28.11.2025
FEAR OF THE PITCH

Angst in der Startup-Szene und wie man sie nach Daniel Cronin überwindet

Daniel Cronin hat monatelang geschrieben, gestrichen, gezweifelt – und schlussendlich gefeiert: Der Co-Founder von AustrianStartups hatte als leiser Schüler extreme Auftrittsangst. Heute ist das etwas anders: Seit 14 Jahren ist er Pitch-Coach, Speaker und Moderator. Lange Zeit sah er seine Furcht als Schwäche an und dachte, er wäre damit allein. Heute denkt er anders darüber und hat seine Erfahrung in Worte gefasst – konkret in ein Buch („Erfolgreich pitchen! Wie du Ängste hinter dir lässt und auf jeder Bühne überzeugst“). Er gibt Tipps, wie man mit diesem Gefühl umgeht und Auftritte souverän meistert.
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Cronin, Angst, Startup-Szene, Pitch, richtig pitchen, wie pitche ich richtig
© Marlon Hambruch - Daniel Cronin.

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von November 2025 “Verantwortung” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Ein rasanter Herzschlag, Schweißperlen auf der Stirn und eine drückende Regung in der Magengegend – man erinnert sich an das Gefühl vor einer Schularbeit, für die man zu wenig gelernt hat, oder durchlebt noch mal diese Minuten, bevor man aufstehen muss, um eine Bühnenpräsentation oder einen Pitch vor Dutzenden starrenden Augen zu geben. Man hofft, dass die Worte klar und verständlich den Mund verlassen und nicht haspelnd herauskommen, und fleht darum, dass man vor lauter Angstzuständen keine Hänger hat oder etwa gar nichts mehr herausbringt.

Caine oder Freeman?

Die Innovations- und Startup-Szene braucht Mut und Risikobereitschaft. Das sind die zwei Aspekte, die regelmäßig genannt werden, wenn es darum geht, den Status quo zu durchbrechen, um Neues zu schaffen.

Dem gehen aller­dings ein paar Dinge voraus: Aus einer Idee im Kopf muss ein Konzept werden; durchdacht und stimmig. Dann kommt erst das Schwierige: Man muss andere davon überzeugen, dass die eigene Vision und Vorstellung, der eigene Plan erfolgversprechend sind.

Dazu muss man vor Keyplayern, Investor:innen, Publikum oder potenziellen Partner:innen reden; idealerweise spannungsgeladen präsentieren, voller Charme und cleverem Witz, mit leuchtenden Augen und Begeisterung auslösend. Und mit einer Stimme und einer Intonation wie jenen von Schauspieler Michael Caine oder auch von Morgan Freeman, die dafür berühmt sind. Bei all diesen Voraussetzungen verwundert es nicht, dass Angst im Startup-Ökosystem ein großes (Tabu-)Thema ist.

Ein nervöser Cronin?

„Ich habe immer Auftrittsangst – bis heute“, sagt Daniel Cronin. Der Mitgründer der Startup- Plattform AustrianStartups und jahrelanger „Pitch-Professor“ hat das Spüren von Angst jahrelang als Schwäche angesehen und sich gedacht, er sei die einzige Person, die sich so fühlt, weil niemand darüber sprach. Irgendwann jedoch durchbrach er diese Schweigespirale – und traf auf ein überraschtes Umfeld: Man wunderte sich, dass ein Cronin „nervös“ sein könnte.

„Damals habe ich gemerkt, dass es allen so geht“, sagt er heute und vergleicht es mit einem Date: „Wenn es nicht kribbelt, ist es nicht die richtige Person. Und wenn es vor einem Auftritt nicht kribbelt, ist es nicht die richtige Bühne.“

Der Speaker beschäftigt sich seit rund einer Dekade mit Techniken, wie man Angst meistern kann; wie man strukturiert täglich mit Nervosität und Angst klarkommt, um richtig zu pitchen beziehungsweise vor anderen zu reden.

„Ich hätte damals gerne jemanden gehabt, dem es genauso geht, einfach um zu wissen, dass es völlig normal ist“, sagt Cronin – hatte er aber nicht. Er bewegte sich dennoch mit „tierischer Bühnenangst“ auf die Bühne. „Weil ich einfach eine Million Ideen hatte; und um sie umzusetzen, musste ich darüber reden“, bringt er auf den Punkt, warum er aus seiner Komfortzone ausbrach und ungeliebte Gefilde betrat.

