07.04.2016

Berlin – das Startup Mekka Europas

Nur wenige Städte der Welt haben eine solche Strahlkraft wie die deutsche Bundeshauptstadt. Neben Musik, Kunst, Lifestyle und der Kreativwirtschaft konnte sich Berlin in den vergangenen Jahren auch als der Startup Hotspot Europas etablieren. Der Brutkasten hat bei Georg Krenn, dem stellvertretenden Wirtschaftsdelegierten der Wirtschaftskammer Österreich nachgefragt, was der Standort Berlin österreichischen Startups zu bieten hat.
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(c) fotolia-JFL Photography: Berlin gilt als Startup-Hochburg.

Berlin. Die Rahmenbedingungen sind mehr als gut: Internationales Umfeld, gut ausgebildete Menschen, im Vergleich reichlich Kapital, Förderungen und der Wille Neues entstehen zu lassen. Berlin wird damit auch für österreichische Startups immer spannender. Der deutsche Markt ist der größte Europas. Diesen Trend hat auch die Außenwirtschaft Austria erkannt.

Im Gespräch mit Georg Krenn (Wirtschaftsdelegierte Stv. in Berlin) gehen wir dem Phänomen nach und stellen die Frage nach den Unterschieden zwischen Berlin und Wien.

Berlin gilt als der europäische Startup Hotspot – warum ist das eigentlich so?

Es klingt schon etwas abgedroschen, aber in der Startup-Szene Europas ist Berlin gerade „the place to be“. Im Jahr 2015 konnte die deutsche Hauptstadt erstmals die höchsten Venture Capital-Investments in Europa überhaupt anziehen: Berliner Startups erhielten 2015 in 205 Investitionsrunden gut EUR 2,1 Mrd. an Venture Capital-Investitionen – das sind 70 % des gesamten deutschen Venture-Capital-Volumens! Auf europäischer Ebene folgte abgeschlagen dahinter London mit VC-Investments von rund EUR 1,7 Mrd. Zum Vergleich: Europaweit wurden 2015 insgesamt knapp EUR 11,8 Mrd. in Jungunternehmen investiert, der Anteil von Berlin ist daher wirklich signifikant.

Verblüffend ist vor allem die Entwicklung der Stadt seit dem Mauerfall. In Berlin und Umgebung gibt es fast keine Industrie, also musste ein anderer Weg geschaffen werden, um Arbeitsplätze zu schaffen und die Stadt interessant zu machen. Das ist Berlin als Startup-Stadt exzellent gelungen. Die Startbedingungen sind günstig: Berlin weist eine hohe Lebensqualität bei vergleichsweise niedrigen Lebenshaltungskosten auf, es gibt ein lebendiges Szeneleben und das Umfeld ist international. Alles Gründe für junge Unternehmer, ihre Geschäftsidee gerade hier umzusetzen. Besondere Anziehungskraft übt die Hauptstadt auf Gründer aus der Kreativwirtschaft und der Technologiebranche aus. Während anderswo Büroflächen bereits rar sind, profitiert die Berliner Startup-Community von den vergleichsweise niedrigen Büro- und Standortkosten, der hervorragenden Infrastruktur und dem großen Angebot mehrsprachiger Fachkräfte aus aller Welt. Die durchschnittlichen Kosten sind etwa im Vergleich zu San Francisco oder London einfach um ein Vielfaches geringer, so dass es vor allem internationale Kreative immer mehr nach Berlin zieht.

„Die durchschnittlichen Kosten sind in Berlin im Vergleich zu San Francisco oder London einfach um ein Vielfaches geringer“, Georg Krenn, stv. Wirtschaftsdelegierter der Wirtschaftskammer Österreich.

Welche Unterschiede für Startups gibt es im Vergleich: Wien – Berlin?

