31.07.2017

Was Chatbots erledigen können, während man im Urlaub ist

Ob im Marketing, im Customer Support oder in der Softwareentwicklung- das Thema Chatbots wird viel diskutiert. Im Gastbeitrag beleuchtet Botential-Mitgründer Bernd Hirschmann für den Brutkasten, welche Bereiche sich für Chatbots besonders eignen.
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Bernd Hirschmann, Co-Founder von Botential, hier ganz rechts mit dem Botential-Team, Jakob Hohenberger links.

Chatbots und künstliche, intelligente Assistenten wie Siri, Alexa und Google Assistant sind in aller Munde. In der Softwarebranche sie gerade eines der Schlagworte schlechthin. Sie liefern das entscheidende Puzzleteil in der Mensch-Maschine-Kommunikation.


Autor des Gastbeitrages ist Bernd Hirschmann. Er ist Mitgründer von Botential, einer Grazer Firma, die Chatbots entwickelt. Neben seiner Entwickler-Tätigkeit, ist er Microsoft Student Partner und Gründer der Microsoft Developer User Group Graz.


Durch Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz glauben Insider und Branchenexperten stark an die Zukunft von Chatbots. Sie sind Teil einer größeren Entwicklung in der Computertechnik, nämlich die der sogenannten conversational user interfaces, der „sprechenden Benutzeroberflächen“. Mit ihnen wird eine vollkommen andere Form der Kommunikation Einzug erhalten; Doch wo genau liegt ihr Nutzen? In welchen Bereichen sind sie besonders geeignet?

Chatbots Usecase #1: Sales und Marketing

Im Vertrieb verbirgt sich ein großes Potenzial der Chatbots. Die Nutzerfreundlichkeit im E-Commerce hat immer noch Luft nach oben. Mit wenigen Klicks oder einem Fingerabdruck ist es möglich, einen Online-Kauf verbindlich zu tätigen.
Wie es noch einfacher geht, lässt sich wunderbar an Beispielen aus dem B2C-Bereich zeigen:

Bei eBay etwa schlägt ein Bot den Nutzern auf Basis ihrer Anfrage konkrete Produkte in einem Chat-Interface vor – damit erübrigt sich die herkömmliche Produktrecherche auf der Website. Oder nehmen wir Amazons Lösung Alexa, die noch einen Schritt weitergeht: Der Bestellprozess wird dort direkt über Voice-Control eingeleitet und gesteuert – somit verschwindet sogar das Chat-Fenster. Der Nutzer sagt dem virtuellen Verkaufs-Bot, was er kaufen möchte und der Rest passiert quasi von alleine.

Chatbots im Messenger sind die Marketing-Chance schlechthin, denn Marketing-Experten ist mittlerweile bewusst, dass es einen besseren Ort als die eigene Homepage gibt, nämlich Messaging-Dienste. Der Kunde soll die Marke als Freund wahrnehmen und Chatbots agieren dabei als Vertreter der Marke.

Dem Kunden eine persönliche Erfahrung zu geben, ist eine der besten Möglichkeiten, ihn zu „begeistern“. Eine Webseite allein reicht oft nicht aus die eigene Marke persönlicher zu gestalten. Ein Chatbot dagegen bietet für die Marke einen „natürlichen“ Weg, um mit Kunden in Kontakt zu treten. Es kann den Vornamen eines Kunden bei der Adressierung nutzen, und kann er die von Ihren Kunden gesammelten Informationen nutzen, um andere Produkte zu werben, die sie interessieren könnten.

Chatbots Usecase #2: Support und Service

Supportdienste und Serviceleistungen kosten viel Zeit und Geld – das ist den meisten Unternehmen bewusst. Dazu kommen noch weitere To-dos: Geschäfte schließen, das Team verwalten, den Tagesablauf managen und verschiedene andere unternehmerische Aufgaben durchführen. Wenn es um den Service und Support geht, können Chatbots dem Menschen daher viele Aufgaben abnehmen.

Abhängig von den Arten der Produkte und Dienstleistungen, können Chatbots in ähnlicher Weise Produkte verkaufen, Supportdienste erfüllen und Kundenfragen beantworten. Sie sind 24/7 verfügbar und somit ist die Phrase „Geld verdienen, während dem Schlaf“ gar nicht so weit hergeholt. Vor allem im Service bieten Chatbots großes Potenzial, denn sie können menschliche Gesprächspartner simulieren und erhöhen Qualität und Effizienz des Supports. Wartezeiten sowie unhöfliches oder schlecht geschultes Personal gehören der Vergangenheit an. Ist die notwendige Infrastruktur erst im Unternehmen implementiert, sind Bots beliebig skalierbar und können auf das in den Datenbanken hinterlegte Know-How zugreifen und exakt beraten.

