11.06.2021

Clara Blume zu Culture Tech: „Künstler sind die Phalanx, die neues Terrain erobert“

Clara Blume ist Kulturdiplomatin sowie eine Singer/Songwriterin, die in Wien geboren wurde. Sie hat 2011 zusammen mit ihren Brüdern und Freunden "The Singer Songwriter Circus" gegründet, eine Plattform für Musiker, um an wechselnden Orten ihre Musik zu präsentieren. Im Interview äußert sich die Leiterin des "Open Austria Art + Tech Lab" im Silicon Valley zu Culture Tech und was Technologien in einem Kulturland wie Österreich für Möglichkeiten bieten.
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Culture Tech, Clara Blume
(c) Pia Clodi - Clara Blume: "Man darf deshalb nicht den Fehler begehen, Technologie auf ‚TikTok‘ und ‚Katzen-Gifs‘ zu reduzieren."

Clara Blume arbeitet als europäische Kulturdiplomatin und Künstlerin im Silicon Valley und leitet das „Open Austria Art + Tech Lab“, um das Zusammenspiel von menschlicher und künstlicher Kreativität zu erforschen. Als Labor für offene und interdisziplinäre Zusammenarbeit kuratiert, beauftragt und fördert Blume Kunstprojekte, die neu definieren möchten, was es bedeutet, im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ein Mensch zu sein. In Abstimmung mit Österreichs Bemühungen in der Tech-Diplomatie arbeitet das „Art + Tech Lab“ mit politischen Entscheidungsträgern aus Europa und den USA zusammen, um für einen neuen digitalen Humanismus in der Tech-Branche zu werben.

Als Präsidentin des EUNIC Silicon Valley (EUNIC Silicon Valley) in den Jahren 2019 und 2020 ist Blume Mitbegründerin und Präsidentin der in San Francisco ansässigen gemeinnützigen Organisation „The Grid“ (Art Powers Technology), die von der Europäischen Kommission und Salesforce unterstützt wird. Zuletzt hat sie die erste Ausgabe des in San Francisco ansässigen „Art + Tech Festivals“ The Grid ins Leben gerufen und kuratiert: „Exposure – Art + Tech + Policy Days“ im September 2020.

Vor ihrer Rolle in der Kulturdiplomatie arbeitete sie als professionelle Musikerin und Künstlerin, tourte hauptsächlich durch die EU und die USA, trat mehrmals im nationalen Fernsehen auf und war Headliner auf internationalen Festivals. Als Gründerin und Managerin der Non-Profit-Organisation und Wiener Performance-Plattform „The Singer Songwriter Circus“ förderte Blume Songwriter aus aller Welt. Sie wurde 2016 als „Künstlerin des Jahres“ und 2015 als „Frau des Jahres“ nominiert.


Culture-Tech, ein relativ neuer Begriff. Worum geht es da genau?

Clara Blume: „Kunst/Kultur und Technologie sind zwei Seiten derselben Medaille. Technologien sind seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte Teil künstlerischer Praxis. Ein Pinsel, ein Drumstick, und aktuell eben ein Algorithmus sind alles Technologien, die den Ausdruck menschlicher Kreativität erweitern. Oftmals wird Kultur fälschlicherweise als Antipode der Innovation gedacht – als Kulturgut, das inhärent an unsere Identität geknüpft ist und welches es zu konservieren gilt.“

Also ist es untrennbar miteinander verknüpft? Und Österreich auf dem Weg zum Culture Tech-Hub?

„Kultur ist ein lebender Organismus. Kunst lebt vom Experimentieren und stellt daher auch den wichtigsten Motor von Innovation dar. So war beispielsweise Mozart ein bedeutender ‚Popkünstler‘ seiner Zeit und hat durch die Verwendung des Klaviers brandneue Technologien in Umlauf gebracht. Österreich als Culture Tech-Hub etablieren zu wollen, ist eine natürliche Weiterentwicklung bereits existierender Tendenzen. Seit rund 40 Jahren ist Österreich auch ein international renommierter Standort für viele Formen digitaler Kunst und durch die Ars Electronica auch ein Mekka für MedienkünstlerInnen aus aller Welt.“

Österreich wird ja heute noch als Kulturnation gesehen. Auch in Bezug auf innovative Kunst?

„Insbesondere in den USA wird Österreich vorrangig als Kulturnation wahrgenommen. Als Nation von großen Künstlern, Denkern und Pionieren – der Avantgarde neuartiger Ausdrucksformen. Mit dem Begriff ‚Culture Tech‘ haben wir die Chance, diese externe Wahrnehmung nun auch richtig zu ‘branden’ und uns als Nation anzueignen. Dabei setzen wir nicht nur auf die Salzburger Festspiele, sondern eben auch auf kritische und experimentelle Auseinandersetzung mit neuartigen Zukunftstechnologien. KünstlerInnen sind die Phalanx, die neues Terrain erobert. Dieser Aspekt ist auch für die Industrie enorm wertvoll. Letztlich muss man ‚Culture‘ auch im Sinne der Unternehmenskultur denken, wie das im Silicon Valley seit jeher gang und gäbe ist. Ein reiches kulturelles Angebot steigert die Lebensqualität und macht Österreich damit auch als Standort für Tech-Konzerne und Startups attraktiver.“

Also eine Chance für Österreich?

