16.01.2018

CES 2018: Die globale Bühne der Innovation

Georg Fürlinger, Technologiebeaufragter bei Außenwirtschaft Austria und Co-Direktor von Open Austria im Silicon Valley war auf der CES Las Vegas 2018 und hat für uns seine Highlights aufgeschrieben.
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CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger

Auch dieses Jahr fand die alljährliche Consumer Electronics Show (kurz CES) in Las Vegas, im US-Bundesstaat Nevada, statt. Auf der weltweit größten Fachmesse für Unterhaltungselektronik stellten mehr als 4.000 Technologiefirmen ihre neuesten Technologie- und Produktinnovationen vor und fast 200.000 Besucher aus der ganzen Welt waren bei der Messe im Glücksspiel-Paradies zu Besuch. Auf mehr als 240.000 Quadratmetern befanden sich unter den Ausstellern Technologie-Riesen wie etwa Samsung, LG, Google und Amazon, aber auch mehr als 600 Startups, die oft zum ersten Mal ihre Produkte der Öffentlichkeit präsentierten. Auch zahlreiche österreichische Unternehmen präsentierten ihre Innovationen – mehr dazu unten. Darüber hinaus fanden auf der CES Las Vegas an jedem Tag zahlreiche Vorträge und Podiumsdiskussion statt, die sich mit neuesten technologischen Entwicklungen befassen und einen Einblick in die spannendsten Zukunftstrends boten.

+++ CES: Österreich als einer von 13 Innovation Champions +++

Die aktuellen Technologie-Trends 2018

Aufgrund der großen Anzahl von ausstellenden Firmen und der unterschiedlichen Produkte, die sie präsentieren, wurden diese verschiedenen Technologie-Gruppen zugeordnet, sogenannten Marketplaces. Diese reichen von Drohnen, selbstfahrenden Autos, IoT Infrastruktur, Künstlicher Intelligenz, Schlaf-Technologie (SleepTech) und Sport Technologie bis hin zu Smart Home und Smart Cities.

Walter Koren, ehem. Leiter der Außenwirtschaft Austria und nun neuer Wirtschaftsdelegierter in Los Angeles, fasst seine Eindrücke zusammen: „Sprache ist das neue Interface wenn es um die Bedienung von Geräten geht. Im Bereich der Authentifizierung werden Passwörter durch Gesichtserkennungs-Technologien ersetzt. Selbstfahrende Autos werden schon nächstes Jahr in den USA Realität.“ Darüber hinaus wird die fünfte Generation von mobilen Netzwerken den Mobilmarkt aufmischen. Der nächste Telekommunikations-Standard wird es ermöglichen, einen zweitsündigen Film in weniger als 5 Sekunden herunterzuladen. Mit jetzigem Technologiestandard (4G) würde es länger als 5 Minuten dauern. Es wird spannend zu sehen, welche neuen Services und Geschäftsmodelle sich daraus entwickeln werden.

CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Infografik zum 5G-Netz

Österreichische Unternehmen nutzen globale Bühne

Eine positive Überraschung für Österreich waren die Studienergebnisse der „International Innovation Scorecard“, die am ersten Tag der Konferenz vom Organisator der CES Las Vegas, der Consumer Technology Association (CTA) , präsentiert wurden: Österreich wurde als einer von 13 Innovation Champions angeführt. Dieser Platzierung wollten die vertretenen österreichischen Unternehmen gerecht werden. Zu finden waren diese sowohl in der großen Ausstellungshalle als auch im Startup-Bereich „Eureka Park“.

Petwalk Solutions

Petwalk Solutions ist ein österreichischer Hersteller von automatischen Türen für Haustiere. Die petWALK Haustiertüren kombinieren Luftdichtheit, Wärmedämmung und hohen Schutz gegen Eindringlinge durch einen automatischen Türöffner und kontaktlosem Zutrittskontrollsystem. Die Firma vertreibt ihr Produkt bereits erfolgreich auf dem internationalen Markt und ist nun dabei auch verstärkt im US-Markt aufzutreten.

