16.01.2018

CES 2018: Die globale Bühne der Innovation

Georg Fürlinger, Technologiebeaufragter bei Außenwirtschaft Austria und Co-Direktor von Open Austria im Silicon Valley war auf der CES Las Vegas 2018 und hat für uns seine Highlights aufgeschrieben.
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CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger

Auch dieses Jahr fand die alljährliche Consumer Electronics Show (kurz CES) in Las Vegas, im US-Bundesstaat Nevada, statt. Auf der weltweit größten Fachmesse für Unterhaltungselektronik stellten mehr als 4.000 Technologiefirmen ihre neuesten Technologie- und Produktinnovationen vor und fast 200.000 Besucher aus der ganzen Welt waren bei der Messe im Glücksspiel-Paradies zu Besuch. Auf mehr als 240.000 Quadratmetern befanden sich unter den Ausstellern Technologie-Riesen wie etwa Samsung, LG, Google und Amazon, aber auch mehr als 600 Startups, die oft zum ersten Mal ihre Produkte der Öffentlichkeit präsentierten. Auch zahlreiche österreichische Unternehmen präsentierten ihre Innovationen – mehr dazu unten. Darüber hinaus fanden auf der CES Las Vegas an jedem Tag zahlreiche Vorträge und Podiumsdiskussion statt, die sich mit neuesten technologischen Entwicklungen befassen und einen Einblick in die spannendsten Zukunftstrends boten.

+++ CES: Österreich als einer von 13 Innovation Champions +++

Die aktuellen Technologie-Trends 2018

Aufgrund der großen Anzahl von ausstellenden Firmen und der unterschiedlichen Produkte, die sie präsentieren, wurden diese verschiedenen Technologie-Gruppen zugeordnet, sogenannten Marketplaces. Diese reichen von Drohnen, selbstfahrenden Autos, IoT Infrastruktur, Künstlicher Intelligenz, Schlaf-Technologie (SleepTech) und Sport Technologie bis hin zu Smart Home und Smart Cities.

Walter Koren, ehem. Leiter der Außenwirtschaft Austria und nun neuer Wirtschaftsdelegierter in Los Angeles, fasst seine Eindrücke zusammen: „Sprache ist das neue Interface wenn es um die Bedienung von Geräten geht. Im Bereich der Authentifizierung werden Passwörter durch Gesichtserkennungs-Technologien ersetzt. Selbstfahrende Autos werden schon nächstes Jahr in den USA Realität.“ Darüber hinaus wird die fünfte Generation von mobilen Netzwerken den Mobilmarkt aufmischen. Der nächste Telekommunikations-Standard wird es ermöglichen, einen zweitsündigen Film in weniger als 5 Sekunden herunterzuladen. Mit jetzigem Technologiestandard (4G) würde es länger als 5 Minuten dauern. Es wird spannend zu sehen, welche neuen Services und Geschäftsmodelle sich daraus entwickeln werden.

CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Infografik zum 5G-Netz

Österreichische Unternehmen nutzen globale Bühne

Eine positive Überraschung für Österreich waren die Studienergebnisse der „International Innovation Scorecard“, die am ersten Tag der Konferenz vom Organisator der CES Las Vegas, der Consumer Technology Association (CTA) , präsentiert wurden: Österreich wurde als einer von 13 Innovation Champions angeführt. Dieser Platzierung wollten die vertretenen österreichischen Unternehmen gerecht werden. Zu finden waren diese sowohl in der großen Ausstellungshalle als auch im Startup-Bereich „Eureka Park“.

Petwalk Solutions

Petwalk Solutions ist ein österreichischer Hersteller von automatischen Türen für Haustiere. Die petWALK Haustiertüren kombinieren Luftdichtheit, Wärmedämmung und hohen Schutz gegen Eindringlinge durch einen automatischen Türöffner und kontaktlosem Zutrittskontrollsystem. Die Firma vertreibt ihr Produkt bereits erfolgreich auf dem internationalen Markt und ist nun dabei auch verstärkt im US-Markt aufzutreten.