20-Sekunden-Regel

Doch auch dabei gilt, Vorsicht walten zu lassen. Eine der ersten Regeln für eine Präsentation, die auch dann gelingen kann, wenn man nicht der Charmeur schlechthin ist, lautet: Man muss sich der 20-Sekunden-Regel gewahr sein. „Wenn du eine brillante Idee hast, dir aber keiner zuhört, dann wird sie nicht umgesetzt“ ist eine von Cronins Wahrheiten.

„Smart zu sein bringt gar nichts, wenn dich niemand versteht.“ Man müsse so reden, als ob man freitags um 17 Uhr Leute begeistern möchte. Das wäre das Mindset, das Gründer:innen bräuchten, wie der Pitch-Profi erklärt: „Die meisten entscheiden innerhalb der ersten 20 Sekunden, ob sie abschalten.“ Deswegen sollte man die Präsentation super- simpel gestalten, nicht komplex. „Nie hat jemals jemand gesagt, dass etwas zu einfach oder zu unterhaltsam ist.“

Pitch richtig verstehen

Pitches werden zudem allgemein – mit oder ohne Angst – oftmals falsch verstanden. Die Nervosität kann dazu verleiten, alles verbal rauszuwerfen, was man weiß, doch laut Cronin ist ein Pitch im Prinzip ein „Conversation-Starter“ – der Beginn eines Gesprächs.

„Es geht darum, dass jemand sagt: ‚Hey, was du erzählt hast, interessiert mich. Ich hätte da eine Frage …‘“, stellt er klar und präzisiert: „Ein Pitch hat zwei Säulen: Zeit und Vertrauen. Damit verdient man idealerweise eine gute Anschlussfrage, und die führt zu einem Zehn-Minuten-Gespräch, einem einstündigen Call, dann einem Tagesworkshop und so weiter – alles bis hin zu einem möglichen IPO. Vertrauen muss man sich ebenfalls Stück für Stück verdienen. Und auch hier gilt wie in einer Beziehung: Ein Vertrauensbruch zerstört alles.“

Der Fall mit Florian Gschwandtner

Cronin selbst hatte vor ein paar Jahren ein extremes Erlebnis, das ihn in Angst versetzte und den Wunsch nach Flucht auslöste. Es handelte sich um ein Pilotprogramm mit einem Fernsehsender. „Ich sollte einen Pitch im freien Fall machen“, erinnert er sich. „Also wirklich pitchen, während ich falle.“

Ihm wurde Mut zu- und vollstes Vertrauen ausgesprochen, dass er dies schaffe, obwohl er wirklich keine Höhen mochte, sich aber dachte: „How hard can it be?“ Cronin sprang somit aus einem Flugzeug und sah, wie das Fluggerät über ihm immer kleiner wurde.

Und da geschah es: „Ich bekam die krasseste Angst meines Lebens.“ Während er derart in der Luft rotierte, merkte Cronin den puren Kontrollverlust, der ihn umgab und ihn einnahm. Der Plan war eigentlich einfach: springen, pitchen und sich danach, sobald die Fallschirme geöffnet waren, dem Q&A stellen. „Doch genau da setzte der ‚Fight or Flight‘- Modus ein und ich wollte nur noch auf mein Sofa nach Hause. Aber das war das Ziel – die Methode und Techniken unter extremsten Bedingungen zu testen.”

Glücklicherweise fiel Cronin in dem Moment der Furcht eine simple Technik ein: Er begann einfach zu sprechen. “Dadurch aktivierst du ein anderes Hirnareal und du denkst nicht mehr ans Überleben, sondern aktivierst dein rationales Gehirn. Das drückt das emotionale Zentrum kurz zur Seite.”

Wenige Sekunden später war sein Fokus wieder da: „Das habe ich oft auf der Bühne: langsam atmen, langsam sprechen, darauf vertrauen, dass es in ein paar Momenten vorbei ist“, erklärt er. „Dann kommt die Aufmerksamkeit zurück. Man muss solche Dinge wissen, um sie bewusst einsetzen zu können.“

Dieser Fallschirmsprung vor ein paar Jahren war für Cronin der ultimative Test, wie er heute sagt; einer, den er nicht nur bestanden hat, sondern der eine Lektion war. Sein Sprungpartner damals war übrigens Runtastic-Founder Florian Gschwandtner, ein weiteres Schwergewicht der Startup-Szene.

