03.02.2022

Bitcoin als Klimakiller: Fakt oder Fiktion?

Gastbeitrag über ein emotionales Thema: Ist das Bitcoin-Netzwerk so klimaschädlich wie behauptet? Wie könnte die Zukunft aussehen, wenn man diese Frage beantworten kann?
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In regelmäßigen Abständen beschäftigen Aussagen über die Klimaschädlichkeit von Bitcoin nicht nur die Finance-Community, sondern auch die breite Öffentlichkeit. Sowohl Coiner als auch Non-Coiner diskutieren dieses durchaus emotionale Thema.

Eines gleich vorweg: Auch mich erschrecken die kolportierten Zahlen zum absoluten Energieverbrauch des Bitcoinnetzwerks, wie etwa unter dem plakativen Titel „Umweltsünde Bitcoin“ in der Tageszeitung „Der Standard“ am 13. Jänner 2022 zu lesen war. Zu den zum Teil hitzigen Debatten in sozialen Netzwerken möchte ich im Rahmen des vorliegenden Gastkommentars den brutkasten ein paar grundlegende Beobachtungen und Überlegungen anstellen.

Die 2 großen Fragen zu Bitcoin als Klimasünder

  1. Ist das Bitcoin-Netzwerk tatsächlich so klimaschädlich wie behauptet?
  2. Wie sieht die Zukunft von Bitcoin aus, sofern man die erste Frage beantworten kann?

Wenden wir uns zunächst dem ersten Thema zu. Kritik an Kryptowährungen ist nicht neu, hat aber offenkundig den Erfolgslauf von Bitcoin nicht nachhaltig bremsen können. Dass kryptoskeptische Stimmen vor dem Hintergrund der weltweiten Klimakrise nun Bitcoin als energiefressendes Monster darstellen, sollte nicht überraschen. Trotzdem bringen manche Kritiker:innen gute Argumente aus seriösen Quellen ins Spiel. Demgegenüber verweist die Bitcoin-Community durchaus zu Recht auf die intransparente Klimabilanz des gesamten Finanz- und Bankensektors.

Es lohnt sich zunächst, einen kritischen Blick auf die Herkunft gerne kolportierter Informationen zu werfen: Beginnen wir bei der Hauptquelle des bereits erwähnten Artikels in „Der Standard“: digiconomist.net. Die Plattform wurde laut Angaben auf der Webseite als „Hobbyprojekt“ gestartet, um Informationen rund um digitale Werte und deren Auswirkungen auf unsere Umwelt zu sammeln und zu publizieren. Inhaber und Gründer ist Alex de Vries aus den Niederlanden. Leider vermisse ich auf der Plattform den Hinweis auf den aktuellen Arbeitgeber von Herrn de Vries: die niederländische Zentralbank. Immerhin hat es Herr de Vries mit seinem Hobby geschafft, in sehr vielen Medien als Quelle immer wieder zitiert zu werden. Er gilt bei seinem Arbeitgeber als ausgewiesener Datenspezialist und fungiert quasi selbst als Quelle. In dieser Funktion publiziert er vieles, wenn auch nicht alles.

In diesem Zusammenhang würden uns belastbare Daten über den CO2-Fußabdruck der niederländischen Zentralbank oder der Europäischen Zentralbank interessieren. Welchen durchschnittlichen CO2-Fußabdruck verursachen etwa eine SEPA-Transaktion, eine Bankomatbehebung oder der Rechenzentrumsbetrieb der Finanzbranche? Leider finden sich auf digiconomist.net darüber keinerlei Informationen. Man könnte also zur Auffassung gelangen, dass es hier weniger um Klimaschutz geht. Vielmehr erscheint mir das als Versuch zentraler Player am Finanzmarkt, unter dem grünen Tarnmäntelchen gegen Kryptowährungen Stimmung zu machen.

Volle Transparenz mit Bitcoin

Im Mittelpunkt der Energiedebatte rund um Bitcoin steht die Frage nach den Kosten einer Bitcoin-Transaktion. Wie kann ein solches Berechnungsmodell funktionieren? Das ermöglicht ausschließlich eines der transparentesten Werteübertragssysteme, das die Welt bisher gesehen hat. Sämtliche Daten zu Hashrate oder Transaktionszahlen sind permanent öffentlich verfügbar. Wo gibt es das sonst?

