24.12.2023

Carina Roth: „Ich kann nicht warten, bis die Gesellschaft bereit ist für mein Scheitern“

Gründer:innen sprechen nur selten über das Scheitern des eigenen Startups – Carina Roth ist eine Ausnahme. Nach dem Zusammenbruch ihres Unternehmens WisR spricht sie offen über den steinigen Weg in ihrer persönlichen Karriere, der sie schlussendlich in die Welt der Investor:innen führte.
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Carina Roth gründete 2017 das Startup WisR. Nach der Liquidation ihres Unternehmens heuerte sie als Investorin beim Wiener VC Calm/Storm an. | (c) Studio Koekart

In der Startup-Welt herrscht oft ein überwältigender Glanz: Wir hören von den Visionär:innen, die Millionen verdienen, von disruptiven Technologien, die unser Leben verändern, und von jungen Unternehmer:innen, die die Welt erobern. Doch hinter diesen Erfolgsgeschichten verbirgt sich eine Realität, die oft übersehen wird – die des Scheiterns. In der Regel sprechen Gründer:innen lieber über ihre Erfolge als über ihre Misserfolge.

Das Schweigen über das eigene Scheitern hat verschiedene Gründe, die oft tief in unserer Kultur und unserer Psyche verwurzelt sind: In vielen Gesellschaften und Kulturen wird Erfolg hoch geschätzt, Misserfolg oder Scheitern werden dagegen stigmatisiert. Dieser soziale Druck kann dazu führen, dass Menschen aus Angst vor Urteilen oder Ablehnung ihr Scheitern verbergen. Scheitern kann mit Schamgefühlen verbunden sein – Menschen können sich schämen, weil sie die Erwartungen, die sie an sich selbst oder die andere an sie gestellt haben, nicht erfüllt haben. Ein weiterer Aspekt: Das Fehlen von Vorbildern und positiven Beispielen von Menschen, die offen über ihr Scheitern sprechen.

Carina Roth ist eine Ausnahme. Ihr Startup WisR wurde im Oktober 2021 liquidiert – und sie spricht offen über den wohl schwierigsten Schritt in ihrer Karriere. WisR war auf die Arbeit mit Senior Talents in Unternehmen spezialisiert. Über seine Recruiting-Plattform vermittelte WisR zunächst Menschen in Pension. Damit gewann das Startup große Kund:innen wie die ÖBB, Hornbach oder Ritz-Carlton – und überzeugte Investor:innen. Doch nach vier Jahren musste das Startup seinen Betrieb einstellen.

Carina Roth | (c) Studio Koekart

Die Coronakrise und die damit einsetzenden Veränderungen am Arbeitsmarkt zwangen das Unternehmen zu einem Richtungswechsel. Zu diesem Zeitpunkt bereitete das Startup eine große Finanzierungsrunde mit einem Investor aus Deutschland vor. Kurz vor dem Closing der Runde dann der Super-GAU: Der Investor ließ die geplante Finanzierung mit den ersten Corona Lockdowns kurzfristig platzen. Gemeinsam mit ihrer Co-Founderin Klaudia Bachinger launchte Roth noch im Herbst 2020 zusätzlich zur Recruiting-Plattform ein Senior-Experten:innen Netzwerk. Die Idee dahinter: Unternehmen konnten so mit Mitarbeiter:innen, die bereits im Ruhestand sind, in Kontakt bleiben. „Nachdem die Finanzierungsrunde geplatzt ist, haben wir uns dann nur mehr auf die Enterprise-SaaS-Lösung bzw. das Netzwerk konzentriert und keine Ressourcen mehr in die Recruiting-Plattform gesteckt“, erzählt Roth.

