24.09.2021

Crypto Weekly #26: Wieder mal Angst wegen China, Twitter startet mit Bitcoin

Diese Woche: Gleich zweimal drückte China die Kurse: Zuerst Sorgen vor einer Immobilienkrise, dann wieder einmal Meldungen über ein neues Vorgehen der Behörden gegen Kryptowährungen. Außerdem: Twitter ermöglicht künftig Bitcoin-Zahlungen über das Lightning-Netzwerk. Coinbase knickt vor der US-Börsenaufsicht ein. Und ein 680-Mio.-Dollar-Investment für ein Fußball-NFT-Startup.
/artikel/crypto-weekly-26
coins Bitcoin, against the background of the Chinese flag, concept of virtual money, close-up. Conceptual image of digital crypto currency.
(c) puhimec/Adobe Stock - China erhebt Steuern auf Kryptogewinne.

Im brutkasten Crypto Weekly blicken wir jeden Freitag auf die wichtigsten Kursbewegungen und Nachrichten der Woche aus der Krypto-Welt zurück. Die 26. Ausgabe starten wir, wie immer, mit einem Blick auf die…

…die Kurstafel:

NameKurs7-Tages-Performance
BitcoinBTC42.200 Dollar-10%
EthereumETH2.900 Dollar-16%
CardanoADA2,26 Dollar-5%
Binance CoinBNB353 Dollar-14 %
XRPXRP0,94 Dollar-13 %
DogecoinDOGE0,21 Dollar-14 %
PolkadotDOT31 Dollar-9 %
SolanaSOL140 Dollar-0,5 %
UniswapUNI20 Dollar-21%
Alle Daten sind von coinmarketcap.com und am Stand vom späten Freitagnachmittag/Kursveränderungen gegenüber späten Freitagnachmittag der Vorwoche

Schwache Woche am Kryptomarkt

Ja, insgesamt war das eindeutig eine eher schwache Woche. Bitcoin bewegte sich seit vergangenem Freitag in einer breiten Range zwischen knapp 48.800 Dollar und etwas unter 39.800 Dollar. Starke, aber nur kurzzeitige Kursausschläge nach unten gab es dabei in der Nacht auf Dienstag sowie in der Nacht auf Mittwoch. Am Freitag rasselte der Kurs dann ebenfalls noch einmal nach unten.

Anfang der Woche war es vor allem die Angst vor einer Immobilienkrise in China, die auch die traditionellen Finanzmärkte unter Druck brachte. Am Freitag dämpfte dann noch einmal China die Stimmung – aber dieses Mal in Form einer Mitteilung der Zentralbank, die wieder einmal klarstelle, dass Transaktionen mit Kryptowährungen illegal sind. Einen nur kleinen Push nach oben brachte am Donnerstagabend die Nachricht, dass Twitter nun Bitcoin-Zahlungen über das Lightning-Netzwerk in seine App integrieren wird – doch zu alldem später.

Bei den anderen großen Kryptowährungen sah es nicht viel besser aus. Bei Ethereum ging es mit einer eher gruseligen 7-Tages-Performance von minus 16 Prozent wieder deutlich unter die 3.000-Dollar-Marke. Auch Binance Coin (minus 14 Prozent), Dogecoin (minus 14 Prozent) und Uniswap (minus 21 Prozent) verzeichneten starke Abschläge. Einigermaßen stabil hielt sich unter den größeren Namen nur Solana.

Zuerst allgemeine Unsicherheit wegen Evergrande…

Starten wir mit dem Abverkauf zu Wochenbeginn. Der betraf, wie erwähnt, auch die traditionellen Finanzmärkte. Auslöser: Der finanziell schwer angeschlagene chinesische Immobilienkonzern Evergrande. Dem Unternehmen droht die Zahlungsunfähigkeit. Wegen seiner schieren Größe könnte dies starke Auswirkungen auf Chinas Immobiliensektor und in weiterer Folge auf die gesamte chinesische Wirtschaft haben. Die Regierung macht derzeit aber eher wenig Anstalten, das Unternehmen zu retten.

Vergleiche zur Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 wurden in den vergangenen Tagen häufig bemüht – um nicht zu sagen überstrapaziert. Die Lehman-Pleite hatte bekanntlich eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise ausgelöst. Mittlerweile haben zahlreiche Analysten darauf hingewiesen, dass der Vergleich schief ist – aber in den Medien wird sich das griffige Schlagwort wohl noch länger halten.

