21.03.2023

China: Wie Regierung und Tech-Konzerne auf ChatGPT reagieren

Gastbeitrag. Der auf künstlicher Intelligenz (KI) basierende Chatbot ChatGPT des US-Unternehmens OpenAI hat im Westen einen Hype ausgelöst. Ting Wasner-Lian beleuchtet, wie Chinas Regierung und die Tech-Riesen das Landes darauf reagieren.
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Ting Wasner-Lian
Ting Wasner-Lian (links), Baidu-CEO Robin Li (rechts)

Nur zwei Monate nach dem Start, Ende Januar 2023, hatte ChatGPT über 100 Millionen monatlich aktive Nutzer und war damit die am schnellsten wachsende Verbraucheranwendung in der Geschichte. Am 1. Februar 2023 führte ChatGPT einen Abo-Modell ein und verlangte 20 Dollar pro Monat, was den Beginn der KI-Monetarisierung im Verbrauchersektor bedeutete. Diese Entwicklung erregte Aufmerksamkeit und löste weltweit Diskussionen aus, von den Tech-Giganten im Silicon Valley bis hin zu den Kapitalmärkten. In der Branche wird über die Auswirkungen und Entwicklungsperspektiven von ChatGPT diskutiert, da es sich anschickt, der nächste Disruptor im Technologiesektor zu werden. Aber wie reagieren Chinas Regierung und die Tech-Riesen des Landes?

Wie reagiert die chinesische Regierung auf ChatGPT?

Am 13. Februar 2023 veröffentlichte das städtische Amt für Wirtschaft und Informatik in Peking das „Weißbuch zur Entwicklung der Pekinger Industrie für künstliche Intelligenz 2022“, das einen umfassenden Plan zur Stärkung der Grundlagen für die Entwicklung der KI-Industrie vorschlägt. Der Plan unterstützt führende Unternehmen bei der Entwicklung von Großmodellen, die mit ChatGPT vergleichbar sind, und konzentriert sich auf den Aufbau eines Open-Source-Frameworks und eines allgemeinen Ökosystems für Großmodelle. Ein weiterer Schwerpunkt des Plans ist die Verbesserung der Infrastruktur für KI-Rechenleistung und die Beschleunigung der Bereitstellung von KI-Grundlagendaten.

Das National Standardization Management Committee veröffentlichte den „National Technical Standards Innovation Base Application Guide (2023-2025)“. Darin wird vorgeschlagen, dass während des 14. Fünfjahresplans nicht mehr als 20 neue feldbasierte Innovationsbasen nachgewiesen werden sollen.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf aufstrebenden Bereichen wie KI, Quanteninformation, Blockchain, digitale Zwillinge, Betriebssysteme, High-End-Chips, High-End-Geräte, Metaverse, digitale Dörfer, Informationstechnologie der nächsten Generation, digitale Wirtschaft sowie auf Schlüsselbereichen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung wie Biotechnologie, neue Energiesysteme, Kohlenstoffspitzen und Kohlenstoffneutralität, Leben und Gesundheit, gemeinsamer Wohlstand und fortschrittliche Agrartechnologie.

Laut dem „New Generation AI Development Plan“ wird das Volumen der chinesischen KI-Kernindustrie bis 2025 voraussichtlich 4 Billionen Yuan übersteigen und das Volumen der damit verbundenen Branchen auf über 50 Billionen Yuan ansteigen lassen.

Wie reagieren die chinesischen Tech-Riesen auf ChatGPT?

Chinesische Technologieunternehmen haben sich zu ChatGPT geäußert, wobei die meisten führenden Unternehmen wie Baidu, Huawei, Tencent und Alibaba erklärten, dass sie bereits Modelle und Produkte besitzen oder erforschen, die mit ChatGPT in Verbindung stehen oder einen Vergleich ermöglichen.

Ernie Bot von Baidu:

Wenxin Yiyan, mit dem englischen Namen „Ernie Bot“, ist ein generatives Dialogprodukt, das von Baidu auf der Grundlage der Wenxin-Großmodelltechnologie eingeführt wurde. Es verfügt über fünf Hauptfunktionen, darunter die Erstellung von Texten, das Verfassen von Werbetexten, mathematisch-logische Schlussfolgerungen, das Verstehen von Chinesisch und die Generierung mehrerer Modelle.

