29.07.2022

Crypto Weekly #67: Warum der Kryptomarkt nach der US-Zinserhöhung diesmal gestiegen ist

Die US-Zinswende hatte den Kryptomarkt mehrfach unter Druck gebracht. Diese Woche ging es nach der Entscheidung der Notenbank Fed jedoch aufwärts. Außerdem: Ethereums Umstieg auf "Proof of Stake" treibt Token mit Bezug zum ETH-Ökosystem weiter an. Und Coinbase hat wieder Probleme mit der US-Börsenaufsicht.
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Bitcoin
Foto: © Adobe Stock

Das brutkasten Crypto Weekly ist unser wöchentliches Briefing zum Kryptomarkt und kann hier als Newsletter abonniert werden. Jeden Freitag blicken wir auf die wichtigsten Kursbewegungen und Nachrichten der Krypto-Woche zurück.


Die Kurstafel:

  • Bitcoin (BTC): 24.000 US-Dollar (+4 % gegenüber Freitagnachmittag der Vorwoche)
  • Ethereum (ETH): 1.720 Dollar (+10 %)
  • BNB: 290 Dollar (+10 %)
  • Solana (SOL): 43 Dollar (+/-0 %)
  • Ethereum Classic (ETC): 43 Dollar (+64 %)

Zunächst Verluste nach starker Vorwoche – dann Stimmungsumschwung

Blicken wir zunächst einmal auf den Markt. Nach der starken Vorwoche standen die Zeichen zu Beginn der neuen Woche zunächst einmal auf Gegenbewegung. Mit über 24.100 Dollar hatte Bitcoin (BTC) in der Vorwoche den höchsten Stand seit mehreren Wochen erreicht gehabt. Zu Beginn der neuen Woche ging es wieder abwärts – bis auf unter 20.800 Dollar.

Bei Ethereum sah es ähnlich aus: Der Ether-Kurs (ETH) sank von über 1.600 Dollar am Wochenende auf rund 1.370 Dollar am Dienstag. 

Angesichts der Kursgewinne der Vorwoche war mit einer Gegenbewegung zu rechnen. Immerhin war beispielsweise Ether alleine in der Vorwoche um mehr als 35 Prozent gestiegen. Hintergrund: Weitere Fortschritte beim “Merge”, den aktuell für September geplanten Umstieg auf den “Proof of Stake”-Konsensmechanismus. Ein dermaßen starker Kursanstieg verleitet zu Gewinnmitnahmen – gerade in einem Marktumfeld mit weiterhin hoher Unsicherheit.

Überraschend waren also nicht die Kursverluste zu Wochenbeginn. Überraschend war viel eher der starke Turnaround am Markt zu Wochenmitte. Denn am Mittwochabend drehte die Marktstimmung – und die meisten der großen Krypto-Assets holten ihre Verluste der Vortage wieder auf.

Warum die US-Zinsentscheidung diesmal für steigende Kurse gesorgt hat

Der Wendepunkt dabei lässt sich recht klar festmachen: Er fiel genau mit der Zinsentscheidung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zusammen. Diese gab am Mittwoch um 20 Uhr mitteleuropäischer Zeit bekannt, das Zielband für den Leitzins noch einmal um deutliche 75 Basispunkte – also um 0,75 Prozentpunkte – anzuheben. Damit liegt es nun bei 2,25 bis 2,50 Prozent. Das ist das höchste Niveau seit rund dreieinhalb Jahren.

Das Problem der Fed ist klar: Die weiterhin hohe Inflationsrate. Im Juni lag diese bei 9,1 Prozent und damit am höchsten Stand seit 1981. Seit Ende des Vorjahres hat die Fed den Märkten einen Kurswechsel signalisiert – weg vom billigen Geld, hin zu höheren Zinsen. 

Den Aktienmärkten bekam dies nicht gut – und auch der Kryptomarkt wurde in Mitleidenschaft gezogen. Im März begann die Fed dann tatsächlich, den Leitzins anzuheben. Im Juni beschleunigte sich das Tempo noch einmal.

Aber Moment. Wenn sich die US-Zinswende bisher immer negativ auf den Kryptomarkt ausgewirkt hatte, warum sorgte die Fed dann diesmal für einen Stimmungsumschwung zum Positiven – noch dazu, wenn die Zinserhöhung recht stark ausgefallen ist?

