22.01.2026
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Appointmed: Eine Dekade Bootstrapping statt klassischer Startup-Erzählung

Das Wiener Unternehmen Appointmed feiert sein zehnjähriges Jubiläum und blickt auf eine Dekade zurück, die von Absagen, unverschämten Angeboten und kontinuierlicher Profitabilität geprägt war.
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Appointmed
© Martin Steiger - Das Appointmed-Team.

Das österreichische Softwareunternehmen Appointmed von Mario Habenbacher, Christopher Supnig, Bernhard Keprt und Patrik Inzinger blickt auf zehn Jahre Unternehmensgeschichte zurück und agierte etwas anders als viele Startups der Tech-Szene. Statt Venture Capital setzte das Unternehmen von Beginn an auf Bootstrapping und organisches Wachstum. Heute ist es profitabel, wächst organisch und bedient mehr als 3.500 Kund:innen im deutschsprachigen Raum.

Appointmed als Softwarelösung gestartet

Gegründet 2016, startete Appointmed als Softwarelösung für Therapeut:innen und Gesundheitsdienstleister. Nach eigenen Angaben erzielt das Unternehmen inzwischen einen siebenstelligen Jahresumsatz, wächst um rund 35 Prozent pro Jahr – bei einem Team von acht Personen – und weist eine jährliche Churn-Rate (Anteil der Kund:innen, die pro Jahr abspringen) von einem Prozent auf.

In den ersten eineinhalb Jahren, nachdem das Startup das Licht erblickt hatte, versuchten die Gründer, externe Investoren an Bord zu holen. Gespräche mit Business Angels und Venture-Capital-Fonds führten jedoch zu keiner Finanzierung. Neben Absagen seien auch unverschämte Angebote und Empfehlungen zu einem kostenlosen Produktmodell Teil dieser Phase gewesen – ein fünfstelliger Betrag für mehr als ein Drittel des Unternehmens etwa. Schließlich entschied sich das Team bewusst gegen weitere Investorengespräche und für den vollständigen Bootstrapping-Weg.

„Später Geld verdienen“

„Ja, unverschämt trifft es gut“, sagt Gründer und CEO Patrik Inzinger. „75.000 Euro für 35 Prozent der Firma war das ‚beste‘ Angebot, obwohl wir bereits ein funktionierendes Produkt mit zahlenden Kund:innen hatten. Andere wollten, dass wir das Produkt erst mal kostenlos rausgeben und später schauen, wie wir damit ‚irgendwie‘ Geld verdienen. Das kam für uns nicht infrage. Aber viele haben uns nach initialem Interesse einfach ignoriert.“

Inzinger war davor als „Product Designer“ tätig und hat mit Startups wie Durchblicker, Codeship und Planradar gearbeitet. „Und eben auch mit vielen Unternehmen, die es trotz – oder sogar auch wegen – Investoren nicht geschafft haben“, sagt er. „Ich habe gesehen, wie Unternehmen mit Investorengeld funktionieren. Wir wollten diese Art von Firma nicht aufbauen. Kein Wachstum um jeden Preis, kein Exit-Druck, keine Quartalsziele, die nichts mit dem eigentlichen Geschäft zu tun haben. Bootstrapping war damals also nicht die große Vision, sondern die logische Konsequenz aus dem, was wir erlebt und gesehen haben.“

Siebenstellige Umsätze

Rückblickend sieht das Team diese Entscheidung als zentral für die Entwicklung des Unternehmens. Ohne externen Zeit- und Wachstumsdruck sei es möglich gewesen, Produktentscheidungen langfristig zu treffen, technische Qualität priorisiert weiterzuentwickeln und beim Teamaufbau bewusst vorzugehen.

Nach vier Jahren erreichte Appointmed die wirtschaftliche Tragfähigkeit. Seither finanziert sich das Unternehmen vollständig aus laufenden Einnahmen und macht bei acht Mitarbeiter:innen jene siebenstelligen Umsätze. Der Fokus liegt dabei auf wiederkehrenden Einnahmen, hoher Kundenbindung und einem klar abgegrenzten Produktumfang. Die niedrige Abwanderungsquote sorge zudem dafür, dass jedes neue Kundenabo tatsächliches Wachstum bedeute – ein Effekt, der sich über Jahre kumuliert habe.

„Das funktioniert, weil wir schlank geblieben sind. Kein Overhead, keine aufgeblähte Struktur und sehr viel interne Automatisierung. Wir haben nur die Leute eingestellt, die wir wirklich brauchen, nicht die, die gut auf Pitch-Decks aussehen. Der Schlüssel ist, denke ich, unsere Churn-Rate von ein Prozent jährlich. Wenn kaum jemand abspringt, ist jede/r neue Kund:in echtes Wachstum. Keine Sisyphus-Arbeit, bei der du ständig Löcher stopfst. Das ist ein simpler Compound-Effekt, der nur funktioniert, wenn du lange genug dabei bleibst und ein gutes Produkt lieferst“, erklärt Inzinger.

Appointmed auf Profitabilität getrimmt

Appointmed positioniert sich damit bewusst abseits der klassischen Startup-Erzählung – ohne schnelles Skalierungsnarrativ und ohne Exit-Fokus.

