05.08.2021

Neobroker BUX: So startet man richtig an der Börse

Nils-Hendrik Höcker ist Deutschland- und Österreich-Chef des niederländischen Neobrokers BUX. Wir haben mit ihm über die wichtigsten Aspekte bei der Geldanlage, über Kritik an Neobrokern und über Kryptowährungen gesprochen.
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Nils-Hendrik Höcker, BUX
Nils-Hendrik Höcker ist Chef für Deutschland und Österreich bei BUX. | Foto: BUX

Neobroker, die kostengünstiges und einfaches Investieren ermöglichen wollen, erleben insbesondere seit dem vergangenen Jahr einen Boom. In Österreich mischt neben Bitpanda und Trade Republic dabei auch das niederländische Unternehmen BUX mit. 2014 gegründet, war es mit seiner App „BUX X“ zunächst auf sogenannte Contract for Differences (CFDs) spezialisiert – einem spekulativen und durchaus kontroversen Finanzinstrument, das hauptsächlich für kurzfristiges Trading eingesetzt wird.

Mittlerweile liegt der Schwerpunkt jedoch woanders: Mit der App „BUX Zero“ will der Neobroker vor allem auf Kundinnen und Kunden abzielen, die einen längerfristigeren Investment-Ansatz verfolgen. Über die App kann in Aktien und ETFs investiert werden – auch über Sparpläne. Seit vergangenem Sommer ist „BUX Zero“ in Österreich verfügbar. Derzeit stehen rund 1.500 Aktien und etwa 50 ETFs zur Auswahl. Das Angebot soll in den nächsten Monaten jedoch stark ausgeweitet werden.

Mit „BUX Crypto“ gibt es daneben noch eine weitere App – diese ermöglicht, wie der Name schon sagt, Investments in Kryptowährungen. Bis Jahresende sollen die drei Apps zusammengeführt werden. BUX hat über 500.000 Kunden und ist neben Österreich und den Niederlanden auch in Deutschland, Frankreich und Belgien aktiv. Im April hat das Unternehmen eine 80 Mio. US-Dollar schwere Finanzierungsrunde abgeschlossen, bei der unter anderem der chinesische Internetkonzern Tencent investierte. Der brutkasten hat mit Nils-Hendrik Höcker, dem Chef für Deutschland und Österreich bei BUX, gesprochen.

brutkasten: Für wen ist „BUX Zero“ geeignet?

Nils-Hendrik Höcker: „BUX Zero“ ist für jeden geeignet, der auf eine einfache und kostengünstige Art an der wirtschaftlichen Entwicklung teilhaben möchte, indem er in Aktien und ETFs investiert. Wir sehen aber eindeutig, dass wir bei der jüngeren Generation beliebter sind – vor allem bei den Millennials und der Generation Z. Die sind die stärkste Gruppe in unserem AnlegerInnen-Portfolio.

Insbesondere seit dem vergangenen Jahr haben viele junge Menschen angefangen, sich mit Geldanlage zu beschäftigen und in Aktien zu investieren. Welche Gründe sehen Sie dafür?

Da sehe ich vor allem zwei Gründe. Einerseits wird vielen Menschen bewusst, dass die Rente in ihrer jetzigen Form für uns alle nicht reichen wird und der Aktienmarkt eine auskömmliche Möglichkeit ist, eine signifikante Rendite zu erzielen, die einem wiederum hilft, diese Rentenlücke zu schließen.

Der zweite Grund ist, dass die Problematik mit dem Niedrigzinsumfeld immer mehr Menschen bewusst wird. Wenn man arbeitet, Geld verdient und dann sieht, dass es am Konto einfach keine Bewegung gibt, entsteht ein Bewusstsein, dass man selber etwas machen muss. Deshalb beschäftigt sich jetzt eine höhere Anzahl an jungen Menschen mit dem Thema Börse.

Welches Wissen braucht man, um sinnvoll selbst anlegen zu können?

