29.04.2022

Crypto Weekly #54: Starke Woche für Bitcoin-Adaption – warum die Kurse trotzdem fallen

Die Zentralafrikanische Republik, Panama, Fidelity, Goldman Sachs - es gab eine ganze Reihe an Bitcoin-News diese Woche. Am Markt ging es dennoch abwärts. Zu den wenigen Gewinnern gehörten die tierischen Coins DOGE und APE. Wir beleuchten alle Hintergründe.
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A coin with the Bitcoin logo
Foto: Adobe Stock

Im brutkasten Crypto Weekly, das hier per Mail abonniert werden kann, blicken wir jeden Freitag auf die wichtigsten Kursbewegungen und Nachrichten der Krypto-Woche zurück. Wie immer starten wir dabei mit einem Blick auf…


…die Kurstafel:

  • Bitcoin (BTC): 38.800 US-Dollar (- 2 % gegenüber Freitagnachmittag der Vorwoche)
  • Ethereum (ETH): 2.800 Dollar (-5 %)
  • Solana (SOL): 95 Dollar (-6 %)
  • Terra (LUNA): 85 Dollar (-11 %)
  • Dogecoin (DOGE): 0,13 Dollar (+1 %)

Bitcoin unter 40.000 Dollar, Ethereum unter 3.000 Dollar

Die Lage: Die Situation am Kryptomarkt bleibt vorerst schwierig. Hatten die Kurse in der zweiten Märzhälfte vorübergehend deutlich zugelegt, verlief der April insgesamt schwach. Auch in den vergangenen sieben Tagen änderte sich daran nichts: Bitcoin bewegte sich weiter um die 40.000-Dollar-Marke. Bei Ethereum waren es wiederum die 3.000 Dollar, um die der Ether-Kurs pendelte. Zuletzt standen beide Coins klar unter den beiden Marken.

Der Kontext: Geht es um den Kryptomarkt, ist eines seit Monaten zu beobachten: Er hängt am US-Aktienmarkt – insbesondere mit der auf Tech-Aktien spezialisierten Börse Nasdaq korrelieren die Kurse stark. Das heißt auch: Ist die Stimmung an den traditionellen Finanzmärkten schlecht, wird der Kryptomarkt in Mitleidenschaft gezogen. 

Derzeit deutet wenig darauf hin, dass sich dieser Gleichklang abschwächen würde. Im Gegenteil: Im April erreichte die Korrelation zwischen dem Bitcoin-Kurs und dem Aktienindex Nasdaq-100 sogar ein Rekordhoch.

Daher sind die Themen, die den US-Aktienmarkt bewegen, auch weiterhin für den Kryptomarkt bestimmend – und das sind jene, die uns ebenfalls schon seit Wochen und Monaten begleiten: Der Krieg in der Ukraine und seine Auswirkungen, die Reaktion der US-Notenbank auf die hohe Inflation. Zuletzt kam auch wieder die angespannte Covid-Situation in Shanghai und anderen Teilen Chinas dazu – deren Auswirkungen auf die globalen Lieferketten ist auch wieder ein Inflationsthema.

All diese Themen sind mit viel Unsicherheit verbunden: Die Inflation ist mittlerweile sowohl in den USA als auch in Europa so hoch, dass die Notenbanken gegensteuern müssen – gleichzeitig ist aber die Frage offen, wie stark der Ukraine-Krieg und die Sanktionen die Wirtschaft wirklich treffen werden. Käme es zu einer Rezession, könnte dies dazu führen, dass die Notenbanken die Zinsen doch nicht so schnell erhöhen können wie angenommen.

Zentralafrikanische Republik erklärt Bitcoin zum gesetzlichen Zahlungsmittel – und Panama verabschiedet Krypto-Regulierung

Es sind also weiterhin Themen auf der Makroebene, die die Kursbewegungen bestimmen. Dabei gab es diese Woche eine ganze Reihe von kryptospezifischen News – vor allem zur Bitcoin-Adaption. Kurzfristig schlugen sich diese nicht in den Kursen nieder. In starken Bullenmärkten werden häufig jegliche Art von positiven Nachrichten als Grund für weitere Kursanstiege herangezogen. Ist die Situation am Markt jedoch angespannt, verpuffen solche Nachrichten oft ohne Auswirkung auf die Kurse. Als weitere Schritte in Richtung einer breiteren Bitcoin-Adaption sind sie langfristig aber natürlich trotzdem positiv.

