16.01.2018

CES 2018: Die globale Bühne der Innovation

Georg Fürlinger, Technologiebeaufragter bei Außenwirtschaft Austria und Co-Direktor von Open Austria im Silicon Valley war auf der CES Las Vegas 2018 und hat für uns seine Highlights aufgeschrieben.
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CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger

Auch dieses Jahr fand die alljährliche Consumer Electronics Show (kurz CES) in Las Vegas, im US-Bundesstaat Nevada, statt. Auf der weltweit größten Fachmesse für Unterhaltungselektronik stellten mehr als 4.000 Technologiefirmen ihre neuesten Technologie- und Produktinnovationen vor und fast 200.000 Besucher aus der ganzen Welt waren bei der Messe im Glücksspiel-Paradies zu Besuch. Auf mehr als 240.000 Quadratmetern befanden sich unter den Ausstellern Technologie-Riesen wie etwa Samsung, LG, Google und Amazon, aber auch mehr als 600 Startups, die oft zum ersten Mal ihre Produkte der Öffentlichkeit präsentierten. Auch zahlreiche österreichische Unternehmen präsentierten ihre Innovationen – mehr dazu unten. Darüber hinaus fanden auf der CES Las Vegas an jedem Tag zahlreiche Vorträge und Podiumsdiskussion statt, die sich mit neuesten technologischen Entwicklungen befassen und einen Einblick in die spannendsten Zukunftstrends boten.

+++ CES: Österreich als einer von 13 Innovation Champions +++

Die aktuellen Technologie-Trends 2018

Aufgrund der großen Anzahl von ausstellenden Firmen und der unterschiedlichen Produkte, die sie präsentieren, wurden diese verschiedenen Technologie-Gruppen zugeordnet, sogenannten Marketplaces. Diese reichen von Drohnen, selbstfahrenden Autos, IoT Infrastruktur, Künstlicher Intelligenz, Schlaf-Technologie (SleepTech) und Sport Technologie bis hin zu Smart Home und Smart Cities.

Walter Koren, ehem. Leiter der Außenwirtschaft Austria und nun neuer Wirtschaftsdelegierter in Los Angeles, fasst seine Eindrücke zusammen: „Sprache ist das neue Interface wenn es um die Bedienung von Geräten geht. Im Bereich der Authentifizierung werden Passwörter durch Gesichtserkennungs-Technologien ersetzt. Selbstfahrende Autos werden schon nächstes Jahr in den USA Realität.“ Darüber hinaus wird die fünfte Generation von mobilen Netzwerken den Mobilmarkt aufmischen. Der nächste Telekommunikations-Standard wird es ermöglichen, einen zweitsündigen Film in weniger als 5 Sekunden herunterzuladen. Mit jetzigem Technologiestandard (4G) würde es länger als 5 Minuten dauern. Es wird spannend zu sehen, welche neuen Services und Geschäftsmodelle sich daraus entwickeln werden.

CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Infografik zum 5G-Netz

Österreichische Unternehmen nutzen globale Bühne

Eine positive Überraschung für Österreich waren die Studienergebnisse der „International Innovation Scorecard“, die am ersten Tag der Konferenz vom Organisator der CES Las Vegas, der Consumer Technology Association (CTA) , präsentiert wurden: Österreich wurde als einer von 13 Innovation Champions angeführt. Dieser Platzierung wollten die vertretenen österreichischen Unternehmen gerecht werden. Zu finden waren diese sowohl in der großen Ausstellungshalle als auch im Startup-Bereich „Eureka Park“.

Petwalk Solutions

Petwalk Solutions ist ein österreichischer Hersteller von automatischen Türen für Haustiere. Die petWALK Haustiertüren kombinieren Luftdichtheit, Wärmedämmung und hohen Schutz gegen Eindringlinge durch einen automatischen Türöffner und kontaktlosem Zutrittskontrollsystem. Die Firma vertreibt ihr Produkt bereits erfolgreich auf dem internationalen Markt und ist nun dabei auch verstärkt im US-Markt aufzutreten.

SanSirro

SanSirro bietet unter ihrer neuen Marke QUS, Smarte Kleidung wie etwa ein T-Shirt, welches Körperdaten, wie etwa Herzschlag und Kalorienverbrauch, misst und sie an die Smartphone App sendet und entsprechend auswertet. Der CEO Hannes Steiner freut sich, „das weltweit erste waschbare Smart Textil auf den Markt zu bringen“.

CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: SanSirro-CEO Hannes Steiner

Tractive

Tractive produziert GPS Wearables und Apps für Besitzer von Hund und Katz. Durch ihre Technologie ist es möglich immer genau zu sagen wo sich das Haustier zur Zeit befindet. „Wir sind nun bereits zum sechsten Mal auf der CES vertreten und nutzen die Anwesenheit vor allem um uns mit neuen Partnern und Distributoren zu treffen, sowie neue Partnerschaften einzugehen, meint Michael Hurnaus, CEO von Tractive.

Playbrush

Playbrush ist die erste Zahnbürste die Zahnhygiene mit Videospielen verbindet. Der Zahnbürstenaufsatz passt auf jede herkömmliche Zahnbürste und bringt Kindern das Zähneputzen spielend bei. Mittels Bewegungen der Zahnbürste werden Spiele in der Playbrush Handy App gesteuert und sorgen dafür, dass das Kind lange und gründlich genug Zähne putzt. „Playbrush ist nun zum dritten Mal auf der CES vertreten um hier Retail-Partner kennen zu lernen und unsere Distributionskanäle weltweit auszuweiten“, sagt COO Matthaeus Ittner. Das Startup verkauft sein Produkte zurzeit vor allem in Österreich, Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

… und noch mehr österreichische Unternehmen auf der CES Las Vegas

Weiterer österreichische Firmen, die ebenfalls auf der CES Las Vegas 2018 vertreten waren sind unter anderem, in alphabetischer Reihenfolge:

  • ams AG ist der weltweit führende Anbieter für Design und Herstellung von fortgeschrittenen Sensor-Lösungen, Schnittstellen und ähnlicher Software für Smartphones, Mobilgeräte, Smart Homes und Gebäude, industrielle Automation, Medizintechnik und vernetzte Fahrzeuge.
  • AVL ist der größte unabhängige Hersteller von Kraftübertragungssystemen mit Verbrennungsmotoren, Geräteausstattung und Testsystemen. Die Firma hat Ende letzten Jahres die steirischen Exportpreis in der Kategorie Grossunternehmen gewonnen.
  • Bitmovin ist ein österreichischer Anbieter für Video Infrastruktur Lösungen. Produkte wie der API gesteuerten Cloud-basierenden Video Entschlüsselung Service und der HTML5 Player für MPEG-DASH und HLS, ermöglichen Nutzern verschiedenste Inhalte auf jeglichen Geräten und Browsern ohne Buffering abzuspielen.
  • Infineon Technologies Austria AG ist Teil der Infineon Technologies AG, einem deutschen Hersteller von Halbleiter- und Systemlösungen für den Automobil-, Industriesektor wie auch für Chipkarten und Sicherheitssysteme.
  • Medicus AI übersetzt kryptische Gesundheitsdaten (Blutwerte, lebenswichtige Organe etc.) in ein einfach zu verstehendes visuelles Erlebnis mit personalisierten Empfehlungen.
  • MLINE produziert mobile Accessoires und ist eine der führenden Firmen im Bereich von Accessoires für Smartphones und Tablets. Der Fokus liegt auf Entwicklung, Produktion und Vertrieb von hochqualitativen Mobil-Accessoires wie etwa Hüllen, Bildschirmschutz und Aufladegeräte.

Wie bereits auf Brutkasten berichtet, waren auch TTTech, USound und Mikme erfolgreich auf der CES unterwegs. Von weiteren österreichischen Unternehmen ist weiter unten die Rede.

Eigener Pavillion für Design- und Produktionspartner

Dieses Jahr eröffnete die CES einen neuen Ausstellungsbereich, den „Design & Source Space“. Der vom Internetriesen Alibaba gesponserte Ausstellungsbereich wurde zum Austausch zwischen Gründern und Produzenten konzipiert. Mehr als 700 Unternehmen bzw. Spezialisten im Bereich Design, Verpackung und Produktbeschaffung, vor allem aus Asien waren dort anzutreffen. „Es ist eine Sache, eine gute Idee zu haben“ meint Karen Chupka von CES. „Aber diese Idee in Produktform und auf den Markt zu bringen passiert nicht über Nacht. Dieser neue Bereich bietet Firmen die Möglichkeit sich zu vernetzen und sich über Optionen bzgl Produktherstellung zu informieren“.

CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Der Design Pavillion

Autos und Mobilitätskonzepte der Zukunft

Die CES Las Vegas hat sich über die letzten Jahre auch immer mehr zu eine Bühne für neue Entwicklungen im Automobilbereich entwickelt und zählt weltweit, gemessen an der Ausstellungsfläche im Automotiv-Bereich allein, zu den fünf grössten Automessen. Daher wird die CES Las Vegas von Automarken genutzt, um dort ihre neuesten Konzepte der Welt vorzustellen. Wie auch in vielen anderen Technologiebereichen waren vor allem asiatische Firmen stark präsent.

Das von ehemaligen BMW-Ingenieuren gegründete und in China ansässige Unternehmen Byton, will bereits nächstes Jahr seine „Smart Intuitive Vehicle“ in China auf den Markt bringen. USA und Europa sollen dann ein Jahr darauf folgen. Mehr Informationen sind in diesem Artikel zu finden.

Toyota präsentierte eine Palette an neuen Concept Cars, unter anderem die Concept-i Serie. Ein zentrales Feature ist Yui, der Artificial Intelligence Assistent. Yui ist darauf spezialisiert sich wie ein Beifahrer zu verhalten und gibt etwa Tipps zu Restaurants, Aktivitäten in der Nähe, sowie Infos zu Wetter und Kleiderwahl. Die Präsentation der Demo Version des Concept-i Ride soll während der olympischen Sommerspiele in Tokio 2020 stattfinden. Neben den Privat-PKWs wird auch das Konzeptauto “e-Palette” präsentiert welches als Gemeinschaftsauto genutzt werden kann, wie beispielsweise zum Ride-Sharing, Carpooling oder auch als mobiles Büro oder Hotelzimmer.

Toyota Concept-i Serie CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Toyota Concept-i Serie
CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Toyota e-Palette

Neue Technologien erobern die Luft

Einigen Innovationen nach zu urteilen, findet der Individualverkehr nun auch seinen Weg in den Luftraum. Die US-Firma Workhorse hat ihren leistbare Helikopter Surefly vorgestellt. Das deutsche Unternehmen Volocopter baut den ersten bemannten, voll-elektrischen Senkrechtstart-Hubschrauber. Das Unternehmen kooperiert mit Intel und möchte mit ihrem Volocopter 2X das wachsenden Mobilitätsproblem, v.a in Ballungsräumen, lösen und den Luftverkehr für die breite Masse leistbar machen.

Doch auch im umbenannten Flugbereich – Stichwort Drohnen – wurden eine Vielzahl von neuen Produkten ausgestellt. Speziell auch in diesem Bereich waren es vor allem wieder asiatische Hersteller, wie der chinesische Marktführer DJI, die ihre Neuheiten den Besuchern präsentierten. Angefangen bei den Produkten für Experten, wie der Matrice 600 oder Ronin Serie, gab es auch ein breites Spektrum an Drohnen von unterschiedlichen Herstellern für den Freizeitbereich zu erkunden.

Volocopter CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Der Volocopter

VR und AR im Zentrum der Aufmerksamkeit

Neue Produkte im Bereich Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) waren auch in diesem Jahr wieder eine der Hauptattraktionen. VR ermöglicht den Nutzern via speziellen Brillen ganz in die virtuelle Welt einzutauchen. Bei AR wird die reale Welt mit zusätzlichen Informationen virtuell angereichert (“augmented”). Dies passiert ebenfalls über spezielle Brillen, oder aber durch das Wahrnehmen der Umgebung über die Kamera des Smartphones.

Es war vor allem ein Trend in Richtung AR zu sehen, da ausgewählte Anwendungsbereiche bereits konkreten Ergebnisse sehen lassen. Laut Steve König (CTA) hilft es zum Beispiel Ärzte bei der Behandlung ihrer Patienten. Im industriellen Bereich seien Einsparungen von 25 Prozent in der Produktion bzw Effizienzsteigerungen von 15 Prozent im operativen Bereich möglich.

Bei VR sind vor allem Innovationen auf der Content-Ebene zu beobachten. Es geht darum, möglichst reale, immersive Erfahrungen zu kreieren, die die Nutzer vergessen lassen, wo ihr Körper zur Zeit wirklich ist. Neben großem Interesse in der Unterhaltungsindustrie (Gaming, Hollywood, etc) will nun auch Facebook die Möglichkeit bieten, mit Freunden im virtuellen Raum zu interagieren. Facebook Spaces befindet sich derzeit im Beta-Stadium. Aber auch im Medizinbereich verspricht man sich interessante Anwendungsmöglichkeiten von VR. Ein Beispiel ist das Projekt Bravemind an der University of Southern California (USC) bei der VR eingesetzt wird um posttraumatische Belastungsstörungen zu behandeln.