Das ist meine persönliche Meinung, aber ich glaube, man muss sich erst seine eigene Haltung zu Geld klarmachen. Welche Stellenwert hat Geld im eigenen Alltag und welche emotionale Bindung hat man dazu? Wenn man das geklärt hat, kann man definieren, welche finanziellen Möglichkeiten man hat. Kann ich mir überhaupt leisten, monatlich eine Summe X zur Seite zu legen? Das ist ein wichtiger erster Schritt.

Dann muss man Wissen aufbauen. Wir unterstützen unsere Anlegerinnen und Anleger über ein Wissenszentrum, das auf unserer Website verfügbar ist. Dort erklären wir zum Beispiel die Grundlagen des Investierens, wie ETFs funktionieren, stellen Nachrichten zur Verfügung – und zwar in einer einfachen und übersichtlichen Form. Die Informationsfülle im Internet ist jetzt besser als vor 5 oder 10 Jahren. Es gibt auch Quellen, die man meiden sollte, aber die kann man selber sehr schnell erkennen.

Allerdings muss man schon Zeit mitbringen. Und es scheitert bei vielen Menschen tatsächlich an der Zeit, die sie investieren müssen. Ohne geht es nicht. Am Anfang muss man sich ein Stück weit damit beschäftigen, aber später ist es nicht so, dass man jeden Tag fünf Stunden für die Börse aufwenden muss.

BUX ist ein Unternehmen, das mit „BUX X“ ursprünglich aus einem Bereich kommt, der für kurzfristig orientiertes Trading steht. Bei „BUX Zero“ dagegen steht eher langfristiges Investieren im Mittelpunkt. Wie sehen Sie den Unterschied zwischen den beiden Ansätzen?

Trading ist etwas, das man täglich oder jeden zweiten Tag macht. Wer ein Trader sein möchte, der hat einfach einen ganz anderen zeitlichen Aspekt und eine andere Informationstiefe. Das ist schon die höhere Disziplin. Aber ein langfristiges Sparen oder Anlegen bedarf nicht dieser intensiven Beschäftigung. Es gibt so viele Produkte, die man täglich nutzt – Facebook, Snap, Apple. Sollte man sich dann nicht auch überlegen, ob man an der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Unternehmen teilhaben möchte?

So simple Fragen kann man sich stellen und dann kann man sich selber sehr schnell entscheiden, ob man in diese Unternehmen investieren möchte – oder auch in ETFs, die diese Themenbereiche abdecken, bespielsweise das Thema Digitalisierung. So muss man sich auch nicht in der Tiefe mit einzelnen Unternehmen beschäftigen. Dieser Schritt ist einfacher als man es sich vorstellt.

Ich merke aber auch aus privaten Gesprächen, dass diese Verknüpfung ganz wenige Menschen machen. Woran das liegt? Keine Ahnung. Für viele heißt Börse noch immer: Spekulation, Charts, Trendlinien, „Börse vor 8“ oder negative Komponenten wie „Wolf of the Wall Street“. Das ist aber nicht mehr ansatzweise die Realität. Man muss kein Chartanalyst sein, um gute Renditen mit Sparplänen an der Börse zu bekommen.

ETFs, die beispielsweise Aktienindizes wie den S&P-500 oder den MSCI World nachbilden, haben wegen ihrer breiteren Streuung grundsätzlich ein geringeres Risiko als Einzelaktien. Sind ETFs für Einsteiger also das am besten geeignete Instrument oder kann es auch sinnvoll sein, mit Einzelaktien zu starten?

Ich würde in der Tat Sparpläne und ETFs empfehlen. Da kann man niederschwellig anfangen und bekommt ein Gefühl für die App und auch für die Börse selbst. Dazu kommen die Preise der Aktien. Eine Tesla-Aktie liegt zum Beispiel bei über 700 Dollar. Das ist für einen Neuling schon eine ganz schöne Summe. Und man muss da auch erst einmal die Frage stellen, ob man überhaupt mit solchen Beträgen starten möchte – wenn nicht, ist man mit ETF-Sparplänen besser bedient.

