04.04.2015

Brutkasten.Interview: Drei Wiener mischen E-Bike-Markt auf – eine Erfolgsgeschichte per Crowdinvesting

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© Freigeist: Drei Wiener mit großer Vision: Sie wollen E-Bikes von ihrem staubigen Image befreien.

Österreich ist mobil. Aber nicht unbedingt per Auto. Immer mehr greifen auf öffentliche Verkehrsmittel zurück, gehen zu Fuß oder nutzen ein Fahrrad zur Fortbewegung. Fast sieben von zehn benutzen ein Fahrrad um von A nach B zu kommen. Die Wiener sind Vorreiter mit 72 Prozent, die auf das Auto verzichten. Danach folgen Innsbruck und Bregenz.

Der Markt für Fahrräder hat dementsprechend großes Potential – das noch lange nicht ausgeschöpft ist. Vor allem Elektro-Fahrräder rücken immer mehr ins allgemeine Interesse. Längere Strecken können mit den E-Bikes schneller und mit weniger Kraftaufwand zurück gelegt werden – ein Vorteil, vor allem, wenn man knapp bei Puste ist.

Das immense Potential, das hier versteckt liegt, haben drei Wiener erkannt und vor rund einenhalb Jahren ihre Jobs – sie waren in der Juristerei, im Ingenieurswesen und im Consulting tätig – an den Nagel gehängt. Sie haben das Startup FREYGEIST gegründet und ein E-Bike entwickelt, das genauso viel wiegt wie ein normales Fahrrad- und auch so aussieht. Ein Vorteil gegenüber anderen Mitbewerbern, deren Modelle oft plump aussehen und schwer sind. Damit ihre elektrischen Fahrräder in Produktion gehen können, haben sie eine Crowdinvesting Kampagne auf Companisto gestartet.

Innerhalb von wenigen Stunden wurde die minimale Fundinggrenze erreicht und die Schwelle nun bereits zum dritten Mal angehoben. Aktuell haben beinahe 600 Companisten über 750.000 Euro investiert – knappe 40 Tage läuft die Kampagne noch. Der Erfolg beweist, dass nicht nur das Potential da ist, sondern auch tatsächliches Interesse.

Co-Gründer Martin Trink von Freygeist hat dem Brutkasten beantwortet, wie er auf die Idee kam, wieso sie den Weg des Crowdinvesting gewählt haben und ob es ein Rezept für eine erfolgreiche Kampagne gibt.

Welchen Vorteil bietet das Freygeist E-Bike gegenüber anderen E-Bikes?

E-Bikes in Städten sind DAS Thema der Zukunft. Aktuelle Modelle sind aber meist schwere, klobige „elektrische Mofas“. Mit 25 kg Durchschnittsgewicht werden ein paar Stiegen, etwa in den Radkeller oder zur U-Bahn, im Alltag eine unüberwindliche Hürde. Auch die Nutzung bei leerem Akku ist nur sehr eingeschränkt möglich. Damit geht bis jetzt auch ein eher rückständiges und langweiliges Image einher. Uns ist die Symbiose aus klassischem Fahrrad und modernem e-Bike gelungen. Mit 12 kg und vollwertiger Schaltung sind ein leerer Akku oder ein paar Stiegen kein Problem mehr. Das Freygeist E-Bike ist auch nicht mehr als E-Bike erkennbar. Das alles aber ohne Einschränkungen bei Leistung oder Reichweite. Damit erzeugen wir nicht nur ein völlig neues Fahrerlebnis sondern ändern auch das verstaubte Image, das man mit e-Bikes verbindet. Wir sprechen eine global im Wachstum befindliche Käufergruppe, die „Urban Professionals“, an, für die bisher ein E-Bike keine Option war.

Freygeist ist eine Symbiose aus klassischem Fahrrad und modernem e-Bike. Mit 12 kg und vollwertiger Schaltung sind ein leerer Akku oder Stiegen kein Problem mehr.

Wie seid ihr denn auf die Idee gekommen? Und wie kam es zum Team?