Der Compass Report hat 2015 in seinem jährlichen Ranking zum globalen Startup-Ökosystem die Wiener Startup-Szene gar nicht erst erwähnt, während Berlin es auf Platz 9 geschafft hat – das zeigt schon einmal die signifikanten Strukturunterschiede. Ein Hauptpunkt ist vor allem die Wertigkeit für Startups: In Berlin hat man die Bedeutung von Startups für die Wirtschaft erkannt, vor allem durch große Player wie etwa Rocket Internet oder Zalando, die enorm viele Arbeitsplätze schaffen. Auch die Kultur des Scheiterns ist in Berlin weitaus üblicher. Ist einmal ein Projekt schiefgegangen, versucht man hier sein Glück sofort mit einem neuen Produkt, ohne dass einem ein Makel anhaftet, wie das in Österreich oft der Fall ist. Man darf sich aber dennoch nicht vorstellen, dass in Berlin alles immer einfach für Startups abläuft: Auch hier müssen bei der Startup-Gründung Spießrutenläufe absolviert werden, von einem One-Stop-Shop ist auch in Berlin keine Rede. Attraktiv ist in Berlin aber vor allem auch die umfangreiche Förderlandschaft.

„Der Compass Report hat 2015 in seinem jährlichen Ranking zum globalen Startup-Ökosystem die Wiener Startup-Szene gar nicht erst erwähnt.“

Das Silicon Valley ist das Mekka für Gründer. Welche Faktoren sprechen diesbezüglich für Berlin und welche nicht?

Silicon Valley ist das Mekka für Gründer in den USA, Berlin das Mekka für Gründer in Deutschland.  Der Vergleich mit dem Silicon Valley hinkt dennoch – während die VC-Investments von EUR 2,1 Mrd. 2015 in Berlin ein riesiger Erfolg für eine europäische Stadt waren, waren es 2014 im Silicon Valley alleine USD 26 Mrd. Die Aktivitäten von VC-Gesellschaften/Business Angels in Berlin und Deutschland nehmen deutlich zu, ein Silicon Valley Niveau wird aber unerreichbar bleiben. In der Seed-Phase gelingt es meistens noch gut Investments in Berlin zu bekommen, substantielle Investments sind jedoch dann oft sehr schwer zu realisieren. Attraktiv ist Berlin vor allem, weil man leicht an gut ausgebildete internationale Fachkräfte herankommt, die in der Regel mit einem akzeptablen Gehalt zufrieden sind – alleine die Möglichkeit in Berlin leben zu können, zieht viele Internationals in die Stadt. Der deutsche Markt ist mit 80 Millionen Einwohnern zwar groß, im Vergleich dazu sind die USA aber natürlich viermal größer – mehr Chancen ein Global Player zu werden. Auch haben die meisten Startups in Berlin oft nur den Fokus sich auf deutschsprachige Kunden auszurichten und nicht weltweit agieren zu wollen, damit bleiben Unternehmen vielfach unter ihren Möglichkeiten.

Wie viele österreichische Startups leben und arbeiten derzeit in Berlin?

Nach offiziellen Schätzungen wird in Berlin alle 20 Stunden ein neues Startup gegründet – der Markt ist also durchgehend in Bewegung. Eine genaue Schätzung wie viele Startups aus Österreich derzeit in Berlin leben, ist daher nicht so einfach möglich. Außerdem muss man immer unterscheiden zwischen Startups, die in Österreich gegründet wurden, vorerst nur dort tätig waren und erst nach einiger Zeit nach Berlin expandiert sind sowie jenen, die von Österreichern direkt in Berlin gegründet wurden. In Österreich gegründete Startups die in Berlin leben und arbeiten, kann man an einer Hand abzählen – größer ist die Zahl von Startups, die direkt hier von Österreichern (mit-)gegründet wurden, ohne einen Konnex in die Heimat zu haben. Um ein Vielfaches höher ist aber natürlich die Zahl jener Startups, die aus Österreich heraus hier Projekte haben und ihre Dienstleistungen anbieten, ohne aber eine fixe Niederlassung zu haben. Erwähnen muss man aber auch die vielen Österreicher, die in Berlin einfach für deutsche Startups tätig sind. Auch hier versuchen wir natürlich die Österreicher zu vernetzen, denn es ist spannend zu sehen, wo Österreicher überall „ihre Finger drin haben“ – bei rund 24.000 in Berlin lebenden Österreichern auch kein Wunder! Besonders erfolgreich sind aber jedenfalls die Startups, die mit Hilfe von Inkubatoren/Acceleratoren hier umfangreiche Netzwerke geknüpft haben.