Neobroker wie BUX verzeichnen gerade ein enormes Wachstum. Gleichzeitig gibt es aber auch Kritik – am Angebot, an den Geschäftsmodellen oder an den Apps, von denen manchmal gesagt wird, dass sie Menschen dazu verleiten würden, mehr zu traden als sinnvoll sei. Was antworten Sie auf diese Kritik?

Die Mehrheit jener, die diese Kritik äußern, gehören einer Branche an, die merkt, das ihre Marktanteile schwinden. Das kommt aus der Richtung etablierter Spieler. Da gibt es auch viel Lobbyismus in der Kritik. Das ist auch OK, so läuft eben der Markt. Aber die Diskussion ist aus dieser Richtung getrieben.

Es wird beispielsweise immer wieder gesagt, dass Neobroker, weil sie weniger Börsenplätze anbieten, schlechtere Preise haben. Das hat die Stifung Warentest für Deutschland widerlegt. Vielleicht müssten diejenigen, die das kritisieren, auch ihre eigenen Geschäftsmodelle ein wenig überdenken und sich die Frage stellen, warum ein Trade nur mit mindestens 1.000 Euro funktioniert, weil sonst die Gebühren die Rendite aufessen. Das ist ein Fehler im System.

Und was Sie sagen zum Gamification-Vorwurf – also dass Trading-Apps Geldanlage spielerisch erscheinen lassen und somit dazu verleiten, häufiger zu handeln als gut für die Kundinnen und Kunden wäre?

Wir haben bei BUX keinen Gamification-Ansatz. Bei uns wird Börse nicht als Spiel gesehen und das sehen auch unsere User nicht so. Diese Kritik ist eher daraus getrieben, dass es bei einem US-Anbieter Confetti-Regen gab, wenn man eine Aktie kauft. Daher kommt das, aber das hat man aufgebauscht. Das ist ein gesteuertes Thema.

Ich will aber gar nicht viel über Konkurrenten sprechen. Für uns kann ich sagen, dass wir versuchen, Geldanlage einfach zu machen. Aber einfach bedeutet nicht Gamification. Wir bauen zum Beispiel gerade an einem Feature, das besonders volatile Aktien kennzeichnet. Das ist etwas im Sinne der User. Nicht jede App ist gleich ein Game und gute User Experience ist mehr als das.

Wenn sich Anlegerinnen und Anleger für einen Broker entscheiden, spielt es natürlich eine Rolle, welches Geschäftsmodell dahintersteckt. BUX erhebt bei manchen Ordertypen Gebühren – wie funktioniert das genau und gibt es darüber hinaus weitere Gebühren?

Wir haben drei Ordertypen. Bei zwei davon, der „Market Order“ und der „Limit Order“, erheben wir aktuell eine Gebühr von einem Euro pro Trade, sowohl beim Kauf als auch beim Verkauf. Die „Zero Order“ ist dagegen gebührenfrei. Gleichzeitig haben wir explizit für auf an US-Börsen gelisteten Aktien eine Gebühr von 0,25 Prozent für den Wechselkurs. Mit diesen Gebühren verdienen wir unter anderem Geld.

Allerdings arbeiten wir derzeit an Mehrwertdiensten, die nur gegen Gebühr verfügbar sind. Die sind aber so geplant, dass jemand, der diese Funktionen nicht nutzen möchte, im Kernprodukt nach wie vor traden kann. Er wird dann nicht in ein Freemium-Modell geschoben, das einen einschränkt.

Bei einer „Market Order“ kaufe ich eine Aktie sofort zum aktuell bestmöglichen Preis. Bei einer „Limit Order“ setze ich einen Höchstpreis fest, den ich für eine Aktie bereit bin zu bezahlen – oder einen Mindestpreis, wenn ich verkaufe. Wie genau unterscheidet sich die „Zero Order“ davon?

