01.12.2025
CORPORATE VENTURE CAPITAL

300 Mio. Euro CVC-Fonds: Wie BMW i Ventures in Startups investiert

Interview. Auf der Slush in Helsinki gab uns Inga Grieger Einblicke in die Arbeit von BMW i Ventures: Wir haben nachgefragt, welche Strategie hinter den CVC-Aktivitäten steht und welche Technologien die Mobilität von morgen prägen.
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Inga Grieger, Managing Director & Head of Business Development, BMW i Ventures | (c) BMW i Ventures

Die Schnittstelle zwischen Startups und Konzernwelt ist heute entscheidender denn je: Wer technologische Innovation früh erkennt, nutzbar macht und skaliert, sichert sich Wettbewerbsvorteile in einem zunehmend dynamischen Marktumfeld. BMW i Ventures ist seit 2011 in diesem Feld aktiv und zählt damit zu den Pionieren im Bereich von Corporate Venture Capital (CVC). Mit einem ersten Fonds in Höhe von 500 Mio. Euro (ab 2016) und einem zweiten Fonds über 300 Mio. Euro (seit 2021) agiert der Venture-Arm der BMW Group wie ein institutioneller VC.

Heute umfasst das Portfolio über 80 aktive Startups weltweit. BMW i Ventures investiert gezielt entlang der gesamten Mobilitätswertschöpfungskette – von Fahrzeugentwicklung und Logistik über Produktion und digitale Services bis hin zu nachhaltigen Materialien und Circular Economy.

Inga Grieger ist Managing Director und Head of Business Development bei BMW i Ventures. In ihrer Position verantwortet sie die strategische Zusammenarbeit mit dem Startup-Portfolio. Mit ihrem Hintergrund als Automobildesignerin und langjähriger Führungserfahrung in der BMW Group bringt sie einen praxisnahen, nutzerzentrierten Blick auf Technologieentwicklung ein. Im Gespräch auf der Slush in Helsinki spricht sie über die Weiterentwicklung des Fonds, aktuelle Technologietrends – und warum Europa als Innovationsstandort an Profil gewinnt.


BMW i Ventures ist seit über einem Jahrzehnt aktiv. Wie haben sich eure Corporate-Venturing-Aktivitäten in dieser Zeit weiterentwickelt – sowohl strukturell als auch strategisch?

BMW i Ventures ist 2011 mit einem klaren Ziel gestartet: frühzeitiger Zugang zu neuen  Technologien und Ökosystemen über einzelne Investments, zunächst aus New York heraus. 2016 folgte der Schritt zum ersten eigenständigen Fonds mit 500 Mio. Euro und dem Umzug ins Silicon Valley – mit einem klaren Fokus darauf, wie ein institutioneller VC im Markt zu agieren. Seit 2021 investieren wir aus unserem zweiten Fonds mit 300 Mio. Euro und sind heute ein global aufgestellter CVC-Fonds mit Standorten in Europa und den USA, der finanzielle Performance mit strategischer Relevanz für die Mobilität von morgen verbindet.

Wie gelingt es euch, einerseits attraktive finanzielle Investments zu tätigen und gleichzeitig strategische Relevanz für BMW sicherzustellen?

Unsere Investments sind primär renditegetrieben, orientieren sich aber klar an den strategischen Schwerpunkten der BMW Group – von Fahrzeugentwicklung und Produktion über Supply Chain und digitale Services bis hin zu Sustainability. Die Erfahrung zeigt, dass Investments mit hoher strategischer Relevanz meist auch finanziell stark performen. Gemeinsam mit unserem Business-Development-Team bauen wir Brücken in die BMW Group, identifizieren passende Stakeholder und initiieren Pilotprojekte, häufig über die BMW Startup Garage als Venture-Client-Einheit.

Gab es in den letzten Jahren konkrete Beispiele, bei denen Portfoliounternehmen Innovationen oder neue Impulse in den Konzern oder die Branche getragen haben?

Beispiele gibt es viele. Ein besonders prägnantes ist unser Portfoliounternehmen Embotech aus der Schweiz, das Software für automatisiertes Fahren entwickelt. Ausgehend von einem Pilotprojekt über die BMW Startup Garage in Dingolfing werden heute fertige Fahrzeuge automatisiert vom Band auf Parkflächen bewegt, und die Lösung ist bereits in mehreren Werken im Einsatz. Solche Projekte zeigen, wie Startups aus unserem Portfolio konkrete Effizienz- und Innovationsschübe in der Produktion und darüber hinaus ermöglichen.

