18.02.2022

Crypto Weekly #45: Warum die Stimmung am Markt angespannt bleibt

Außerdem diese Woche: BlockFi zahlt in den USA eine Rekordstrafe von 100 Mio. Dollar. Das USDC-Unternehmen Circle verdoppelt seine Bewertung auf 9 Mrd. Dollar. Bitpanda will wöchentlich neue Coins listen. Und Charlie Munger vergleicht Kryptowährungen mit Geschlechtskrankheiten.
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Bitcoin Krypto
Foto: Adobe Stock

Im brutkasten Crypto Weekly, das hier per Mail abonniert werden kann, blicken wir jeden Freitag auf die wichtigsten Kursbewegungen und Nachrichten der Krypto-Woche zurück. Wie immer starten wir auch Ausgabe 45 mit einem Blick auf…

…die Kurstafel:

NameKurs7-Tages-Performance
BitcoinBTC40.400 Dollar-7%
EthereumETH2.900 Dollar-7%
Binance CoinBNB400 Dollar-3 %
SolanaSOL94 Dollar-11 %
CardanoADA1,02 Dollar-12 %
XRPXRP0,78 Dollar-4 %
PolkadotDOT18 Dollar-11 %
TerraLUNA51 Dollar-6 %
Alle Daten sind von coinmarketcap.com und am Stand von Freitagnachmittag/Kursveränderungen gegenüber Freitagnachmittag der Vorwoche

Stimmung am Kryptomarkt bleibt angespannt

Die Fakten: Es war eine Woche mit reichlich Auf und Ab am Kryptomarkt, die Nervosität ist weiterhin spürbar. Weiterhin hängt der Kryptomarkt stark an den traditionellen Finanzmärkten. Größter Kurstreiber in den vergangenen sieben Tagen: Der Konflikt in der Ukraine.

Am vergangenen Freitagabend sorgten Berichte für Unsicherheit, wonach es laut Informationen der USA schon Anfang der Folgewoche zu einer russischen Invasion in der Ukraine kommen könnte. Am Dienstag wiederum gab Entspannungssignale: Russland kündigte an, einige Truppen von der Grenze zur Ukraine abzuziehen – was die Kurse sowohl an den Aktienmärkten als auch am Kryptomarkt steigen ließ. Doch schon am Donnerstagabend schien sich die Situation neuerlich zuzuspitzen – und die Kurse gerieten wieder unter Druck. Bitcoin hielt sich beispielsweise nur knapp über der 40.000-Dollar-Marke, Ether fiel wieder unter die 3.000-Dollar-Schwelle. An den traditionellen Finanzmärkten verlor der Nasdaq-100, der wichtigste Index der US-Techbörse, knapp 3 Prozent.

Der Kontext: Die Situation ist seit Wochen die gleiche: Der Kryptomarkt kann sich nicht vom US-Aktienmarkt entkoppeln. Und da sind es vor allem zwei Themen, die immer wieder für Unruhe sorgen: Die geplanten Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed einerseits und eben der Konflikt in der Ukraine andererseits. Die Unsicherheit an den Märkten führt dazu, dass sich die Anleger von als riskanter wahrgenommenen Assets trennen – und dazu zählen neben Tech-Aktien eben insbesondere Krypto-Assets. Gefragt sind dagegen defensive Aktien von Unternehmen, deren Geschäftsmodell robuster gegenüber der Wirtschaftsentwicklung oder Ereignissen auf der Makroebene ist, aber auch Anleihen und Gold. 

