft und ihre Traditionen finanziell unterstützen kann“, sagt sie. „In den letzten Jahren hat sich aufgrund der Covid­19­Pandemie auch der Kunstsektor mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen müssen und ist daher nun für ‚Culture Tech‘­Innovationen weitaus empfänglicher als noch vor ein paar Jahren. Dieser Offenheit gilt es, mit wertvollen und langfristigen Ideen zu begegnen.“

Dies tut vor allem Patricia Karrer, die offen für neue Appli­kationen ist, aber auch darüber reflektiert, wie sie sagt: „Ich beobachte dies vor allem in der Zusammenarbeit mit Künst­ler:innen anhand meines eigenen Projekts. Neue Anwendungs­bereiche sind spannend, aber primär geht es auch darum, dass der künstlerische und kreative Stellenwert, das ‚Valeur‘, nicht in Vergessenheit gerät und nur noch kommerzielle Möglichkeiten im Vordergrund stehen.“

Ihr Startup Nea, erzählt sie, bereite aktuell ein NFT­-Bootcamp für eine Fokusgruppe von 30 Künstler:innen vor, in welchem die Verwendung von „NFTs hands ­on“ erklärt werde. „Jedoch setzen wir uns in diesem Zuge auch kritisch mit dem Thema ‚Culture Tech‘ auseinander und bearbeiten delikate Fragen wie: Ist NFT-­Art Kunst? Geht der Ausdruckswert des physischen Werks durch digitale Aspekte verloren oder erschaffen sie neue Möglichkeiten für den kreativen Ausdruck?“

Virtualität

Während „Creators“ ausloten, welche neuen Möglichkeiten ihnen die letzten Jahre in die Hände gelegt haben, entdecken auch Kunstliebhaber:innen neue Wege, ihrer Leidenschaft zu frönen. Ein beinharter Kunstentzug war eine Folge der Lockdowns, sodass Museen und Galerien gezwungen waren, Konsumenten neue Lösungen zu präsentieren.

„Dadurch haben Unternehmen, die Ausstellungen mittels Web-­VR virtuell begehbar oder Kunst via Augmented Reality im öffentlichen Raum erlebbar gemacht haben, eine sehr hohe Nachfrage erfahren. Diese Lösungen kamen in der Kunst­-Community sehr gut an, und es hat sich gezeigt, dass vor allem junge Erwachsene durch den Einsatz innovativer digitaler Lö­sungen für Kunst begeistert werden können“, so Grablechner.

Ein Beispiel dafür findet sich beim Wiener Startup von Weberstorfer namens ArchäoNOW. Ihr Unternehmen hat sich auf ausgefeilte AR­- und VR-­Touren durch Wien spezialisiert, was besonders mit dem Shift Richtung Outdooraktivitäten während der Pandemie Anklang fand. Es handelt sich um Geschichte­ und Kulturvermittlung mit digitaler Komponente, um die reale Welt zu erweitern. „Ich halte diese beiden Technologien besonders im Bereich Kultur für sehr sinnvoll, sie bringen viele Vorteile. Zum Beispiel können unterirdische Katakomben virtuell zugänglich gemacht werden oder man kann nicht mehr existente Gebäude wie das Sterbehaus von Mozart oder die Maria­ Magdalena ­Kapelle am Stephansplatz wieder auferstehen lassen. Man kann darüber hinaus Gegenstände wie wertvolle Reliquien aus dem Stephansdom direkt in die eigenen Hände bekommen, sie betrachten und studieren. Denn nicht alle Kulturobjekte sind jederzeit für jedermann zugänglich; viele müssen geschützt werden, Räume sind nicht mehr begehbar, existent oder aus Sicherheitsgründen versperrt. Kulturgüter befinden sich aber auch teils an den unterschiedlichsten Orten der Welt – all diese Probleme können unter anderem durch AR und VR gelöst werden“, sagt Weberstorfer.

