01.04.2025
INSOLVENZ

Blue Danube Robotics: Konkurs für Wiener Scaleup trotz Kunden wie VW und BMW

Mit seinem Sicherheits-System Airskin konnte Blue Danube Robotics eine ganze Reihe namhafter Kunden gewinnen. Nun meldete das Scaleup aber Konkurs an - mit unterschiedlichen Darstellungen über den Hergang.
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"Airskin" im Einsatz | (c) Blue Danube Robotics

Edit: Der Artikel ging ursprünglich am 1. April online. Nachdem sich weitere Personen bei brutkasten meldeten, wurde dieser am 4. April bearbeitet.

VW, BMW, Mercedes-Benz, Ford, Boeing, thyssenkrupp, Magna – die Liste der Referenzen auf der Homepage des Wiener Scaleups Blue Danube Robotics ist beachtlich und ließe sich noch weiter fortführen. Bereits 2013 als TU-Wien-Spin-off gegründet und im INiTS-Inkubator aufgebaut, konnte das Unternehmen schon in frühen Jahren (Achtungs-)Erfolge erzielen. So wurde es etwa 2018 als „Born Global Champion“ ausgezeichnet, wie brutkasten berichtete. Damals hatte das Startup bereits rund 30 Mitarbeiter:innen und Kunden unter anderem in Kanada, Israel und Südkorea.

Blue Danube Robotics: „Airskin“ erspart Industriebetrieben Sicherheits-Zäune und damit Platz

Denn das Produkt verspricht Industriebetrieben einige große Vorteile. Die patentierte „Airskin“ von Blue Danube Robotics ist eine „fühlende Haut“ für Industrieroboter. Sie reagiert unmittelbar auf Berührung und soll so ein neues Level an Sicherheit für Arbeiter:innen bringen. Mit dem System erspare man sich auch Umzäunungen und somit viel wertvollen Platz, so eines der Hauptargumente.

Konkursantrag: „Kostendeckende Umsatzerlöse waren nicht zu erzielen“

Und die Argumente konnten – wie oben angeführt – durchaus überzeugen. Dennoch brachte Blue Danube Robotics nun einen Konkursantrag ein, wie unter anderem beim Alpenländischen Kreditorenverband (AKV) ersichtlich ist. Das Unternehmen soll nicht fortgeführt werden. 99 Gläubiger:innen und 34 Dienstnehmer:innen sind betroffen. Die Höhe der Schulden ist noch nicht bekannt. Die Aktiva betragen rund 380.000 Euro.

Die offizielle Begründung laut AKV:

„Die gesetzten Unternehmensziele wurden nicht erreicht. Kostendeckende Umsatzerlöse waren nicht zu erzielen. Auch wesentliche zukünftige Kundenaufträge wurden so kalkuliert, dass sie zu negativen Deckungsbeiträgen führen werden.“

Anonyme Quelle und ehemaliger Geschäftsführer mit unterschiedlichen Darstellungen

Eine mit dem Unternehmen vertraute Person, die anonym bleiben will, führt die beim Konkursantrag dargelegte Begründung gegenüber brutkasten weiter aus und erhebt dabei Vorwürfe – vor allem gegen einen ehemaligen Geschäftsführer. Dieser äußert sich gegenüber brutkasten zu den Vorwürfen und bestreitet diese teilweise klar.

Vorwurf der „jahrelangen Misswirtschaft“ klar abgestritten

Es habe „jahrelange Misswirtschaft“ gegeben, so die anonyme Quelle. „Projekte sind so kalkuliert worden, dass das Unternehmen am Ende 30 Prozent auf die Projektsumme draufgezahlt hat. Produkte sind mit stark negativem Deckungsbeitrag verkauft worden. Auf große Airskins hat Blue Danube Robotics rund 10.000 Euro draufgezahlt. Es war Jahre lang komplett unprofessionell.“

Der ehemalige Geschäftsführer widerspricht gegenüber brutkasten klar. „Das ist falsch und das lässt sich recht einfach beweisen, wenn man in die Buchhaltung schaut. Wir haben 90 Prozent der Produkte mit Gewinn verkauft – teilweise mit Margen von 40 Prozent.“ Negativ sei man lediglich bei einzelnen ganz neuen Produkten gewesen, bevor diese in die Skalierung gegangen seien. „Da ging es aber um 3.000 Euro Minus, nicht um 10.000“, so der Ex-Geschäftsführer. „Wir hatten auch über all die Jahre ein monatliches Reporting an sämtliche Eigentümer mit allen Zahlen. Eine ‚jahrelange Misswirtschaft‘, wie behauptet, wäre da wohl früher aufgefallen.“