Und so häufig Bitcoin auch als “digitales Gold” bezeichnet wird – in der Realität wird es derzeit weiterhin wie ein “Risk Asset” gehandelt. Für die übrigen Kryptowährungen gilt das ohnehin. Was heißt das nun für den Kryptomarkt? Vor allem eines: Die Gründe für die Kursschwäche liegen auf der Makroebene. Und nur dort können sie gelöst werden. Solange sich der Kryptomarkt nicht von den traditionellen Finanzmärkten entkoppeln kann – und darauf deutet für die nächste Zeit wenig hin – muss man immer darauf gefasst sein, dass Entwicklungen in der Ukraine oder Aussagen von US-Notenbankern die Kurse beeinflussen. Geopolitische Entwicklungen zu prognostizieren, ist selbst für Experten schwer. Für Trader ohne spezielle Expertise in diesem Bereich umso mehr. 

Dazu kommt noch die Situation rund um die US-Zinsentwicklung. Daher dürfte es für viele keine schlechte Idee sein, einem Rat des Traders Cantering Clark zu folgen, den dieser kürzlich auf Twitter geteilt hat: Für die meisten sei es wohl am besten, erst nach der Zinssitzung der US-Notenbank im März wieder an den Markt zurückzukehren, schrieb er sinngemäß. Das Treffen findet von 15. bis 16. März statt. “HODLer” wiederum sind auf solche Ratschläge ohnehin nicht angewiesen – als langfristig orientierter Anleger kann man sich zurücklehnen und die Schlagzeilen ignorieren.

BlockFi zahlt 100 Mio. Dollar für Vergleich mit US-Börsenaufsicht

Die Fakten: Eine satte Strafe hat die Krypto-Lending-Plattform BlockFi ausgefasst: 100 Mio. Dollar zahlt das Unternehmen, um einen Rechtsstreit mit der US-Börsenaufsicht beizulegen. Es ist nach Angaben von Axios die höchste Strafe, die jemals gegen ein Kryptounternehmen in den USA verhängt worden ist. BlockFi hatte seit März 2019 US-Kunden die Möglichkeit geboten, ihre Krypto-Assets gegen Zinsen zu verleihen. Dieses Produkt hätte BlockFi aber gemäß dem Wertpapiergesetz bei der SEC registrieren müssen, stellte die Behörde nun klar. Außerdem habe BlockFi die Anleger nicht ausreichend über ihr Risiko aufgeklärt, bemängelte die SEC weiter.

Fehlverhalten musste BlockFi im Rahmen des Vergleichs nicht explizit einräumen, allerdings stimmte das Unternehmen darin zu, das bemängelte Lending-Produkt in den USA nicht mehr anzubieten. Gleichzeitig kündigte BlockFi an, ein neues Lending-Produkt bei der SEC registrieren zu lassen.

Der Kontext: Der seit April 2021 amtierende SEC-Chef Gary Gensler hat immer wieder klar gemacht, dass er die Krypto-Branche für zu wenig reguliert hält – insbesondere auch den Bereich Decentralized Finance (DeFi). Im vergangenen Sommer musste Coinbase etwa den Start eines geplanten Lending-Produkts absagen, weil die SEC darin unerlaubte Wertpapierverkäufe sah. Das dürfte jedoch erst der Anfang gewesen sein. In der Aussendung zum BlockFi-Vergleich rief die SEC nun auch andere Lending-Anbieter auf, ihre Produkte bei der Börsenaufsicht registrieren zu lassen.

Bei BlockFi versucht man zumindest nach außen hin, die Sache positiv zu sehen: Die Einigung mit der SEC sei ein Meilenstein, der regulatorische Klarheit für die Branche wie auch für BlockFi-Kunden bringe, wurde Gründer und CEO Zac Prince in einem Blogeintrag des Unternehmens zitiert. Der auf digitale Assets spezialisierte Anwalt Max Dilendorf dagegen sprach gegenüber TechCrunch von einem “riesigen Rückschlag” für das Krypto-Lending-Ökosystem. Dessen Geschäftsmodell sei nun “ausgelöscht” worden. Kleinere Akteure würden die für die regulatorischen Abläufe notwendigen Kosten nicht stemmen können.