Welche Entwicklung gab es hier also diese Woche? Allen voran einmal die Nachricht, dass mit der Zentralafrikanischen Republik – nach El Salvador – ein zweiter Staat Bitcoin zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt hat. Im Vorfeld gab es dazu widersprüchliche Infos – geht es wirklich um den Status als gesetzliches Zahlungsmittel oder soll nur ein Rechtsrahmen für die Verwendung von Kryptowährungen geschaffen werden? 

Am Mittwoch wurde dann aber klar: Es dürfte um beides gehen – ein entsprechender Gesetzesentwurf sei vom Parlament einstimmig angenommen und von Präsident Faustin Archange Touadera unterschrieben worden, berichtete die französische Nachrichtenagentur AFP.

Der Hintergrund: Wie El Salvador hat auch die Zentralafrikanische Republik keine eigene Landeswährung. Als Teil der Zentralafrikanische Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft nutzt sie den sogenannten CFA-Franc. Dieser ist mit einem fixen Wechselkurs an den Euro gekoppelt. Und an seinem Status als Landeswährung ändert sich auch weiterhin nichts. Bitcoin ersetzt ihn nicht, sondern wird ein zusätzliches gesetzliches Zahlungsmittel – wie es auch in El Salvador der Fall war, das nach wie vor den US-Dollar verwendet.

OK, aber: Details sind noch keine bekannt. Somit ist auch noch nicht klar, ob das Land beispielsweise eine eigene Wallet für seine Bürger einführen wird (wie es El Salvador mit der Chivo-App tat). Allerdings: Nach Zahlen der Weltbank hatte 2019 in der Zentralafrikanischen Republik nur ungefähr jeder Dritte ein Handy – wobei unklar ist, wie viele davon Smartphones sind (die für mobile Wallets notwendig wären). Zugang zu Breitband-Internet hatten den Zahlen zufolge nur 4 Prozent der Bevölkerung.

Und was ist mit Panama? Auch dort wurde diese Woche im Parlament ein Gesetz zur Regulierung von Kryptowährungen verabschiedet. Mit dem Gesetz sei ein Rechtsrahmen geschaffen worden, der es ermögliche, dass Zahlungen im Alltag mit Kryptowährungen durchgeführt werden, wird der Abgeordnete und Initiator des Gesetzesvorhabens, Gabriel Silva, von Decrypt zitiert.

Zum gesetzlichen Zahlungsmittel – wie in El Salvador oder der Zentralafrikanischen Republik – wird Bitcoin allerdings nicht. Dies stellte Silva in einem von Coindesk zitierten Gespräch in einem Twitter Space klar. Die Verwendung von Kryptowährungen hat nun also eine rechtliche Grundlage erhalten, gleichzeitig ist jedoch niemand in Panama verpflichtet, Krypto-Zahlungen anzunehmen. 

Davon abgesehen sieht das Gesetz vor, dass keine Kapitalertragsteuer auf mit Krypto-Assets erzielte Gewinne anfällt. Der Präsident Panamas muss das Gesetz noch unterzeichnen, dies gilt jedoch als wahrscheinlich.

Das sind die neuen Bitcoin-Pläne der US-Finanzriesen Fidelity und Goldman Sachs

Doch auch aus den USA gab es diese Woche zwei durchaus bemerkenswerte Bitcoin-Meldungen: Zunächst einmal von Fidelity, einem der größten Vermögensverwalter der Welt. Zu dessen breiter Produktpalette gehören in den USA unter anderem sogenannte 401(k)-Pläne. Dabei handelt es sich um ein Modell der privaten Pensionsvorsorge, bei dem Angestellte Beiträge steuerbegünstigt einzahlen können. Abgewickelt wird es über die Arbeitgeber.

Die Zahlen: In den USA betreut Fidelity derzeit solche Pläne für rund 23.000 Unternehmen. Nach Zahlen des Analyseunternehmens Cerulli Associates steckten 2020 rund 2,4 Billionen Dollar in solchen 401(k)-Konten von Fidelity. Die sind häufig in Aktien oder Indexfonds (ETFs) investiert. 

Künftig könnten solche Gelder auch in Bitcoin fließen, wie Fidelity diese Woche angekündigt hat. Die Option soll noch in diesem Jahr verfügbar gemacht werden. Bereits jetzt ist schon bekannt, dass MicroStrategy dabei sein wird – die Softwarefirma von Michael Saylor ist auch jenes US-Unternehmen mit den höchsten Bitcoin-Beständen in der eigenen Bilanz.

