21.08.2025
CORPORATE VENTURING

Corporate-Startups-Kooperationen: Neue Studie zeigt, wo Potentiale und Probleme liegen

Eine neue Studie aus Deutschland zeigt, wie groß das Potential von Startup-Corporate-Kooperationen ist – und wo es hakt: Laut einer neuen Analyse von Startup-Verband und Accenture sehen 90 Prozent der Befragten Startups als wichtige Innovationspartner, doch nur elf Prozent der Jungfirmen erleben echte Kooperationsbereitschaft. Vor allem langsame Prozesse und Risikoaversion bremsen die Zusammenarbeit.
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© Envato/ckstockphoto -

Corporate Venturing (CV) ist ein essentieller Faktor für das Innovations-Ecosystem und die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft. Oftmals zu wenig beleuchtet, hat es sich brutkasten zum Ziel gesetzt, dies zu ändern und startete bereits 2024 eine CV-Serie für Österreich, die auch heuer fortgesetzt wird.

Nun zeigt eine Studie aus Deutschland – des Startup-Verbands und des Beratungsunternehmens Accenture – welches Potential Kooperationen zwischen Startups (Geschwindigkeit, Kreativität) und Corporates (Marktmacht, Erfahrung) bieten, wobei im Report klar wird, dass ihr strukturelle Hürden und kulturelle Dissonanzen oftmals im Weg stehen.

„Zögerliche Haltung“

90 Prozent der 500 Befragten (Startups und Corporates) sehen in Startups wichtige Innovationspartner – aber nur elf Prozent der Startups erleben im Kontext der aktuell schwierigen Wirtschaftslage eine hohe Kooperationsbereitschaft.

Grundlage ist eine für dieses Projekt durchgeführte Befragung, die sich sowohl an etablierte Unternehmen als auch an Startups richtete, im ersten Quartal 2025 durchgeführt wurde und gut 500 Befragte erreichte.

Dies liege vor allem an der zögerlichen Haltung der etablierten Wirtschaft, das Potential von Innovationen und insbesondere digitalen Geschäftsmodellen zu erschließen.

Symbiose?

Die Studie arbeitet heraus, dass agile Startups mit ihrer Innovationskraft und Geschwindigkeit genau dort ansetzen können, wo großen Unternehmen die Beweglichkeit fehlen würde. Umgekehrt verschaffen Etablierte jungen Unternehmen Zugang zu Kunden sowie großen internationalen Märkten und können so das Wachstum beschleunigen.

Was jedoch nach einer perfekten Symbiose klingt, sieht im Nachbarland in der Praxis anders aus und kulturelle Barrieren bremsen auf beiden Seiten: 59 Prozent der Startups kritisieren langsame Prozesse, 49 Prozent bemängeln die Risikoaversion der Etablierten. Den traditionellen Akteuren dagegen fehlt bei der Zusammenarbeit mit Startups die Erfahrung (41 Prozent), außerdem ist ihnen die Unsicherheit zu groß (35 Prozent).

„Die Zusammenarbeit zwischen Startups und Etablierten war nie so wichtig wie heute. Gerade jetzt braucht es den Mut, in Innovation zu investieren – doch wirtschaftliche Engpässe lähmen. Deshalb müssen wir Kooperationen neu denken: zielgerichteter, mit klaren und messbaren Erfolgskriterien und einem Fokus auf Skalierung. Vision allein reicht nicht. Greifbare Ergebnisse sind entscheidend, damit Unternehmen bereit sind, ins Risiko zu gehen“, sagt Sebastian Günther, Innovation Lead bei Accenture in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Kooperationen als Innovations- und Skalierungsmotor

Eines fällt im Report bei dieser Thematik besonders auf: In der aktuell angespannten Wirtschaftslage suchen etablierte Unternehmen einen sehr konkreten Mehrwert: 73 Prozent der befragten Scaleups berichten, dass schnelle Ergebnisse immer wichtiger werden. Ziele von Kooperationsprojekten sind meist die Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen (57 Prozent) sowie der Zugang zu neuen Technologien (47 Prozent). Andere Themen wie New Work (14 Prozent) oder der Zugang zu Talenten (19 Prozent) spielen eine untergeordnete Rolle.