SanSirro

SanSirro bietet unter ihrer neuen Marke QUS, Smarte Kleidung wie etwa ein T-Shirt, welches Körperdaten, wie etwa Herzschlag und Kalorienverbrauch, misst und sie an die Smartphone App sendet und entsprechend auswertet. Der CEO Hannes Steiner freut sich, „das weltweit erste waschbare Smart Textil auf den Markt zu bringen“.

CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: SanSirro-CEO Hannes Steiner

Tractive

Tractive produziert GPS Wearables und Apps für Besitzer von Hund und Katz. Durch ihre Technologie ist es möglich immer genau zu sagen wo sich das Haustier zur Zeit befindet. „Wir sind nun bereits zum sechsten Mal auf der CES vertreten und nutzen die Anwesenheit vor allem um uns mit neuen Partnern und Distributoren zu treffen, sowie neue Partnerschaften einzugehen, meint Michael Hurnaus, CEO von Tractive.

Playbrush

Playbrush ist die erste Zahnbürste die Zahnhygiene mit Videospielen verbindet. Der Zahnbürstenaufsatz passt auf jede herkömmliche Zahnbürste und bringt Kindern das Zähneputzen spielend bei. Mittels Bewegungen der Zahnbürste werden Spiele in der Playbrush Handy App gesteuert und sorgen dafür, dass das Kind lange und gründlich genug Zähne putzt. „Playbrush ist nun zum dritten Mal auf der CES vertreten um hier Retail-Partner kennen zu lernen und unsere Distributionskanäle weltweit auszuweiten“, sagt COO Matthaeus Ittner. Das Startup verkauft sein Produkte zurzeit vor allem in Österreich, Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

… und noch mehr österreichische Unternehmen auf der CES Las Vegas

Weiterer österreichische Firmen, die ebenfalls auf der CES Las Vegas 2018 vertreten waren sind unter anderem, in alphabetischer Reihenfolge:

  • ams AG ist der weltweit führende Anbieter für Design und Herstellung von fortgeschrittenen Sensor-Lösungen, Schnittstellen und ähnlicher Software für Smartphones, Mobilgeräte, Smart Homes und Gebäude, industrielle Automation, Medizintechnik und vernetzte Fahrzeuge.
  • AVL ist der größte unabhängige Hersteller von Kraftübertragungssystemen mit Verbrennungsmotoren, Geräteausstattung und Testsystemen. Die Firma hat Ende letzten Jahres die steirischen Exportpreis in der Kategorie Grossunternehmen gewonnen.
  • Bitmovin ist ein österreichischer Anbieter für Video Infrastruktur Lösungen. Produkte wie der API gesteuerten Cloud-basierenden Video Entschlüsselung Service und der HTML5 Player für MPEG-DASH und HLS, ermöglichen Nutzern verschiedenste Inhalte auf jeglichen Geräten und Browsern ohne Buffering abzuspielen.
  • Infineon Technologies Austria AG ist Teil der Infineon Technologies AG, einem deutschen Hersteller von Halbleiter- und Systemlösungen für den Automobil-, Industriesektor wie auch für Chipkarten und Sicherheitssysteme.
  • Medicus AI übersetzt kryptische Gesundheitsdaten (Blutwerte, lebenswichtige Organe etc.) in ein einfach zu verstehendes visuelles Erlebnis mit personalisierten Empfehlungen.
  • MLINE produziert mobile Accessoires und ist eine der führenden Firmen im Bereich von Accessoires für Smartphones und Tablets. Der Fokus liegt auf Entwicklung, Produktion und Vertrieb von hochqualitativen Mobil-Accessoires wie etwa Hüllen, Bildschirmschutz und Aufladegeräte.

Wie bereits auf Brutkasten berichtet, waren auch TTTech, USound und Mikme erfolgreich auf der CES unterwegs. Von weiteren österreichischen Unternehmen ist weiter unten die Rede.