Gleich vorweg: Nicht nur der Kryptomarkt stieg nach der Zinsentscheidung, auch am US-Aktienmarkt ging es deutlich aufwärts. Die starke Korrelation zwischen Kryptomarkt und Wall Street ist nach wie vor vorhanden.

Die Märkte reagierten auch nicht direkt auf die Zinserhöhung selbst – die ja schon erwartet worden war. Weit interessanter war der Ausblick auf die nächsten Monate. 

Und da war es vor allem ein Aspekt, der positiv aufgenommen wurde: US-Notenbankchef Jerome Powell sagte in seiner Pressekonferenz, dass die Zinsen nun ein Niveau erreicht hätten, an dem sie neutral auf die Wirtschaft wirken würden. Sie stützen die Konjunktur also nicht mehr, aber sie dämpfen sie auch noch nicht. Deshalb, so führte Powell weiter aus, könnte man bei den künftigen Zinssitzungen stärker auf die jeweils aktuellen Wirtschaftsdaten reagieren.

Das heißt aber auch: Die Fed ist nicht mehr unbedingt auf weitere Zinserhöhungen festgefahren – wie bisher angenommen. Wenn die Wirtschaftsdaten schlechter werden, könnte sie die Zinserhöhungen auch stoppen – oder möglicherweise die Zinsen sogar wieder senken. 

Und tatsächlich wurde schon nächsten Tag bekannt, dass die US-Wirtschaft das zweite Quartal in Folge geschrumpft ist – sich also nach einer gängigen Definition in einer Rezession befindet. Dies alleine wird aber noch zu keinem Kurswechsel der Fed führen. Hier werden eben die Wirtschaftsdaten der nächsten Woche eine große Rolle spielen – allen voran die Inflationsdaten für Juli, deren Veröffentlichung für 10. August angesetzt ist.

“Merge”: Ethereums Umstieg auf “Proof of Stake” weiter als Kurstreiber

Kommen wir nun von der Makroebene wieder zurück in den Kryptospace. In der vorigen Ausgabe des Crypto Weekly haben wir die jüngsten Fortschritte bei Ethereums “Merge” und dessen Auswirkungen bereits ausführlich behandelt. Bevor der Umstieg auf “Proof of Stake” am Ethereum-Mainnet erfolgt, muss er noch auf einem letzten Testnet, Goerli, ebenfalls klappen. Auf allen anderen wichtigen Test-Netzwerken ist der “Merge” bereits umgesetzt worden. 

Für die noch ausstehenden Schritte war in der Vorwoche ein grober Zeitplan bekannt geworden – was am Markt als Indiz genommen wurde, dass es nun wirklich ernst wird. Jetzt ist der Zeitplan auch offiziell: Der “Merge” am Goerli-Testnetzwerk wird zwischen 6. und 12. August erwartet. Für 12. August ist um 16 Uhr mitteleuropäischer Zeit auch ein Community Call dazu angesetzt. Dieser Call soll laut Ethereum-Entwickler Tim Beiko “direkt nach dem Goerli-Merge” stattfinden.

Für den “Merge” am Ethereum-Mainnet gibt es weiterhin kein offizielles Datum. Sollte am Goerli-Testnet jedoch alles reibungslos laufen, könnte es bereits in der Woche vom 19. bis 25. September dazu kommen.

Wie schon in der Vorwoche profitierte neben dem eigentlichen Ether-Token (ETH) auch der Preis der auf Lido gestakten Ether (stETH) deutlich um 8 Prozent. Lido ist ein Staking-Pool, der es ermöglicht, auch mit kleineren Beträgen Ethereum-Staking zu betreiben. Auf diese gestakten Ether haben Anleger erst wieder nach dem erfolgreichen “Merge” Zugriff. 

Auch Lidos eigener LDO-Token stieg erneut massiv – um über 40 Prozent seit vergangenem Freitag. Und Ethereum Classic (ETC) profitierte ebenfalls neuerlich: Die 2016 nach dem berühmten DAO-Hack entstandene Blockchain ist technisch gesehen die ursprüngliche Ethereum-Blockchain – und wird auch nicht auf “Proof of Stake” umsteigen. Nach einem Plus von 80 Prozent in der Vorwoche ging es nun noch einmal um über 60 Prozent nach oben. 