Der Schlussstrich und die Öffentlichkeit

„Wir hatten viele Ideen, aber irgendwann bist du dann an einem Punkt angelangt, wo du merkst, dass der Runway immer kürzer wird“, sagt Roth. Dazu kam die damalige Marktlage: Diese war laut Roth von „Hiring Freezes“ gekennzeichnet. So fiel die Entscheidung: Roth und Bachinger machten den Laden sprichwörtlich dicht. Vor dieser Entscheidung erstellten die Gründerinnen zunächst eine Prioritäten- und Szenarienliste. Diese arbeiteten sie bis zum letzten Punkt – der Schließung des Startups – ab. Beide Gründerinnen wollten keine verbrannte Erde zurücklassen. Sie wollten WisR in geordneten Bahnen liquidieren: Mitarbeiter:innen sollten ausbezahlt, mit Bestandsinvestor:innen sollte offen kommuniziert werden. Das Abarbeiten der Prioritätenliste bis dahin beschreibt Roth auch als eine Art „Mental-Fading-out“. „Irgendwie hat es sich dann auch gut angefühlt, weil ich wusste, dass ich alles gegeben habe“, beschreibt Roth das Ende.

An die Vorbereitung des LinkedIn-Postings kann ich mich noch gut erinnern. Es war schon sehr aufregend, als wir den Send-Button gedrückt haben.

Carina Roth

Der schwierigste Schritt stand den Gründerinnen jedoch noch bevor: Sie mussten das Ende ihres Unternehmens auch der Öffentlichkeit kommunizieren. „An die Vorbereitung des LinkedIn-Postings kann ich mich noch gut erinnern. Es war schon sehr aufregend, den Send-Button zu drücken“, erinnert sich Roth. Und sie merkt an: „Ich hatte dabei allerdings keine Angst. Ganz ehrlich, als Gründerin stehst du nun mal in der Öffentlichkeit und wirst ständig beobachtet. Irgendwann legst du diese Angst ab. Es war eher so ein Gefühl des Excitements: Was kommt als Nächstes auf uns zu?“

Ein Plan danach?

Einen konkreten Plan, was als Nächstes kommt, hatte Roth in dem Moment noch nicht: „Früher war das vielleicht so, dass man einen Job erst kündigt, wenn man etwas Neues hat. Als Founderin bist du jedoch bis zum Schluss so eingebunden, dass du gar keine Zeit und keinen Kopf dafür hast, dir zu überlegen, was danach kommt.“

Lange still sitzen musste die Gründerin allerdings nicht. Bereits kurz nach dem Bekanntwerden der Schließung von WisR erhielten Roth und auch ihre Mitgründerin zahlreiche Anfragen von Menschen, die gemeinsam neue Projekte umsetzen wollten. Roth: „Dadurch, dass wir sehr laut gegangen sind, haben wir kurz nach dem Posting bereits die ersten Angebote bekommen.“ Rückblickend betrachtet ging ihr das vielleicht doch eine Spur zu schnell: „Vielleicht hätte ich gerne einfach zwei Monate gar nichts gemacht. Ursprünglich hatte ich den Wunsch, nach Japan zu reisen, was aber aufgrund der damaligen Corona-Bestimmungen nicht möglich war.

Neuorientierung mit Höhen und Tiefen

Das Sondieren von möglichen neuen Projekten hatte jedoch auch seine Höhen und Tiefen: „Es gab natürlich auch Momente, die superfrustrierend waren. Wenn nach dem 15. Gespräch noch immer nichts dabei ist, das einen so richtig begeistert, dann ist das natürlich auch immer ein kleiner Failure. Im Prinzip kann man es vielleicht auch ein Stück weit mit Dating vergleichen.“ Natürlich spielten auch die finanziellen Mittel in der Phase der Neuorientierung eine Rolle. „Zum Glück musste ich keinen Kredit abbezahlen und war nur für mich selbst verantwortlich – und hatte so ausreichend Zeit und Ressourcen, mir jedes Angebot anzuhören“, so Roth. Ihre persönliche Situation in der Übergangsphase sei somit durchaus privilegiert gewesen.