Das ist historisch mitunter auch der Grund, weshalb Paris innerhalb Europas sogar oftmals Niedrigsteuerländer wie Irland ausbotet. Die Angestellten haben großen Einfluss auf die Standortwahl und entscheiden sich für das ’savoir vivre‘ – hier kann Österreich enorm punkten, denn Kunst ist lebensnotwendig. Der Mensch braucht die künstlerische Erfahrung, um das eigene Selbst in seiner Ganzheit begreifen zu können. Die amerikanischen Tech-Giganten haben das verstanden: sie stellen nicht nur tausende Kunstschaffende an, sondern legen auch enormen Wert darauf, ihren Programmierern und Wissenschaftlern Wege des eigenen künstlerischen Ausdrucks zu ermöglichen. Culture Tech bedeutet Innovationskultur fördern, interdisziplinär denken, und Kunst den Raum zum Experimentieren zu schenken.“

Wie siehst du die Entwicklung der letzten Jahre in Österreich und wohin geht sie die nächsten?

„Technologie polarisiert. Sie trägt nicht nur zur aktiv zur Polarisierung unserer Gesellschaft bei, sie schafft auch eine neue geopolitische Weltordnung. Man darf deshalb nicht den Fehler begehen, Technologie auf ‚TikTok‘ und ‚Katzen-Gifs‘ zu reduzieren. Digitale Technologien sind omnipräsent und diktieren indirekt oder direkt jeden Aspekt unseres Lebens. Unter der österreichischen Bevölkerung beobachten wir aktuell eine zunehmende Technologie-Skepsis, die sicherlich in Teilaspekten auch begründet ist. Problematisch wird es nur dann, wenn wir uns aktiv aus den akuten Problemfeldern der Digitalisierung herausnehmen und das Spielfeld damit anderen ‘Playern’ überlassen. Unsere Menschenrechte müssen auch online geschützt werden. Dafür ist ein gesellschaftliches Umdenken erforderlich. Wer sich das Potenzial von neuartigen Technologien aneignet, kann die ‚4. Industrielle Revolution‘ aktiv mitgestalten. So entwickeln wir uns von einer Nation aus Konsumenten zu einem Land von digitalen Akteuren.“

Besonders mit dem ‚Boost‘, den Covid19 brachte. Welchen Impact hatte die Pandemie und was kann man daraus mitnehmen?

„Viel wurde über die Auswirkungen der Pandemie geschrieben und ich werde damit nicht auf die unzähligen verheerend destruktiven Aspekte eingehen. Ich persönlich denke seit 2020 völlig anders über den Begriff der ‚essentiellen Arbeit‘ nach und sehe mich voller Demut daran erinnert, dass wir einen stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt benötigen. Abgesehen davon, möchte ich noch gerne hervorstreichen, dass uns global die Bedeutung von ‘digital literacy’, digitale Alphabetisierung, schlagartig bewusst geworden ist. Die Pandemie hat existierende strukturelle Ungerechtigkeiten nur noch verstärkt. Allein der fehlende Zugang zum Internet hat Schulkinder auf der ganzen Welt vor ein unlösbares Problem gestellt. Technologie darf kein Luxusgut sein. Wer sich dieser Realität am schnellsten anpasst, formiert eine Generation, die die Zukunft aktiv mitgestalten wird.“

Wie genau verändert sich Kunst durch digitale Innovation? Welche Rollen spielen Culture-Tech-Startups dabei? Und was sind deiner Meinung nach die Chancen für die neue Kulturerfahrung?

„Die Digitalisierung kann einen positiven demokratisierenden Effekt haben. ‚Skills‘ ist nach wie vor das magische Wort, das Tür und Tor öffnet. Aber viele Kompetenzen erlernt man heutzutage autodidaktisch oder durch kostengünstiges eLearning: Coding über Coursera, Photographie über Masterclass, oder Russisch über YouTube. Im Zeitalter der Digitalisierung beginnen die Grenzen zwischen den Disziplinen zu verschwimmen. So gestaltet man sein eigenes maßgeschneidertes Arbeitsprofil. Dasselbe gilt für die Kunst: Digitale Künstler oder Medienkünstler stellen ihre eindrucksvollen Fähigkeiten unter Beweis, wenn sie sich als ‘early adopters’ neue digitale Tools aneignen und diese unter der Bevölkerung zirkulieren.“

Eine neuer Form des Künstler-Daseins also?