Die These hinter diesem Trade dürfte sein, dass die nach dem “Merge” bei Ethereum überflüssig gewordenen Miner auf Ethereum Classic umsteigen könnten. Ob das tatsächlich realistisch ist (und ob es dann die aktuellen Gewinne überhaupt rechtfertigen würde), sei dahingestellt. Die Marktkapitalisierung von Ethereum Classic ist mittlerweile jedenfalls auf knapp 6 Mrd. Dollar gestiegen. ETC liegt damit aktuell auf Platz 18 der größten Krypto-Assets nach Marktkapitalisierung.

Was hinter den neuerlichen Problemen von Coinbase mit der US-Börsenaufsicht steckt

Es ist schon länger bekannt: Die Kryptobörse Coinbase und die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) haben nicht das allerbeste Verhältnis. Besonders deutlich wurde das im Sommer vergangenen Jahres, als Coinbase ein neues Produkt ankündigte, bei dem man dem Verleih von Stablecoins Erträge generieren hätte können. Hätte – denn die SEC sah in dem geplanten Produkt ein Wertpapier. Heißt: Es müsste bei Börsenaufsicht registriert werden und einen entsprechenden Prozess durchlaufen. 

Nach einer Klagsdrohung der SEC zog Coinbase das angekündigte Produkt schließlich zurück. Zuvor hatte Coinbase-CEO Brian Armstrong die Behörde auf Twitter scharf kritisiert. Später legte das Unternehmen sogar Vorschläge zur Reform der Krypto-Aufsicht in den USA vor.

Und jetzt gibt es wieder Ärger. Wie Bloomberg berichtete, führt die SEC seit einiger Zeit eine Untersuchung durch, ob die Börse am US-Markt Token angeboten hat, die dort rechtlich als Wertpapiere einzustufen wären – was illegal wäre, weil Coinbase diese Token eben nicht als Wertpapiere registrieren ließ.

Erst eine Woche zuvor war – unabhängig davon – bekannt geworden, dass das US-Justizministerium und die SEC einen ehemaligen Coinbase-Produktmanager wegen Insiderhandels verfolgen. Im Zuge der Klage nannte die SEC neun Krypto-Assets, die sie als Wertpapiere einstuft. Konkret geht es um folgende Token: AMP, RLY, DDX, XYO, RGT, LCX, POWR, DFX, KROM. Dabei handelt es sich jeweils um eher kleinere Token – abgesehen von AMP (aktuell Platz 76 mit einer Marktkapitalisierung von knapp 700 Mio. Dollar) liegt keiner in den Top 100 der größten Krypto-Assets.

Der Kontext: Ob (und welche) Kryptowährungen in den USA rechtlich als unregistrierte Wertpapiere eingestuft werden könnten oder nicht, ist eine der großen ungelösten Fragen in der US-Kryptobranche. Konkrete und verbindliche Äußerungen in die eine oder andere Richtung vermeidet die SEC zumeist.

Der seit 2021 amtierende SEC-Chef Gary Gensler hat allerdings mehrfach gesagt, dass viele Token seiner Einschätzung nach als Wertpapiere einzustufen seien. Explizit genannt hat er bisher allerdings lediglich Bitcoin – wohlgemerkt als Asset, das eben nicht als Wertpapier einzustufen sei und daher nicht von der SEC, sondern von der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) reguliert werden solle. 

Schon vor Genslers Amtsantritt hatte die SEC einen Prozess gegen Ripple wegen der Kryptowährung XRP gestartet, die von der SEC eben als Wertpapier betrachtet wird. Dieser Rechtsstreit hält weiter an.

Im US-Senat wiederum wurde im Juni eine parteiübergreifender Gesetzesentwurf zur Regulierung von Krypto-Assets ausgearbeitet. Dieser sieht unter anderem vor, dass manche Krypto-Assets unter die Aufsicht der CFTC, andere unter jene der SEC fallen würden. Ein baldiger Beschluss des Entwurfs ist aber nicht zu erwarten. Er dürfte vielmehr nur als Ausgangspunkt für weitere Verhandlungen dienen. 

Unabhängig von den Entwicklungen im Senat hat die SEC aber zuletzt einige öffentlichkeitswirksame Schritte gesetzt – unter anderem reichte sie eine Klage gegen einen ehemaligen Produktmanager der NFT-Handelsplattform OpenSea wegen Insiderhandels ein.