Vor meinem Scheitern kannte ich nur die Fuckup-Nights und viel- leicht zwei, drei Fälle, in denen Gründer:innen in der Öffentlichkeit of- fen darüber gesprochen haben. Ich wusste daher selbst nicht, wie sich das anfühlen wird.

Carina Roth

Erster Kontakt zu Calm/Storm Ventures

Der perfekte Match sollte jedoch nicht lange auf sich warten lassen: Rund sechs Monate nach der Ankündigung, die Pforten von WisR endgültig zu schließen, meldete sich Lucanus Polagnoli, Gründer und Co-Founder der Wiener Venture-Capital-Gesellschaft Calm/Storm Ventures, bei Roth. Der Wagniskapitalfonds ist aktuell in mehr als 70 Startups investiert; der Fokus liegt auf digitalen Produkten für unterschiedliche Gesundheitsthemen – angefangen von Hormontracking über digitale Medikamentensuche bis hin zur Analyse der Zahngesundheit mit dem Smartphone.

Als Polagnoli die ehemalige Gründerin kontaktierte, arbeitete sie bereits an einem neuen Beratungsprojekt, unter anderem mit ihrer Co-Founderin Bachinger. „Ich habe zu Lucanus gesagt, dass ich aktuell noch sehr busy bin und mir noch ein paar andere Sachen ansehen möchte. Er hat das damals als Absage verstanden. Ich wollte halt ausloten, ob aus anderen Projekten noch was wird“, so Roth. Aus den besagten Projekten sollte schlussendlich nichts werden – „für mich war dann sehr schnell klar, dass es Calm/ Storm Ventures und Investing wird.“

Carina Roth im Büro ihres neuen Arbeitgebers Calm/Storm Ventures | (c) Studio Koekart

Die Vorbereitung auf ihre neue Rolle

In der Phase der Neuorientierung streckte Roth im Sommer 2022 die Fühler zu den Investor:innen in ihrem Netzwerk aus. Sie wollte mehr über das Leben als Investor:in erfahren. Im Dezember 2022 war es dann beschlossen: Sie wechselte von der Seite der Founder:innen auf die Seite der Ivestor:innen. Trotz des Rollentauschs in ihrer Karriere hält sie fest: „Meine Karriere habe ich nicht gepivotet. Ich arbeite noch immer im Startup-Umfeld mit den gleichen Leuten. Der rote Faden wurde somit nicht zerrissen.“ Roth sieht aber auch Unterschiede zwischen der Arbeitsweise einer Startup-Founderin und jener einer Investorin: „Als Gründerin bist du sehr stark in einem Thema drinnen und blendest vielleicht andere Bereiche gänzlich aus. Als Investorin arbeitet man hingegen sehr branchen- und technologieübergreifend – und trifft noch viel mehr Menschen als Gründerin“, erläutert sie.

Einer der wichtigsten Aspekte in der Neuorientierung sei für sie das Thema Impact gewesen. Roth: „Mir war schon sehr früh klar, dass ich nicht des Gründens wegen gründen möchte. Auch als Investorin kannst du Impact haben, indem du Geld richtig einsetzt und somit die passenden Hebel in Bewegung setzt. Bei Calm/Storm Ventures wusste ich, dass endlich wieder eine Flamme in mir brennt.“ Einer der größten Unterschiede zwischen den beiden Welten, jener der Gründer:innen und jener der Investor:innen, sei jedoch der Aspekt, wann Erfolg sichtbar wird. „Als VC kannst du in der Regel erst nach zehn Jahren sagen, ob dein Investment erfolgreich war, hier sind die Feedbackzyklen natürlich viel länger“, sagt Roth. Seit ihrem Start bei Calm/Storm Ventures war sie übrigens bei 14 Investments in Startups involviert.

