02.06.2021

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“

Vöslauer investiert sieben Millionen Euro in die erneute Einführung der PET-Mehrwegflasche. Im Interview schildert Geschäftsführerin Birgit Aichinger außerdem, wie das Unternehmen die digitale Transformation vorantreibt.
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Birgit Aichinger Vöslauer
Brigit Aichinger, Geschäftsführerin Vöslauer Mineralwasser GmbH

Birgit Aichinger steht seit Juli 2018 als Geschäftsführerin an der Spitze von Vöslauer, dem zur Ottakringer Getränkegruppe gehörenden Mineralwasserabfüller. Gemeinsam mit ihrem Geschäftsführungs-Kollegen Herbert Schlossnikl treibt sie die Geschicke des Unternehmens voran, bei dem sie bereits seit dem Jahr 2000 an Bord ist. Vor ihrem Wechsel in die Geschäftsführung zeichnete sie für die Leitung des Verkaufs in Österreich sowie das Marketing des heimischen Mineralwasser-Marktführers verantwortlich. Mit brutkasten Wirtschaft spricht die Kulturliebhaberin über ihre Bewunderung für mutige Jungunternehmer, die herausfordernde Corona-Pandemie, die neue Art des Arbeitens, den Status quo in der digitalen Transformation und das Bekenntnis von Vöslauer zum Klimaschutz.

Frau Aichinger, Sie haben kürzlich die Einführung der PET-Mehrwegflasche im ersten Quartal des Jahres 2022 bekannt gegeben. Damit wagen Sie ein Projekt, das in Österreich ja bereits einmal gescheitert ist. Was macht Sie so sicher, dass die Konsumenten das Verpackungskonzept diesmal gut annehmen werden?

Es hat sich natürlich einiges verändert seit damals, vor allem haben sich die technischen Gegebenheiten enorm verbessert, PET-Mehrwegflaschen sind jetzt leichter im Gewicht und Dank dieser neuen Technologien sehen die Flaschen trotz vieler Umläufe trotzdem noch appetitlich aus. Das war nicht immer so und dadurch war die Akzeptanz nicht sehr hoch. Was unsere KonsumentInnen betrifft, so haben sich deren Bedürfnisse stark in Richtung nachhaltige und ökologisch sinnvollere Produkte entwickelt. Wir sehen es als unsere Aufgabe darauf zu achten, wie sich Lebensstile verändern, was den Menschen wichtig ist und was sie brauchen, damit sie in ihrem Alltag Unterstützung haben. Und hier schließt sich der Kreis, denn unsere neue PET-Mehrwegflasche erfüllt alle diese Komponenten – sie ist umweltfreundlich und klimaschonend sowie leicht im Gewicht, damit sie auch einfach transportiert werden kann.

Sie haben sieben Millionen Euro in die Umstellung investiert. Was waren dabei die größten Kostentreiber?

Das ist richtig, wir investieren sieben Millionen Euro und das ist in Zeiten, wie wir sie gerade erleben, herausfordernd. Der größte Anteil an diesem Invest ist sicherlich die Maschinentechnik, die wir für unsere neue PET-Mehrwegflasche benötigen.

Wie herausfordernd war denn das Ausnahmejahr 2020 generell für Vöslauer?

2020 war aufgrund der Pandemie für uns, wie für viele andere auch, kein einfaches Jahr. Besonders der Totalausfall der Gastronomie, der Event- und Kongressbranche aber auch des Tourismus hat sich auf unser Geschäft inklusive dem Impuls- und „To go“-Bereich ausgewirkt. Und das schlägt sich natürlich auch im Umsatz nieder, weshalb wir unsere Erwartungen korrigieren mussten.

Und wie stellt sich die aktuelle Geschäftsentwicklung dar?

