07.04.2016

Berlin – das Startup Mekka Europas

Nur wenige Städte der Welt haben eine solche Strahlkraft wie die deutsche Bundeshauptstadt. Neben Musik, Kunst, Lifestyle und der Kreativwirtschaft konnte sich Berlin in den vergangenen Jahren auch als der Startup Hotspot Europas etablieren. Der Brutkasten hat bei Georg Krenn, dem stellvertretenden Wirtschaftsdelegierten der Wirtschaftskammer Österreich nachgefragt, was der Standort Berlin österreichischen Startups zu bieten hat.
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(c) fotolia-JFL Photography: Berlin gilt als Startup-Hochburg.

Berlin. Die Rahmenbedingungen sind mehr als gut: Internationales Umfeld, gut ausgebildete Menschen, im Vergleich reichlich Kapital, Förderungen und der Wille Neues entstehen zu lassen. Berlin wird damit auch für österreichische Startups immer spannender. Der deutsche Markt ist der größte Europas. Diesen Trend hat auch die Außenwirtschaft Austria erkannt.

Im Gespräch mit Georg Krenn (Wirtschaftsdelegierte Stv. in Berlin) gehen wir dem Phänomen nach und stellen die Frage nach den Unterschieden zwischen Berlin und Wien.

Berlin gilt als der europäische Startup Hotspot – warum ist das eigentlich so?

Es klingt schon etwas abgedroschen, aber in der Startup-Szene Europas ist Berlin gerade „the place to be“. Im Jahr 2015 konnte die deutsche Hauptstadt erstmals die höchsten Venture Capital-Investments in Europa überhaupt anziehen: Berliner Startups erhielten 2015 in 205 Investitionsrunden gut EUR 2,1 Mrd. an Venture Capital-Investitionen – das sind 70 % des gesamten deutschen Venture-Capital-Volumens! Auf europäischer Ebene folgte abgeschlagen dahinter London mit VC-Investments von rund EUR 1,7 Mrd. Zum Vergleich: Europaweit wurden 2015 insgesamt knapp EUR 11,8 Mrd. in Jungunternehmen investiert, der Anteil von Berlin ist daher wirklich signifikant.

Verblüffend ist vor allem die Entwicklung der Stadt seit dem Mauerfall. In Berlin und Umgebung gibt es fast keine Industrie, also musste ein anderer Weg geschaffen werden, um Arbeitsplätze zu schaffen und die Stadt interessant zu machen. Das ist Berlin als Startup-Stadt exzellent gelungen. Die Startbedingungen sind günstig: Berlin weist eine hohe Lebensqualität bei vergleichsweise niedrigen Lebenshaltungskosten auf, es gibt ein lebendiges Szeneleben und das Umfeld ist international. Alles Gründe für junge Unternehmer, ihre Geschäftsidee gerade hier umzusetzen. Besondere Anziehungskraft übt die Hauptstadt auf Gründer aus der Kreativwirtschaft und der Technologiebranche aus. Während anderswo Büroflächen bereits rar sind, profitiert die Berliner Startup-Community von den vergleichsweise niedrigen Büro- und Standortkosten, der hervorragenden Infrastruktur und dem großen Angebot mehrsprachiger Fachkräfte aus aller Welt. Die durchschnittlichen Kosten sind etwa im Vergleich zu San Francisco oder London einfach um ein Vielfaches geringer, so dass es vor allem internationale Kreative immer mehr nach Berlin zieht.

„Die durchschnittlichen Kosten sind in Berlin im Vergleich zu San Francisco oder London einfach um ein Vielfaches geringer“, Georg Krenn, stv. Wirtschaftsdelegierter der Wirtschaftskammer Österreich.

Welche Unterschiede für Startups gibt es im Vergleich: Wien – Berlin?