Blume indes platziert diesen technologischen Sprung für die Kulturgeschichte weitaus schärfer in Richtung „Culture Tech“ als Ergänzung zu Kunst und Kultur: „Einen Goya auf Google Arts & Culture anzusehen anstatt auf der Lederbank im Museo del Prado ist ein trauriger Abklatsch des authentischen Kunstgenusses“, sagt sie. „Das darf auch nicht der Anspruch sein. Ein digitales Archiv erfüllt eine komplementäre Funktion zum originalen Kunstwerk, indem sie dieses Menschen auf der ganzen Welt mit einem Mausklick zugänglich macht. In Analogie dazu müssen Künstler:innen und Kurator:innen die Virtualität als Chance begreifen.“

Neuartige Erschaffung und Betrachtung sind nicht die einzigen Bereiche, an denen „Culture Tech“ stehen bleibt. Besonders die erwähnten Non Fungible Tokens (NFTs) haben einen Hype ausgelöst, der dazu führte, dass, wie Karrer meint, fast täglich neue „Collection Drops“ publiziert werden oder neue Projekte entstehen. „Ich sage dazu sehr gerne: ‚Die Welt ‚mintet‘ um die Wette, wer die nächsten ‚Crypto-Kitties‘, ‚Frogs‘ oder ‚Apes‘ launcht und sich dadurch eine goldene Nase verdient.‘ Dies ist ja alles nett und gut, aber meiner Meinung nach ein vollkommenes Bubble Happening ohne jegliche wirtschaftliche Nachhaltigkeit“, so die Nea-Gründerin. „Dies bedeutet jedoch nicht, dass NFTs als Technologie per se nicht ungemeine Möglichkeiten schaffen– im Sinne dessen, dass sie als neue künstlerische Wertigkeit und als Anregung für neue kreative Schaffensphasen verwendet werden können. Im gleichen Zug erkunden Künstler:innen einen neuen Markt, um Gewinne zu erzielen.“

Doch dort, wo neue Märkte entstehen, reicht es nicht, sie aus der Ferne zu beobachten, wie man es mit einem Bild von Picasso oder Banksy tun würde – eine Sichtweise, wie sie auch Grablechner zu teilen scheint, die zugleich eine Lanze für Startups in dem Bereich bricht, wenn sie sagt: „Österreich ist, was die Startup-Szene angeht, nicht da, wo es sein könnte. Zwar gibt es vereinzelt Hackathons, Inkubatoren und Accelerator-Programme wie beispielsweise durch die Wirtschaftsagentur Wien, allerdings wird ‚Culture Tech‘ nicht gesondert behandelt, sondern entweder in der Technologie- oder Kreativbranche eingeordnet. Somit sind wir in einen stark umkämpften Sektor gedrängt, in dem es relativ schwierig ist, finanzielle Förderung zu erhalten, unter anderem, da technologische Innovationen oft mehr kosten als analoge Kreativprojekte. Ein weiteres Problem ist, dass Kunst und Kultur nicht im Rahmen der SDGs (Social Development Goals der UN, Anm.) behandelt werden und daher in vielen auf Impact fokussierten Programmen keinen Platz finden. Es wäre doch einen Versuch wert, in einem Land, das Kunst und Kultur so hoch schätzt, gezielt ‚Culture Tech‘-Startups zu fördern.“

Unterstützt wird sie bei dieser Einstellung von Weberstorfer, die ebenfalls meint, dass innovative Ideen gefördert und konservative, lähmende Strukturen endlich aufgebrochen gehören: „Grundsätzlich ist die Nutzung von neuen Technologien in der Regel nicht billig – darum ist es wichtig, hier unterstützende Maßnahmen für Unternehmen zu schaffen“, sagt sie.