SanSirro

SanSirro bietet unter ihrer neuen Marke QUS, Smarte Kleidung wie etwa ein T-Shirt, welches Körperdaten, wie etwa Herzschlag und Kalorienverbrauch, misst und sie an die Smartphone App sendet und entsprechend auswertet. Der CEO Hannes Steiner freut sich, „das weltweit erste waschbare Smart Textil auf den Markt zu bringen“.

CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: SanSirro-CEO Hannes Steiner

Tractive

Tractive produziert GPS Wearables und Apps für Besitzer von Hund und Katz. Durch ihre Technologie ist es möglich immer genau zu sagen wo sich das Haustier zur Zeit befindet. „Wir sind nun bereits zum sechsten Mal auf der CES vertreten und nutzen die Anwesenheit vor allem um uns mit neuen Partnern und Distributoren zu treffen, sowie neue Partnerschaften einzugehen, meint Michael Hurnaus, CEO von Tractive.

Playbrush

Playbrush ist die erste Zahnbürste die Zahnhygiene mit Videospielen verbindet. Der Zahnbürstenaufsatz passt auf jede herkömmliche Zahnbürste und bringt Kindern das Zähneputzen spielend bei. Mittels Bewegungen der Zahnbürste werden Spiele in der Playbrush Handy App gesteuert und sorgen dafür, dass das Kind lange und gründlich genug Zähne putzt. „Playbrush ist nun zum dritten Mal auf der CES vertreten um hier Retail-Partner kennen zu lernen und unsere Distributionskanäle weltweit auszuweiten“, sagt COO Matthaeus Ittner. Das Startup verkauft sein Produkte zurzeit vor allem in Österreich, Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

… und noch mehr österreichische Unternehmen auf der CES Las Vegas

Weiterer österreichische Firmen, die ebenfalls auf der CES Las Vegas 2018 vertreten waren sind unter anderem, in alphabetischer Reihenfolge:

  • ams AG ist der weltweit führende Anbieter für Design und Herstellung von fortgeschrittenen Sensor-Lösungen, Schnittstellen und ähnlicher Software für Smartphones, Mobilgeräte, Smart Homes und Gebäude, industrielle Automation, Medizintechnik und vernetzte Fahrzeuge.
  • AVL ist der größte unabhängige Hersteller von Kraftübertragungssystemen mit Verbrennungsmotoren, Geräteausstattung und Testsystemen. Die Firma hat Ende letzten Jahres die steirischen Exportpreis in der Kategorie Grossunternehmen gewonnen.
  • Bitmovin ist ein österreichischer Anbieter für Video Infrastruktur Lösungen. Produkte wie der API gesteuerten Cloud-basierenden Video Entschlüsselung Service und der HTML5 Player für MPEG-DASH und HLS, ermöglichen Nutzern verschiedenste Inhalte auf jeglichen Geräten und Browsern ohne Buffering abzuspielen.
  • Infineon Technologies Austria AG ist Teil der Infineon Technologies AG, einem deutschen Hersteller von Halbleiter- und Systemlösungen für den Automobil-, Industriesektor wie auch für Chipkarten und Sicherheitssysteme.
  • Medicus AI übersetzt kryptische Gesundheitsdaten (Blutwerte, lebenswichtige Organe etc.) in ein einfach zu verstehendes visuelles Erlebnis mit personalisierten Empfehlungen.
  • MLINE produziert mobile Accessoires und ist eine der führenden Firmen im Bereich von Accessoires für Smartphones und Tablets. Der Fokus liegt auf Entwicklung, Produktion und Vertrieb von hochqualitativen Mobil-Accessoires wie etwa Hüllen, Bildschirmschutz und Aufladegeräte.

Wie bereits auf Brutkasten berichtet, waren auch TTTech, USound und Mikme erfolgreich auf der CES unterwegs. Von weiteren österreichischen Unternehmen ist weiter unten die Rede.