Wie ist BMW i Ventures organisatorisch aufgestellt? Inwiefern könnt ihr unabhängig agieren – und wo gibt es gezielte Abstimmungen mit der BMW Group?

BMW i Ventures ist als eigenständige Gesellschaft mit eigenem Fonds und eigenem Investmentteam aufgestellt, um unabhängig, schnell und marktgerecht entscheiden zu können. In der Due Diligence nutzen wir gezielt das technologische und industrielle Know-how der BMW Group, um Technologien fundiert zu bewerten. Nach dem Investment liegt der Schwerpunkt darauf, die Startups mit relevanten Einheiten der BMW Group zusammenzubringen und Pilotprojekte aufzusetzen, um den strategischen Mehrwert zu heben.

Welche Entwicklungen im Bereich Mobilität, Fertigung oder Nachhaltigkeit beobachtet ihr derzeit besonders intensiv?

AI ist aktuell ein Querschnittsthema über die gesamte Wertschöpfungskette – von Entwicklung und Produktion über Logistik bis hin zu Software-defined Vehicles und After-Sales. Wir unterscheiden sehr bewusst zwischen echter, KI-basierter Produktinnovation und reiner Effizienzsteigerung oder Automatisierung bestehender Prozesse. Parallel sehen wir starke Dynamik in Bereichen wie Circular Economy, neue Materialien, Batterietechnologien und resiliente Lieferketten, die für die Transformation der Automobilindustrie zentral sind.

Wie schätzt du die aktuelle Dynamik im CVC-Umfeld ein? Welche Rolle nehmen Corporate VCs heute im Innovationsökosystem ein – auch im Vergleich zu klassischen VC-Fonds?

Corporate Venture Capital ist deutlich professioneller geworden und agiert heute vielfach mit klaren Fondsstrukturen und Performance-Anspruch – ähnlich wie klassische VCs. CVCs bringen einen wichtigen „Outside-in“-Blick in Unternehmen, scouten früh neue Technologien und helfen, diese in bestehende Strukturen zu integrieren. Gleichzeitig braucht es weiterhin klassische VC-Fonds; die stärksten Setups für Startups entstehen häufig, wenn beide gemeinsam am Cap Table sitzen und ihre jeweiligen Stärken einbringen.

Auf der Slush wird viel über den Wettbewerb der Innovationsstandorte gesprochen. Wie nimmst du Europas Position im Vergleich zu den USA wahr – gerade mit Blick auf Startups in Deep-Tech oder Mobilität?

Europa ist im Deep-Tech-, Mobilitäts- und Climate-Tech-Bereich sehr gut aufgestellt – mit starken Universitäten, technischem Talent und einem wachsenden Gründerökosystem. Die USA haben weiterhin Vorteile bei der Geschwindigkeit der Kapitalaufnahme und bei Wachstumsfinanzierungen von Series B aufwärts. Für uns als globalen Fonds ist genau die Brücke zwischen beiden Ökosystemen entscheidend, um Startups beim internationalen Skalieren zu unterstützen.

Wie entwickelt sich euer Dealflow aktuell? Spielt auch der österreichische oder breitere DACH-Markt eine Rolle in eurer Pipeline?

Unser Investmentfokus reicht von Nordamerika über Europa bis nach Israel, entsprechend breit ist unser Dealflow entlang der gesamten Mobilitäts- und Industriewertschöpfungskette. Der DACH-Raum spielt dabei eine wichtige Rolle, wir haben bereits mehrfach in Europa und insbesondere in der Schweiz investiert. Ein österreichisches Closing haben wir bislang noch nicht umgesetzt, beobachten den Markt aber sehr aufmerksam und sehen spannende Teams und Technologien.

Was nimmst du persönlich von der Slush mit – sei es inhaltlich, strategisch oder einfach als frische Perspektive?

Die Slush ist für mich ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie aus einer studentischen Initiative eines der wichtigsten Tech-Events weltweit entstehen kann. Vor Ort fühlt es sich an wie ein „Bienenstock“: Gründer:innen, Investor:innen, Corporates und Talente kommen in Helsinki sehr dicht zusammen. Mein zentrales Takeaway ist die spürbare Energie und das gewachsene Selbstbewusstsein des europäischen Ökosystems – ein idealer Ort, um früh neue Trends zu sehen und relevante Kontakte zu knüpfen.