Carina Roths bisher größter Erfolg

Was war Roths bisher größter Erfolg in ihrer Karriere? Sie antwortet entschlossen: „Obwohl ich mit WisR gescheitert bin, wollen die Leute noch immer mit mir zusammenarbeiten.“ Damit das gelingt, müsse man allerdings zum richtigen Zeitpunkt den Schlussstrich ziehen und bereits dann aufhören, wenn es einem selbst oder den anderen Menschen im Umfeld noch gut gehe. Auch die offene Kommunikation mit den eigenen Gesellschafter:innen sei eine Voraussetzung. „Ich kann wirklich von uns behaupten, dass wir damals keine verbrannte Erde hinterlassen haben. Wir sind heute noch gut mit unseren Investoren, und zwei davon sind jetzt sogar Limited Partner (LPs, Anm.) bei Calm/Storm Ventures geworden.“

Flexibles Mindset und die viel zitierte Kultur des Scheiterns

Was gibt Roth nun Gründer:innen mit, die sich ebenfalls in einer Phase der Neuorientierung befinden? Und warum spricht sie so offen darüber? „Vielleicht ist es eine meiner Aufgaben im Leben, Leuten zu zeigen, dass nichts dramatisch enden muss, sondern es danach genauso weitergehen kann.“ Gründer:innen sollten ein flexibles Mindset mitbringen – „natürlich muss man sich ambitionierte Ziele setzen, allerdings darf man nicht den Kopf in den Sand stecken, sofern man sein Ziel nicht erreicht.

Die Geschichten über das Scheitern in der Startup-Welt werden Roths Meinung nach in der heimischen Medienlandschaft zu selten erzählt. „Vor meinem Scheitern kannte ich nur die Fuckup Nights und vielleicht zwei bis drei Fälle, wo Gründer:innen in der Öffentlichkeit offen darüber gesprochen haben. Ich wusste daher selbst nicht, wie sich das anfühlen wird – und vor allem, wie Menschen auf mein Scheitern reagieren werden.“

Trotz des häufig bemängelten Fehlens einer Kultur des Scheiterns in Österreich habe sie jedoch meist nur positive Reaktionen erfahren. Die Gründe dafür liegen Roths Meinung nach in der offenen Art, wie sie damals mit dem Scheitern von WisR umgegangen sei. Das Vorhandensein einer gewissen Schadenfreude in der Gesellschaft streitet sie jedoch nicht ab: „Das ist tief verwurzelt in unserer Gesellschaft. Es fängt an beim Gossip im eigenen Freundeskreis, reicht aber auch bis hin zur Erziehung der eigenen Kinder“, sagt Roth. Während in den USA das Scheitern als wertvolle Erfahrung angesehen wird, unter anderem auch von Investor:innen, gebe es hierzulande in Bezug auf die Kultur des Scheiterns noch viel Aufholbedarf. Trotz der gesellschaftlichen Stigmatisierung sollten sich Gründer:innen jedoch nicht davor scheuen, über die eigenen Fehler zu sprechen. Roth: „Ich kann jetzt nicht warten, bis die Gesellschaft für mein Scheitern bereit ist.“


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Die drei Partner von RM Equity Partners (v.l.) Eugen Benedikt Russ, Nicola Szekely und Chris Wittlinger | (c) RM Equity Partners
Die drei Partner von RM Equity Partners (v.l.) Eugen Benedikt Russ, Nicola Szekely und Chris Wittlinger | (c) RM Equity Partners

Wie brutkasten zuletzt berichtete, wurde die vor rund zehn Jahren als Teil der Voralberger Russmedia-Gruppe gegründete Liechtensteiner Private-Equity-Gesellschaft RM Equity Partners (RMEP) mit rund 500 Millionen Euro Assets under Management von den drei Partnern Eugen Benedikt Russ, Chris Wittlinger und Nicola Szekely übernommen. Im Gespräch mit brutkasten erläuterten Russ und Wittlinger die Hintergründe.

