01.02.2021

Clubhouse ja – Stopp Corona na?

In seiner aktuellen Kolumne setzt sich Mic Hirschbrich kritisch mit dem Clubhouse-Hype auseinander und geht der Frage nach, warum wir die Stopp-Corona App ins Bodenlose fallen lassen – seiner Meinung nach eine "nationale Katastrophe".
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Clubhouse
brutkasten-Kolumnist Mic Hirschbrich | Hintergrund (c) Adobe Stock

Sie haben den Hype rund um die neue iOS App Clubhouse (für Android soll sie bald nachfolgen) bestimmt mitbekommen. Die Frage, wer den Mumm hat, die bestehenden Sozialen Netzwerke ernsthaft anzugreifen, ist entschieden. Es ist wieder ein Team aus dem Silicon Valley. Die Audio-App wurde vom Stanford-Absolventen und Pinterest-Ex-Manager Paul Davison sowie dem ehemaligen Google-Mitarbeiter Rohan Seth gegründet und soll dank frischem Kapital bald eine Milliarde USD wert sein.

Die Unterschiede zwischen Clubhouse und der Stopp-Corona App

Doch eine Sache macht stutzig: Während in Zeiten der Pandemie praktisch alle Bereiche unseres Lebens leiden, fällt die Beliebtheit der wirklich sinnvollen Stopp-Corona App ins Bodenlose, während eine App wie Clubhouse boomt.

Erstere ist open-source und von vielen Experten für „sicher“ befunden worden. Die Nutzer sind anonym und das Ziel ist es, rasch informiert zu werden, wenn man einer Infektions-Gefahr ausgesetzt war. Als Hobby-Epidemiologen, die wir mittlerweile alle geworden sind, wissen wir – neben dem „Testing“ ist dieses „Tracing“ das wichtigste. Das erfolgreiche „Tracing“ entscheidet über die Ausbreitung des Virus, den Schaden, den es anrichten kann, und letztlich über unsere Freiheit. Dennoch, haben Sie all die Monate irgendwas zur App gehört oder gelesen?

Über die zweite App, Clubhouse, ist nichts über den Source-Code bekannt und Tausende Promis laden bereitwillig ihre wertvollen Adressbücher hoch, nur um ja einen guten Status im neuen sozialen Netz zu erzielen und rasch optimal vernetzt zu sein.

Und genau da könnte auch ein Grund in der unterschiedlichen Attraktivität liegen. Während die Stopp-Corona-App einen (zu) leisen Dienst für einen selbst aber vor allem für die Allgemeinheit verrichtet und für viele „nicht richtig zu funktionieren“ scheint, weil sie „vielleicht zu wenige andere aktiviert hätten“, wie es oft zu lesen ist, bietet Clubhouse einen ganzen Streichelzoo fürs eigene Ego an, in einer seit einem Jahr ausgedörrten öffentlichen Anerkennungswüste.

Was macht den Reiz aus, diese Apps zu nutzen?

Auch die Bewerbung der beiden Apps könnte unterschiedlicher nicht sein. „Stopp-Corona“ wurde von anerkannten NGOs und dem Staat mit richtig viel Geld beworben. Der Anreiz zur Nutzung war und ist, objektiv betrachtet, gewaltig. Die App operiert unauffällig im Hintergrund, schützt anonym dich und deine Liebsten und kann Krankheit, Tod und wirtschaftliche Schäden massiv eindämmen helfen. (Siehe z.B. Singapur, wo sie von mehr als 80 Prozent genutzt wird und damit ein annähernd normales Leben möglich wurde.)

Aber wie viele SMS haben Sie je erhalten mit einem „Hey Freund, hast die neue Hype-App schon installiert? Sie schützt dich und andere, kann die Wirtschaft beleben, Arbeitsplätze retten und uns allen mehr Freiheit bringen! Lade Stopp-Corona jetzt herunter und rette Leben.“? Ich schätze, Sie haben nie ein solches SMS erhalten.