Die Berechnungsformel ist relativ einfach, nehmen wir als Periodenbezug für unsere Rechnung einen Tag an.

Durchschnittlicher Energieverbrauch pro Transaktion = Gesamtenergieverbrauch / Anzahl der Transaktionen

Der Gesamtenergieverbrauch (Zähler) wird anhand der aktuellen Hashrate hochgerechnet – das ist unter anderem durch die Uni Cambridge sehr gut verdichtet und mit entsprechendem Zahlenmaterial hinterlegt. Der auf diese Weise abgeleitete CO2-Fußabdruck macht jedoch Kopfzerbrechen: Dieser variiert, weil die Anteile erneuerbarer Energie in den Mining-Ländern/Regionen unterschiedlich hoch ausfallen. Hinzu kommt, dass die genauen Standorte der Mining-Rechner kaum bekannt sind.

Noch komplexer wird das Thema beim „Pool-Mining“. Dabei wird Rechenleistung einfach online gepoolt und dem Netzwerk zur Verfügung gestellt. Laut dem Bitcoin Mining Council beträgt der Anteil an erneuerbarer Energie im Bitcoin-Mining über 58 %. In Brasilien liegt hingegen der generelle Anteil von CO2-neutraler Energieherstellung bei lediglich 2,3 %. Einen ähnlich mageren Wert erreicht im Übrigen auch Japan. Laut der Frankfurt Business School beträgt der aktuelle CO2 Fußabdruck durch das Bitcoin-Mining gerade mal 0,08 % des weltweiten CO2 Ausstoßes eines Jahres. Umgelegt auf den CO2-Ausstoss eines Landes, wäre dieser Wert ungefähr vergleichbar mit Sri Lanka.

Noch spannender wird die Betrachtung des Nenners unserer Rechenformel, die durchschnittliche tägliche Transaktionszahl: Während OnChain-Mainnet-Transaktionen auf maximal ca 350.000 begrenzt sind, gilt diese Limitierung für 2nd layer Transaktionen (zB Lightning Netzwerk, LN) nicht. Somit ist gerade beim LN eine signifikante Erhöhung der Transaktionszahlen möglich. Wenn wir also nicht durch 350.000, sondern beispielsweise durch 100 Millionen oder 1 Milliarde dividieren, würde das Rechenergebnis ganz anders aussehen.

Ohne hier etwas relativieren zu wollen sieht man doch deutlich, dass eine simple Formel durch Änderungen bei den Bezugsgrößen unterschiedliche Resultate liefert. Somit kann ein jeder die für seine Argumentation „opportunste“ Energieverbrauchszahl herleiten.

Ein direkter Vergleich von Bitcoin-Transaktionen mit Kreditkartenzahlungen hinkt aus meiner Sicht unter anderem aufgrund des time-lags. Bei Zahlungsvorgängen via Kreditkarte verschiebt sich das Buchungs- und Valutadatum meist Wochen in die Zukunft. Dies bedeutet, dass diese Art der Transaktion sowohl beim Händler als auch beim Konsumenten eine entsprechend verspätete valutarische Buchung auslöst. Damit ist dies nicht mit der Wertstellung einer Bitcoin-Transaktion vergleichbar, die innerhalb von circa zehn Minuten und beim Lightning-Netzwerk sofort abgewickelt wird.

Die Zukunft des Bitcoin-Minings aus technischer Sicht

Was aus meiner Sicht leider komplett ausgeblendet wird, ist die Tatsache, dass sich das Bitcoin-Mining technisch stetig weiterentwickelt. Diese milliardenschwere Industrie benötigt laufend neue und leistungsfähigere Hardware, die in der Regel eine bessere Energieeffizienz aufweist als Rechner älterer Generationen. Zum Vergleich kann man gerne die Speicherentwicklung verfolgen: Sichern Sie noch Daten auf einem 12 MB USB-Stick? Auch INTEL als weltweit führender Chiphersteller beabsichtigt in den Chipmarkt fürs Mining einzusteigen. Warum soll ein solches Engagement nicht positive Auswirkungen auf Leistung und Energieeffizienz haben?

In einem von der „Bitcoin Clean Energy Initiative“ (BCEI) veröffentlichten Papier ist zu lesen, dass das Mining von Bitcoin sogar die Nutzung von erneuerbarer kohlenstoffarmer Energie fördert. Warum? Ganz einfach, weil die Miningindustrie standortflexibel ist und bei Produktionsschwankungen die Überproduktion von elektrischer Energie absorbieren kann, die sonst ungenutzt bleibt. So einfach kann es sein.