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Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer | (c) We Are Unicorns
Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer | (c) We Are Unicorns

„Wir wollen Lust auf Zukunft machen, zeigen, dass KMU bereit sind für die Transformation und sie dabei an der Hand nehmen“, sagt Florian Moosbeckhofer im brutkasten-Talk. Gemeinsam mit Marie-Therese Barth hat er nun in Wien das Unternehmen We Are Unicorns gegründet. Die beiden arbeiteten zuvor knapp sieben Jahre lang in der Wirtschaftskammer zusammen – unter anderem an der „Innovation Map“. Aus dieser gemeinsamen Zeit kenne man die Bedürfnisse der kleinen und mittleren Unternehmen genau, sagt Barth.

„Ziellosigkeit“ als Ausgangslage

Und heimische Betriebe würden aktuell massiv unter Druck stehen. Die Energiewende, der Fachkräftemangel und die rasche Digitalisierung würden den Geschäftsalltag tiefgreifend verändern. Den Unternehmen fehlt dabei für weitreichende Strategieprozesse nach Erfahrung von Barth oft schlichtweg die Zeit. „Viele KMU suchen nach Wegen zur Zukunftsgestaltung und stehen dabei häufig vor einer gewissen Ziellosigkeit“, erklärt die Co-Gründerin. „Sie wissen, sie müssen etwas tun, wissen aber nicht, wie sie anfangen sollen“.

„Innovationsabteilung as a Service“

Genau diese Lücke möchte We Are Unicorns mit dem sogenannten Future Radar schließen, dessen Oberfläche optisch an die genannte „Innovation Map“ erinnert. Das kostenfreie digitale Werkzeug soll den Betrieben 55 handfeste Chancen für den eigenen unternehmerischen Erfolg aufzeigen. „Es ist ein Zukunftsradar, das sehr klar und greifbar konkrete Chancen zeigt, die KMU direkt ergreifen können“, betont Moosbeckhofer. Ein eigens entwickelter KI-Assistent ergänzt das Programm. Dieser Helfer ordnet relevante Themen ein und leitet daraus konkrete nächste Schritte für das jeweilige Unternehmen ab. Das Gründerteam versteht sich dabei als unmittelbare, zusätzliche Ressource für die Betriebe. „Wir fungieren ein bisschen als Innovationsabteilung as a Service“, beschreibt Barth den Ansatz. „Wir kommen in den Betrieb und arbeiten gemeinsam mit dem Team, denn jedes Unternehmen ist selbst Experte in der eigenen Branche“.

Verbindung mit Startups als wichtiger Baustein

Besondere Gelegenheiten für derartige Innovationen entstehen nach Beobachtung des Gründer:innen-Duos bei Betriebsübergaben. Tausende Familienunternehmen stehen in den kommenden Jahren vor einer solchen Nachfolgesituation. „Das sind oft Fenster, die sich im betrieblichen Ablauf öffnen, um Dinge neu zu denken“, schildert Moosbeckhofer seine Erfahrungen aus der Beratungspraxis. Das Team sieht hier hohes Potenzial in einer gezielten Zusammenarbeit mit Startups. Junge Technologieunternehmen bringen nach Überzeugung von Moosbeckhofer häufig völlig neue Lösungen mit. Die etablierten Betriebe bieten den Startups im Gegenzug Verbindlichkeit und Marktzugang. „Für Startups sind KMU extrem gut, weil sie Traktion am Markt und eine hohe Verbindlichkeit haben“, führt Moosbeckhofer aus.

„Wieder positive Narrative nach vorne holen“

Dieser Weg in die Zukunft gelingt für alle Akteur:innen nach Ansicht der Gründer:innen am besten mit einer positiven Grundeinstellung. „Destruktives Jammern“ löse eine negative Spirale aus und bremse die Gestaltungskraft, meint Barth. Sie verweist dabei auf Erkenntnisse aus der Hirnforschung, wonach Jammern einen ähnlichen Effekt im Gehirn auslöse wie eine Sucht. „Wir müssen schauen, dass wir wieder positive Narrative nach vorne holen“, fordert sie daher. Es brauche einen bewussten Perspektivenwechsel. „Unsere Zukunft ist positiv und wir können stolz darauf sein“.

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