Ich habe mich immer geärgert, wenn ich mit dem Auto irgendwohin fahren musste und dann unendlich viel Zeit verloren habe, weil ich im Stau stand oder stundenlang Parkplatz suchen musste. Und erst der Weg in der Früh in die Arbeit: Die Wahl zwischen der überfüllten Straßenbahn oder verschwitzt mit dem Fahrrad im Büro kommen, war jedes Mal ein Qual. So kam ich schließlich auf die Idee, das Projekt Freygeist zu starten.

Und wieso gerade ein E-Bike? Es gibt kein Verkehrsmittel das einen innerstädtisch schneller von A nach B bringt oder ohne Anstrengung am Radweg am Stau vorbei fährt – und das alles zu einem Bruchteil der Kosten eines KFZ. Von den positiven Auswirkungen auf die Gesundheit, die ja inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen sind, und reduziertem CO2 Ausstoß gar nicht zu sprechen…

Wofür steht der Name Freygeist?

Der Name „Freygeist“ steht für “Freiheit”. In den Nachkriegsjahren wurde für viele Menschen erstmals ein eigener PKW leistbar. Wir kennen alle die Geschichten wie die ganze Familie im Käfer nach Italien auf Urlaub fahren konnte – großartig! Der PKW vermittelte eine neue Freiheit. Heute hat sich das im städtischen Bereich doch völlig ins Gegenteil verkehrt. Mit dem Auto steht man im Stau, sucht Parkplatz und die Politik versucht dem Verkehrschaos durch finanzielle Belastungen Herr zu werden. Genau diese Freiheit und Lebensfreude möchten wir den Menschen mit unseren Bikes zurück geben.

Wie seid ihr an die Entwicklung herangegangen?

Erster Schritt war für uns verschiedene Motoren zu testen. Dann haben wir extremen Leichtbau betrieben um zu sehen was technisch möglich ist – da war etwa ein fahrfähiges E-Bike mit 8,6 kg dabei. Nächster Schritt war ein Konzept zu designen, das eine breite Käuferschicht anspricht. Wir haben dann nach Zulieferern und Kooperationspartnern gesucht um dieses Konzept umzusetzen. Den Aufbau haben wir bei den Prototypen in einer zur Werkstatt umfunktionierten Garage gemacht – geleitet wurde das von Usama Assi, unserem Techniker.

Was waren eure bisherigen Milestones und habt ihr bereits vor der Kampagne Finanzierung aufgestellt?

Start-Up ist natürlich finanziell zu Beginn ein schwieriges Thema. Wir Gründer haben ja unsere Jobs aufgegeben, um uns ganz auf Freygeist konzentrieren zu können. Die ersten Monate haben wir von unseren Ersparnissen gelebt und damit auch Testmotoren und Bauteile finanziert. Dann haben unsere Familien uns unterstützt wo es ging, bis wir einen fahrfähigen Prototypen hatten. Damit sind wir dann zu mehreren Investoren gegangen, haben aber erst mit Martin Egger (und Christian Köhler, Trend Consulting GmbH) den perfekten Partner für Freygeist gefunden, der an den Erfolg des Projekts zu 100% geglaubt hat – er hat die weitere Finanzierung übernommen. Durch die “Companisten” sind wir jetzt natürlich nicht nur finanziell sehr gut aufgestellt, sondern haben auch unseren Bekanntheitsgrad deutlich steigern können.

Wieso habt ihr euch für Crowdinvesting entschieden?

Crowdinvesting ist für uns die ideale Markteintrittsstrategie. Das hat drei Aspekte:

  • zum einen ist die Finanzierung sichergestellt,
  • dann haben wir durch die Prämien erreicht, dass wir eine kritische Masse an Rädern in kürzestem Zeitraum auf die Straße bringen können
  • und schlussendlich haben wir durch das erfolgreiche Crowdinvesting mit einem Schlag einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht.

Wieso Companisto und keine andere Crowdinvesting-Plattform? Und wieso jetzt?