Das Foto zeigt: Ernie Bot kann mehrere Modelle erstellen. Vom Text zum Foto, vom Text zur Stimme und am Ende zum Video.

Nach dem Start am 16. März 2023 wird Ernie Bot direkt in Baidu Search integriert und wird sukzessive in Baidu Search für Funktionen wie Mehrfachantworten und intelligente Generierung eingesetzt, entweder bereits online oder in internen Tests.

Der Ernie-Bot wird als Service über die Baidu Intelligent Cloud bereitgestellt, um Unternehmen bei der Entwicklung ihrer eigenen Modelle und Anwendungen zu unterstützen. In Schlüsselbereichen wie Landwirtschaft, Industrie, Finanzen, Bildung, Gesundheitswesen, Transport und Energie wird es zu erheblichen Effizienzsteigerungen kommen. In jedem Sektor werden rasch neue Industriebereiche entstehen, die zur Verwirklichung eines digitalen Chinas beitragen.

Auf der anderen Seite gibt es noch viele Unbekannte in Bezug auf die Geschäftsmodelle für große Sprachmodelle und generative KI. Sowohl OpenAI als auch Baidu müssen sich kontinuierlich um die Kommerzialisierung bemühen. Daten zeigen, dass seit Baidus offizieller Ankündigung von Ernie bot im Februar 2023 mehr als 650 Unternehmen ihre Integration in das Ernie bot-Ökosystem angekündigt haben. Die klare Absicht ist es, die Nutzerbasis der generativen KI deutlich zu erweitern. Dabei geht es nicht nur um den Aufbau eines Ökosystems, sondern möglicherweise auch um den Versuch, eine breitere Masse an chinesischen Nutzern präventiv für sich zu gewinnen.

Während der Ernie-Bot-Pressekonferenz sagte der CEO von Baidu, Robin Li: ,,Im Jahr 2019 hat Baidu das große Wenxin-Modell, Ernie 1.0, eingeführt. Derzeit verarbeitet Ernie 3.0 täglich Milliarden von Suchanfragen der Nutzer. Dies ermöglicht es dem Ernie-Bot, schnell zu lernen und sich auf der Grundlage eines riesigen effizienten Datenpools zu verbessern. Er betonte auch, dass Ernie bot kein Werkzeug für den technologischen Wettbewerb zwischen China und den USA ist, sondern vielmehr ein Beweis für die Kraft der technologischen Innovation, die die Entwicklung vorantreibt.

Alibabas M6:

Das M6 von Alibaba ist ein multimodales Großmodell, das von der DAMO Academy von Alibaba entwickelt wurde und ein vielseitiges KI-Modell ist. Seine Parameter sind von einer Billion auf 10 Billionen angestiegen, was es zum weltweit größten vortrainierten KI-Modell macht. Seine kognitiven und innovativen Fähigkeiten übertreffen die herkömmliche KI, und es hat breite Anwendungsszenarien in Bereichen wie der Fertigung, Literatur und Kunst sowie der wissenschaftlichen Forschung.

Das KI-Großmodell Hunyuan von Tencent:

Das KI-Großmodell Hunyuan von Tencent umfasst NLP (Natural Language Processing), CV (Computer Vision), multimodale Basismodelle und zahlreiche Industrie- und Domänenmodelle. Mit dem Aufkommen von AIGC wird sich das Hunyuan AI-Großmodell weiter entwickeln und in Bereichen wie der Generierung von Textinhalten und der Text-zu-Bild-Synthese kontinuierlich aktualisiert werden.

ByteDance:

Die Forschungsbereiche des ByteDance AI Labs in der Grundlagenforschung umfassen Computer Vision, Verarbeitung natürlicher Sprache, maschinelles Lernen, Sprach- und Audioverarbeitung, Data & Knowledge Mining, Computergrafik, Systeme & Netzwerke, Informationssicherheit sowie Technik & Produkte. Seine Produkte wurden bereits in Apps wie TikTok, Huoshan und Xigua eingesetzt, die Smartphone-Kameras in KI-gesteuerte Kameras verwandeln und Funktionen wie TikToks Seligsprechung, Körperformung, Filter, Erkennung von Gesichtspunkten und Gestenerkennung ermöglichen.

