02.06.2021

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“

Vöslauer investiert sieben Millionen Euro in die erneute Einführung der PET-Mehrwegflasche. Im Interview schildert Geschäftsführerin Birgit Aichinger außerdem, wie das Unternehmen die digitale Transformation vorantreibt.
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Birgit Aichinger Vöslauer
Brigit Aichinger, Geschäftsführerin Vöslauer Mineralwasser GmbH

Birgit Aichinger steht seit Juli 2018 als Geschäftsführerin an der Spitze von Vöslauer, dem zur Ottakringer Getränkegruppe gehörenden Mineralwasserabfüller. Gemeinsam mit ihrem Geschäftsführungs-Kollegen Herbert Schlossnikl treibt sie die Geschicke des Unternehmens voran, bei dem sie bereits seit dem Jahr 2000 an Bord ist. Vor ihrem Wechsel in die Geschäftsführung zeichnete sie für die Leitung des Verkaufs in Österreich sowie das Marketing des heimischen Mineralwasser-Marktführers verantwortlich. Mit brutkasten Wirtschaft spricht die Kulturliebhaberin über ihre Bewunderung für mutige Jungunternehmer, die herausfordernde Corona-Pandemie, die neue Art des Arbeitens, den Status quo in der digitalen Transformation und das Bekenntnis von Vöslauer zum Klimaschutz.

Frau Aichinger, Sie haben kürzlich die Einführung der PET-Mehrwegflasche im ersten Quartal des Jahres 2022 bekannt gegeben. Damit wagen Sie ein Projekt, das in Österreich ja bereits einmal gescheitert ist. Was macht Sie so sicher, dass die Konsumenten das Verpackungskonzept diesmal gut annehmen werden?

Es hat sich natürlich einiges verändert seit damals, vor allem haben sich die technischen Gegebenheiten enorm verbessert, PET-Mehrwegflaschen sind jetzt leichter im Gewicht und Dank dieser neuen Technologien sehen die Flaschen trotz vieler Umläufe trotzdem noch appetitlich aus. Das war nicht immer so und dadurch war die Akzeptanz nicht sehr hoch. Was unsere KonsumentInnen betrifft, so haben sich deren Bedürfnisse stark in Richtung nachhaltige und ökologisch sinnvollere Produkte entwickelt. Wir sehen es als unsere Aufgabe darauf zu achten, wie sich Lebensstile verändern, was den Menschen wichtig ist und was sie brauchen, damit sie in ihrem Alltag Unterstützung haben. Und hier schließt sich der Kreis, denn unsere neue PET-Mehrwegflasche erfüllt alle diese Komponenten – sie ist umweltfreundlich und klimaschonend sowie leicht im Gewicht, damit sie auch einfach transportiert werden kann.

Sie haben sieben Millionen Euro in die Umstellung investiert. Was waren dabei die größten Kostentreiber?

Das ist richtig, wir investieren sieben Millionen Euro und das ist in Zeiten, wie wir sie gerade erleben, herausfordernd. Der größte Anteil an diesem Invest ist sicherlich die Maschinentechnik, die wir für unsere neue PET-Mehrwegflasche benötigen.

Wie herausfordernd war denn das Ausnahmejahr 2020 generell für Vöslauer?

2020 war aufgrund der Pandemie für uns, wie für viele andere auch, kein einfaches Jahr. Besonders der Totalausfall der Gastronomie, der Event- und Kongressbranche aber auch des Tourismus hat sich auf unser Geschäft inklusive dem Impuls- und „To go“-Bereich ausgewirkt. Und das schlägt sich natürlich auch im Umsatz nieder, weshalb wir unsere Erwartungen korrigieren mussten.

Und wie stellt sich die aktuelle Geschäftsentwicklung dar?