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Ex-Telekom-Austria-CEO Boris Nemšić beim Business Angel Summit in Kitzbühel | Foto: Martin Pacher | brutkasten

Boris Nemšić zählt zu den prägenden Figuren der österreichischen Telekom-Geschichte. 1957 in Sarajevo geboren, kam er 1984 nach Wien, promovierte an der TU Wien und stieg 1997 bei der mobilkom austria ein, die er später als CEO zu einer der führenden Mobilfunkgruppen Zentral- und Osteuropas ausbaute. Bis Anfang 2009 stand er an der Spitze der Telekom Austria Group, danach wagte er den Sprung nach Russland und führte bis 2010 den Telekom-Konzern VimpelCom.

Heute lebt Nemšić in Dubai und ist längst fixer Bestandteil des Startup- und Investoren-Ökosystems: Er ist Industry Advisor bei KKR im Technologie-Bereich, Gründungsmitglied der Austrian Angel Investors Association (aaia) und Aufsichtsrat in mehreren Hightech-Unternehmen, darunter die börsennotierte Frequentis AG. Als Beiratsvorsitzender begleitete er den kroatischen Kommunikationsanbieter Infobip auf dem Weg zum ersten Unicorn des Landes. In Österreich ist er unter anderem am Drohnen-Software-Startup Dimetor, am Fintech Seasonax und am Grazer Video-Tech-Unternehmen eyeson beteiligt.

Beim Business Angel Summit in Kitzbühel saß Nemšić am Panel „Quo vadis Europa und Austria“, das mit der provokanten Frage „Are we fucked?“ eröffnet wurde. Seine Antwort dort machte die Runde, im Gespräch mit brutkasten führt er aus, was er damit meint, warum er das Rennen um generative KI noch nicht verloren gibt und woran seine eigene Initiative gegen SMS-Spam gescheitert ist.


brutkasten: Du bist heuer beim Business Angel Summit und bist in mehrere österreichische Startups investiert. Wie würdest du deine Rolle als Investor selbst beschreiben?

Boris Nemšić: Business-Angel-Investor wäre zu breit als Beschreibung. Was ich für mich selbst gemacht habe, waren frühe Investments, schon in den Zehner-Jahren, in Startups, die in meinem Gebiet tätig sind: Technologie, Telekommunikation, ICT. Dort bilde ich mir ein, dass ich mich ein bisschen auskenne, was nicht immer stimmt. Aber das mache ich mit vollem Herzen. Es geht nicht um ein Finanzinvestment als solches, sondern darum, ob ein Produkt einen Nutzen für die Kunden bringen kann und die Technologie weiterbringt. Und vielleicht ergibt sich auch eine Wertsteigerung.

Gab es in deiner Investorenlaufbahn schon erfolgreiche Exits?

Ich habe bis jetzt größte Misserfolge dokumentiert. (lacht) Die Erfolge kommen noch. Obwohl, ich hatte auch einige, allerdings hauptsächlich in Verbindung mit meiner Tätigkeit für KKR, wo ich Industry Advisor bin und mitinvestieren darf. Das waren durch die Bank hervorragende Investments.

Hast du einen spezifischen Branchenfokus? In welcher Phase steigst du ein?

Natürlich schaue ich, dass ich in einer frühen Phase einsteige, weil da die Tickets so sind, dass ich sie persönlich stemmen und die Chancen ergreifen kann. Es ist hauptsächlich ICT, alles, was sich um die Telekom- oder IT-Industrie dreht. Ich hatte auch positive Exits im Education-Bereich, aber wieder IT-getrieben. Das Gebiet, das mich derzeit sehr interessiert, sind Drohnen. Allerdings Drohnen im Sinne der Kommunikation mit Drohnen, nicht die Drohne selbst. Ein fliegendes Objekt kann fast jeder bauen. Die Frage ist, wie man Drohnen beyond line of sight, also auf lange Distanzen, reguliert und verkehrstechnisch richtig steuert. Man braucht Command and Control. Dass Drohnen inzwischen eher eine Dual-Use- und Defense-Geschichte geworden sind, hat die Geschichte ergeben.

Bei welchem Unternehmen bist du da engagiert?

