28.01.2025
INTERVIEW

Artifical General Intelligence: „Sind viel weiter als viele annahmen“

Interview. Der deutsche Seriengründer und Business Angel Carsten Kraus beschäftigt sich seit den 1980ern mit künstlicher Intelligenz. Mit brutkasten hat er über Artifical General Intelligence (AGI) und die Probleme mit dem AI Act gesprochen.
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Carsten Kraus
Carsten Kraus | Foto: Matthias Trenn

Spätestens seit OpenAI kurz vor Weihnachten Zahlen zu seinem neuen Modell o3 veröffentlichte, ist die Diskussion rund um Artificial General Intelligence (AGI) wieder voll entbrannt. Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition für AGI – im Wesentlichen versteht man darunter aber eine künstliche Intelligenz, die intellektuelle Aufgaben am selben oder ähnlichen Niveau wie der Mensch erledigen kann. Einer, der das Thema seit langem genau verfolgt, ist Carsten Kraus.

Der Serienunternehmer beschäftigt sich in der einen oder anderen Form bereits seit den 1980ern mit künstlicher Intelligenz. Aktuell ist er als Gründer und CEO des Startups casablanca.ai in dem Feld aktiv. Das Unternehmen setzt KI ein, um natürlichen Blickkontakt in Videocalls zu simulieren. Zu einem Portrait des Startups in unserem Schwesternmedium Starting Up geht es hier.

Unabhängig davon ist Kraus auch Keynote-Speaker zum Thema KI und ist in Österreich zuletzt im vergangenen Oktober bei der Konferenz „Expedition KI 3.0“ am Flughafen Wien aufgetreten. Im November zeichnete Business Angels Deutschland e.V. (BAND) Kraus als „Business Angel des Jahres 2024“ aus.


brutkasten: OpenAI hat im Dezember Zahlen präsentiert, die zeigen, wie das neue Modell o3 bei unterschiedlichen Benchmarks abgeschnitten hat. Diese Ergebnisse haben die lang anhaltende Diskussion rund um die mögliche Entstehung einer Artificial General Intelligence (AGI) wieder befeuert. Im Silicon Valley vermuten mittlerweile viele, dass KI-Modelle das AGI-Niveau bald erreichen werden. Wo stehen wir Ihrer Meinung nach?

Carsten Kraus: Ich glaube, wir sind viel weiter, als viele das angenommen haben. AGI heißt für mich, dass eine künstliche Intelligenz alles denken kann, was der Mensch denken kann, und zu besseren Ergebnissen kommt als der durchschnittliche Mensch. Ich hatte schon 2016 in einem Interview gesagt, dass wir das bis 2035 erreichen werden. Das war damals ein enorm früher Zeitpunkt. Der Durchschnitt der KI-Wissenschaftler lag bei 2062. Meine Prognose fanden daher viele übertrieben. 

Viele Fähigkeiten, die KI jetzt schon hat – zum Beispiel Liebesbriefe schreiben, Gedichte verfassen, mit Sprache umgehen, Reden formulieren, Texte interpretieren und zusammenfassen –, die hat man nicht so früh erwartet. Jetzt sehen wir bereits, dass sowas funktioniert. Ich fühle mich mit meiner Prognose daher bestätigt.

Technisch sind wir nur mehr wenige Jahre davon entfernt, dass die KI alles denken kann, was der Mensch denken kann. Die Modelle machen riesige Fortschritte, nicht nur durch das LLM selber, sondern auch durch die Systeme drumherum: Etwa durch agentisches Vorgehen, das deutlich bessere Ergebnisse liefert als die pure Transformer-Variante.

Wir werden also in den nächsten Jahren AGI erleben?

Es gibt natürlich eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass es nicht klappt oder dass es viel zu teuer wird. Denn für manche komplexe Abfragen, die auf dem Niveau einer Doktorarbeit sind, können laut OpenAI schnell sehr hohe Rechenkosten entstehen – über 1.000 Dollar pro Anfrage.