Österreichische AR & VR Innovation

Auch aus Österreich waren zwei Unternehmen im AR / VR Bereich vertreten. Exchimp ist spezialisiert sich auf 360° Videos und bietet Virtual Reality Erfahrungen für Sport, Tourismus, Architektur und viele weitere Sektoren an. Laut Stefan Ponsold, CEO von SunnyBAG und Exchimp, hat u.a. der bekannte Schokoladenhersteller Zotter erst unlängst 150 Stück bestellt. Geplant ist, dass die Gäste der Schokoladen-Produktionsstätte bei Riegersburg virtuell die Heimat der verarbeiteten Schokolade in Bolivien erleben können.

Wikitude ist die führende unabhängige Augmented Reality (AR) Plattform für Smartphones, Tablets und Smart Glasses. Das AR Software Entwicklungs Kit kombiniert Instant Tracking Technology, Objekt- und Bilderkennung und Geo-Positionierung. Zu den Kunden zählen unter anderem die Honeywell, Washington Post, Disney und das Times Magazin in den USA, sowie Media Markt und Andritz in Österreich.

Weitere Neuheiten für die virtuelle Welt

Die Firma Luci, von ehemaligen Hollywood-Managern gegründet, präsentiert eine neue Virtual Reality Brille, die „Immersion-on-demand“ verspricht. Das Ziel der Firma ist es eine kompakte, leichte VR-Brille mit idealem Tragekomfort zu produzieren, welche den Kunden in eine extrem hochauflösende und farbenfrohe 2D oder sogar 3D 4K Welt eintauchen lässt. „Um den Anwendern wahre, kräftige, emotionale Geschichten bieten zu können, müssen wir uns zuerst einmal von der Limitierungen der Hardware lösen“, erklärt dazu ein Mitarbeiter von Luci auf der CES Las Vegas.

Smart Home

Der koreanische Konzern LG war stark vertreten bei der diesjährigen CES Las Vegas. Im Bereich der Haushaltsgeräte wurde CLOi vorgestellt, ein zentraler Hub, der es erlaubt, Geräte zentral – via Sprachsteuerung – zu bedienen. Mittels CLOi kann beispielsweise der Geschirrspüler eingeschalten, der Herd und das Backrohr gesteuert, Musik abgespielt oder der Staubsauger gestartet werden. Auch der neue „LG InstaView ThinQ“ Kühlschrank kann sowohl durch CLOi gesteuert werden als auch mittels Amazon Alexa oder eines 29-inch Touchscreens.

CES Las Vegas LG InstaView
(c) Georg Fürlinger: LG InstaView

Fernsehen 4.0

Eindruck hinterlässt auch der “LG OLED Canyon”, bestehend aus 246 LG Open Frame OLED Displays, welcher den Besucher durch starke Farben und hohe Auflösung in unterschiedliche Welten – Canyon, Wald von Redwood Bäumen oder eine Eiswüste – eintauchen lässt.

Auch Samsung war mit einer Starken Präsenz vertreten und stellte den ersten anpassbaren 146-inch TV, The Wall, zur Schau. Dank der MicroLED Technik können weitere Teile gekauft werden, um die Größe des Fernsehers individuell anzupassen.

LG Canyon CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: LG Canyon

Fahrrad-Technologie aus Italien

Auch im Bereich der Sporttechnologie waren einige Firmen vertreten. HiRide, ein italienisches Startup, stellte sein Smart Bike vor. Artificial Intelligence ermöglicht dem Fahrrad, sich an verschiedenste Straßenverhältnisse anzupassen. Das Federsystem des Fahrrads erkennt Schlaglöcher und Unebenheiten, sowie Unterschiede im Gelände oder Trittfrequenz und passt die Federung in Echtzeit dementsprechend an. Durch ein kompaktes Steuerungssystem an der Lenkstange des Fahrrads, lassen sich die Stoßdämpfer steuern bzw. ein- und ausschalten. Zusätzlich kann das Federsystem eine Verbindung zu Smartphone, Tablet oder PC erstellen und Leistungsstatistiken übertragen. Derzeit wird die neue Technologie ausschließlich bei Rennrädern angewandt, doch ist bereits im nächsten Jahr eine Ausweitung auf den Mountainbike-Bereich geplant.

