30.06.2022

Chili Piper: Startup muss mit 7.500 Bewerbungen klar kommen

Während in manchen Branchen Massenkündigungen das dominante Thema sind, hat Chili Piper ein gänzlich andere Erfahrung.
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chili piper, 7.500
(c) Chili Piper - Nicolas und Alina Vandenberghe von Chili Piper.

Chili Piper ist ein Startup aus New York mit 250 Mitarbeitern, das Apps zur Verkaufsplanung und Firmenorganisation entwickelt.

Auf der Suche nach neuen Mitarbeiter:innen hat das Unternehmen, das bisher über 54 Millionen US-Dollar an Funding erhalten hat, ein paar TikTok-Videos gepostet und beobachtet, wie diese viral gingen.

Simple Videos von echten Mitarbeitern, die nichts Besonderes tun, oft mit einem aktuellen Song im Hintergrund und einigen gut platzierten Subtitles. Am Ende waren es 7.500 Bewerbungen, die Chili Piper erhielt.

Chili Piper mit Mitarbeitervielfalt

„Die Leute interessieren sich für unsere TikTok-Videos, weil sie die Vorteile von ‚remote work‘ perfekt veranschaulichen und weil wir die Plattform im B2B-Bereich erst seit Kurzem nutzen – wir müssen also erst noch die Aufmerksamkeit dieses riesigen Publikums erlangen. Es gibt nicht viel Konkurrenz“, erzählte Alina Vandenberghe, Mitbegründerin und Mitgeschäftsführerin von Chili Piper dem Forbes-Magazin vor knapp zwei Wochen. „Außerdem demonstrieren wir Mitarbeitervielfalt. Wenn sich Menschen um eine Stelle bewerben, wollen sie erfolgreiche und glückliche Menschen sehen, die so aussehen wie sie selbst.“

Ein Tracking-Code stellte im Nachgang der Aktion fest, dass sich über 2.500 Menschen speziell aufgrund der viralen Videos beworben haben. Das Team hat zudem mit Kandidaten in den Kommentaren Kontakt aufgenommen und ihnen einen Link geschickt, um das Engagement zu erhöhen. Es folgten Tausende von zusätzlichen Bewerbungen aufgrund der TikTok-Kampagne.

Dabei wurde ein Video gar über 200 000 Mal angesehen (siehe unten); die Aktioen wies am Ende über 1,3 Millionen Aufrufe aus. Insgesamt prasselten etwa 500 Bewerbungen pro Woche auf das Startup ein.

Über 200.000 Aufrufe für dieses Mitarbeiterin-Video auf TikTok

Das Geheimnis des Erfolgs von Chili Piper, das zu 50 Prozent von Managerinnen geführt wird, liege in der Authentizität der Videos. Sie seien, wie Vandenberghe es nennt, lustig und albern, nicht professionell und zeige keine kragentragenden Anzugträger: „Wir haben einfach erkannt, dass ein hochglanzpoliertes, produziertes Aussehen als eine unauthentische, sterilisierte Unternehmensversion der Marke wahrgenommen wird.“ Aktuell wühlt sich das Chili Piper-Team bei seinem „Luxusproblem“ noch durch Bewerbungsunterlagen.

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Female Start-up Funding Index - vlnr.: Lisa Fassl, Natascha Fürst und Florian Haas | (c) Viktoria Waba/brutkasten / Martina Trepczyk / brutkasten
vlnr.: Lisa Fassl, Natascha Fürst und Florian Haas | (c) Viktoria Waba/brutkasten / Martina Trepczyk / brutkasten

Es ist wieder soweit: Die halbjährliche Trilogie der EY-Reports zur Startup-Finanzierung in Österreich wird mit der gewohnten Hiobsbotschaft komplettiert. Während die allgemeine Investment-Statistik Zyklen unterliegt, die sich in der langfristigen Betrachtung durchaus aufwärts bewegen, zeigt sich beim Female Startup Funding Index, den EY gemeinsam mit Female Founders und Fund F herausbringt, immer das gleiche Bild: Verbesserungen und Verschlechterungen passieren im Prozentpunkt-Bereich auf konstantem Keller-Niveau.

94,9 Prozent des Kapitals an rein männliche Teams

Die konkreten aktuellen Zahlen: Von den statistisch erfassten 472 Millionen Euro Risikokapital für österreichische Startups im ersten Halbjahr 2026 flossen 94,9 Prozent an rein männliche Founding-Teams, gemischte Teams erhielten 4,8 Prozent des Kapitals und rein weibliche Teams lediglich 0,3 Prozent; der Frauenanteil unter den Gründer:innen von Startups mit Investment im ersten Halbjahr liegt bei nur 13 Prozent; nur drei der 95 für den Index analysierten Startups mit Finanzierung haben ein ausschließlich weibliches Founding-Team; und bei Finanzierungen über zehn Millionen Euro gibt es kein einziges Gründungsteam mit weiblicher Beteiligung.