Wir sind laut Nielsen IQ im Lebensmittelhandel exklusive Hofer und Lidl mit mehr als 40 Prozent Marktanteil Marktführer am österreichischen Mineralwassermarkt (exkl. Near Water; Anm.) und Vorreiter bei Pfandgebinden mit über 50 Prozent. Unser Hauptexportland ist nach wie vor Deutschland und auch die Ungarn trinken gerne Vöslauer Mineralwasser. Die Exportquote lag 2020 bei rund 17 Prozent. Wir blicken optimistisch in die Zukunft, denn mit den Lockerungen werden die Menschen hoffentlich auch wieder mehr unterwegs sein.
Was sich durch die Pandemie aus unserer Sicht aber deutlich verstärkt hat, ist ein stärkeres Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutz. Und diese Haltungsänderung bringt beispielsweise auch ein höheres Bedürfnis nach umweltschonenden Verpackungen, wie Glas-Mehrwegprodukten mit sich. Das sehen wir an der Beliebtheit unserer 8×1-l-Glas-Mehrwegflasche, für die wir eine Umsatzsteigerung von rund 8 Prozent für 2020 verzeichnen. Man kann auch sagen, dass das unser krisenfestes Gebinde im letzten Jahr war.

Was waren die größten Veränderungen, die Corona abseits der vorhin angesprochenen Umsatzeinbußen zum Beispiel hinsichtlich neuer Arbeitsmodelle mit sich gebracht hat?

Grundsätzlich waren wir, was das Arbeiten betrifft, für die „neuen“ Anforderungen recht gut gerüstet, da wir neben Krisenplänen – die wir von Jahr zu Jahr überarbeiten – flexibles, agiles und mobiles Arbeiten schon seit längerem forcieren und leben. Wir konnten also letztes Jahr ohne größere Reibungsverluste sofort auf Homeoffice umstellen, weil alles bereits vorhanden war. Wir arbeiten schon seit geraumer Zeit flexibel, mit großzügiger mobile Work Regelung, wir haben unsere Büros insofern umgestellt, als dass es für die allermeisten inkl. der Geschäftsführung keinen eigenen Arbeitsplatz mehr gibt und sich jeder den Platz sucht, den er gerade braucht. Unsere KollegInnen in der Produktion sind natürlich von der Möglichkeit des Homeoffice ausgeschlossen. Aufgrund der Tatsache, dass wir als Lebensmittelerzeuger aber ohnehin strenge Hygienevorschriften haben, waren hier vergleichsweise wenige Schrauben zu drehen. Was aber mit der Zeit immer mühsamer geworden ist, waren die fehlenden persönlichen Kontakte, der persönliche Austausch, das Treffen der KollegInnen im Büro. Und viele von uns waren natürlich auch durch Mehrfachbelastungen gefordert – Homeschooling, Online-Meetings, alle Familienmitglieder zuhause und vieles mehr. Das Gute daran? Es hat Online-Meetings salonfähig gemacht – mit allen Vor- und Nachteilen – und es ist absolut kein Thema, wenn im Hintergrund die Kleinen „herumzischen“.

Was von den vorgenommenen Änderungen im Unternehmen wird bleiben, was nicht?

Zum einen hat sich in der letzten Zeit so einiges verändert und unser Job ist es unter anderem, neue Werte, Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu beobachten und mit den unseren zu verknüpfen. Wir sehen, dass die Menschen mobiler und flexibler werden, sie viele Dinge unter einen Hut bringen müssen – Privates und Berufliches –, ihnen Nachhaltigkeit immer wichtiger wird und sie von Firmen und Marken Haltung und Lösungen erwarten. Und was für KonsumentInnen gilt, gilt auch für uns und unsere KollegInnen, denn wir sind doch alle demselben Wandel unterworfen. Aus meiner Sicht werden Online-Meetings bis zu einem gewissen Grad bleiben, es wird weniger Dienstreisen geben und Themen rund um Nachhaltigkeit werden sich noch stärker etablieren. Und dann gibt es Dinge, die sich nicht verändert haben und denen wir treu bleiben wollen. Unsere Mission zum Beispiel: Die Quelle ist unser Ursprung. Wir schaffen Wohlbefinden und löschen den Durst der Zeit.
Wir schaffen Wohlbefinden nicht nur für unsere KonsumentInnen, sondern auch für unsere KollegInnen. Und wir löschen den Durst der Zeit, weil wir auch weiterhin gute Köpfe halten und neue anziehen wollen. Im Grunde genommen ist neues Arbeiten schon seit jeher in unseren Werten verankert: Zusammen arbeiten, Klartext reden, Vereinbarkeit von Familie & Beruf. Diese neue Art des Arbeitens wird bleiben bzw. werden wir sie ständig weiterentwickeln und an aktuelle Bedürfnisse und Rahmenbedingungen anpassen.