Der Compass Report hat 2015 in seinem jährlichen Ranking zum globalen Startup-Ökosystem die Wiener Startup-Szene gar nicht erst erwähnt, während Berlin es auf Platz 9 geschafft hat – das zeigt schon einmal die signifikanten Strukturunterschiede. Ein Hauptpunkt ist vor allem die Wertigkeit für Startups: In Berlin hat man die Bedeutung von Startups für die Wirtschaft erkannt, vor allem durch große Player wie etwa Rocket Internet oder Zalando, die enorm viele Arbeitsplätze schaffen. Auch die Kultur des Scheiterns ist in Berlin weitaus üblicher. Ist einmal ein Projekt schiefgegangen, versucht man hier sein Glück sofort mit einem neuen Produkt, ohne dass einem ein Makel anhaftet, wie das in Österreich oft der Fall ist. Man darf sich aber dennoch nicht vorstellen, dass in Berlin alles immer einfach für Startups abläuft: Auch hier müssen bei der Startup-Gründung Spießrutenläufe absolviert werden, von einem One-Stop-Shop ist auch in Berlin keine Rede. Attraktiv ist in Berlin aber vor allem auch die umfangreiche Förderlandschaft.

„Der Compass Report hat 2015 in seinem jährlichen Ranking zum globalen Startup-Ökosystem die Wiener Startup-Szene gar nicht erst erwähnt.“

Das Silicon Valley ist das Mekka für Gründer. Welche Faktoren sprechen diesbezüglich für Berlin und welche nicht?

Silicon Valley ist das Mekka für Gründer in den USA, Berlin das Mekka für Gründer in Deutschland.  Der Vergleich mit dem Silicon Valley hinkt dennoch – während die VC-Investments von EUR 2,1 Mrd. 2015 in Berlin ein riesiger Erfolg für eine europäische Stadt waren, waren es 2014 im Silicon Valley alleine USD 26 Mrd. Die Aktivitäten von VC-Gesellschaften/Business Angels in Berlin und Deutschland nehmen deutlich zu, ein Silicon Valley Niveau wird aber unerreichbar bleiben. In der Seed-Phase gelingt es meistens noch gut Investments in Berlin zu bekommen, substantielle Investments sind jedoch dann oft sehr schwer zu realisieren. Attraktiv ist Berlin vor allem, weil man leicht an gut ausgebildete internationale Fachkräfte herankommt, die in der Regel mit einem akzeptablen Gehalt zufrieden sind – alleine die Möglichkeit in Berlin leben zu können, zieht viele Internationals in die Stadt. Der deutsche Markt ist mit 80 Millionen Einwohnern zwar groß, im Vergleich dazu sind die USA aber natürlich viermal größer – mehr Chancen ein Global Player zu werden. Auch haben die meisten Startups in Berlin oft nur den Fokus sich auf deutschsprachige Kunden auszurichten und nicht weltweit agieren zu wollen, damit bleiben Unternehmen vielfach unter ihren Möglichkeiten.

Wie viele österreichische Startups leben und arbeiten derzeit in Berlin?

Nach offiziellen Schätzungen wird in Berlin alle 20 Stunden ein neues Startup gegründet – der Markt ist also durchgehend in Bewegung. Eine genaue Schätzung wie viele Startups aus Österreich derzeit in Berlin leben, ist daher nicht so einfach möglich. Außerdem muss man immer unterscheiden zwischen Startups, die in Österreich gegründet wurden, vorerst nur dort tätig waren und erst nach einiger Zeit nach Berlin expandiert sind sowie jenen, die von Österreichern direkt in Berlin gegründet wurden. In Österreich gegründete Startups die in Berlin leben und arbeiten, kann man an einer Hand abzählen – größer ist die Zahl von Startups, die direkt hier von Österreichern (mit-)gegründet wurden, ohne einen Konnex in die Heimat zu haben. Um ein Vielfaches höher ist aber natürlich die Zahl jener Startups, die aus Österreich heraus hier Projekte haben und ihre Dienstleistungen anbieten, ohne aber eine fixe Niederlassung zu haben. Erwähnen muss man aber auch die vielen Österreicher, die in Berlin einfach für deutsche Startups tätig sind. Auch hier versuchen wir natürlich die Österreicher zu vernetzen, denn es ist spannend zu sehen, wo Österreicher überall „ihre Finger drin haben“ – bei rund 24.000 in Berlin lebenden Österreichern auch kein Wunder! Besonders erfolgreich sind aber jedenfalls die Startups, die mit Hilfe von Inkubatoren/Acceleratoren hier umfangreiche Netzwerke geknüpft haben.

