27.01.2026
NEUE TECH-ALLIANZ

cogvis, Carechamp, Schrack Seconet entwickeln entwickeln neue Pflegelösung

Drei österreichische Unternehmen bündeln ihre Kräfte, um Pflegekräfte zu entlasten und die Sicherheit in Pflegeeinrichtungen zu erhöhen.
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cogvis-CEO Rainer Planinc | Foto: cogvis

Der Gesundheitsbereich steht vor tiefgreifenden Herausforderungen. Personalmangel, hohe Arbeitsbelastung und zunehmender Zeitdruck prägen den Alltag vieler Pflegekräfte. Zusätzliche Entlastung lässt sich jedoch nicht nur durch mehr Personal erreichen – das vielerorts fehlt -, sondern auch durch den gezielten Einsatz technologischer Lösungen.

Effizienz- und Qualitätsteigerung

Vor diesem Hintergrund gehen drei österreichische Unternehmen eine strategische Partnerschaft ein. Das Wiener HealthTech-Scaleup cogvis arbeitet künftig mit dem Pflegesoftware-Anbieter Carechamp und dessen Mehrheitseigentümer Schrack Seconet zusammen. Das Unternehmen Schrack Seconet entwickelt Sicherheitssysteme (unter anderen auch im Gesundheitsbereich) und hatte im Jahr 2024 das Wiener Startup Carechamp mehrheitlich übernommen (brutkasten berichtete). Gemeinsam wollen die Partner Pflegeeinrichtungen mit vernetzten, intelligenten Technologien unterstützen und damit Sicherheit, Effizienz und Qualität im Pflegealltag verbessern.

„Als Unternehmen der HealthTech-Branche tragen wir eine besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft: Innovation muss dem Gemeinwohl dienen. Wenn unsere Systeme die Plattform sein können, auf der sich unterschiedliche Technologien zu einem großen Ganzen vereinen lassen, macht uns das stolz. Eine Innovation von drei österreichischen Unternehmen für Europa“, sagt Wolfgang Kern, CEO der Schrack Seconet AG.

Technologie miteinander verbunden

Im Rahmen der Kooperation werden die jeweiligen Systeme der drei Unternehmen technisch miteinander verbunden: die modulare Pflegeassistenzplattform von Carechamp, die kontaktlose 3D-Sensorik von cogvis sowie die Kommunikations- und Rufsysteme von Schrack Seconet. Ziel ist es, bestehende Infrastrukturen nahtlos einzubinden und Pflegeprozesse besser zu koordinieren.

Entstehen soll eine integrierte Gesamtlösung, die Risiken frühzeitig erkennt, Stürze zuverlässig meldet und Pflegekräfte in Echtzeit informiert. Bereits im Einsatz befindliche Softwaresysteme und Infrastrukturen werden über vorhandene Schnittstellen angebunden; zusätzliche Schnittstellen können bei Bedarf entwickelt werden. Technologische Basis ist die in Österreich entwickelte Plattform von Carechamp.

Christian Pichl, CEO der Carechamp GmbH, erklärt: „Mit dem cogvis companion erweitern wir unser Carechamp-System um einen besonders leistungsstarken Sensor, der Stürze in Pflegezimmern nicht nur zuverlässig meldet, sondern Pflegekräften die Sicherheit gibt, im entscheidenden Moment rasch an der Seite ihrer Bewohner:innen zu sein.“

„Zuverlässiger Begleiter im Alltag“

„Mit unserer kontaktlosen 3D-Sensorik erkennen wir kritische Situationen in Echtzeit – ohne Kamera, ohne Radar, dafür mit maximaler Präzision und vollstem Respekt für die Privatsphäre. Die tiefe Integration in bestehende Rufanlagen mittels Carechamp macht Alarme übersichtlich und priorisierbar – so wird aus Technologie ein zuverlässiger Begleiter im Alltag“, ergänzt Rainer Planinc, CEO der cogvis GmbH.

Das Spin-off der TU Wien hat eine smarte Pflegelösung entwickelt. Dafür holte es sich im Jahr 2018 eine erste Kapitalspritze in Höhe von 700.000 Euro. Das vierte Investment in der Unternehmensgeschichte erfolgte erst letztes Jahr im September. Die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich (RLB OÖ) beteiligte sich damals als neuer Kapitalgeber und strategischer Partner an der siebenstelligen Finanzierungsrunde (brutkasten berichtete).

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Giacomo Benassi (Kinsect), Matthäus Kircher (Solos) und Manuel Mairinger (Reploid) zeigen, wie Startup-Kollaboration funktionieren kann. © NOI Techpark/Marco Parisi

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Es wurlt in der Larvenkiste des österreichischen Scaleups Reploid: Larven der Schwarzen Soldatenfliege werden hier seit einigen Tagen gemästet. Sie ahnen natürlich nicht, dass sie bald eine wichtige Rolle im Kreislaufkonzept dreier Jungunternehmen spielen werden.

Zuerst aber dorthin, wo alles begonnen hat: an den NOI Techpark in Bozen, Südtirol. Auch hier wurlt es, nur bringen statt Insektenlarven Startups Leben in das 12 Hektar große Innovationsviertel. Aktuell arbeiten 76 Unternehmen, 37 Startups, drei Forschungsinstitute, vier Fakultäten der Freien Universität Bozen und insgesamt 2.400 Menschen hier gemeinsam für nachhaltigen Fortschritt. Man tüftelt in den Laboren an Prototypen, vernetzt sich auf Events, feilt beim Spaziergang über den 2017 eröffneten Campus, der sich inzwischen stark vergrößert und weiterentwickelt hat, an der nächsten Idee. Was Gründer:innen hier aber am meisten schätzen: das weitreichende Netzwerk.