Bei Dimetor in Österreich, dort bin ich Mitinvestor. Zwei meiner guten Freunde kommen von der gleichen Schule, der TU Wien, junge Doktoranden damals, als ich noch auf der Uni tätig war. Das ist eigentlich ein Brainpool, der fantastisch ist. Wir haben Produkte, die sowohl zivil als auch für Defense möglich sind. Zum Beispiel können wir fliegende SIM-Karten entdecken. Und wenn diese fliegende SIM-Karte in einer Drohne ist, dann kann es unangenehm werden. Wir können das detektieren, und dann kann man entscheiden: Ist das eine freundliche oder eine feindliche? Und dann tut man was damit.

Du lebst aktuell in Dubai. Schaust du dir von dort aus weltweit Startups an oder hast du dennoch einen Österreich-Fokus?

Ich habe vor allem einen Europa-Fokus. Ich habe in Kroatien sehr viel gearbeitet und das erste Unicorn Kroatiens mitbetreut, als wir diese Bewertung bekommen haben. Dubai ist natürlich ein unglaublicher Umschlagplatz. Dort gibt es sehr interessante Firmen, die aus irgendeinem Grund dort ansässig geworden sind. Ich glaube kaum, dass Leute hinkommen und sagen: Ich mache jetzt in Dubai ein Startup, weil Dubai. Das ist nicht der Fall. Dubai hat den Vorteil, sehr nahe an Indien, Bangladesch und Pakistan zu sein, mit einem großen Ingenieurs- und Wissenspool.

Beim Panel „Quo vadis Europa und Austria“ wurdest du gefragt: „Are we fucked?“ Deine Antwort?

Ich habe es ein bisschen frech ausgedrückt: We are not fucked yet. Wir sind im Vorspiel. Das heißt, es kann alles rauskommen. Was ich gemeint habe: Wir nehmen diese Dinge noch nicht ernst. Das ist ein Kritikpunkt, den ich mich traue, sehr laut zu sagen. Was ist Europa? Es ist ein Friedensprojekt. Wir sind reich, wir sind frei, wir sind eigentlich die beste Gegend der Welt. Jeder will zu uns kommen. Und was jetzt passiert, ist: Wir schlafen fast ein und reagieren nicht auf die Entwicklungen, die rund um uns sind. Sind das Kriege? Leider. Sind das Entwicklungen wie AI? Sind das Businessentwicklungen? Am Ende brauchen wir Wachstum, wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft. Was wir als Europa machen, ist hauptsächlich Fokussierung auf Regulierung und Verlangsamung von allem Möglichen. Mich wundert nur, dass sie noch nicht sagen: Ein Fußball darf nicht schneller als sechzig Kilometer pro Stunde fliegen, weil sonst ist es nicht fair. Ich sage das bewusst überspitzt. Es ist traurig, dass wir unsere hervorragenden Ressourcen, unser Wissen, unsere Leute, unser Entrepreneurship verwalten, statt sie freizulassen. Das ist keine Kritik an Österreich. Österreich hat manchmal vernünftige, manchmal supergute Ansätze. Wir können nur als ganzes Europa erfolgreich sein in diesem Rennen.

Kannst du das konkretisieren?

Ich sage es in einer Metapher: In Wien habe ich in der Wohnung meines Sohnes leider fünfzehn Megabit pro Sekunde Internetverbindung. Und er ist weltweit in Competition mit Südkoreanern, die ein Gigabit haben. Wer wird gewinnen? Oder: Wir haben sechzehn Jahre gebraucht, um den Hochspannungsring in Österreich zu schließen. Gott sei Dank ist es, dank dem Verbund und den anderen, zu keinem Blackout gekommen. Wir waren ein paar Mal sehr nahe dran. Warum haben wir das nicht schneller gemacht? Weil wir alles schützen außer den Menschen. Wir schützen jede Pflanze, Hochachtung. Jede Schnecke, Hochachtung. Nur der Mensch, habe ich den Eindruck, ist nicht so wichtig. Ich überspitze ganz bewusst. Da soll man sehr viel pragmatischer sein. Wenn wir schauen, wer heute erfolgreich ist: Es sind die pragmatischen Zugänge, ob in Dubai, in den Emiraten, in China oder in den USA. Ein Problem wird erkannt und die Lösung wird gesucht. Und nicht der Prozess zur Lösung.

Fairerweise muss man sagen: Das sind unterschiedliche politische Systeme. Europa ist eine Demokratie mit 27 Mitgliedstaaten.