+++ Wiener Mikme holt sich Award bei der CES 2018 +++


Der Autor

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Georg Fürlinger ist Technologiebeaufragter bei Außenwirtschaft Austria, der Internationalisierungsagentur der Österreichischen Wirtschaft, sowie Co-Director von Open Austria. Er ist bei mehreren Initiativen involviert die den Austausch zwischen Österreich und Silicon Valley fördern und unterstützt österreichische Firmen und Forscher dabei, im US-Markt Partner bzw. Kunden zu finden. Zuvor forschte er im Rahmen seiner Dissertation am Austrian Institute of Technology und an der TU Wien (Der Einfluss von Sozialkapital auf die Entwicklung universitärer Spin-off Unternehmen in den USA und Europa). Er publizierte zu den Themen Innovations- und Gründer-Ökosysteme und ist Co-Autor des Buches „Abseits von Silicon Valley“.

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Marie Pierer, Designerin und Mitgründerin von Studio Furore, und Nino Groß, Head of Brand & Communications bei Instahelp | © Niki Pommer
Marie Pierer, Designerin und Mitgründerin von Studio Furore, und Nino Groß, Head of Brand & Communications bei Instahelp | © Niki Pommer

Bunt, warm, lebendig und offen: So beschreibt Instahelp seinen neuen Auftritt. Die 2015 gegründete Plattform für Online-Therapie und psychologische Beratung hat gemeinsam mit Studio Furore Logo, Typografie, Farbwelt, Fotografie und Illustration neu entwickelt. Entstanden ist laut Aussendung alles in Graz.

Der Auftritt soll laut Aussendung ein Gegenentwurf zur häufig cleanen und zurückhaltenden Ästhetik des Gesundheitsbereichs sein. Das in der Aussendung als „schnell“ beschriebene Logo rückt ein Kernattribut der Plattform ins Zentrum: den garantierten Erstkontakt mit Psycholog:innen binnen 24 Stunden.

Nino Groß, seit Jänner Head of Brand & Communications bei Instahelp, formulierte laut Aussendung den Markenauftrag, das Thema in die Mitte der Gesellschaft zu tragen.

Über sein Netzwerk kam er laut Aussendung mit Marie Pierer in Kontakt, Designerin und Mitgründerin von Studio Furore. brutkasten hat bei beiden nachgefragt, was Gründer:innen und Marketingverantwortliche aus dem Projekt lernen können.

1. Die Marke laufend hinterfragen

„Man sollte wohl nie damit aufhören, seine Marke kritisch zu betrachten. Auch, wenn man etwas Ikonisches geschaffen hat“, sagt Groß. Spätestens wenn Markenelemente nicht mehr praktikabel oder im Kontext des Zeitgeists nicht mehr zielführend seien, sei es an der Zeit, etwas zu verändern.

Bei Instahelp sei die Ausgangssituation ideal gewesen: ein starkes Fundament und zehnjähriges Bestehen. „Die Grundidee war von Beginn weg, auf dem Bestehenden aufzubauen und es in die Zukunft zu tragen“, so Groß. Die Marke solle Strahlkraft über den Health-Bereich hinaus bekommen.

„Sei mutig.“: Der neue Auftritt von Instahelp soll laut Aussendung nicht klinisch oder distanziert wirken, sondern nahbar und selbstbewusst | © Studio Furore / Instahelp

2. Mit den W-Fragen beginnen

Als erste Best Practice nennt Groß die strategische Annäherung mit den wichtigsten W-Fragen: „Wozu machen wir das, wo wollen wir damit hin, welche Ziele soll die Marke erreichen, die sie bislang noch nicht erreicht hat?“

Pierer beschreibt den Ausgangspunkt ihrer Arbeit so: „Am Anfang steht für uns immer die Frage: Was wollen wir eigentlich vermitteln, wen wollen wir erreichen und was sollen Menschen fühlen, wenn sie mit der Marke in Berührung kommen?“

Darauf aufbauend entwickle Studio Furore ein Konzept mit einer klaren Herleitung. Daraus entstehe Schritt für Schritt die Brand Identity, von Logo, Farben, Typografie und Bildwelt bis hin zu Layoutsystem, Gestaltungselementen und Tonalität. Ziel sei ein Aha-Moment, „bei dem man versteht, warum etwas genau so gestaltet ist“.

3. Innen- und Außenperspektive zusammenbringen

Groß steuerte das Projekt in Abstimmung mit der Geschäftsführung und entwickelte das markenstrategische Konzept. Eingebunden waren außerdem die internen Design-Verantwortlichen, die den bisherigen Markenauftritt verantwortet hatten, sowie der CTO.