Die „Zero Order“ ist eine Konstruktion, mit der wir alle einem Tag getätigten Orders bündeln und an einem Markt platzieren. Dadurch haben wir eine ganz günstige Kostenstruktur, die es uns ermöglicht, dass wir unseren Kunden diese Orders ohne Gebühren verfügbar machen können.

Die „Zero Order“ ist provisionsfrei und wird zwischen 16 und 17 Uhr zu dem in dem Moment gültigen Preis im Markt ausgeführt. Wenn man sie nach diesem Zeitpunkt erstellt, wird sie erst am Folgetag ausgeführt. Wir haben aber eine Funktion, die dazu führt, dass, wenn die Differenz zu hoch ist – weit über vier Prozent – eine Order nicht ausgeführt wird. Bei VW ging es beispielsweise in dem Moment, in dem der Dieselskandal publik wurde, sehr schnell runter. In so einem Fall würde die Order dann nicht ausgeführt werden, denn das wäre ja zum Nachteil des Kunden.

Im Bereich der Investment-Apps hat BUX einige Konkurrenten, auch am österreichischen Markt. Warum soll ich als Anleger BUX nutzen anstatt beispielsweise Bitpanda?

Ich respektiere jeden Marktspieler und gratuliere jedem zu seinem Erfolg. Jeder hat in der Regel seine Daseinsberechtigung. BUX und Bitpanda haben, was die User Experience angeht, ein ähnliches Level. Bei der Produktauswahl haben wir unser Krypto-Angebot in einer eigenen App, „BUX Crypto“. Das wird sich bis zum Jahresende ändern, dann sind auch alle Asset-Klassen über eine App verfügbar.

Am Ende geht es um die Frage, wer die beste Kundenerfahrung hat, wer das bessere Produkt und wer die bessere Auswahl hat. In manchen Bereichen sind wir gleich gut, in manchen besser, in manchen vielleicht sogar schlechter.

Unabhängig von anderen Unternehmen glaube ich aber, dass wir eine Sache sehr gut machen – und zwar den Bereich des Wissenstransfers, wie wir unsere User aufklären. Da werden in den kommenden Monaten auch noch einige interessante Dinge kommen. Das sind Aspekte, die wir etwas anders machen als andere, und mit denen wir einen Mehrwert bieten.

Sie haben die „BUX Crypto“-App angesprochen. Über diese kann man aktuell in 17 Kryptowährungen investieren. Welche Rolle sehen Sie für diese Assetklasse?

Zwei Dinge sind klar: In irgendeiner Form werden sich Kryptowährungen mittel- und langfristig am Markt etablieren. Welche das sein werden und in welcher Form das passieren wird, das wird sich noch zeigen. Werden sie ein Wertaufbewahrungsmittel sein, werden sie eine Zahlungslösung sein? Aktuell sind wir von einem Zahlungsmittel noch weit weg, weil die Komplexität zu hoch und die Verbreitung noch zu gering ist. Mit der Wertaufbewahrung ist es angesichts der Volatilität auch so eine Sache. Aber beides wird sich erst zeigen müssen.

Bei BUX sehen wir es so, dass Kryptowährungen eine Assetklasse sind, die an Relevanz gewinnt. Etablierte Unternehmen und Staaten beschäftigen sich mit dem Thema. Und gleichzeitig gibt es eine immer höhere Skepsis gegenüber der aktuellen Geldpolitik. Wir haben Niedrigzinsen und davon profitieren eben andere Assetklassen. Kryptowährungen bieten da auch eine zusätzliche Alternative. Letztlich muss aber ein Anleger oder eine Anlegerin selbst entscheiden, ob er oder sie sich mit dem Thema beschäftigen will.