„24.000 Österreicher leben in Berlin.“

Ein österreichisches Startup versucht sein Glück in Berlin – welche Tipps haben Sie für die Gründer?

Vorab ist es sehr wichtig zu schauen, ob es für das Produkt oder die Dienstleistung einen Markt gibt. Gerne unterstützen wir dabei abzuklären, ob ein Markteinstieg überhaupt sinnvoll ist. Wenn man dann die Entscheidung getroffen hat in Berlin durchzustarten, sollte man mit seinem Produkt möglichst schnell auf den Markt kommen – es bringt in der Regel nichts ewig lang an einem Produkt zu feilen, bis es aus der eigenen Sicht perfekt ist. Vielmehr sagt einem die Rückmeldung der Kunden, ob das Produkt gut ist und sich durchsetzen wird. Außerdem ist es wirklich wichtig ein großes Netzwerk zu haben, einerseits um die richtigen Ratschläge/Feedback zum Produkt auch von anderen Gründern zu bekommen, andererseits um eine signifikante Marktdurchdringung zu erreichen. Nur wenn man im Gespräch ist, wird man wahrgenommen und erfolgreich sein. Ist man als Startup nur auf sein eigenes Produkt fokussiert, ohne seine Augen und Ohren offen zu halten, wird man Chancen verpassen. Es zahlt sich daher aus jemanden an Bord zu haben, der für die Kommunikation nach außen zuständig ist und dabei eine gewisse Umtriebigkeit an den Tag legt. Hilfreich ist dabei vor allem auch die Vernetzung mit anderen Startups, etwa im Bundesverband Deutscher Startups.

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Welche Branchen sind in Berlin gerade für Startups spannend?

Chancen sich mit neuen Innovationen und Produkten als Startup in Berlin zu etablieren, bieten sich aus unserer Sicht vor allem im Gesundheitswesen (Digital Health), im Energiebereich, der IKT, sowie bei der Kreativwirtschaft. Im Gesundheitsbereich spielt die zunehmende Überalterung eine große Rolle, Berlin ist hier im IT-Bereich einer der Vorreiter, so findet auch die conHIT, die bedeutendste Fachmesse Europas im Bereich Gesundheits-IT, in Berlin statt. Das AußenwirtschaftsCenter Berlin organisiert hier auch regelmäßig eine österreichische Gruppenbeteiligung, um die Technologien aus Österreich in diesem Bereich vorzustellen. Im Energiebereich bringt vor allem die deutsche Energiewende enorme Chancen, um die bestehenden Marktstrukturen mitneuen Geschäftsmodellen aufzubrechen. Berlin entwickelt sich aber auch immer mehr zu einer IKT-Stadt, so hat etwa die Investitionsbank Berlin einen eigenen Venture-Capital Fonds für Technologie aufgesetzt. In den letzten Jahren gab es einen Wandel in Berlin zu einem wahren Mekka der Kulturwirtschaft für junge und etablierte Kreative und da die Kreativwirtschaft eine Wachstumsbranche und ein Innovationstreiber auch für andere Branchen ist, bestehen hier noch Chancen sich zu etablieren.

Welche konkreten Leistungen können Sie österreichischen Startups in Berlin (an)bieten?