An der Stelle sei noch auf ein Beispiel einer „Prognose“ verwiesen, die offensichtlich ziemlich daneben lag: Noch 2017 hat das World Economic Forum „errechnet“, dass das Bitcoinnetzwerk ab 2020 so viel Energie verbrauchen wird, wie die gesamte Welt produziert. Mit linearen Hochrechnungen soll man bekanntlich immer vorsichtig sein, wie uns auch eine ähnliche Episode aus den USA lehren kann. Die Stadtplaner in New York um 1850 hatten vorausgesagt, dass angesichts des Wachstums der Anzahl an Kutschen in der Metropole bis 1910 meterhoher Pferdemist auf den Straßen zu erwarten wäre. Wie wir wissen, ist der „Big Apple“ zum Glück nicht unter Pferdeäpfeln erstickt.

Beispiele zur globalen CO2-Reduktion

Welche alternativen Handlungsoptionen zur globalen CO2-Reduktion sollten abseits des Bitcoin-Bashings angedacht werden?

Dazu möchte ich ein paar Beispiele liefern:

  • Wir brauchen eine Modernisierung des Transportnetzwerks für elektrische Energie. Laut Wikipedia gehen allein durch Übertragungs- bzw. Netzverluste in Mitteleuropa ca. 6 % des produzierten Stroms verloren. Natürlich kann man die Ohm’schen Verluste nicht einfach wegzaubern, aber es gibt wohl durchaus Potenzial, um die Netzverluste zu minieren. 
  • Das bedeutet auch, dass wir die Wege zwischen Stromerzeuger und Stromkonsumenten so kurz wie möglich halten sollten. Dazu ist eine dezentrale und kleinteiligere Produktion an sprichwörtlich jedem Standort sehr hilfreich, gerade durch erneuerbare Energieträger (Wind, Sonnenenergie…). 
  • Wenn weltweit ein großer Teil aller mit Dieselmotoren betriebenen Schiffe lediglich dafür unterwegs ist, um Öl, Kohle oder Gas zu transportieren, dann macht mich das sehr nachdenklich.
  • Auch regulatorische Auswüchse sorgen für mächtig viel CO2 Ausstoß. So zählt man knapp 18.000 verordnete Leerflüge ohne einen einzigen Passagier innerhalb der EU nur mit dem Zweck, dass die Fluggesellschaften ihre Start- und Landerechte nicht verlieren. Österreich hat hier immerhin reagiert, indem Umweltministerin Gewessler die betreffende Verordnung außer Kraft setzen ließ. Andere Länder sind bei dieser Problematik meines Wissens noch säumig.

Energieeinsatz als Sicherheit für Marktkapitalisierung

Den Energieverbrauch von Bitcoin kann man meiner Ansicht nach nicht diskutieren, ohne auf den für mich extrem wichtigen Sicherheitsaspekt einzugehen: Die Rechenleistung ist es, die meine digitalen Assets schützt! Dieser Schutz für eine derzeitige Marktkapitalisierung von ca. 700 Milliarden USD kostet eben Energie. Damit wird ein sich selbst abschirmender elektronischer „Safe“ betrieben, der noch dazu eine jederzeitige Werteübertragung möglich macht. Nicht nur einige wenige Coiner nutzen dieses System, sondern laut Financial Times haben 2021 weltweit bereits ca. 270 Millionen Menschen in Kryptowerte investiert. Laut crypto.com könnten es 2022 bis zu 1 Milliarde werden! Ob 270 Millionen oder 1 Milliarde – die Nutzeranzahl sowie die Marktkapitalisierung ist vom Stromverbrauch für das Mining vollkommen entkoppelt.

Abschalten und alles ist gut?

Folgt man den Gegnern, sollte Bitcoin zumindest aus Umweltsicht verboten und das Netzwerk einfach abgeschaltet werden. Dann hätte man – so die Rechenkaiser – 0,08 % der CO2-Emissionen eingespart. Dabei wird allzu gerne vergessen, dass es diesen einen Schalter zur Deaktivierung des dezentral organisierten Bitcoin-Netzwerkes einfach nicht gibt.