Bleibt eine Frage: Was hat das überhaupt mit Krypto zu tun? Und die Antwort ist klar: Unmittelbar nichts. Man könnte sogar argumentieren, dass ein Straucheln des traditionellen Finanzsystems insbesondere Bitcoin zugute kommen müsste. Die größte Kryptowährung wird ja gern als digitales Gold bezeichnet – und Gold hat das Image, in Zeiten der Unsicherheit als „sicherer Hafen“ nachgefragt zu werden.

Das Problem ist nur: In der Realität verhält sich Bitcoin (noch?) nicht als „safe haven asset“. Im Gegenteil: Geraten die Aktienmärkte unter Druck, geht es üblicherweise auch mit Bitcoin abwärts – und mit allen anderen Kryptowährungen noch stärker. Sie werden also weiterhin als Risiko-Assets gesehen, von denen man sich in Zeiten hoher Unsicherheit vorsichtshalber lieber trennt.

Unabhängig von jeglicher Theorie bewegt sich Bitcoin empirisch betrachtet eher wie eine Tech-Aktie als wie Gold. Und alle anderen Kryptowährungen hängen im Regelfall an Bitcoin – was auch der dieswöchige Ausverkauf wieder gezeigt hat. Klar ist auch: Es braucht nicht unbedingt kryptospezifische Gründe, damit die Kurse unter Druck geraten. Kryptowährungen sind von den traditionellen Finanzmärkten nicht entkoppelt.

…und dann wieder einmal Chinas Behörden gegen Krypto

Apropos kryptospezifische Gründe für schlechte Marktstimmung. Genau einen solchen gab es dann am Freitag – und zwar ein altbekannter Klassiker, der seit Jahren wiederkehrt: China verbietet Kryptowährungen. Oder geht zumindest gegen diese vor. Zuletzt war das Thema im Frühling hochgekocht, als die chinesischen Behörden in mehreren Provinzen im großen Stil gegen Bitcoin-Mining vorgegangen waren.

Nun veröffentlichte die chinesische Zentralbank ein Dokument, indem sie weitere Maßnahmen gegen Krypto-Trading ankündigte. Darin stellte es unter anderem klar, dass sämtliche Anbieter, die den Tausch von Kryptowährungen in Fiat-Geld ermöglichen, als illegal betrachtet werden. Auch das Anbieten von Krypto-Derivaten sei rechtswidrig – nicht nur für chinesische Börsen oder Broker, sondern auch für ausländische Anbieter, die Derivate chinesischen Bürgerinnen und Bürgern zugänglich machen, berichtete The Block.

Viele nehmen Meldungen wie diese gar nicht mehr ernst. Der Markt reagierte aber jedenfalls klar negativ. Der Bitcoin-Kurs rutschte von rund 45.000 Dollar auf zwischenzeitlich nur mehr 40.900 Dollar ab. Dann stabilisierte er sich über 42.000 Dollar. Besonders stark unter Druck gerieten ansonsten die Token der beiden in China gegründeten Kryptobörsen Huobi (HT) und OKEx (OKB), die deutlich über 15 Prozent nachgaben.

https://twitter.com/DocumentingBTC/status/1441406623621148678

Twitter implementiert Bitcoin-Zahlungen über Lightning-Netzwerk

Doch auch positive Nachrichten gab es diese Woche: Es waren ja schon Ende August, wie auch hier berichtet, erste Hinweise darauf durchgesickert, dass Twitter Bitcoin-Zahlungen über das Lightning-Netzwerk in seine iOS-App integrieren will. Nun ging es ganz schnell: Am Donnerstagabend verkündete das Unternehmen in einem Pressegespräch, dass nun eine „Trinkgeld“-Funktion implementiert wird, mit der man anderen Usern Geldbeträge zukommen lassen kann.

Dazu werden externe Zahlungsdienste genutzt – etwa die Cash App von Square, dem Fintech, das ebenfalls von Twitter-CEO Jack Dorsey geführt wird. Diese Cash App kann ebenfalls zum Versenden von Bitcoin genutzt werden. Allerdings, und das ist etwaws spektakulärer, wird das aber auch mit Strike möglich sein – einer Anwendung, die auf dem Lightning-Netzwerk aufbaut. Twitter kündigte den weltweiten Rollout der Features bereits für gestrigen Donnerstag an – zunächst nur für iOS-Geräte, Android soll später folgen. Wie lange es dauern wird, bis das Feature bei normalsterblichen Twitter-Usern in Europa ankommen wird, war vorerst aber noch offen.