Eigener Pavillion für Design- und Produktionspartner

Dieses Jahr eröffnete die CES einen neuen Ausstellungsbereich, den „Design & Source Space“. Der vom Internetriesen Alibaba gesponserte Ausstellungsbereich wurde zum Austausch zwischen Gründern und Produzenten konzipiert. Mehr als 700 Unternehmen bzw. Spezialisten im Bereich Design, Verpackung und Produktbeschaffung, vor allem aus Asien waren dort anzutreffen. „Es ist eine Sache, eine gute Idee zu haben“ meint Karen Chupka von CES. „Aber diese Idee in Produktform und auf den Markt zu bringen passiert nicht über Nacht. Dieser neue Bereich bietet Firmen die Möglichkeit sich zu vernetzen und sich über Optionen bzgl Produktherstellung zu informieren“.

CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Der Design Pavillion

Autos und Mobilitätskonzepte der Zukunft

Die CES Las Vegas hat sich über die letzten Jahre auch immer mehr zu eine Bühne für neue Entwicklungen im Automobilbereich entwickelt und zählt weltweit, gemessen an der Ausstellungsfläche im Automotiv-Bereich allein, zu den fünf grössten Automessen. Daher wird die CES Las Vegas von Automarken genutzt, um dort ihre neuesten Konzepte der Welt vorzustellen. Wie auch in vielen anderen Technologiebereichen waren vor allem asiatische Firmen stark präsent.

Das von ehemaligen BMW-Ingenieuren gegründete und in China ansässige Unternehmen Byton, will bereits nächstes Jahr seine „Smart Intuitive Vehicle“ in China auf den Markt bringen. USA und Europa sollen dann ein Jahr darauf folgen. Mehr Informationen sind in diesem Artikel zu finden.

Toyota präsentierte eine Palette an neuen Concept Cars, unter anderem die Concept-i Serie. Ein zentrales Feature ist Yui, der Artificial Intelligence Assistent. Yui ist darauf spezialisiert sich wie ein Beifahrer zu verhalten und gibt etwa Tipps zu Restaurants, Aktivitäten in der Nähe, sowie Infos zu Wetter und Kleiderwahl. Die Präsentation der Demo Version des Concept-i Ride soll während der olympischen Sommerspiele in Tokio 2020 stattfinden. Neben den Privat-PKWs wird auch das Konzeptauto “e-Palette” präsentiert welches als Gemeinschaftsauto genutzt werden kann, wie beispielsweise zum Ride-Sharing, Carpooling oder auch als mobiles Büro oder Hotelzimmer.

Toyota Concept-i Serie CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Toyota Concept-i Serie
CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Toyota e-Palette

Neue Technologien erobern die Luft

Einigen Innovationen nach zu urteilen, findet der Individualverkehr nun auch seinen Weg in den Luftraum. Die US-Firma Workhorse hat ihren leistbare Helikopter Surefly vorgestellt. Das deutsche Unternehmen Volocopter baut den ersten bemannten, voll-elektrischen Senkrechtstart-Hubschrauber. Das Unternehmen kooperiert mit Intel und möchte mit ihrem Volocopter 2X das wachsenden Mobilitätsproblem, v.a in Ballungsräumen, lösen und den Luftverkehr für die breite Masse leistbar machen.

Doch auch im umbenannten Flugbereich – Stichwort Drohnen – wurden eine Vielzahl von neuen Produkten ausgestellt. Speziell auch in diesem Bereich waren es vor allem wieder asiatische Hersteller, wie der chinesische Marktführer DJI, die ihre Neuheiten den Besuchern präsentierten. Angefangen bei den Produkten für Experten, wie der Matrice 600 oder Ronin Serie, gab es auch ein breites Spektrum an Drohnen von unterschiedlichen Herstellern für den Freizeitbereich zu erkunden.

Volocopter CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: Der Volocopter

VR und AR im Zentrum der Aufmerksamkeit

Neue Produkte im Bereich Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) waren auch in diesem Jahr wieder eine der Hauptattraktionen. VR ermöglicht den Nutzern via speziellen Brillen ganz in die virtuelle Welt einzutauchen. Bei AR wird die reale Welt mit zusätzlichen Informationen virtuell angereichert (“augmented”). Dies passiert ebenfalls über spezielle Brillen, oder aber durch das Wahrnehmen der Umgebung über die Kamera des Smartphones.