„Unser nachhaltiges Engagement ist eng mit unseren Unternehmenszielen verbunden, festgeschrieben in unseren Werten aber vor allem auch in unserer Strategie. Das legt man nicht einfach beiseite. Auch nicht in einer Krise.“

Das Bekenntnis der Konsumenten nach nachhaltigen Produkten hat sich verstärkt, viele Unternehmen haben ihre Engagements in Sachen Klimaschutz im Zuge der Bewältigung der Coronakrise aber – zumindest kurzfristig – zurückgefahren. Wie ist Ihnen der Spagat zwischen dem Managen der Krise und dem Festhalten an Ihren Nachhaltigkeitszielen gelungen?

Wir sehen das Thema Nachhaltigkeit und die damit verbundenen Ziele nicht als „zusätzliches“ Projekt, das man stilllegt, wenn es kompliziert oder schwierig wird. Unser nachhaltiges Engagement ist eng mit unseren Unternehmenszielen verbunden, festgeschrieben in unseren Werten aber vor allem auch in unserer Strategie. Das legt man nicht einfach beiseite. Auch nicht in einer Krise. Wir sind der Meinung, dass wir Verantwortung als Unternehmen und als Einzelpersonen tragen und diese nehmen wir wahr. Wie ist das in der Krise gelungen? Eben weil es ein selbstverständlicher Teil unseres Unternehmens ist, weil es vom gesamten Team getragen wird und weil es auch sehr präsent in unseren Produkten ist: Unsere Verpackungen bestehen z. B. entweder aus 100 % rePET, also recyceltem PET, oder Glas-Mehrweg oder eben ab 2022 auch aus PET-Mehrweg. Wir achten aber ebenso bei allen anderen Materialien, Inhaltsstoffen und beispielsweise auch bei unseren Promotions, Büromaterialien usw. auf nachhaltige Lösungen. Transport ist klarerweise auch ein großes Thema. In Summe gilt bei uns die Devise, dass jedes Produkt nachhaltiger als sein Vorgänger sein muss und alles was wir tun prinzipiell auch mit der Nachhaltigkeitsbrille beurteilt wird.

Ärgert es Sie eigentlich, dass Plastikverpackungen in der Öffentlichkeit so ein schlechtes Image haben?

Nein es ärgert uns nicht. Plastik ist, bei richtigem und sparsamen Einsatz, ein schlaues Material. Aber es ist klarerweise entscheidend, wie damit umgegangen wird. Achtlos weggeworfen ist es ein Problem und wir sind auch dankbar, dass das thematisiert wird. PET ist ein wertvoller Rohstoff, der wiederverwertet werden soll und nichts im Straßengraben zu suchen hat. Wir haben viel Energie in die Entwicklung einer PET-Flasche gesteckt, die zu 100 % aus rePET besteht. So konnten wir vergangenes Jahr unser gesamtes Sortiment auf 100 % rePET umstellen, und sind dabeigeblieben. Trotz der Tatsache, dass sogenanntes Virgin Material aufgrund der niedrigen Rohölpreise zeitweise günstiger ist, als PET-Rezyklate. Was wir als Unternehmen noch beitragen können, ist Bewusstseinsbildung. Dass PET nicht in den Restmüll oder eben achtlos weggeworfen werden darf, sondern dieser wertvolle und gut recycelbarer Wertstoff richtig gesammelt wird. Nur so kann er im Kreislauf gehalten und wiederverwertet werden, das spart Ressourcen und schont die Umwelt. Diese Bewusstseinsbildung treiben wir auf allen uns zur Verfügung stehenden Kanälen voran – auf digitalem Wege, über klassische Medien, aber auch auf den Gebinden selbst.