Die Ankündigung war an sich keine große Überraschung mehr: Dorsey ist als großer Bitcoin-Verfechter bekannt und hatte in der Vergangenheit gesagt, Bitcoin „ein großer Teil der Zukunft“ von Twitter sein werde. Erst im Juni hatte er geschrieben, dass eine Lightning-Integration „nur eine Frage der Zeit“ sei. Die Umsetzung erfolgte nun aber rascher als erwartet.

Coinbase knickt vor der SEC ein

Wir bleiben in den USA, kommen aber wieder zurück zum Regulierungsthema. Über den Disput zwischen Coinbase und der US-Börsenaufsicht SEC haben wir hier bereits ausführlich berichtet. Die Kurzfassung: Coinbase hatte ein Produkt („Lend“) angekündigt, mit dem man Stablecoins gegen 4 Prozent Zinsen verleihen kann. Die SEC hatte der US-Kryptobörse daraufhin auf die Finger geklopft, weil sie darin unerlaubte Wertpapierverkäufe sah.

So hatte es zumindest Coinbase kommunizert. Das Unternehmen war mit der Angelegenheit selbst an die Öffentlichkeit gegangen – wohl, um einen PR-Vorteil in dem Disput zu erlangen. Die SEC äußerte sich öffentlich nicht dazu. Trotzdem behielt sie aber offenbar die Oberhand: Diese Woche machte Coinbase einen Rückzieher: „Lend“ wird nicht kommen. Die bereits geöffnete Warteliste für das Produkt wurde wieder geschlossen. Für diese Ankündigung war Coinbase weniger stark bemüht, die Öffentlichkeit zu erreichen: Das Unternehmen aktualiserte lediglich einen Blog-Post vom Juni, in dem „Lend“ ursprünglich angekündigt worden war.

Die Entschiedung kommt jedenfalls zu einer Zeit, in der die SEC immer deutlicher macht, dass sie die Kryptobranche und insbesondere Decentralized-Finance-Anwendungen (DeFi) sehr genau im Auge hat. SEC-Chef Gary Gensler hat sich in den vergangenen Tagen und Wochen mehrfach entsprechend geäußert. In der Krypto-Community stößt dies naturgemäß auf wenig Begeisterung. Genlser wolle der „Sheriff von Cryptoville“ werden, sagte zuletzt Galaxy-Digital-CEO Mike Novogratz. Der neue SEC-Chef hatte in der Branche ursprünglich als Hoffnungsträger gegolten, da er in der Vergangenheit selbst am MIT Blockchain-Kurse abgehalten hatte.

Fußball-NFT-Plattform Sorare holt 680-Mio.-Dollar-Investment

Ein Mega-Investment gab es diese Woche auch im NFT-Bereich: Das französische Unternehmen Sorare sammelte 80 Mio. US-Dollar ein – zu einer Bewertung von 4,3 Mrd. Dollar, womit es zum Unicorn wurde. Angeführt wurde die Runde von Softbanks Vision Fund 2. Das erste 2018 gegründete Krypto-Startup betreibt eine Plattform, auf der man NFT-basierte digitale Sammelkarten handeln kann. Es bleibt jedoch nicht bloß beim Handeln, man kann auch eigene Mannschaften zusammenstellen und gegen andere Teams antreten. Sorare kombiniert also Fantasy Football und NFT-Handel.

Sorare hat aktuell 600.000 registrierte User. 150.000 davon sind monatlich aktiv, in dem sie Karten kaufen oder Teams zusammenstellen. Zu den Ligen, die mit Sorare kooperieren, zählt übrigens seit Anfang August auch die österreichische Bundesliga. Sämtliche Spiele der höchsten heimischen Spielklasse sind seitdem dort als digitale Sammelkarten vertreten. Dass allerdings jemand 245.000 Euro für die Karte eines Bundesliga-Kickers zahlen wird, wie bei Cristiano Ronaldo geschehen, darf allerdings bezweifelt werden.