Welche Möglichkeiten gibt es im ChatGPT-Sektor?

Baidu-CEO Robin Li sagt dazu Folgendes: „Die wirkliche Chance könnte in der Entwicklung wesentlicher Anwendungsdienste liegen, die auf allgemeinen großen Sprachmodellen basieren. Gegenwärtig sind viele Start-ups in Bereichen wie Texterzeugung, Bilderzeugung, Audioerzeugung, Videoerzeugung, digitale Menschen und 3D aufgetaucht. Diese Start-ups könnten die neuen Giganten der Zukunft werden.“


Über die Autorin

Ting gründete ihre erste Firma, ein Immobilienportal, in China direkt nach ihrem Studienabschluss. Anschließend arbeitete sie im Immobilien- und Architekturgeschäft in vielen Funktionen wie Strategie und Business Development. Im Jahr 2007 wechselte sie zu einer österreichischen Unternehmensberatung und war dort für den Aufbau des asiatischen Geschäftsbetriebs verantwortlich. Sie hat einen MBA-Abschluss in Entrepreneurship & Innovation von der WU Wien und lebt und arbeitet seit 12 Jahren in China, Japan und Österreich. Im Jahr 2018 gründete sie SE Incubator und wurde unabhängige Beraterin mit einem starken Fokus auf chinesische Innovationen und Markttrends. Außerdem ist sie Mitorganisatorin des Asian Innovation Meetup Vienna.

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Gründer und CEO von Silverstar Railways: Patrick Kröll | (c) Lea Baumgartner / brutkasten

Langsam nimmt das Büro von Silverstar Railways im vierten Wiener Gemeindebezirk Form an. Einige Arbeitsplätze sind bereits eingerichtet, auch ein Besprechungsraum steht bereit. In den großzügigen Altbauräumen ist außerdem Platz für ein weiteres Vorhaben: einen Lokführersimulator. Denn Gründer Patrick Kröll will künftig nicht nur Züge betreiben, sondern auch selbst Lokführer:innen ausbilden.

Seine Begeisterung für die Eisenbahn reicht bis in die Kindheit zurück. Gemeinsam mit seinem Großvater verbrachte er Stunden am Bahnhof und beobachtete die ein- und ausfahrenden Züge. Dass er einmal ein eigenes Bahnunternehmen führen würde, hätte der heute 33-Jährige weder als Kind noch als Lokführer bei den ÖBB gedacht.

Beruflich führte ihn sein Weg zunächst in die Gastronomie. Nach einer Lehre zum Hotel- und Gastgewerbeassistenten arbeitete er auf Saison und leistete anschließend Zivildienst bei der Rettung. Zum Lokführer wurde er schließlich eher zufällig: Kröll bewarb sich gleichzeitig bei der Berufsrettung, der Polizei und den ÖBB. Letztere meldeten sich zuerst.

Eine Marktlücke auf Schiene

Bei den ÖBB arbeitete Kröll zunächst als Lokführer, später in der Disposition und Ausbildung. Während der Coronapandemie wechselte er zum privaten Bahnbetreiber RegioJet und half als Operations Manager, dessen österreichischen Betrieb aufzubauen. Durch seine Erfahrungen hatte Kröll eine Marktlücke erkannt: Vielen Bahnbetreibern fehlt es an qualifiziertem Personal und Unterstützung bei der Organisation ihrer Verkehre. Im August 2024 gründete er deshalb Silverstar Railways.

Das Wiener Unternehmen beschäftigt Lokführer:innen, die für andere Eisenbahnunternehmen Züge fahren. Hinzu kommen Dienstleistungen wie Disposition und die Planung von Verkehrskonzepten. Besonders im Güterverkehr, wo kurzfristige Änderungen und lange Verspätungen den Alltag prägen, sei Flexibilität gefragt. Im Frühjahr 2026 nahm Silverstar außerdem zwei geleaste Lokomotiven in seinen Fuhrpark auf. Kund:innen können damit sowohl Personal als auch Lokomotiven buchen.