Sympathikus versus Parasympathikus

„Es gibt wenige Situationen, die man sich vorstellen kann, die einen stärker unter Druck setzen. Eine klassische Angstsituation. Die Atmung macht Unglaubliches. Viele Techniken sind jedoch simpel, wenn man versteht, was der Körper macht und warum“, sagt Cronin und verweist auf den Sympathikus, einen Teil des vegetativen Nervensystems.

„In Angstsituationen ist der Sympathikus aktiv“, erklärt der Autor. „Er löst Fluchtreflexe aus, die Atmung wird flach, hoch in der Brust. Aber man kann gegensteuern, wenn man den Parasympathikus (Anm.: weitere Komponente des vegetativen Nervensystems) aktiviert. Das geht über Atemtechnik. Wenn wir uns sicher fühlen, atmen wir ruhig in den Bauch, und wir atmen doppelt so lange aus wie ein; so wie beim Einschlafen. So kann man die schlimmste Angst und Unsicherheit in den Griff bekommen.“

Im Gegensatz zu früherer Scham sieht der Pitch-Experte Angst heute als völlig normale Reaktion, die man mit Methoden überwinden kann. Wenn man jene beherrsche, könne der Körper in solchen Momenten „Peak-Performance“ abrufen, zeigt er sich überzeugt.

Doch es nur zu wollen reicht nicht aus, wenn das Gegenüber noch etwas anderes in einem wahrnimmt: Angst und Unsicherheit in der Stimme.

Der Intonations-Aspekt

Wie man aus Erfahrung weiß, ist die Art, etwas zu sagen, genauso essenziell wie der Inhalt des Gesprochenen: Stimmlage, Pausen, die Betonung und das Verständnis dafür, was man im Gegenüber auslöst, sind Werkzeuge, die man beherrschen sollte und auch erlernen kann.

„Informationen wie etwas Unliebsames schnell loszuwerden hat den gegenteiligen Effekt zum besonnenen und langsamen Sprechen“, präzisiert Cronin. „Ruhiges Reden wird als gefestigt wahrgenommen. Hektisches Sprechen dagegen, das nimmt niemand wirklich ernst“, weiß er. „Menschen brauchen Zeit; Zeit, um zu denken, um zu verarbeiten. Das ist das Entscheidende. Sprache und Haltung sollte man schlussendlich an das Publikum anpassen. Sonst prallt selbst die allerbeste Idee ab.“

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© Sulay Kelly for Mercedes-Benz Grand Prix Ltd. - Toto Wolff.

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


brutkasten: Sie haben Mercedes durch eine lange Phase großer Erfolge geführt, dann kamen schwierige Jahre. Was war Ihr wichtigstes Learning darüber, wie Organisationen nach Rückschlägen wieder in die Spur finden?

Toto Wolff: Die Formel 1 ist eine Welt der ständigen Evolution, nichts steht je still. Zum Beispiel haben die Regeländerungen 2022 schonungslos Schwächen in unseren Entwicklungsfähigkeiten und unserem Verständnis offenbart. Wir haben diese Ära klar hinter unseren Wettbewerbern gestartet und es über vier Saisonen hinweg nicht wirklich geschafft, diese Defizite auszubügeln.

Der eine oder andere Rennsieg waren die Highlights, wir haben es geschafft, zweimal in vier Jahren den zweiten Platz in der Konstrukteursmeisterschaft zu erringen; aber wir haben nie um den Titel gekämpft. Wir haben im Hintergrund größere Änderungen in unserer technischen Ausstattung, beim Personal und den Strukturen vorgenommen, um das Team stärker und wettbewerbsfähiger zu machen. Wir haben auch die Führungskultur adaptiert, weil wir das Team motivieren mussten, das begann, sich nach so vielen Jahren des Erfolgs selbst infrage zu stellen. Es war jedenfalls eine wichtige und wertvolle Phase für uns.

Sie sprechen in diesem Sinne wiederholt von einer „No Blame Culture“. Wie baut man eine Kultur auf, in der Fehler nicht versteckt oder angeprangert, sondern als Lernchance genutzt werden?

Es geht hier fast ausschließlich um psychologische Sicherheit. Niemand wird bei der Fehlersuche die Hand heben, wenn er Angst hat, gefeuert zu werden. Wir müssen aber zu unseren Fehlern stehen können. Und das fängt bei den Führungskräften an. Nur so können auch andere zu ihren Fehlern stehen. Eine „No Blame Culture“ funktioniert jedoch nur im Zusammenspiel mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein. Man braucht Teammitglieder, die Verantwortung übernehmen, auch wenn es um Fehler geht.