Österreichische Plattformen haben, abgesehen von der aktuellen Rechtslage, ganz klar nicht die Kapazität um so hohe Beträge zu generieren oder so viele Menschen zu erreichen. Um so eine Kampagne erfolgreich umzusetzen, mussten wir zu einer der größten Plattformen im deutschsprachigen Raum. Wir glauben, dass Companisto der ideale Partner für Freygeist ist. Wir brauchten die Finanzierung vor allem deswegen, da wir an den Punkt angelangt sind, an dem das Freygeist E-Bike reif ist für die Produktion in Serie. Die Jahreszeit im Frühjahr bzw. Frühsommer ist auch ideal, weil viele Menschen jetzt wieder aufs Rad steigen.

Habt ihr damit gerechnet, einen so durchschlagenden Erfolg auf Companisto zu haben? Und wie war das Gefühl zu sehen, dass die Investoren auf der Comapnisto-Plattform minütlich einen Betrag investieren?

Wir waren schon zuversichtlich, dass wir im Laufe der Kampagne eine halbe Million erreichen werden. Dass dieses Ziel nach einer Woche erreicht war, damit haben wir absolut nicht gerechnet! Es ist für uns natürlich sehr schön zu sehen, dass viele Menschen die Opportunity sehen und Freygeist auf diesem Weg begleiten wollen. Das hat ja einen Mehrwert der weit über das eingesammelte Kapital hinausgeht!

Ja, das war schon ein tolles Gefühl als man gesehen hat, dass hier so viele Menschen bereit sind Geld zu investieren, weil sie Bedarf für Veränderung und Potential sehen – und Freygeist zutrauen hier eine Lösung zu bringen, die am Markt nachhaltig erfolgreich ist.

Wie hoch soll die Finanzierungsrunde sein?

Unser Business Plan geht von einem Kapitalbedarf von 1,2 Mio. Euro aus. Diese Summe sollte ursprünglich durch einen Mix aus Mitteln der Companisten sowie unseres Investors erreicht werden. Dass jetzt der Anteil der Companisten höher wird, ist natürlich aus der Sicht vom Aufbau der Marke sehr positiv. Die absolute Obergrenze im Rahmen der Kampagne liegt bei EUR 1,5 Mio. Sollte (wonach es derzeit aussieht) mehr Kapital zur Verfügung stehen als ursprünglich vorgesehen, wird dieses für die Finanzierung der höheren Stückzahlen sowie die raschere Umsetzung der Technologieroadmap genutzt. Also ausschließlich Bereiche die den Unternehmenswert steigern und somit ganz im Interesse der Companisten liegen.

Habt ihr denn überhaupt die Kapazität so viele E-Bikes zu produzieren? Und, hattet ihr von Beginn an eine Werkstatt?

Es ist natürlich ein Thema, dass wir nicht mit so einer starken Nachfrage gerechnet haben und jetzt auch bei höheren Stückzahlen primär die Qualitätssicherung sicherstellen müssen. Für Vorbestellungen die derzeit eingehen, können wir aber noch eine Lieferung in diesem Jahr garantieren.

Wir haben freilich einen Ort gebraucht, um an Prototypen zu bauen, also haben wir kurzerhand einen leerstehenden Raum unseres Co–Gründers Stephan Hebenstreit zur Werkstatt umfunktioniert. Damit erfüllt Freygeist perfekt das Klischee der „Garagengründung“. Für die Serienfertigung arbeiten wir aber mit etablierten Partnern zusammen. Klingt zwar weniger romantisch, stellt aber Professionalität und gleichbleibend hohe Qualität sicher.

Ist Wien der richtige Ort, um durchzustarten? Man hört oft, dass man ins Ausland gehen muss, um ein Startup erfolgreich in die Zukunft zu führen.

In Wien entstand zwar die Idee, die FREYGEIST GmbH hat ihren Sitz mittlerweile aber in Berlin, wo die Start–Up Szene deutlich stärker ausgeprägt ist. Unsere Zulieferbetriebe und Kooperationspartner sind auf der ganzen Welt verteilt.

Sieht man sich die Erfolgsstories an, hat der angelsächsische Raum, speziell Silicon Valley, schon den Ruf als „the place to be“ für ein High Tech Start-Up. Der rasche Erfolg unserer (und anderer) Kampagnen zeigt aber klar, dass auch in Kontinentaleuropa zukunftsweisende Projekte möglich sind und die Menschen viel offener sind als ihr Ruf das nahelegen würde.