Eigener Pavillion für Design- und Produktionspartner

Dieses Jahr eröffnete die CES einen neuen Ausstellungsbereich, den „Design & Source Space“. Der vom Internetriesen Alibaba gesponserte Ausstellungsbereich wurde zum Austausch zwischen Gründern und Produzenten konzipiert. Mehr als 700 Unternehmen bzw. Spezialisten im Bereich Design, Verpackung und Produktbeschaffung, vor allem aus Asien waren dort anzutreffen. „Es ist eine Sache, eine gute Idee zu haben“ meint Karen Chupka von CES. „Aber diese Idee in Produktform und auf den Markt zu bringen passiert nicht über Nacht. Dieser neue Bereich bietet Firmen die Möglichkeit sich zu vernetzen und sich über Optionen bzgl Produktherstellung zu informieren“.

CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Der Design Pavillion

Autos und Mobilitätskonzepte der Zukunft

Die CES Las Vegas hat sich über die letzten Jahre auch immer mehr zu eine Bühne für neue Entwicklungen im Automobilbereich entwickelt und zählt weltweit, gemessen an der Ausstellungsfläche im Automotiv-Bereich allein, zu den fünf grössten Automessen. Daher wird die CES Las Vegas von Automarken genutzt, um dort ihre neuesten Konzepte der Welt vorzustellen. Wie auch in vielen anderen Technologiebereichen waren vor allem asiatische Firmen stark präsent.

Das von ehemaligen BMW-Ingenieuren gegründete und in China ansässige Unternehmen Byton, will bereits nächstes Jahr seine „Smart Intuitive Vehicle“ in China auf den Markt bringen. USA und Europa sollen dann ein Jahr darauf folgen. Mehr Informationen sind in diesem Artikel zu finden.

Toyota präsentierte eine Palette an neuen Concept Cars, unter anderem die Concept-i Serie. Ein zentrales Feature ist Yui, der Artificial Intelligence Assistent. Yui ist darauf spezialisiert sich wie ein Beifahrer zu verhalten und gibt etwa Tipps zu Restaurants, Aktivitäten in der Nähe, sowie Infos zu Wetter und Kleiderwahl. Die Präsentation der Demo Version des Concept-i Ride soll während der olympischen Sommerspiele in Tokio 2020 stattfinden. Neben den Privat-PKWs wird auch das Konzeptauto “e-Palette” präsentiert welches als Gemeinschaftsauto genutzt werden kann, wie beispielsweise zum Ride-Sharing, Carpooling oder auch als mobiles Büro oder Hotelzimmer.

Toyota Concept-i Serie CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Toyota Concept-i Serie
CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Toyota e-Palette

Neue Technologien erobern die Luft

Einigen Innovationen nach zu urteilen, findet der Individualverkehr nun auch seinen Weg in den Luftraum. Die US-Firma Workhorse hat ihren leistbare Helikopter Surefly vorgestellt. Das deutsche Unternehmen Volocopter baut den ersten bemannten, voll-elektrischen Senkrechtstart-Hubschrauber. Das Unternehmen kooperiert mit Intel und möchte mit ihrem Volocopter 2X das wachsenden Mobilitätsproblem, v.a in Ballungsräumen, lösen und den Luftverkehr für die breite Masse leistbar machen.

Doch auch im umbenannten Flugbereich – Stichwort Drohnen – wurden eine Vielzahl von neuen Produkten ausgestellt. Speziell auch in diesem Bereich waren es vor allem wieder asiatische Hersteller, wie der chinesische Marktführer DJI, die ihre Neuheiten den Besuchern präsentierten. Angefangen bei den Produkten für Experten, wie der Matrice 600 oder Ronin Serie, gab es auch ein breites Spektrum an Drohnen von unterschiedlichen Herstellern für den Freizeitbereich zu erkunden.

Volocopter CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Der Volocopter

VR und AR im Zentrum der Aufmerksamkeit

Neue Produkte im Bereich Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) waren auch in diesem Jahr wieder eine der Hauptattraktionen. VR ermöglicht den Nutzern via speziellen Brillen ganz in die virtuelle Welt einzutauchen. Bei AR wird die reale Welt mit zusätzlichen Informationen virtuell angereichert (“augmented”). Dies passiert ebenfalls über spezielle Brillen, oder aber durch das Wahrnehmen der Umgebung über die Kamera des Smartphones.