In der Formel 1 hat jeder Fahrer eigene Ingenieure und Mechaniker. Wie verhindert man, dass interne Konkurrenz gegen die gemeinsame Strategie arbeitet?

Das ganze Team hat das gleiche Ziel: Die Meisterschaft für Mercedes zu gewinnen. Nicht mit dem einen oder anderen Fahrer, sondern für die Marke und das Team. Alle Mitarbeiter sind gleich incentiviert: Ausschlaggebend ist der Gewinn der Konstrukteursmeisterschaft, nicht der Fahrerwertung. Das ist die Grundlage unserer Entscheidungsfindung. Auch die Ingenieure und Mechaniker, die einem der Fahrer zugeteilt sind, arbeiten zuallererst für das Team. Beide Seiten der Garage machen jeden Boxenstopp gemeinsam. Alle technischen Daten werden zwischen den Ingenieuren der Fahrer geteilt, damit wir so wettbewerbsfähig wie möglich sein können. Das Motto ist klar: Das beste Team gewinnt, der beste Fahrer gewinnt; und zwar in dieser Reihenfolge.

Viele Gründerinnen und Gründer kämpfen damit, schnell zu wachsen und dabei die Kultur zu bewahren. Lassen sich Prinzipien aus der Formel 1 auf Startups und Scaleups übertragen?

Wir haben seit dem Cost Cap 2021 starkes Wachstum in der Formel 1 gesehen. Wir mussten uns überlegen, ob wir die Geschäftsfelder erweitern wollen, wie wir es etwa mit unserem Engagement im America’s Cup beim Segeln gemacht haben. Der Headcount ist gewachsen, vor allem in den Support-Bereichen außerhalb der technischen und operationellen Hauptbereiche. Aber dann haben wir uns wieder auf unser Kerngeschäft fokussiert, mit einem klaren Ziel: die Formel-1-Weltmeisterschaft zu gewinnen. Und bei jedem neuen Projekt stellen wir uns die Frage: Bringt uns das Projekt diesem Ziel näher, hilft es uns, Rennen und Meisterschaften zu gewinnen?

Wenn die Antwort Ja ist, dann investieren wir in das Projekt; wenn nicht, dann nicht. Ich denke, es geht vor allem darum, das Hauptziel nicht aus den Augen zu verlieren, da mit dem Unternehmenswachstum viele Elemente komplexer werden. Wenn man in einem so kompetitiven Umfeld wie der Formel 1 tätig ist, dann ist das Hauptziel relativ klar. Aber jedes Startup muss sich ein Ziel geben können und dann genau wie wir darauf fokussieren.

Wie treffen Sie strategische Entscheidungen, wenn nicht alle Informationen vorliegen? Gibt es ein Erfolgsgehmeinis?

Mein Freund und Geschäftspartner Niki Lauda hat immer auf die rasche Entscheidungsfindung gepocht – es ist besser, eine mangelhafte Entscheidung jetzt zu treffen, als darauf zu warten, alle Informationen zusammengetragen zu haben, wenn es dann zu spät ist. Man kann Entwicklungen immer noch korrigieren, wenn eine Entscheidung nicht ganz richtig war. Persönlich versuche ich die Upside und Downside bei den großen Entscheidungen zu erkennen: Wenn ich mit der Downside, dem Worst Case, leben kann, dann gibt es keinen Grund, vor der Entscheidung zurückzuschrecken.

Welche Leadership-Lektion hätten Sie gerne früher gelernt?

Meine wichtigste Erfahrung ist wohl, in Konfliktsituationen neugierig zu bleiben, zu versuchen, die Perspektive der anderen Seite zu verstehen, und auch manchmal zu akzeptieren, dass man nicht einer Meinung ist oder unterschiedliche Interessen hat; ein „agree to disagree“ als Ergebnis zu akzeptieren. Bei Leadership geht es ja vor allem darum, andere Menschen zu verstehen, sich auf eine gemeinsame Linie zu einigen, sie mit etwas zu incentivieren, das für sie auch wirklich relevant ist. Nur wer motiviert ist und sich wohlfühlt, kann 100 Prozent geben. Ziele klar formulieren, Mitarbeitern Verantwortung übertragen, ihnen dabei helfen, Herausforderungen zu meistern, und Ergebnisse offen analysieren – das ist meine Arbeitsweise.