Gibt es Learnings, die ihr bereits mitgenommen habt?

Ganz entscheidend ist der Mehrwert den ein Investor abgesehen vom Kapital in ein Start-Up einbringt. Erfahrung, Netzwerk und persönliches Engagement des Investors spielen hier eine entscheidende Rolle. Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht und profitieren jeden Tag von der Zusammenarbeit mit Martin Egger.

Ansonsten gibt es viele Menschen die meinen, Start-Up bedeutet, ein paar verträumte Studenten haben eine geniale Idee und ein paar Jahre später sind sie Millionäre. Die Realität sieht natürlich ganz anders aus. Gute Ideen haben viele, 90 Prozent der Arbeit ist es aber, die Ideen in die Realität umzusetzen. Unsere Arbeit ist auch nicht immer spannend oder kreativ, die ersten Jahre als Gründer ist man auch Sekretärin, Mechaniker und Laufbursche. Das muss man können und wollen.

Ein klares Learning ist der Mehrwert den ein Investor abgesehen vom Kapital in ein Start-Up einbringt: Seine Erfahrung, sein Netzwerk und persönliches Engagement.

Was sind eure nächsten Ziele? Kurzfristig, Mittel- und auch Langfristig?

Dieses Jahr geht es darum mit der Serienproduktion der Nachfrage nachzukommen und dabei die hohe Qualität durchgehend sicherzustellen. Daneben bauen wir nachhaltig tragfähige Strukturen auf, wobei hier von Zusammenarbeit und Unterstützung unseres erfahrenen Business Angels profitieren.

Mittelfristig werden wir aufbauend auf unserer aktuellen Plattform weitere Modelle auf den Markt bringen, der Fokus liegt dabei auf noch geringerem Gewicht und puristischem Design – natürlich auch weiterhin ohne Einbußen bei Leistung oder Reichweite. Aus unternehmerischer Sicht ist Markenaufbau ein ganz wesentlicher Punkt und wir werden die ersten Projekte im Bereich Forschung und Entwicklung umsetzen.

Langfristig arbeitet FREYGEIST an der Entwicklung einer Technologieplattform im Bereich der elektrischen Leichtfahrzeuge für den urbanen Bereich. Wir bewegen uns also in einen technologieintensiven Bereich. Hier liegt ganz klar das Zukunftspotential.

Habt ihr Tipps für erfolgreiche Crowdfinancing Kampagne?

Es gibt Produkte und Geschäftsmodelle die besser für Crowdfinancing geeignet sind, als andere. Es ist eine Kombination aus mehreren Faktoren. Zu allererst müssen Produkt, Geschäftsmodell und Markt relativ unkompliziert zu erklären sein. Crowdinvestoren sind ja meist keine hauptberuflichen Venture Capitalists, die die Kapazität haben, hochkomplexe Geschäftsmodelle im Detail zu verstehen.

Darüber hinaus hatten wir den Vorteil ein serienreifes Produkt vorzeigen zu können, viele Companisten sind zu einer Testfahrt gekommen und haben sich danach für eine Investition in Freygeist entschieden. Das ist mit webbasierten Anwendungen oder komplexen b2b Produkten nicht möglich.

 

Freygeist

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Neuron Automation
© zVg - (v.l.) Heinrich Steininger, Michael Plankensteiner und Michael Kübeck.

Wir schreiben das Jahr 2006. Irgendwo über den Wolken sitzt Michael Kübeck in einem Flugzeug. Der Private-Equity-Investor, der nach Jahrzehnten bei Philips in Wien eine eigene Firma gegründet hat, sucht nach spannenden Zielen für seine Privatinvestoren. Eine Startup-Szene, wie wir sie heute kennen, existiert in Österreich noch nicht. Im Flieger schlägt das Schicksal zu und er kommt mit einem Bekannten ins Gespräch. Der erzählt ihm von einer kleinen, hochspezialisierten Wiener Softwarefirma im Bereich der Industrieautomatisierung.