„24.000 Österreicher leben in Berlin.“

Ein österreichisches Startup versucht sein Glück in Berlin – welche Tipps haben Sie für die Gründer?

Vorab ist es sehr wichtig zu schauen, ob es für das Produkt oder die Dienstleistung einen Markt gibt. Gerne unterstützen wir dabei abzuklären, ob ein Markteinstieg überhaupt sinnvoll ist. Wenn man dann die Entscheidung getroffen hat in Berlin durchzustarten, sollte man mit seinem Produkt möglichst schnell auf den Markt kommen – es bringt in der Regel nichts ewig lang an einem Produkt zu feilen, bis es aus der eigenen Sicht perfekt ist. Vielmehr sagt einem die Rückmeldung der Kunden, ob das Produkt gut ist und sich durchsetzen wird. Außerdem ist es wirklich wichtig ein großes Netzwerk zu haben, einerseits um die richtigen Ratschläge/Feedback zum Produkt auch von anderen Gründern zu bekommen, andererseits um eine signifikante Marktdurchdringung zu erreichen. Nur wenn man im Gespräch ist, wird man wahrgenommen und erfolgreich sein. Ist man als Startup nur auf sein eigenes Produkt fokussiert, ohne seine Augen und Ohren offen zu halten, wird man Chancen verpassen. Es zahlt sich daher aus jemanden an Bord zu haben, der für die Kommunikation nach außen zuständig ist und dabei eine gewisse Umtriebigkeit an den Tag legt. Hilfreich ist dabei vor allem auch die Vernetzung mit anderen Startups, etwa im Bundesverband Deutscher Startups.

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Welche Branchen sind in Berlin gerade für Startups spannend?

Chancen sich mit neuen Innovationen und Produkten als Startup in Berlin zu etablieren, bieten sich aus unserer Sicht vor allem im Gesundheitswesen (Digital Health), im Energiebereich, der IKT, sowie bei der Kreativwirtschaft. Im Gesundheitsbereich spielt die zunehmende Überalterung eine große Rolle, Berlin ist hier im IT-Bereich einer der Vorreiter, so findet auch die conHIT, die bedeutendste Fachmesse Europas im Bereich Gesundheits-IT, in Berlin statt. Das AußenwirtschaftsCenter Berlin organisiert hier auch regelmäßig eine österreichische Gruppenbeteiligung, um die Technologien aus Österreich in diesem Bereich vorzustellen. Im Energiebereich bringt vor allem die deutsche Energiewende enorme Chancen, um die bestehenden Marktstrukturen mitneuen Geschäftsmodellen aufzubrechen. Berlin entwickelt sich aber auch immer mehr zu einer IKT-Stadt, so hat etwa die Investitionsbank Berlin einen eigenen Venture-Capital Fonds für Technologie aufgesetzt. In den letzten Jahren gab es einen Wandel in Berlin zu einem wahren Mekka der Kulturwirtschaft für junge und etablierte Kreative und da die Kreativwirtschaft eine Wachstumsbranche und ein Innovationstreiber auch für andere Branchen ist, bestehen hier noch Chancen sich zu etablieren.

Welche konkreten Leistungen können Sie österreichischen Startups in Berlin (an)bieten?