Gibt es Ihrer Ansicht nach die eine Eigenschaft, die erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer brauchen? Und welche Fähigkeiten werden durch den zunehmenden Einsatz von KI wichtiger?

Das eigene Geschäft verstehen und die Leute kennen und verstehen, mit denen man arbeitet. Ein großes Ziel verfolgen und das Auge fürs Detail, das Gleichgewicht in allen relevanten Bereichen nicht verlieren. KI wird viel in unserer Welt verändern. Aber sie wird hoffentlich vor allem ein Instrument sein, das den Menschen dabei helfen wird, bessere Entscheidungen zu treffen. Die fähigsten Leute werden das Beste aus AI herausholen, die Stärken nutzen und sich von den Gefahren und Schwächen nicht beeinträchtigen lassen. Wir stehen sicher am Anfang einer rasanten Entwicklung, deren Ergebnis kaum vorhersehbar ist.

Und im Rennsport selbst: Kann KI helfen, die Ideallinie, die optimalen Bremspunkte oder das perfekte Setup zu entschlüsseln?

Wo die richtigen Bremspunkte sind, sollten wir eigentlich schon wissen; auch, dass, wenn es regnet, ein Reifen ohne Profil nicht so toll funktioniert. Aber im Ernst: Wir müssen AI zur Entscheidungsfindung einsetzen, wo hochkomplexe Datenmodelle es verlangen. Aber AI wird in keinem Bereich eigenständig entscheiden. Sie wird immer eine Unterstützung für unsere Ingenieure bleiben; zumindest in absehbarer Zeit.

Welche Innovationen aus dem Motorsport könnten in den kommenden Jahren für andere Industrien relevant werden?

Es gibt in der Geschichte viele Beispiele für Technologietransfer, und das geht auch heute weiter. Wir als Industrie lernen gerade viel über Batteriesysteme, über Steuerungselektronik und elektrische Motoren, aber auch über nachhaltige Treibstoffe und innovative Composite-Materialien; alles wichtige Entwicklungsbereiche für die Automobil- und Transportindustrie.

Es gibt aber auch ganz andere Bereiche, die mit dem Fahrzeug an sich nichts zu tun haben. So haben wir etwa vor ein paar Jahren Pionierarbeit beim Einsatz von 5G-Technologie an der Rennstrecke geleistet. Die Formel 1 ist in ihrer Grundcharakteristik interessant für Entwicklungen unterschiedlicher Technologien, weil sie ein sehr kompetitives Umfeld mit einer enorm hohen Entwicklungsgeschwindigkeit bietet. Das ist für Innovation und Entwicklung wertvoll.

Sie sind ja an mehreren Unternehmen beteiligt. Was sind Ihre Kriterien dabei?

Nuki und Instahelp sind ja nicht mehr Startups im eigentlichen Sinn, beide sind profitabel. Nuki macht über 50 Millionen Euro Umsatz und ist Marktführer in Europa; Instahelp hat seit zwei Jahren einen zweistelligen Millionenumsatz und verdient Geld. Unsere Kriterien waren damals, als wir die beiden Firmen mit unseren Partnern in der Up to Eleven, den Brüdern Martin und Jürgen Pansy und René Berger, gegründet haben, dass wir unsere bestehende Kompetenz bei mobiler Kommunikation, die wir mit sms.at und ucp über Jahre aufgebaut hatten, für innovative Geschäftsmodelle einsetzen wollen.

Dass wir direkt in Startups investiert haben, die wir nicht selbst gegründet haben, ist ja schon lang her; das war zu Zeiten von Marchfifteen beziehungsweise ganz vereinzelt vor über 15 Jahren. Das wichtigste Kriterium war jedenfalls immer, dass die Gründer gute Leute waren, denen man vertrauen kann. Einer davon war übrigens Oliver Holle. Auch heute vertrauen wir ihm, und zwar indem wir bei Speedinvest und damit auch weiterhin indirekt in Startups investieren.

Abschließend: Wie sieht bei Ihnen eigentlich ein Sonntag aus, an dem kein Rennen stattfindet?

Meistens bin ich in Italien, an einer Kartstrecke. Da sind Susie und ich dann die größten Fans unseres jungen Sohns. Der Apfel ist nicht weit vom Stamm gefallen.


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