Zwei der Gründer wollen aussteigen, ein anderer – Heinrich Steininger – will weitermachen. Kübeck wird hellhörig. Er ahnt damals noch nicht, dass dieser Flug der Startschuss für eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte der österreichischen Tech-Industrie werden wird: die Evolution eines stillen Hidden Champions zum international vernetzten Unternehmen.

Die Anfänge von Neuron Automation

Die Wurzeln des 2025 auf Neuron Automation (bis vor kurzem noch als logi.cals firmierend) umbenannten Unternehmens reichen tief in die 80er Jahre hinein. Heinrich Steininger, damals Student der technischen Mathematik, programmiert nebenbei Steuerungen für Kläranlagen und Mischfutterwerke. Als 1986 die Anfrage kommt, ein Programm zu schreiben, das aus, in einem CAD-Programm gezeichneten, Funktionsplänen den Code für eine Steuerung generiert, weigert er sich im „jugendlichen Übermut“, wie er erzählt. „Das kann man schon so tun, aber ich halte das für keine gute Idee“ war seine damalige Antwort. „Wenn, dann sollte man das ordentlich machen.“ So entwickelte über den Sommer einen kompletten Editor.

Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. Ein großer Kunde wird aufmerksam, gibt Geld, und die Firma wird gegründet. Das Unternehmen (Anm.: damals noch Kirchner Soft, ab 2007 logi.cals) wächst organisch, stets nah am Kunden. Ohne Venture Capital, aus dem eigenen Cash Flow heraus, etabliert sich die Firma als Hidden Champion.

© zVg – Die drei Kirchnersoft-Gründer (v.l.): Gründer: Thomas Mayer, Heinrich Steininger und Friedrich Kirchner.

Ein Drittel aller globalen Wasserkraftwerke wird bald mit ihrer Software laufen – ebenso wie ein Großteil der Tachos und Zentralsteuergeräte in Autobussen weltweit. Ein interessantes Detail am Rande ist die Marktstellung eines führenden internationalen Anbieters von Fahrzeugelektronik. Das Unternehmen hält bei Tachos und Zentralsteuergeräten in Bussen einen Marktanteil von 80 Prozent. In der Praxis bedeutet dies: Wer in Wien mit einem Bus fährt und den Haltewunsch Knopf drückt, löst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Funktion aus, die mit dem Editor von logi.cals programmiert wurde.

„Ganz wichtig war, dass wir relativ rasch erkannt haben, dass wir das System öffnen mussten“, erinnert sich Steininger. „Uns war klar, dass wir anderen Steuerungsherstellern die technische Anbindung ihrer Steuerungen erleichtern müssen. Das war damals nicht unbedingt üblich. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir das umsetzen können, welches Framework dafür geeignet ist, und dabei einige spannende Dinge entwickelt. Das hat uns ermöglicht, über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zwar moderat, aber kontinuierlich gut zu wachsen. Und auch mehr als 20 Jahre später ist das Unternehmen nach wie vor profitabel.“

2007: Das Jahr der Weichenstellung

Mit dem Einstieg von Michael Kübecks Investorennetzwerk 2007 werden somit die Weichen auf Wachstum gestellt – doch dann schlägt 2008 die globale Finanzkrise ein. Von einem Tag auf den anderen brechen zwei Drittel des Umsatzes weg.

Zusperren ist in dieser Situation dennoch keine Option. Stattdessen nutzt das Team die Krise für einen radikalen Schnitt. Das Kernprodukt wird technologisch komplett neu aufgesetzt (Re-Engineering), erneut gestemmt durch die finanzielle Rückendeckung von Privatinvestoren, die an die Substanz der Firma glauben.

Diese Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte – getragen von Vertrauen und Beziehungspflege. Als das Unternehmen später Kredite benötigt, verzichtet man auf vage Versprechungen und legt den Banken stattdessen 15-seitige, schonungslos transparente Sanierungs- und Entwicklungspläne vor. Das Resultat: Die Banken vertrauen dem Team, die Kreditlinien fließen und Transparenz schlägt Pitch-Deck-Geschwaffel.