Der Kundensupport, wie die Bereitstellung einfacher Informationen oder die Beantwortung häufig gestellter Fragen (FAQs), ist ein perfektes Szenario für einen Chatbot. In der Regel stößt das Kundenbetreuungsteam immer wieder auf die gleichen Supportanfragen. Ein Chatbot kann die richtigen Antwort bereitstellen und automatisch antworten; Andernfalls wird die Aufgabe an einen Menschen weitergeleitet. Kunden stellen Fragen, die später analysiert werden können, um zu erfahren, nach welche Informationen am meisten gesucht wird.

Eingehenden Standardanfragen können schnell und automatisiert beantwortet werden, indem Chatbots eben genau mit den Endnutzern interagieren. Somit lassen sich Chatbots bestens für den Kundenservice einsetzen. Sie können als zusätzlichen Eingangskanal die Interaktion des Service Desk mit Anwendern verbessern und sorgen für reibungslose Integration ins Servicemanagement.

Über Botential: Seit Mitte 2015 beschäftigt sich das Unternehmen mit Chatbots und ist inzwischen über die Stadtgrenzen von Graz, wo Botential seinen Firmensitz hat, bekannt. Von Vorträgen auf Hochschulen über eigene Vortragsreihen und Meetups bis hin zu Beratung und der Umsetzung von Projekten in der Wirtschaft dreht sich alles um das Thema Chatbots. 

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Tina Ruseva ist Unternehmerin und Autorin und spricht am HR Inside Summit über „Soft Work“ | © Ammy Berent

Wenn KI die standardisierbare Arbeit übernimmt, bleibt für Menschen das, was die Unternehmerin und Autorin Tina Ruseva „Soft Work“ nennt. Sie spricht am HR Inside Summit, der am 14. und 15. Oktober in der Wiener Hofburg stattfindet. Im brutkasten-Interview erklärt sie vorab, warum Kontrolle als Führungsprinzip ausgedient hat und was Unternehmen jetzt verändern müssen.


brutkasten: Sie sprechen am HR Inside Summit über „Soft Work“. Was ist die Kernthese?

Tina Ruseva: Ausgangspunkt ist die Arbeitsteilung, die wir aus der Industrialisierung kennen. Arbeit hatte eine feste Beschreibung, und an der Maschine hatte es keine Bedeutung, wer die Aufgabe übernimmt. Das ist die Hard Work. Maschinen sind genau in solchen Aufgaben sehr gut und werden sie in den nächsten Jahren zum großen Teil übernehmen. In den Bürojobs von heute gibt es aber viele Aufgaben, bei denen man das Endergebnis nicht kennt: Welchen neuen Markt müssen wir erschließen? Wie antworten wir auf eine neue Krise? Diese Aufgaben sind diffuser, deswegen „soft“. Was für uns an Arbeit bleibt, können wir nur dann gut machen, wenn wir das wollen. Effektives Wirtschaften hängt heute von der intrinsischen Motivation der Beteiligten ab.

Ein gutes Beispiel ist der Customer Support. Wenn jemand nur Dienst nach Vorschrift macht und sein Skript abliest, ist diese Person ersetzbar, weil diese Arbeit bald besser von einem Automaten gemacht wird. Wir automatisieren, was wiederholbar ist, und können dann von Mensch zu Mensch klären, was diesmal besonders ist und zum ersten Mal auftritt.

Wer den Begriff hört, denkt sofort an Soft Skills. Wo liegt der Unterschied?

Wir haben Führung sehr lange etwas generisch als Soft Skill abgehakt, also als Kommunikation und persönliche Gespräche. Soft Work ist für mich ein größerer Begriff. Er beschreibt das gesamte Umfeld, in dem sich Führungskraft und Mitarbeitende befinden. Dazu habe ich ein Framework definiert: SOFT steht für Synergien, Offenheit, Fairness und Technologie. Wir müssen wiederholbare Tätigkeiten automatisieren, damit überhaupt Zeit bleibt für all das, was wir heute so gut wie nicht machen.

Wie geht eine Führungskraft vor, die sich zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigt?