Es war vor allem ein Trend in Richtung AR zu sehen, da ausgewählte Anwendungsbereiche bereits konkreten Ergebnisse sehen lassen. Laut Steve König (CTA) hilft es zum Beispiel Ärzte bei der Behandlung ihrer Patienten. Im industriellen Bereich seien Einsparungen von 25 Prozent in der Produktion bzw Effizienzsteigerungen von 15 Prozent im operativen Bereich möglich.

Bei VR sind vor allem Innovationen auf der Content-Ebene zu beobachten. Es geht darum, möglichst reale, immersive Erfahrungen zu kreieren, die die Nutzer vergessen lassen, wo ihr Körper zur Zeit wirklich ist. Neben großem Interesse in der Unterhaltungsindustrie (Gaming, Hollywood, etc) will nun auch Facebook die Möglichkeit bieten, mit Freunden im virtuellen Raum zu interagieren. Facebook Spaces befindet sich derzeit im Beta-Stadium. Aber auch im Medizinbereich verspricht man sich interessante Anwendungsmöglichkeiten von VR. Ein Beispiel ist das Projekt Bravemind an der University of Southern California (USC) bei der VR eingesetzt wird um posttraumatische Belastungsstörungen zu behandeln.

Österreichische AR & VR Innovation

Auch aus Österreich waren zwei Unternehmen im AR / VR Bereich vertreten. Exchimp ist spezialisiert sich auf 360° Videos und bietet Virtual Reality Erfahrungen für Sport, Tourismus, Architektur und viele weitere Sektoren an. Laut Stefan Ponsold, CEO von SunnyBAG und Exchimp, hat u.a. der bekannte Schokoladenhersteller Zotter erst unlängst 150 Stück bestellt. Geplant ist, dass die Gäste der Schokoladen-Produktionsstätte bei Riegersburg virtuell die Heimat der verarbeiteten Schokolade in Bolivien erleben können.

Wikitude ist die führende unabhängige Augmented Reality (AR) Plattform für Smartphones, Tablets und Smart Glasses. Das AR Software Entwicklungs Kit kombiniert Instant Tracking Technology, Objekt- und Bilderkennung und Geo-Positionierung. Zu den Kunden zählen unter anderem die Honeywell, Washington Post, Disney und das Times Magazin in den USA, sowie Media Markt und Andritz in Österreich.

Weitere Neuheiten für die virtuelle Welt

Die Firma Luci, von ehemaligen Hollywood-Managern gegründet, präsentiert eine neue Virtual Reality Brille, die „Immersion-on-demand“ verspricht. Das Ziel der Firma ist es eine kompakte, leichte VR-Brille mit idealem Tragekomfort zu produzieren, welche den Kunden in eine extrem hochauflösende und farbenfrohe 2D oder sogar 3D 4K Welt eintauchen lässt. „Um den Anwendern wahre, kräftige, emotionale Geschichten bieten zu können, müssen wir uns zuerst einmal von der Limitierungen der Hardware lösen“, erklärt dazu ein Mitarbeiter von Luci auf der CES Las Vegas.

Smart Home

Der koreanische Konzern LG war stark vertreten bei der diesjährigen CES Las Vegas. Im Bereich der Haushaltsgeräte wurde CLOi vorgestellt, ein zentraler Hub, der es erlaubt, Geräte zentral – via Sprachsteuerung – zu bedienen. Mittels CLOi kann beispielsweise der Geschirrspüler eingeschalten, der Herd und das Backrohr gesteuert, Musik abgespielt oder der Staubsauger gestartet werden. Auch der neue „LG InstaView ThinQ“ Kühlschrank kann sowohl durch CLOi gesteuert werden als auch mittels Amazon Alexa oder eines 29-inch Touchscreens.