Es war vor allem ein Trend in Richtung AR zu sehen, da ausgewählte Anwendungsbereiche bereits konkreten Ergebnisse sehen lassen. Laut Steve König (CTA) hilft es zum Beispiel Ärzte bei der Behandlung ihrer Patienten. Im industriellen Bereich seien Einsparungen von 25 Prozent in der Produktion bzw Effizienzsteigerungen von 15 Prozent im operativen Bereich möglich.

Bei VR sind vor allem Innovationen auf der Content-Ebene zu beobachten. Es geht darum, möglichst reale, immersive Erfahrungen zu kreieren, die die Nutzer vergessen lassen, wo ihr Körper zur Zeit wirklich ist. Neben großem Interesse in der Unterhaltungsindustrie (Gaming, Hollywood, etc) will nun auch Facebook die Möglichkeit bieten, mit Freunden im virtuellen Raum zu interagieren. Facebook Spaces befindet sich derzeit im Beta-Stadium. Aber auch im Medizinbereich verspricht man sich interessante Anwendungsmöglichkeiten von VR. Ein Beispiel ist das Projekt Bravemind an der University of Southern California (USC) bei der VR eingesetzt wird um posttraumatische Belastungsstörungen zu behandeln.

Österreichische AR & VR Innovation

Auch aus Österreich waren zwei Unternehmen im AR / VR Bereich vertreten. Exchimp ist spezialisiert sich auf 360° Videos und bietet Virtual Reality Erfahrungen für Sport, Tourismus, Architektur und viele weitere Sektoren an. Laut Stefan Ponsold, CEO von SunnyBAG und Exchimp, hat u.a. der bekannte Schokoladenhersteller Zotter erst unlängst 150 Stück bestellt. Geplant ist, dass die Gäste der Schokoladen-Produktionsstätte bei Riegersburg virtuell die Heimat der verarbeiteten Schokolade in Bolivien erleben können.

Wikitude ist die führende unabhängige Augmented Reality (AR) Plattform für Smartphones, Tablets und Smart Glasses. Das AR Software Entwicklungs Kit kombiniert Instant Tracking Technology, Objekt- und Bilderkennung und Geo-Positionierung. Zu den Kunden zählen unter anderem die Honeywell, Washington Post, Disney und das Times Magazin in den USA, sowie Media Markt und Andritz in Österreich.

Weitere Neuheiten für die virtuelle Welt

Die Firma Luci, von ehemaligen Hollywood-Managern gegründet, präsentiert eine neue Virtual Reality Brille, die „Immersion-on-demand“ verspricht. Das Ziel der Firma ist es eine kompakte, leichte VR-Brille mit idealem Tragekomfort zu produzieren, welche den Kunden in eine extrem hochauflösende und farbenfrohe 2D oder sogar 3D 4K Welt eintauchen lässt. „Um den Anwendern wahre, kräftige, emotionale Geschichten bieten zu können, müssen wir uns zuerst einmal von der Limitierungen der Hardware lösen“, erklärt dazu ein Mitarbeiter von Luci auf der CES Las Vegas.

Smart Home

Der koreanische Konzern LG war stark vertreten bei der diesjährigen CES Las Vegas. Im Bereich der Haushaltsgeräte wurde CLOi vorgestellt, ein zentraler Hub, der es erlaubt, Geräte zentral – via Sprachsteuerung – zu bedienen. Mittels CLOi kann beispielsweise der Geschirrspüler eingeschalten, der Herd und das Backrohr gesteuert, Musik abgespielt oder der Staubsauger gestartet werden. Auch der neue „LG InstaView ThinQ“ Kühlschrank kann sowohl durch CLOi gesteuert werden als auch mittels Amazon Alexa oder eines 29-inch Touchscreens.