Wir sind laut Nielsen IQ im Lebensmittelhandel exklusive Hofer und Lidl mit mehr als 40 Prozent Marktanteil Marktführer am österreichischen Mineralwassermarkt (exkl. Near Water; Anm.) und Vorreiter bei Pfandgebinden mit über 50 Prozent. Unser Hauptexportland ist nach wie vor Deutschland und auch die Ungarn trinken gerne Vöslauer Mineralwasser. Die Exportquote lag 2020 bei rund 17 Prozent. Wir blicken optimistisch in die Zukunft, denn mit den Lockerungen werden die Menschen hoffentlich auch wieder mehr unterwegs sein.
Was sich durch die Pandemie aus unserer Sicht aber deutlich verstärkt hat, ist ein stärkeres Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutz. Und diese Haltungsänderung bringt beispielsweise auch ein höheres Bedürfnis nach umweltschonenden Verpackungen, wie Glas-Mehrwegprodukten mit sich. Das sehen wir an der Beliebtheit unserer 8×1-l-Glas-Mehrwegflasche, für die wir eine Umsatzsteigerung von rund 8 Prozent für 2020 verzeichnen. Man kann auch sagen, dass das unser krisenfestes Gebinde im letzten Jahr war.

Was waren die größten Veränderungen, die Corona abseits der vorhin angesprochenen Umsatzeinbußen zum Beispiel hinsichtlich neuer Arbeitsmodelle mit sich gebracht hat?

Grundsätzlich waren wir, was das Arbeiten betrifft, für die „neuen“ Anforderungen recht gut gerüstet, da wir neben Krisenplänen – die wir von Jahr zu Jahr überarbeiten – flexibles, agiles und mobiles Arbeiten schon seit längerem forcieren und leben. Wir konnten also letztes Jahr ohne größere Reibungsverluste sofort auf Homeoffice umstellen, weil alles bereits vorhanden war. Wir arbeiten schon seit geraumer Zeit flexibel, mit großzügiger mobile Work Regelung, wir haben unsere Büros insofern umgestellt, als dass es für die allermeisten inkl. der Geschäftsführung keinen eigenen Arbeitsplatz mehr gibt und sich jeder den Platz sucht, den er gerade braucht. Unsere KollegInnen in der Produktion sind natürlich von der Möglichkeit des Homeoffice ausgeschlossen. Aufgrund der Tatsache, dass wir als Lebensmittelerzeuger aber ohnehin strenge Hygienevorschriften haben, waren hier vergleichsweise wenige Schrauben zu drehen. Was aber mit der Zeit immer mühsamer geworden ist, waren die fehlenden persönlichen Kontakte, der persönliche Austausch, das Treffen der KollegInnen im Büro. Und viele von uns waren natürlich auch durch Mehrfachbelastungen gefordert – Homeschooling, Online-Meetings, alle Familienmitglieder zuhause und vieles mehr. Das Gute daran? Es hat Online-Meetings salonfähig gemacht – mit allen Vor- und Nachteilen – und es ist absolut kein Thema, wenn im Hintergrund die Kleinen „herumzischen“.

Was von den vorgenommenen Änderungen im Unternehmen wird bleiben, was nicht?

Zum einen hat sich in der letzten Zeit so einiges verändert und unser Job ist es unter anderem, neue Werte, Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu beobachten und mit den unseren zu verknüpfen. Wir sehen, dass die Menschen mobiler und flexibler werden, sie viele Dinge unter einen Hut bringen müssen – Privates und Berufliches –, ihnen Nachhaltigkeit immer wichtiger wird und sie von Firmen und Marken Haltung und Lösungen erwarten. Und was für KonsumentInnen gilt, gilt auch für uns und unsere KollegInnen, denn wir sind doch alle demselben Wandel unterworfen. Aus meiner Sicht werden Online-Meetings bis zu einem gewissen Grad bleiben, es wird weniger Dienstreisen geben und Themen rund um Nachhaltigkeit werden sich noch stärker etablieren. Und dann gibt es Dinge, die sich nicht verändert haben und denen wir treu bleiben wollen. Unsere Mission zum Beispiel: Die Quelle ist unser Ursprung. Wir schaffen Wohlbefinden und löschen den Durst der Zeit.
Wir schaffen Wohlbefinden nicht nur für unsere KonsumentInnen, sondern auch für unsere KollegInnen. Und wir löschen den Durst der Zeit, weil wir auch weiterhin gute Köpfe halten und neue anziehen wollen. Im Grunde genommen ist neues Arbeiten schon seit jeher in unseren Werten verankert: Zusammen arbeiten, Klartext reden, Vereinbarkeit von Familie & Beruf. Diese neue Art des Arbeitens wird bleiben bzw. werden wir sie ständig weiterentwickeln und an aktuelle Bedürfnisse und Rahmenbedingungen anpassen.