Konkreter wird es bei der Frage nach den positiven Auswirkungen und der Erwartungshaltung an Corporate-Startups-Kollaborationen. Während 90 Prozent der etablierten (established) Unternehmen sich hohes Innovationspotential erhoffen, legen Startups ihre Hoffnung auf eine Steigerung von Sales und Growth (siehe untere Grafik).

© Startup-Verband

Dabei bleibt weiterhin die richtige Partnerwahl die größte Herausforderung: Sechs von zehn etablierten Unternehmen tun sich, laut der Studie, hierbei schwer – obwohl der Standort Deutschland heute mit rund 23.000 jungen Wachstumsunternehmen stark aufgestellt ist. Das mache es aber nicht leichter, „starke Teams sowie relevante Use-Cases und Technologien zu identifizieren“. Drei Viertel setzen daher auf externe Vermittler, wie Investoren, Beratungen oder Hochschulen. Die wichtigste Form des Matchings ist die persönliche Begegnung auf Konferenzen sowie Veranstaltungen (80 Prozent).

„Verspielen Wettbewerbsfähigkeit“

„Innovationen sind der Schlüssel für unsere Zukunft. Startups bringen Tempo, Kreativität und Mut mit – etablierte Unternehmen Ressourcen, Erfahrung und den Zugang zu Märkten“, sagt Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands. „Wenn sich die richtigen Partner finden und gut zusammenarbeiten, lassen sich die größten Herausforderungen anpacken. Wenn wir aber weiter auf der Stelle treten, verspielen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit.“

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Mitarbeiterbeteiligung - Werner Wutscher | (c) Luiza Puiu
Werner Wutscher | (c) Luiza Puiu

Transkribus ist eine KI-Plattform, die historische Handschriften automatisch erkennt. Entstanden ist sie an der Universität Innsbruck, heute ist sie als Europäische Genossenschaft organisiert und wird weltweit von Archiven und Forschenden genutzt. Ein Paradebeispiel für ein akademisches Spinoff, nur eben keines aus der Technik, sondern aus den Geisteswissenschaften. Genau solche Gründungen will ein neuer Ausgründungsrahmen künftig systematisch ermöglichen.

„SHAPE Austria“ wurde im Rahmen der ECN-Konferenz von Werner Wutscher (New Venture Scouting) und Sektionschef Elmar Pichl vom Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung (BMFWF) vorgestellt. SHAPE steht für Social Sciences, Humanities and the Arts for People and the Economy. Der Bericht ergänzt den Ausgründungsrahmen von 2024, der den Hochschulen erstmals einheitliche Standards für Spinoffs vorgab. „Da war der klare Fokus auf skalierbare, technologieorientierte Startups. Die Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften und Künste sind zu kurz gekommen“, sagt Wutscher. Das Ministerium habe den Rahmen komplettieren wollen.

27 Institutionen in der Arbeitsgruppe

Erarbeitet wurde der Bericht von November 2025 bis Juni 2026 mit einer Arbeitsgruppe aus 27 Institutionen, darunter 16 Hochschulen von der Universität Wien über das Mozarteum bis zur Kunstuniversität Linz. Dazu kamen Interviews mit 16 Einrichtungen, die bereits weiter sind, etwa dem britischen ARC Accelerator, der Erasmus University Rotterdam oder der Universität Köln.

Das Ergebnis sind elf Empfehlungen, sechs an die Leitungsebene der Hochschulen, fünf an Transferstellen und Career Center. „Um auch strategische Themen zu diskutieren, braucht man unbedingt auch die Leitungsebene, also die Rektorate für diese Diskussionen“, so Wutscher.