Fassl: „Der Aufschwung hat ein Geschlecht“

„2026 ist das Kapital zurück: 472 Millionen Euro Risikokapital für Österreichs Startups, mehr als eine Vervierfachung gegenüber dem Vorjahr, und so viele Finanzierungsrunden wie nie zuvor. Bei Frauen ist davon nichts angekommen. Während rein männliche Teams fast das gesamte Volumen einsammelten, gingen 0,3 Prozent des Geldes an rein weibliche Teams – rund 1,4 Millionen Euro im gesamten Halbjahr. Damit ist klar: Der Aufschwung hat ein Geschlecht“, kommentiert Lisa-Marie Fassl, Managing Partner von Fund F und Co-Gründerin von Female Founders.

Dass die Schieflage auch in einem starken Marktumfeld bestehen bleibt, habe mehrere Gründe, analysieren die Studienautor:innen: Große Finanzierungsrunden würden häufig von etablierten Venture-Capital-Fonds getragen, die auf bestehende Netzwerke, frühere Investmenterfolge und bekannte Muster zurückgriffen. Gleichzeitig zeige sich seit Jahren, dass Gründerinnen insbesondere beim Zugang zu Investorennetzwerken und großen Wachstumsfinanzierungen häufiger auf Hürden stoßen. Genau diese späten Finanzierungsphasen hätten jedoch den größten Einfluss auf die Verteilung des investierten Kapitals. „Das Problem beginnt nicht erst bei der Finanzierung, wird dort aber besonders sichtbar“, kommentiert Florian Haas, Head of Startup bei EY Österreich.

Fürst: „Die Zahlen widerlegen ein bequemes Narrativ“

Wie oben erwähnt, liegt der Frauenanteil unter den Gründer:innen jener Startups, die erfolgreich eine Finanzierung erhalten haben, bei rund 13 Prozent (31 von insgesamt 248 Gründer:innen). Eine weitere Aufschlüsselung: Von den insgesamt 95 erfassten Startups mit Investment im ersten Halbjahr, deren Gründungsteam bekannt ist, haben 72 ein ausschließlich männliches Founding-Team (76 Prozent), weitere 20 ein gemischtes Team (21 Prozent) und lediglich drei ein rein weibliches Gründungsteam (3 Prozent). Dabei handelt es sich um Factorymaker, Faund Social Dating Club und Recruitiverse.

Natascha Fürst, CEO von Female Founders, leitet daraus ab: „Die Zahlen widerlegen ein bequemes Narrativ: Es gründen genug Frauen – das Problem ist, wer von ihnen ans Kapital kommt.“ Die Studie zeige kein Problem an der Gründungsbasis, sondern ein strukturelles Versagen des Kapitalmarkts. „Und das lässt sich nicht wegdiskutieren“, so Fürst.

Lisa-Marie Fassl legt nach: „Noch nie saßen so viele Frauen in finanzierten Gründungsteams wie jetzt: 13 Prozent. Und trotzdem floss fast das komplette Kapital an rein männliche Teams. Mehr Frauen am Tisch heißt offensichtlich nicht mehr Geld für Frauen. Wer glaubt, dass das der nächste Aufschwung von selbst reguliert, hat die letzten vier Jahre die Augen zugemacht. Es wird Zeit, dass wir aufhören, eine rationale, wirtschaftliche Diskussion emotional zu führen. Denn als Standort lassen wir Rendite auf dem Tisch liegen, nachweislich, Jahr für Jahr.“

Keine Frau in Gründungsteams mit Investments über 10 Mio. Euro

Konkret lag bei Startups mit Finanzierungen bis zu einer Million Euro der Gründerinnenanteil bei 17 Prozent. Bei Finanzierungen zwischen einer und zehn Millionen Euro waren acht der insgesamt 75 Gründer:innen Frauen (11 Prozent). Bei allen analysierten Finanzierungen über zehn Millionen Euro bestanden die bekannten Gründungsteams ausschließlich aus Männern.

„Dass Gründerinnen bei kleineren Runden sichtbar sind, bei größeren Tickets aber praktisch verschwinden, zeigt sehr deutlich, wo die größte Herausforderung liegt: beim Zugang zu Wachstumskapital. Dort entscheidet sich letztlich, welche Unternehmen zu internationalen Champions werden“, analysiert Florian Haas.

Health-Sektor sticht positiv heraus

Deutliche Unterschiede beim Gender Investment Gap zeigen sich übrigens auch im Branchenvergleich: Hier sticht vor allem der Health-Sektor heraus, in dem insgesamt 17 Startups eine Finanzierung erhielten. Dort lag der Frauenanteil bei knapp 23 Prozent. Unter den insgesamt 48 Gründer:innen dieser Unternehmen befanden sich elf Frauen. Demgegenüber weisen mehrere technologieintensive Bereiche keine einzige Gründerin unter den finanzierten Startups auf, darunter SpaceTech/NewSpace, FinTech/InsurTech, Education, DefenseTech sowie ClimateTech/GreenTech/CleanTech.

„Gerade der Bereich Health zeigt, welches Potenzial entsteht, wenn unterschiedliche Perspektiven in Gründungsteams zusammenkommen“, kommentiert Natascha Fürst. „Vielfalt ist kein Selbstzweck, sondern ein Innovationsfaktor. Unterschiedliche Erfahrungen und Blickwinkel führen zu besseren Produkten, neuen Märkten und nachhaltigeren Unternehmen.“

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