Stablecoin-Anbieter Circle erhöht Bewertung auf 9 Mrd. Dollar

Die Fakten: Circle, das Unternehmen hinter dem aktuell zweitgrößten Stablecoin USDC, hatte bereits im vergangenen Juli vermeldet, über eine Fusion mit einer leeren Börsenhülle, einer sogenannten Special Purpose Acquisition Company (SPAC), an die New Yorker Börse gehen zu wollen. Diese Woche wurde nun aber bekannt, dass die Bedingungen dazu deutlich nachgebessert wurden. Hatte man sich im vergangenen Sommer zunächst auf eine Bewertung von 4,5 Mrd. US-Dollar geeinigt, so liegt sie nun doppelt so hoch bei 9 Mrd. Dollar.

Der Kontext: Der Grund für die Nachbesserung liegt auf der Hand – in dem guten halben Jahr, seitdem der Deal angekündigt worden war, hat sich doch einiges getan. Dies führt auch Circle in einer Aussendung an: Die höhere Bewertung spiegle den verbesserten Finanzausblick und die bessere Wettbewerbsposition von Circle wider, “insbesondere das Wachstumstum und den Marktanteil von USDC, einer der am schnellsten wachsenden Dollar-Digitalwährungen”. Die Marktkapitalisierung von USDC liegt aktuell bei rund 50 Mrd. US-Dollar – ungefähr doppelt so hoch wie noch im Juli. Größer als USDC ist im Stablecoin-Bereich damit nur mehr der sehr umstrittene Konkurrent Tether.

Charlie Munger vergleicht Kryptowährungen mit Geschlechtskrankheiten

Die Fakten: Charlie Munger als legendären Investor zu bezeichnen, ist wahrscheinlich noch untertrieben. Der 98-Jährige gilt als “rechte Hand” von Warren Buffett und ist die Nummer 2 beim Investmentunternehmen Berkshire Hathaway. Meldet er sich zu Wort, produziert dies meist Schlagzeilen in den Finanzmedien – und so war es auch diese Woche wieder. Auf der diesjährigen Hauptversammlung des Verlagshauses Daily Journal in Los Angeles äußerte er sich unter anderem auch zu Kryptowährungen – und zwar alles andere als positiv: “Ich habe sicher nicht in Krypto investiert. Ich bin stolz darauf, es vermieden zu haben. Es ist wie eine Art von Geschlechtskrankheit”, sagte Munger. Er fühle sich mit unterschiedlichen Arten von Investmentmöglichkeiten nicht wohl und ein alter Mann habe wohl das Recht, dort zu investieren wo er wolle, sagte er weiter.

Der Kontext: Dass Munger – wie auch sein Partner Warren Buffett – kein Fan von Bitcoin oder anderen Kryptowährungen ist, war länger bekannt. In der Vergangenheit hatte er bereits gesagt, dass es besser wäre, Kryptowährungen wären nie erfunden worden und dass China mit seinem Vorgehen gegen Kryptowährungen die richtige Entscheidung getroffen habe.

Das US-Wirtschaftsmagazin Fortune stellte diese Woche die Frage, wie das denn mit dem Investment von Berkshire Hathaway in die seit Dezember börsennotierte brasilianische kryptofreundliche Neobank Nubank zusammengeht. Zahlreiche Krypto-Medien griffen dies dankbar auf. Buffett und Munger waren bei Nubank bereits im Juni 2021 eingestiegen und hatten im Zuge des Börsengangs noch einmal aufgestockt. Allerdings muss man hier auch relativieren: Nubank ist kein Krypto-Broker und bietet auch keine Investments in Krypto-Assets an. Lediglich Krypto-ETFs befinden sich im Produktportfolio. Munger wird damit leben können.