Ohne Investoren zur eigenen Bahn

Kröll verfolgt dabei einen schrittweisen Ansatz. Ein Eisenbahnunternehmen zu gründen, sei mit hohen Kosten verbunden, lange bevor überhaupt der erste Zug fahren könne. Deshalb baute er zunächst das Dienstleistungsgeschäft auf und arbeitete parallel an den erforderlichen Genehmigungen. „Wir haben im B2B-Bereich zuerst Geld verdient, bevor wir es investiert haben“, erklärt er.

Nach eigenen Angaben war Silverstar bereits im ersten Geschäftsjahr profitabel. Für 2026 erwartet Kröll aufgrund größerer Investitionen allerdings ein negatives Jahresergebnis. Das operative Geschäft sei weiterhin positiv. Bislang finanziert sich Silverstar ohne externe Investoren. Dass das so lange möglich sein würde, habe ihn selbst überrascht. „Ich habe mir gedacht, dass wir früher an Investoren denken müssen.“

Seit September verfügt Silverstar über die Voraussetzungen für einen eigenständigen Bahnbetrieb in Österreich. Den ersten Zug auf eigener Lizenz führte das Unternehmen bereits ein Monat später durch. Für den Wiener Sonderzuganbieter B&B Blue Train übernahm Silverstar die Beförderung eines Charterzugs mit einer Reisegruppe von Wien bis zum Grenzbahnhof Spielfeld.

Am 23. Oktober 2026 fuhr Silverstar Railways erstmals unter eigener Lizenz von Wien nach Spielfeld. | (c) Silverstar Railways

Ein Zug, der bewusst langsamer fährt

Ab Mai 2027 soll mit dem STAR-Blue Train das nächste Geschäftsfeld folgen: ein touristischer Reisezug zwischen Wien und dem Salzkammergut. Von Mai bis September sind zunächst dienstags und donnerstags jeweils eine Hin- und Rückfahrt geplant. „Wir sehen uns nicht als Wettbewerb zur ÖBB oder zur Westbahn“, betont Kröll. Während die großen Anbieter auf schnelle Verbindungen setzen, will Silverstar das Reisen selbst wieder zum Erlebnis machen.

Der STAR-Blue Train soll deshalb bewusst rund eine Stunde länger unterwegs sein als bestehende Verbindungen. Geplant sind ältere, komfortable Personenwagen, Service am Platz und frisch zubereitete Mahlzeiten. Die Wagen und das Servicepersonal stellt B&B Blue Train bereit, Silverstar verantwortet den Bahnbetrieb.

Für die erste Saison kalkuliert Kröll mit rund 10.000 Fahrgästen bei 88 geplanten Zugfahrten und durchschnittlich 200 bis 210 Sitzplätzen. Ob die Rechnung aufgeht, muss sich erst zeigen. Die Ticketpreise seien bereits kalkuliert und sollen sich ungefähr am Niveau der ersten Klasse der ÖBB orientieren. Ende November soll eine eigene Buchungsplattform online gehen.

Zwischen Personalmangel und großen Zukunftsplänen

Eine Herausforderung bleibt der Personalmangel. Kröll schätzt, dass österreichweit 400 bis 500 Lokführer:innen fehlen. Die ÖBB erhöhten 2025 ihre jährlichen Ausbildungskapazitäten von 480 auf 640 Plätze. Hinzu kommt, dass Lokführer:innen auch nachts und am Wochenende gebraucht werden, was die Personalsuche zusätzlich erschwert. Silverstar will deshalb ab 2027 selbst Lokführer:innen ausbilden. Der dafür geplante Simulator soll im neuen Wiener Büro Platz finden.

Auch darüber hinaus hat Kröll große Pläne. Langfristig denkt er über internationale Verbindungen und einen Einstieg in den regionalen Personenverkehr nach. „Wir haben gewisse Pläne in den Schubladen liegen, die wir zur richtigen Zeit einfach rausziehen“, sagt er. Welche davon umsetzbar sind, hängt auch von den regulatorischen Bedingungen in Österreich ab.

Bei allen Zukunftsplänen ist der Gründer seiner ursprünglichen Leidenschaft treu geblieben. Ein- bis zweimal pro Woche sitzt er nach eigenen Angaben weiterhin selbst im Führerstand. „Ich selbst fahr irrsinnig gern“, sagt er.

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