Andere Sprache, andere Strukturen

Der zentrale Befund: Gründungen aus diesen Disziplinen folgen einer anderen Logik. Sie entstehen selten aus einer Marktchance, sondern aus einem gesellschaftlichen Problem. Im Bericht ist von „Reluctant Founders“ die Rede, Menschen, die nicht primär ein Unternehmen aufbauen, sondern etwas verändern wollen. „Du musst sehr stark über die Wirkung reden, über den Impact reden, um die dann gut abzuholen“, sagt Wutscher. Empfohlen wird ein „Prinzip der Zweisprachigkeit“: nach innen Wirkungssprache, nach außen klassische Startup-Begriffe, damit Finanzierung und Netzwerke nicht verschlossen bleiben. Statt von Kund:innen spricht man dann von Audiences.

Strukturell sind SHAPE-Gründungen meist günstiger und schneller als Tech-Spinoffs: kein Labor, kein Patentierungsprozess, kürzere Validierungszyklen. Dafür braucht es niederschwellige, mehrstufige Begleitung und offene Rechtsformen. Statt der GmbH kann auch ein Verein, eine Genossenschaft oder ein Hybridmodell passen. „Wenn du einen Verein gründest, um Gesundheitspolitik zu promoten, brauchst du kein Labor“, so Wutscher.

Soft IP statt Patente

Ein eigener Schwerpunkt gilt dem geistigen Eigentum. Wo keine Patente entstehen, sondern Urheberrecht, Software, Daten oder Know-how, greifen die üblichen IP-Richtlinien nicht. Der Bericht empfiehlt getrennte Regeln für Hard und Soft IP mit deutlich günstigeren Konditionen und nennt als Benchmark die University of Bristol: 20 Prozent Beteiligung bei patentbasierten Spinoffs, fünf Prozent bei „IP light“, null Prozent ohne verwertbares IP. Leitprinzip: so offen wie möglich, so geschlossen wie nötig, inklusive Creative-Commons- und Open-Source-Lizenzen.

Weil die Wirkung im Vordergrund steht, sollen Hochschulen auch nicht auf Lizenzeinnahmen hoffen, sondern Impact messen. Anlage 1 des Berichts liefert dafür beispielhafte Indikatoren, von erreichten Nutzer:innen bis zu Impact Case Studies.

Netzwerk und gemeinsames Programm

Weil die Pipelines einzelner Hochschulen klein sind, empfiehlt der Bericht ein österreichweites SHAPE-Netzwerk nach dem Vorbild des britischen Aspect Network und ein gemeinsames Frühphasenprogramm, angedockt an bestehende Strukturen wie AplusB, ECN oder die Ludwig Boltzmann Gesellschaft. New Venture Scouting koordiniert dafür ein Jahr lang Quartalstreffen der Arbeitsgruppe. Dazu kommt die Forderung, Transfer und Gründung in Berufungen und Evaluierungen anzuerkennen, im Sinne der CoARA-Initiative, die von rein publikationsbasierten Metriken abrücken will.

Die Beispiele in Anlage 2 reichen von ArtWave, einem Startup zweier Opernsängerinnen für Stressreduktion und Burnout-Prävention, über die Praxissoftware freudio für Psychotherapeut:innen bis zur Kärntner Freiwilligenplattform inmojo. „Wir haben noch sehr wenige. Deswegen haben wir den Ausgründungsrahmen um Success Stories ergänzt, damit sich die Leute das vorstellen können“, sagt Wutscher.

„Da wären wir mit vorne dabei“

Für Wutscher ist der Zeitpunkt entscheidend: Die großen Fragen rund um KI, Ethik oder Medizin bräuchten interdisziplinäre Teams. Und beim SHAPE-Thema stehe ganz Europa noch am Anfang. „Deswegen wäre das jetzt so spannend, wenn wir das jetzt starten könnten. Da wären wir mit vorne dabei.“

Bleibt der Haken: das neue Universitätsbudget. Wutscher, der auch Vorsitzender des Universitätsrats der Universität Klagenfurt ist, nennt die Kürzungen einen „massiven Dämpfer“. Die große Herausforderung sei, „dass diese Einsparungen nicht dazu führen, dass Innovation und das Neue gedrosselt werden“. Gerade bei Entrepreneurship-Aktivitäten sei die Entwicklung zuletzt nach oben gegangen: Österreichweit gebe es mittlerweile 31 Forschungs-Spinoffs, 2024 waren es noch 25.

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