28.04.2026
PATRONUS

Berliner Tech-Startup mit Tractive-Founder im Board erhält 11 Millionen Euro

Das Berliner Startup Patronus sichert sich elf Millionen Euro frisches Kapital und setzt beim Wachstum auch auf die Erfahrung von Tractive-Founder Michael Hurnaus und COO Wolfgang Reisinger. Mit seiner Smartwatch- und App-Lösung für Senior:innen will das Unternehmen den "roten Knopf" obsolet machen und den Notruf (etwa bei Stürzen) modernisieren. Michael Hurnaus erklärt.
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Patronus, Tractive,
© Tractive/Patronus - (v.l.) Michael Hurnaus, Wolfgang Reisinger (beide Tractive) und Ben Staudt (Patronus).

„Wir haben bei Tractive immer wieder Anfragen bekommen, ob unsere Lösungen nicht auch für ältere Menschen geeignet wären. Das haben wir damals ganz klar verneint. In weiterer Folge haben wir uns den Markt genauer angesehen – und dabei viele Schrottlösungen gefunden. Klassische Systeme mit großem roten Knopf, eine sehr nostalgische Technologie“, sagt Tractive-Gründer Michael Hurnaus. Und gibt damit einen Einblick, warum er und Tractive-COO Wolfgang Reisinger vor rund vier Jahren beim Berliner HealthTech-Startup Patronus als Business Angels und Mitglieder des Boards eingestiegen sind.

Patronus plant KI-Begleiter

Das Unternehmen aus der deutschen Hauptstadt bietet eine Sicherheits- und Begleitlösung für Senior:innen, bestehend aus einer mobilen Notruf-Smartwatch und einer Familien-App. Dafür gab es nun ein Investment in Höhe von elf Millionen Euro.

Angeführt wird die Runde von 3TS Capital Partners mit Beteiligung von Grazia Equity sowie den Bestandsinvestoren Singular, Burda Principal Investments, Adjacent, NAP und UVC Partners.

Das frische Kapital soll in den Ausbau im mobilen Notrufsegment sowie in neue Produktbereiche rund um Familie, Wohlbefinden und – als nächsten großen Schritt – einen KI-Begleiter für den Alltag fließen.

„Aus der Haustierwelt gelernt“

„Die Grundidee des Businessmodells von Patronus ähnelt jenem von Tractive sehr“, meint Hurnaus. „Hardware, Subscription-Modell und ein ‚End-Consumer‘-Produkt. Der initiale Hintergedanke bei der Gründung war Demenz. Etwa das Erkennen, wenn ältere Menschen stürzen. Mittlerweile hat sich das aber weiterentwickelt: Es geht heute viel stärker darum, zu verstehen, ob es gesundheitliche Parameter gibt, die relevant sind. Das ist sehr ähnlich zu dem, was wir auch in der Haustierwelt gelernt haben.“

Gegründet wurde das HealthTech von Ben Staudt, dessen Großmutter jenen berühmten roten Knopf (Anm.: Notruf) hatte. Statt um ihren Hals zu hängen, lag er auf dem Nachttisch. „Nachttischdekoration nannte sie ihn selbst. Er war zu klobig. Zu stigmatisierend. Zu sehr das stille Eingeständnis, dass man Hilfe braucht“, wie sich der Founder erinnert.

Bevor Staudt und sein Team 2021 ihr erstes Produkt auf den Markt brachten, sprachen sie mit über tausend potenziellen Kund:innen. Was sie hörten, war jedes Mal dasselbe: Das Problem sei nicht technischer Natur, sondern ein Würde-Problem.

Smartwatch statt klassische Lösungen

Patronus setzt daher bei seiner Lösung auf eine Smartwatch, die bewusst nicht wie klassische Medizintechnik wirkt. Stattdessen kommt sie in verschiedenen Farben, zeigt die Uhrzeit und erinnert an eine normale Armbanduhr. Eine integrierte SIM-Karte mache sie zudem unabhängig vom Heimnetzwerk, und per Knopfdruck ist im Notfall rund um die Uhr eine direkte Verbindung zur Notrufzentrale in Deutschland möglich.

Ergänzend dazu hat das Unternehmen eine App für Angehörige entwickelt, die zeigt, ob die Uhr getragen wird, ob jemand das Haus verlassen hat oder wo sich die Person befindet. Und im Notfall informiert.

„Wir wollen eine Welt schaffen, in der das Älterwerden Sicherheit, Unabhängigkeit und Verbindung bedeutet“, so Staudt weiter. „Unterstützt durch Technologie, die sich an Menschen anpasst und nicht umgekehrt.“

Selbstständigkeit verlängern

In diesem Sinne betont Hurnaus, dass im Leben ein Zeitpunkt kommt, an dem man versucht, die Selbstständigkeit noch ein Stück auszuweiten – also länger ein eigenständiges Leben zu ermöglichen, ohne rund um die Uhr Betreuung zu brauchen. „Diese Technologie hilft dabei, dass man eine Person länger unbeaufsichtigt lassen kann, ohne Sicherheit einzubüßen“, sagt er. „Insofern ist es fast mehr eine Technologie für Angehörige als für die Betroffenen selbst – ähnlich wie wir das auch bei Tractive gesehen haben.“