Blume indes meint, Österreich habe bereits alle Zutaten, um sich international als „Culture-Tech-Hub“ zu etablieren. Etwa: Talent, Hochschulen mit exzellenter Grundlagenforschung, innovatives Potenzial, einen reichen kulturellen Humus, eine hohe Lebensqualität, um Talente aus dem Ausland anzuziehen, und eine solide öffentliche Förderkultur, um heimische Ideen zu unterstützen. „Unsere Kultur braucht frischen Sauerstoff im Blut, um lebendig, relevant und kritisch zu bleiben. Anstatt über das überholte Thema der Digitalisierung zu diskutieren, sollten wir uns vielmehr Gedanken darüber machen, wie Österreich das Zeitalter der künstlichen Intelligenz aktiv mitgestalten kann. Es wird sich zeigen, dass der Schlüssel hierzu in der menschlichen Kreativität liegt“, so Blume.

Museum überall

Eines der ersten Dinge, die in Retrospektive durch die Digitalisierung der Kunst sichtbar wurden, waren ironischerweise die analogen Plätze selbst; Museen, Galerien, die plötzlich neue Angebote auffuhren. Laut Coeckelbergh ist das Museum bereits in verschiedene Orte aufgeteilt. Multimediale Angebote, Audioguides oder Onlineausstellungen seien Ergebnisse einer verbindenden Technologie. „Ich denke, dass sich das Museum in Zukunft verwandeln wird. Es wird nicht mehr dem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert ähneln, sondern sich selbst vielmehr mitten in der Gesellschaft sehen. Das Museum wird überall sein“, sagt der Tech-Philosoph und adressiert damit diverse Ängste von Fetischisten klassischer Kunsterfahrung.

Wer dennoch ein Ende analoger Kulturorte ausruft, wird auch in Weberstorfer eine Widersacherin finden. Die Gründerin sieht in ihrer Einstellung keinen Entweder-oder-Aspekt, sondern ebenfalls das zusammenführende Element in der statt-findenden Evolution zwischen Technologie und Kultur.

„Eine Gefährdung sehe ich hier keinesfalls. Ich verstehe das Netz als Erweiterung der Möglichkeiten für eine große Masse an Menschen. Es kann aber niemals, wie ich finde, ein reales Museum oder eine Galerie ersetzen. Ich persönlich liebe es, im Museum durch die Ausstellungsräume zu schlendern. Das klackende Geräusch von unzähligen Schritten auf den Marmor- öden der Eingangshalle, der holzig-warme Geruch der Sammlungsgegenstände in ihren historischen Vitrinen, der faltbare Raumübersichtsplan in meinen Händen, der Durstlöscher im Hauscafé – ein Museumsbesuch ist ein Erlebnis für alle Sinne, das kann ein rein digitales Format nicht liefern. Jedoch können digitale Methoden das Erleben interaktiver gestalten.“

Eine Zukunftsperspektive, die auch Blume teilt. Die Künstlerin, die vom Kunstmagazin „Apollo“ als eine der weltweit „40 under 40“ talentiertesten jungen Menschen in der Kategorie „Art + Tech“ genannt wurde, hatte wohl nicht als Einzige während der Coronakrise eine kleine Epiphanie. Sie sagt: „Ohne Onlineperformances und Streamingservices wären wir während der Pandemie komplett vereinsamt. Daraus den Schluss zu ziehen, dass sich Kunst nur mehr im Netz abspielen wird, ist aber verfehlt. Wir sind nicht nur Geist, sondern auch Körper, und dieser sehnt sich nach Stimulierung. Die virtuelle Realität schafft zwar bereits heute ein beeindruckendes Simulacrum unserer Welt, allerdings bleiben hierbei Haptik und Geruchssinn auf der Strecke. Ich verstehe deshalb digitale Kunst und physische Ausstellungsräume nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Konzepte. Die Zukunft der Kunst liegt im ‚Immersive Experience Design‘, einer Hybridität der Künste, wo alle menschlichen Sinne, angesprochen in einem interaktiven Kunsterlebnis, zusammenfließen.“


Dieser Artikel erschien im brutkasten-Magazin „Generations„, Ausgabe 13.

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Die diesjährigen Nominierten des "Innovator of the Year" in der Kategorie Scaleups. | © brutkasten

Erfolgreiche Skalierung ist das Ziel jedes Startups. Bekanntlich schaffen das bei weitem nicht alle, doch auch hierzulande wird die Gruppe jener, denen der Sprung zum starken Wachstum gelungen ist, immer größer – und das auch unter bekanntlich teils widrigen Bedingungen.