Diesen Mix zählt Groß zu den Best Practices des Projekts. Es gehe darum, jene, die den Markenkern gebaut haben, mit jenen zusammenzubringen, die ihn weiterentwickeln werden. „Diesen Wissenstransfer braucht es.“ Ebenso wichtig sei, offen und ohne Tabus zu diskutieren, was bleiben darf und was gehen muss. „Greift man die gesamte Identität an, ist das ein schmaler Grat.“

Dass die Entscheidungen im Unternehmen schnell fielen, hat Groß nach eigenen Angaben beeindruckt. Die Marke habe in ihrer Erscheinungsform seit zehn Jahren bestanden. „Von daher ist das keine kleine Intervention, wenn man an die gesamte Identität geht.“

4. Bei der Agentursuche das eigene Netzwerk nutzen

„Wir haben mehrere Angebote eingeholt, das sollte man immer“, sagt Groß. Ausschlaggebend sei im Endeffekt der persönliche Kontakt gewesen. Er kenne die Köpfe hinter Studio Furore schon lange und habe von ihnen nie etwas gesehen, das ästhetisch und handwerklich nicht auf sehr hohem Niveau gewesen sei.

Bei einem Mittagessen mit Pierer und Fotograf Kurt Bauer, der für die Bildwelt verantwortlich zeichnete, sei ihm nach ein paar Sätzen klar gewesen: „Die spüren die Marke.“

Startups und kleineren Unternehmen rät Groß, nach Möglichkeit persönliche Kontakte anzuzapfen, also Personen mit Erfahrung und guten Drähten in die Kreativwirtschaft. „Das spart einerseits Zeit und schützt vor Leerläufen. Andererseits ist es enorm wichtig für die qualitative Einschätzung.“

Der neue Markenauftritt von Instahelp: Die Bildwelt stammt von Fotograf Kurt Bauer | © Studio Furore / Instahelp

5. Konventionen brechen, wenn sie dem Ziel im Weg stehen

Die neue Marke tritt bunt und warm statt klinisch auf. „Ich sehe das eigentlich weniger als Mut, sondern vielmehr als Notwendigkeit“, sagt Pierer dazu. Psychische Themen seien gesellschaftlich schon stark mit Schwere und Unsicherheit behaftet. „Wie soll man Hoffnung vermitteln oder ein Gefühl des Aufatmens schaffen, wenn die Gestaltung genau diese Schwere noch verstärkt?“

Verharmlosen dürfe man das Thema dadurch nicht. „Aber ernst zu nehmen bedeutet nicht automatisch, dass etwas klinisch, kühl oder schwer aussehen muss.“ Dabei müsse jedes Element eine klare Bedeutung haben. „Es geht nicht einfach darum, ein schönes Logo oder eine bestimmte Farbe zu wählen. Die Gestaltung muss in sich stimmig sein und eine Geschichte erzählen.“

Für Pierer hat das Projekt auch eine persönliche Seite. In der Aussendung schildert sie, nach der Geburt ihres ersten Kindes selbst schwierige psychische Phasen erlebt zu haben. „Wenn ich damals von einem Angebot wie Instahelp gewusst hätte, wäre mir der Weg zur Unterstützung mit Sicherheit leichter gefallen.“

6. Mit kleinem Budget: wenige Dinge richtig machen

Startups mit kleinem Budget rät Pierer, sich am Anfang klar darüber zu werden, wofür man steht und was man vermitteln möchte. „Man braucht nicht sofort ein riesiges Branding oder unzählige Gestaltungselemente. Man braucht ein gutes Konzept.“

Ein durchdachtes Logo, eine passende Farb- und Typografiewelt und eine konsistente Bildsprache könnten schon viel bewirken. Pierer rät davon ab, Trends oder andere Marken zu kopieren, nur weil sie gerade gut funktionieren. Man solle herausfinden, was einen selbst besonders macht, und das konsequent sichtbar machen.

Außerdem solle das Erscheinungsbild flexibel bleiben und mit dem Unternehmen wachsen können. „Eine gute Markenidentität muss nicht von Anfang an riesig sein. Sie muss vor allem eine klare Idee haben.“

Die neue Markenidentität von Instahelp ist laut Aussendung inzwischen vollständig ausgerollt. Die Plattform arbeitet nach eigenen Angaben mit mehr als 400 Psycholog:innen und hat bis dato rund 450.000 Beratungen durchgeführt.

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