„Unser nachhaltiges Engagement ist eng mit unseren Unternehmenszielen verbunden, festgeschrieben in unseren Werten aber vor allem auch in unserer Strategie. Das legt man nicht einfach beiseite. Auch nicht in einer Krise.“

Das Bekenntnis der Konsumenten nach nachhaltigen Produkten hat sich verstärkt, viele Unternehmen haben ihre Engagements in Sachen Klimaschutz im Zuge der Bewältigung der Coronakrise aber – zumindest kurzfristig – zurückgefahren. Wie ist Ihnen der Spagat zwischen dem Managen der Krise und dem Festhalten an Ihren Nachhaltigkeitszielen gelungen?

Wir sehen das Thema Nachhaltigkeit und die damit verbundenen Ziele nicht als „zusätzliches“ Projekt, das man stilllegt, wenn es kompliziert oder schwierig wird. Unser nachhaltiges Engagement ist eng mit unseren Unternehmenszielen verbunden, festgeschrieben in unseren Werten aber vor allem auch in unserer Strategie. Das legt man nicht einfach beiseite. Auch nicht in einer Krise. Wir sind der Meinung, dass wir Verantwortung als Unternehmen und als Einzelpersonen tragen und diese nehmen wir wahr. Wie ist das in der Krise gelungen? Eben weil es ein selbstverständlicher Teil unseres Unternehmens ist, weil es vom gesamten Team getragen wird und weil es auch sehr präsent in unseren Produkten ist: Unsere Verpackungen bestehen z. B. entweder aus 100 % rePET, also recyceltem PET, oder Glas-Mehrweg oder eben ab 2022 auch aus PET-Mehrweg. Wir achten aber ebenso bei allen anderen Materialien, Inhaltsstoffen und beispielsweise auch bei unseren Promotions, Büromaterialien usw. auf nachhaltige Lösungen. Transport ist klarerweise auch ein großes Thema. In Summe gilt bei uns die Devise, dass jedes Produkt nachhaltiger als sein Vorgänger sein muss und alles was wir tun prinzipiell auch mit der Nachhaltigkeitsbrille beurteilt wird.

Ärgert es Sie eigentlich, dass Plastikverpackungen in der Öffentlichkeit so ein schlechtes Image haben?

Nein es ärgert uns nicht. Plastik ist, bei richtigem und sparsamen Einsatz, ein schlaues Material. Aber es ist klarerweise entscheidend, wie damit umgegangen wird. Achtlos weggeworfen ist es ein Problem und wir sind auch dankbar, dass das thematisiert wird. PET ist ein wertvoller Rohstoff, der wiederverwertet werden soll und nichts im Straßengraben zu suchen hat. Wir haben viel Energie in die Entwicklung einer PET-Flasche gesteckt, die zu 100 % aus rePET besteht. So konnten wir vergangenes Jahr unser gesamtes Sortiment auf 100 % rePET umstellen, und sind dabeigeblieben. Trotz der Tatsache, dass sogenanntes Virgin Material aufgrund der niedrigen Rohölpreise zeitweise günstiger ist, als PET-Rezyklate. Was wir als Unternehmen noch beitragen können, ist Bewusstseinsbildung. Dass PET nicht in den Restmüll oder eben achtlos weggeworfen werden darf, sondern dieser wertvolle und gut recycelbarer Wertstoff richtig gesammelt wird. Nur so kann er im Kreislauf gehalten und wiederverwertet werden, das spart Ressourcen und schont die Umwelt. Diese Bewusstseinsbildung treiben wir auf allen uns zur Verfügung stehenden Kanälen voran – auf digitalem Wege, über klassische Medien, aber auch auf den Gebinden selbst.