Mehrheitseigentümer soll „Prüfer“ geschickt haben – Geschäftsführer sei „ohne Übergabe gegangen“

Der größte Investor und mit rund 65 Prozent Mehrheitseigentümer AVV Investment GmbH habe über die Jahre etwa 30 Millionen Euro investiert – teilweise als eigenkapitalersetzende Darlehen, so die anonyme Quelle weiter. Nach Erstellung des Budgets für dieses Jahr, das weiterhin mehrere Millionen Euro Kapitalbedarf enthielt, habe die Beteiligungsgesellschaft einen Prüfer geschickt. „Dabei ist vieles ans Licht gekommen“, so die Quelle. Der verantwortliche Co-Founder und Geschäftsführer habe daraufhin „alles hingeschmissen“ und habe ohne Übergabe alle Funktionen niedergelegt.

Hier widerspricht der Ex-Geschäftsführer der Darstellung vehement. Es sei kein „Prüfer“ geschickt worden, sondern der zuständige Beteiligungsmanager des Mehrheitseigentümers habe in einem Standardprozedere Geschäftszahlen durchleuchtet. „Der hat sich auch die Margen angesehen und festgehalten, dass wir bei den meisten Produkten positive Margen hatten und es zwei Projekte gab, bei denen wir leicht daneben waren“, so der Ex-Geschäftsführer. Auch ein externer Berater habe die Projekte über Jahre hinweg regelmäßig geprüft und positive Margen festgestellt.

Der Vorwurf, dass er „alles hingeschmissen“ habe und ohne Übergabe gegangen sei, tue ihm besonders weh, sagt er. Tatsächlich habe er nach einer Strategieänderung ab Ende 2024 eine Meinungsverschiedenheit mit Mehrheitseigentümer AVV gehabt. Das verbunden mit persönlichen Gründen habe ihn zur Kündigung bewogen. „Und ich habe mehrfach gesagt, dass ich natürlich für die Übergabe bereit stehe. Das wurde allerdings nicht wahrgenommen“, so der Ex-Geschäftsführer. „Ich bin immer noch Miteigentümer und sehe mich verantwortlich für die Mitarbeiter. Ich will, dass das Unternehmen gut läuft – auch ohne mich.“

Kein weiteres Investorengeld für Blue Danube Robotics

Doch bekanntlich kam es zum Konkursantrag. Der Hergang laut anonymer Quelle: Nach dem Abgang des Geschäftsführers hätten ein neu erstellter Budgetplan, neue Kalkulationen, neue Preise und Gespräche mit Kunden ergeben, dass Blue Danube Robotics durchaus profitabel werden könnte und viele Kunden auch bereit wären, den höheren Preis zu zahlen. „Aber es lässt sich nicht von Heute auf Morgen drehen“, so die Quelle. Der Mehrheitseigentümer sei nicht mehr bereit gewesen, die laut neuem Plan notwendigen fünf bis acht Millionen Euro zu investieren. Das sei direkt auf das vorangegangene „Missmanagement“ zurückzuführen. „Ein tolles, hochinnovatives Technologieunternehmen wurde aufgrund von Unfähigkeit in den Boden gerammt“, meint die Quelle.

Laut dem Ex-Geschäftsführer nahm die Entwicklung dagegen ihren Ausgang in besagtem Strategie-Wechsel ab Herbst 2024. Durch diesen seien Aufträge im Umfang mehrerer Millionen Euro hereingekommen. „Wir hatten dadurch einen hohen Bedarf für Vorfinanzierung, den der Haupteigentümer nicht decken wollte.“ Dieses fehlende Kapital sei „einer der Hauptgründe“ für die nunmehrige Insolvenz. „Ich habe zwölf Jahre in das Unternehmen investiert und glaube weiterhin voll an die Airskin-Technologie und dass sich diese am Markt durchsetzen kann und wird. Die Reaktionen, die ich nach der Insolvenz bekommen habe, unterstreichen das“, schließt er.