Das menschliche Gehirn ist dagegen unglaublich effizient, es braucht nur rund 15 Watt. KI-Systeme brauchen dagegen tausende Prozessoren mit sehr hohem Stromverbrauch und teurer Hardware. Es kann also sein, dass die KI zwar alles kann, was wir können; es sich aber nicht lohnt, sie dafür einzusetzen, weil sie viel zu teuer und energieintensiv ist. In dieser Frage kommt es also nicht nur auf neue Modelle, sondern auch auf die zukünftige Hardware an.

OpenAI-CEO Sam Altman hat kürzlich auf X geschrieben, dass selbst das neue ChatGPT-Pro-Abo, für das 200 Dollar im Monat bezahlt werden, nicht profitabel sei. Es scheint also nicht ausgeschlossen, dass die führenden Modelle möglicherweise für Endkunden noch teurer werden könnten. Müssen wir uns also darauf einstellen, dass uns dieses Kosten-Thema bei KI in den nächsten Jahren begleiten wird?

Ja, OpenAI hat beim Pro-Angebot negative Unit Economics. Je kleiner die Modelle sind, desto bessere Uni Economics erreichen sie. Aber im praktischen Einsatz sehe ich das nicht als Gefahr. Das wäre nur der Fall, wenn ich als Ziel habe, unbedingt Menschen zu ersetzen.

Meiner Ansicht nach sollte aber das Ziel sein, Menschen zu ergänzen. Die KI-Systeme werden mit der Zeit effizienter, aber das menschliche Gehirn ist so effizient, dass es durchaus sein kann, dass es sich nie lohnt, bestimmte Anwendungen an die KI auszulagern, wenn die Kosten explodieren. 

Neben AGI kursiert auch der Begriff der ASI: Artificial Super Intelligence. Wie würden Sie die beiden Konzepte abgrenzen?

Die Frage ist, was Superintelligenz qualitativ mehr kann, außer vielleicht mehr Fakten gleichzeitig zu berücksichtigen oder schneller zu denken. Ich bin beim Verein Mensa und kenne auch Leute, die deutlich intelligenter sind als ich – aber ich sehe da keinen richtigen qualitativen Unterschied, weder nach oben noch nach unten.

Es kann sein, dass eine KI mit „Superintelligenz“ nicht nur schneller rechnet, sondern vielleicht zusätzliche Sensorik hat oder Zugriff auf riesige Datenmengen, die ein Mensch nicht verarbeiten kann und sich so immer weiter verbessert. Die KI könnte sich dann möglicherweise selbst weiterentwickeln und kein Mensch versteht mehr, was sie eigentlich macht. Da stellt sich die Frage: Wollen wir das überhaupt zulassen?

Ein mögliches Szenario, das aus dem Science-Fiction-Bereich stammt, wäre auch, dass sich eine solche KI auf irgendeinen Planeten zurückzieht, die Menschheit in Ruhe lässt und sich nur darum kümmert, dass keine zweite, gefährliche Superintelligenz entsteht.

Ob eine solche Superintelligenz realistisch ist und kontrollierbar bleibt, hängt am Alignment-Problem, also ob die Ziele der KI noch genügend mit den Zielen der Menschheit übereinstimmen. Ich habe keinen tiefen Einblick in das Thema, aber meine Meinung ist: Man muss der KI intrinsisch beibringen, was sie gut finden soll, anstatt starre Regeln vorzugeben, die sie am Ende kreativ umgeht.

Apropos Regeln. KI-Regulierung ist ja ein großes Thema, in der EU tritt gerade der AI Act in Kraft, der durchaus auch kontrovers diskutiert wird. Einige Stimmen aus der KI-Community warnen, dass er Innovationen hemmen könnte. Wie schätzen Sie das ein?

Ich sehe da eine große Gefahr, vor allem für Mittelständler. Großunternehmen können, wenn es kompliziert wird, Teile ihrer Aktivitäten ins Ausland verlagern. Und Startups, die richtig groß denken, weichen eventuell auch aus, wenn es hier zu bürokratisch wird. Aber besonders der Mittelstand, der hier verankert ist, wird vorsichtig sein. Das könnte dazu führen, dass er KI nicht oder viel zu spät einsetzt.