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Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, in den SwissCAT+-Laboren am Campus Hönggerberg | (c) Martin Pacher

Wer auf den Hönggerberg im Norden Zürichs fährt, lässt die Stadt hinter sich. Der zweite Campus der ETH, entstanden ab 1961, liegt in ländlicher Umgebung, hier sind unter anderem die Departemente für Chemie, Physik und Materialwissenschaft zu Hause. Und hier, in den SwissCAT+-Laboren der Hochschule, lässt sich derzeit besichtigen, wie Forschung aussehen könnte, wenn nicht mehr der Mensch jeden einzelnen Handgriff macht.

In diesen Laboren übernehmen Roboter die Arbeit, die sonst Forschende beschäftigt: Sie hantieren mit Flüssigkeiten und Pulvern, bereiten Proben vor, testen sie und messen laufend die Ergebnisse. Das Bemerkenswerte daran ist aber nicht die Automatisierung selbst, sondern wer die Versuche plant: eine Künstliche Intelligenz. Die Software stammt vom Startup Atinary, das an der ETH keinen eigenen Standort hat, sondern mit der Technologieplattform SwissCAT+ zusammenarbeitet. Sie schlägt vor, welches Experiment als nächstes sinnvoll ist, lernt aus jedem Ergebnis und berechnet daraus den nächsten Schritt. Dieser Kreislauf läuft rund um die Uhr, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.

„Ein Labor ist eine große Küche“

Wie soll man sich das vorstellen? Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, greift im Gespräch mit brutkasten zu einem Alltagsbild: „Am Ende ist ein Labor eine große Küche. Wir liefern die Rezepte. Wir nutzen KI, um Rezepte zu erzeugen, die dann im Labor getestet werden.“ Das Ziel: möglichst schnell zum besten Rezept kommen. Denn jeder einzelne Versuch kostet Zeit, Material und Geld. Wer statt tausender Versuche nur ein paar Dutzend braucht, spart enorm.

Genau darauf ist die Software ausgelegt. Statt sich blind durch unzählige mögliche Kombinationen zu probieren, lernt das System mit jedem Experiment dazu und empfiehlt gezielt die vielversprechendsten nächsten Schritte. „Self-Driving Labs“ nennt Atinary das Prinzip, selbstfahrende Labore. Den Begriff hat sich das 2019 gegründete Unternehmen sogar markenrechtlich schützen lassen.

Loïc Roch, Co-founder und CTO von Atinary | (c) Martin Pacher / brutkasten

Den Bedarf für solche Werkzeuge begründet Roch mit einem unbequemen Befund: Forschung wird immer teurer und langsamer, es braucht immer mehr Zeit und Geld, bis Neues gefunden ist. Dazu kommt eine handfeste Vertrauenskrise: Roch verweist auf eine vielzitierte Befragung von rund 1.500 Forschenden, wonach ein Großteil daran scheitert, Experimente zu wiederholen, in der Chemie sind die Quoten besonders hoch. Das ist nicht nur für die Wissenschaft ein Problem: Ohne verlässliche Daten lässt sich auch keine verlässliche KI trainieren.

100 Jahre Forschung in sechs Wochen

Was das System kann, zeigt das Vorzeigeprojekt direkt vor Ort. Gemeinsam mit dem SwissCAT+-Team suchte Atinary nach dem besten Katalysator, also jenem Hilfsstoff, mit dem sich das Treibhausgas CO₂ in Methanol umwandeln lässt, einen Ausgangsstoff für nachhaltige Treibstoffe. Laut Atinary kamen dafür mehr als 20 Millionen mögliche Kombinationen infrage. Das Ergebnis wurde in einem Fachjournal publiziert: In sechs Wochen wurden 144 Katalysator-Kandidaten hergestellt und getestet, mit minimalem menschlichem Zutun. Die Zahl, mit der Atinary seither wirbt, ist eindrucksvoll: eine 1000-fache Beschleunigung, umgerechnet 100 Jahre Katalyse-Forschung in nur sechs Wochen. SwissCAT+-Chef Paco Laveille, der die Umsetzung an der ETH verantwortet, bestätigt beim Besuch die Größenordnung: von Jahren an Forschung hinunter zu Wochen.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Beim konkreten Nutzen für Firmenkunden hält sich Roch hingegen zurück, aus einem strukturellen Grund: „Wir sind ein Dienstleister. Wir sehen den generierten Mehrwert nicht, und die Kunden wollen ihn nicht teilen.“ Das habe auch mit Sicherheitsanforderungen zu tun, ergänzt das Unternehmen: Angaben zum erzielten Return on Investment erhalte Atinary dann, wenn Kunden sie von sich aus teilen — teils münde das in gemeinsame Publikationen.