Patronus, so erzählt Hurnaus, hat den konkreten Plan, um den Faktor zehn zu wachsen. „Sie wollen genau dort hinzukommen, wo wir vor ein paar Jahren standen“, sagt der Board-Member und sieht seine und Reisingers künftige Aufgabe darin bei der Skalierung zu unterstützen: „Dabei geht es um Themen wie Marketing, aber auch um Hardwareproduktion: Worauf muss man achten, wenn man plötzlich ein Vielfaches an Geräten produziert? Wir werden hier unsere Erfahrungen einbringen – was gut funktioniert hat, was weniger. Vieles lässt sich tatsächlich übertragen. Für uns ist das eine der aussichtsreichsten Investitionen überhaupt, die wir getätigt haben. Das Team von Patronus hat uns einfach überzeugt.“

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Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer und Innovationsminister Peter Hanke (Archivbild) | (c) BKA/Paul Gruber
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Sie wird regelmäßig als möglicher Hebel genannt, um Startups abseits von klassischen Förderungen staatlich zu unterstützen: die öffentliche Beschaffung. Gleichzeitig wird kritisiert, dass diese oft nicht die kommunizierten Zielsetzungen, etwa in der Stärkung der heimischen Innovationslandschaft, widerspiegelt. Das will die österreichische Bundesregierung nun mit einem „nationalen Aktionsplan Strategische Öffentliche Beschaffung“ ändern, der bis Jahresende unter Federführung von Wirtschafts- und Innovationsministerium ausgearbeitet werden soll.

Öffentliche Auftraggeber stärker als Erst- und Referenzkunden für Startups etablieren

Der Aktionsplan soll „als Handlungsleitfaden für den Bund, seine Beteiligungen sowie weitere öffentliche Auftraggeber dienen“. Ziel sei es, Innovation, Wettbewerbsfähigkeit, Nachhaltigkeit und europäische Wertschöpfung stärker in Beschaffungsprozessen zu verankern. Ein besonderer Schwerpunkt liege darauf, öffentliche Auftraggeber stärker als Erst- und Referenzkunden für innovative Unternehmen und Startups zu etablieren. Damit sollen „neue Technologien schneller zur Marktreife gelangen und zusätzliche Impulse für Wachstum und privates Kapital entstehen“.

Hanke: „Das Billigstbieterprinzip ist in dieser Form nicht mehr zeitgemäß“

Innovationsminister Peter Hanke führt aus: „Mit rund 70 Milliarden Euro jährlich verfügt der Staat über enorme Gestaltungskraft. Diese wollen wir künftig gezielt einsetzen, um Innovationen schneller in die Anwendung zu bringen, die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts zu stärken und europäische Souveränität auszubauen.“

Hier gelte es neue Wege zu gehen: „Das Billigstbieterprinzip ist in dieser Form nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen eine Beschaffung, die europäische Souveränität und Innovationskraft in den Vordergrund stellt“, so Hanke. Der Staat soll dabei „als Ankerkunde vorangehen“ und innovativen Unternehmen die Möglichkeit geben, ihre Lösungen erstmals im Markt einzusetzen. „Das stärkt unsere Startups, schafft heimische Wertschöpfung und macht Österreich technologisch unabhängiger“, meint der Minister. Bundesbeteiligungen wie die ÖBB und ASFINAG seien dabei bereits Vorreiter. Ziel sei es, dass die Republik ihre Rolle als Eigentümer konsequenter ausbaue.

Und Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer ergänzt: „Der Staat soll nicht nur einkaufen, sondern Innovationen den Weg in den Markt ebnen. Wenn die öffentliche Hand als Erst- und Referenzkunde vorangeht, schaffen wir Marktchancen für heimische Unternehmen, stärken europäische Wertschöpfung und machen aus Innovation schneller wirtschaftlichen Erfolg. Genau diesen Paradigmenwechsel treiben wir jetzt voran.“

Spinoff-Gründungen als konkrete KPI für „Austrian Quantum Cluster“

Zeitgleich geben die beiden Minister per Aussendung auch ein Update zu weiteren Maßnahmen im Bereich der in der Industriestrategie 2035 (brutkasten berichtete) definierten Schlüsseltechnologien. In der AI Factory Austria seien demnach 53 von insgesamt 80 Millionen Euro Projektkosten als Investition in einen Supercomputer vorgesehen, der kommendes Jahr in Wien in Betrieb gehen soll.

Zudem nennen die Ministerien einige KPIs für den „Austrian Quantum Cluster“, in den heuer 30 Millionen Euro aus dem Fonds Zukunft Österreich fließen (brutkasten berichtete). Demnach soll der „erste Megacluster Österreichs“ unter der Ägide von aws (Austria Wirtschaftsservice), FFG (Forschungsförderungsgesellschaft), CDG (Christian Doppler Forschungsgesellschaft) und FWF (Wissenschaftsfonds) etwa mindestens fünf Spinoffs hervorbringen und mindestens acht Millionen Euro Folgeinvestitionen für Startups bzw. Scaleups hebeln. „Wir wollen Quantentechnologie nicht nur erforschen, sondern in Österreich entwickeln, produzieren und vermarkten. Unser Ziel ist klar: Aus Spitzenforschung soll Spitzenindustrie werden“, kommentiert Hattmannsdorfer. Dabei setze man auf „Fokus statt Gießkanne“.

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