„In der derzeitigen politische Lage rund um die Maßnahmen zur Single-Use Plastics-Verordnung würde uns mehr Planungssicherheit helfen.“

Glauben Sie, dass Pfand auf Einwegplastikflaschen dabei helfen kann, dass weniger Plastik achtlos weggeworfen wird bzw. wie sehen Sie den Vorstoß von Umweltministerin Leonore Gewessler, ein verpflichtendes Pfandsystem einzuführen?

Ob ein verpflichtendes Pfandsystem eingeführt wird oder nicht und wie sehr es nützt, müssen ExpertInnen und die Politik entscheiden, das liegt nicht in unserer Kompetenz. Wir sind daran interessiert, die richtigen Lösungen für unsere KonsumentInnen zu bieten und wir glauben, dass wir das mit unserem Angebot tun. Schließlich geht es am Ende darum, die Umwelt zu schützen und nachhaltige Produkte auf den Markt zu bringen und mit unseren 100 % rePET-Flaschen und Glas-Mehrwegprodukten leisten wir unseren Beitrag dazu.

Welche Wünsche haben Sie – auch diese Diskussion betreffend – an die Politik?

Grundsätzlich fänden wir es gut, dass jene Unternehmen, die nachweislich einen wesentlichen Beitrag für mehr Umwelt- und Klimaschutz leisten, auch mehr unterstützt werden. Letztendlich versuchen wir alle ein gemeinsames Ziel zu erreichen, um für eine enkeltaugliche Zukunft zu sorgen. In der derzeitigen politische Lage rund um die Maßnahmen zur Single-Use Plastics-Verordnung würde uns mehr Planungssicherheit helfen.

Ein weiteres Thema, das durch Corona einen neuen Schub bekommen hat und das nahezu alle Unternehmen beschäftigt, ist die digitale Transformation. Wie gut ist Vöslauer hier bereits aufgestellt?

Wir wollen überall da, wo es möglich und sinnvoll ist, digitalisieren und die Chancen, die sich dadurch bieten, nutzen. Aktuelle Projekte sind beispielsweise Digitalisierung beim Onboarding oder von Spesen- und Reisekostenabrechnungen und es gibt auch ein CRM-Projekt, das im Juli live gehen wird. Abgesehen von der digitalen Kommunikation über Soziale Medien wie Instagram, Facebook oder Podcasts ist unser Jungbleiben-Magazin ein digitales Medium und auch digitale Unternehmensführungen sind immer mehr Thema – nicht zuletzt, weil Besuchergruppen-Führungen ja lange Zeit nicht möglich waren und aktuell auch noch nicht sind. Ein sehr innovatives Element haben wir zuletzt aber auch mit dem Redesign unserer Vöslauer Junior Flaschen gelauncht, nämlich ein Augmented Reality Projekt, mit dem die Tiere auf den Flaschen animiert durchs eigene Zuhause bewegt werden können – so geht Spielen und Lernen Hand in Hand. Als internes digitales Kommunikationsmittel nutzen wir eine APP „Vöslaura“, sie ist sehr beliebt bei unseren KollegInnen, weil darin alle relevanten Informationen kompakt und gebündelt zu finden sind. Egal, ob es sich beispielsweise um Neuigkeiten im Unternehmen handelt, aber auch Nachhaltigkeitsthemen, Goodies und Umfragen haben dort Platz. Besonders gut finden wir, dass diese APP auch sehr interaktiv genutzt wird. KollegInnen kommentieren, liken oder posten Fotos zu den unterschiedlichsten Themen. Digitalisierung hat bei Vöslauer also viele Gesichter und ist definitiv ein Thema, das uns auf mehreren Ebenen begleitet und beschäftigt.

Haben Sie bereits mit Künstlicher Intelligenz experimentiert bzw. kommt diese im Unternehmen bereits zum Einsatz?