Patente, Anlagen und Co könnten aus Konkursmasse gekauft werden

Wie immer im Konkursfall besteht die Möglichkeit, Patente und Anlagen aus der Konkursmasse herauszukaufen. Das Ende der GmbH besiegelt also nicht zwingend das Ende des Produkts. Dieses könnte von einem anderen Unternehmen oder auch in einer neu gegründeten Gesellschaft fortgeführt werden.

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Von 24. August bis 4. September findet das European Forum Alpbach unter dem Jahresthema "How Europe Wins" statt. © Luiza Puiu / EFA

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


„How Europe Wins“ lautet heuer das Jahresthema des European Forum Alpbach. Gesucht werden die Antworten dort traditionell im Austausch über Generationen, Fachrichtungen und Grenzen hinweg. Genau das hat brutkasten zum Anlass genommen und zwei Perspektiven zusammengeführt, die im Security Committee des Forums aufeinandertreffen: Antonella Mei-Pochtler, Vizepräsidentin des Forums, ist internationale Beraterin, Investorin und Mitglied mehrerer Aufsichtsräte; davor leitete sie die Strategieeinheit im Bundeskanzleramt. Franz-Stefan Gady analysiert als Associate Fellow am International Institute for Strategic Studies moderne Kriegsführung, berät Unternehmen und stellt selbst Risikokapital bereit. Er ist Autor des Buchs „Die Rückkehr des Krieges“.

Mei-Pochtler sagt, Europa habe kein Ressourcenproblem, sondern ein Übersetzungsproblem; Gady sieht die Lücke zwischen dem, was finanziert wird, und dem, was Streitkräfte tatsächlich brauchen. Ein Gespräch über eine Beschaffung der zwei Geschwindigkeiten, die Grenzen des ukrainischen Vorbilds und darüber, warum mehr Verteidigungsfähigkeit paradoxerweise weniger Europa bedeuten könnte.

brutkasten: Herr Gady, Ihr Buch „Die Rückkehr des Krieges“ hat die These, dass Europa lernen muss, mit Krieg umzugehen. Haben wir das seit 2022 gelernt?

Franz-Stefan Gady: Wir haben viel Fortschritt gemacht, aber es gibt nach wie vor großen Nachholbedarf. Ich spreche hier davon, dass der Friede nur durch die Androhung militärischer Gewalt abgesichert werden kann. Das nennt man Abschreckung. Es geht also darum, ein glaubwürdiges Abschreckungspotenzial gegenüber dem potenziellen Hauptaggressor Russland aufzubauen. Hierzu muss den Russen vermittelt werden, dass europäische Länder im Ernstfall gewillt sind, militärische Macht einzusetzen.

Franz-Stefan Gady ist unter anderem Associate Fellow am International Institute for Strategic Studies. © Katharina Zimmermann

Gilt der Nachholbedarf auch für die Finanzierung?

Gady: Teilweise. Ab den größeren Runden kommt das Kapital oft aus den Vereinigten Staaten. Ich muss allerdings sagen, dass dort teilweise eine Goldgräberstimmung herrscht. Als Militäranalyst, aber auch als jemand, der Unternehmen berät und teilweise selbst Unternehmen Risikokapital bereitstellt, sehe ich eine große Lücke zwischen der Streitkräfteebene und der Investorenebene. Oft ist gar nicht klar, warum gewisse Produkte überhaupt auf den Markt kommen, weil es aufseiten der Streitkräfte keinen direkten Bedarf gibt oder der Markt übersättigt ist. Mein Appell an alle Gründer: Reden Sie bitte mit der Truppe und identifizieren Sie ein klares militärisches Problem, das Sie lösen wollen!

Woran liegt das?

Gady: Was nicht funktionieren wird, ist, bei Defence Tech eins zu eins zu übernehmen, was in anderen Tech-Sektoren funktioniert hat. Es wird letztlich immer nur einen oder zwei Regierungskunden geben. Die Bewertung eines Unternehmens sagt nichts darüber aus, was es tatsächlich für das Militär leisten kann. Gleichzeitig braucht es aber ein Umdenken auf der militärischen Seite; weg von 100-Prozent-Lösungen zu 60- bis 80-Prozent-Lösungen – also ein Minimal-Viable-Product-Ansatz. Wir müssen uns in den Streitkräften und Beschaffungsämtern klar sein, dass wir kein perfektes Produkt mehr bekommen werden. Bei Drohnen oder in der unbemannten Kriegsführung im Allgemeinen wird das nicht möglich sein.