Die Einschränkungen: Grundsätzlich soll das Angebot allen 23.000 Unternehmen offenstehen – allerdings entscheiden diese selbst, ob sie ihren Angestellten die Bitcoin-Option auch tatsächlich anbieten. Und wenn sie es tun, können sie eine Obergrenze einziehen, welcher Prozentsatz der eingezahlten Beträge in Bitcoin fließen dürfen. Dieser Anteil kann maximal mit 20 Prozent festgelegt werden, wie die New York Times berichtete.

Der Kontext: Die Adaption von Bitcoin und anderen Kryptowährungen durch institutionelle Anleger wie Vermögensverwalter oder Pensionsfonds ist seit vielen Jahren eines der zentralen Argumente von Krypto-Bullen: Institutionelle Anleger bewegen im Gegensatz zu kleinen Privatanlegern eben die wirklich großen Summen – und wenn sie in den Markt kommen, würden das die Kurse entsprechend anziehen lassen.

Dazu passend: Das jüngste Bitcoin-Rekordhoch gab es im vergangenen November – als der erste am US-Markt zugelassene Bitcoin-Futures-ETF startete. Und 401(k)-Pläne fallen in dieser Hinsicht in eine ähnliche Kategorie wie ETFs: Sie ermöglichen es der breiten Masse, vergleichsweise unkompliziert in Bitcoin oder andere Kryptowährungen zu investieren – und können damit ein entscheidender Aspekt bei der Bitcoin-Adaption sein.

Und da war noch etwas: Auch von einem weiteren großen Akteur aus der US-Finanzbranche gab es diese Woche Bitcoin-News: Goldman Sachs. Schon länger hatte es Gerüchte gegeben, dass die Großbank möglicherweise Bitcoin-besicherte Kredite anbieten könnte – wie auch bereits im Crypto Weekly #35 Anfang Dezember berichtet.

Etwas vereinfacht gesagt würden Kreditnehmer Bitcoin als Sicherheit hinterlegen und dafür Dollar-Kredite von der Bank erhalten. Nun hat Goldman tatsächlich den ersten derartigen Kredit vergeben, berichtete Bloomberg. Für Goldman sei vor allem interessant gewesen, das Produkt zu strukturieren, aber auch das (bei Bitcoin notwendige) 24-Stunden-Risikomanagement, wird eine Sprecherin in dem Bericht zitiert.

DOGE einziger Top-20-Coin mit positiver 7-Tages-Performance – wieder mal dank Musk

Das war jetzt eine ganze Reihe an Bitcoin-News. Werfen wir daher zum Schluss noch einen Blick auf zwei tierische Coins – die auf 7-Tages-Sicht zu den ganz wenigen Kursgewinnern gezählt haben. 

Das wäre zunächst einmal Dogecoin. Unter den Top-20-Kryptowährungen ist der Meme Coin die einzige, die seit vergangenem Freitag eine positive Performance aufweist. Hintergrund ist hier einmal die Saga rund um Elon Musks geplante Übernahme von Twitter. 

Durch ist die zwar immer noch nicht fix, aber diese Woche kam es immerhin schon zu einer Einigung zwischen dem Tesla-CEO und dem Twitter-Management. Das verlieh dem DOGE-Kurs am Montag vorübergehend ziemlichen Auftrieb. Bis Mittwoch gab er dann aber einen großen Teil dieser Gewinne auch schon wieder ab. 

Ob es überhaupt irgendeinen Sinn ergibt, dass der DOGE-Kurs auf Musk-News zu Twitter reagiert, wurde in Crypto Weekly #51 und Crypto Weekly #52 bereits behandelt. Die Kurzfassung: Dass Dogecoin in einer Welt, in der Elon Musk Twitter besitzt, etwas mehr wert sein sollte als in einer Welt, in der das nicht der Fall ist, ist durchaus gerechtfertigt. Musk ist ein großer DOGE-Fan und hat Dogecoin immer wieder mit seinen Aussagen gepusht. Gehört ihm Twitter, ist es wahrscheinlicher als vorher, dass Twitter Dogecoin in irgendeiner Form integrieren wird. Nicht unbedingt, weil es sinnvoll ist – vielleicht auch nur, weil Musk es lustig findet. 

