18.07.2018

Carbon Recovery: 325.000 Euro Kapital für Wiener Reifen-Recycling-Startup

Das Wiener Startup Carbon Recovery hat ein Verfahren für Altreifen-Verwertung weiterentwickelt. Nun investierten neun PrimeCrowd-Investoren gemeinsam 325.000 Euro. Damit soll ein neues Werk in Niederösterreich teilfinanziert werden.
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PrimeCrowd-Founder Markus Kainz mit Claus Lamer von Carbon Recovery
(c) PrimeCrowd: PrimeCrowd-Founder Markus Kainz mit Claus Lamer von Carbon Recovery

„Weltweit fallen jährlich 14 Millionen Tonnen Altreifen an, von denen 70 Prozent achtlos verbrannt werden. Dabei benötigt alleine die Produktion eines einzigen PKW-Reifens 230 kg unwiederbringlicher fossiler, mineralischer und sonstiger natürlicher Rohstoffe“, erklärt Claus Lamer, Business Development Manager des Wiener Startups Carbon Recovery. Dieses hat ein Verfahren – die „Vakuum-Niedertemperatur-Pyrolyse“ – weiterentwickelt. Damit gelinge die bislang „ökologisch und ökonomisch sinnvollste Altreifen-Verwertung“, heißt es vom Startup.

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Mehrere verwertbare Produkte

Man könne die Kohlenstoffe, aus denen Altreifen zu 90 Prozent bestehen, zu 100 Prozent emissionsfrei in wertvolle neue Kohlenstoffe umwandeln. Konkret entstehen beim Verfahren, für das Gummi-Chips aus Altreifen und anderen Gummiabfällen angekauft werden, Gas, ein Diesel-ähnliches Grundöl für Industrieöfen und Raffinerieanlagen und „Recovered Carbon Black“. Letzteres ist ein Hochtechnologiewerkstoff für die Herstellung von Gummiprodukten, Farben, Plastikteilen und neue Reifen. „Im Sinne der Kreislaufwirtschaft kann das gewonnene Carbon Black immer wieder aus den Gummiprodukten und den Altreifen zurückgewonnen und in neuen Produkten wiederverwendet werden“, heißt es in einer Aussendung.

Conda-Kampagne und PrimeCrowd-Investment

Während momentan noch eine Kampagne auf der Crowdinvesting-Plattform Conda läuft, bei der man derzeit bei rund 111.000 Euro steht, konnte nun bereits der Abschluss einer Finanzierungsrunde über die PrimeCrowd bekanngegeben werden. Neun Investoren stellen insgesamt 325.000 Euro Kapital bereit. Darunter sind Markus Ungerank, ehemaliger Laborleiter bei Evonik und Otto Hrabak, langjähriger Executive Manager bei der holländischen DSM und Mitglied des Executive Committee des Pharmakonzerns Patheon. Die neuen Gesellschafter würden das Startup nicht nur finanziell unterstützen, sondern ihre Fachexpertise in Chemie und Verfahrenstechnik bei Audits, im Qualitätsmanagement und der Produktentwicklung sowie in Fragen der Markenentwicklung und Umsetzung der Expansionsstrategie einbringen, heißt es von PrimeCrowd.

Archiv: Video-Interview zum Start der Kampagne:

NÖ-Anlage für 15 Prozent des österreichischen Jahresaufkommens

Bereits im August soll die nächste Finanzierungsrunde – wieder über die PrimeCrowd – über rund eine Million Euro folgen. Mit dem Kapital soll eine neue Anlage in Niederösterreich gebaut werden, deren Inbetriebnahme für das Frühjahr 2019 geplant ist. Am Standort sollen jährlich 8000 Tonnen Altreifen verarbeiten werden, was rund 15 Prozent des Jahresaufkommens in Österreich entspricht. Dabei entstünden mehr als 2500 Tonnen Carbon Black. Diese hätten einen Marktwert von eineinhalb bis zwei Millionen Euro, heißt es von Carbon Recovery.