Österreichischen Startups steht natürlich die volle Leistungspalette des AußenwirtschaftsCenters Berlin offen. In der Regel müssen Firmen WKÖ-Mitglieder sein, um unsere Leistungen in Anspruch nehmen zu können – bei Gründungsinteressierten sind wir da aber nicht so streng und freuen uns, wenn wir schon in der Gründungsphase selbst unterstützen können. Im Wesentlichen bieten wir vier Hauptätigkeitsfelder für Startups an: Der wichtigste Punkt ist die Vermittlung von Geschäftspartnern, wo wir für Startups zB potenzielle Vertriebspartner, Kunden im B2B-Bereich oder Lieferanten recherchieren und selektieren. Mit unserer Unterstützung können Startups ihren Kundenkreis schnell vergrößern. Außerdem unterstützen wir Startups gerne mit Informationen über die Marktstruktur und hinsichtlich der Erfolgsaussichten Ihres Produktes oder Ihrer Dienstleistung, wobei wir gerne auch Rechtsinformationen durch unsere juristisch ausgebildeten MitarbeiterInnen geben können. Vor allem Fragen zum Steuerrecht oder zum Thema Firmengründung sind Dauerbrenner für unser Büro. Ein weiteres Angebot sind Veranstaltungen und Messen, wie etwa Zukunftsreisen oder die Messebeteiligung auf der CeBIT. Dadurch wollen wir die Vernetzung in der hiesigen Startup-Szene erleichtern. Die nächste Chance für eine Reise nach Berlin bietet sich von 30. Mai – 01. Juni 2016, wo die Junge Wirtschaft der WKÖ eine Messereise zur Metropolitan Solutions unternimmt, in deren Rahmen es auch einen Einblick ins Berliner Startup-Ökosystem geben wird. Zu guter Letzt können wir gerne mögliche Geschäftspartner auf ihre Seriosität und Bonität überprüfen, oder – wenn wirklich einmal eine Rechnung nicht bezahlt wird – unterstützen wir gerne dabei offene Forderungen einzufordern. Gerne können Startups außerdem unsere Büroflächen nutzen: Wir sind als AußenwirtschaftsCenter Berlin im Gebäude der Österreichischen Botschaft einquartiert und können hier die Räumlichkeiten benutzen. Wenn also Startups für ein Meeting in Berlin sind und keinen Besprechungsraum zur Verfügung haben, können sie gerne unsere Besprechungszimmer nutzen. Für größere Events haben wir außerdem einen Veranstaltungssaal mit bis zu 130 Sitzplätzen – ideal für Pressekonferenzen oder Product-Launches. 

Zum Abschluss noch gerne ein paar Worte zum Startup Standort Berlin – wie wird sich Berlin in Hinblick auf deutsche und internationale Startups entwickeln. Berlin 2020? Wo steht dann die Stadt?

Der Boom von Berlin als Startup-Hotspot hat natürlich auch seine negativen Seiten. Die Strahlkraft Berlins ist ungebrochen, Vielfalt und Internationalität ziehen Menschen aus aller Welt an und werden das auch 2020 noch tun. Doch die Kosten in der Stadt steigen durch den steten Zuzug immer weiter an. Natürlich sind sie im Vergleich zu anderen Städten immer noch auf niedrigem Niveau, doch weil Preise, Löhne und Gehälter nicht in gleichem Maße wie die Kosten für Arbeit und Leben nach oben gehen, wird es auch für Startups in Berlin immer schwieriger werden. Nach Sicht der Industrie- und Handelskammer Berlin könnte es vor allem in den Branchen Kultur- und Kreativwirtschaft eng werden, während es im IT-Bereich beim derzeitigen Boom bleiben wird. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass Oberbürgermeister Klaus Wowereit schon 2003 festgestellt hat, dass Berlin arm, aber sexy ist. Das hat sich auch heute nicht geändert, da die Stadt schwer verschuldet ist, während neue Fragen – wie etwa die Flüchtlingsunterbringung oder das BER-Flughafenfiasko – die Stadt weiter auf die Probe stellen werden. Dennoch wird Berlin sicher weiterhin und auch 2020 die Gründerstadt #1 in Deutschland bleiben.

Danke für das Gespräch!

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Neuron Automation
© zVg - (v.l.) Heinrich Steininger, Michael Plankensteiner und Michael Kübeck.

Wir schreiben das Jahr 2006. Irgendwo über den Wolken sitzt Michael Kübeck in einem Flugzeug. Der Private-Equity-Investor, der nach Jahrzehnten bei Philips in Wien eine eigene Firma gegründet hat, sucht nach spannenden Zielen für seine Privatinvestoren. Eine Startup-Szene, wie wir sie heute kennen, existiert in Österreich noch nicht. Im Flieger schlägt das Schicksal zu und er kommt mit einem Bekannten ins Gespräch. Der erzählt ihm von einer kleinen, hochspezialisierten Wiener Softwarefirma im Bereich der Industrieautomatisierung.