Derzeit haben wir diesbezüglich noch nichts im Einsatz. Aber wir verfolgen das Thema sehr interessiert.

Am Getränkemarkt mischen auch Startups verstärkt mit und kurbeln den Wettbewerb an. Wie sehen Sie den Markteintritt dieser jungen Unternehmen und was können Sie sich von Startups vielleicht sogar abschauen?

In dieser Szene gibt es sehr innovative Produkte ebenso wie MeToos. Von ersteren kann man sich auf jeden Fall Erfindergeist, Begeisterungsfähigkeit und Mut abschauen. Oft sind das Konzepte, die sich an eine ganz besondere Nische wenden oder eine spezielle Anwendung im Blick haben. Da gibt es oft sehr kompromisslose Projekte und das finde ich verdient doch einige Bewunderung. Wenn das mit guter Qualität, Konsequenz und etwas Geschäftssinn in Verbindung steht, stellt sich auch der Erfolg ein.

Könnten Sie sich vorstellen auch mit Startups zu kooperieren?

Selbstverständlich. Wir sind für Kooperationen jeglicher Art offen.

Welchen Tipp würden Sie Jungunternehmern mit auf den Weg geben, um das Ziel einer Listung im Handel zu erreichen?

Ich denke, dass sich das viele leichter vorstellen als es dann schlussendlich ist. Wichtig ist, dass man weiß wofür man steht und wofür nicht. Das bedeutet nicht, dass man nicht lernen kann, aber man wird es auch nie allen recht machen. Was man auch mitbringen sollte ist ein langer Atem. Der Markt ist umkämpft und es braucht seine Zeit, bis man sich etabliert.

Vielen Dank für das Interview.

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Alexandra Polic sitzt mit Harald Zumpf in einer Klasse der HTL Spenegrgasse
Lehrer Harald Zumpf betreut die Hochbegabten an der HTL Spengergasse. (c) brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Hinter einer Glasfassade in der Spengergasse befindet sich eine Schule, die mehr kann als Unterricht. Hier bauen Schüler:innen Software, die mit Produkten von Technologie-Giganten konkurriert. Wer das Gebäude betritt, sieht Klassenzimmer wie überall: Tische, Bildschirme, Schüler:innen vor ihren Laptops. Und doch entsteht hier etwas, das an vielen Schulen fehlt.

Die Liste der Absolvent:innen liest sich wie das Who’s who der österreichischen Tech-Szene: Eric Steinberger und Sebastian De Ro, deren KI-Coding-Startup Magic international für Aufsehen sorgt; Ben Koska, der mit seinen Brüdern in San Francisco an Infrastruktur für KI-Modelle arbeitet; Mojmír Horváth, der mit seinem Startup PothAI im Sommer ins Y-Combinator-Programm einzieht. Sie haben eines gemeinsam: Sie sind durch dieselbe Förderung gegangen.

Im Computerraum wartet Harald Zumpf. Er unterrichtet im Bereich Informatik – und betreut nebenbei jene, die mehr wollen als den Lehrplan. Zumpf ist seit fast 13 Jahren an der HTL Spengergasse. Als er damals an die Schule kam, fiel ihm auf, dass es zwar zahlreiche Unterstützungsangebote für schwächere Schüler:innen gab, aber kein spezielles Angebot für die leistungsstärksten. „Wir haben uns also gefragt: Wie bereiten wir die Besten möglichst gut auf die Welt nach der Schule vor?“, erzählt Zumpf. Der Lehrer suchte die Antwort direkt bei jenen, die im Unterricht herausstechen. Er fragte sie, was er für sie tun könne. So entstand nach und nach die Hochbegabtenförderung.

Heute hat sich daraus ein Programm mit 18 Schüler:innen entwickelt, die in Teams an innovativen Projekten für reale Kunden aus der Wirtschaft arbeiten. Auf dem Papier ist die Förderung ein Freifach; in der Praxis eine 24/7-Betreuung. „Alle Schüler:innen haben meine Handynummer und können sich jederzeit melden – auch am Sonntag oder in den Ferien“, sagt Zumpf. Auf LinkedIn fasst er es so zusammen: Serving Austria’s brightest minds. „Ich arbeite nicht für mich – ich arbeite für die Schüler:innen“, sagt er.