„In der derzeitigen politische Lage rund um die Maßnahmen zur Single-Use Plastics-Verordnung würde uns mehr Planungssicherheit helfen.“

Glauben Sie, dass Pfand auf Einwegplastikflaschen dabei helfen kann, dass weniger Plastik achtlos weggeworfen wird bzw. wie sehen Sie den Vorstoß von Umweltministerin Leonore Gewessler, ein verpflichtendes Pfandsystem einzuführen?

Ob ein verpflichtendes Pfandsystem eingeführt wird oder nicht und wie sehr es nützt, müssen ExpertInnen und die Politik entscheiden, das liegt nicht in unserer Kompetenz. Wir sind daran interessiert, die richtigen Lösungen für unsere KonsumentInnen zu bieten und wir glauben, dass wir das mit unserem Angebot tun. Schließlich geht es am Ende darum, die Umwelt zu schützen und nachhaltige Produkte auf den Markt zu bringen und mit unseren 100 % rePET-Flaschen und Glas-Mehrwegprodukten leisten wir unseren Beitrag dazu.

Welche Wünsche haben Sie – auch diese Diskussion betreffend – an die Politik?

Grundsätzlich fänden wir es gut, dass jene Unternehmen, die nachweislich einen wesentlichen Beitrag für mehr Umwelt- und Klimaschutz leisten, auch mehr unterstützt werden. Letztendlich versuchen wir alle ein gemeinsames Ziel zu erreichen, um für eine enkeltaugliche Zukunft zu sorgen. In der derzeitigen politische Lage rund um die Maßnahmen zur Single-Use Plastics-Verordnung würde uns mehr Planungssicherheit helfen.

Ein weiteres Thema, das durch Corona einen neuen Schub bekommen hat und das nahezu alle Unternehmen beschäftigt, ist die digitale Transformation. Wie gut ist Vöslauer hier bereits aufgestellt?

Wir wollen überall da, wo es möglich und sinnvoll ist, digitalisieren und die Chancen, die sich dadurch bieten, nutzen. Aktuelle Projekte sind beispielsweise Digitalisierung beim Onboarding oder von Spesen- und Reisekostenabrechnungen und es gibt auch ein CRM-Projekt, das im Juli live gehen wird. Abgesehen von der digitalen Kommunikation über Soziale Medien wie Instagram, Facebook oder Podcasts ist unser Jungbleiben-Magazin ein digitales Medium und auch digitale Unternehmensführungen sind immer mehr Thema – nicht zuletzt, weil Besuchergruppen-Führungen ja lange Zeit nicht möglich waren und aktuell auch noch nicht sind. Ein sehr innovatives Element haben wir zuletzt aber auch mit dem Redesign unserer Vöslauer Junior Flaschen gelauncht, nämlich ein Augmented Reality Projekt, mit dem die Tiere auf den Flaschen animiert durchs eigene Zuhause bewegt werden können – so geht Spielen und Lernen Hand in Hand. Als internes digitales Kommunikationsmittel nutzen wir eine APP „Vöslaura“, sie ist sehr beliebt bei unseren KollegInnen, weil darin alle relevanten Informationen kompakt und gebündelt zu finden sind. Egal, ob es sich beispielsweise um Neuigkeiten im Unternehmen handelt, aber auch Nachhaltigkeitsthemen, Goodies und Umfragen haben dort Platz. Besonders gut finden wir, dass diese APP auch sehr interaktiv genutzt wird. KollegInnen kommentieren, liken oder posten Fotos zu den unterschiedlichsten Themen. Digitalisierung hat bei Vöslauer also viele Gesichter und ist definitiv ein Thema, das uns auf mehreren Ebenen begleitet und beschäftigt.

Haben Sie bereits mit Künstlicher Intelligenz experimentiert bzw. kommt diese im Unternehmen bereits zum Einsatz?

Derzeit haben wir diesbezüglich noch nichts im Einsatz. Aber wir verfolgen das Thema sehr interessiert.