Zwei der Gründer wollen aussteigen, ein anderer – Heinrich Steininger – will weitermachen. Kübeck wird hellhörig. Er ahnt damals noch nicht, dass dieser Flug der Startschuss für eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte der österreichischen Tech-Industrie werden wird: die Evolution eines stillen Hidden Champions zum international vernetzten Unternehmen.

Die Anfänge von Neuron Automation

Die Wurzeln des 2025 auf Neuron Automation (bis vor kurzem noch als logi.cals firmierend) umbenannten Unternehmens reichen tief in die 80er Jahre hinein. Heinrich Steininger, damals Student der technischen Mathematik, programmiert nebenbei Steuerungen für Kläranlagen und Mischfutterwerke. Als 1986 die Anfrage kommt, ein Programm zu schreiben, das aus, in einem CAD-Programm gezeichneten, Funktionsplänen den Code für eine Steuerung generiert, weigert er sich im „jugendlichen Übermut“, wie er erzählt. „Das kann man schon so tun, aber ich halte das für keine gute Idee“ war seine damalige Antwort. „Wenn, dann sollte man das ordentlich machen.“ So entwickelte über den Sommer einen kompletten Editor.

Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. Ein großer Kunde wird aufmerksam, gibt Geld, und die Firma wird gegründet. Das Unternehmen (Anm.: damals noch Kirchner Soft, ab 2007 logi.cals) wächst organisch, stets nah am Kunden. Ohne Venture Capital, aus dem eigenen Cash Flow heraus, etabliert sich die Firma als Hidden Champion.

© zVg – Die drei Kirchnersoft-Gründer (v.l.): Gründer: Thomas Mayer, Heinrich Steininger und Friedrich Kirchner.

Ein Drittel aller globalen Wasserkraftwerke wird bald mit ihrer Software laufen – ebenso wie ein Großteil der Tachos und Zentralsteuergeräte in Autobussen weltweit. Ein interessantes Detail am Rande ist die Marktstellung eines führenden internationalen Anbieters von Fahrzeugelektronik. Das Unternehmen hält bei Tachos und Zentralsteuergeräten in Bussen einen Marktanteil von 80 Prozent. In der Praxis bedeutet dies: Wer in Wien mit einem Bus fährt und den Haltewunsch Knopf drückt, löst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Funktion aus, die mit dem Editor von logi.cals programmiert wurde.

„Ganz wichtig war, dass wir relativ rasch erkannt haben, dass wir das System öffnen mussten“, erinnert sich Steininger. „Uns war klar, dass wir anderen Steuerungsherstellern die technische Anbindung ihrer Steuerungen erleichtern müssen. Das war damals nicht unbedingt üblich. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir das umsetzen können, welches Framework dafür geeignet ist, und dabei einige spannende Dinge entwickelt. Das hat uns ermöglicht, über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zwar moderat, aber kontinuierlich gut zu wachsen. Und auch mehr als 20 Jahre später ist das Unternehmen nach wie vor profitabel.“

2007: Das Jahr der Weichenstellung

Mit dem Einstieg von Michael Kübecks Investorennetzwerk 2007 werden somit die Weichen auf Wachstum gestellt – doch dann schlägt 2008 die globale Finanzkrise ein. Von einem Tag auf den anderen brechen zwei Drittel des Umsatzes weg.

Zusperren ist in dieser Situation dennoch keine Option. Stattdessen nutzt das Team die Krise für einen radikalen Schnitt. Das Kernprodukt wird technologisch komplett neu aufgesetzt (Re-Engineering), erneut gestemmt durch die finanzielle Rückendeckung von Privatinvestoren, die an die Substanz der Firma glauben.

Diese Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte – getragen von Vertrauen und Beziehungspflege. Als das Unternehmen später Kredite benötigt, verzichtet man auf vage Versprechungen und legt den Banken stattdessen 15-seitige, schonungslos transparente Sanierungs- und Entwicklungspläne vor. Das Resultat: Die Banken vertrauen dem Team, die Kreditlinien fließen und Transparenz schlägt Pitch-Deck-Geschwaffel.