Du hast recht. Nur das politische System soll den Menschen dienen und nicht die Menschen behindern. Das ist der große Unterschied. Wir können uns nicht damit rühmen, dass wir ein besseres System haben. Ja, wir haben es. Nur wenn das System uns behindert, dann soll man das System so anpassen, dass es für uns gut ist. Das ist so banal. Aber wir verlieren uns in Parteien, in Strukturen, in Diskussionen. Und im Endeffekt: Ich will Strom haben. Ich will Internet haben. Ich muss Gesundheit haben, Education haben. Es ist keine Ausrede, dass es so lange dauert, weil wir eine Demokratie sind. Das ist eine faule Ausrede, die ich persönlich nicht akzeptieren kann. Noch einmal: Ich lobe keine Diktaturen und Königreiche, bei Gott nicht. Aber wenn man sich anschaut, was in den Emiraten passiert: Es wird ein Ziel gesetzt, das der Wirtschaft, den Menschen, der Entwicklung dient. Und dann wird das durchgezogen.

Wo siehst du das Problem, wenn nicht in einer Fehlkommunikation zwischen Industrie und Politik?

Du bist ja sehr nett. Wenn man Dinge falsch macht, dann sagt man, es ist falsche Kommunikation. Das lasse ich nicht gelten. Die Politik hat alle Möglichkeiten, sich beraten zu lassen, und muss das gesamtheitlicher sehen. Die Politik ist nicht blöd. Sie hat leider oft Partikularinteressen. Und es ist eine nachvollziehbare, aber schwierige Situation, dass immer irgendwo Wahlen sind. Wenn das Interesse an einer Partikularwahl das große ganze Ziel überwiegt, dann haben wir ein Problem. Wenn wir nicht in der Lage sind, das zu lösen, dann werden Systeme, die dieses Problem nicht haben, die Oberhand gewinnen. Schau, was China ist: eine Planwirtschaft, ein Einparteiensystem, alles, was wir eigentlich nicht wollen. Aber die wesentlichen Dinge machen sie richtig. Die haben uns innerhalb von dreißig Jahren in unheimliche Abhängigkeiten gebracht. Unglaublich. Und ich bin sicher, dass das viele Menschen in Europa erkannt haben, nicht heute, sondern vor zwanzig Jahren. Warum reagieren wir nicht? Weil wir kurzfristige Ziele setzen. Das Ziel ist das nächste Quartal, das Ziel ist die nächste Wahl. Statt das große Ganze zu sehen. Wir haben die Wissenschaft, wir haben Hirn, wir haben Geld, wir haben Ressourcen, um breiter und größer zu denken. Nur irgendwo am Weg verlieren wir uns.

Hast du ein Beispiel, wo du selbst an dieser Regulierung gescheitert bist?

Ich habe mich die letzten zwei, drei Jahre mit SMS-Spam beschäftigt. Jeder von uns bekommt irgendwelche blöden SMS, wo oben eine Bank steht, Unicredit oder Bitpanda oder was auch immer, und drinnen steht irgendein Scam. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht: Wie kann man das verhindern? Weißt du, woran ich gescheitert bin? Am deutschen Briefgeheimnis. Das deutsche Briefgeheimnis wird auf SMS angewendet. Wie rückständig und ignorant muss man sein, um das anzuwenden? Es geht darum: Darf ich in den Header der SMS hineinschauen? Wenn dort Unicredit steht und ich erkenne, das ist die falsche Nummer, dann ist es Scam, und dann filtere ich es aus. Es ist so einfach. Die Erklärung ist: Das ist ein Verfassungsgesetz in Deutschland, es geht nicht. Und die Bevölkerung hat Millionen an Schaden. Wen schützen wir jetzt? Die armen Menschen, die auf das reinfallen und Millionen verlieren? Oder wen schützen wir da? Wenn ich krank bin, soll historisch gesehen auch ein Arzt kommen und mir Blut rauslassen statt eine CT zu machen. Ich meine, das ist absurd. Man muss mit der Zeit gehen.

Die Bundesregierung hat einige Maßnahmen für das Innovationsökosystem gesetzt, Stichwort Dachfonds. Wie bewertest du das?

Ich bewerte es positiv, eindeutig positiv. Ich habe mich 2011 als Chef der ÖIAG beworben. Bin es nicht geworden, Gott sei Dank. Eine meiner Thesen damals in meinen Bewerbungsunterlagen war, dass die ÖIAG-Companies, heute ÖBAG, einen Teil ihrer Dividende in einen Forschungsförderungsfonds oder Startup-Fonds einzahlen sollen, damit wir einen Geldpool haben, mit dem wir dieses Ökosystem stärken.