Der AI Act hat vier Stufen: verbotene Risiken, hohes Risiko, mittleres Risiko, niedriges Risiko. Das Thema „hohes Risiko“ ist sehr weit gefasst – da kommen immer mehr Dinge in den Anhang. Medizin, autonomes Fahren und kritische Infrastruktur waren verständlich, denn da will man sicherstellen, dass am Ende noch ein Mensch draufschaut. 

Aber dann kamen beispielsweise Personalentscheidungen dazu, also HR. Wenn ich ChatGPT frage, welche Fragen ich einem Bewerber stellen soll, ist das womöglich schon High-Risk, weil der Bewerber dadurch benachteiligt werden könnte. Dann müsste ich laut AI Act alles Mögliche dokumentieren: Habe ich Bias ausgeschlossen? Habe ich genderspezifische Verzerrungen ausgeschlossen? Da kann es sehr schnell passieren, dass man das versehentlich verletzt – oder zumindest haben die Unternehmen Angst davor, es zu verletzen.

Als Strafe sind 15 Millionen Euro oder drei Prozent des weltweiten Umsatzes vorgesehen. Für Google sind drei Prozent des Umsatzes viel Geld, aber die kriegen das hin. Für einen kleinen Mittelständler können 15 Millionen Euro aber ein Todesurteil sein. Und weil das Gesetz so kompliziert ist, wird die einfachste Lösung für viele Unternehmen sein, lieber keine KI-Tools zu nutzen.

Das kennen wir in kleinerem Umfang schon von der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), wo ebenfalls Unternehmen vieles eigentlich Erlaubte vorsichtshalber vermieden haben, weil die Regeln unklar oder zu komplex sind. Und der AI Act ist noch umfangreicher.

Was bedeutet das für KI-Startups in Europa?

Die meisten Startup-Gründer im KI-Bereich sind Techniker. Deshalb mache ich mir weniger Sorgen um die KI-Startups in Europa. Sie finden Wege, spezielle Lösungen zu entwickeln, die mit den europäischen Gesetzen konform sind. Für kleine Märkte wie Europa ist es für amerikanische oder chinesische Unternehmen oft nicht attraktiv genug, sich zu engagieren. 

Das gibt einerseits europäischen Startups die Chance, Nischenlösungen zu entwickeln. Solche Lösungen erzielen möglicherweise nur ein paar Millionen Euro Umsatz, locken aber keine internationalen Konkurrenten an, weil die sich nicht die Mühe machen, ihre Produkte an die komplizierten europäischen Vorschriften anzupassen. Das kann sogar ein Vorteil für europäische Startups sein.

Das Problem entsteht vielmehr für den Industrie-Mittelstand: Wir haben viele tolle Weltmarktführer mit speziellen Produkten, also – mal fiktiv – den Weltmarktführer für Druckventile in Sprinkleranlagen, der mit ein paar hundert Mitarbeitern in alle Welt exportiert. Wenn diese Unternehmen die Produktivitätsvorteile durch künstliche Intelligenz nicht oder nur wenig nutzen – weil sie Angst vor Fehlern und Strafen haben – werden sie nicht mehr lange Weltmarktführer bleiben.

Für einige Aufgaben wurden bereits in umfangreichen Studien die Produktivitätsvorteile gemessen, beispielsweise hat eine Studie der Harvard University herausgefunden, dass Unternehmensberater 43 Prozent bessere Ergebnisse abliefern, wenn sie KI nutzen – und zugleich 25 Prozent schneller sind. Wenn der Mittelstand sich wegen des AI Act nicht traut, diese Produktivitätsvorteile zu nutzen, werden sie ihre Weltmarktführerschaft verlieren. Das kann sich Europa nicht leisten.

Ist die Situation europäischer KI-Startups primär ein Problem der Finanzierung?

Ja. Das deutsche KI-Startup Aleph Alpha war, bevor ChatGPT kam, durchaus konkurrenzfähig, ich habe das damals parallel zu GPT-3 in unseren eigenen Programmen eingesetzt. Aber um richtig mitzuhalten, braucht man Milliarden oder zumindest Hunderte Millionen, auch für Hardware. Wenn ein Startup das nicht rechtzeitig bekommt, hinkt man schnell hinterher.