Ich möchte diese Sichtweisen hier gerne anführen, um auch auf einen mir sehr wichtigen Punkt hinzuweisen: Ja, wir können mit dem Finger auf Bitcoin zeigen und ihn als Dreckschleuder bezeichnen, was uns aber eine weiterführende Diskussion über Sinn- und Unsinn der Energienutzung nicht ersparen wird. Gerade den moralischen Fingerzeig von der Wohnzimmercouch auf ein unabhängiges Netzwerk lehne ich ab, solange die Kritiker:innen selbst Netflix-Serien via iPad konsumieren. 

Ich würde mich über eine umfassende Debatte über die erforderliche CO2-Reduktion unter Einbeziehung aller bedeutenden CO2-Emittenten freuen. Doch die internationalen Bemühungen, um eine tatsächliche Umsetzung der Pariser Klimaziele, verliefen zuletzt sehr schleppend. Solange globale Player wie China und die USA hier bremsen, wird es keine signifikante CO2-Reduktion geben. Dahinter stecken in erster Linie handfeste wirtschaftliche Interessen und der Umstand, dass Maßnahmen immer nur „die anderen“ betreffen sollen.

Wenn ich dann über ein Verbot von Krypto-Mining in Bezug auf Projekte lese, welche den energieintensiven Konsens-Algorithmus Proof-of-Work nutzen (wie etwa der Chef der ESMA), dann wünsche ich mir auch gleich ein Verbot von Kreuzfahrtschiffen und generell von allen Dieselfahrzeugen. Denn wer A sagt, müsste konsequenterweise auch B sagen. Oder hat die ESMA vielleicht die aktuellen CO2-Zahlen einer SEPA-Transaktion parat?

Schlussendlich möchte ich zum Ausdruck bringen, dass uns allen diese Diskussion guttut. Wir lernen voneinander und vor allem über unser Verhalten in Bezug auf Produktion und Konsum von Energie. Nur so kann sich eine Gesellschaft weiterentwickeln und viele Individuen werden neue, noch brauchbarere Ideen aufwerfen und entwickeln. Das nennt man Fortschritt. Daher auch ein DANKE an alle, die mich mit nützlichen Quellen und Hinweisen versorgt haben!

Beste Grüße,
Euer Matthias 

Über den Autor

Matthias Reder hat nach 20 Jahren im österreichischen Bankensektor die „Seiten“ gewechselt und arbeitet seit 2018 bei der Coinfinity GmbH, aktuell in der Position eines Bitcoin Key Account Managers, und ist selbstständig als Anwendungsberater zum Thema Sicherung von Krypto Assets tätig.

Disclaimer

Der Text stellt die reine persönliche Meinung des Autors Mag. (FH) Matthias Reder dar. Reder ist bei Coinfinity GmbH, Österreichs ältestem Bitcoin-Broker, beschäftigt.

Quellen

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Bits & Pretzels Mitgründer und Managing Director Bernd Storm van's Gravesande © Bits & Pretzels

Weißwurst zum Frühstück, Brezn zur Beteiligungsverhandlung: Wenn München jedes Jahr im Herbst zur Wiesn bläst, verwandelt sich ein Teil der Stadt gleichzeitig in die größte Gründerbühne Europas. Seit 2014 zählt die Bits & Pretzels zu den wichtigsten Innovationsevents des Kontinents. Größen wie Barack Obama oder Arnold Schwarzenegger haben in München bereits ihre Weisheiten mit dem Publikum geteilt. Bei der dreitägigen Konferenz geht es aber nicht nur um Inspiration, sondern vor allem um Austausch und potenzielle Kundengewinnung. Genau darin sieht Bits-&-Pretzels-Mitgründer und Managing Director Bernd Storm van’s Gravesande eine relevante Alternative zur klassischen Kapitalaufnahme über VCs.


brutkasten: Die polarisierende These, mit der wir heute starten: VCs sind out, Corporates sind in. Wie kommst du dazu?

Bernd Storm van’s Gravesande: Ich möchte die zentrale und wichtige Rolle von VCs damit überhaupt nicht kleinreden – ohne Venture Capital gäbe es das ganze Startup-Ökosystem nicht, das muss uns klar sein. Aber die Überspitzung dient natürlich auch dazu, dass wir erkennen: Für viele Startups – nicht für alle – gibt es Alternativen. Nämlich, dass ein Ankerkunde manchmal passender ist als ein Ankerinvestor. Da muss man immer definieren: für wen, für welches Startup, in welcher Phase.