Die HTL Spengergasse im fünften Wiener Gemeindebezirk. (c) brutkasten

Erst Silicon Valley, dann Matura

Viele der Schüler:innen, die in Zumpfs Programm waren oder sind, zählen zu den vielversprechendsten Talenten in der Startup- und Innovationsszene. Der besagte Mojmír Horváth etwa, 19 Jahre alt, besucht im Rahmen eines Auslandsjahrs die renommierte Phillips Academy in den USA. Mit seinem Startup PothAI hat er es außerdem ins Early-Programm des Y-Combinator-Ökosystems geschafft. Im Sommer, gleich nach seiner Matura an der HTL Spengergasse, wird Horváth am Summer 2026 Batch teilnehmen.

Mit PothAI entwickelt er eine agentenbasierte KI, die Unternehmensdaten eigenständig analysiert, Hypothesen bildet und daraus kontinuierlich neue Erkenntnisse ableitet, um manuelle Analyseprozesse zu ersetzen. Mit drei Unternehmen sind bereits Pilotprojekte vereinbart. Wenn der YC-Batch startet, will Horváth eine funktionierende Version seines Produkts haben.

Dass er es jetzt schon so weit gebracht hat, hat er auch seiner Schule und der Hochbegabtenförderung zu verdanken. Dabei hat er aber nichts dem Zufall überlassen: „Ich habe Professor Zumpf schon vor dem Schulstart geschrieben, um herauszufinden, wie ich in das Programm komme“, erzählt Horváth. Die Förderung war einer der Gründe, warum er sich für die HTL Spengergasse entschieden hat. In die Förderung aufgenommen hat ihn Harald Zumpf in der zweiten Klasse. Ausschlaggebend war unter anderem ein Medizin-Hackathon: „Wir sind dort gegen PhD-Teams angetreten und haben den zweiten Platz erreicht, beim Publikumsvoting sogar den ersten.

In diesem Rahmen habe ich in 24 Stunden einen Deep-Learning-Algorithmus entwickelt, der Patientendaten verarbeitet und die Kostenentwicklung prognostiziert“, sagt Horváth.

Talente fallen auf

Dies ist einer von vielen Schlüsselmomenten, die Harald Zumpf mit seinen Schüler:innen erlebt. „Das Identifizieren der Hochbegabten ist das Einfachste überhaupt. Man muss sich eher Mühe geben, sie nicht zu erkennen“, sagt er. Dabei komme es auch gar nicht nur auf ihn an: „Wenn man eine Klasse fragt, wer von ihnen der Beste im Programmieren ist, zeigen alle auf dieselbe Person“, erzählt Zumpf. Auch Empfehlungen aus dem Lehrerkollegium bekommt er immer wieder.

Manchmal geht Zumpf auf die Schüler:innen zu, manchmal kommen sie zu ihm. Wer aufgenommen werden will, braucht einen bestimmten Notenschnitt, weil die schulischen Leistungen nicht leiden sollen. Kandidat:innen führen ein Gespräch mit Zumpf und zwei oder drei Schüler:innen, die bereits in der Förderung sind. „Uneinig über eine Aufnahme waren wir uns noch nie“, sagt Zumpf. Ein Assessment-Center oder andere formale Metriken gibt es nicht.

Harald Zumpf hat die Hochbegabtenförderung an der HTL Spengergasse ins Leben gerufen. (c) brutkasten

Echte Projekte statt Theorie

Was nach der Aufnahme passiert, bestimmen die Schüler:innen. In Teams von zwei bis vier Personen arbeiten sie an Themen, die sie interessieren. Dabei geht es immer um reale Projekte von Wirtschaftspartnern. „Wenn sie etwas brauchen – Mentoring, Kontakte, Rechenleistung oder Projekte –, dann organisiere ich das“, sagt Zumpf. Am Anfang des Schuljahrs stellte er Kontakt zu einer österreichischen Bank her, weil sich eines seiner Teams für Cybersecurity begeistert. Drei Tage später saßen deren Vertreter bereits in der Schule – und noch am selben Tag fiel der Startschuss für das Projekt. Mittlerweile haben die Schüler:innen eine KI für das Compliance-Management entwickelt.