In den USA gibt es mehr Investoren, die da mitziehen. In Europa traut man sich seltener, solche Summen zu investieren. So läuft es dann oft auf Anwendungen hinaus, die keine „große“ Basistechnologie mehr entwickeln, sondern nur bereits existierende Modelle anpassen.

Das heißt also, Europa muss sich auf bestimmte Nischen spezialisieren, weil uns das finanzielle Ökosystem für die ganz großen Modelle fehlt?

Ja, ich sehe das so. Entweder müsste man ein wirklich milliardenschweres Projekt auflegen, das von öffentlichen Stellen unterstützt wird, um ein europäisches Foundation Model zu bauen, das dann auch eine eigene „europäische Weltanschauung” hätte. Oder man spezialisiert sich – was realistisch klingt – auf Anwendungen in Bereichen, in denen wir historisch stark sind.

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Lirone Glikman, Branding-Expertin und Gründerin der Agentur The Human Factor, spezialisiert auf Founder-Led Branding

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


In einer Welt, in der KI Inhalte massenhaft produziert und Unternehmen täglich neu entstehen, verschiebt sich der entscheidende Wettbewerbsfaktor: weg vom reinen Produkt, hin zum Vertrauen. „Founder Led Branding“ heißt das Konzept, das Gründer:innen dazu bringt, sich selbst als sichtbare Persönlichkeiten ihrer Unternehmen zu positionieren – authentisch, strategisch und mit klarer Botschaft. Anders als beim klassischen Personal Branding geht es dabei nicht nur um die eigene Person, sondern um die enge Verzahnung von Founder-Identität und Unternehmensmission. Studien und Beobachtungen auf LinkedIn zeigen: Beiträge von Personen erzielen deutlich höhere Reichweiten als jene von Unternehmensseiten. Investoren prüfen Profile, bevor sie ein Meeting zusagen. Kunden googeln Gründer, bevor sie kaufen. Wer als Founder unsichtbar bleibt, verliert Deals – noch bevor sie überhaupt verhandelt werden.

Eine, die dieses Thema international bearbeitet, ist Lirone Glikman. Die israelisch-französische Branding-Expertin begann bereits mit 16 Jahren ihre Karriere, indem sie beim CEO eines israelischen Radiosenders an die Tür klopfte und kurz darauf jüngste Radiomoderatorin des Landes wurde. Heute leitet sie ihre Agentur The Human Factor, die sich auf Founder-Led Branding spezialisiert hat, unterrichtet seit über zwölf Jahren in 28 Ländern und ist Autorin des Buchs „The Super Connector’s Playbook“. Zudem ist sie Executive Director des NGO Committee on Sustainable Development – NY, das mit der UNO affiliiert ist. Im Interview spricht sie über die Trust Economy, häufige Fehler von Gründern und darüber, warum es heute nicht mehr genügt, einfach nur ein gutes Produkt zu haben.

brutkasten: Frau Glikman, beginnen wir mit einer einfachen Frage: Wer sind Ihre Kundinnen und Kunden?

Glikman: Ich pendle zwischen Berlin und Tel Aviv. Meine Klienten sind Startups in frühen oder späteren Phasen, die Sichtbarkeit brauchen; meist dann, wenn sie Kapital aufnehmen, Kunden gewinnen oder in einen neuen Markt eintreten wollen. Dazu kommen Innovationsmanager in Konzernen.

Ein Beispiel ist Celleste Bio, ein israelisches Startup, das als erstes Unternehmen der Welt Milchschokolade mit echter Kakaobutter aus Zellsuspensionskultur-Technologie vorgestellt hat; ein Meilenstein für eine skalierbare, kommerziell tragfähige Kakao-Lieferkette. Jüngst wurde gemeinsam mit Mondelez die erste Tafel produziert, deren Kakaobutter zu 100 Prozent bio-identisch im Labor erzeugt wurde.

Wie nähern Sie sich einem Founder, der mehr Sichtbarkeit braucht?