Disclaimer: Dieser Text sowie die Hinweise und Informationen stellen keine Steuerberatung, Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Sie dienen lediglich der persönlichen Information. Es wird keine Empfehlung für eine bestimmte Anlagestrategie abgegeben. Die Inhalte von brutkasten.com richten sich ausschließlich an natürliche Personen.

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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Um vom Flughafen in Tallinn in die Innenstadt zu kommen, bietet sich eine Fahrt mit dem Fahrdienst Bolt an. Die Autos, E-Scooter und Leih­räder des estnischen Unicorns prägen hier das Straßenbild. 2013 gegründet macht das Unternehmen mittlerweile mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Die Erfolgsgeschichte von Bolt ist in Estland kein Einzelfall: Bei 1,3 Millionen Einwohner hat der baltische Staat bereits zehn Unicorns hervorgebracht – eine der höchsten Konzentrationen pro Kopf weltweit. Das Auto wird per App bestellt, keine zwei Minuten später ist es da. Der Fahrer scherzt über die durchaus kühlen 16 Grad Mitte Juli: „Estonian summer!“, sagt er schmunzelnd, mit russischem Akzent. Ungewöhnlich ist das in Estland nicht, war man hier vor knapp 40 Jahren doch noch Teil der Sowjetunion.

„Das Land hatte es natürlich nicht einfach. Als es 1991 unabhängig wurde, standen die Esten erst mal vor dem Nichts. Aber sie hatten auch die Chance, von null anzufangen – und haben dann aufs richtige Pferd gesetzt: die Digitalisierung“, sagt Tim Schnöckelborg, ein Deutscher, der seit eineinhalb Jahren in Estland lebt und hier bereits mehrere Unternehmen gegründet hat.

Der digitale Staat

An diesem sonnigen Tag tummeln sich auf dem Rathausplatz in der Mitte Tallinns viele Menschen. Schnöckelborg ist einer von ihnen. Vom digitalen Staat hat er vor allem bei der Gründung seiner Unternehmen profitiert. Bei einem Kaffee erklärt er, was den Kern des Systems ausmacht:

„Der große Vorteil kommt dadurch zustande, dass hier die gesamte Administration des Landes digitalisiert ist. Du kannst also mit der elektronischen Unterschrift alles nutzen, was ein Staat an Dienstleistungen bietet.“

© Hannah Fasching – Tim Schnöckelborg.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann das e-Estonia Briefing Centre aufsuchen, ein eigenes Besucherzentrum, das über den digitalen Staat informiert. Ein Besuch zeigt: Die digitale Gesellschaft basiert zunächst auf Wissen. Durch landesweite Schulungsprogramme und Initiativen für Senior wurde die gesamte Bevölkerung mitgenommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Transparenz: „Die Behörden können auf sehr viel zugreifen, theoretisch auch auf mein Bankkonto. Wichtig ist aber: Niemand kann deine Daten geheim abrufen. Ich kann online einsehen, wer wann mit welcher Begründung welche Daten von mir von einer Behörde in die andere transferiert hat. Das schafft Vertrauen“, beschreibt Schnöckelborg seine Erfahrung.

Unternehmensgründung aus der Ferne

Schnöckelborg hat in Estland schon mehrere Unternehmen gegründet, er ist ein sogenannter „e-Resident“. Das estnische e-Residency-Programm ermöglicht ausländischen Staatsangehörigen einen sicheren Zugang zu den elektronischen Behördendiensten Estlands. So lässt sich aus fast allen Ländern der Welt in rund 15 Minuten ein estnisches Unternehmen gründen.