Die einzige konkrete Zahl, die er im Gespräch nennt, stammt aus einer gemeinsamen Publikation mit dem Aromen- und Duftstoffkonzern dsm-firmenich: Dort konnte der Einsatz eines teuren Edelmetalls so stark reduziert werden, dass dessen Kostenanteil um rund 95 Prozent sank. Es sei nicht die einzige gemeinsame Veröffentlichung mit Kunden, betont das Unternehmen — weitere gebe es etwa mit dem Pharmakonzern Takeda.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Auch ein aktueller gemeinsamer Blogbeitrag von AWS und Atinary liefert Anhaltspunkte. Ein Manager von Takeda wird dort mit der Aussage zitiert, eine Optimierung habe mit dem selbstfahrenden Ansatz rund eine Woche gedauert, verglichen mit ein bis zwei Monaten auf dem herkömmlichen Weg. Am MIT wiederum löste ein Forschungsteam mit der Software eine knifflige Aufgabe aus der Solarzellenforschung in nur 25 Versuchen, innerhalb einer strikten Frist von vier Wochen. Und über das eigene Labor, das Atinary heuer in Boston eröffnet hat, heißt es: Es erzeuge in einer Woche mehr Versuchsdaten, als ein Doktorand in fünf Jahren produziert.

Bezahlter Pilot, Lizenz pro Arbeitsplatz

Wirtschaftlich steht Atinary noch am Anfang. Das Unternehmen befindet sich in der Seed-Phase, öffentlich auffindbar sind laut Roch rund zehn Millionen an bisheriger Finanzierung, eingesammelt über Venture Capital, Family Offices und Förderungen. Als Nächstes peilt er eine Series A an. Das Wachstumskapital dafür werde voraussichtlich aus den USA kommen: „Der Ansatz ist in Europa und den USA sehr unterschiedlich.“

Paco Laveille, Managing Director, SwissCAT+ East, ETH Zurich | (c) Martin Pacher / brutkasten

Verdient wird über Software-Lizenzen, abgerechnet pro Arbeitsplatz. Am Anfang steht ein dreimonatiger, bewusst kostenpflichtiger Testlauf. „Wenn der Pilot nicht bezahlt ist, stecken die Kunden nicht die Ressourcen hinein, um ihn richtig zu testen“, sagt Roch. Dass er mit diesem Modell Geld liegen lässt, räumt er offen ein: Eine Beteiligung am geschaffenen Wert wäre lukrativer, scheitert aber daran, dass die Kunden diesen Wert eben nicht offenlegen.

Die Kundschaft kommt bisher vor allem aus der Pharmabranche, die laut Roch am ehesten bereit ist, Neues zu riskieren; der Rest der Industrie folge dann. Einsatzfelder gibt es aber quer durch: Lebensmittel, Duftstoffe, Materialforschung, grüne Energie, und gemeinsam mit Stanford sogar Zelltherapien gegen Krebs. Umsatz machen vor allem Konzerne. Mit Universitäten arbeitet Atinary eng zusammen, weil sich dort Ergebnisse veröffentlichen lassen, sie werden so zu Botschaftern der Technologie. Auch KMU zählen zu den Kunden, das jüngste sei erst vor wenigen Tagen dazugekommen. Die Arbeitsteilung im Unternehmen: Das Entwicklerteam sitzt bei Roch in Lausanne, das eigene Labor steht in Boston, dort, wo die großen Pharma-Forschungszentren angesiedelt sind.