Zuerst geht es um die Bereitschaft. Viele Gründer wissen, dass sie sichtbar sein müssen – bevor sie einen Raum betreten, ist die Entscheidung beim Investor oft schon teilweise gefallen. Er googelt, schaut auf LinkedIn, gleicht ab, ob das Gesagte zum Gesendeten passt. Unsere Marke arbeitet für uns, bevor wir den Raum betreten – aber zwischen dem Wissen und dem Tun klafft eine Lücke. Viele sind kamerascheu oder arbeiten lieber am Produkt.

Wenn sie zu mir kommen, beginnen wir mit der Strategie. Founder-Persönlichkeit und Unternehmenswerte liegen am Anfang oft sehr nah beieinander. Wir bauen eine Markenidentität auf – authentisch, nicht aufgesetzt. Welche Botschaften, welche Werte, welche Stärken? Ist die Person warm, eher kühl, fürsorglich? Wir nehmen, wer sie sind, und betonen die relevanten Aspekte online.

Was unterscheidet Founder-Led Branding vom klassischen Personal Branding?

Personal Branding ist ein abgenutzter Begriff – wir alle haben eine Marke, ob wir wollen oder nicht. Founder-Led Branding bedeutet, dass man als Gründer bewusst Botschaften platziert, die einem selbst und dem Unternehmen dienen. Heute vertrauen wir Institutionen, großen Namen und Regierungen weniger – wir vertrauen einander.

Wenn Vertrauen zur Währung wird – gerade in einer Welt, in der KI Posts schreibt und Unternehmen über Nacht entstehen lässt – bleibt das Menschliche. Wenn Sie mir vertrauen, vertrauen Sie vielleicht auch meinem Unternehmen.

Auf LinkedIn performt Founder-Content stärker als Unternehmenscontent. Warum?

Der Algorithmus will, dass Sie sich mit einer Person verbinden. Unternehmensbeiträge werden weniger ausgespielt. Es geht um die Verbindung von Mensch zu Mensch.

Was sind die größten Fehler, die Gründer machen?

Erstens: Viele halten Sichtbarkeit für ein „Nice to have“. Damit fehlt die Konsistenz.

Zweitens: Es gibt keinen roten Faden. Wenn man sich Posts der letzten Monate ansieht, sollte ein Muster erkennbar sein. An einem Tag der Urlaub, am nächsten das Unternehmen, dann etwas anderes – das funktioniert nicht. Es braucht Markensäulen.

Drittens: Viele teilen nur Beiträge ihrer Firmenseite oder von Kollegen. LinkedIn mag das nicht. Die Plattform will wissen, was Sie zu sagen haben, was Ihre Kämpfe und Erkenntnisse sind.

Und viertens: Manche gehen zu Medien, die nicht zu ihrer Phase passen. Wenn das Produkt noch nicht reif ist, sollte man etwa in einem Podcast über das Feld sprechen, nicht über die Lösung. Sonst verspricht man zu viel und liefert zu wenig.

Wie viele Posts pro Woche sind realistisch sinnvoll?

Optimal wären zwei pro Woche. Realistisch reicht ein guter, tiefgehender Post pro Woche, der eine eigene Perspektive zeigt. LinkedIn liebt sogenannte „Scar Stories“ – Geschichten von Verletzungen, aus denen man gelernt hat.

Über Fehler zu sprechen ist guter Content?

Ja, weil es verbindet. Es muss nicht der größte Fehler sein. Sie können sagen: Wir haben anfangs in diese Richtung investiert, dann hat sich der Markt verändert, also haben wir gepivotet. Das ist „Building in Public“ – Sie nehmen Ihre Follower mit auf die Reise. Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihre eigene Show!

Im DACH-Raum spricht kaum jemand über Misserfolge. Wie ist das in anderen Kulturen?

Es geht nicht darum, sich in schlechtem Licht zu zeigen, sondern Lernerfahrungen zu teilen. Die israelische Kultur ist sehr expressiv und leidenschaftlich. Wir haben Gründer, die ihre tiefen Kämpfe und Frustrationen während des Aufbaus ihres Unternehmens radikal offen teilen. Das gibt anderen Gründern die Erlaubnis, es ihnen gleichzutun – was am Ende sowohl persönlich als auch für das Unternehmen hilfreich ist.