Auch dieses Jahr schafften wieder einige heimische Unternehmen den Schritt vom Startup zum Scaleup und legten beeindruckende Wachstumsstorys vor. Und einige bereits etablierte Scaleups zeigten eindrücklich, dass ihre Wachstumsambition ungebrochen ist.

Zehn davon holen wir als Nominierte für den Innovator of the Year in der Kategorie Scaleups vor den Vorhang. Der Preis wird heuer zum 6. Mal vergeben. Am 5. November findet die feierliche Award Ceremony im Rahmen des brutkasten-Jahresevents Momentum im Wiener Palais Berg statt. Neben der Kategorie Scaleups wird der Award dieses Jahr in den Kategorien Startups und Corporate Innovation vergeben. Als Preis in allen drei Kategorien winkt jeweils ein brutkasten-Medienpaket im Wert von 4.100 Euro.


Die „Innovator of the Year“-Kategorie Scaleups wird durch Polestar unterstützt.


Publikumsvoting zum Innovator of the Year | Kategorie „Scaleups“

Nun ist, wie jedes Jahr, deine Stimme gefragt. Bis zum 1. November (23:59 Uhr) kannst du für deine:n Favorit:in abstimmen! Jede:r User:in hat pro Tag und Kategorie genau eine Stimme – es lohnt sich also, die eigene Community zu aktivieren.

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Emerald Horizon

Das Emerald-Horizon-Management (vl.) Mario J. Müller (Vice President R&D), Philipp Pölzl (Vice President Operations) und Florian Wagner (CEO) | © Wolf
Das Emerald-Horizon-Management (v.l.) Mario J. Müller (Vice President R&D), Philipp Pölzl (Vice President Operations) und Florian Wagner (CEO) | © Wolf

Auffallen ist gewiss eine der Stärken des Grazer Scaleups Emerald Horizon – sei es mit ausgerechnet diesem Produkt, Small Modular Reactors, im traditionell extrem atomkraftkritischen Österreich, mit Personalentscheidungen wie Ex-FPÖ-Chef Norbert Hofer oder mit dem dieses Jahr erfolgten ungewöhnlich frühen Börsengang. An der Wiener Börse wird das Unternehmen jedenfalls mittlerweile seit Monaten jenseits der Milliarden-Euro-Grenze bewertet und kann damit – je nach Definition – als Österreichs jüngstes Unicorn gesehen werden. Für die Entwicklung des Unternehmens gewiss noch entscheidender: Im August verkündete man, gemeinsam mit dem niederländischen Partner VDL Groep in die nächste Entwicklungsstufe des Small Modular Reactors zu gehen.

Enpulsion

Enpulsion-Gründer und -CEO Alexander Reissner | (c) Enpulsion
Enpulsion-Gründer und -CEO Alexander Reissner | (c) Enpulsion

Das niederösterreichische SpaceTech-Scaleup Enpulsion rund um Gründer Alexander Reissner liefert Antriebssysteme für Nano- und Mikrosatelliten. Zu Jahresbeginn sicherte sich das Unternehmen eine 22,5 Millionen Euro schwere Series-B-Finanzierung, um die Produktionskapazitäten am Standort Wiener Neustadt deutlich zu erhöhen. Im August 2026 verkündete Enpulsion zudem die geplante strategische Übernahme der britischen Lift Me Off Ltd, um das eigene Produkt-Portfolio um chemische Antriebe für besonders agiles Manövrieren im Weltraum zu erweitern. Zusätzlich steht für diesen Herbst ein zentraler Meilenstein an: ein Orbit-Test der neuartigen Antriebstechnik an Bord des heimischen Satelliten AT-Astra.

fiskaly

fiskaly - das Gründerteam Simon Tragatschnig (COO), Johannes Ferner (CEO) und Patrick Gaubatz (CTO) | (c) fiskaly
fiskaly – das Gründerteam Simon Tragatschnig (COO), Johannes Ferner (CEO) und Patrick Gaubatz (CTO) | (c) fiskaly