Am Getränkemarkt mischen auch Startups verstärkt mit und kurbeln den Wettbewerb an. Wie sehen Sie den Markteintritt dieser jungen Unternehmen und was können Sie sich von Startups vielleicht sogar abschauen?

In dieser Szene gibt es sehr innovative Produkte ebenso wie MeToos. Von ersteren kann man sich auf jeden Fall Erfindergeist, Begeisterungsfähigkeit und Mut abschauen. Oft sind das Konzepte, die sich an eine ganz besondere Nische wenden oder eine spezielle Anwendung im Blick haben. Da gibt es oft sehr kompromisslose Projekte und das finde ich verdient doch einige Bewunderung. Wenn das mit guter Qualität, Konsequenz und etwas Geschäftssinn in Verbindung steht, stellt sich auch der Erfolg ein.

Könnten Sie sich vorstellen auch mit Startups zu kooperieren?

Selbstverständlich. Wir sind für Kooperationen jeglicher Art offen.

Welchen Tipp würden Sie Jungunternehmern mit auf den Weg geben, um das Ziel einer Listung im Handel zu erreichen?

Ich denke, dass sich das viele leichter vorstellen als es dann schlussendlich ist. Wichtig ist, dass man weiß wofür man steht und wofür nicht. Das bedeutet nicht, dass man nicht lernen kann, aber man wird es auch nie allen recht machen. Was man auch mitbringen sollte ist ein langer Atem. Der Markt ist umkämpft und es braucht seine Zeit, bis man sich etabliert.

Vielen Dank für das Interview.

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Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer haben We Are Unicorns gegründet | (c) treat.agency

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen„ erschienen


An einem Mittwochabend in Yokohama treffen einander Gründerinnen und Gründer, Corporate-Innovator:innen, Studierende und Investor:innen im Tech Hub Yokohama; kein Panel, keine Preisverleihung, sondern ein offener Community-Abend unter dem Namen Yokohama Connect. Wenige Wochen später sitzt in einem Wiener Coworking-Space ein Bäckereichef neben einer Innovationsmanagerin und dem Vertreter eines Tourismusbetriebs – auch sie sprechen über die Zukunft ihrer Organisationen. Am Ende beider Abende steht dieselbe Frage: Wie zukunftsfähig sind wir wirklich?

Ein Werkzeug gegen die Ziellosigkeit

Österreich und Japan sind auf den ersten Blick weit voneinander entfernt. Bei näherer Betrachtung eint sie aber ein Muster: hohe Ingenieurskompetenz, eine dichte Landschaft aus kleinen und mittleren Unternehmen, starke Familienbetriebe, daneben große Konzerne und Städte, die vor ähnlichen Fragen stehen. Wer heute ein Unternehmen führt, hat selten Zeit für Buzzwords – gefragt sind Werkzeuge, die aus abstrakten Trends nächste Schritte machen; und eine Sprache, die über Ländergrenzen hinweg funktioniert.

Genau hier setzt das Wiener Unternehmen We Are Unicorns (WAU) an. Die Gründer:innen Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer arbeiten seit rund sieben Jahren mit Betrieben an Zukunftsthemen, zuvor gemeinsam in der Wirtschaftskammer Österreich. Ihre Beobachtung: Viele KMU stehen mehrfach unter Druck – steigende Kosten, Energiewende, Fachkräftemangel und Digitalisierung verändern die Rahmenbedingungen, während im Alltag oft Zeit, Orientierung und leistbare Unterstützung fehlen. WAU versteht sich deshalb als „Innovationsabteilung as a Service“, die komplexe Zukunftsthemen in verständliche Handlungsfelder übersetzt und Betriebe bis zur Umsetzung begleitet.