„Wir waren schon immer auf Profit getrimmt. Nicht auf Wachstum, nicht auf Bewertung, sondern auf echte Profitabilität. Das klingt banal, aber die meisten Startups ignorieren das komplett. Sie verbrennen Geld und hoffen auf die nächste Funding-Round“, betont Inzinger. „Wir haben immer gesagt: Nur ein Unternehmen, das seine Kosten im Griff hat, kann langfristig funktionieren. Wenn dir ein Euro pro Jahr übrig bleibt, kannst du das Ding theoretisch ewig fortführen. Das war unser Mindset. Das ist nicht sexy und macht keine Headlines, aber es funktioniert nachhaltig.“

Zeitverschwendung

Rückblickend würde Inzinger technisch gesehen einiges anders machen, jedoch vor allem nicht so viel Zeit in die Investorensuche investieren. Er nennt es „verschwendete Zeit“ und rät davon ab, auf Experten zu hören, die das eigene Geschäft nicht verstehen oder aus einer anderen Welt kommen.

Trotz der wirtschaftlichen Stabilität sind bei Appointmed nicht alle Herausforderungen einfacher geworden. Insbesondere der steigende Anspruch an den Kundensupport sowie die langfristige Teamdynamik innerhalb eines kleinen Unternehmens erfordern kontinuierliche Aufmerksamkeit. In einem achtköpfigen Team habe jede personelle Veränderung unmittelbare Auswirkungen, private Lebensphasen spielten dabei ebenso eine Rolle wie Motivation und Belastung – darunter Heirat, Elternschaft, Burnout oder simple Neuorientierung.

Appointmed: „Prinzipien bleiben“

„Aber ich denke, wir werden in den nächsten Jahren weiterhin unserem Weg treu bleiben. Das Produkt stetig verbessern und neue Technologien nutzen. Immer ein offenes Ohr für unsere Kunden haben“, prophezeit Inzinger. „Das Unternehmen wachsen lassen, ohne den Headcount drastisch zu erhöhen. Vielleicht sind wir aber auch in ganz neuen Bereichen aktiv. Aber die Grundprinzipien bleiben: profitabel, bootstrapped, fokussiert. Kein Rocket Ship. Einfach ein Geschäft, das noch lange wachsen kann, wenn wir das wollen.“

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Metaloop, Investment
(c) Metaloop - Die beiden Metaloop-Founder Jan Pannenbäcker (r.) und Alexander Schlick.

Es schien, eine der heimischen Scaleup-Erfolgsstorys zu werden: Vor zwei Jahren sprachen die beiden Metaloop-Founder Jan Pannenbäcker und Alexander Schlick noch von achtstelligen Umsätzen und starkem Wachstum – brutkasten berichtete. Nun gab es aber einen deutlichen Dämpfer: Der Alpenländische Kreditorenverband (AKV) vermeldet, dass die Metaloop Europe GmbH ihren laufenden Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. Vom zuständigen Landesgericht wurde ein Sanierungsverfahren eröffnet.

Metaloop: 163 Gläubiger

Die Passiva betragen laut AKV rund 11,08 Millionen Euro (163 Gläubiger) – aktuell sind zehn Mitarbeitende beschäftigt, Gehälter wurden bis inklusive Mai ausbezahlt.

„Nach einer verlustreichen Aufbauphase mit steigenden Umsätzen erreichte das Unternehmen Anfang 2026 den Break-even und arbeitet seither aufgrund einer Fokussierung auf margenstärkere Geschäfte sowie effizienterer Strukturen leicht profitabel. Die Liquidität blieb jedoch angespannt, da weitere Eigenkapitalzuführungen ausblieben. Dies führt zu erhöhtem Aufwand im Tagesgeschäft, eingeschränkter Geschäftsentwicklung und Vertrauensverlust bei Partnern“, liest man beim AKV.

Und weiter. „Trotz positiver operativer Entwicklung reichen die Mittel gemäß eigener Angaben jedoch nicht aus, um anstehende Kreditrückzahlungen zu bedienen. Mangels weiterer Finanzierung besteht daher keine positive Fortbestehensprognose. Laut der uns vorliegenden Unterlagen bewertet die Schuldnerin ihre Aktiva mit rund 10,2 Millionen Euro.“

Fortführung geplant

Das Unternehmen soll fortgeführt und über einen Sanierungsplan entschuldet werden. Dabei sollen die Insolvenzgläubiger eine Quote von 20 Prozent erhalten, die innerhalb von zwei Jahren nach Annahme des Plans ausbezahlt werden soll. Finanziert werden soll dies zunächst durch den Abbau von Lagerbeständen und das Eintreiben offener Forderungen sowie später aus den laufenden Geschäftserträgen.

Der Sanierungsplan wird vor der Abstimmung noch konkretisiert bzw. angepasst, während der Alpenländische Kreditorenverband seine Umsetzbarkeit prüft und dabei auch bewertet, ob der Zahlungsvorschlag – der nur dem gesetzlichen Minimum entspricht – noch verbessert werden kann.


Eine Anfrage an die beiden Gründer zu den Hintergründen wurde vonseiten des brutkasten gestellt.

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