Und ist Dogecoin bei einer der wichtigsten Social-Media-Plattformen integriert, ist es zumindest ein kleines bisschen wahrscheinlicher, dass DOGE in der realen Welt in irgendeiner Form genutzt werden wird. Von der Richtung her stimmt die Kursreaktion also einigermaßen. Dann haben wir aber eben noch die absolute Höhe der derzeitigen Bewertung von DOGE – und die liegt bei 18 Mrd. US-Dollar. Bei einem realen Nutzen, der sich wohl geringfügig über null befindet. Wer das rechtfertigen möchte, braucht sehr viel Fantasie. Oder möglicherweise bewusstseinserweiternde Substanzen. Oder beides – und noch mehr.

Was hinter dem Kursplus von 50 Prozent bei ApeCoin steckt

Der Token des NFT-Projekts “Bored Ape Yacht Club” (BAYC) hatte bereits in der Vorwoche deutlich zugelegt. Hintergrund: Trader spekulierten auf bald beginnende Verkäufe von virtuellen Grundstücken für das Metaverse-Projekt Otherside, hinter dem mit Yuga Labs die Machter des BAYC stehen. Yuga Labs hatte bereits zum APE-Start angekündigt, ApeCoin für alle neuen Produkte und Dienstleistungen einzusetzen.

In der Vorwoche war an dieser Stelle bereits davon die Rede, dass es den Kurs noch einmal stützen könnte, wenn die Pläne konkreter werden. Genau das ist dann passiert: Yuga Labs kündigte zunächst den Start für 30. April, also diesen Samstag, an. Am Donnerstag folgten dann weitere Details: Die Verkäufe werden nicht als sogenannte niederländische Auktionen (bei der immer niedrigere Preise ausgerufen werden, bis sich ein Käufer findet) durchgeführt. Stattdessen soll es nun Fixpreise von 305 APE geben. 

Dem Apecoin brachte die Ankündigung am Donnerstagabend noch einmal einen ziemlichen Push. Der Kurs stieg zwischenzeitlich bis auf fast 27 Dollar. Zuletzt wurde er mit etwas unter 21 Dollar gehandelt – was aber noch immer ein 7-Tages-Plus von über 50 Prozent bedeutet. Ob es sich dabei um eine nachhaltige Aufwärtsbewegung handelt, darf bezweifelt werden. Jedenfalls aber liegt APE gemessen an der Marktkapitalisierung mit 6 Mrd. Dollar mittlerweile in den Top 25 der größten Kryptowährungen.

Weitere Storys diese Woche:

  • Das Wiener Krypto-Startup Coinpanion arbeitet mit dem deutschem Bankhaus Scheich an neuen Produkten. Zu unserem Artikel dazu geht es hier.   
  • Das Linzer Startup Blockpit geht neue Wege bei der Mitarbeiterbeteiligung – mit tokenisierten Unternehmensanteilen und Phantom Shares. Die Details gibt’s hier.
  • Die Modul University Vienna hat ein NFT-Projekt zu Gunsten des St. Anna Kinderspitals gestartet. Mehr dazu hier im Artikel

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Bits & Pretzels Mitgründer und Managing Director Bernd Storm van's Gravesande © Bits & Pretzels

Weißwurst zum Frühstück, Brezn zur Beteiligungsverhandlung: Wenn München jedes Jahr im Herbst zur Wiesn bläst, verwandelt sich ein Teil der Stadt gleichzeitig in die größte Gründerbühne Europas. Seit 2014 zählt die Bits & Pretzels zu den wichtigsten Innovationsevents des Kontinents. Größen wie Barack Obama oder Arnold Schwarzenegger haben in München bereits ihre Weisheiten mit dem Publikum geteilt. Bei der dreitägigen Konferenz geht es aber nicht nur um Inspiration, sondern vor allem um Austausch und potenzielle Kundengewinnung. Genau darin sieht Bits-&-Pretzels-Mitgründer und Managing Director Bernd Storm van’s Gravesande eine relevante Alternative zur klassischen Kapitalaufnahme über VCs.


brutkasten: Die polarisierende These, mit der wir heute starten: VCs sind out, Corporates sind in. Wie kommst du dazu?

Bernd Storm van’s Gravesande: Ich möchte die zentrale und wichtige Rolle von VCs damit überhaupt nicht kleinreden – ohne Venture Capital gäbe es das ganze Startup-Ökosystem nicht, das muss uns klar sein. Aber die Überspitzung dient natürlich auch dazu, dass wir erkennen: Für viele Startups – nicht für alle – gibt es Alternativen. Nämlich, dass ein Ankerkunde manchmal passender ist als ein Ankerinvestor. Da muss man immer definieren: für wen, für welches Startup, in welcher Phase.