Frau Mei-Pochtler, gibt es genug Kapital?

Antonella Mei-Pochtler: Europa hat überhaupt kein Ressourcenproblem. Ich bin im Verwaltungsrat der UnternehmerTUM Venture Labs, wir haben dort den ersten großen Defence-Tech-Hub in Europa und sehen, wie starke Unternehmen entstehen.

Wir haben ein anderes Problem: ein massives Übersetzungs- und Umsetzungsproblem. Wir gehen viel in Forschung, etwas in Venture Capital, aber eher Early Stage, und wir gehen nicht in die Skalierung. Beim Defence-Markt kommt hinzu: Für ein Defence-Tech-Unternehmen ist der nächste Auftrag wichtiger als die nächste Kapitalrunde. Wir brauchen konsolidiertes Procurement, und das findet nicht statt, weil wir eine Fragmentierung auf 27 haben und eine Konkurrenz der Beauftragung. Wir fragmentieren selbst das, was wir haben, und das ist nicht wenig.

Antonella Mei-Pochtler ist unter anderem Vizepräsidentin des European Forum Alpbach © Pochtler Industrieholding

Und beim Kapital selbst?

Mei-Pochtler: Wir haben eine Sparquote, die ungefähr viermal so groß ist wie die amerikanische. Aber das Geld liegt auf Sparguthaben und wird nicht im Finanzmarkt investiert. Wir akkumulieren Ersparnisse, die USA mobilisieren Kapital. Das ist der Unterschied.

Was heißt das für die Beschaffung?

Mei-Pochtler: Wir haben Prozesse und Institutionen, die aus einer analogen Welt stammen, mit langen Entwicklungs- und Beschaffungszyklen. Jetzt bewegen wir uns in eine digitale und KI-gesteuerte Welt, in der die Entwicklungszyklen massiv schneller sind. Wir müssen auf Economies of Speed gehen, und diese Institutionen haben wir nicht.

Deshalb brauchen wir ein Procurement der zwei Geschwindigkeiten: eine solide Beschaffungsbasis für die bestehenden Systeme, für Panzerhaubitzen, klassische Artillerie und Langstreckenwaffen – und parallel einen Mechanismus, der auf Geschwindigkeit und schnelle Skalierung ausgelegt ist, für autonome Systeme.

Was lässt sich aus der Ukraine lernen?

Mei-Pochtler: Ich war mit Startups und Automobilzulieferern aus dem UnternehmerTUM-Venture-Labs-Umfeld dort und habe mir unter anderem die Beschaffung angesehen. Es gibt eine Onlineplattform, Brave1; ein, vereinfacht gesagt, Amazon für das Militär – dort können Bataillone und Regimente entsprechend ihrem Bedarf über autorisierte Beschaffungsoffiziere aus einem Live-Katalog mit Tausenden verifizierten Produkten mit ePoints direkt bestellen. Das sind Behelfsmechanismen, die man, adaptiert, auf einer europäischen Basis einsetzen könnte. Wir haben einen Krieg nicht vor der Haustür, sondern im europäischen Haus. Wir brauchen nicht noch eine Strategie für die nächsten fünf Jahre. Diese fünf Jahre haben wir nicht.

Herr Gady, taugt die Ukraine als Vorbild?

Gady: Sie zeigt zwei Dinge. Erstens, dass ein Land mit einer stark horizontalen und dezentralisierten Unternehmenskultur innovative Produkte schnell auf dem Gefechtsfeld einsetzen kann; zweitens die Limitationen dieses Ansatzes. Die Ukraine hat es nicht geschafft, breite Standards zu etablieren, es gibt enorme Probleme mit der Interoperabilität einzelner Systeme, und es fehlt auch dort die Skalierbarkeit. Ich warne immer davor, die Ukraine als Blaupause zu sehen. Das ist allerdings Jammern auf hohem Niveau, denn sie hat wahrscheinlich den innovativsten Ansatz in ganz Europa – aus Notwendigkeit.

Sie sagen also, mehr Verteidigungsfähigkeit könnte weniger Europa bedeuten?