2016 folgt der nächste essentielle Schritt des Unternehmen: Es kommt Michael Plankensteiner als neuer CEO an Bord. Und bringt frischen Wind mit sich: Nach Stationen bei Boston Consulting Group (BCG) und als Sanierer der Industriegruppe Industrie Holding Operations suchte Plankensteiner Anfang 2016 eine neue unternehmerische Herausforderung. „Ich habe gemerkt: Nach all den Jahren Beratung und Sanierung habe ich keine Lust, dauernd als Söldner in Projekte rein- und dann wieder rauszugehen“, sagt er. Der Unternehmergeist war für ihn nicht neu: Sein Großvater führte einen Greißler-Betrieb in der Südsteiermark, zudem gründete er bereits vor seiner Zeit bei BCG gemeinsam mit Partnern das Karriereservice der Universität Wien.

Das Abhängigkeitsproblem

So tat er sich mit Steiniger und Kübeck zusammen und hatte eine strategische Antwort auf das Abhängigkeitsproblem der beiden: Fokussierung durch M&A (Mergers & Acquisitions). Der erfahrene Berater und Sanierungsexperte analysiert die Lage schonungslos: Das Unternehmen hat zwar eine technologisch brillante Basis, macht aber einen Großteil des Umsatzes mit wenigen großen Kunden. Eine gefährliche Abhängigkeit. Zudem drückt ein deutscher Mitbewerber auf den Markt, der zehnmal so groß ist.

„Das Spannende war, die logi.cals hatte zu dem Zeitpunkt fünf Kunden, mit denen sie 80 Prozent ihres Umsatzes gemacht hat – und alle fünf waren Weltmarktführer“, sagt Plankensteiner. Darunter sehr prominente Unternehmen, deren Namen jedoch ungenannt bleiben sollen. „Alle haben auf unseren Engineering-Editor geschworen. Und trotzdem hatten wir knapp über zwei Millionen Euro Umsatz und waren so am Rande der Profitabilität. Die Frage war: Wo ist eigentlich der Hebel?“

Der Grund für diese Situation lag u.a. in der damaligen Entwicklungsstruktur. Der Editor war zwar ab 2011 durch die gemeinsame Initiative von Steininger und Kübeck neu entwickelt worden, aber 2016 fehlte es an Ressourcen, um das Produkt weiter zu skalieren.

© zVg – Alter Bildschirm mit logiCAD Programmiereditor.

Eine Nische in der Nische

„Wir hatten zehn Entwickler, aber eigentlich keine Investitionen, um die Entwicklung zu pushen. Vieles ist mit den fünf Kunden passiert, dadurch ist relativ viel in die Kundenarbeit geflossen und wenig ins Produkt“, so Plankensteiner. Gleichzeitig war klar, dass ein direkter Wettbewerb mit dem größeren Konkurrenten Codesys nicht sinnvoll war. „Die waren damals ungefähr zehnmal so groß wie logi.cals und hatten rund 100 Entwickler. Hinter denen herzufahren, machte keinen Sinn. Deswegen habe ich gesagt: Wir brauchen eine Fokussierung. Wir brauchen eine Nische in der Nische, damit wir mit weniger Firepower schneller zeigen können, dass wir mehr draufhaben als der Mitbewerber.“ Diese Nische wurde folglich 2017 in Deutschland gefunden.

Die Firma ISH, 1989 gegründet von Axel Helmert, hatte sich auf auf Funktionale Sicherheit (Functional Safety) spezialisiert. Helmert war auf der Suche nach einem Nachfolger – und fand ihn in dem österreichischen Team. 2019 wurde die ISH gekauft und gilt bis heute firmenintern als ein strategisches Masterpiece: Das Engineering-Know-how der Österreicher verschmilzt mit der Safety- und TÜV-Kompetenz der Deutschen. Und so wurde das Unternehmen plötzlich Experte für „Functional Safety“.

Functional Safety

Zur Erklärung: funktionale Sicherheit ist der Teil der Automatisierung, der dafür sorgt, dass eine Maschine abschaltet, bevor Menschen oder die Umwelt zu Schaden kommen. Ein japanischer Automatisierungs-Chef formulierte es bei einem Abendessen in Siegen, Deutschland, gegenüber Investor Kübeck einst so, wie er erzählt: „Safety is a pain in the ass“, hatte jener salopp formuliert.