In asiatischen Kulturen, im Baltikum, im DACH-Raum oder in Skandinavien sind Menschen reservierter und risikoaverser. Das ist nicht schlecht – Israelis springen auf jede Idee; manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Die Frage ist: Wie viel kann ich teilen, das mir dient, anderen Wert gibt, mir aber nicht schadet?

Wie misst man eigentlich, ob Sichtbarkeit auch Umsatz bringt?

Anders als im Vertrieb, wo Sie 50 Leute ansprechen und zwei Deals abschließen, geht es hier um Signale. Verbinden sich qualitativ relevante Menschen aus Ihrer Zielgruppe mit Ihnen? Merken Sie, dass Investoren Sie schon kennen, bevor Sie den Raum betreten? Sprechen Menschen über Sie? Das nennt man „Dark Social“ – wenn das passiert, funktioniert Ihre Marke.

Ein konkreter Tipp zur Monetarisierung: Vor jedem Meeting werden Sie beobachtet. Posten Sie zwei oder drei Tage vorher etwas, das Fragen oder Einwände beantwortet, die im Gespräch kommen werden. Wenn Investoren an der Skalierbarkeit zweifeln könnten, schreiben Sie über die Skalierbarkeit Ihrer Branche.

Das ist strategische Kommunikation pur…

Genau. Wenn Sie sich auf ein Meeting vorbereiten, gehört ein LinkedIn-Post auf die To-do-Liste. Sichtbarkeit ist kein Privileg, sondern ein Business-Tool, eine Infrastruktur.

Wie viel Zeit sollte ein Gründer investieren?

Mit KI ist das heute leichter. Erstellen Sie ein Projekt in ChatGPT oder Claude, füttern Sie es mit Ihrer Marke, Werten, Botschaften, kopieren Sie E-Mails oder Texte hinein. Dann sagen Sie: Ich möchte über die Skalierbarkeit unseres Geschäfts schreiben, hier sind drei Punkte. So entstehen Posts in Ihrer Stimme. Minimum: ein Post pro Woche. Sie können sich 30 Minuten wöchentlich Zeit nehmen oder einmal im Monat ein, zwei Stunden für alle Posts.

LinkedIn ist mit KI-Content geflutet. Sehen wir eine Gegenbewegung hin zu mehr Authentizität?

Es heißt, etwa 80 Prozent der Posts seien KI-generiert – ich denke, es sind mehr. Was Sie vermeiden sollten: den langen Gedankenstrich, den alle KI-Tools lieben; und typische Strukturen wie „Don’t do X, do Y“ oder kurze Sätze mit Punkt am Ende. Ich habe gestern in einem Post einen Tippfehler gefunden und ihn drin gelassen – weil er menschlicher ist. Verwenden Sie keine Wörter, die Sie sonst nie benutzen. KI können Sie trainieren, aber vertrauen Sie ihr nicht zu 100 Prozent.

Welche Trends sehen Sie auf LinkedIn?

Authentizität mit eigenem Stil und visuellen Wiedererkennungsmerkmalen. Und Spezifität: LinkedIn will Sie mit relevanten Menschen vernetzen – fokussieren Sie sich also auf Ihr Fachgebiet.

In Österreich gibt es Gründer, die sehr laut auftreten. Birgt das Risiken?

Kulturell, ja. Wenn Sie Wertvolles teilen, das anderen hilft, ist Lautstärke okay. Aber im DACH-Raum kann das Türen schließen. In Israel sind die Menschen wie gesagt von Natur aus lauter und leidenschaftlicher. Heute sehen wir auch einen Shift zu Solopreneuren oder Drei-Personen-Unicorns. Als Solopreneur müssen Sie Ihre Marke draußen haben – das Ziel sind Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Gibt es internationale Vorbilder?

Jensen Huang von Nvidia versteht, dass er das Gesicht des Unternehmens ist. Auf seinem LinkedIn-Profil steht Nvidia und davor ein Job als Tellerwäscher in einem Burgerladen.

Oder Sam Altman: Vor drei Jahren, als die Menschen Angst vor OpenAI hatten, machte er mit seinem Mitgründer eine Welttournee, traf Menschen auf Events. Sie nutzten ihre Founder-Marke, um Botschaften zu transportieren und Vertrauen aufzubauen.

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