16.01.2026
KOOPERATION

Corporate Venturing im Jahr 2026: globale Situation als Chance

Die aktuelle geopolitische und makroökonomische Lage lässt auch in der Corporate-Venturing-Welt niemanden kalt. Reagiert wird mit Pragmatismus und ungebrochenem Optimismus. Wir sprachen beim Event "The Venture Mindset" in Wien mit heimischen und internationalen Expert:innen.
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Vl.: Edward Feltmann, Matthias Hille, Cindi Bough, Alexander Schultmeyer und Nicolas Sauvage | (c) brutkasten
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Corporate Venturing

Die brutkasten-Serie „Corporate Venturing“ is powered by AKELA, Raiffeisen Bank International AG, UNIQA Insurance GroupMavie NextVerbund, whataventure — New business. Powered by entrepreneurs. und Wien Energie GmbH.


Egal ob im Unternehmenskontext oder als Privatperson: Die aktuellen weltweiten Entwicklungen, sowohl geopolitisch als auch ökonomisch, gehen wohl an niemandem vorbei. Doch wie reagieren? „Unsere Aufgabe besteht nicht darin, enttäuscht darüber zu sein, dass diese Dinge geschehen. Es geht vielmehr darum, die Energie und die unternehmerische Tatkraft von Gründer:innen zu finden, die Lösungen für die Probleme schaffen“, sagt Nicolas Sauvage am Rande des Events „The Venture Mindset“ in Wien gegenüber brutkasten. Er ist Gründer und Präsident des 500 Millionen US-Dollar schweren Corporate-Venture-Capital-Fonds (CVC-Fonds) TDK Ventures, der mittlerweile fünf Unicorns in seinem Portfolio zählt.

Die zweite Auflage der Konferenz versammelte über drei Tage hinweg internationale und heimische Vertreter:innen der Corporate-Venturing-Szene und sorgte dabei u.a. mit einer Schneeschuhwanderung auf der Rax für ein abwechslungsreiches Programm. In den Keynotes, Panels und Workshops wurden dabei nicht nur Insights zu einigen der erfolgreichsten Corporate-Venturing-Projekten und CVCs der Welt geliefert, sondern auch die geänderten globalen Rahmenbedingungen thematisiert, etwa bei GreenTech-Investments.

„Das Narrativ hat sich geändert, nicht aber, wo wir investieren“

„Nur eine Verringerung des CO2-Fußabdrucks zu liefern reicht nicht mehr. Es geht immer mehr um eingesparte Dollars“, sagt Cindi Bough in einer Panel-Diskussion. Sie ist Chefin von Climate Investment, einem ClimateTech-VC-Fonds mit zwei Milliarden US-Dollar Assets under Management, hinter dem mehrere der weltweit größten Ölkonzerne stehen, darunter etwa Aramco, Exxon, Shell, BP, Total und Eni. Diese Limited Partner beteiligen sich über den Fonds nicht nur finanziell, sondern nutzen auch die Lösungen der Portfolio-Startups. „Climate Leadership ist nach wie vor wichtig. Das Narrativ hat sich geändert, nicht aber, wo wir investieren“, stellt Bough klar.

„Wegen der geopolitischen Veränderungen steht das Klima selbst nicht mehr so sehr im Fokus. Man konzentriert sich jetzt mehr auf Energiesicherheit, Energieresilienz und Energiedominanz“, ergänzt sie im Gespräch mit brutkasten. Das habe aber eben nichts an der Investment-These von Climate Investment geändert.

Krise als Chance

Wie so eine Investment-These aussehen kann bzw. sollte, erklärt Nicoals Sauvage in einer Keynote. Eine seiner Regeln: „Du kannst die Zukunft nicht vorhersehen, aber du kannst auf Basis einer Vorstellung von der Zukunft investieren.“ Im Gespräch mit brutkasten geht er dazu weiter ins Detail: „Unsere Aufgabe ist es, die Unternehmer:innen zu finden, die reale Probleme in verschiedenen Zukunftsszenarien lösen werden. Diese Zukunftsszenarien gehen etwa davon aus, dass sich die geopolitische Situation noch weiter verschärft oder, dass der Klimawandel noch stärkere negative Auswirkungen haben wird. Unser Job ist es, Unternehmer zu finden, die an diesen Problemen arbeiten.“ Und dabei müsse man natürlich jene identifizieren, die bei der Lösung dieser Probleme Marktführer sein werden.