Bitpanda will wöchentlich neue Krypto-Assets listen

Die Fakten: Bitpanda hat diese Woche angekündigt, sein Angebot an Krypto-Assets deutlich ausweiten zu wollen. Ab März sollen demnächst wöchentlich neue Coins und Token dazukommen. Krypto-Projekte haben nun auch die Möglichkeit, ihre Coins über ein Bewerbungsformular bei Bitpanda einzureichen. Das Unternehmen verspricht dabei, sämtliche Anfragen zu prüfen. Welche Coins tatsächlich gelistet werden, entscheidet ein Komitee. 

Der Kontext: Erst vor wenigen Wochen hatte das Wiener Investment-Fintech sein “Bitpanda Stocks”-Angebot, das Investments in Aktien und ETFs über Derivate ermöglicht, deutlich ausgeweitet. Mittlerweile sind in Summe über 1.000 Assets auf der Plattform verfügbar. Langfristig, hatte Bitpanda-Co-CEO Paul Klanschek bereits im Vorjahr in einem brutkasten-Interview gesagt, ist ohnehin das Ziel, „alle handelbaren Wertpapiere auf unsere Plattform zu bringen“.

Weitere News diese Woche:

  • brutkasten-Koluminst Niko Jilch startet einen unter dem Namen “Was Bitcoin bringt” einen eigenen Podcast und einen YouTube-Kanal. Alle Details gibt’s in unserem Artikel, Niko war diese Woche auch in unserem Podcast “Editor’s Choice” zu Gast, um über unterschiedliche Kritikpunkte an Bitcoin zu sprechen.
  • die New York Stock Exchange (NYSE) beschäftigt sich mit dem Thema Non-Fungible Token (NFT) und hat dazu bereits Patente eingereicht. Hier geht’s zum Artikel.
  • Ebenfalls Pläne im NFT-Bereich hat Snoop Dogg mit seinem Label Death Row Records, das er kürzlich übernommen hat. Hier alle Infos.
  • Das auf die Analyse von Blockchain-Daten spezialisierte Unternehmen Chainalysis hat diese Woche seinen “Crypto Crime Report” veröffentlicht. Was drinnen steht, findet ihr hier.

Hier geht’s zu allen Folgen des brutkasten Crypto Weekly


Disclaimer: Dieser Text sowie die Hinweise und Informationen stellen keine Steuerberatung, Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Sie dienen lediglich der persönlichen Information. Es wird keine Empfehlung für eine bestimmte Anlagestrategie abgegeben. Die Inhalte von brutkasten.com richten sich ausschließlich an natürliche Personen.

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Andreas Klinger ist einer der Initiatoren von EU Inc | (c) brutkasten / Dervisevic
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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Nach mehreren Karrierestationen bei großen Tech-Unternehmen kehrte der Österreicher Andreas Klinger während der Coronakrise aus dem Silicon Valley nach Europa zurück. Mittlerweile zählt er mit seinem Fonds Prototype zu den einflussreichsten Deeptech-Investoren des Kontinents und kämpft mit der Initiative „EU Inc.“ für einen geeinten europäischen Markt. Im Interview spricht er darüber, worauf er bei Investments schaut, über Robotics als Europas Chance, die Schwächen des EU-Inc.-Entwurfs – und darüber, warum die EU für ihn nur ein „Debattierklub“ ist.


brutkasten: Dein Fonds Prototype wurde kürzlich von 20VC als zweitbester Microfund Europas genannt. Du selbst wurdest von Dealroom unter die Top 30 der „Most Influential People in Deeptech in Europe“ gelistet. Was ist dein Erfolgsrezept?

Andreas Klinger: Glück. Glück in der Karriere zu haben würde ich auch jedem empfehlen.

Du sprichst deine Karriere an: Du warst beispielsweise CTO von Product Hunt. Wie hilft dir das, was du zuvor gemacht hast, jetzt als Investor?