Nicht gesucht – trotzdem gefunden

„Wer am NOI Techpark Fuß fasst, bekommt Zugang zu etablierten Akteuren und Investoren in Südtirol“, erklärt Manuel Mairinger, Managing Director und CEO von Reploid Italia. Das ursprünglich aus Österreich stammende Insekten-Scaleup hat sich bei der Expansion nach Italien wegen der hervorragenden Lage zwischen Österreich und Mailand für das Acceleration & Scale-up Programme des NOI Techpark als Launchpad entschieden. „Das NOI baut als renommierter Partner die Brücke zu potenziellen Kund:innen und Partner:innen, ganz ohne die Hilfe von Plattformen wie LinkedIn“, fügt der Reploid-Italia-CEO hinzu.

Mairinger weiß genau, wovon er spricht. Reploid Italia ist eines von drei am NOI inkubierten Jungunternehmen, die zeigen, wie Startup-Kollaboration funktionieren kann. Initiiert hat die Zusammenarbeit Sonja Tetter vom Team des Start-up Incubator. „Wir arbeiten sehr eng mit unseren Startups zusammen, kennen ihre Geschäftsmodelle, Technologien und Herausforderungen. Deshalb sehen wir relativ früh, wo eine Kooperation wirklich Mehrwert schaffen könnte“, erläutert Tetter. Gemeinsam wollen die drei Unternehmen zur regionalen Kreislaufwirtschaft in Bozen beitragen. Und hier kommt die Larve der Schwarzen Soldatenfliege wieder ins Spiel.

Die Schwarze Soldatenfliege als Gamechanger

Die Larve der Schwarzen Soldatenfliege wird rund 25 Millimeter groß. © Reploid/Fabian Fallend

Nach nur einer Woche sind die Larven laut Reploid mit rund 25 Millimetern ausgewachsen und überzeugen mit innerer Größe: Sie sind sehr reich an tierischem Protein. Das aus ihnen gewonnene Mehl kann einen Proteingehalt von über 62 Prozent aufweisen.

Das macht die Larven zum potenziellen Proteinersatz, vor allem im Futtermittelbereich, etwa für Fische. „Wir züchten Welse, das sind Fleischfresser“, erklärt Matthäus Kircher, Gründer von Solos. Das Südtiroler Startup betreibt Aquaponik und verbindet Fischzucht mit dem Anbau von Kräutern und Salat.

Das Prinzip dahinter: Die Fische reichern das Wasser durch ihre Ausscheidungen mit natürlichen Nährstoffen an, ein Biofilter leitet es ins Pflanzenbecken, wo Salat und Kräuter die Nährstoffe aufnehmen und das Wasser reinigen, bevor es zurück zu den Fischen fließt. So entsteht ein geschlossener Kreislauf im Zeichen der Nachhaltigkeit.

Ein Punkt war Kircher dabei allerdings von Anfang an ein Dorn im Auge: das mit Fischmehl angereicherte Futter. „Bereits vor vier Jahren haben wir uns gefragt, wie wir tierische Proteine ohne Fischmehl verfüttern können“, erzählt er. Insekten bildeten schließlich die Lösung. Eine Studie ergab: Futtermischungen auf Insektenmehlbasis, angereichert mit Spirulina-Algen, lassen den Omega-3-Gehalt im Fischfilet höher ausfallen als bei herkömmlich gefütterten Tieren.

Aus Reststoffen wird Futtermittel

Insektenlarven werden durch die Kooperation zu nachhaltigem Fischfutter © NOI Techpark/Marco Parisi

Hier kommt Reploid ins Spiel: Das Unternehmen implementiert modulare Anlagen, die sogenannten „ReFarm-Units“. Dort verarbeiten Larven der Schwarzen Soldatenfliege regionale Reststoffe zu Insektenprotein und -fett für Futtermittel- sowie Industrieanwendungen. Ein weiteres Nebenprodukt ist der Insektenfraß, also die Ausscheidungen, aus denen organischer Dünger entsteht. Den dritten Baustein liefert Kinsect: Das italienische Startup entwickelt Technologien für die industrielle Zucht der Fliege und liefert Eier sowie Junglarven.

Am Standort von Solos in Tramin greifen so die unterschiedlichen Kompetenzen ineinander: Die von Kinsect bereitgestellten Larven werden in einer Insektenmastanlage von Reploid mit Lebensmittelnebenprodukten wie Apfeltrester, Kartoffelschalen oder Altbrot gefüttert. Solos nutzt sie anschließend als nachhaltiges Futtermittel in der Fischzucht. So soll Fischmehl ersetzt, sollen organische Reststoffe sinnvoll verwertet werden. Neben den ökologischen Vorteilen ergeben sich durch das Vorzeigeprojekt und den realen Usecase natürlich auch wirtschaftliche Vorteile, von denen die drei Startups profitieren.

Drei Ansätze, ein gemeinsamer Nenner

Es ist eine Kooperation im Namen der Kreislaufwirtschaft, die ohne den NOI Techpark nie zustande gekommen wäre. „Am NOI Techpark konnte diese Synergie organisch entstehen“, fasst Kinsect-CEO Giacomo Benassi zusammen. „Dank der Zusammenarbeit im selben Ökosystem konnten wir viel schneller Vertrauen zueinander aufbauen.“ Der NOI Techpark ermöglicht damit nicht nur grenzüberschreitende, sondern auch branchenübergreifende Vernetzungen, die Startups entscheidend weiterbringen.

Und so wurlt es weiter am NOI Techpark. Jedes Jahr kommen neue Startups zur NOI-Community dazu. Für den Herbst-Batch kann man sich noch bis zum 5. Oktober bewerben – vielleicht entsteht daraus bald die nächste erfolgreiche grenzüberschreitende Startup-Kooperation.

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