2016 folgt der nächste essentielle Schritt des Unternehmen: Es kommt Michael Plankensteiner als neuer CEO an Bord. Und bringt frischen Wind mit sich: Nach Stationen bei Boston Consulting Group (BCG) und als Sanierer der Industriegruppe Industrie Holding Operations suchte Plankensteiner Anfang 2016 eine neue unternehmerische Herausforderung. „Ich habe gemerkt: Nach all den Jahren Beratung und Sanierung habe ich keine Lust, dauernd als Söldner in Projekte rein- und dann wieder rauszugehen“, sagt er. Der Unternehmergeist war für ihn nicht neu: Sein Großvater führte einen Greißler-Betrieb in der Südsteiermark, zudem gründete er bereits vor seiner Zeit bei BCG gemeinsam mit Partnern das Karriereservice der Universität Wien.

Das Abhängigkeitsproblem

So tat er sich mit Steiniger und Kübeck zusammen und hatte eine strategische Antwort auf das Abhängigkeitsproblem der beiden: Fokussierung durch M&A (Mergers & Acquisitions). Der erfahrene Berater und Sanierungsexperte analysiert die Lage schonungslos: Das Unternehmen hat zwar eine technologisch brillante Basis, macht aber einen Großteil des Umsatzes mit wenigen großen Kunden. Eine gefährliche Abhängigkeit. Zudem drückt ein deutscher Mitbewerber auf den Markt, der zehnmal so groß ist.

„Das Spannende war, die logi.cals hatte zu dem Zeitpunkt fünf Kunden, mit denen sie 80 Prozent ihres Umsatzes gemacht hat – und alle fünf waren Weltmarktführer“, sagt Plankensteiner. Darunter sehr prominente Unternehmen, deren Namen jedoch ungenannt bleiben sollen. „Alle haben auf unseren Engineering-Editor geschworen. Und trotzdem hatten wir knapp über zwei Millionen Euro Umsatz und waren so am Rande der Profitabilität. Die Frage war: Wo ist eigentlich der Hebel?“

Der Grund für diese Situation lag u.a. in der damaligen Entwicklungsstruktur. Der Editor war zwar ab 2011 durch die gemeinsame Initiative von Steininger und Kübeck neu entwickelt worden, aber 2016 fehlte es an Ressourcen, um das Produkt weiter zu skalieren.

© zVg – Alter Bildschirm mit logiCAD Programmiereditor.

Eine Nische in der Nische

„Wir hatten zehn Entwickler, aber eigentlich keine Investitionen, um die Entwicklung zu pushen. Vieles ist mit den fünf Kunden passiert, dadurch ist relativ viel in die Kundenarbeit geflossen und wenig ins Produkt“, so Plankensteiner. Gleichzeitig war klar, dass ein direkter Wettbewerb mit dem größeren Konkurrenten Codesys nicht sinnvoll war. „Die waren damals ungefähr zehnmal so groß wie logi.cals und hatten rund 100 Entwickler. Hinter denen herzufahren, machte keinen Sinn. Deswegen habe ich gesagt: Wir brauchen eine Fokussierung. Wir brauchen eine Nische in der Nische, damit wir mit weniger Firepower schneller zeigen können, dass wir mehr draufhaben als der Mitbewerber.“ Diese Nische wurde folglich 2017 in Deutschland gefunden.

Die Firma ISH, 1989 gegründet von Axel Helmert, hatte sich auf auf Funktionale Sicherheit (Functional Safety) spezialisiert. Helmert war auf der Suche nach einem Nachfolger – und fand ihn in dem österreichischen Team. 2019 wurde die ISH gekauft und gilt bis heute firmenintern als ein strategisches Masterpiece: Das Engineering-Know-how der Österreicher verschmilzt mit der Safety- und TÜV-Kompetenz der Deutschen. Und so wurde das Unternehmen plötzlich Experte für „Functional Safety“.

Functional Safety

Zur Erklärung: funktionale Sicherheit ist der Teil der Automatisierung, der dafür sorgt, dass eine Maschine abschaltet, bevor Menschen oder die Umwelt zu Schaden kommen. Ein japanischer Automatisierungs-Chef formulierte es bei einem Abendessen in Siegen, Deutschland, gegenüber Investor Kübeck einst so, wie er erzählt: „Safety is a pain in the ass“, hatte jener salopp formuliert.