Energieautarker Prozess

Man rühmt sich dabei, mit dem neuen Werk besonders umweltschonend zu arbeiten. Indem das bei der Pyrolyse entstandene Gas indirekt zur Beheizung verwendet werde, erfolge der gesamte Prozess energieautark. Die Anlage werde zusätzlich durch eine Gasreinigungsanlage ergänzt, die den Schwefelgehalt im Gas eliminiere. Das so aufgereinigte Gas könne dadurch einer energieeffizienten Gasverwertung zugeführt werden, die selbst die Rest- und Abwärme in den Prozess zurückführe, heißt es von Carbon Recovery. Auch die Größe des Standorts führt man als ökologischen Vorteil ins Treffen: „Sie ist groß genug, um wirtschaftlich zu arbeiten und gleichzeitig klein genug, um ein Einzugsgebiet von rund ein bis eineinhalb Millionen Einwohnern abzudecken und umweltbelastende Transporte zu verhindern“.

Großes Marktpotenzial für Carbon Recovery

Bei dem Standort soll es dem Vernehmen nach aber nicht bleiben. Bei Carbon Recovery und PrimeCrowd macht man großes Potenzial aus. „Der Reinheitsgrad des gewonnenen Carbon Blacks wird im Hochpreissegment von 600 bis 800 Euro pro Tonne gehandelt. Bei einem weltweiten Bedarf von derzeit rund dreizehn Millionen Tonnen pro Jahr ist das Marktpotenzial überaus vielversprechend. Nicht zuletzt auch, weil die Produktion an industriell erzeugtem Carbon Black, aufgrund zunehmend strengerer Umweltauflagen, zurückgeht: Experten rechnen mit einer kontinuierlichen Steigerung der Nachfrage. In einigen Regionen werden bereits erhebliche Lieferdefizite gemeldet, die dem Marktpotenzial von Carbon Recovery zusätzlich zugutekommen“, heißt es in der Aussendung. (PA/red)

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Wenn sich Anfang Juli Investor:innen aus 33 Nationen in Kitzbühel versammeln, dann nicht für Pitch-Marathons, sondern für Gespräche am Berg: Das World Venture Forum (WVF) ging heuer von 6. bis 11. Juli in seine zwölfte Ausgabe – unter dem Motto „Vectors of Change“. Den heutigen Namen trägt die Veranstaltung seit vier Jahren, davor lief sie als Venture Week. Das Format ist bewusst klein gehalten: Rund 200 Teilnehmer:innen, die laut Veranstalter ein Kapital von mehr als 40 Milliarden Euro repräsentieren, verteilen sich über eine Woche auf Themen-Chalets zu Web3, Family Offices, Corporate Innovation und Impact. Dazu kommen ein Golfturnier, eine Trekking-Tour auf die Streif und die Gala im K3 KitzKongress samt Award-Verleihung. Am Donnerstag und Freitag verschmilzt das Programm traditionell mit dem Business Angel Summit, dem Jahrestreffen der österreichischen Angel-Szene.

Hinter dem Event steht Berthold Baurek-Karlic, Gründer und CEO von Venionaire Capital, der das Forum vor zwölf Jahren mit ins Leben gerufen hat. brutkasten traf ihn vor Ort zum Gespräch – über die Anfänge als Golfrunde, die Philosophie hinter dem Format, die neu eingetragene gemeinnützige Stiftung und die Frage, warum Österreich seiner Ansicht nach zehn Jahre in der Standortdebatte verloren hat.


brutkasten: Das World Venture Forum geht mittlerweile in die zwölfte Ausgabe. Wie ist das Ganze entstanden – und wie hängt es mit dem Business Angel Summit zusammen?

Berthold Baurek-Karlic: Vor zwölf Jahren gab es hier in Kitzbühel eine kleine Golfrunde – gemeinsam mit der Austria Wirtschaftsservice (aws) und der Standortagentur Tirol. Wir haben gesagt: Wir bringen informell lokale und ein, zwei internationale Investoren zusammen und reden darüber, wie wir mehr Kapital mobilisieren und international mehr Augen auf unseren Heimatmarkt und die EU bringen. Das Feedback war sehr gut, es gab Folgeveranstaltungen. Dann hat sich herauskristallisiert, dass es Bedarf an einem Jahrestreffen der Business Angels gibt – stark auf Österreich fokussiert, mit Bayern und Südtirol als Umfeld. Daraus wurde der Business Angel Summit, den wir bis heute in Partnerschaft und Freundschaft begleiten. Wir selbst haben daraus eine europäische Venture Week in Kitzbühel entwickelt – das heutige World Venture Forum. Es beginnt bereits am Montag; am Donnerstag und Freitag verschmilzt das Programm dann mit dem Summit, unserem Partnerevent.