Österreichischen Startups steht natürlich die volle Leistungspalette des AußenwirtschaftsCenters Berlin offen. In der Regel müssen Firmen WKÖ-Mitglieder sein, um unsere Leistungen in Anspruch nehmen zu können – bei Gründungsinteressierten sind wir da aber nicht so streng und freuen uns, wenn wir schon in der Gründungsphase selbst unterstützen können. Im Wesentlichen bieten wir vier Hauptätigkeitsfelder für Startups an: Der wichtigste Punkt ist die Vermittlung von Geschäftspartnern, wo wir für Startups zB potenzielle Vertriebspartner, Kunden im B2B-Bereich oder Lieferanten recherchieren und selektieren. Mit unserer Unterstützung können Startups ihren Kundenkreis schnell vergrößern. Außerdem unterstützen wir Startups gerne mit Informationen über die Marktstruktur und hinsichtlich der Erfolgsaussichten Ihres Produktes oder Ihrer Dienstleistung, wobei wir gerne auch Rechtsinformationen durch unsere juristisch ausgebildeten MitarbeiterInnen geben können. Vor allem Fragen zum Steuerrecht oder zum Thema Firmengründung sind Dauerbrenner für unser Büro. Ein weiteres Angebot sind Veranstaltungen und Messen, wie etwa Zukunftsreisen oder die Messebeteiligung auf der CeBIT. Dadurch wollen wir die Vernetzung in der hiesigen Startup-Szene erleichtern. Die nächste Chance für eine Reise nach Berlin bietet sich von 30. Mai – 01. Juni 2016, wo die Junge Wirtschaft der WKÖ eine Messereise zur Metropolitan Solutions unternimmt, in deren Rahmen es auch einen Einblick ins Berliner Startup-Ökosystem geben wird. Zu guter Letzt können wir gerne mögliche Geschäftspartner auf ihre Seriosität und Bonität überprüfen, oder – wenn wirklich einmal eine Rechnung nicht bezahlt wird – unterstützen wir gerne dabei offene Forderungen einzufordern. Gerne können Startups außerdem unsere Büroflächen nutzen: Wir sind als AußenwirtschaftsCenter Berlin im Gebäude der Österreichischen Botschaft einquartiert und können hier die Räumlichkeiten benutzen. Wenn also Startups für ein Meeting in Berlin sind und keinen Besprechungsraum zur Verfügung haben, können sie gerne unsere Besprechungszimmer nutzen. Für größere Events haben wir außerdem einen Veranstaltungssaal mit bis zu 130 Sitzplätzen – ideal für Pressekonferenzen oder Product-Launches. 

Zum Abschluss noch gerne ein paar Worte zum Startup Standort Berlin – wie wird sich Berlin in Hinblick auf deutsche und internationale Startups entwickeln. Berlin 2020? Wo steht dann die Stadt?

Der Boom von Berlin als Startup-Hotspot hat natürlich auch seine negativen Seiten. Die Strahlkraft Berlins ist ungebrochen, Vielfalt und Internationalität ziehen Menschen aus aller Welt an und werden das auch 2020 noch tun. Doch die Kosten in der Stadt steigen durch den steten Zuzug immer weiter an. Natürlich sind sie im Vergleich zu anderen Städten immer noch auf niedrigem Niveau, doch weil Preise, Löhne und Gehälter nicht in gleichem Maße wie die Kosten für Arbeit und Leben nach oben gehen, wird es auch für Startups in Berlin immer schwieriger werden. Nach Sicht der Industrie- und Handelskammer Berlin könnte es vor allem in den Branchen Kultur- und Kreativwirtschaft eng werden, während es im IT-Bereich beim derzeitigen Boom bleiben wird. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass Oberbürgermeister Klaus Wowereit schon 2003 festgestellt hat, dass Berlin arm, aber sexy ist. Das hat sich auch heute nicht geändert, da die Stadt schwer verschuldet ist, während neue Fragen – wie etwa die Flüchtlingsunterbringung oder das BER-Flughafenfiasko – die Stadt weiter auf die Probe stellen werden. Dennoch wird Berlin sicher weiterhin und auch 2020 die Gründerstadt #1 in Deutschland bleiben.

Danke für das Gespräch!