Das 2019 gegründete Wiener Unternehmen fiskaly von Johannes Ferner, Simon Tragatschnig und Patrick Gaubatz macht Kassentransaktionen cloudbasiert und gesetzeskonform. Die Zahlen sprechen für sich: 60 Prozent Wachstum im vergangenen Geschäftsjahr, profitabel, mehr als 150 Mitarbeitende, rund 1.900 B2B-Kund:innen mit über einer Million POS-Systemen in acht EU-Ländern und Marktführerschaft in Deutschland. Im September folgte der nächste Schritt vom Scaleup zum Infrastrukturanbieter: Mit David Feichter holte fiskaly den Ex-CEO von orderbird als Co-CEO an Bord, ausgerechnet jenen Mann, der 2019 als allererster Kunde den Deal mit Ferner verhandelt hatte. Feichter verantwortet den operativen Betrieb, Ferner konzentriert sich auf Partnerschaften und weitere Akquisitionen in Europa.

Flinn AI

Das Founder-Team von Flinn | © Flinn
Das Founder-Team von Flinn | © Flinn

Das 2023 gegründete Scaleup von Gründer Markus Müller entwickelt eine KI-gestützte Software, die regulatorische und qualitative Prozesse für MedTech- und Pharmaunternehmen automatisiert. Im Februar 2026 sorgte das Unternehmen mit einem Series-A-Investment von 20 Millionen Dollar für Aufsehen. Mit dem frischen Kapital treibt das Scaleup in diesem Jahr die gezielte Expansion auf dem US-Markt voran, um sich weltweit als Standard für regulatorische KI-Prüfungen im Gesundheitsbereich zu etablieren. Zudem plant man eine erste eigene Kund:innenkonferenz, die über 200 internationale MedTech-Entscheider:innen nach Wien bringen soll.

fonio.ai

fonio.ai-Co-Founder Daniel Keinrath (CEO, l.) und Matthias Gruber (CTO) | (c) fonio.ai

Wenn bei einem KMU niemand ans Telefon geht, übernimmt fonio.ai: Die KI-Agenten des erst 2024 gegründeten Wiener Startups von Daniel Keinrath und Matthias Gruber führen inzwischen rund zwei Millionen Anrufe pro Monat für über 7.000 Kund:innen. Im Juni schloss man eine Seed-Runde über 14,6 Millionen Euro ab, angeführt vom Londoner Fonds 20VC bei einer Bewertung von 120 Millionen Euro, ohne offiziellen Fundraise und ohne Pitch Deck. Im August knackte fonio.ai die Marke von zehn Millionen Dollar ARR – später folgte im Oktober die Marke von 15 Millionen Dollar. Mehr als die Hälfte des Umsatzes kommt laut Keinrath inzwischen von außerhalb der DACH-Region, im September eröffnete das Startup unter anderem sein Büro in Barcelona als Hub für Südeuropa.

Helferline

v.l.: Die Helferline-Gründer Clemens Schmidgruber und Alexander Niederhofer mit CTO Janko Glavić | (c) Helferline

Es ist eine Geschichte, wie sie nur die Startup-Welt schreiben kann: Vor mehr als zehn Jahren gegründet, konnte Helferline über lange Zeit zwar eine ganze Zahl namhafter Referenzen vorweisen, der wirtschaftliche Durchbruch blieb aber aus. Das änderte sich im Laufe der vergangenen Monate drastisch: Vor etwas mehr als einem Jahr stieg Hansi Hansmann als Investor ein. Seitdem holte man Großaufträge vom deutschen Telekom-Riesen O2, von Asus, von Starlink und weiteren. Aktuell befindet sich das Wiener Scaleup auf einem steilen Wachstumskurs und macht nach eigenen Angaben monatliche sechsstellige Gewinne.