Fast alle Stationen in meiner Karriere – egal ob als Founder, bei Product Hunt, AngelList oder On Deck – haben mir eine sehr gute Metaperspektive auf Startups gegeben. Also nicht nur auf eine spezifische Branche, sondern auf Startups als eigene Gesamtmechanik, oder wie man in der Ökonomie sagen würde: wie man Hochrisiko-Investments in der Innovation Economy macht. Diese Metaperspektive gibt mir einen gewissen Vorteil, den der typische Investor nicht hat. Wobei ich der starken Überzeugung bin, dass der typische Investor keine Benchmark sein sollte. VC folgt dem Power Law, genauso wie Startups. Du konkurrierst nicht mit dem Durchschnitt, sondern mit den oberen zehn, fünf oder einem Prozent und das auf globaler Ebene.

Du bist mittlerweile zu einer sehr starken Stimme für Europa geworden. Bevor wir über dein Engagement für die „EU Inc.“ sprechen: Wie ist der Beschluss gefallen, es in Europa mit einem eigenen Micro-VC zu versuchen?

Ich bin aktiv geworden, weil ich mitbekommen habe, wie immer mehr meiner amerikanischen Kollegen und Freunde sehr abfällig über Tech in Europa und generell über Europa geredet haben. Das Problem dabei war: Die Hälfte der Dinge, die sie gesagt haben, schwankte irgendwo zwischen Propaganda, Misinformation oder absolut schwachsinniger Simplifizierung. Die andere Hälfte hat aber leider ziemlich gestimmt. In Europa hast du durch den kleineren Markt echte Nachteile. Viele denken, Europa sei ein Riesenmarkt, aber das stimmt nicht, weil alles in Silos fragmentiert ist. Du agierst nicht auf europäischer Ebene, sondern auf österreichischer oder slowenischer Ebene. Die einzelnen Märkte können nicht mit Amerika oder vor allem mit China konkurrieren.

Skalierung ist hier ein reales Problem. Wenn du in deinem eigenen Land viele große Kunden hast, ist es leichter, groß zu werden. Ob wir das in Europa mit den verschiedenen Sprachen jemals lösen können, ist eine Frage, aber das Problem besteht eben auch auf Investorenseite. Wenn du als Startup von Tag eins an mit China und Amerika konkurrierst, summiert sich jeder kleine lokale Nachteil.

Aus der Grundidee heraus, dass wir paneuropäische Lösungen für paneuropäische Probleme brauchen, ist mein Engagement entstanden. Bei EU Inc. geht es zum Beispiel darum, wie man Corporate Investments und Stock Options auf paneuropäischer Ebene in einen Standard gießen kann, der groß genug ist, sodass jeder Investor auf der Welt mit drei Klicks mitmachen kann, ohne erst herausfinden zu müssen, wie das Rechtssystem in Slowenien funktioniert und ob der lokale Anwalt überhaupt Ahnung von Startups hat. In der Praxis macht das sonst niemand, weniger als 18 Prozent der Frühphasen-Investments sind paneuropäisch.

Vor einiger Zeit wurde der EU-Inc.-Verordnungsentwurf der EU-Kommission veröffentlicht. Du warst nicht ganz zufrieden damit. Was ist gut gelungen und wo muss man nachbessern?

Sehr spannend ist, dass die Kommission den Ansatz nach unserem Projekt benannt hat. Das Proposal selbst ist aber nicht wirklich das, was wir vorgeschlagen haben, sondern eine typische EU-Lösung. Das Hauptproblem: Weil die EU Angst vor einem einstimmigen Votum hat – das leider für alle großen Dinge in Europa nötig ist –, haben sie eine Art Workaround entwickelt. Sie sagen: Es bleibt alles national, aber es wird alles genau gleich aufgebaut. In der Praxis heißt das: Du hast zwar dieselbe rechtliche Entität in jedem Land, aber die Gerichtshöfe und Firmenbücher bleiben lokal. Es ist zwar toll als administrative Harmonisierung, aber wenn ich wirklich schnell 100 Millionen in eine Company investieren will, brauche ich absolute rechtliche Klarheit.