„Sie betrifft vielleicht nur 15 Prozent einer Anlage, frisst aber dreimal so viel Aufwand. Alles muss redundant ausgelegt sein, jeder Fehler muss vorab überlegt, dokumentiert und beherrschbar gemacht werden. Für Techniker, die Maschinen eigentlich zum Laufen bringen wollen, ist die Programmierung von Not-Aus-Szenarien und Fehlerbeherrschung extrem frustrierend und teuer. Funktionale Sicherheit sagt man immer so leicht daher. Es ist ein Feature der Automatisierung, das eigentlich jeden nervt, aber total wichtig ist, weil es überall dort gebraucht wird, wo es um Menschenleben geht“, betont Kübeck.

Ein zentrales Prinzip dabei sei Redundanz: Steuerungen werden mehrfach ausgelegt, damit Ausfälle verhindert werden. Eine Besonderheit des Marktes: Die Zertifizierung funktionaler Sicherheit erfolgt weltweit über den deutschen TÜV. „Der Japaner muss sich mit dem deutschen TÜV auseinandersetzen, der Franzose und auch der Amerikaner. Das ist für viele die Hölle.“

Vorteil durch Netzwerk

Genau hier sieht Kübeck einen Wettbewerbsvorteil von logi.cals: Mit Helmert habe das Unternehmen nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die TÜV-Prozesse und ein gewachsenes Netzwerk aufgebaut. „Er kennt dort alle , ruft an und sagt, ‚wir haben die und die Idee‘. Das ist unglaublich viel wert.“

Funktionale Sicherheit stellt technisch besondere Anforderungen an die Entwicklung. „Für einen Programmierer ist es psychologisch gar nicht so einfach, sich da hineinzudenken“, erklärt Plankensteiner. „Während klassische Automatisierung darauf abzielt, Anlagen zuverlässig am Laufen zu halten, muss funktionale Sicherheit sicherstellen, dass Systeme im Gefahrenfall kontrolliert abschalten.“

Zwei zentrale Säulen

Die beiden zentralen Säulen seien dabei Fehlervermeidung und Fehlerbeherrschung. „Bei der Fehlervermeidung geht es darum, im Entwicklungsprozess sicherzustellen, dass möglichst wenige Softwarefehler entstehen. Die Anforderungen an Entwicklung und Tests sind dadurch deutlich höher.“ Gleichzeitig müsse ein System auch dann sicher bleiben, wenn Fehler auftreten – etwa durch technische Defekte oder unerwartete Ereignisse“, so der CEO weiter.

Mit der Übernahme der ISH 2019 baute logi.cals genau diese Kompetenz weiter aus und entwickelte daraus ein breiteres Angebot. Heute verbindet das Unternehmen Dienstleistungen mit eigenen Technologien und arbeitet an einer Transformation hin zu einem stärker lizenzbasierten Geschäftsmodell. „Unser Ziel ist, funktionale Sicherheit schneller, günstiger und investitionssicherer zu machen“, so Plankensteiner. Auch KI spielt dabei eine Rolle: Mit einem neuen Ansatz will das Trio die Entwicklung sicherer Automatisierungslösungen weiter vereinfachen und hat dafür bereits ein Patent beantragt.

Man muss wissen, dass Künstliche Intelligenz in der funktionalen Sicherheit lange als unmöglich galt, da KI von Natur aus indeterministisch (also in ihren exakten Ergebnissen schwer vorhersehbar) sei. Doch dem Team ist es gelungen, einen Ansatz zu entwickeln, der KI-gestütztes Programmieren in diesen starren Zertifizierungsrahmen presst.

Das Ende der Bewegung

„Denken wir an humanoide Roboter, wie sie derzeit von großen Tech-Visionären entwickelt werden. Damit so ein Roboter einem Menschen im Alltag nicht den Arm bricht, müssen seine Gelenke über Sensorik erkennen, wenn ein Mensch zu nah kommt. Das Gelenk muss die Bewegung verlangsamen und notfalls blockieren“, sagt Plankensteiner. „Ein Kunde in der Schweiz liefert für einen namhaften Humanoiden die Automatisierung im Gelenk. Die Entwicklung der Hardware dazu, die Firmware und die funktionale Sicherheit kommen von uns“, präzisiert er.