„Anfangs dachten wir, es wäre vor allem für Menschen außerhalb der EU attraktiv, da ein estnisches Unternehmen ihnen den EU-Binnenmarkt öffnen würde. Nach etwa der Hälfte der Zeit stellten wir fest, dass es aufgrund der geringen Bürokratie auch für EU-Bürger sehr attraktiv ist“, erzählt Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency. Seit dem Start des Programms 2014 haben mehr als 133.000 Personen aus 185 Ländern den e-Residency-Status erhalten und zusammen etwa 39.000 Firmen gegründet. So auch Tim Schnöckelborg:

„Ich habe mein erstes Unternehmen als e-Resident an einem Freitagabend gestartet, und am Samstagmorgen war die Firma da“, blickt er nach wie vor verblüfft zurück.

Was Gründer zusätzlich nach Estland zieht, ist das Steuersystem. „Wir besteuern Unternehmen nicht, solange sie das Geld im Unternehmen belassen. Es gibt also keine Körperschaftsteuer auf einbehaltene Gewinne. Steuern fallen erst an, wenn man Geld aus dem Unternehmen entnimmt, und davon profitieren auch wir: Im vergangenen Jahr zahlten e-Residency-Unternehmen Steuern in Höhe von über 125 Millionen Euro in Estland“, so Vahtras. Im „International Tax Competitiveness Index“ der US-Denkfabrik Tax Foundation, der die OECD-Länder vergleicht, liegt Estland seit zwölf Jahren auf Platz eins.

Europa, der zersplitterte Markt

In den Gesprächen, die von Euphorie über das estnische System geprägt sind, schleicht sich immer wieder Frustration ein. Denn so gut das System hier funktioniert: Im europaweiten Markt stoßen die Gründer dennoch auf Blockaden. Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society, kennt die Probleme.

Mardisoo ist Gründerin des Insurtechs Cachet, das sie von Estland aus in elf Länder skalierte. Heute setzt sie sich in der Society für die nächste Generation von Gründer:innen ein und versucht, Blockaden europaweit abzubauen. „Wenn ich mit meinem Unternehmen in Europa expandieren will, begegne ich 27 verschiedenen Arten der Unternehmensregistrierung, 27 verschiedenen Notar- und Gerichtssystemen. Wenn du als kleines Startup ein globales Unternehmen aufbauen willst, bist du oft besser dran, woanders hinzugehen, meist in die USA. Das tun viele Startups – und das ist nicht gut für Europa“, so Mardisoo.

© Mardisoo – Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society.

Auf die Frage, warum die EU für Unternehmensgründungen so unattraktiv sei, antwortet Mardisoo ohne Zögern: „Zu 100 Prozent das Geld. Die Hauptprobleme sind das Geld, die Investor:innen und die Investitionen.“

Vahtras von e-Residency ergänzt: „Investoren sagen sehr oft: ‚Gründe eine Firma in Delaware, weil das für mich einfacher ist‘“ – einfacher, als sich mit den unterschiedlichen Rechtsordnungen der EU-Mitgliedstaaten auseinanderzusetzen. Um diesen Kapital- und Talentabfluss zu stoppen, ruht die Hoffnung nun auf einem Konzept aus Brüssel: der EU Inc.

Das „28. Regime“

Hinter der EU Inc. steht die Forderung nach einer einheitlichen europäischen Gesellschaftsform, dem sogenannten „28. Regime“: Neben 27 nationale Rechtsformen soll eine 28. treten, die eine schnelle, vollständig digitale Gründung ohne Mindeststammkapital ermöglicht.

Nachdem die Forderung nach der EU Inc. über die Jahre von Tausenden europäischen Gründer getragen wurde, verkündete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 20. Jänner 2026 beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Vorhaben. Ziel sei eine wahrhaft europäische Unternehmensstruktur mit einheitlichen Kapitalregeln in der gesamten EU: „Unsere Unternehmer, die innovativen Firmen, werden ein Unternehmen binnen 48 Stunden in jedem Mitgliedstaat anmelden können, komplett online. Letzten Endes brauchen wir ein System, in dem Unternehmen nahtlos in ganz Europa Geschäfte machen und Finanzmittel beschaffen können, genauso einfach wie auf einheitlichen Märkten wie den USA oder China.“

Am 18. März 2026 legte die Kommission den Verordnungsentwurf erstmals vor. In der europäischen Startup-Szene stieß er auf heftige Kritik, weil zentrale Forderungen wie die freie Wahl des Registrierungssitzes von Unternehmen nicht erfüllt wurden. Eine Überarbeitung fordern europaweit Vertreter der Szene mit der Initiative „EU-INC“.