„Je offener die Aufgabenstellung, desto besser. Wir arbeiten strikt agil – von Sprint zu Sprint“, sagt Zumpf. Einmal im Monat trifft er sich bei einem Jour fixe mit seinen Schüler:innen, aber wenn es Herausforderungen gibt, sieht er sie zum nächstmöglichen Termin. Den Wirtschaftspartnern verspricht Zumpf keine bestimmten Ergebnisse – die Schüler:innen sollen Fehler machen dürfen –, aber „meistens kommt etwas sehr Gutes heraus“.

Die Projekte laufen normalerweise über ein Schuljahr. Manchmal aber sind die Teams schon nach drei Wochen fertig. „Wir schauen nicht auf die Zeit – wir schauen auf das Ergebnis“, sagt Zumpf.

Von der HTL zu Y ­Combinator

Einer, der auch nicht auf die Zeit schaut, ist Ben Koska – zum Video-Interview erscheint er pünktlich um Mitternacht, nordamerikanische Westküstenzeit. Koska sitzt gemeinsam mit seinen Brüdern in San Francisco, um Infrastruktur für Firmen zu bauen, die KI-Modelle trainieren.

Auch er ist Absolvent der HTL Spengergasse, Maturajahrgang 2025, und war Teil des Y-Combinator-Programms, Batch 2025. Wer dort aufgenommen werden will, muss einiges vorweisen. Das konnte Koska – dank der Hochbegabtenförderung in der HTL.

„Die größte Stärke der Förderung ist die Freiheit, Dinge auszuprobieren und eigene Projekte zu verfolgen. Wir konnten an vielen Hackathons und Events teilnehmen – das wäre ohne die Unterstützung der Schule nicht möglich gewesen“, sagt Koska. Ein Highlight? „Wir haben ein akademisches Paper geschrieben und auf einer Konferenz in Dubai präsentiert – das hat mich extrem geprägt.“

In das Programm aufgenommen hat ihn Harald Zumpf, nachdem er sich bei der österreichischen Informatikolympiade für internationale Wettbewerbe qualifiziert hatte. Dass die Schule ihre jungen Talente dorthin schickt, ist Teil des Konzepts der HTL Spengergasse. „Was die HTL besonders macht, ist, dass Lehrer sagen: Wenn ihr etwas Sinnvolles macht, dann dürft ihr euch dafür Zeit nehmen“, sagt Koska.

Seine Zeit steckt Koska heute in sein Startup SF Tensor. Oft programmiert er bis spät in die Nacht – gemeinsam mit seinen Brüdern. Damit haben die drei schon früh begonnen: Noch während der Schulzeit machten sie parallel ihren Bachelor, ermöglicht durch das Programm „Schülerinnen und Schüler an die Hochschulen“ der OeAD. Der Abschluss kam damit noch vor der Matura. Ben Koska studiert heute bereits im Master Computer Science an der University of Colorado Boulder.

Seine Brüder haben inzwischen ebenfalls abgeschlossen: Ihren letzten Schultag am BG & BRG Keimgasse in Mödling hatten sie erst vor wenigen Wochen – ihre Bachelor-Abschlüsse aber schon längst in der Tasche.

Dass solche Wege kein Zufall sind, zeigt sich auch in den Rankings: In den Bestenlisten der österreichischen Informatikolympiade tauchen immer wieder Namen von Schüler:innen des BG & BRG Keimgasse und der HTL Spengergasse auf.