Eugen B. Russ blickt dabei auf die Anfänge zurück: „Wir haben eigentlich schon sehr selbstständig begonnen. Schon damals haben wir vom Medienhaus weitgehende Freiheiten bekommen, und ich glaube, genau das hat uns erfolgreich gemacht: dass man uns dieses Vertrauen gegeben hat. Wir konnten in Themen investieren, während andere in der Gruppe Media-for-Equity machen mussten und in dem, was sie tun konnten, nicht immer frei waren.“

Und Wittlinger ergänzt: „Organisatorisch waren wir schon immer sehr unabhängig, mit wenig Vorgaben. Jetzt übersetzen wir einfach das, was gelebt wurde, in die Realität. Dazu kommt, dass es im Partnerkreis – Eugen, Nicola und ich – über die Jahre sehr gut funktioniert hat. Wir sind ein sehr komplementäres Team, und wir haben alle gesagt: Wir haben Lust, das noch einmal eigenständig anzupacken und weiterzumachen – mit dem Team, das es schon gibt.“

Die Gruppe sei über das vergangen Jahrzehnt stark gewachsen und erwirtschafte im laufenden Jahr ein EBITDA im dreistelligen Millionenbereich. Dabei entfielen nur fünf Prozent des Umsatzes auf Österreich, da das Portfolio komplett europäisch aufgestellt sei.

„Die volle Selbstständigkeit war im Endeffekt der logische Schritt“, erklärt Russ. Seine Schwester übernehme die Generationennachfolge im Verlag der Russmedia-Gruppe, wo zuletzt auch ein Merger mit der Tiroler Tageszeitung stattfand. Während Russmedia den Wachstumsweg im Mediengeschäft verfolge, setze RMEP den Wachstumsweg bei digitalen Plattformen fort.

Dieser Prozess sei über einen Zehnjahresplan angelegt und seit acht Jahren vereinbart gewesen. Im September des vergangenen Jahres habe die konkrete Umsetzung Fahrt aufgenommen. Nach der Umstrukturierung in Liechtenstein um den Jahreswechsel wurde die Management Company RM Consulting im Frühjahr übernommen. Mit der offiziellen Kommunikation sei die Nachfolge nun abgeschlossen. Die Management Company befindet sich nun zu gleichen Teilen im Besitz des Führungstrios.

Neues Vehikel für neue Investments

Das initiale Investment von Russmedia habe damals knapp unter 100 Millionen Euro betragen – eine Summe, die die Gruppe heute jährlich an EBITDA generiere. Für die künftige Ausrichtung gilt nun eine klare Trennung zwischen Altbestand und neuen Beteiligungen.

Russ beschreibt die Strukturierung: „Das Bestehende führen wir so weiter. Wir schaffen jetzt ein neues Investment-Vehikel, in das exklusiv wir drei und das Team investieren. Alle Investments ab jetzt machen wir alleine. Von den bestehenden Investments profitiert natürlich auch die Familie weiter – unter anderem Bergfex, Pure, calimoto und die übrigen Unternehmen im heutigen Portfolio.“ An den bisherigen Beteiligungen halte Russ im Rahmen der Nachfolgelösung weiterhin eine Mehrheit.

„Wir kaufen Anteile an profitablen Unternehmen, die Cash produzieren“

RMEP investiert pro Beteiligung bis zu 150 Millionen Euro Eigenkapital, während das Gesamtvolumen pro Transaktion bis zu 250 Millionen Euro betragen kann. Chris Wittlinger grenzt den Investmentansatz klar ab: „Wichtig ist: Wir sind kein VC. Wir machen keine Frühphasen-Investments und prinzipiell keine Kapitalerhöhungen, bei denen das Unternehmen Cash braucht. Wir kaufen Anteile an profitablen Unternehmen, die Cash produzieren.“

Das Modell ziele zwar auf eine langfristige Haltedauer ab, doch Exits wie jener der Plattform Alpy (brutkasten berichtete im August) seien bei passenden Rahmenbedingungen vorgesehen. Wittlinger führt dazu aus: „Wir wollen die Möglichkeit haben, das Unternehmen sehr lange zu halten. Aber wenn wie bei Alpy die Situation kommt, in der man sagt: Das ist bei einem Strategen besser aufgehoben, weil der mehr daraus machen kann als wir – dann verkaufen wir auch.“ Gleichzeitig mache man auch strategische Zukäufe kleinerer, profitabler Wettbewerber von portfolio-Unternehmen, wie das aktuelle Beispiel Digital Heaven in der Schweiz veranschauliche.