Obwohl wir also alle genug haben von Corona, obwohl zu vielen von uns das Wasser nicht bis zum Hals steht, sondern schon in Fontänen zu den Ohren heraus spritzt und obwohl die meisten nun wirklich jemanden persönlich kennen, der starb oder auf der Intensiv lag, -nichts: Kein Hype, keine Debatte, keine virale Verbreitung – gähnende Fadesse. Auf keinem Sender, den man zum Thema verfolgt, auch nur ein Hinweis in den Debatten. Nicht mal zuletzt auf Servus TV, die bei dem Thema inhaltlich wirklich alles anders machen als alle anderen.

Clubhouse kann sich über solche Schwierigkeiten nicht beklagen. Schätzt man jemanden und weiß, dass er wegen der künstlichen Verknappung der Beta-Invites möglicherweise nicht hineinkommt, dann verschenkt man die zur Verfügung gestellten Invite-Codes gerne und bleibt lebenslang damit verewigt. Man ist ja großzügig und kümmert sich in dem Fall um den geliebten Nächsten. Alle paar Momente blinkt es und jemand lädt uns ein, einer Diskussion zu folgen. Und wenn möglich, sehen wir gleich nach, ob wir eine Chance verpassen, jemand spannenden zu hören oder den eigenen Senf zu einem Leib-Thema abgeben zu können.

Drang nach sozialer Verbindung

Dieser Drang nach sozialer Verbindung, danach andere wieder authentisch zu hören, live zu erleben, sich möglicherweise auch selbst endlich wiedermal auf eine zumindest virtuelle Audio-Bühne stellen zu dürfen, selbst wenn man nicht mit einer sonoren „Axel Corti“-Stimme gesegnet sein mag.

Und wissen Sie was, nichts daran ist falsch, diesem Drang nachzugeben. Clubhouse ist großartig umgesetzt und wurde genau zur richtigen Zeit gelauncht. Es stiftet gerade jetzt großen Nutzen und wir sollten die App verwenden, solange es uns Spaß macht oder hilft.

Aber weshalb wir zeitgleich als Gesellschaft eine lebensrettende App praktisch im digitalen Nirwana verenden lassen, das sollte uns beschäftigen. Denn es sagt einiges aus: Über unseren Zugang zu Technologie, den Zustand unseres Vertrauens in selbige und Institutionen. Es deckt aber auch die eigenen Mechanismen auf, weshalb wir die eine aktiv bewerben, stolz auf die Nutzung sind und gerne aktiv zum Hype beitragen und die andere bestenfalls akzeptieren, ignorieren und viel zu häufig sogar deaktivieren.

Ein möglicher Grund für Hype und Ablehnung

Seit Jahren denke ich darüber nach, weshalb wir in Europa eine regelrechte Datenschutz-Paranoia ausgelöst haben (eine gesunde und sachlich ausbalancierte Datenschutzkultur wäre sehr wichtig!) und deshalb solchen europäischen Apps laut Umfragen höchst kritisch gegenüberstehen, aber kein Problem damit haben, bei US-Riesen einzukaufen und alles zutiefst Private, was sich irgendwie digitalisieren lässt, dort zu teilen.

Im direkten Vergleich dieser beiden Apps scheint der Grund dafür offenkundig, der uns unbewusst zu diesem merkwürdigen Verhalten bringt: Es sind die Standorte der App-Betreiber. Wir misstrauen als ÖsterreicherInnen zwar in einem mehr oder weniger großen Ausmaß diesen Technologien oder sind zumindest skeptisch. Aber wenn die Daten nicht in Österreich und nicht einmal auf unserem Kontinent liegen, sondern in den USA, schlägt unser innerer Schutzmechanismus nicht Alarm.

Wozu auch, könnte man diese These untermauern. Meine Party-Fotos auf Facebook, meine zynischen Kommentare auf Twitter und meine tausendste Bestellung auf Amazon, es könne doch egal sein, was Amerikaner über mich denken.

Vielen von uns ist es aber nicht egal, dass die Firmen darauf ihre ökonomische und politische Macht begründen. Aber der Anreiz die Apps zu nutzen ist eben größer als die Bedenken, unmittelbar selbst daraus einen Nachteil zu erfahren. Und darum geht es. Nicht so bei unseren heimischen Apps. Hier könnten Daten von Behörden gelesen oder geleaked werden und uns unmittelbar selbst schaden. Wir haben zudem keine jahrzehntelange Erfahrung mit der Stopp-Corona App, wonach sie uns nutzt und keine Bedrohung darstellt.