Der Gesetzgebungsprozess passiert erst jetzt. Was ist in den nächsten Schritten noch möglich, um Verbesserungen zu erzielen, und was ist der Plan B?

Grundsätzlich gibt es zwei Pfade. Der eine: Man repariert den jetzigen Vorschlag, indem man ein zentralisiertes Firmenbuch und einen zentralisierten Gerichtshof einführt. Das könnte man theoretisch sogar komplett optional gestalten, ähnlich wie beim Patentrecht. Plan zwei ist ein Neustart: Man versucht es noch einmal als echtes 28th Regime mit den korrekten EU-Artikeln, aber nicht über ein einstimmiges Votum, sondern über die sogenannte Enhanced Cooperation – ein Opt-in-Verfahren für einzelne Länder, das über die EU moderiert wird. Mindestens neun Länder müssen dafür an Bord sein.

Wir wissen, dass in einigen Ländern ein sehr starkes Interesse besteht. Das eigentliche Problem ist jedoch, dass die EU keine Regierung im klassischen Sinne ist, sondern eher eine Art Debattierklub. Die Länder müssen sich nun entscheiden: Wollen wir mehr Europa oder nicht? Die Spieltheorie macht das für die einzelnen Staaten sehr schwierig, weil zwar alle sagen, sie wollen mehr Europa, in Wahrheit aber niemand Kompetenzen abgeben möchte. Das ist die Grundfrage unserer Generation: Werden wir ein starker, vereinter Block wie die USA oder bleiben wir einzelne Länder mit ein paar Handelsbeziehungen wie in Lateinamerika? Letzteres wird von größeren Akteuren wie China und den USA sehr stark gegeneinander ausgespielt.

Du hast nun auch Erfahrungen als eine Art Insider in der EU-Politik gesammelt. Wie war das für dich persönlich?

Ich nehme daraus vier Learnings mit. Das erste: Die Kommission wird von den Mitgliedsstaaten gerne als „Shadow Government“ dargestellt – „die Bösen in Brüssel, die uns Dinge aufzwingen“. In Wahrheit liegt die gesamte Entscheidungsmacht bei den Mitgliedsstaaten. Alle Erfolge werden gerne national verbucht, alles Furchtbare ist europäisch.

Das zweite Learning: Der Job eines Politikers ist nicht so, wie man ihn sich vorstellt. Man denkt oft, man müsse nur die richtige Information zur richtigen Entscheidungsperson bringen und dann wird das Problem gelöst. Aber das Problem ist nicht, dass Politiker nicht zuhören. Sie hören Tausende Dinge, die sich widersprechen, von Leuten mit völlig verschiedenen Incentives. Der Job in der Policy-Arbeit besteht nicht darin, den Leuten zu sagen, was sie tun sollen, sondern Signal versus Noise zu filtern und komplexe Probleme zu simplifizieren. Drittens besteht die Aufgabe von Politikern darin, Momentum wahrzunehmen und abzugleichen, wo wirklich Bewegung herrscht.

Und mein letztes Learning: Wenn du aus einem Meeting mit einem Politiker gehst und das Gefühl hast, du wurdest gehört, war es oft ein schlechtes Meeting. Ein guter Politiker gibt dir nämlich immer das Gefühl, gehört worden zu sein. Produktiv war das Meeting erst, wenn du wirklich die internen Probleme der anderen Seite verstanden hast. Wenn man in einem Startup arbeitet und überlegt, in die Politik zu gehen, ist mein Haupttipp ohnehin: Lass es. Du hast wahrscheinlich mehr politischen Einfluss, wenn du eine Company baust, die Millionen oder Milliarden an Umsatz macht.