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Fedor Holz | (c) Haris Dervisevic / brutkasten
Fedor Holz | (c) Haris Dervisevic / brutkasten

Mit Anfang 20 führte er die Poker-Weltrangliste an und erspielte insgesamt Preisgelder im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Doch nach nur wenigen Jahren widmete sich Fedor Holz anderen Herausforderungen. Seine zwei Startups gründete der deutsche Wahl-Wiener in der österreichischen Hauptstadt. Als Investor stieg er bei rund 30 Startups und 20 Fonds ein. Die daraus gewonnene Expertise setzt er nun gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner Christoph Zöller im Fund of Funds „Drafted Ventures“ mit Sitz im deutschen Heidelberg um. Im Interview erzählte uns Holz mehr über seine Beweggründe und seine Strategie.


brutkasten: Du hast als Poker-Spieler internationale Bekanntheit erlangt . Vor zehn Jahren hast du dann zum ersten Mal ein Unternehmen gegründet. Wie war das damals?

Fedor Holz: Genau, da war ich sehr unerfahren. Ich war Anfang 20 und wir hatten eine ganz typische Startup-Reise. Ich habe mit dem Pokern aufgehört und meine erste Firma gegründet: Primed Mind. Das war sehr ähnlich zu Headspace [Anm. bekannte Meditations-App], die eine starke Konkurrenz waren. Wir hatten eine sehr gute Anfangs-Traction. Dann haben wir die Series A nicht bekommen, das Blatt aber noch gedreht und die Firma profitabel gemacht, bevor ich den Großteil meiner Anteile verkauft habe.

Die zweite Gründung, Pokercode, folgte 2019. Das war ein ganz anderer Hintergrund und rund um meine eigene Brand aufgebaut. Aus dem anfänglichen Masterclass-Kurs wurde ein breiteres Produkt und schließlich eine Mitgliedschaft. Kurzfristig hat uns das Umsatz gekostet, langfristig hat es das Produkt deutlich besser gemacht. Das Team führt das heute komplett eigenständig und ich bin seit zwei Jahren operativ nicht mehr involviert.

Du hast in dieser Zeit aber auch Einzel-Business-Angel-Investments in Startups gemacht, oder?

Ich habe mittlerweile wirklich viele Investments gemacht. Ich schätze es sind etwa 30 Direktinvestments und 20 Fondsinvestments über die letzten zehn Jahre.

Und nun gründest du selbst einen VC-Fonds, genauer gesagt einen Fund of Funds. Was kannst du uns dazu erzählen?

Das ist aus meiner eigenen Investmentstrategie heraus gewachsen. Als ich mit Anfang 20 sehr viel Geld beim Pokern verdiente, verspürte ich einen großen Druck, dieses Vermögen sinnvoll anzulegen. Aktien und Private Equity wirkten auf mich etwas altbacken, Venture Capital schien mir dagegen viel näher an den Gründern zu sein – in deren Rolle ich mich potenziell auch selbst sah.

Über die letzten zehn Jahre habe ich als Investor und Gründer viel gelernt. Beim Pokern ist es sehr wichtig, Vergleichswerte zu kalibrieren: Was ist gut, was ist herausragend? Genau diese Vergleichswerte fehlten mir anfangs. Erst mit der Zeit habe ich besser einschätzen können, wie ein wirklich guter Founder oder Investor aussieht. Heute liegt meine Messlatte hoch. Ich möchte viele gute potenzielle Investments sehen und nur die besten daraus auswählen.

Dabei habe ich gemerkt, dass für mich Fondsinvestments sinnvoller sind. Mit einzelnen Direktinvestments bin ich weit weg von einer statistisch relevanten Strategie. Deshalb habe ich gemeinsam mit meinem guten Freund Christoph Zöller unseren Dach-Fonds Drafted Ventures gestartet. Wir haben gerade unser First Closing mit 15 Millionen gezeichnet; das Hardcap liegt bei 25 Millionen. Wir werden jeweils rund eine Million Euro in etwa 20 der besten frühphasigen Venture-Capital-Fonds investieren. Wenn diese wiederum in je 20 Companies investieren, haben wir ein Portfolio von 400 Startups. Das bringt eine hervorragende Streuung und ermöglicht es, eine deutlich diversifiziertere VC-Allokation zu haben.