Ben Koska hat mit seinen Brüdern das Startup SF Tensor gegründet, an dem sie derzeit in San Francisco arbeiten. (c) San Francisco Tensor Company

Das Erfolgsrezept: Praxis und Freiraum

Was machen diese Schulen besser als alle anderen? „Das Programm selbst ist gar nicht so komplex – es ist eher die Einstellung der Lehrer:innen und der Schulleitung, die den Unterschied macht“, sagt Ben Koska. Man brauche keine komplizierten Regeln – man brauche Personen, die wirklich wollen, dass so etwas funktioniert.

PothAI-Co-Founder Mojmír Horváth sieht den Vorteil vor allem in der Praxis. „Was andere Schulen übernehmen sollten? Echte Projekte mit Unternehmen statt nur Übungsaufgaben“, sagt er. Auch dass in der Förderung nur Englisch gesprochen wird, habe ihn sehr gut auf internationale Programme wie Y Combinator vorbereitet. „Talente gibt es viele – aber erst durch die richtige Förderung kann wirklich etwas aus ihnen werden“, fasst Horváth zusammen.

Für Harald Zumpf sind mehrere Faktoren ausschlaggebend: Lehrkräfte wie er, die sich engagieren wollen, brauchen Freiraum und ein Umfeld, das unbürokratisches Vorgehen erlaubt. Starre Strukturen, feste Stundenpläne oder enge Lehrplanvorgaben stehen der Agilität, die für innovative Projekte nötig ist, oft im Weg. Wenn Lehrkräfte selbst Erfahrungen in der Wirtschaft gesammelt haben, können sie die Praxis meist besser vermitteln. Auch Zumpf ist seit 25 Jahren selbstständig tätig – nun eben neben seinem Job an der HTL. Viele der Schüler:innen im Hochbegabten-programm verdienen schon während der Schulzeit Geld als Software Engineers oder Consultants. Außerdem vernetzt Zumpf die Jugendlichen schon früh mit führenden Köpfen aus der Tech- und Startup-Szene.

Mindestens genauso wichtig ist für ihn aber das Mindset – und dazu gehört die Fehlerkultur. Zumpf spricht deshalb nie von Problemen: „Wir nennen es Herausforderungen“, sagt er. Scheitern ist trotzdem erlaubt: „Man muss wertschätzen, was gemacht wurde, und gutes Feedback geben“, sagt Zumpf.

Strukturelle Herausforderungen

So hält er es auch mit dem Programm selbst: Er schätzt, dass es die Hochbegabtenförderung gibt – aber weiß auch um deren Herausforderungen. Zum einen fehlen finanzielle Ressourcen; die Arbeit mit künstlicher Intelligenz ist kostspielig, und seitens der Schule gibt es kein Budget für die Anschaffung von Hardware. Aber Vereine und Wirtschaft unterstützen hier „schnell und unbürokratisch“, sagt Zumpf.

Offiziell ist die Hochbegabtenförderung als Freifach mit einer Wochenstunde angesetzt – entsprechend wird auch nur diese eine Stunde vergütet. Seine Schüler:innen schätzen das: „Ohne ihn geht gar nichts“, sagt SF-Tensor-Founder Ben Koska, der noch immer regelmäßig mit seinem ehemaligen HTL-Lehrer telefoniert.

Aus Talenten werden Leader

Ben Koska und Mojmír Horváth kamen als Schüler an die HTL Spengergasse – und gehen als Gründer. Eric Steinberger und Sebastian De Ro haben mit Magic ein Startup gebaut, das international Aufmerksamkeit bekommt. Wieder andere entwickeln schon vor der Matura KI-Systeme auf Produktionsniveau oder werden für Programme wie die Rise Initiative ausgewählt.

Was sie verbindet, ist weniger ein bestimmter Karriereweg als ein gemeinsamer Ausgangspunkt: eine Schule, die ihnen zutraut, mehr zu können – und ihnen den Raum gibt, es zu beweisen. Vielleicht ist das das eigentliche Erfolgsrezept der HTL Spengergasse: Nicht ein besonderes Curriculum, sondern die einfache Entscheidung, hinzuschauen – und Talente ernst zu nehmen.

Mojmír Horváth wird im Sommer im Y-Combinator-Programm sein Startup PothAI
weiterentwickeln. (c) privat

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