Um auf deinen Fonds Prototype zurückzukommen: Bei all den Herausforderungen investierst du dennoch in europäische Startups…

Wir investieren aus zwei Gründen in Europa. Erstens, weil Europa die nächsten großen BIP-treibenden Unternehmen hervorbringen muss, sonst sind wir weg vom Fenster. Zweitens, weil der Markt extrem unterschätzt wird. Wir sind in Europa Weltmeister in Hardware, Maschinenbau und Robotics, verkaufen uns aber ständig unter Wert. Wenn du den besten Roboter für eine Industrie baust, is es dem Kunden völlig egal, ob er aus China, den USA oder Europa kommt – solange es wirklich der beste Roboter der Welt ist.

Wir investieren daher sehr aggressiv in Themen, in denen Europa stark ist und die wir auch strategisch behalten müssen. Robotics erlebt gerade eine unglaubliche Entwicklung, eine Art „ChatGPT-Moment“, wo auf einmal Dinge möglich werden, die vorher unvorstenbar waren. Gerade in der CEE-Region, von Slowenien über Österreich bis in die Schweiz und nach Süddeutschland, haben wir wahrscheinlich eines der besten Machinery- und Manufacturing-Netzwerke der Welt.

Was sind die Schlüsselmerkmale, auf die du bei Gründer:innen schaust, wenn du dich für ein Investment entscheidest?

Da ich sehr früh investiere, ist die Entscheidung stark auf die Founder fokussiert. Es gibt für mich zwei zwingende Dinge, die überraschend selten vorkommen. Das erste ist Obsession. Ich empfehle technischen Foundern oft, anfangs gar nicht so sehr über das Business-Modell nachzudenken, sondern sich wirklich obsessiv in ein Thema reinzutigern und darin zu den besten zwei Prozent in einer Region zu gehören.

Das zweite ist „Bias to Action“, also ein starker Drang zur Umsetzung. Wir haben leider eine Gründerkultur, die extrem auf Pitch-Decks, Competitions, Acceleratoren und Startup-Programme fokussiert ist. Das ist alles Bullshit. Was du als Gründer brauchst, ist die Fähigkeit, in kürzester Zeit möglichst weit voranzukommen. Wir neigen zu einer Intellektualisierung des Ganzen – man sucht nach der perfekten Idee, anstatt einfach Traction aufzubauen. Es bringt nichts, ein Pitch-Deck zu schreiben, bevor man mit Kunden geredet hat. Sprich mit 50 Kunden, hol dir die Aufträge: und wenn du nicht mehr nachkommst, such dir das Investment für diese große Opportunity.

Eine klassische Abschlussfrage: Wie optimistisch blickst du in die Zukunft – als Investor, aber auch bezogen auf Europa?

Ich glaube, Europa steht jetzt an einem Scheideweg. Wir müssen uns in einer Welt von Giganten entscheiden: Sind wir ein Gigant oder nur ein Netzwerk von guten Ländern? In Industrien, die dem Power Law folgen, bedeutet Marktdominanz alles – der Unterschied zwischen gut und großartig kann ein Faktor von eins zu hundert sein.

Es ist erschreckend, wie viele Zukunftsindustrien in Europa aktuell schon abgeschrieben werden. Wenn man in Brüssel redet, sagen viele, bei KI könnten wir ohnehin nicht mehr mithalten. Meiner Meinung nach ist das Blödsinn. Aber im aktuellen Setup, wenn wir als Europa nicht geeint auftreten, können wir tatsächlich nicht mithalten. Das Problem ist, dass diese Industrien die Zukunft sind. Aus Software wurde Cloud, aus Cloud wurde AI, aus AI wird nun Physical AI beziehungsweise Robotics. Mittlerweile zahlt jede Firma eine Art „ChatGPT-Steuer“. Wir können aber nicht ewig nur reine Kunden bleiben. Früher oder später müssen wir selbst Premium-Unternehmen haben, die Marktrelevanz besitzen, sonst sind wir geostrategisch einfach weg vom Fenster. Tech-Strategie und Geopolitik wachsen heute sehr stark zusammen.

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