Gady: Paradoxerweise ja. Wenn wir unsere Verteidigungsfähigkeit mit einer reduzierten Rolle der Amerikaner herstellen wollen, müssen wir stärker auf nationale Lösungen setzen als auf europäische, weil sich militärische Stärke überwiegend auch in Zukunft national manifestiert. Wir brauchen drei, vier Länder, die die Rolle der Vereinigten Staaten übernehmen können. Eines der führenden wäre Deutschland, dann Großbritannien, Frankreich, Polen, möglicherweise Spanien oder Italien. Sie müssten nahezu das gesamte militärische Spektrum abdecken, im Fall Deutschlands ohne die nukleare Komponente, um als Integrator für andere Streitkräfte zu dienen. Das Paradoxe ist, dass diese nationalen Fähigkeiten zuerst aufgebaut werden müssen, was im Widerspruch zum gesamteuropäischen Gedanken steht.

Vor allem für Österreich ist wichtig: Die Zeiten sind vorbei, in denen ein Land die Kampfflugzeuge bringt, das andere die Panzer und das dritte die Drohnen. Die Kriegsführung hat sich derart verändert, dass diese Gedanken aus den 90er-Jahren, Pooling und Sharing, de facto tot sind.

Mei-Pochtler: Pooling und Sharing war ein schönes Gedankenkonstrukt, aber es hat eher dazu geführt, dass man sich auf den anderen hinausredet. Bei der unbemannten Verteidigung sind wir heute stark von chinesischen Komponenten abhängig. Wir brauchen wettbewerbsfähige Komponenten in skalierter Form, also Antriebe, Antennen, Sensoren, Algorithmen, und wir brauchen Daten. Jeder europäische Dual-Use-Komponentenzulieferer, dazu gehören wir auch mit unseren Gasgeneratoren, kann ohne die amerikanische Verteidigungsindustrie nicht überleben, geschweige denn skalieren, weil die europäische Verteidigungsindustrie in dem Sinn nicht vorhanden ist. Sie ist national. Deshalb brauchen wir im Komponentengeschäft nicht nur europäische, sondern globale Champions.

Othmar Karas hat angekündigt, das Forum erstmals wieder mit einem Manifest abzuschließen. Was müsste darin stehen?

Mei-Pochtler: Wir brauchen nicht noch ein strategisches, sondern ein „Just do it“-Dokument. Wir müssen auf drei Themen hinarbeiten: Skalierung, Geschwindigkeit sowie Mobilisierung und Kanalisierung von Kapital. Und es braucht ein Konzept der Launch Customers, denn gerade in diesem staatlichen Bereich ist der nächste Auftrag wirklich kriegsentscheidend. Solange es kein europäisches Programm gibt: Wo ist der nationale Launch Customer, der die neuen Systeme schneller beschafft und dann auch einsetzt? Das fehlt heute. Drittens braucht es vielleicht einen Defence Compact, eine Zusammenarbeit zwischen Streitkräften, Industrie und Investoren, damit man weiß, wo tatsächlich was benötigt wird. Sicherheitsstrategie und Wettbewerbsstrategie sind nicht auseinanderzudenken. Wenn wir keine Sicherheit haben, sind wir nicht wettbewerbsfähig.

Herr Gady, was müsste für Sie darin stehen?

Gady: Auf jeden Fall kein weiteres Prinzipienstatement; keine abgedroschenen Phrasen über geopolitischen Wandel oder Umbrüche und kein Einschwören auf europäische Einigkeit. Ich würde mir konkrete Schritte wünschen, um die Verteidigungsfähigkeit in den nächsten Jahren so schnell wie möglich zu stärken. Und man sollte mutig genug sein zu sagen: Russland bleibt der primäre Gegner. Wir befinden uns mit Moskau bereits in einem Schattenkonflikt. Gleichzeitig wird unser wichtigster militärischer Schutzschirm – jener der USA – stark reduziert, und wir können uns nicht mehr auf den großen Flugzeugträger am westlichen Horizont verlassen.


Von 24. August bis 4. September findet das European Forum Alpbach unter dem Jahresthema „How Europe Wins“ statt.

Die EFA Loggia auf dem Dach des Congress Centrum Alpbach ist der Ort für Austausch und spontane Begegnung zwischen den Sessions. © Philipp Huber / EFA
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