Die Krise als Chance sieht auch Matthias Hille. Er leitet den kürzlich gestarteten „Company Creation Fund“ von whataventure, der mit dem Kapital mehrerer beteiligter Corporates Venture-Building-Projekte umsetzen wird (brutkasten berichtete). „Ich sehe nicht, dass alle Unternehmen und Investor:innen in Schockstarre verfallen und gar nicht mehr weitermachen. Ganz im Gegenteil: Vieles verlagert sich. Viele Investitionen, die bisher in den USA stattgefunden haben, finden nun verstärkt in anderen Ländern statt. Ich glaube, da liegt auch eine Chance gerade für Europa“, meint der Managing Director im Gespräch.

„Wir wollen in diesem Jahr sehr aktiv sein“

Einer dieser Investoren, der nicht in Schockstarre verfällt, ist Verbund X Ventures, wie Investment Manager Edward Feltmann im Interview mit brutkasten bei „The Venture Mindset“ klarstellt. „Wir wollen in diesem Jahr sehr aktiv sein“, sagt er. Dennoch sei man stark von den aktuellen Veränderungen betroffen. „Die Abkehr von vielen Klimainitiativen und der wieder stärkere Fokus auf die Produktion von Öl und Gas in anderen Ländern, hat Auswirkungen auf unser gesamtes Unternehmen und auch auf Verbund X Ventures und den Verbund X Accelerator“, so Feltmann. Durch die Entwicklungen würden etwa auch Themen wie Cybersicherheit, Quantencomputing und KI bei Investments stärker in den Fokus rücken, während frühere Kernthemen teils an Bedeutung verlieren würden.

Alexander Schultmeyer, Partner in der Wiener Wirtschaftskanzlei Akela, bestätigt den noch stärkeren Trend Richtung KI auch bei seinen Klienten im Corporate Venturing. Eine Auswirkung der derzeitigen geopolitischen Verwerfungen sieht er dagegen bei den Kunden in Österreich „noch nicht so sehr“. Wohl aber drücke die Wirtschaftslage. „Sobald es sich erholt und die Rezession überwunden ist, wird es auch wieder einfacher mit Investitionen und dann werden wir auch sehen, dass wieder mehr in den M&A- und Startup-Markt investiert wird“, meint Schultmeyer.

Meta-Trend: Verknüpfung von strategischem und finanziellem Nutzen

Indessen entwickelt sich das breite Corporate-Venturing-Feld stetig weiter. Einen konkreten neuen Trend für 2026 will zwar keine:r der Interview-Partner:innen benennen, doch alle sind sich einig: Einige große Entwicklungslinien werden sich fortführen. Eine davon wird dabei immer wieder genannt: „Ich glaube, wir haben als Ökosystem mittlerweile verstanden, dass strategischer Wert und finanzielle Renditen stark miteinander korrelieren“, sagt etwa Nicolas Sauvage. Cindi Bough bestätigt das aus der Zusammenarbeit mit den Limited Partners von Climate Investment und erläutert ihre Strategie: „Wir versuchen gemeinsam zu kommerzialisieren und voneinander zu lernen. Es gibt dadurch einen Multiplikatoreffekt, was die Skalierbarkeit einer Technologie innerhalb unseres Portfolios betrifft.“

Auch Matthias Hille von whataventure äußert sich ähnlich: „Ich sehe auf der Corporate-Seite einen Trend dazu, ganz klar fokussiert und ergebnisgetrieben zu arbeiten, und auch dazu, dass der strategische und der finanzielle Return zusammen stattfinden sollen und müssen.“ Sauvage sieht das jedenfalls als positive Entwicklung: „Das hat einen wirklich guten Trend geschaffen, bei dem Corporate VCs anfangen, sowohl wie echte finanzielle VCs zu agieren, als auch ihre ‚Superkraft‘ einzubringen, wie es ein strategischer VC tun sollte.“

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v.l.n.r: Daniela Gassner (RLB), Steve Jeitler (Business Angel), Verena Kraßnig (RLB), Georg Lackner (SUPASO), Olivia Pinter (RLB), Fabian Gems (SUPASO), Jörg Schönbacher (FMMS) | (c) Supaso

Im Juli 2025 hatte Supaso am Rande des Business Angel Summit in Kitzbühel angekündigt, eine Finanzierungsrunde vorzubereiten (brutkasten berichtete). Diese Runde ist nun abgeschlossen: Angeführt wird sie von der Gerald Jeitler GmbH, beteiligt sind außerdem die Raiffeisen-Landesbank (RLB) Steiermark und die FMMS Beteiligungs GmbH.

Die Supaso FlexCo aus Hartberg produziert Isolierverpackungen aus recyceltem Altpapier, die Styropor (EPS) in der temperaturgeführten Logistik ersetzen sollen. Mit dem Kapital will das Unternehmen seine Produktionskapazitäten ausbauen und international wachsen. Zur Höhe des Investments macht Supaso allerdings keine Angaben.