Führung ist eine Frage der Komplexität, deshalb führen wir sehr selten große Teams direkt. Studien sagen, dass ab 2028 rund ein Achtel der Arbeit mit KI-Agenten erledigt wird. Wenn alle meine Mitarbeitenden ihr eigenes digitales Team haben, gibt es unendlich viel mehr Aufgaben und Abstimmungsaufwand. Hinter jedem herzugehen, alles abzuhaken und alles zu kontrollieren, wird einfach unmöglich. Vertrauen, Augenhöhe und Selbstführung sind deshalb kein Wunschdenken, sondern unsere Zukunft. Wir müssen uns jetzt überlegen, wie wir Mitarbeitende befähigen, ihre eigenen digitalen Teams zu kontrollieren. Dazu braucht es auch Technologie.

Gibt es Unternehmen, die das schon anwenden?

Das bekannteste Beispiel unter den deutschen Großkonzernen ist Bosch, weil dort die mittlere Managementebene komplett abgeschafft wird. Dadurch kommt mehr Verantwortung bei den einzelnen Mitarbeitenden an. Ein neueres Beispiel ist Stripe. Das Unternehmen hat sehr viel in KI investiert und fast das gesamte Management-Team abgebaut. Es gibt nur noch Leadership und Teams, und vor allem Ingenieur:innen sollen experimentieren können. Stripe hat in einem Podcast von a16z erzählt, dass es dadurch 200 bis 300 innovative Produkte in einem Jahr auf den Markt bringt.

Allerdings ist KI eine Art Verstärker für die Unternehmenskultur. In einer Muss-Kultur, in der wir nur auf den KPI schauen, bekomme ich durch Automatisierung nur noch schneller mehr vom Gleichen. In Will-Kulturen, in denen alle bereit sind, ihre Ideen preiszugeben und anderen zu helfen, können Automatisierung und KI zu wirklich neuen Ergebnissen führen.

Es geht also nicht mehr darum, erledigte Aufgaben zu messen, sondern die Wirkung?

Von Effizienz zu Effektivität. Heute können wir alle in zehn Sekunden einen LinkedIn-Post rausschießen. Die Anzahl der Posts war sehr lange eine gängige Marketingkennzahl. Die To-do-Liste für die Mitarbeitenden war eine Anzahl von Dingen und nicht deren Qualität. Man schreibt einen Post aber ganz anders, wenn man wirklich Wert darauf legt, dass die Nachricht durchkommt. Das ist der Unterschied zwischen KI-generierten Texten und guten Autor:innen.

Den Begriff New Work gab es schon vor dem KI-Hype. Wie hat sich die Szene verändert?

Der Begriff ist mit der Pandemie explodiert. Viele haben ihn missbraucht, einfach für moderne Führung oder für tolle Büromöbel. Als die Krise kam, wurde das Konzept vielerorts für gescheitert erklärt. Trotzdem ist für alle klar: There is no going back. Wir können nicht mehr so führen wie früher. Dienst nach Vorschrift und Kontrolle verschwenden die Ressourcen von Unternehmen, besonders in der Krise. Gleichzeitig haben wir es mit Menschen zu tun, die Angst um ihre Hypotheken, ihren Status und ihr Büro haben. Da gilt es, eine Lösung nach vorne zu finden. Ob man das Soft Work oder New Work nennt, ist nicht wichtig.

Auch bei uns arbeiten nicht alle gleich schnell mit KI. Wie schafft man Alignment in einer Organisation?

Bisher hieß Alignment: Alle bekommen ihre To-dos, und wenn die erledigt sind, gibt es Alignment. Was wir heute alignen müssen, sind aber keine Pflichtaufgaben mehr. Wofür ich KI nutze, muss ich niemandem erzählen. Ich definiere dafür vier Kriterien. Erstens müssen wir Silos in Synergien umwandeln, also Dialog möglich machen, wo keiner stattfindet. Im Onboarding heißt das, nicht nur eine fertige Checkliste bereitzustellen, sondern auch zu fragen: Was willst du in den ersten zwei Monaten lernen? Wen willst du kennenlernen? Zweitens geht es von Orthodoxie zu Offenheit, weg von „So haben wir das immer gemacht“, zum Beispiel mit einem Mitarbeiterbeirat. Drittens Fairness: Wenn ich weiß, dass ich als Frau immer weniger verdienen werde als ein Mann, kaufe ich dieses Wir irgendwann nicht mehr ab und behalte meine Ideen für mich. Das Allerwichtigste ist Technologie. Ohne sie sind all diese Veränderungen zum Scheitern verurteilt, sobald die zuständige Person andere Prioritäten hat. Technologie macht Regeln und Policies nachhaltig. Wir müssen festlegen: Mit welchem Tool werden die Gehälter erfasst? Wie sammeln wir Kompetenzen? Wie setzen wir digitales Feedback um? Das spart allen Zeit, und diese Zeit haben wir dann dafür, miteinander zu reden.

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