„Sie betrifft vielleicht nur 15 Prozent einer Anlage, frisst aber dreimal so viel Aufwand. Alles muss redundant ausgelegt sein, jeder Fehler muss vorab überlegt, dokumentiert und beherrschbar gemacht werden. Für Techniker, die Maschinen eigentlich zum Laufen bringen wollen, ist die Programmierung von Not-Aus-Szenarien und Fehlerbeherrschung extrem frustrierend und teuer. Funktionale Sicherheit sagt man immer so leicht daher. Es ist ein Feature der Automatisierung, das eigentlich jeden nervt, aber total wichtig ist, weil es überall dort gebraucht wird, wo es um Menschenleben geht“, betont Kübeck.

Ein zentrales Prinzip dabei sei Redundanz: Steuerungen werden mehrfach ausgelegt, damit Ausfälle verhindert werden. Eine Besonderheit des Marktes: Die Zertifizierung funktionaler Sicherheit erfolgt weltweit über den deutschen TÜV. „Der Japaner muss sich mit dem deutschen TÜV auseinandersetzen, der Franzose und auch der Amerikaner. Das ist für viele die Hölle.“

Vorteil durch Netzwerk

Genau hier sieht Kübeck einen Wettbewerbsvorteil von logi.cals: Mit Helmert habe das Unternehmen nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die TÜV-Prozesse und ein gewachsenes Netzwerk aufgebaut. „Er kennt dort alle , ruft an und sagt, ‚wir haben die und die Idee‘. Das ist unglaublich viel wert.“

Funktionale Sicherheit stellt technisch besondere Anforderungen an die Entwicklung. „Für einen Programmierer ist es psychologisch gar nicht so einfach, sich da hineinzudenken“, erklärt Plankensteiner. „Während klassische Automatisierung darauf abzielt, Anlagen zuverlässig am Laufen zu halten, muss funktionale Sicherheit sicherstellen, dass Systeme im Gefahrenfall kontrolliert abschalten.“

Zwei zentrale Säulen

Die beiden zentralen Säulen seien dabei Fehlervermeidung und Fehlerbeherrschung. „Bei der Fehlervermeidung geht es darum, im Entwicklungsprozess sicherzustellen, dass möglichst wenige Softwarefehler entstehen. Die Anforderungen an Entwicklung und Tests sind dadurch deutlich höher.“ Gleichzeitig müsse ein System auch dann sicher bleiben, wenn Fehler auftreten – etwa durch technische Defekte oder unerwartete Ereignisse“, so der CEO weiter.

Mit der Übernahme der ISH 2019 baute logi.cals genau diese Kompetenz weiter aus und entwickelte daraus ein breiteres Angebot. Heute verbindet das Unternehmen Dienstleistungen mit eigenen Technologien und arbeitet an einer Transformation hin zu einem stärker lizenzbasierten Geschäftsmodell. „Unser Ziel ist, funktionale Sicherheit schneller, günstiger und investitionssicherer zu machen“, so Plankensteiner. Auch KI spielt dabei eine Rolle: Mit einem neuen Ansatz will das Trio die Entwicklung sicherer Automatisierungslösungen weiter vereinfachen und hat dafür bereits ein Patent beantragt.

Man muss wissen, dass Künstliche Intelligenz in der funktionalen Sicherheit lange als unmöglich galt, da KI von Natur aus indeterministisch (also in ihren exakten Ergebnissen schwer vorhersehbar) sei. Doch dem Team ist es gelungen, einen Ansatz zu entwickeln, der KI-gestütztes Programmieren in diesen starren Zertifizierungsrahmen presst.

Das Ende der Bewegung

„Denken wir an humanoide Roboter, wie sie derzeit von großen Tech-Visionären entwickelt werden. Damit so ein Roboter einem Menschen im Alltag nicht den Arm bricht, müssen seine Gelenke über Sensorik erkennen, wenn ein Mensch zu nah kommt. Das Gelenk muss die Bewegung verlangsamen und notfalls blockieren“, sagt Plankensteiner. „Ein Kunde in der Schweiz liefert für einen namhaften Humanoiden die Automatisierung im Gelenk. Die Entwicklung der Hardware dazu, die Firmware und die funktionale Sicherheit kommen von uns“, präzisiert er.