Yokohama ist die zweitgrößte Stadt Japans | (c) Antomattei

Ihr zentrales Werkzeug ist das Future Radar. Es ordnet Zukunftsfähigkeit entlang von fünf Feldern: Menschen, Organisation und Kultur; digitale Prozesse, Automatisierung und KI; Kunden, Vertrieb und Services; Geschäftsmodelle und Plattformen; Energie, Kosten und Nachhaltigkeit. Daraus werden 55 konkrete Chancen statt tausend Schlagworte, entstanden in Co-Creation-Workshops mit KMU aus ganz Österreich sowie Partnern aus Universitäten und Forschung. Ein eigens entwickelter KI-Assistent ordnet die Themen ein und leitet nächste Schritte ab, die Betriebe eigenständig umsetzen können. Er ersetzt keine unternehmerische Entscheidung, sondern versteht sich als Sparringpartner, der ins Tun bringt.

Kommt das Future Radar in Yokohama auf den Tisch, betrachten alle Beteiligten dieselben fünf Felder, dieselben Fragen, dieselbe Auswertung. Ein japanisches KMU, ein Startup aus dem Tech Hub Yokohama und ein österreichischer Mittelständler sehen auf einen Blick, wo sie stark sind und welche Schritte sich ableiten lassen. Der Mehrwert entsteht im Vergleich.

Von Wien nach Yokohama

Warum aber der Blick nach Japan? Weil sich dort ein Ökosystem entwickelt hat, das als Referenz dienen kann. Rund um CIC Tokyo, Japans größten Startup-Campus, hat sich unter dem Dach von Venture Café Japan eine offene Innovationscommunity etabliert: wöchentliche Thursday Gatherings, Formate wie Yokohama Connect, Tsukuba Connéct oder Nagoya Connect, dazu Partner wie der Tech Hub Yokohama, der als Soft-Landing-Punkt für internationale Startups und KMU konzipiert ist. Dazu kommt die städtische Ebene: Der Midterm Plan der Stadt Yokohama verankert Nachhaltigkeit als Ziel bis 2029. Physische Orte, Community-Programme und Stadtstrategie greifen ineinander.

Wer dort sitzt und warum diese Unternehmen nach Europa schauen, zeigt Qubitcore: Das Unternehmen mit Sitz in Yokohama entwickelt Hardware für Quantencomputing, hervorgegangen aus der Forschung am Okinawa Institute of Science and Technology (OIST). Es verbindet mehrere Quantenprozessoren auf Basis von Ionenfallen über Licht miteinander und arbeitet so an fehlertoleranten Rechnern, die über die Grenzen eines einzelnen Prozessors hinaus skalieren.

„Das Quanteninternet entfaltet seinen vollen Wert erst durch grenzüberschreitende Vernetzung. Gerade Europa verfügt über große Tiefe in der Quantenoptik und in der Ionenfallenforschung. Wir hoffen, dass der Tech Hub Yokohama zur Brücke zwischen Yokohama und europäischen Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Investoren wird“, so Ryuta Watanuki, Gründer und CEO von Qubitcore.

Der Tech Hub Yokohama. | (c) TechHub Yokohama

Damit solche Verbindungen tatsächlich entstehen, braucht es Brückenbauer. Auf japanischer Seite übernimmt Marcel Rasinger mit genten LLC diese Rolle: Als Mitinitiator von Yokohama Connéct verbindet er lokale Unternehmen, Startups und städtische Organisationen mit internationalen Partnern. Auf österreichischer Seite strukturiert WAU die Zukunftsthemen heimischer Betriebe so, dass sie in den Dialog mit japanischen Partnern passen.

Die Stimme aus Tokio

Warum diese Übersetzungsarbeit nötig ist, weiß Kentaro Imai aus eigener Erfahrung – er verantwortet beim japanischen Konzern Kokuyo die Global Marketing Division im Global Workplace Business und ist dort Ansprechpartner für Europa und Nordamerika. Kokuyo beschäftigt sich seit mehr als 120 Jahren damit, wie Menschen arbeiten und lernen, und nutzt die eigenen Büros seit den 1960er-Jahren als Versuchsflächen. „Ideen lassen sich nicht einfach von einem Land in ein anderes kopieren“, sagt Imai, „sie müssen übersetzt werden, nicht nur sprachlich, sondern kulturell und organisatorisch.“ Erwartungen an Hierarchie, Entscheidungsfindung und Risiko unterschieden sich. Imai: „Brückenbauer helfen beiden Seiten zu verstehen, welche menschlichen Bedürfnisse universell sind und welche Annahmen lokal geprägt.“