Estland als Weg zur EU Inc.?

Zurück im baltischen Staat: Was mit dem 28. Regime gefordert wird – also der Digital-first-Ansatz, geringes Startkapital sowie eine schnelle und grenzüberschreitende Unternehmensgründung –, setzt Estland mit e-Residency bereits seit mehr als zehn Jahren um. Warum das Konzept also nicht einfach kopieren?

© Vahtras – Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency.

„Wir haben zur Kommission gesagt: ‚Schaut euch unser Programm an, schaut, wie wir das gelöst haben; vielleicht könnt ihr es wiederverwenden‘“, sagt Vahtras, und weiter: „Unser System ist nicht zu 100 Prozent das, was die EU Inc. sein soll, aber auch, wenn wir nur 50 Prozent der Lösungen bereits umsetzen, sind wir bereit, das zu teilen. Ich hoffe, dass die EU Inc. funktionieren wird – und dass sie die estnische e-Residency als eine Art Blaupause in Betracht ziehen; einfach, um zu sehen, was für uns funktioniert.“

Starken Gegenwind bekommt die EU Inc. von lokalen Akteuren wie Gewerkschaften und Notariatskammern. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand Angst vor der EU Inc. haben sollte“, erklärt Hedi Mardisoo. „Einige große Länder blockieren die Umsetzung immer noch und versuchen, viele der wichtigsten Punkte zu verwässern. Man muss sich die Frage stellen: Will man das Alte tatsächlich verändern – oder will man die neue Regulierung einfach so hinbiegen, dass sie zum eigenen System passt? Das kann nicht funktionieren. Wenn man neue Innovationen regulieren will, kann man sie nicht in die alten Rahmenbedingungen quetschen.“

Um mit der EU Inc. erfolgreich zu sein, brauche es einen Mentalitätswandel, sagt Mardisoo: „Was wir aus Estland mitgeben können, ist, alles so einfach wie möglich zu gestalten. Ich war in anderen Ländern tätig, wo die Menschen Angst vor den Behörden hatten. Das zu ändern ist das Erste, was wir anstreben sollten. Dann wird das Umfeld für Unternehmen viel günstiger, die aus der Komfortzone heraustreten und etwas Neues und Innovatives aufbauen wollen.“

Die Währung Vertrauen

„Selbst wenn es eine EU Inc. geben würde, würde ich jedes Mal wieder hier in Estland gründen. Ich sehe den positiven Ansatz der EU-Initiative, aber ich glaube, dass sie in der Realität bei Weitem nicht konkurrenzfähig zu dem Modell ist, das man hier über Jahrzehnte aufgebaut hat“, zieht Tim Schnöckelborg sein Fazit.

Dass Estland heute die Früchte seiner radikalen Digitalisierungsstrategie aus den 90er-Jahren erntet, steht außer Frage. Dennoch ist jede Gesellschaft ein Resultat ihrer Vergangenheit, und in Europa gibt es 27 verschiedene davon. Die Umsetzung einer EU Inc., die den Vorstellungen aller entspricht, bleibt eine Herkulesaufgabe. Estland kann keine Lösung für alle sein, aber der Besuch im baltischen Staat zeigt: Es kann anders gehen, und das mit Erfolg. Das kleine Land profitiert dabei vor allem vom wichtigsten Gut, das man braucht, um Strukturen zu verändern: Vertrauen. Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das erst geschaffen werden muss, bevor eine EU Inc. für alle und damit eine europaweite Verbesserung der Gründungsbedingungen gelingen kann.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

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