CES Las Vegas LG InstaView
(c) Georg Fürlinger: LG InstaView

Fernsehen 4.0

Eindruck hinterlässt auch der “LG OLED Canyon”, bestehend aus 246 LG Open Frame OLED Displays, welcher den Besucher durch starke Farben und hohe Auflösung in unterschiedliche Welten – Canyon, Wald von Redwood Bäumen oder eine Eiswüste – eintauchen lässt.

Auch Samsung war mit einer Starken Präsenz vertreten und stellte den ersten anpassbaren 146-inch TV, The Wall, zur Schau. Dank der MicroLED Technik können weitere Teile gekauft werden, um die Größe des Fernsehers individuell anzupassen.

LG Canyon CES Las Vegas
(c) Georg Fürlinger: LG Canyon

Fahrrad-Technologie aus Italien

Auch im Bereich der Sporttechnologie waren einige Firmen vertreten. HiRide, ein italienisches Startup, stellte sein Smart Bike vor. Artificial Intelligence ermöglicht dem Fahrrad, sich an verschiedenste Straßenverhältnisse anzupassen. Das Federsystem des Fahrrads erkennt Schlaglöcher und Unebenheiten, sowie Unterschiede im Gelände oder Trittfrequenz und passt die Federung in Echtzeit dementsprechend an. Durch ein kompaktes Steuerungssystem an der Lenkstange des Fahrrads, lassen sich die Stoßdämpfer steuern bzw. ein- und ausschalten. Zusätzlich kann das Federsystem eine Verbindung zu Smartphone, Tablet oder PC erstellen und Leistungsstatistiken übertragen. Derzeit wird die neue Technologie ausschließlich bei Rennrädern angewandt, doch ist bereits im nächsten Jahr eine Ausweitung auf den Mountainbike-Bereich geplant.

+++ Wiener Mikme holt sich Award bei der CES 2018 +++


Der Autor

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Georg Fürlinger ist Technologiebeaufragter bei Außenwirtschaft Austria, der Internationalisierungsagentur der Österreichischen Wirtschaft, sowie Co-Director von Open Austria. Er ist bei mehreren Initiativen involviert die den Austausch zwischen Österreich und Silicon Valley fördern und unterstützt österreichische Firmen und Forscher dabei, im US-Markt Partner bzw. Kunden zu finden. Zuvor forschte er im Rahmen seiner Dissertation am Austrian Institute of Technology und an der TU Wien (Der Einfluss von Sozialkapital auf die Entwicklung universitärer Spin-off Unternehmen in den USA und Europa). Er publizierte zu den Themen Innovations- und Gründer-Ökosysteme und ist Co-Autor des Buches „Abseits von Silicon Valley“.

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brutkasten hat Paul Blaguss zum Interview getroffen | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Das Wiener Familienunternehmen Blaguss hat zwölf batterieelektrische Reisebusse in den Regelbetrieb genommen und zählt damit zu den ersten Anbietern Österreichs, die E-Fahrzeuge im Reise- und Linienverkehr einsetzen. Geschäftsführer Paul Blaguss, der in seinem Berufsleben über 2.500 Busse gekauft und verkauft hat, spricht im brutkasten-Interview über die Wahl des chinesischen Herstellers Yutong, über ein hartes Zeugnis für die europäische Industrie und die EU-Industriepolitik, über Millioneninvestitionen in Lade- und Energieinfrastruktur und darüber, warum die Zukunft der Mobilität für ihn elektrisch, digital und perspektivisch autonom ist. Ein Gespräch über Standortfragen, Startup-Beteiligungen und die Frage, wann der letzte Buslenker in Pension geht.

Blaguss hat 2024 und 2025 einen zweistelligen Millionenbetrag in die Elektrifizierung der Flotte investiert. Was war der ausschlaggebende Grund?

Überall dort, wo es technologisch und produktseitig schon so weit ist, hat die Elektromobilität deutliche Vorteile gegenüber herkömmlichen Antrieben. Das fängt bei ganz banalen Dingen an: Standklimaanlage und Standheizung. Wenn ein Bus in der Nacht bei 40 Grad auf den Fahrer wartet, ist er vorgekühlt, ohne dass ein Motor läuft. Dazu kommt, dass wir in Österreich sehr viel Strom aus erneuerbarer Energie gewinnen, das hat einen enormen Impact. Für mich ist hundertprozentig klar, dass Elektromobilität die Zukunft ist.