Heißt das, du wirst keine Direct Investments in Startups mehr machen?

Teilweise ja, wir schließen es nicht komplett aus. Wir machen über unseren Fonds gezielte Co-Investments in Portfolio-Companies unserer Fondsmanager. Ein Beispiel ist unsere Beteiligung an Conduct AI, die für alte SAP-Systeme einen „Explainable Layer“ mit KI bauen. Da ein uns sehr naher Fonds dort der erste Investor war, hatten wir früh tiefe Einblicke und Vertrauen auf beiden Seiten. Wir investieren hier nicht in der Pre-Seed-Phase, sondern in wachstumsstarke Firmen mit Millionenumsätzen.

Private Ausnahmen, die nicht in dieses Profil passen, mache ich weiterhin über eigene Vehikel. Das ist aber nur noch ein kleiner Teil, da mein Fokus auf dem Fonds liegt.

Wie bist du als Privatinvestor? 30 Portfolio-Companies können ja extrem viel Arbeit sein. Wie aktiv bist du da involviert?

Man muss bedenken, dass sich das über einen langen Zeitraum aufgebaut hat und manches auch schon abgeschrieben ist. Ich pflege zu zwei oder drei Gründern eine sehr enge Beziehung mit regelmäßigem Austausch. Bei den restlichen bin ich eher passiv und bringe mich nur ein, wenn konkrete Themen oder Probleme aufkommen.

Wird euer Fund of Funds in Europa oder global investieren?

Wir zielen auf 50 Prozent Europa und 50 Prozent USA ab, mit einer kleinen Allokation für spannende Märkte wie Lateinamerika, Israel oder Indien. Da wir extrem return-getrieben sind, suchen wir weltweit nach den absolut besten Early-Stage-Investoren.

Ein wichtiges Kriterium: Wir investieren nur in Fonds unter 100 Millionen Dollar Volumen. Außerdem schließen wir Fonds mit einem Investmentkomitee (IC) aus. Unsere These basiert auf der herausragenden Qualität einzelner Manager. In Komitees entsteht oft Bias; häufig setzt sich einfach die lauteste Person durch oder es werden nur „sichere“, konsensfähige Deals durchgewunken. Bridgewater analysiert nicht umsonst seine Meetings mit KI, um diesen Bias zu vermeiden. Deshalb fokussieren wir uns auf Solo-GPs oder Zweier-Teams, wo die finale Entscheidung direkt bei den Managern liegt. Strukturell bedeutet das, dass diese Fonds meistens zwischen 10 und 50 Millionen groß sind, mit wenigen größeren Ausnahmen.

Sind da viele First-Time Fund Manager dabei?

Ja, von unseren bisherigen neun Commitments sind drei First-Time Manager. Wir investieren grundsätzlich in keine Fonds, die älter als die dritte Generation sind. Über 10 bis 15 Jahre einen absoluten Top-Dealflow aufrechtzuerhalten, ist ein ziemlicher Grind. Zudem ist Venture Capital auch eine Altersfrage: Der Zugang zur jeweils nächsten Founder-Generation ist ein eigener Skill, den nicht jeder über 15 Jahre hält. 

Was ist dabei euer eigener Wettbewerbsvorteil, eure Edge?

Unsere Edge ist, dass wir einen starken Dealflow haben und oft den Aufwand betreiben, den andere scheuen. Ich kenne nicht viele europäische Investoren mit exzellenten US-Connections, weil das ständige Präsenz vor Ort erfordert. In Amerika sind die Intensität und die „Capital Velocity“ – die Geschwindigkeit, mit der sich Geld bewegt – viel höher. 