Aber ein Ankerkunde kann sehr wertvoll sein. Nehmen wir ein Beispiel, das gerade in aller Munde ist: Defense. Wir haben die Helsings, die Quantum Systems und so weiter. Das ist eine spezielle Branche, aber das Muster dahinter erkennen wir auch in anderen Branchen. Bei all diesen hast du nicht nur reine VCs, sondern etwa mit der Bundeswehr oder mit internationalen Staaten ganz konkrete Kunden, mit denen du nicht nur über potenzielle Umsätze sprichst, sondern über ganz konkrete.

Wenn du als Startup schon zahlende Kunden mitbringen kannst, ist das so viel mehr wert als jede Powerpoint oder Marktanalyse. Das ist der eigentliche Proof. Du hast einen Ankerkunden und das ist sehr viel wert, auch für künftige Partner- und Kundenbeziehungen oder spätere Finanzierungsrunden.

Ist das eine Entwicklung, die du erst in letzter Zeit beobachtest, oder war das eigentlich immer schon so?

Die Rahmenbedingungen haben sich verändert, es geht verstärkt in diese Richtung. Vor vier, fünf Jahren war Kapital sehr günstig, Venture Capital war auch leichter in höheren Bewertungsrunden aufzunehmen. Da war es nicht so zwingend notwendig, zähe Corporate Deals einzugehen. Diese Rahmenbedingungen haben sich geändert.

Gleichzeitig haben sich aus meiner Sicht auch die Corporates selbst entwickelt. Vor zehn Jahren war es fancy, Acceleratoren und Innovation Labs zu haben, Innovationsprogramme – ein bisschen Schaufensterdekoration. Daraus ist inzwischen ein existenzieller Druck geworden, vor allem im Bereich KI. Die Corporates sehen die Innovation von Startups nicht mehr als Nice-to-have, sondern stehen so stark unter Druck, dass sie darauf angewiesen sind und überlegen müssen, wie sie diese intern nutzen können. Das sind die zwei Hauptfaktoren, die sich geändert haben: die Rahmenbedingungen für die Kapitalaufnahme und die Dringlichkeit der Corporates, externe Innovation aufzunehmen oder mit Startups zusammenzuarbeiten.

Bei der Bits & Pretzels haben wir ja nicht nur Investoren und Kunden, sondern auch 500 CIOs, weil wir verstehen, dass diese künftige Kunden- oder Entwicklungsbeziehung in unserer Wirtschaft notwendig sein wird – wir reden über Europa, über Deutschland. Das ist keine temporäre Reaktion, nach dem Motto: Weil Kapital teurer ist, machen wir eben was anderes. Es geht klar in die Richtung, dass man idealerweise sehr früh im Rahmen der Produktentwicklung gemeinsam mit Ankerkunden erste Umsätze generiert und am Markt Fortschritte erzielt.

Gibt es Red Flags, bei denen du sagen würdest: Finger weg von dieser Corporate-Venturing-Beziehung?

Red Flag ist ein hartes Wort, aber vorsichtig wäre ich bei Innovationslaboren. Ich würde jedem empfehlen, direkt zum Bereichsleiter oder zur Bereichsleiterin mit Umsatz- und Kostenverantwortung zu gehen, weil man dann bei den Entscheider ist. Ich würde mich nur eng committen, wenn man einen Kontakt auf Vorstands- oder Bereichsvorstandsebene hat – einen C-Level-Sponsor, weil man sonst nicht alle Türen öffnen kann.

Man muss sich vor Augen halten: Wenn du ein Corporate als Kunden siehst, ist das ein toller Proof, aber auch ein Riesen-Pain. Ein häufiges Problem, ein Stolperstein, ist die Geschwindigkeit. Wenn ich als kleiner Gründer an einen DAX-Konzern herantrete, bin ich startklar, ich fange morgen mit der Entwicklung an. Aber die brauchen so viele Abstimmungen – Rechtsabteilungen, Bereichsleiter, Einkaufsprozesse, Integrationsschnittstellen, IT-Implementierungsbudgets. Das dauert. Das muss man als Gründer wissen, das geht nicht von heute auf morgen. Was ich aus eigener Erfahrung und von vielen anderen auf der Bits & Pretzels gehört habe, nenne ich „Pilotitis“: Lass uns mal einen kostenlosen Proof of Concept machen und dann weitersehen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit geht das nie in den Echtbetrieb, das ist die falsche Herangehensweise.