Paul Blaguss am Firmengelände im 23. Bezirk vor einem der neuen batterieelektrischen Reisebuss | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Sie haben sich für den chinesischen Hersteller Yutong entschieden. Hätten Sie lieber europäisch gekauft?

Natürlich. Wir sind seit Jahren einer der Top-drei-, vier-Kunden von Daimlers Premiummarke Setra, ich kenne dort sämtliche Entwickler und den Vorstand, und wir finden die Produkte hervorragend. Aber Mercedes und MAN können heute keinen elektrischen Reisebus liefern, MAN kommt nächstes Jahr, Mercedes erst um 2030. Wir haben weltweit den Markt erkundet und sind relativ schnell in China gelandet, dort haben wir uns fünf, sechs, sieben Hersteller angesehen. Yutong erfüllt unsere Anforderungen an Qualität, Ausstattung, Erfahrung und Mindset am besten, das Fahrzeug hat eine Batteriegarantie von 15 Jahren für 1,5 Millionen Kilometer. Davon ist das, was Deutschland anbieten wird, meilenweit entfernt. Ich habe schon 2015 in Entwicklungsgesprächen gesagt, dass das kommt, das wollte man nicht hören. Die europäische Industrie ist nicht rechtzeitig auf diesen Zug aufgesprungen, das hat man schlicht verschlafen. Wasserstoff spielt im Pkw übrigens keine Rolle und im Busbereich höchstens im Fernverkehr, der Antrieb der Zukunft ist elektrisch.

Wie blicken Sie auf die Debatte rund um „Made in Europe“ und die Standortpolitik?

Made in Europe ist wichtig, wir brauchen Wertschöpfung in Österreich und in Europa. Ich finde es auch in Ordnung, ausländische Produzenten zu einer gewissen Wertschöpfung in Europa zu verpflichten. Die wesentlichen Komponenten dieses chinesischen Busses kommen ohnehin aus deutscher Industrie, da sind Bosch und ZF Friedrichshafen drinnen. Die Mobilitäts- und Industriepolitik der EU sehe ich in einigen Punkten durchaus kritisch. Man kann nicht den Import seltener Erden erschweren und gleichzeitig glauben, bei der Batterietechnologie aufzuholen. Wir können Batterien zu 99 Prozent recyceln, aber dann muss man die Voraussetzungen schaffen, dass hier wirklich geforscht werden darf, bis hinunter zu den nötigen Rohstoffen. In den vergangenen Jahren war die politische Linie zur Elektromobilität, sowohl auf Ebene der Bundesregierung als auch der EU, nicht immer konsistent. Aus meiner Sicht braucht es hier mehr Planbarkeit, Verlässlichkeit und Konsequenz.

Technologieoffenheit ist in dieser Debatte zu einem echten Buzzword geworden. Grundsätzlich ist diese Offenheit natürlich wichtig. Gleichzeitig sprechen die aktuellen Entwicklungen ganz klar dafür, dass die Elektromobilität im Pkw- und Busbereich die Zukunft ist.

Zwölf E-Reisebusse des chinesischen Herstellers Yutong hat Blaguss in den Regelbetrieb genommen | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Parallel investieren Sie massiv in die Energieinfrastruktur. Was bedeutet das konkret?

Wir hatten am Standort ursprünglich rund 150 bis 200 kW Anschlussleistung, die haben wir auf 1,2 Megawatt versechsfacht. Die Photovoltaik haben wir in mehreren Etappen auf rund 235 kWp ausgebaut und dazu einen Batteriespeicher von 1,5 Megawatt gebaut, um am Spotmarkt besser agieren zu können. In der Nacht ist Strom günstiger, im Sommer fallen die Preise zwischen 10 und 15 Uhr bei Sonnenschein teilweise sogar ins Negative. Dann ist es sinnvoll einzuspeisen, und wenn die Busse zurückkommen, laden wir sie entsprechend. Das ist auch eine Antwort auf die Dieselpreise jenseits der zwei Euro: In Österreich produzieren wir rund 80 Prozent unseres Stroms erneuerbar, würden wir alle Pkw umstellen, bräuchten wir zehn Prozent mehr Strom, die Busse und Lkw noch einmal fünf bis sechs Prozent. Das ist machbar.