Wenn beispielsweise ein 24-Jähriger aus dem OpenAI-Umfeld einen 10-Millionen-Fonds auflegt und Top-Leute investieren, wollen wegen des Signaling-Effekts plötzlich viele andere rein. In solchen stark umkämpften Situationen geht es nur über echte Beziehungen und Schnelligkeit. Diesen extremen Wettbewerb auf der LP-Seite gibt es in Europa selten.

Gehen andere LPs das Ganze vielleicht manchmal zu unprofessionell an?

Viele Investoren machen Investments nicht in Vollzeit und investieren in vereinzelte Startups oder Fonds aus ihrem nahen Umfeld. Dementsprechend fehlt es oft an Dealqualität und Diversifikation. Wenn dann nicht ein glücklicher Treffer dabei ist, dann geht die Motivation weiter zu investieren leider oft verloren. Das ist völlig verständlich, niemand macht das nebenbei gut – genau die Lücke wollen wir schließen.

In dieser Größenordnung, wo wirklich alles am GP liegt, kann man das wahrscheinlich mit der Seed-Phase eines Startups vergleichen…

Der Vergleich passt sehr gut. Das Durchschnittsalter unserer Manager liegt zwischen 28 und 35 Jahren. Sie brauchen den Biss eines Gründers, aber eben auch schon echte Erfahrung und Kompetenz. Wir mögen Ex-Founder, die zehn Jahre operativ gearbeitet haben und jetzt zum Beispiel Biotech-Startups in Boston scouten. Aber auch ehemalige Investoren von Top-Fonds wie Sequoia, die sich selbstständig machen, passen in unser Profil.

Sind auch Leute mit Domänenexpertise, zum Beispiel ein ehemaliger Top-Manager in der Pharmaindustrie, gute Fund Manager?

Ein bestimmtes Profil garantiert noch keinen Erfolg. Das Wichtigste ist, dass der Manager einen sehr hohen Qualitätsanspruch hat, mit den Foundern connecten kann und ihre Sprache spricht. Ein Investor, der frische MIT-Absolventen sucht, braucht einen anderen Zugang als jemand, der in etablierte „Second Time Founder“ Mitte 30 investiert.

Das zeigt, dass es ein extremes „People Business“ ist…

Absolut, aber Soft Skills sind am Ende nur Multiplikatoren. Die Basis ist opportunistisches Denken und die Fähigkeit, Qualität schnell zu erkennen. Die Qualitäten eines guten Investors unterscheiden sich von denen eines guten Gründers.

Hummingbird Ventures, die über mehrere Fondsgenerationen fantastische Returns erzielen, suchen zum Beispiel ganz gezielt nach „unbequemen“, edgy Gründern, mit denen man vielleicht nicht unbedingt ein Bier trinken gehen möchte, die aber sofort zur Sache kommen. Als Investor musst du nicht unbedingt 70 Stunden arbeiten, sondern kannst in 40 fokussierten Stunden viel Wert für dein Portfolio liefern. Die einzelnen Investmententscheidungen sind ausschlaggebend. Außerdem ist es ein hartes Signaling- und Reputations-Spiel, bei dem du im Wettbewerb mit anderen Investoren die besten Deals gewinnen musst.

Beurteilst du die Fondsinvestments ausschließlich nach dem potenziellen Return, oder gibt es technologische Spezifikationen, etwa dass ihr nur in KI oder Quantencomputer investiert?

Wir investieren hauptsächlich in Frontier-Technologie-Fonds und achten dabei primär auf zwei Säulen: die Investmentfähigkeit des Managers und strukturelle Vorteile.

Erstens brauchen wir Manager, die dank eines großen Erfahrungsschatzes Qualität sofort erkennen, sich aber nicht blind in Startups verlieben, sondern gleichzeitig das Pricing im Blick behalten. Wenn du 500 Optionen siehst, macht es einen enormen Unterschied, ob du auf einer Bewertung von 15 oder 30 Millionen investierst. Zudem müssen die Manager in der Lage sein, mit wenig Zeiteinsatz großen Wert zu stiften, etwa durch hochkarätige Introductions für neue Mitarbeiter oder zu guten Funds für Follow-on-Runden.