Fazit

Am Ende des Tages könnte aber dennoch vieles für eine Nutzung beider Apps sprechen. Clubhouse besitzt ein großartiges UX-Design und ist einladend gemacht. Es bietet einen niederschwelligen Zugang zu spannenden Menschen und erweitert unsere aktiven Netzwerke um ein auditives Erlebnis.

Durch den Live-Charakter ist es bislang weniger destruktiv und zynisch als andere sozialen Medien und scheint eine respektvollere Online-Kultur zu fördern. Auch das Argument, seine Kontakte raufzuladen sei gefährlich, wird bald verebben.

Wenn die Gründer smart sind, worauf sehr vieles hindeutet, arbeiten sie mit „Hash und Vektorisierung“ bei den Kontakten. Dies ermöglicht, dass wir uns in der App wiederfinden, aber es schützt die Daten auch vor ungewolltem Zugriff Dritter. Die größte Gefahr für Clubhouse ist, dass ihm der spannende Content ausgeht, weil jene die ihn zur Verfügung stellen, zu wenig Anreiz spüren, diesen dauerhaft zu erzählen. Ohne Content – keine User.

Bei der Stopp-Corona App besteht der spannende Content aus Tracing-Daten. Und derzeit ist für uns fast nichts wichtiger, als diese Daten und ihre Verarbeitung. Anders formuliert, in Zeiten wie diesen nicht flächendeckend eine solche App zu nutzen (wie z.B. Singapur das vorlebt und seinen Menschen damit ohne Impfung maximale Freiheit ermöglichen kann) ist eigentlich eine nationale Katastrophe.

Man könnte diese App erweitern, etwa um anonyme Test-Ergebnisse, die automatisch einen QR-Code erstellen und uns damit Zutritte gewähren: zu Schulen, Wirtshäusern und Handelsunternehmen, wenn es die lokale Datenlage hergibt. Ausgerechnet bei einer Pandemie auf eine solche App zu verzichten und stattdessen analog und datenschutzrechtlich in der Steinzeit herum zu wurschteln, ist bedenklich und ineffizient.

Aber wenn Sie Lust haben, kommen Sie später in einen unserer Clubhouse Räume. Wir können das alles dort diskutieren.


Zum Autor

Mic Hirschbrich ist CEO des KI-Unternehmens Apollo.AI, beriet führende Politiker in digitalen Fragen und leitete den digitalen Think-Tank von Sebastian Kurz. Seine beruflichen Aufenthalte in Südostasien, Indien und den USA haben ihn nachhaltig geprägt und dazu gebracht, die eigene Sichtweise stets erweitern zu wollen. Im Jahr 2018 veröffentlichte Hirschbrich das Buch „Schöne Neue Welt 4.0 – Chancen und Risiken der Vierten Industriellen Revolution“, in dem er sich unter anderem mit den gesellschaftspolitischen Implikationen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

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V.l.n.r.: Peter Llewellyn-Davies (Präsident BIOTECH AUSTRIA), Lejla Pock (CEO Human.technology Styria), Marcus Hofer (CEO Standortagentur Tirol) © BIOTECH AUSTRIA

Rund 250 Teilnehmer:innen aus zwölf Ländern, zwei Tage in Innsbruck, ein Motto: „Start up, Scale up, Step up!“ Mit vielen neuen Kontakten und einem guten Gefühl bin ich nach Hause gefahren und mit einer offenen Frage: Die österreichische Biotech-Branche ist so gut vernetzt wie nie, aber woher kommt  künftig das Geld, damit aus exzellenter Forschung Unternehmen werden, die in Europa groß werden?

Am Wissen fehlt es nicht. Ob Europa in der Biotechnologie mitspielt, entscheidet sich an der Finanzierung der Wachstumsphase.

Europa zwischen den USA, Golfstaaten und China

Der Schwerpunkt des Summits lag auf dem Scaleup, also auf dem Schritt vom Startup zum international wachsenden Unternehmen.