CES Las Vegas LG InstaView
(c) Georg Fürlinger: LG InstaView

Fernsehen 4.0

Eindruck hinterlässt auch der “LG OLED Canyon”, bestehend aus 246 LG Open Frame OLED Displays, welcher den Besucher durch starke Farben und hohe Auflösung in unterschiedliche Welten – Canyon, Wald von Redwood Bäumen oder eine Eiswüste – eintauchen lässt.

Auch Samsung war mit einer Starken Präsenz vertreten und stellte den ersten anpassbaren 146-inch TV, The Wall, zur Schau. Dank der MicroLED Technik können weitere Teile gekauft werden, um die Größe des Fernsehers individuell anzupassen.

LG Canyon CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: LG Canyon

Fahrrad-Technologie aus Italien

Auch im Bereich der Sporttechnologie waren einige Firmen vertreten. HiRide, ein italienisches Startup, stellte sein Smart Bike vor. Artificial Intelligence ermöglicht dem Fahrrad, sich an verschiedenste Straßenverhältnisse anzupassen. Das Federsystem des Fahrrads erkennt Schlaglöcher und Unebenheiten, sowie Unterschiede im Gelände oder Trittfrequenz und passt die Federung in Echtzeit dementsprechend an. Durch ein kompaktes Steuerungssystem an der Lenkstange des Fahrrads, lassen sich die Stoßdämpfer steuern bzw. ein- und ausschalten. Zusätzlich kann das Federsystem eine Verbindung zu Smartphone, Tablet oder PC erstellen und Leistungsstatistiken übertragen. Derzeit wird die neue Technologie ausschließlich bei Rennrädern angewandt, doch ist bereits im nächsten Jahr eine Ausweitung auf den Mountainbike-Bereich geplant.

+++ Wiener Mikme holt sich Award bei der CES 2018 +++


Der Autor

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Georg Fürlinger ist Technologiebeaufragter bei Außenwirtschaft Austria, der Internationalisierungsagentur der Österreichischen Wirtschaft, sowie Co-Director von Open Austria. Er ist bei mehreren Initiativen involviert die den Austausch zwischen Österreich und Silicon Valley fördern und unterstützt österreichische Firmen und Forscher dabei, im US-Markt Partner bzw. Kunden zu finden. Zuvor forschte er im Rahmen seiner Dissertation am Austrian Institute of Technology und an der TU Wien (Der Einfluss von Sozialkapital auf die Entwicklung universitärer Spin-off Unternehmen in den USA und Europa). Er publizierte zu den Themen Innovations- und Gründer-Ökosysteme und ist Co-Autor des Buches „Abseits von Silicon Valley“.

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Startup-Coach Florian Kandler rät Gründer:innen, schon vor dem fertigen Produkt zu verkaufen | Foto: Bianca Perfahl

Florian Kandlers Startup Report erscheint heuer in elfter Ausgabe und wurde im Mai gemeinsam mit KPMG präsentiert. Er ist bewusst kein Datenwerk und kein politisches Papier: Die Zahlen bekomme man ohnehin auf Knopfdruck, so Kandler. Stattdessen befragt er jene Gründer:innen, die bereits Funding eingesammelt haben, nach ihren konkretesten Learnings. Kandler hat seit seiner Rückkehr aus dem Silicon Valley über 3.000 Gründer:innen begleitet, die zusammen mehr als eine Milliarde Euro aufgenommen haben, und ist bereits im achten Jahr offizieller Startup-Coach bei „2 Minuten 2 Millionen“.

Aus den Antworten lässt sich heuer eines klar herauslesen: Der Druck Richtung Traction steigt. Kapital konzentriert sich auf wenige Segmente, die Abstände zwischen den Runden werden länger, und Investor:innen wollen Proof from the Market sehen, nicht bloß eine gute Geschichte. Lukas Lauder von Repark bringt es im Report auf den Punkt: „Investors don’t invest in your product, they invest in momentum.“

Daraus ergibt sich ein Dilemma, das gerade First-Time-Founder kennen: Wie baut man Traction auf, wenn das Kapital dafür noch fehlt? Kandlers Antwort ist ein Mindset-Shift, den er „Sales before the product“ nennt.