Dass Zusammenarbeit über Kontinente hinweg dabei mehr braucht als Videocalls, ist für Imai keine Frage: „Digitale Technologie erlaubt Kommunikation über enorme Distanzen – aber Kommunikation allein erzeugt nicht automatisch Vertrauen, Zugehörigkeit oder Zusammenarbeit.“ Innovation beginne oft mit Beobachtung, informellen Gesprächen und unerwarteten Begegnungen. Kokuyo hat deshalb Teile seiner Konzernzentrale The Campus in Tokio-Shinagawa für die Nachbarschaft geöffnet, samt Park, Shop und Coffee Stand. „Der innovativste Raum ist nicht zwangsläufig der technisch fortschrittlichste. Es ist jener, in dem Menschen, die einander sonst nie treffen würden, beginnen, gemeinsam etwas zu denken und zu bauen“, so Imai. Was The Campus für Tokio ist, soll der Tech Hub Yokohama für europäische Partner werden.

Für Imai ist das der Punkt, an dem Werkzeug und Erfahrung zusammenfinden könnten: „We Are Unicorns und das Future Radar machen abstrakte Veränderungen für KMU verständlich und helfen dabei, von weiten Schlagworten zu konkreten Chancen zu kommen.“ Kokuyo wiederum bringe Erfahrung darin ein, wie Menschen arbeiten, lernen und physische Umgebungen nutzen. „Gemeinsam könnte das Future Radar eine Chance identifizieren, und wir könnten helfen, sie in konkrete Arbeitsweisen, Umgebungen und Pilotprojekte zu übersetzen“, sagt Imai.

Tiefe trifft Tempo

Was können beide Seiten voneinander lernen? Imai warnt vor Klischees, sieht aber komplementäre Stärken: Japanische Organisationen zeigten im besten Fall langfristige Verbindlichkeit, hohe Aufmerksamkeit für Qualität, kontinuierliche, schrittweise Verbesserung und Geduld beim Aufbau von Vertrauen; österreichische und europäische Ökosysteme brächten direkte Auseinandersetzung, schnelles Experimentieren, starke Zusammenarbeit zwischen KMU, Startups und Universitäten und eine größere Bereitschaft, Entscheidungen trotz verbleibender Unsicherheit zu treffen. Imai: „Der produktivste Austausch ist nicht Japan gegen Österreich; es ist die Kombination aus japanischer Tiefe und österreichischer Agilität.“

Für WAU heißt das: Österreich kann von der langfristigen Ökosystem-Architektur Japans lernen, vom Zusammenspiel aus Infrastruktur, Community-Programmen und städtischer Strategie. Japan wiederum profitiert von der pragmatischen KMU-Kultur in Europa, von Betrieben, die mit wenigen Ressourcen neue Technologien testen und in überschaubaren Schritten starten.

Zurück nach Yokohama, an jenen Mittwochabend im Tech Hub: Was dort als offener Community-Abend beginnt, endet im besten Fall mit einem Projekt, das ein Wiener Betrieb und ein japanisches Startup gemeinsam angehen. Das Future Radar liefert die gemeinsame Ausgangslage, die Brückenbauer den Zugang. Oder, wie Imai es formuliert: „Die Zukunft ist nichts, worauf wir warten. Sie ist etwas, das wir greifbar machen, gemeinsam testen und durch Neugier laufend verbessern.“

Über We Are Unicorns

We Are Unicorns (WAU) macht Zukunftsarbeit für österreichische KMU konkret, leistbar und umsetzbar. Das Wiener Unternehmen von Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer realisiert als „Innovationsabteilung as a Service“ auch Projekte für Regionen, Institutionen und Corporates. Zentraler Baustein ist das Future Radar mit 55 konkreten Chancen entlang von fünf Zukunftsfeldern, ergänzt um einen eigens entwickelten KI-Assistenten. Der Anspruch: Zukunft ohne Blabla.

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