Diese komplexe, sicherheitskritische Programmierung für das Gelenk übernimmt künftig (Anm.: ab nächsten Jahr am Markt) der „Neuro Transformer“ von Neuron Automation. Er nimmt, eigenen Angaben nach, dem Programmierer 90 Prozent der repetitiven, fehlervermeidenden Code-Arbeit ab. Der menschliche Ingenieur steige so in die Rolle des Architekten und Reviewers auf, während die KI zunehmend die Umsetzung übernimmt.

Der geplante Wandel von Neuron Auromation

Dass Technologie allein jedoch nicht reicht, das weiß das Team. Jahrzehntelang war das Unternehmen stark im Projektgeschäft tätig. Das bedeutet: 70 Prozent einmalige Dienstleistungsumsätze (Non-Recurring), 30 Prozent Lizenzen (Recurring). Der Plan bis 2030 sieht eine komplette Umkehrung vor.

Durch hardwareunabhängige Sicherheitslösungen und KI-Tools wie den „Neuro Transformer“ möchte sich das Unternehmen in ein hybrides Modell transformieren: Die Zielvorgabe lautet 70 Prozent Recurring Revenue (wiederkehrende Lizenzen) und 30 Prozent Dienstleistung. Die Projektarbeit bleibt dabei die Antenne zum Markt, um Innovationen überhaupt erst zu erkennen, während das Softwaregeschäft die Profitabilität jenseits der 20-Prozent-Marke treiben soll. So der Plan.

Die DNA des Erfolgs

Allgemein ist festzustellen, dass sich besonders ein Faktor durch die Historie von Neuron Automation zieht. Es ist eine DNA der Zusammenarbeit: Ob es der Einstieg von Kübeck war, die Übernahme von Axel Helmerts Lebenswerk oder das Halten von Schlüsselfiguren über Jahrzehnte hinweg: Alles basiert auf einem tiefen Verständnis von Beziehungen und Partnerschaften.

„Bei uns gibt es keine Schauspieler“, sagt Plankensteiner. „Wenn die Eigentümer, die Entwickler, die in St. Pölten sitzen und die Zukäufe in Deutschland nicht auf einer extrem vertrauensvollen, menschlichen Basis kommunizieren würden, wäre ein solcher Wandel unmöglich gewesen. Innovation entsteht hier oft im Joint-Development – Hand in Hand mit den Kunden, die wir nicht als reine Käufer, sondern als Entwicklungspartner sehen.“

Blick ins nächste Jahrzehnt

Heute steht Neuron Automation, bei 16 Millionen Euro Umsatz und 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Vorsprung der einst übermächtigen Konkurrenz sei drastisch geschmolzen. Durch M&A, sensibles Cash-Flow-Management, Branchenvertrauen und eine besondere KI-Lösung für funktionale Sicherheit .

„Der Wettbewerber ist – statt zehnmal – heute nur noch dreimal so groß. Und sein Vorsprung ist deutlich kleiner geworden. Wir sind technologisch aus unserer Sicht, und das bestätigen unsere Kunden (und auch die des Konkurrenten), deutlich voraus“, sagt Plankensteiner. „Wir haben nicht mehr ‚zehn Jahre Nachteil‘. Als ich 2016 zu Steiniger und Kübeck dazugestoßen bin, war er (Anm.: Der Konkurrent) seit 2006 mit seinem Engineering-Tool breit im Markt unterwegs. Jetzt hat er nur mehr ein Jahr Vorsprung. Schauen wir, was beim nächsten Sprung passiert.“

Die Pipeline von Neuron Automation sei zudem bereits gut gefüllt: Erste Kunden starten noch vor der geplanten Zertifizierung´, wie Planeksteiner mitteilt: „Der erste Schritt unserer Transformation passiert dann zwischen 2028 und 2030. In dieser Zeit wollen wir die 20-Millionen-Euro-Umsatz-Grenze deutlich überschreiten und uns auch klar über 20 Prozent Profitabilität bewegen. Mit dem zunehmenden Anteil des Lizenzgeschäfts soll dann die Marge auch weiter steigen.“

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