Neoh

v.l.n.r.:  Die Neoh-Gründer Adel Hafizovic, Manuel Zeller und Patrick Kolomaznik | (c) Neoh
v.l.n.r.: Die Neoh-Gründer Adel Hafizovic, Manuel Zeller und Patrick Kolomaznik | (c) Neoh

Das Wiener Scaleup von Manuel Zeller konnte mit Süßigkeiten, die auf dem selbst entwickelten, kalorienarmen Zuckerersatzstoff Zero+ basieren, mittlerweile eine große Fangemeinde aufbauen, die auch über die Grenzen Österreichs hinausgeht. Auch machte, Stand April 2026, das B2B-Geschäft bereits rund 15 Prozent des Gesamtumsatzes aus, mit steigender Tendenz, wie Zeller erklärte. Dies und auch die Entwicklung einer gelungenen Bueno-Alternative sorgten dafür, dass eine Investmentgesellschaft aus Luxemburg namens Teseo Capital ins Scaleup einstieg. Dahinter steht die italienische Familie Ferrero, die mit Marken wie Nutella, Kinder und Ferrero Rocher den Süßigkeitenmarkt dominiert.

ParityQC

Die beiden CEOs von ParityQC: Wolfgang Lechner und Magdalena Hauser. | © Günther Egger

Das Innsbrucker Quantenunternehmen ParityQC von Wolfgang Lechner und Magdalena Hauser hat allein im heurigen Jahr einen 35-Mio.-Deal für den Bau eines mobilen Quantencomputers für das deutsche Verteidigungsministerium ergattert und im Rahmen der „EUREKA-Ausschreibung Deutschland-Israel“ eine Kooperation mit dem israelischen Quantensoftware-Spezialisten Classiq gestartet. Zudem lieferte es im April einen deutlichen Beleg dafür, dass europäisches Quantencomputing den Sprung aus dem Labor in die Industrie geschafft hat. Gemeinsam mit IBM stellte man einen neuen Weltrekord bei der Quanten-Fourier-Transformation (QFT) auf. Konkret wurde dabei die bislang größte jemals gemessene QFT auf einem IBM-Quantum-Heron-Prozessor realisiert, mit 52 supraleitenden Qubits statt der bisherigen 27 Ionenfallen-Qubits.

Reploid

Jonas Finck und Philip Pauer, Vorstände der Reploid Group AG | (c) Reploid / Stefan Beiganz
Jonas Finck und Philip Pauer, Vorstände der Reploid Group AG | (c) Reploid / Stefan Beiganz

Kein anderes heimisches Scaleup schaffte es dieses Jahr, in einer derartigen Regelmäßigkeit für Schlagzeilen zu sorgen. Das seit 2025 an der Wiener Börse gelistete Welser Insektenzucht-Unternehmen baute seine Führungsebene aus, eröffnete neue Expansionsmärkte, präsentierte neue Kund:innen, verkündete eine Übernahme und holte sich einen achtstelligen Wachstumskredit. Wiewohl die Geschäftszahlen bei genauerer Betrachtung etwas komplexer sind, als vom Scaleup dargestellt, steht fest: Reploid ist weiter voll auf Wachstumskurs. 

waterdrop

Die waterdrop-Gründer v.l.n.r: Christoph Hermann, Martin Murray, Henry Murray | (c) waterdrop
Die waterdrop-Gründer v.l.n.r: Christoph Hermann, Martin Murray, Henry Murray | (c) waterdrop

Das Wiener Scaleup waterdrop von Henry Murray, Martin Murray und Christoph Hermann holte sich im Mai ein 100-Millionen-Euro-Investment. Zu den Investor:innen dieser Runde zählten Aspeya, Atlantic Grupa und der alpine Ski-Weltcup-Champion Aleksander Aamodt Kilde. Schon im Jänner dieses Jahres verkündete das Scaleup seine Profitabilität. Zudem übernahm Jristian Cruz Limsico die Rolle des Global Creative Director, der seit 2017 die visuelle Identität des Modehauses Karl Lagerfeld prägte. Er verantwortet nun die weltweite Markenidentität des Unternehmens.

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