Was ist die DNA des Forums?

Wir machen ein Event von Investoren für Investoren. Unser Versprechen ist: Hier sitzt du am Tisch und nicht am Menü. Du gehst nicht in einen Raum, wo auf einen Investor zehn Startups kommen, die Geld wollen. Stattdessen hast du eine entspannte Atmosphäre über mehrere Tage, in der du Vertrauen aufbauen kannst, um international zu co-investieren. Kitzbühel ist dafür wunderbar geeignet: Wir machen den Content am Berg – dort kann keiner weglaufen, und es gibt wenig Ablenkung. Im zwölften Jahr haben wir 33 Nationen versammelt und repräsentiertes Kapital von weit über 40 Milliarden. Gleichzeitig sind wir bewusst klein geblieben, knapp über 200 Teilnehmer – Qualität ist wichtiger als Quantität.

Berthold Baurek-Karlic bei der Eröffnung des Gala Dinners am Mittwoch | (c) World Venture Forum

Seit dem Vorjahr gibt es auch eine Stiftung.

Ja, die World Venture Forum Stiftung, eine gemeinnützige Stiftung nach Bundesstiftungsrecht. Es war unglaublich schwierig, sie zu bekommen – zwei Jahre und zehn Monate. Sie kann nicht wieder aufgelöst werden, sie hat den Anspruch, ewig zu bestehen. Wir mussten aber lernen, dass sie ein Jahr eingetragen sein muss, bis die Spendenabsetzbarkeit greift. Das letzte Jahr war deshalb in Wahrheit die Hölle. Heuer konnten wir mit unserer Charity Auction erstmals Kapital einsammeln – knapp 60.000 Euro. Dazu haben wir mittlerweile Chapter Presidents in 19 Ländern, die das ganze Jahr die lokale mit der internationalen Community vernetzen. Die Stiftung lebt nach einem einfachen Prinzip: Innovation in Isolation ist eine Illusion.

Im Fokus der Stiftung steht Bildung. Was heißt das konkret?

Es geht um Innovations- und Entrepreneurship-Empowerment. Einerseits Capacity Building: Investoren die Skills zu geben, um lokal einen guten Job zu machen und internationale Standards einzuhalten. Andererseits haben wir mit der Hochschule Fresenius ein Programm entwickelt, das Scaleup-Gründern die Werkzeuge gibt, international zu raisen. Am Anfang hast du Friends, Family, Fools und lokale Angels – aber irgendwann brauchst du internationale Investoren, die dir neue Märkte aufmachen. Dort helfen wir.

Der Vorstand der World Venture Forum Stiftung: Alexander Rapatz und Berthold Baurek-Karlic | (c) World Venture Forum

Es sind auch Startups vor Ort. Welche Regeln gelten für sie?

Die Oberregel ist: Hier wird nichts verkauft. Es sind ausschließlich Scaleups vor Ort, in der Regel im Windschatten eines Sponsors – und jeder Founder, der hier ist, hat selbst schon investiert. Ein gutes Beispiel ist Florian Wimmer von Blockpit, der seit Jahren auch als Business Angel aktiv ist. Am Ende soll es keine Verkaufsveranstaltung sein. Die Leute sollen nach Hause gehen und sagen: Ich habe etwas gelernt.

Beim Business Angel Summit wurde viel über die politischen Rahmenbedingungen in Österreich diskutiert. Ist das auch hier Thema?

Wir haben ganz bewusst Martin Ohneberg als Festredner eingeladen und ich bin sehr glücklich über seine Rede. Er hat zu hundert Prozent recht: Wir labern viel zu viel und tun viel zu wenig. Politischer Diskurs ist wichtig, aber wenn wir zehn Jahre über einen Dachfonds diskutieren, haben wir zehn Jahre verloren. Ursprünglich wurde an einem Fund of Funds mit fünf bis zehn Milliarden gearbeitet – heute reden wir über einen Scaleup-Fonds mit 500 Millionen. Wir haben also weniger und zehn Jahre verloren. Am Panel kam die Frage, ob der Staat nicht mehr Geld in Fonds stecken sollte. Die Antwort eines deutschen Scaleup-Gründers war treffend: Viel gescheiter wäre, der Staat würde die Produkte kaufen, die in Europa entstehen – Umsatz ist besser als Eigenkapital.

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