Zweitens suchen wir immer nach strukturellen Marktvorteilen. Das kann ein geografischer Vorteil sein, wie etwa in Boston: Dort gibt es Top-Talente, aber einige der großen Tier-1-VCs haben ihren Fokus auf San Francisco gelegt, wodurch die Bewertungen im direkten Vergleich niedriger sind. Ähnliches gilt für Indien, wo exzellent ausgebildete Tech-Talente günstig zu finden sind. Bringst du so einen Founder in die USA, hast du sofort einen potenziellen Bewertungs-Uplift. Solche strukturellen asymmetrischen Vorteile wollen wir sehen – so wie Y Combinator extrem günstig an gute Assets kommt, weil ihre Finanzierungsstruktur ihnen einen riesigen Wettbewerbsvorteil bietet.

Wie macht ihr bei kleineren Fonds, die kaum Marketingbudgets haben, überhaupt das Sourcing? Wie findet ihr die global?

Marketing spielt bei uns keine relevante Rolle. Zu 70 Prozent läuft das über direkte Relationships. Die Incentives sind perfekt aligned: Wenn unsere GPs einen anderen brillanten Fondsmanager treffen, stellen sie ihn uns vor. Auf der LP-Ebene sind sie ja keine Konkurrenten. Wir bekommen durch unser Netzwerk von mehreren Dutzend Leuten so viele gute Intros, dass wir unsere Pipeline straff managen und den Großteil absagen müssen.

Ist das eine aktuelle Dynamik, dass es mehr spezialisierte kleine Fonds geben wird und nicht mehr so große Strukturen?

Zum Teil schon, aber kleine Fonds haben es aktuell auch sehr schwer beim Fundraising, weil die Qualität heute viel härter hinterfragt wird. Wer heute in Deutschland einen 100- bis 200-Millionen-Fonds für Series-A-Runden auflegt, konkurriert bei Top-Startups direkt mit amerikanischem Geld.

Da stellt sich schnell die Frage nach der echten Edge. Generalistische Fonds haben oft kein starkes Signal mehr im Markt und Investoren werden skeptisch, wenn nach zehn Jahren die Rendite ausbleibt. Venture Capital verzeiht Mittelmäßigkeit nicht: Ein durchschnittlicher Fonds liefert am Ende nur die Rendite des Aktienmarkts oder weniger, allerdings mit deutlich höherem Risiko. Nur die echten Outlier bringen die Performance, für die sich das Risiko lohnt. Genau deshalb ist Selektion alles und genau das ist unser Fokus.

Wer sind die LPs bei euch?

Ohne Namen zu nennen: Es ist ein Mix aus erfahrenen Unternehmern – Leuten, die selbst Firmen aufgebaut und verkauft haben –, Family Offices und Menschen aus unserem langjährigen Umfeld, die unsere Entwicklung von Anfang an verfolgt haben. 

Zum Abschluss: Was hast du als Ziele definiert?

Mein Ziel ist es, mittelfristig einen zweiten größeren Fonds aufzulegen. Ich möchte das aber nicht künstlich aufblähen; wir wollen die Entscheidungen so lange wie möglich zu zweit oder maximal zu dritt treffen und dafür einfach größere Tickets schreiben und uns stetig weiterentwickeln.

Für unsere Investoren wollen wir das Maximum herausholen. Wir als GPs haben 1,5 Millionen Euro eigenes Geld investiert und haben eine Hurdle Rate von 8 Prozent eingebaut. Das heißt, erst wenn unsere Investoren mehr als 8 Prozent jährliche Rendite machen, greift unsere Gewinnbeteiligung überhaupt. Mich würde selbst kein Vehikel interessieren, bei dem den Leuten nur Gebühren aus der Tasche gezogen werden. Es ist absolut leistungsorientiert: Wenn wir einen guten Fonds bauen, haben alle Spaß – wenn nicht, dann eben nicht.

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