Das war vor fünfzehn Jahren. Jetzt wird genau das diskutiert.

Eben. Wenn eine Idee kommt und man sie fünfzehn Jahre später diskutiert, darf ich ein paar Fragezeichen stellen. Es gibt einen Punkt: Die Zeit kannst du nicht kaufen. Die Zeit kann man fast nie mit Geld erschlagen. Und ich glaube, wir gehen sehr sorglos mit der Zeit um. In der Wirtschaft ist das noch schlimmer.

Gibt es Tipping Points, die schon erreicht sind? In generativer KI etwa haben wir das Rennen doch verloren.

Nein, glaube ich nicht. Da bin ich anderer Meinung als einige Teilnehmer im Panel. Ich bin sicher, dass man das in drei Jahren aufholen kann. Weil das ist pure Force: Du nimmst so viel Geld, baust so viele Data Center. Wir haben die Wissenschaft, wir haben die Leute, die das können. In drei Jahren, so wie DeepSeek das gemacht hat, können wir es schaffen. Das Rennen ist nicht verloren. Es ist nur die Entscheidung, ob man es macht oder nicht. Mir wäre am liebsten, dass wir überhaupt nicht auf die Idee kommen müssen. Nur die Situation ist so, dass irgendjemand in den USA, China oder wo immer sagen kann: Mir gefällt überhaupt nicht, dass Österreich LLMs oder KI hat, ich drehe es ab. Das darf nicht passieren. Das heißt, wir brauchen einen gewissen Grad an Autonomie. Das heißt nicht, dass wir alles nachbilden und doppelt haben müssen. Aber man muss einen gewissen Grad an Selbstständigkeit haben oder mindestens Hebel, um diese Selbstständigkeit erhalten zu können.

In Europa ist nur ASML ein wichtiger globaler Player. Und nachdem er der Einzige ist, ist man erpressbar. Gott sei Dank haben wir das. Aber da sind wir nicht unbedingt die großen Meister. Ich habe noch die Hoffnung, dass sich die KI in eine Richtung entwickelt, dass die Industrievertikalen, die KI anwenden, so stark werden, dass sie sich selbstständig entwickeln. Eine wird in Europa sein, eine in Amerika, eine in Österreich, egal wo. Das wird sich ausgleichen. Aber die Infrastruktur muss man haben. Und auch damit gehen wir nicht besonders proaktiv um. Es ist blöd, dass ein Glasfaseranschluss in Österreich und Deutschland Pi mal Daumen dreitausend Euro kostet und gleichzeitig in Spanien zweihundertsechzig Euro. Es gibt ein paar Gründe dafür, ein paar sind legitim. Aber die Mehrzahl der Gründe ist einfach erfunden. Da sieht man, wie inkonsistent wir agieren.

Du hast sehr viel erreicht in deiner Karriere. Welche Ziele hast du dir noch gesteckt?

Ich habe mir in meiner Karriere, Karriere unter Anführungszeichen, nie persönliche Ziele gesetzt. Ich habe Business-Ziele gesetzt: Wenn ich Vorstand einer Firma bin, will ich diese und jene Ziele erreichen. Aber keine persönlichen Ziele, weil man so offen und so breit sein muss, dass man entscheiden kann, ob man eine Chance wahrnimmt oder nicht. Ich bin nach Russland gegangen, obwohl ich überzeugt bin, dass ich den besten Job in Österreich hatte, zehn Jahre lang.

Beim Summit haben zwölf Startups gepitcht, die noch am Anfang stehen. Was gibst du jungen Unternehmer:innen mit auf den Weg?

Es war interessant, dass die zwölf aus sehr verschiedenen Ecken kommen, was gut ist. Ich persönlich glaube an Startups, die entweder etwas sehr tangibles machen oder ein Businessmodell haben, das global anwendbar ist. Das kann eine kleine Sache sein, aber global anwendbar. Ich hoffe, sie denken in die Richtung, dass sie nicht nur ein kleines Problem lokal lösen, sondern dass ihre Plattform oder ihr Produkt eine globale Anwendung haben kann. Da gibt es viele Chancen, und auch viele Dinge, die man gut überlegen muss.

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