„Wir sprechen auf Augenhöhe, von Unternehmer zu Unternehmer“

Und es gebe auch einen zentralen Unterschied zwischen RMEP und klassischen Private-Equity-Gesellschaften, die fremdes Kapital verwalten, betont Russ: „Das Geld, das wir investieren, ist ausschließlich unser eigenes und das der Unternehmer-Partner, mit denen wir arbeiten. Viele wählen uns, weil sie nicht mit einem anonymen Private-Equity-Investor zusammenarbeiten wollen, der nicht sein eigenes Geld investiert. Sie spüren, dass wir unser eigenes Geld investieren – wir sind selbst Unternehmer. Das ist der riesige Unterschied: Wir sprechen auf Augenhöhe, von Unternehmer zu Unternehmer.“

Dieses Unternehmer-Setup spiegelt sich auch in der Anbahnung neuer Investments wider. Wittlinger erklärt das Sourcing: „Der Dealflow ist dreigeteilt. Erstens gibt es ein Netzwerk von Tausenden M&A-Beratern in Europa, mit denen wir in Kontakt sind, die wissen, was wir suchen, und sich regelmäßig bei uns melden. Zweitens unser aktiver Outreach, bei dem wir schon sehr stark mit KI arbeiten: Wir schreiben Unternehmen an, die aus unserer Sicht gut ins Raster passen, gehen auf Messen und Branchenveranstaltungen und stellen sicher, dass uns die Unternehmer in den Industrien kennen, die uns interessieren. Drittens gibt es Unternehmer, die auf uns zukommen, weil sie von uns gehört haben – zum Beispiel, weil sie jetzt diesen Artikel lesen.“

Am Fokus auf asset-light und digitale Geschäftsmodelle ändere sich durch die Eigenständigkeit nichts, wobei der technologische Wandel berücksichtigt werde. Wittlinger ergänzt zur Rolle von KI: „Natürlich muss man immer schauen, wie sich KI auf ein Geschäftsmodell auswirkt. Wir fokussieren uns darauf, Geschäftsmodelle zu finden, für die KI ein Enabler sein kann oder die sehr resilient dagegen sind.“

„Wir haben die Kriegskasse gefüllt“

Für die kommenden Jahre stehe nun der Ausbau des eigenen Netzwerks und das gemeinsame Wachstum mit Gründern im Vordergrund. Russ betont: „Unsere Story sind eigentlich individuelle Unternehmer-Erfolgsgeschichten.“ RMEP verstehe sich als langfristiger Partner für Unternehmer, um Potenziale zu heben und gemeinsam zu wachsen.

Wittlinger richtet den Blick auf die Zehn-Jahres-Perspektive: „Natürlich wollen wir nicht stillstehen. Wir wollen größer werden, weiterhin Deals machen, das Netzwerk erweitern und dafür sorgen, dass die Assets under Management in zehn Jahren deutlich höher sind als heute. Das ist der Anspruch.“

Der Wechsel in die Unabhängigkeit soll dabei als Ansporn für die nächste Phase dienen. „Wichtig ist: Das Team bleibt gleich, die Investmenthypothese bleibt gleich, und unsere Ambition und unser Hunger bleiben gleich. Wir sind noch lange nicht am Ende der Reise“, unterstreicht Wittlinger. Und Russ wird noch einmal deutlich: „Wir haben die Kriegskasse gefüllt und suchen nach den nächsten Deals.“

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