Ein Bild für die Zukunft der Pharmatrends zeichnete Claudio Albrecht, ehemaliger CEO der Stada AG. Er sprach darüber, wie Geopolitik, neue Technologien und sich wandelnde Gesundheitssysteme die Pharmaindustrie bis 2035 prägen könnten. Besonders hervorgehoben hat er dabei die Transformation Chinas von einer Service-Industrie zu einem Innovationsmotor sowie die Dynamik in den Golfstaaten. Europa widmete er keine eigene Folie in seiner Präsentation, was vom Publikum hinterfragt wurde. Es wirft die Frage auf, welchen Stellenwert Europa künftig im globalen Wettbewerb überhaupt noch spielen wird.

(c) Hofelich – Claudio Albrecht gab einen Ausblick in die Zukunft.

 Ein Champion, der nicht auswandern muss

Den Gegenentwurf lieferte Karl Nehammer, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank (EIB) und ehemaliger Bundeskanzler. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir vor allem ein Satz: „The next champion should not need to leave Europe in order to become a global champion.“ 

(c) Hofelich – Karl Nehammer, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank (EIB).

Das Ziel ist ambitioniert und gerade in der Biotechnologie bislang schwer erreichbar. Entwicklungszyklen dauern hier i. d. R. mehr als ein Jahrzehnt. 

Der Startup- & Scaleup-Dachfonds: eine gute Nachricht mit Fragezeichen

Für die Branche besonders interessant war die Diskussion über den geplanten österreichischen Dachfonds. Stefan Haubner, Founding Partner bei APEX Ventures, widmete sich der Frage, ob Europa ein eigenes Modell für Venture Capital braucht. Dabei ging es auch um den österreichischen Fund-of-Funds. 

Der Dachfonds soll Anfang 2027 starten. Der Staat steuert 100 Mio. Euro bei, institutionelle Investoren sollen weitere 400 Mio. Euro bringen. Das ist ein wichtiges Signal. Weil es ein Dachfonds ist, investiert er aber nicht direkt in Unternehmen, sondern in andere Fonds.

Wie viel von diesem Geld tatsächlich bei Biotech-Unternehmen ankommt, ist derzeit offen.

Life Sciences brauchen Investoren mit Fachwissen und langem Atem. Davon gibt es in Österreich nur wenige. Wenn der Dachfonds vor allem in Generalisten-Fonds fließt, könnte die Biotechnologie leer ausgehen.

Tirol zeigt, wie Standortarbeit aussieht

Auch organisatorisch war der Summit ein Vorzeigeprojekt. Veranstaltet wurde der Summit von BIOTECH AUSTRIA, Human.technology Styria und der Standortagentur Tirol. Vor Ort vertreten waren Peter Llewellyn-Davies, Präsident von BIOTECH AUSTRIA, Marcus Hofer, CEO der Standortagentur Tirol, und Lejla Pock, CEO von Human.technology Styria. Äußerst charmant moderiert hat Damita Pressl.

Die Villa Blanka hoch über Innsbruck bot eine außergewöhnliche Kulisse; ebenso das Gala-Dinner am Abend in der Rooftop-Bar des Hotels aDLERs. Begeistert zeigten sich auch die Teilnehmer:innen, die am Vortag im Rahmenprogramm die Skisprungschanze Bergisel besichtigt hatten. Ich selbst habe mir am Dienstagmorgen den Health Hub Tirol angesehen. Das Technologiezentrum ist seit knapp einem Jahr in Betrieb und bietet noch freie Flächen. Das ist die Art Standortpolitik, die wirkt: Infrastruktur, Netzwerk und ein Treffpunkt, an dem Forschung, Investor:innen und Politik tatsächlich ins Gespräch kommen.

Was es jetzt braucht

Der Summit hat gezeigt, dass die Branche sich der Herausforderungen bewusst ist und weiß, was zu tun ist.

Der nächste Champion muss nicht auswandern. Aber dafür muss das Kapital vor Ort stärker mobilisiert werden. 

Der fünfte Biotech Summit Austria findet am 21. und 22. Oktober 2027 in Graz statt. Bis dahin wissen wir mehr darüber, ob der Dachfonds auch der Biotechnologie hilft.


Disclaimer: Karin Hofelich ist Life Science Lead beim brutkasten-Schwestermagazin VentureCapital. Das VC Magazin war Medienpartner des Summits.

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