Aber ein Ankerkunde kann sehr wertvoll sein. Nehmen wir ein Beispiel, das gerade in aller Munde ist: Defense. Wir haben die Helsings, die Quantum Systems und so weiter. Das ist eine spezielle Branche, aber das Muster dahinter erkennen wir auch in anderen Branchen. Bei all diesen hast du nicht nur reine VCs, sondern etwa mit der Bundeswehr oder mit internationalen Staaten ganz konkrete Kunden, mit denen du nicht nur über potenzielle Umsätze sprichst, sondern über ganz konkrete.

Wenn du als Startup schon zahlende Kunden mitbringen kannst, ist das so viel mehr wert als jede Powerpoint oder Marktanalyse. Das ist der eigentliche Proof. Du hast einen Ankerkunden und das ist sehr viel wert, auch für künftige Partner- und Kundenbeziehungen oder spätere Finanzierungsrunden.

Ist das eine Entwicklung, die du erst in letzter Zeit beobachtest, oder war das eigentlich immer schon so?

Die Rahmenbedingungen haben sich verändert, es geht verstärkt in diese Richtung. Vor vier, fünf Jahren war Kapital sehr günstig, Venture Capital war auch leichter in höheren Bewertungsrunden aufzunehmen. Da war es nicht so zwingend notwendig, zähe Corporate Deals einzugehen. Diese Rahmenbedingungen haben sich geändert.

Gleichzeitig haben sich aus meiner Sicht auch die Corporates selbst entwickelt. Vor zehn Jahren war es fancy, Acceleratoren und Innovation Labs zu haben, Innovationsprogramme – ein bisschen Schaufensterdekoration. Daraus ist inzwischen ein existenzieller Druck geworden, vor allem im Bereich KI. Die Corporates sehen die Innovation von Startups nicht mehr als Nice-to-have, sondern stehen so stark unter Druck, dass sie darauf angewiesen sind und überlegen müssen, wie sie diese intern nutzen können. Das sind die zwei Hauptfaktoren, die sich geändert haben: die Rahmenbedingungen für die Kapitalaufnahme und die Dringlichkeit der Corporates, externe Innovation aufzunehmen oder mit Startups zusammenzuarbeiten.

Bei der Bits & Pretzels haben wir ja nicht nur Investoren und Kunden, sondern auch 500 CIOs, weil wir verstehen, dass diese künftige Kunden- oder Entwicklungsbeziehung in unserer Wirtschaft notwendig sein wird – wir reden über Europa, über Deutschland. Das ist keine temporäre Reaktion, nach dem Motto: Weil Kapital teurer ist, machen wir eben was anderes. Es geht klar in die Richtung, dass man idealerweise sehr früh im Rahmen der Produktentwicklung gemeinsam mit Ankerkunden erste Umsätze generiert und am Markt Fortschritte erzielt.

Gibt es Red Flags, bei denen du sagen würdest: Finger weg von dieser Corporate-Venturing-Beziehung?

Red Flag ist ein hartes Wort, aber vorsichtig wäre ich bei Innovationslaboren. Ich würde jedem empfehlen, direkt zum Bereichsleiter oder zur Bereichsleiterin mit Umsatz- und Kostenverantwortung zu gehen, weil man dann bei den Entscheider ist. Ich würde mich nur eng committen, wenn man einen Kontakt auf Vorstands- oder Bereichsvorstandsebene hat – einen C-Level-Sponsor, weil man sonst nicht alle Türen öffnen kann.

Man muss sich vor Augen halten: Wenn du ein Corporate als Kunden siehst, ist das ein toller Proof, aber auch ein Riesen-Pain. Ein häufiges Problem, ein Stolperstein, ist die Geschwindigkeit. Wenn ich als kleiner Gründer an einen DAX-Konzern herantrete, bin ich startklar, ich fange morgen mit der Entwicklung an. Aber die brauchen so viele Abstimmungen – Rechtsabteilungen, Bereichsleiter, Einkaufsprozesse, Integrationsschnittstellen, IT-Implementierungsbudgets. Das dauert. Das muss man als Gründer wissen, das geht nicht von heute auf morgen. Was ich aus eigener Erfahrung und von vielen anderen auf der Bits & Pretzels gehört habe, nenne ich „Pilotitis“: Lass uns mal einen kostenlosen Proof of Concept machen und dann weitersehen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit geht das nie in den Echtbetrieb, das ist die falsche Herangehensweise.