Beim Thema Kundenrisiko: Wenn Corporates Exklusivität wollen, dann höchstens temporär, sechs, zwölf Monate, aber bitte nicht 24 Monate – sonst bist du gefangen und kannst nur hoffen, dass sie dir Folgeprojekte geben. Ein weiteres mögliches Warnsignal: Wenn sich der Einkaufsprozess so in die Länge zieht, dass etwa ein Betriebsrat zustimmen muss, sollte man sich fragen, ob das trotzdem der richtige Kunde ist – als Gründer hat man ja ohnehin schon Zeitdruck, etwas FOMO und ein bisschen Paranoia.

Wo passen die VCs in diesem Bild trotzdem noch rein? Wo macht es weiterhin mehr Sinn, auf VC zu setzen statt auf Corporates als Pilotkunden?

Grundsätzlich immer, wenn man ein skalierbares Tech-Business-Modell hat. Ich sage nur, dass VC nicht mehr die einzige Option ist. Die Anzahl der Finanzierungsrunden geht runter, die Anzahl der Gründungen geht hoch – also müssen sich Gründer zwangsläufig überlegen, wo sie außer von VCs Geld herbekommen. Umsatz ist das neue Risikokapital, plakativ gesagt. Das kann für viele funktionieren, weil nicht alle von Milliardenrunden wie bei Helsing oder von den gerade raisenden Health-Tech-Companies gesegnet sind. Wir reden auch über den Mittelstand der Gründungen, der ebenfalls Umsatz braucht – und kein VC-Geld zu bekommen heißt nicht automatisch, keinen Erfolg am Markt zu haben. Viele bekommen keinen VC. Und ich plädiere dafür, zu überlegen, dass Umsatz auch gutes, für viele sogar das passende Kapital sein kann.

Auf der Bits & Pretzels findet auch heuer wieder der CIO AI Summit statt, den ich intern kuratiere und hoste. Da kommen 500 CIOs aus dem deutschen Mittelstand, aus der deutschen Industrie und von Großunternehmen zusammen, tauschen sich zunächst untereinander aus, und dann öffnen wir den Raum, damit jeder Gründer und jede Gründerin mit ihnen in Kontakt treten kann. Genau das sind mögliche Kontaktpunkte, um Ankerkunden zu gewinnen – und auch für jedes österreichische Startup, das den deutschen Markt als relevant erachtet, eine sehr effiziente Möglichkeit, Industriekontakte zu knüpfen.

Wenn wir schon bei der Bits & Pretzels sind: Wie ist es euch eigentlich gelungen, Steven Bartlett heuer als Speaker zu gewinnen und auf welche Highlights darf man sich sonst noch freuen?

Beharrlichkeit. Es ist nicht das erste und nicht das zweite Mal, dass wir angefragt haben, das erste Mal ungefähr 2024. Wir haben als Veranstalter den Luxus, aber auch die Bürde, zu überlegen, wer passt, wer motiviert, wer inspiriert, wer den Leuten Energie im Raum gibt und die Gespräche entfacht. Und da waren wir uns immer einig, dass Steven Bartlett ein toller Mensch ist – selbst Gründer, und durch seine Empathie in seinen Interviews betont er immer wieder genau diesen menschlichen Aspekt hinter dem Unternehmen, hinter der Gründung. Das passt sehr gut zu unserem heurigen Motto „Human After All“. Dazu kommt seine enorme Expertise: Er ist ein sehr guter Speaker, ein bisschen Celebrity, aber eben auch ein fantastischer Fachexperte, der die Leute begeistern kann – und das wollen wir. Also leider keine wahnsinnige Story von einem zufälligen Treffen beim Kaffee in London, sondern schlicht Hartnäckigkeit, bis er endlich Zeit hatte.

Ein bisschen in dieselbe Richtung geht auch Trevor Noah, den wir ebenfalls dabei haben: Auch er ist Unternehmer, hat für Microsoft eine KI-Serie gemacht, ist also vom Fach. Ich glaube, solche Personen können unsere Themen nochmal ganz anders beleuchten, aus einer anderen Perspektive, und die Leute begeistern. Ein bisschen Out-of-the-box-Denken eben – deshalb holen wir sie.


Die Bits & Pretzels 2026 findet heuer von 28. bis 30. September 2026 wieder in München statt.

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