„KünstlerIn sein im digitalen Zeitalter bedeutet damit auch, die Kunst aus dem Elfenbeinturm zu locken und aktiv an der Gestaltung der (digitalen) Gesellschaft zu partizipieren. Das kommt einem Paradigmenwechsel gleich, den die Kunstgeschichte in dieser Form noch nicht durchgemacht hat. An der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft trifft der künstlerische Ausdruck auf die Anforderungen der Industrie. Je mehr der Mensch zum ‘Digital Human’ wird, desto mehr wird er die Möglichkeiten der Digitalisierung zur persönlichen Entfaltung wahrnehmen. Darin steckt ein enormes Potenzial für die Startup-Kultur. Ich sehe die Zukunft der Kunst im ‚Immersive Experience Design‘ – einer Hybridität der Künste, wo Klang, Bild, Haptik, Geruchssinn und Interaktivität, in eine Kunsterfahrung zusammenfließen.“

Was sagt man Kritikern, die Digitales und Kunst nicht verbunden sehen wollen?

Wie bereits eingangs erwähnt, stellt die Trennung von Kunst und Technologie eine falsche Dichotomie dar. Problematisch finde ich außerdem den fehlgeleiteten Elitismus, der Medienkunst oftmals entgegengebracht wird. Auch das ist leider nichts Neues in der Geschichte der Kunst, denn die Avantgarde wird zunächst stets belächelt. Um ein überstrapaziertes Beispiel heranzuziehen: Van Gogh ist bettelarm verstorben und trotzdem kann man heutzutage seinen Sonnenblumen nicht entkommen. Digitale Kunst ist die Avantgarde unserer Zeit und wird in 50 Jahren die Auktionshäuser sprengen. Das tut sie sogar in Ansätzen jetzt schon, wenn man sich Beeples Verkauf des NFTs ‚Everydays – The First 5000 Days‘ für 69 Million US-Dollar ansieht. Damit möchte ich keinesfalls traditionelle Kunstformen schmälern und räume diesen einen bedeutenden Platz in unserer Gesellschaft ein. Letztlich reduziert sich die Debatte um digitale Kunst auf eine wesentliche Frage: Was hat Wert in unserer Gesellschaft? Sobald wir digitaler Kunst auch monetären Wert beimessen, wird sich die Kunstform auch unter engstirnigen Kritikern etablieren.“

Wie sind in Österreich die Rahmenbedingungen und in welchen Bereichen ist die Politik gefragt? Kurzum die Meta-Frage: Was bräuchte es, um Österreich zum Culture Tech-Hub zu machen?

Österreich hat alle Zutaten, um sich international als Culture Tech-Hub zu etablieren: das Talent, die Hochschulen mit exzellenter Grundlagenforschung, das innovative Potenzial, der reiche kulturelle Humus, einen hohen Lebensstandard, die öffentliche Förderkultur. Es braucht politischen Willen, um aktives ‚Nation Branding‘ zu betreiben und die Idee großflächig zu streuen. Wir Österreicher und Österreicherinnen könnten mehr Risikobereitschaft vertragen und am internationalen Parkett mehr Selbstbewusstsein in unsere eigenen Fähigkeiten zeigen. Leider lässt sich das nicht einfach politisch implementieren – es braucht Zeit, um verinnerlicht zu werden. Aber in der Zwischenzeit kann die Politik ein starkes Zeichen setzen, dass wir als Land das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz aktiv mitgestalten wollen. Es wird sich zeigen, dass der Schlüssel hierzu in der menschlichen Kreativität liegt. Diese zu fördern, sollte das Herzstück aktueller Bildungsreformen werden.“

Auf diesem Weg, welche Hürden gibt es und wie löst man diese auf?

Die österreichische Startup- und Unternehmenskultur braucht Unterstützung. Man kann nicht oft genug daran erinnern, dass es in Österreich kaum private Investoren gibt, die das Scale-up junger Unternehmen ermöglichen. Wir müssen den Graben zwischen öffentlichen Subventionen und fehlendem privaten ‚Venture Capital‘ überbrücken. Nur so kommt auch Österreich in den Genuss seiner eigenen Unicorns, die es benötigt, um Innovation voranzutreiben.“

Abschließend, du verstehst Culture Tech als weiteren Faktor des kulturellen Erbes in Österreich?

Culture Tech bedeutet auch unsere heimische Kunst und reiches kulturelles Erbe nicht nur als Freizeit- und Tourismusattraktion zu werten, sondern als essentiellen Baustein gesellschaftlichen Wachstums. Die Kalkulation lautet oftmals: wir subventionieren die Staatsoper und die Salzburger Festspiele, da diese für den Tourismus enorm relevant sind. Kunst zu konservieren ist ein würdiges Ziel, aber bitte nicht auf Kosten der Experimentierfreudigkeit. Sobald wir begreifen, welch enormer Appetit in der jungen Bevölkerung für neue Ausdrucksformen herrscht, wird Österreich eine kulturelle Renaissance erleben – eine neue Wiener Moderne, die das Zusammenspiel der Disziplinen begrüßt und neue unerforschte Wege beschreitet.

Clara Blume wird am 30. Juni im Rahmen der Veranstaltung „Österreich digital gestalten – Culture meets Tech“, organisiert von der Politischen Akademie und der Julius Raab Stiftung, als Speakerin auftreten und ihre Erfahrungen in einem Impulstalk zum Thema Kultur, Digitalisierung und Politik teilen.

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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