Du machst den Report seit elf Jahren. Welcher Trend sticht heuer am stärksten heraus?

Die starke Verschiebung hin zu Traction. Die Leute wollen immer mehr Momentum und Proof from the Market sehen, nicht nur den Beweis, dass jemand eine gute Geschichte erzählen kann oder dass theoretisch Potenzial da ist. Stefan Steiner von Don’t Call it Deo sagt es so: nicht nur auf die Idee fokussieren, sondern auf Market Traction. Storytelling ist für Pitch Competitions oder Community Pitches nett, aber wenn du mit Investor:innen sprichst, musst du in einen anderen Gang schalten. Da zählt Groove.

Zieht sich das durch alle Phasen?

Durch alle Fundingphasen, von den ganz Kleinen bis zu den Großen. Nur bedeutet Traction in jeder Phase etwas anderes, und es verschiebt sich, was dort durchschnittlich und was überdurchschnittlich ist. Was sich nicht verschiebt: Es muss heute einfach mehr an Traction da sein als noch vor einigen Jahren. Eine Idee und eine tolle Vision allein, und dann kommt das Geld, das funktioniert nicht mehr.

Das klingt nach einem Dilemma: Ohne Kapital ist Traction schwer aufzubauen.

Das ist einer der großen Denkfehler, die ich bei jungen Gründer:innen immer wieder sehe. Viele kommen mit: „Ich hatte vor Jahren die Idee, habe daran gebastelt, das Potenzial ist riesig, und jetzt suche ich einen strategischen Investor, der mich bei Marketing und Vertrieb unterstützt.“ Bastler mit Idee, null Market Validation. Oder: „Ich kann ja nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht.“ Das ist grundfalsch. In der Sekunde, in der du die Idee hast, überlegst du: Wer ist die ideale Zielgruppe? Du baust deine Hypothese darum, gehst raus und sprichst mit diesen Leuten, auch wenn dein Produkt erst in drei Jahren fertig ist. Die Traction, die du aufbaust, ist das Interesse, das du dort erzeugst.

Hast du ein Beispiel?

Ich betreue gerade einen Gründer, der schon jetzt Pre-Orders schreibt und pro Kunde 10.000 Euro kassiert, damit sich diese das Recht sichern, die ersten Pilotkunden werden zu dürfen. Das Produkt ist noch lange nicht fertig, er hat aber ganz klar einen Nutzen bei den Kunden identifiziert und mit smartem Verkauf FOMO erzeugt. So konnte er schon Aufträge erhalten, bevor das Produkt fertig ist. Das ist Traction.

Und im Consumer-Bereich?

Da sage ich den Leuten bei „2 Minuten 2 Millionen“: Der Pitch ist so gut, wie er sein kann. Aber bis du in sechs Wochen im Studio bist, mach eine einzige Sache. Geh raus in alle Mom-and-Pop-Shops, die dein Produkt brauchen können, verkauf es ihnen, gib es ihnen auf Kommission, erzeug Traction. Wenn das Produkt noch nicht fertig ist, hol dir zumindest ein Stück Papier, etwa eine unterzeichnete Absichtserklärung, das zeigt: Die Leute wollen das. Erst letzte Woche hat ein Gründer aus Tirol, der sich gerade auf seinen großen Auftritt im Studio vorbereitet, genau das umgesetzt. Fünf Tage später schickte er mir eine aufgeregte WhatsApp-Nachricht, dass er über sein altes berufliches Netzwerk bereits zwei Vorbestellungen gewinnen konnte.

Was braucht es, damit das gelingt?