500 Kilometer Reichweite: Wo sind aktuell die Grenzen?

Wir haben das gesamte Jahr 2024 analysiert und kommen zu dem Schluss, dass wir 95 Prozent aller Fahrten elektrisch durchführen können, die Reichweite schätzen wir sogar eher über 550 Kilometer. Acht dieser Busse werden schrittweise Linien in Bratislava bedienen, das sind Fahrzeuge mit 200.000 bis 250.000 Kilometern im Jahr. Beim Song Contest hatten wir das erste große Event, das wir mehrheitlich elektrisch gefahren sind. Das Feedback von Fahrern und Kunden ist hervorragend, der Kunde merkt den Unterschied gar nicht, außer dass es ruhiger ist.

brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher im Gespräch mit Paul Blaguss über E-Mobilität, Energieinfrastruktur und autonomes Fahren | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Blaguss investiert auch in Startups. Mit welcher Motivation?

Vor rund neun Jahren, als die Elektromobilität noch sehr stiefmütterlich behandelt wurde und kein Hersteller sie wirklich wollte, haben wir mit VIBE begonnen. VIBE kann elektrische Großflotten managen und servicieren, das wird relevant, wenn etwa Uber mit einer autonomen Flotte nach Wien kommt: Die haben bisher Taxiunternehmen gemanagt, aber nie ein eigenes Auto, das kann VIBE. Taxi, Sharing und Firmenflotten wachsen zu einer Dienstleistung zusammen, und diese Learnings, etwa was Ladekapazität betrifft, fließen direkt in unser Kerngeschäft. Andere Beteiligungen liegen entlang unserer Wertschöpfungskette, sehr viel im Tourismus und Entertainment: Vienna Pass, immersive Shows, Virtual-Reality-Projekte, der Donauturm, das Johann-Strauß-Museum, zuletzt ein KI-Chatbot für die Hotellerie. Es muss reinpassen: Mobilität, Tourismus oder Entertainment.

Welches Innovationsthema beschäftigt Sie als Nächstes?

Das ganze Thema autonomes Fahren. Technisch ist es möglich, und ich mache mir Sorgen, dass wir eine ähnliche Verzögerung erleben wie bei der Elektromobilität. Wir sollten sehr schnell großflächig testen und selbst lernen, was diese Systeme können und was nicht, natürlich extrem abgesichert. Unser Infrastrukturminister ist sich dessen bewusst und geht in die richtige Richtung. Wir haben durch die Personalkostenentwicklung der letzten fünf Jahre rund 20 Prozent gegenüber Deutschland verloren, das erhöht den Druck enorm. Um gewisse Serviceleistungen hochzuhalten, werden wir in autonome Systeme gehen, etwa auf der letzten Meile oder bei Taxisystemen. Auch hier muss die europäische Automobilindustrie aufpassen, dass sie nicht hinten nachsteht, es kann nicht sein, dass das nur Teslas, Waymos und Baidus sind.

Abschließend: Wann erleben wir die letzten Buslenker in Österreich?

Das wird noch sehr lange dauern. Im Reisebus wollen wir den Lenker gar nicht ersetzen, er ist Begleiter und Manager der Reise und Ansprechperson für logistische Themen, ich möchte nicht, dass diese Dienstleistung zu unpersönlich wird, denn gerade dieser persönliche Kontakt macht einen wesentlichen Teil unseres Services aus. Auch im öffentlichen Nahverkehr werden wir den Buslenker noch lange sehen, weil wir viel zu viele Änderungen haben, Staus, Baustellen, Umleitungen. Im Pkw wird das autonome Fahren deutlich schneller kommen. Dass Reisebusse ohne Fahrer fahren, werde ich aber nicht mehr erleben.

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