Diese komplexe, sicherheitskritische Programmierung für das Gelenk übernimmt künftig (Anm.: ab nächsten Jahr am Markt) der „Neuro Transformer“ von Neuron Automation. Er nimmt, eigenen Angaben nach, dem Programmierer 90 Prozent der repetitiven, fehlervermeidenden Code-Arbeit ab. Der menschliche Ingenieur steige so in die Rolle des Architekten und Reviewers auf, während die KI zunehmend die Umsetzung übernimmt.

Der geplante Wandel von Neuron Auromation

Dass Technologie allein jedoch nicht reicht, das weiß das Team. Jahrzehntelang war das Unternehmen stark im Projektgeschäft tätig. Das bedeutet: 70 Prozent einmalige Dienstleistungsumsätze (Non-Recurring), 30 Prozent Lizenzen (Recurring). Der Plan bis 2030 sieht eine komplette Umkehrung vor.

Durch hardwareunabhängige Sicherheitslösungen und KI-Tools wie den „Neuro Transformer“ möchte sich das Unternehmen in ein hybrides Modell transformieren: Die Zielvorgabe lautet 70 Prozent Recurring Revenue (wiederkehrende Lizenzen) und 30 Prozent Dienstleistung. Die Projektarbeit bleibt dabei die Antenne zum Markt, um Innovationen überhaupt erst zu erkennen, während das Softwaregeschäft die Profitabilität jenseits der 20-Prozent-Marke treiben soll. So der Plan.

Die DNA des Erfolgs

Allgemein ist festzustellen, dass sich besonders ein Faktor durch die Historie von Neuron Automation zieht. Es ist eine DNA der Zusammenarbeit: Ob es der Einstieg von Kübeck war, die Übernahme von Axel Helmerts Lebenswerk oder das Halten von Schlüsselfiguren über Jahrzehnte hinweg: Alles basiert auf einem tiefen Verständnis von Beziehungen und Partnerschaften.

„Bei uns gibt es keine Schauspieler“, sagt Plankensteiner. „Wenn die Eigentümer, die Entwickler, die in St. Pölten sitzen und die Zukäufe in Deutschland nicht auf einer extrem vertrauensvollen, menschlichen Basis kommunizieren würden, wäre ein solcher Wandel unmöglich gewesen. Innovation entsteht hier oft im Joint-Development – Hand in Hand mit den Kunden, die wir nicht als reine Käufer, sondern als Entwicklungspartner sehen.“

Blick ins nächste Jahrzehnt

Heute steht Neuron Automation, bei 16 Millionen Euro Umsatz und 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Vorsprung der einst übermächtigen Konkurrenz sei drastisch geschmolzen. Durch M&A, sensibles Cash-Flow-Management, Branchenvertrauen und eine besondere KI-Lösung für funktionale Sicherheit .

„Der Wettbewerber ist – statt zehnmal – heute nur noch dreimal so groß. Und sein Vorsprung ist deutlich kleiner geworden. Wir sind technologisch aus unserer Sicht, und das bestätigen unsere Kunden (und auch die des Konkurrenten), deutlich voraus“, sagt Plankensteiner. „Wir haben nicht mehr ‚zehn Jahre Nachteil‘. Als ich 2016 zu Steiniger und Kübeck dazugestoßen bin, war er (Anm.: Der Konkurrent) seit 2006 mit seinem Engineering-Tool breit im Markt unterwegs. Jetzt hat er nur mehr ein Jahr Vorsprung. Schauen wir, was beim nächsten Sprung passiert.“

Die Pipeline von Neuron Automation sei zudem bereits gut gefüllt: Erste Kunden starten noch vor der geplanten Zertifizierung´, wie Planeksteiner mitteilt: „Der erste Schritt unserer Transformation passiert dann zwischen 2028 und 2030. In dieser Zeit wollen wir die 20-Millionen-Euro-Umsatz-Grenze deutlich überschreiten und uns auch klar über 20 Prozent Profitabilität bewegen. Mit dem zunehmenden Anteil des Lizenzgeschäfts soll dann die Marge auch weiter steigen.“

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