„Fast jeden zweiten Tag ein neues Startup“

Beim Thema Konkurrenz wird Roch deutlich: Der Bereich „AI for Science“ ziehe derzeit massiv Gründungen an, fast jeden zweiten Tag komme ein neues Startup dazu. Gefährlich sei daran vor allem eines: Mit den heutigen KI-Werkzeugen lasse sich sehr schnell ein beeindruckender Prototyp bauen, der Kunden begeistert. „Unter der Haube ist das aber kein produktionsreifer Code, der bei einem Großunternehmen laufen kann.“ Atinary sieht er im Vorteil, weil man seit 2019 das gesamte Paket aufgebaut habe: die Anbindung an die Laborgeräte, das eigene KI-Training, die Anwendungen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit durch den eigenen Beirat. Dazu kommt laut Unternehmen ein Netzwerk an Technologiepartnern, darunter AWS, ABB Robotics, Agilent, Bruker, Chemspeed und Mettler-Toledo. Im wissenschaftlichen Beirat sitzt unter anderem der MIT-Chemiker Stephen Buchwald — im Bostoner Labor optimiert Atinary nach eigenen Angaben ausgerechnet die nach ihm benannte Buchwald-Hartwig-Reaktion.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zugleich beobachtet er seit heuer einen Umschwung im Markt: Kunden dächten zunehmend in einer Wettlauf-Logik. Wer die Technologie nicht als Erster einsetze, riskiere, dass es die Konkurrenz tut. Und wenn diese in Wochen schafft, wofür man selbst Jahre braucht, sei der Rückstand kaum aufzuholen.

Die größte Hürde ist der Mensch

Und was bremst die Verbreitung? Nicht die Technik, sagt Roch, sondern der Mensch. „Der Wissenschaftler im Labor ist oft seit 15, 20 Jahren dort. Wenn man ihm sagt: Wir können deine Forschung um den Faktor zehn oder hundert beschleunigen, sagt er: Nein. Ich kenne mein Fach besser als irgendein Algorithmus.“ Es sei dabei weniger mangelndes Vertrauen, die Technologie werde schlicht als Bedrohung für den eigenen Job empfunden. Christoph Schnidrig von AWS ergänzt: Dieses Muster kenne man von jeder Technologiewelle, von der Einführung der Cloud bis zur KI in der Softwareentwicklung. Rochs Haltung dazu: Jobs würden sich verändern, aber nicht verschwinden. „Am Ende ist es ein Werkzeug. Der Mensch bleibt am Steuer.“

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zum Vertrauen gehört auch die Datenfrage, schließlich legen die Kunden ihr wertvollstes Gut, ihre Forschungsdaten, in die Plattform. Die läuft vollständig auf der Cloud von AWS. Roch verweist auf Prüfungen, Audits und Sicherheitstests; personenbezogene Daten würden praktisch keine gespeichert, schon gar keine Patientendaten, dafür sei man in der Forschung viel zu früh angesetzt. Auch deshalb sieht er im EU AI Act derzeit kein Hindernis: In Kundengesprächen sei die Regulierung bislang schlicht kein Thema gewesen.

Auszeichnung vom Weltwirtschaftsforum

Während brutkasten mit Roch in Zürich spricht, befindet sich sein Mitgründer, CEO Hermann Tribukait, gerade im chinesischen Dalian, um dort den Technology-Pioneer-Award des Weltwirtschaftsforums entgegenzunehmen. Zu den früheren Preisträgern der Auszeichnung zählen Roch zufolge Namen wie Google, Dropbox und Airbnb. Preisgeld gibt es keines, der Wert liege im Zugang zum Netzwerk des Forums und zu Entscheidungsträgern großer Unternehmen. Kunden in China hat Atinary übrigens keine, und das dürfte vorerst so bleiben: Als in den USA registriertes Unternehmen sei das Geschäft mit chinesischen Firmen „wegen der Geopolitik sehr heikel“.

Gefragt nach dem Blick fünf Jahre voraus, skizziert Roch eine Vision, die er ausgerechnet am Vorbild seines Cloud-Partners entwirft: Labore, die wie Rechenleistung aus der Cloud abrufbar sind, weltweit vernetzt, mit einer übergeordneten KI, die Erkenntnisse zwischen Forschungszentren auf verschiedenen Kontinenten austauscht.

Den Antrieb dahinter beschreibt er ganz persönlich: Er und seine Mitgründer seien Naturliebhaber, und die Energiewende brauche schnellere Forschung. „Der Planet kann nicht noch ein Jahrzehnt warten, bis wir Lösungen finden.“ Sein Befund nach sieben Jahren: „R&D ist heute noch zu langsam.“


Disclaimer: Die Reise- und Übernachtungskosten wurden von Amazon Web Services übernommen.

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