Beim Thema Kundenrisiko: Wenn Corporates Exklusivität wollen, dann höchstens temporär, sechs, zwölf Monate, aber bitte nicht 24 Monate – sonst bist du gefangen und kannst nur hoffen, dass sie dir Folgeprojekte geben. Ein weiteres mögliches Warnsignal: Wenn sich der Einkaufsprozess so in die Länge zieht, dass etwa ein Betriebsrat zustimmen muss, sollte man sich fragen, ob das trotzdem der richtige Kunde ist – als Gründer hat man ja ohnehin schon Zeitdruck, etwas FOMO und ein bisschen Paranoia.

Wo passen die VCs in diesem Bild trotzdem noch rein? Wo macht es weiterhin mehr Sinn, auf VC zu setzen statt auf Corporates als Pilotkunden?

Grundsätzlich immer, wenn man ein skalierbares Tech-Business-Modell hat. Ich sage nur, dass VC nicht mehr die einzige Option ist. Die Anzahl der Finanzierungsrunden geht runter, die Anzahl der Gründungen geht hoch – also müssen sich Gründer zwangsläufig überlegen, wo sie außer von VCs Geld herbekommen. Umsatz ist das neue Risikokapital, plakativ gesagt. Das kann für viele funktionieren, weil nicht alle von Milliardenrunden wie bei Helsing oder von den gerade raisenden Health-Tech-Companies gesegnet sind. Wir reden auch über den Mittelstand der Gründungen, der ebenfalls Umsatz braucht – und kein VC-Geld zu bekommen heißt nicht automatisch, keinen Erfolg am Markt zu haben. Viele bekommen keinen VC. Und ich plädiere dafür, zu überlegen, dass Umsatz auch gutes, für viele sogar das passende Kapital sein kann.

Auf der Bits & Pretzels findet auch heuer wieder der CIO AI Summit statt, den ich intern kuratiere und hoste. Da kommen 500 CIOs aus dem deutschen Mittelstand, aus der deutschen Industrie und von Großunternehmen zusammen, tauschen sich zunächst untereinander aus, und dann öffnen wir den Raum, damit jeder Gründer und jede Gründerin mit ihnen in Kontakt treten kann. Genau das sind mögliche Kontaktpunkte, um Ankerkunden zu gewinnen – und auch für jedes österreichische Startup, das den deutschen Markt als relevant erachtet, eine sehr effiziente Möglichkeit, Industriekontakte zu knüpfen.

Wenn wir schon bei der Bits & Pretzels sind: Wie ist es euch eigentlich gelungen, Steven Bartlett heuer als Speaker zu gewinnen und auf welche Highlights darf man sich sonst noch freuen?

Beharrlichkeit. Es ist nicht das erste und nicht das zweite Mal, dass wir angefragt haben, das erste Mal ungefähr 2024. Wir haben als Veranstalter den Luxus, aber auch die Bürde, zu überlegen, wer passt, wer motiviert, wer inspiriert, wer den Leuten Energie im Raum gibt und die Gespräche entfacht. Und da waren wir uns immer einig, dass Steven Bartlett ein toller Mensch ist – selbst Gründer, und durch seine Empathie in seinen Interviews betont er immer wieder genau diesen menschlichen Aspekt hinter dem Unternehmen, hinter der Gründung. Das passt sehr gut zu unserem heurigen Motto „Human After All“. Dazu kommt seine enorme Expertise: Er ist ein sehr guter Speaker, ein bisschen Celebrity, aber eben auch ein fantastischer Fachexperte, der die Leute begeistern kann – und das wollen wir. Also leider keine wahnsinnige Story von einem zufälligen Treffen beim Kaffee in London, sondern schlicht Hartnäckigkeit, bis er endlich Zeit hatte.

Ein bisschen in dieselbe Richtung geht auch Trevor Noah, den wir ebenfalls dabei haben: Auch er ist Unternehmer, hat für Microsoft eine KI-Serie gemacht, ist also vom Fach. Ich glaube, solche Personen können unsere Themen nochmal ganz anders beleuchten, aus einer anderen Perspektive, und die Leute begeistern. Ein bisschen Out-of-the-box-Denken eben – deshalb holen wir sie.


Die Bits & Pretzels 2026 findet heuer von 28. bis 30. September 2026 wieder in München statt.

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