Zwei Dinge. Erstens ein Produkt, das wirklich mit dem Markt resoniert. Wenn du das nicht hast, hast du ohnehin kein Anrecht auf Kapital. Und zweitens die Fähigkeit und die Bereitschaft, rauszugehen. Die fehlt vielen, teils weil sie es nicht können, teils weil sie es nicht wollen. Aber das lässt sich mit Kompetenzaufbau ganz gut heilen: Sobald du merkst, das funktioniert und die Leute finden es geil, kriegst du auch Mut. Ich sehe das regelmäßig in meinen Beratungen, wie meine Gründer dann plötzlich Eigendynamik entwickeln. „Sales before the product“ ist einer der größten Mindset-Shifts, die junge Gründer:innen verstehen müssen. Wenn man die Methoden einmal kennt, kann das wirklich jeder umsetzen.

Und wenn diese Bereitschaft im Team fehlt?

Dann wird es schwierig. Wenn alle Angst vor dem Kunden haben, fehlt genau die Person, die keine Angst hat, und die braucht es. Die anderen verkriechen sich hinterm Computer, denken sich digitale Ad-Kampagnen aus oder gehen zum Investor und sagen: „Ich brauche 300.000 Euro, davon 150.000 fürs Marketing.“ Das gibt dir niemand, solange du nicht im Kleinen getestet hast, ob die Leute es überhaupt brauchen. In 99 Prozent der Fälle gibt es Growth Hacks, mit denen du ohne Cash-Budget Staub aufwirbeln und sehen kannst, ob es funktioniert oder nicht.

Konkret: Wie geht man mit einem unfertigen Produkt im B2C auf Kund:innen zu?

Ein möglicher Weg im Consumer-Bereich ist, die Leute auf Social Media abzufangen. Ich betreue gerade eine Gründerin, die eine sehr intelligente Functional-Cosmetics-Brand aufbaut. Jeder Investor hofft, dass jemand im Team versteht, daraus auf Social Media Buzz zu bauen. Wenn dein Produkt neuartige Eigenschaften hat, musst du es so vermarkten, dass die Leute heiß werden und du vielleicht einen Pre-Sale machst, wie beim Fashion Drop: Die Kollektion kommt erst im September, aber die Leute zahlen heute schon. Irgendjemand muss diese Message rüberbringen, ob als Person und Fürsprecherin, wie coole Food-Gründerinnen, die vor der Kamera ihr Produkt zeigen, oder abstrakter über Content und meinetwegen KI-generierte Avatare. Und das ist nur einer von mehreren möglichen Wegen, die man je nach Unternehmen und Situation einschlagen kann.

Und im B2B?

Da musst du ran an den Speck, und Networking ist entscheidend. Ich gebe in Workshops eine Übung: Nimm dein Telefon, schau, wer da drin ist und wer von denen wen kennen könnte. Ruf deine zehn besten Freunde an, die dich mögen, dir Gutes wollen und die wissen, dass du kein Depp bist, und sag: „Ich suche jemanden in dem und dem Bereich, kennst du wen?“ Du wärst überrascht, wie schnell die ersten Termine stehen. Funktioniert auch auf Konferenzen und Events, wo diese Menschen herumlaufen. Aber weg von diesen drögen Kundeninterviews à la „Würdest du das kaufen?“. Das ist fast wertlos, für die Unternehmer:innen wie für Investor:innen. Wer es ernst meint, liest „The Mom Test“, denkt den Inhalt dieses Buchs konsequent wie ein Verkäufer weiter und baut aus dem Gespräch direkt einen Sales-Funnel. Im besten Fall ist das eine Pre-Order mit Cash, im nächstbesten eine Pre-Order ohne Cash, dann ein Letter of Intent.


Info: Fundraising Winter Camp™ 2026

Jeden Winter bereitet Florian Kandler eine kleine Gruppe von zehn Startups in drei Wochen online auf ihre Investor:innen-Suche vor. Das Camp 2026 startet am 14. Jänner.. Die Sommer-Version des Camps läuft seit 10 Jahren immer im Juli. Die Plätze sind jedes mal ausgebucht. Wer beim nächsten Durchgang dabei sein will, kann sich über Florian Kandlers Newsletter auf www.GetFunding.how/camp voranmelden und wird zum nächsten Camp eingeladen.

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