Transportkosten begrenzen den Lieferradius

„Das größte Problem bei Verpackung ist natürlich die Distanz“, sagt Mitgründer Fabian Gems im Gespräch mit brutkasten. Gut liefern lasse sich in einem Radius von 300 bis 400 Kilometern. „Alles, was darüber hinausgeht, geht meistens auf die eigene Marge, weil die Transportkosten einfach steigen.“

Gems nennt dazu Zahlen: Der Warenwert einer LKW-Ladung liege zwischen 6.000 und 8.000 Euro, die Transportkosten nach Madrid bei 3.500 Euro. Eine Zustellung in die Schweiz inklusive Verzollung kostete im Vorjahr 1.900 Euro, mittlerweile 2.700 Euro. Weitergeben lasse sich das nur bedingt, ohne näher gelegenen Wettbewerbern eine Chance zu geben.

Fünf Partner, erste Pilotanlage ab Q1

Supaso setzt deshalb auf ein Machine-as-a-Service-Modell, das unter dem Namen Modular Up Cycling Hub (MUCH) vorbereitet wird: Statt fertige Dämm-Inlays quer durch Europa zu transportieren, sollen Partnerbetriebe mit eigenem Papier- und Kartonabfall vor Ort produzieren. Das Kapital fließt laut Gems in die Serienreife der Produktionslinien und in erste Testpiloten im In- und Ausland.

Fünf Partner hat Supaso nach eigenen Angaben identifiziert, darunter ein Styroporhersteller, der selbst unter Druck steht. Der Start ist für das erste Quartal des kommenden Jahres geplant, zunächst mit einer Anlage. Zwei weitere sollen nach Möglichkeit folgen. Die Validierungsphase soll bis etwa 2028 laufen, danach ist die nächste Finanzierungsrunde vorgesehen. Als besonders dynamische Märkte nennt Gems Kroatien und Slowenien.

Wie abgerechnet wird, ist offen. Getestet werden Varianten von der Leasinganlage mit Lizenzgebühr bis zu Pay-per-Use. Eine eigene Großfabrik schließt Gems aus: „Davon bin ich absolut nicht überzeugt. Wir wollen uns direkt in die Wertschöpfungskette bei Verpackungs- und Kartonageherstellern und Papierfabriken einbauen.“

Bewusst österreichische Investoren

Seit dem Business Angel Summit in Kitzbühel im Vorjahr habe man mit vielen Kandidaten gesprochen und dabei eine Erkenntnis gewonnen, so Gems: „So ein ganz klarer VC-Fall sind wir nicht.“ Man sei erstens Hardware und zweitens relativ erklärungsbedürftig. Die Präferenz sei deshalb auf österreichisches Kapital mit langem Atem gefallen, einen Exit in zwei Jahren strebe man nicht an: „Wir wollen das jetzt wirklich groß machen.“

Die FMMS Beteiligungs GmbH mit Sitz in Frohnleiten wurde Ende 2024 im Firmenbuch eingetragen und gehört zur FMMS Holding GmbH, der Beteiligungsholding von Franz Mayr-Melnhof-Saurau. Zum Portfolio zählen die Mayr-Melnhof Holz Holding, der größte Privatforstbetrieb Österreichs und ewe Küchen, insgesamt rund 2.000 Mitarbeitende in vier Ländern. Als Schwerpunkte nennt die Holding unter anderem Ressourcenwirtschaft und Greentech.

Die RLB Steiermark bringt neben Kapital vor allem Know-how bei der Ausgestaltung der Abrechnungsmodelle ein, sagt Gems – ein Punkt, der bei einem noch offenen Machine-as-a-Service-Geschäftsmodell zwischen Leasing und Pay-per-Use nicht unerheblich ist. Die Landesbank, die als größte Regionalbank im Süden Österreichs auftritt, hat ihr Beteiligungsgeschäft zuletzt gezielt ausgebaut: Für Startups, Scaleups und KMU steht ein Beteiligungsvolumen von 100 Millionen Euro bereit, wovon bereits 40 Millionen Euro investiert sind. Nachhaltige und regionale Zukunftsbranchen zählen dabei explizit zu den Investitionsschwerpunkten der Bank

Supaso wurde 2021 gegründet. Im August 2023 zählte das Unternehmen 190 Kund:innen in neun Ländern (brutkasten berichtete), im Juli 2025 über 300 in zehn Ländern, aktuell sind es nach eigenen Angaben „Hunderte“ in zwölf europäischen Ländern. Die Nachfrage nach kreislauffähigen Verpackungen wird unter anderem durch die europäische Verpackungsverordnung (PPWR) getrieben.

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